Samstag, Oktober 23, 2021

Jede fünfte Vater-Kind-Beziehung von Entfremdung betroffen – News vom 23. Oktober 2021

1.
Im Laufe des Lebens entfremden sich Familien oft voneinander. Eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Universität zu Köln zeigt nun, dass jede fünfte Vater-Kind-Beziehung von dieser Entfremdung betroffen ist.


Hier geht es weiter.



2.
Obwohl noch nichts nach außen dringt - bei den Koalitionsverhandlungen der Ampel-Partner wird es wohl hitzige Diskussionen über Personal-Fragen geben. Grünen-Chefin Baerbock setzt sich dafür ein, dass die Posten im Bundeskabinett künftig mindestens zur Hälfte an Frauen vergeben werden.


"Mindestens."



3. Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ist gegen das Gendersternchen. Eine Podiumsdiskussion auf der Buchmesse besetzt man deshalb am besten mit Leuten, die alle dafür sind.



4. Ein Wissenschaftspreis der American Geophysical Union wurde dieses Jahr nicht vergeben, weil es sich bei allen fünf nach einem gründlichen Ausleseprozess Nominierten um weiße Männer handelte.



5. Schüler in Texas verklagen ihren Bezirk, weil er Jungen das Tragen langer Haare verbietet.



Freitag, Oktober 22, 2021

Asterix von Amazonen erobert – News vom 22. Oktober 2021

1. Demnächst erscheint der neue Asterix-Band. Ein Auszug aus einer aktuellen Besprechung:

Überdies ist die Welt, in die die Gallier und Römer weit jenseits der Grenzen des römischen Imperiums eintauchen, sehr gelungen: Der Stamm der Sarmaten soll einer Vermischung aus Skythen und Amazonen entsprungen sein.

Das sarmatische Dorf ist fest in matriarchalischen Händen und die Rollenverteilung ist klar: Die Frauen – sie heissen Kalaschnikowa oder Casanowa – kämpfen, die Männer kümmern sich um den Haushalt und tragen Namen wie Terrine oder Honigbine. Das ist ziemlich komisch.

Der zweite Clou dieser neuen Umgebung: Asterix und Obelix können sich nur mit Mühe als Krieger durchsetzen und spielen letztlich eher Nebenrollen – die sarmatischen Amazonen stehlen ihnen klar die Show.




2. Auf Spiegel-Online äußert sich die taz-Kolumnistin Bettina Gaus zum Fall Julian Reichelt:

In die Berichterstattung über den Fall des gefeuerten "Bild"-Chefredakteurs Julian Reichelt hat sich in den vergangenen Tagen ein merkwürdig prüder Ton geschlichen. Inzwischen entsteht der Eindruck, Frauen seien stets und grundsätzlich die Opfer in Beziehungen mit männlichen Vorgesetzten – auch dann, wenn sie selbst eine solche Beziehung wünschten. Hinter einer solchen Sicht steckt ein Weltbild, in dem Frauen nicht imstande sind, selbstbestimmt die Entscheidung darüber zu treffen, mit wem sie ins Bett gehen wollen. Das ist eine besonders perfide Art der Diskriminierung, weil sie sich als Fürsorge tarnt.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen: Haben Sie, die Sie jetzt in erstaunlicher Einmütigkeit den moralischen Kammerton anschlagen, alle noch nie, niemals eine Liebschaft am Arbeitsplatz gehabt – womöglich gar, Gott behüte, mit jemanden auf einer höheren oder niedrigeren Hierarchiestufe als Sie selbst? Oder haben Sie nicht zumindest jemanden im Freundeskreis mit derartiger Vergangenheit? Wirklich nicht? Erstaunlich. Offenbar kenne ich andere Leute als Sie.


Hier geht es weiter mit dem Artikel "Die Entmündigung der Frau".



3. Große Aufregung gibt es auf Twitter und in den Leitmedien über die neue konservative Nachrichtenplattform "The Republic", unterstützt von Wolfgang Bosbach und Friedrich Merz. So heißt es dazu in der "taz":

In welche Richtung es gehen soll, daran lassen die Macher:innen kaum Zweifel. Auf der Website finden sich Texte unter Überschriften wie "Warum die Erneuerung der CDU nicht jung, weiblich und divers sein muss" oder "Nach Zapfenstreich-Eklat: Verkommenheit hat ein tolerantes, diverses und wokes Gesicht". Dann geht es gegen die Öffentlich-Rechtlichen – in dem Bild dazu sind die Augen der Moderator:innen Georg Restle und Anja Reschke von einem Balken verdeckt – und gegen "radikale Krawallmacher", zu denen "TheRepublic" auch Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung zählt, die auch abgebildet wird.


Also kurz: eine konservative "taz", die im Original ja auch kein Kind von Traurigkeit ist, wenn es gegen politisch Andersdenkende geht. Es war vorhersehbar, dass die mediale Debatte irgendwann wechselseitig eskalieren würde.

Nachdem die "taz" mein Interesse geweckt hatte, habe ich mir den Artikel "Warum die Erneuerung der CDU nicht jung, weiblich und divers sein muss", verfasst von Katharina Schwarz, allerdings einmal durchgelesen und finde ihn überhaupt nicht krawallig, sondern nüchtern argumentierend, wenn auch das Ergebnis nicht auf "taz"-Linie liegt:

Sollten wir nicht an einer ganz anderen Stelle anfangen, uns zu erneuern, als unsere zukünftige Führungsspitze schon jetzt zu personifizieren? (…) Wie jung, weiblich und divers der Parteivorstand am Ende wirklich aussieht, wird sich zeigen. Aber eins sollte in der Union nicht verloren gehen: Kompetenz über allem anderen. Wir müssen die Leistungsträger von morgen in unsere ersten Reihen stellen. Nur diejenigen, die klare Positionen vertreten und den gesellschaftlichen Diskurs prägen, können die CDU wieder an die erste Stelle setzen. Angela Merkel hat es ohne Quote geschafft. Und Quotenfrau Annalena Baerbock hat die Grünen nicht zum Wahlsieg geführt, Olaf Scholz hingegen schon.


Gelten solche Artikel heute schon als inakzeptabel rechts? Gilt das also grundsätzlich für die Auffassung, dass die CDU nicht unbedingt jung und weiblich sein müsse? Oder hätte man diese Position zurückhaltender vertreten sollen? Wenn ja: Wie?



4. Apropos Amadeu-Antonio-Stiftung: Deren Autorin Veronika Kracher attackierte mich kürzlich unter anderem, indem sie die weiblichen Leser meiner Sex-Ratgeber höhnisch bedauerte. (Der Gesamtbeitrag war beleidigend und rufmörderisch, aber man darf ihn offenbar trotzdem nicht als "Krawall" bezeichnen.) Nun hat eine weitere Leserin meinen Sex-Ratgeber "Lecken" rezensiert.

Ich ❤ diese kleinen, handlichen lebe jetzt-Ratgeber von blue panther books, besonders von meinem Lieblings-Autor Arne Hoffmann verfasst, definitiv ein Meister seines Fachs!

Hier werden auf 128 Seiten per Band inklusive Vorwort und 17 KurzKapitel Fragen & Antworten rund ums Thema Lecken gegeben ... den Abschluss bilden die verwendete Literatur sowie Zitate ...

Der pure Wahnsinn - ich konnte hier noch sooo viel Neues lernen und Entdecken, denn diese Thematik ist umfangreicher und intimer als man vlt. glauben mag :)

Ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten, perfekt und anschaulich umgesetzt!


Wenn Veronika Kracher den einen oder anderen meiner Ratgeber tatsächlich gelesen hätte, wäre sie womöglich um einiges entspannter.



5. Nach diesem kleinen Einschub geht es mit einer ernsthafteren Meldung weiter: "COVID-19 hat in den USA mindestens 65.000 mehr Männer als Frauen getötet - und schwarze Männer haben das höchste Todesrisiko".

Forscher der Brookings Institution in Washington, CDC, untersuchten die Covid-Fälle und Todesfälle zwischen Februar 2020 und August 2021.

Sie fanden heraus, dass in dem 18-monatigen Zeitraum etwa 362.000 amerikanische Männer an dem Virus gestorben sind, verglichen mit 296.000 Frauen.

Außerdem waren schwarze Männer am stärksten gefährdet: Die Sterberate war sechsmal höher als die von weißen Männern - und auch viel höher als die von schwarzen Frauen.

(...) "Da die Pandemie die Lebenserwartung amerikanischer Männer um mehr als zwei Jahre verkürzt, ist es wichtig, die mit der COVID-19-Mortalität bei Männern verbundenen Risiken zu verstehen und zu mindern", schreiben die Autoren.

Für die Gesundheitsbehörden sollte es oberste Priorität sein, das Zögern bei der Impfung zu überwinden und den Zugang zu den Impfungen zu verbessern, insbesondere bei schwarzen Männern.

"Neben der Verbesserung des Zugangs für unterversorgte Bevölkerungsgruppen benötigen wir zusätzliche Forschung zu den Maßnahmen, die wirksam gegen das Zögern vorgehen und die Nachfrage nach dem Impfstoff erhöhen können", schreiben sie.

"Insbesondere angesichts der Ausbreitung der neuen Delta-Variante müssen die Verbesserung des Zugangs und die Bekämpfung der Impfstoffzurückhaltung bei den am stärksten gefährdeten Gruppen - einschließlich Männern und insbesondere schwarzen Männern - für die politischen Entscheidungsträger hohe Priorität haben."




6. Die Post. Einer meiner dänischen Leser schreibt mir heute:

Hallo Arne,

vielleicht ist eine Meldung des Dänischen Rundfunks für Dich interessant, die heute früh auch in den Radionachrichten lief?

In Dänemark wird zurzeit diskutiert, ob auch Männer einen gesetzlichen Anspruch auf einen Platz in Gewaltschutzhäusern (krisecentre) bekommen sollen. Bisher besteht dieser nur für Frauen. Die Einrichtungen, die es bereits jetzt für Männer gibt, sind bisher nur für wohnungslose Männer bestimmt. Die Sozialministerin Astrid Krag (Sozialdemokratin) hat die Ungleichbehandlung bestätigt und versprach nun, dies ändern zu wollen. Interessant ist, dass die beiden linken Parteien in Dänemark (SF und Enhedslisten) zwar bereits im Sommer eine Initiative zur Einrichtung von Gewaltschutzeinrichtungen für Männer eingebracht hatten, eine Sprecherin der SF nun aber darauf hinweist, dass die Gewalt von Männern gegen Frauen härter wäre und aus dem Grund Männer und Frauen hier gesetzlich nicht komplett gleichgestellt werden sollten.

Der Dänische Rundfunk führt in seinem Artikel eine Statistik an, nach der 2,5 % der Erwachsenen in Dänemark von häuslicher Gewalt betroffen sind. 38.000 Frauen und 19.000 Männer seien jedes Jahr in Dänemark häuslicher Gewalt ausgesetzt.




Mittwoch, Oktober 20, 2021

Fall Julian Reichelt lässt MeToo in Deutschland aufflammen – News vom 20. Oktober 2021

1. Die Ablösung von Julian Reichelt als Chefredakteur der "Bild"-Zeitung führt gerade zu einem Aufflammen der MeToo-Debatte in Deutschland. Der Springer-Verlag hatte sich von Reichelt getrennt, nachdem bekannt geworden war, dass er Berufliches und Privates offenbar auch nach einem Compliance-Verfahren nicht getrennt hatte. Reichelt wird vorgeworfen, mit Mitarbeiterinnen geschlafen und sie danach gezielt befördert zu haben – anscheinend in mindestens einem Fall letztlich zu deren Schaden:

Reichelt habe die Praktikantin mehrfach in Hotels zum Sex getroffen. In einem Fall habe er sie in Nachrichten dazu gedrängt. Sie sagte zu, da sie ihn nicht habe verärgern wollen und sich beruflich von ihm abhängig fühlte. Die Praktikantin gab auch zu Protokoll, dass sie Reichelt zunächst für vertrauenswürdig hielt und sich in ihn verknallt hatte. Reichelt beförderte sie auf einen Posten, dem sie noch gar nicht gewachsen war. Sie war mit ihrer Position und ihrer Situation bei "Bild" überfordert, wurde krank und musste zur psychiatrischen Behandlung eine Klinik.


Auch auf Twitter trendet MeToo, wobei vage Beschuldigungen und erwiesene sexuelle Übergriffe immer wieder zusammengerührt werden. Ebenfalls auf Twitter beklagt die Springer-Mitarbeiterin Judith Sevinc Basad eine Flut von frauenfeindlichen Angriffen aus dem linken Lager.

Ihre Kollegin Anna Schneider kommentiert:

Bei all den liebenswürdigen Nachrichten an uns Frauen bei Springer denke ich mir schon, dass es mich anwidert, wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, Frauen könnten außer willfährige Opfer eigentlich gar nichts sein. Das muss dieser sogenannte Feminismus sein.


In einem weiteren Tweet merkt Schneider an:

Es überrascht vielleicht einige Moralspießer hier, aber es soll auch Frauen geben,die durchaus selbst entscheiden und wissen, mit wem sie schlafen. Man stelle sich vor, manchen geht es dabei um Macht. Das ist das böse Ding, an dem zu Unrecht der Begriff toxische Männlichkeit klebt.


Skeptisch äußert sich auch die Journalistin Birgit Kelle, die nicht für Springer tätig ist:

"Machtmissbrauch" und "Sexismus" rufen die einen. Der Konzern selbst schreibt, den Vorwurf sexueller Belästigung oder Übergriffe habe es nie gegeben, sondern nur «einvernehmliche Liebesbeziehungen», Frauen haben profitiert, weil sie wegen sachfremden Talenten befördert wurden. Das ist allerdings kein Verbrechen, sondern ehrlicher Weise in nahezu jeder Firma an der Tagesordnung.

Wie will man das auch endgültig klären? Mit Beischlaf-Verordnungen für die Belegschaft? Sex nur noch in derselben Hierarchiestufe?

Selbst Friede Springer hat als Nanny bei den Kindern ihres späteren Axel angefangen. Heute leitet sie wenig zu ihrem Nachteil den Konzern. Damals galten noch nicht die Twitter-Compliance-Regeln.

Weder der Verlag noch Reichelt bekommen bis dato mitgeteilt, was von wem gegen ihn vorgebracht wird, dafür liegen die anonymen Aussage-Protokolle beim Spiegel und der New York Times.

Das hat zumindest einen Beigeschmack.

Freunde, Weggefährten und Kollegen Reichelts werden öffentlich gedrängt, ihn fallen zu lassen, um nicht selbst angegriffen zu werden.

Selbst Konzern-Chef Matthias Döpfner wird als Präsident des Zeitungsverlegerverband angezählt. Private Korrespondenz wird ausgeplaudert.

Die Nummer ist auch ein niederträchtiges Spiel: Ein unbequemer Journalist wurde entlassen. Er scheint nicht das einzige Ziel.


Alles in allem zeichnet sich bereits jetzt eine hochgradig kontroverse, statt konstruktive Debatte ab, die frauenfeindliche ebenso wie männerfeindliche Aspekte aufweist und die daher mit einem ähnlichen Fiasko wie in den USA zu enden droht. Männliche Opfer und weibliche Täter kommen in dieser Debatte ohnehin nicht vor.



2. Die britische BBC hingegen berichtet über eine Sexualstraftäterin:

Eine Frau, die ein zweijähriges Mädchen sexuell missbraucht hat, um an Geld von Online-Pädophilen zu kommen, wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Abigail Kikke, 27, aus Alloa, verbreitete anstößige Bilder ihres Opfers und anderer Kinder, wie der High Court in Edinburgh hörte.

Die Polizei war auf Kikke aufmerksam geworden, nachdem sie ein Bild über ein soziales Netzwerk verschickt hatte.

Sie wird auf unbestimmte Zeit in das Register für Sexualstraftäter aufgenommen.

(…) Kikke hatte zugegeben, das Mädchen zwischen dem 18. und 26. März letzten Jahres in einem Haus in Cumbernauld sexuell missbraucht zu haben.

Sie bekannte sich auch schuldig, anstößige Bilder von Kindern, darunter auch von ihrem Opfer, aufgenommen, besessen und verbreitet zu haben.

Die Polizei hatte sie mit 69 unanständigen Bildern erwischt, auf denen ihr Opfer in elf Fällen zu sehen ist.


"Toxisches" Verhalten scheint tatsächlich nicht an ein bestimmtes Geschlecht gekoppelt zu sein.



3. Die folgende Meldung wäre normalerweise unter der Schwelle der Nachrichten-Relevanz von Genderama gewesen. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, sie in den heutigen Blogbeitrag aufzunehmen, weil es sich um ein Beispiel von lobenswerter Zivilcourage über die Geschlechtergrenzen hinweg handelt:

Liberty Guy war mit ihrem Mann in Wallasey zum Essen, als sie Zeuge eines "kontrollierenden" und "nötigenden" Verhaltens einer Frau wurde, die ihren Partner beschimpfte, der wie ein "völlig gebrochener Mann" aussah.

Die 34-Jährige sagte, dass sie während des gesamten Essens hörte, wie die Frau ihren Mann beschimpfte, und nach ihren eigenen Erfahrungen konnte sie nicht anders, als etwas zu sagen.

Nachdem Liberty den Mann gefragt hatte, ob es ihm gut gehe, sagte seine Partnerin zu ihr, sie solle sich "verpissen" und beschimpfte sie, "woraufhin ich sagte: Nun, das beweist mir, was für ein Mensch Sie sind, wenn Sie sich einer völlig Fremden gegenüber so verhalten."

"Während des gesamten Essens beschimpfte diese Frau ihren Mann und sagte die grausamsten und gemeinsten Dinge, die ich je von jemandem gegenüber seinem Ehepartner gehört habe."

Liberty fügte hinzu: "Ich war sehr überrascht, dass sie sich in der Öffentlichkeit so verhielt, vor den Augen der Leute, wo man sie hören konnte. Wir haben uns alle im Restaurant sehr unwohl gefühlt, weil sie sehr, sehr laut war. Sie war sehr aggressiv gegenüber dem Personal und anderen Restaurantbesuchern. Einige Leute sagten mir sogar, dass sie sich in ihrer Nähe nicht sicher fühlten, weil sie sehr angriffslustig war.

Liberty, die mit hilfsbedürftigen Menschen arbeitet, sagte, sie habe sich gezwungen gefühlt, etwas zu sagen, weil sie selbst in ihrem Leben schon einmal misshandelt worden sei.

Sie berichtet: "Ich ging zum Tisch, sprach mit ihrem Mann und sagte: 'Sie wissen doch, dass es nicht akzeptabel ist, wenn jemand so mit Ihnen spricht. Was sie tut, ist illegal und kann strafrechtlich verfolgt werden, weil es Misshandlung darstellt".

Die Frau aus Wallasey fügte hinzu: "Ich kann nicht mit gutem Gewissen zulassen, dass jemand anderes das durchmacht, was ich durchgemacht habe, ohne einzugreifen. Als diese Frau anfing, sich so zu verhalten, wie sie sich verhielt, fühlte ich mich - man nennt es jetzt 'getriggert', aber was es ist, ist, dass die eigene posstraumatische Belastung zum Vorschein kommt. Mein Herz begann sehr, sehr schnell zu schlagen. Ich bekam richtig, richtig schlimmes Herzklopfen, weil es mich an den Missbrauch erinnerte, den ich durchgemacht hatte."

Eine Therapie half Liberty, die Wunden des Missbrauchs zu heilen, und sie hofft, im nächsten September einen Masterstudiengang in klinischer Psychologie beginnen zu können, um Überlebenden von Missbrauch helfen zu können.

Sie sagte, dass sie sich nach dem Vorfall "hilflos" fühlte, obwohl sie das Verhalten der Frau in Frage gestellt hatte.

Liberty sagte: "Ich hatte das Gefühl, dass ich, obwohl ich ihr Verhalten in Frage gestellt hatte, jemanden in einer sehr verletzlichen Lage zurückgelassen hatte, und ich konnte nichts anderes tun. Wenn ich die Polizei gerufen hätte, ist das Problem, dass die Polizei nichts tun kann, es sei denn, der Mann will sagen: 'Ja, ich werde misshandelt'. Ich fühlte mich also sehr hilflos, denn außer dem, was ich zu ihm sagte und ihn über seine Rechte aufklärte und darüber, was akzeptables und nicht akzeptables Verhalten ist, konnte ich nichts tun. Ich fühlte mich schuldig, ihn bei dieser Frau zu lassen, um ehrlich zu sein."

Liberty sagte, sie wolle auf den Vorfall aufmerksam machen, weil sie möchte, dass die Menschen mehr über männliche Opfer von häuslicher Gewalt wissen. (...) "Man muss die Anzeichen dafür erkennen können. Wenn sich jemand dir gegenüber herabsetzend oder erniedrigend verhält, wenn er Dinge sagt, für die du dich schämst. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Kritik und Missbrauch, aber wenn jemand Sie ständig herabsetzt und schreckliche Dinge zu Ihnen sagt und Sie das Gefühl haben, dass Ihr Selbstwertgefühl sinkt oder Sie in seiner Gegenwart sehr depressiv werden, dann sollten Sie Hilfe suchen. Das Problem bei emotionalem Missbrauch ist, dass er so schwer zu beweisen ist, weil Worte so leicht aus unserem Mund kommen und es so leicht ist, Dinge zu anderen zu sagen. Es ist sehr leicht, die kleinen Anzeichen zu übersehen."




Dienstag, Oktober 19, 2021

Dreifach-Mutter erschießt Mann, weil er sie nicht küssen wollte – News vom 19. Oktober 2021

1. "Toxische Weiblichkeit" bleibt ein Problem:

Claudia Resendiz-Florez (28) befindet sich in Haft. Ihr wird vorgeworfen, einen Mann erschossen zu haben, weil er sie nicht küssen wollte. Das berichten übereinstimmend mehrere Medien.

Demnach war die junge Frau offenbar erst vor Kurzem mit einem befreundeten Pärchen zusammengezogen. Das Trio lebte in einem Häuschen in Rolling Meadows, einem Vorort der Millionenmetropole Chicago (US-Bundesstaat Illinois).

Am Donnerstagabend war nach Angaben der zuständigen Staatsanwaltschaft offenbar reichlich Alkohol geflossen. Im Zuge dieser Privatfeier hatte die 28-Jährige das spätere Opfer aufgefordert, sie zu küssen. Doch James Jones (†29) verweigert den Kuss, küsste stattdessen seine namentlich nicht bekannte Freundin.

Daraufhin holte Resendiz-Florez eine Waffe, welche zwischen zwei Sofakissen versteckt war. Damit zielte sie auf den 29-Jährigen. Der Anklage zufolge soll James Jones noch versucht haben, ihr den Revolver zu entreißen. Doch diese spannte den Hahn und betätigte den Abzug.


Hier geht es weiter. Viele Medien berichten nicht über diesen Fall, aber etwa die Schweizer Zeitung "20 Minuten" und Österreichs "heute", wo ebenfalls betont wird, dass die Mörderin Mutter ist. Offenbar verbinden viele Journalisten mit Mutterschaft Unschuld, weshalb eine solche Täterin besonders "skurril" erscheint, wie es in dem Artikel heißt.

(Für neue Leser: Ich glaube genauso wenig an "toxische Weiblichkeit" wie an "toxische Männlichkeit". Menschen sind Individuen, und Fehlverhalten ist nicht an ein Geschlecht geknüpft.)



2. Wir bleiben kurz bei der Bildzeitung, wo sich Judith Sevinc Basad in einem weiteren aktuellen Beitrag darüber empört, dass die Universität Rostock Menschen wieder in Rassen aufteilt – in diesem Fall, um zu zeigen, dass Migranten in Fernsehsendungen, Talkshows und Kinofilmen weniger häufig vertreten sind. Basads Artikel streift auch das Genderthema:

Die Forscher der Studie gehen davon aus, dass eine Gesellschaft erst dann von Diskriminierung befreit ist, wenn Frauen und gesellschaftliche Minderheiten – gemäß ihrem Bevölkerungsanteil in Prozent – in Serien, Talkshows und Filmen vertreten sind.

Das Problem: Diese Ideologie endet häufig in absurden Forderungen. So bemängeln die Forscher der Universität Rostock sogar, dass Frauen "auch als Leichen unterrepräsentiert" seien. Denn: Die Leichen in "deutschen fiktionalen Programmen", so heißt es dort, seien nur "zu 30 Prozent" weiblich besetzt.


Vielleicht bilden diese Programme lediglich die Wirklichkeit ab? Denn diese sieht nun mal so aus:

In überwiegendem Ausmaß sind die Opfer der Gewalt in unserer Gesellschaft nicht Frauen, sondern Männer. Die Polizeiliche Kriminalstatistik etwa verzeichnet für das Jahr 2018 etwas mehr als 611.000 männliche und etwas mehr als 414.000 weibliche Opfer. Im Bereich "Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen" finden sich fast doppelt so viel männliche wie weibliche Opfer; kaum anders sieht es im Bereich "Körperverletzung" aus.


Dieses Missverhältnis wird in der journalistischen Berichterstattung lediglich nicht ausreichend deutlich gemacht:

Dass in erster Linie Männer Opfer von Gewaltverbrechen werden, berichten Leitmedien nicht in der notwendigen Deutlichkeit. Ein Vergleich von 1.200 Schlagzeilen der bekanntesten Zeitungen Kanadas führte zu dem Ergebnis, dass Frauen 35-mal so häufig als Opfer erschienen wie Männer. Wenn überhaupt von Gewalt gegen Männer berichtet wurde, dann üblicherweise in der Form von Statistiken. Das Schicksal von Frauen hingegen wurde am persönlichen Einzelfall dargestellt. Auch die männerfreundliche Feministin Cathy Young verglich die Reaktionen auf Gewaltverbrechen verschiedener Geschlechter: Weibliche Opfer von Männern sorgten für Aufmacher in den Zeitungen, Diskussionen über Männergewalt und das Niederlegen von Kränzen mit dem Spruchband “Gott segne dich und all die anderen Frauen, die ermordet wurden”. Männliche Opfer von Frauen sind gerade eine knappe Meldung wert. "Acht von zehn Mordopfern sind Männer" stellte Spiegel-Online 2014 immerhin mit Bezug auf eine Studie der Vereinten Nationen klar.

(…) Die Opferblindheit auf der einen Seite und der Alarmismus auf der anderen bedingen einander. Eine tatsächlich geschlechtergerechte Gesellschaft müsse als erstes damit beginnen, die Häufigkeit männlicher Opfer ernst zu nehmen, um dann mit demselben Engagement nach Abhilfe zu suchen, wie es bei Frauen geschieht.




3. Die Soziologin Jutta Allmendinger und der theologe Peter Dabrock fordern in einem Offenen Brief: "Es braucht eine Frau als Bundestagspräsidentin!"



4. Auf Telepolis erläutert Florian Rötzer, wie die angebliche Bekämpfung von Desinformation zur offenen Zensur führt.



Montag, Oktober 18, 2021

Professor Hollstein: "Geht es nach Fakten, sind Männer das erschöpfte Geschlecht" – News vom 18. Oktober 2021

1. Vor zwei Wochen erschien von der Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach das Buch "Die Erschöpfung der Frauen". Anders als es bei männerpolitischen Büchern der Fall ist, machten die Leitmedien sofort Reklame dafür. "Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach erläutert, warum Frauen noch lange nicht gleichberechtigt sind" fabulierte beispielsweise die Berliner Zeitung.

Der Professor für Soziologie Walter Hollstein, Mitbegründer der "Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Männerforschung" sowie Gutachter des Europarates für Männer- und Geschlechterfragen, gelangt indies zu einer kritischen Einschätzung: Während das Buch nach dem Medienrummel offenbar erfolgreich sei ("auf der Verkaufsliste von Amazon firmiert es unter den Bestsellern"), sei dieser erfolg nicht der Substanz von Schutzbachs Forschung zu verdanken:

Schutzbach behauptet ohne Daten und Fakten, schaut man auf diese, so wären die Männer das "erschöpfte Geschlecht": Sie sterben früher, sind im gesellschaftlichen Durchschnitt kränker, bringen sich signifikant häufiger um und leiden zum Beispiel auch mehr unter Corona.

Grundsätzlicher ist der Einwand, dass es in der Gender-Debatte wenig bringt, ein Geschlecht isoliert vom anderen zu betrachten. Darauf hat im deutschsprachigen Raum die Freiburger Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrer Untersuchung "Das halbierte Leben" schon 1980 beispielhaft hingewiesen.

Zum dritten stellt Schutzbach die Frauen erneut in die Opferecke. Insofern vertritt sie eine ausgesprochen reaktionäre Form von Feminismus.


Da es aber genau solche Bücher sind, die unsere Leitmedien feiern, dürfen wir noch viel mehr von dieser Sorte erwarten. Ein Werk mit einem faktengestützten und differenzierten Blick auf das Geschlechterverhältnis hat unter diesen Umständen auf dem Buchmarkt keine Chance.



2. Skandal in der Literaturszene: Die spanische Bestsellerautorin Carmen Mola entpuppte sich jetzt als ein Autorentrio dreier Männer. Dass sich die Schriftsteller zu diesem Schritt veranlasst sahen, wundert mich nicht. Der Regensburger Juraprofessor und Richter Tonio Walter kommentiert den Streich:

Köstlich! Natürlich dienen diese Lügen dazu, die Verkaufszahlen zu erhöhen. Hätten sich drei Autorinnen ein männliches Pseudonym ausgedacht, wären alle begeistert ob der Schlauheit und empört nur, weil man offenbar allein als Mann Erfolg haben könne.




3. SPD und Grüne wollen das Bundeskabinett paritätisch mit Frauen und Männern besetzen. Die FDP indes spricht sich gegen eine Quote aus. Zuallererst müsse die fachliche Kompetenz eine Rolle spielen, denn die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, befand FDP-Vorstandsmitglied Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Der Vize-Parteivorsitzende Wolfgang Kubicki bezeichnete starre Quotenregelungen als "kontraproduktiv, weil sie Menschen auf äußere Merkmale reduzieren". Bei der Besetzung von Kabinettsposten sollte "immer die Qualifikation und die Fähigkeit, ein Ministerium zu führen, eine Hauptrolle spielen", erklärte er.

Bei dieser Einstellung wünsche ich Kubicki in einer Koalition mit der SPD und den Grünen viel Vergnügen.



4. Der aktuellste Sexismus-Aufschrei gilt dieser Bronzestatue einer Bäuerin, über die sich Politikerinnen als "Beleidigung aller Frauen" empören, weshalb sie ihre Entfernung fordern. Auch die Süddeutsche Zeitung ist pikiert über die Darstellung: "hr Blick ist sinnlich, die rechte Hand erteilt keine Befehle, sondern hält das Gewand (keine Uniform) an der Brust."

Der Bildhauer, der diese Statue anfertigte, verteidigt sich:

Er wies darauf hin, dass das Publikum keine Einwände gegen die Nacktheit von Männern, Kindern oder älteren Menschen in seinen früheren Werken hatte, und dass die Kontroverse nur deshalb entstand, "weil es sich um den Körper einer jungen Frau handelt".




5. Zur US-amerikanischen Hochschule Oberlin gehört das Baldwin Cottage, das männerfrei gehalten werden soll.

Jetzt muss dort die Heizung repariert werden.

Das Erschaudern darüber, dass dafür männliche Monteure anrücken müssen, wird zum Thema eines entsetzten Artikels in der Studentenzeitung von Oberlin:

Am 7. Oktober erhielten die Bewohner des Baldwin Cottage eine E-Mail von Josh Matos, dem Gebietskoordinator für multikulturelle und identitätsbasierte Gemeinschaften.

"Ich wende mich an Sie, um Sie über den aktuellen Stand des Heizkörperprojekts zu informieren", schrieb Matos. "Ab morgen (Freitag, 8.10.) werden die Bauarbeiter zwischen 10 und 20 Uhr in die Zimmer gehen, um die Heizkörper zu installieren. Das bedeutet, dass sie für eine gewisse Zeit in Ihrem Zimmer sein werden, um die Arbeiten abzuschließen."

Vor dieser E-Mail war ich noch nie wegen der Installation von Heizkörpern kontaktiert worden, so dass mir das Wort "Aktualisierung" sofort als unwahr auffiel. Beim Lesen der zweiten Zeile, in der mir mitgeteilt wurde, dass ich weniger als 24 Stunden Zeit hätte, um mich auf die Ankunft des Montageteams vorzubereiten, wurde ich noch beunruhigter durch das zweideutige "für eine gewisse Zeit".

Im Allgemeinen bin ich sehr abgeneigt, wenn Menschen meinen persönlichen Raum betreten. Diese Angst wurde noch durch die Tatsache verstärkt, dass es sich bei den Mitarbeitern um Fremde handeln würde, die höchstwahrscheinlich nicht-transsexuelle Männer waren.

Baldwin Cottage ist das Zuhause des Women and Trans Collective. Auf der Website des Colleges wird das Wohnheim als "eine eng verbundene Gemeinschaft beschrieben, die Frauen und Transgender-Personen einen sicheren Raum für Diskussionen, gemeinsames Leben und persönliche Entwicklung bietet". Nicht-transsexuelle Männer dürfen nicht im zweiten und dritten Stock wohnen, und viele Bewohner entscheiden sich dafür, nicht-transsexuelle Männer nicht in diesen Raum einzuladen.

Ich war wütend, verängstigt und verwirrt. Warum hat die Hochschule die Installation nicht im Sommer abgeschlossen, als das Gebäude leer stand? Warum konnte man uns nicht genau sagen, wann die Arbeiter da sein würden? Warum wurden wir erst einen Tag vor Beginn der Arbeiten benachrichtigt?

Ich erwog, mich an Matos zu wenden, aber was sollte ich sagen? Es war unwahrscheinlich, dass das Kollegium am Tag vor der geplanten Installation auf meine Bedenken eingehen würde, und wenn doch, dann höchstwahrscheinlich in einer passiven Uns-tun-die-Unannehmlichkeiten-wirklich-leid-Nummer, unterstrichen durch das Beharren darauf, dass ich nicht übermäßig belästigt werden würde und dass die Installation notwendig sei, ob ich sie nun wolle oder nicht.

Am nächsten Tag wartete ich ängstlich. Die Arbeiter begannen mit der Installation in den Gemeinschaftsräumen, und ich konnte sofort sehen, dass sie alle Männer waren. Es war klar, dass das Kollegium nicht extra darum gebeten hatte, dass männliche Arbeiter nicht in die oberen Stockwerke von Baldwin gelassen werden. Die Vorhersage, wann sie mein Zimmer erreichen würden, war reines Rätselraten. Ich versuchte zu erahnen, ob ich im Unterricht sein würde, wenn sie ankamen, oder ob ich die Fremden in meinem Zimmer willkommen heißen müsste, nur um dann hinausgeworfen zu werden, damit sie Platz zum Arbeiten hatten.

Als es schließlich hartnäckig klopfte, zog ich mir schnell meine Maske an und rief wiederholt "Ich komme! Vier oder fünf Bauarbeiter standen draußen, begleitet von jemandem, von dem ich aufgrund seines adretten Poloshirts und seines Klemmbretts nur annehmen konnte, dass er ein Abgesandter der Hochschule war. Wir starrten uns einen Moment lang an, bevor ich zur Seite ging, um die Arbeiter eintreten zu lassen. Der Abgesandte gab Plattitüden von sich, dass die Arbeit nicht lange dauern würde, und ermutigte mich, meine Tür aufzustemmen. Sanftmütig fragte ich, ob ich in meinem Schlafsaal vielleicht keinen Heizkörper installieren lassen könne. Ich wusste, dass die Antwort nein lautete, bevor ich es überhaupt gesagt hatte, aber hey - einen Versuch war es wert.

Ich ging zum Unterricht, und als ich zurückkam, schienen sie fertig zu sein, obwohl Polo Man mich warnte, dass sie später in der Woche wiederkommen würden, um die Isolierung zu überprüfen. Und tatsächlich, am nächsten Tag waren sie wieder da. Ich fühlte mich leicht vergewaltigt und war ein wenig verärgert.

(…) Ich verstehe natürlich, dass Installationen wie diese Routine sind; die Hochschule muss ihre Einrichtungen gelegentlich verbessern, und wer bin ich, dass ich mich dem in den Weg stelle? Immerhin bekomme ich einen nagelneuen Heizkörper, gerade rechtzeitig zur kalten Jahreszeit. Aber warum wurde das Projekt nicht in den vier Monaten des Sommersemesters abgeschlossen, als das Gebäude nicht belegt war? Warum wurden wir nicht früher auf das Eindringen aufmerksam gemacht? Warum hat die Hochschule keinen Zeitplan erstellt, aus dem hervorging, wann die Arbeiter voraussichtlich in jedem Wohnheim und in jedem Zimmer eintreffen würden? Sie hätten Maßnahmen ergreifen müssen, damit sich die Studenten wohl und sicher fühlen - vor allem diejenigen, die sich dafür entschieden haben, in einem speziell ausgewiesenen sicheren Raum zu wohnen.


Dass man sich an kaum einem Ort unserer Gesellschaft vollständig vor dem Kontakt mit diesen ekligen Männern schützen kann, bleibt eine der größten Zumutungen unserer Zeit.



Sonntag, Oktober 17, 2021

Gendersternchen und Quoten: Entscheider befürchten Spaltung der Belegschaft – News vom 17. Oktober 2021

1.
Entscheider finden Gendern überflüssig, zeigt eine exklusive Umfrage. Selbst in Stellenanzeigen reicht ihnen die männliche Form. Die Mehrheit sieht bei Diversity-Maßnahmen gar die Gefahr einer Spaltung der Belegschaft.


Das berichtet aktuell die "Wirtschaftswoche". In dem Artikel heißt es weiter:

In der Kommunikation innerhalb der eigenen Belegschaft halten nur sieben Prozent der deutschen Entscheider das Gendersternchen (Manager*innen) für geeignet, um alle Geschlechter anzusprechen. Das Binnen-I (ManagerInnen) befürworten nur fünf Prozent, den sogenannten Gender-Gap (Manger_innen) gerade einmal ein Prozent. Das geht aus dem WiWo-Entscheiderpanel hervor, für das die Meinungsforscher von Civey Unternehmer, die einen Betrieb mit mindestens zehn Angestellten führen, sowie Beamte und Angestellte in leitenden Positionen regelmäßig befragen. Die Stichproben von mindestens 1500 Befragten sind repräsentativ und dokumentieren die Stimmungslage dieser wirtschaftlich relevanten Gruppe.

(…) Die Zurückhaltung in Bezug auf neue Schreibweisen scheint ihre Ursache auch in der aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung zum Thema zu haben. So hält eine Mehrheit der Entscheider die Gefahr, dass konkrete Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt am Arbeitsplatz die Belegschaft spalten, für groß. Nur ein Drittel erachtet diese Gefahr als eher gering.




2. Anders sieht es in der Politik aus:

Angesichts der wenigen Frauen an der CDU-Spitze pocht Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) auf eine Quote. "Die nüchterne Realität ist: Wir schaffen es nicht ohne Quote. Auch ich kenne keine Frau, die sich jetzt für den Parteivorsitz bewerben will", sagte Prien dem "Tagesspiegel am Sonntag". Die CDU brauche künftig ein Team aus Frauen und Männern an der Spitze, die sich vertrauten.


"Die Welt" berichtet.



3. "Gendern kommt mir nicht über die Lippen" erklärt der Schauspieler Christoph-Maria Herbst.



4. Die grüne Vizebürgermeisterin Hamburgs möchte Crash-Test-Dummys gendern und wiederholt damit die Inhalte einer TV-Dokumentation, die nach ihrer Ausstrahlung als irreführend zerpflückt worden war. Der Twitter-Account GreenWatch klärt auf.



5. Dem Kinderbuchautor "Lemony Snicket" (Daniel Handler) wurde 2018 im Verlauf der MeToo-Kampagne vorgeworfen, Frauen sexuell belästigt zu haben. Jetzt äußert er sich rückblickend in einem Interview mit der Berliner Zeitung darüber: "Ich wusste, dass mir das passieren würde."



6. Der SWR berichtet über eine neue Masche von Verbrecherinnen:

In Krumbach (Kreis Günzburg) sind zwei junge Männer mit Nacktvideos erpresst worden. Die Betroffenen hatten sich deshalb an die Polizei gewandt. Beide Männer berichteten, über einen Onlinedienst Kontakt zu Frauen aufgenommen zu haben, die Interesse an ihnen bekundet hatten. Während des Kontaktes schafften es die Täterinnen dann, das Vertrauen der Männer zu gewinnen, so ein Polizeisprecher, und so an Nacktvideos zu gelangen. Dann forderten sie Geld und drohten, die Videos sonst über soziale Medien zu veröffentlichen. Die Opfer zahlten nicht. In mindestens einem Falle wurde jedoch ein Video an Kontakte eines Geschädigten aus Krumbach versandt. Die Ermittlungen in solchen Fällen seien immer schwierig, so die Polizei, da die Täter in der Regel im Ausland agierten.




Samstag, Oktober 16, 2021

Sprachwissenschaftler: "Beim Gendern wiederholt sich das Desaster der Rechtschreibreform" – News vom 16. Oktober 2021

1.
Nach 25 Jahren doktern wieder Politiker im Namen des Fortschritts an der deutschen Sprache herum. Erneut versichert man uns, es werde ja niemand dazu gezwungen, die neuen Regelungen zu übernehmen. Das war schon 1996 eine Lüge. Der Vergleich zeigt, welche fatalen Konsequenzen drohen.


Mit diesem Teaser beginnt ein Artikel des Sprachwissenschaftlers Horst Haider Munske in der "Welt". Musnke führt darin weiter aus:

Was hat das Gendern mit der Rechtschreibreform zu tun? Sind es nur die neuen Regeln mit Genderstern, Tiefstrich oder Doppelpunkt? Keineswegs. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt weitere Parallelen. Vielleicht können wir daraus lernen, was uns droht und wie wir es vermeiden können.


Munske skizziert danach zwei Parallelen beider Entwicklungen: Beide hatten eine lange Vorgeschichte und um beide gab es eine hitzige Kulturdebatte, als zahlreiche Bürger erkennten, was da gerade auf sie zukam. Die Rechtschreibreform, so Munkse, wurde gegen das Aufbegehren vieler Bürger durchgesetzt – und erwies sich danach als Reinfall:

Sie hat keins der ehrgeizigen Ziele erreicht. Zur Reparatur und künftigen Pflege wurde 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung eingerichtet. Er ist auch aufgefordert, zur Gender-Schreibung Stellung zu nehmen.

(…) Zuletzt haben linke Parteien, die SPD, die Linken und die Grünen den Genderstern programmatisch in ihrem Parteiprogramm eingesetzt. Damit wird eine dritte Parallele sichtbar, die ideologische. Schon die Rechtschreibreform wurde sozialpolitisch begründet: Man wollte das Lesen und Schreiben leichter machen, vor allem für sogenannte Wenigschreiber. Dem kleinen Mann sollte schon als Schüler der Weg zur Schreibkultur erleichtert werden. Die Rechtschreibung als Auslesekriterium bei Bewerbungen geriet ins Visier der Kritik.

(…) In der Debatte um die Berechtigung einer Rechtschreibreform hieß es immer: Das gilt nur für Schulen und Behörden. De facto konnten sich, wie wir heute wissen, die Zeitungen und Verlage dieser Vorgabe nicht entziehen. Auf dem Umweg über die abhängigen öffentlichen Einrichtungen wurde durchreformiert.

Ebendiesen Weg suchen auch die Befürworter des Genderns. Jeder, so heißt es, könnte natürlich schreiben, wie er wolle. Doch sogenannte "Empfehlungen" für Behörden, Schulen und Universitäten sind dabei, den Weg für eine generelle Umstellung des Schriftverkehrs auf Gender-Schreibungen vorzubereiten. Der Rat für deutsche Rechtschreibung soll dann prüfen, wie weit die Praxis fortgeschritten sei.

Die Zielrichtung ist offensichtlich: Der Rat soll der [Kultusministerkonferenz] schließlich ein generelles Gendern empfehlen. Damit wird eine vierte Parallele sichtbar, die der politischen Umsetzung. In dem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die [Kultusministerkonferenz] kein Verfassungsorgan ist, nur eine Koordinierungsstelle der Kultusminister. Sie umgeht mit ihren zahlreichen Fachkommissionen den Weg parlamentarischer Beratung und Beschlussfassung.

Schließlich ist das Wichtigste zu besprechen, die sachliche Parallele, das Gendern als neue Rechtschreibregel. Das Gemeinsame ist hier zugleich das, was sie trennt: Sternchen, Doppelpunkt und Tiefstrich stehen auf jeder Schreibtastatur, es sind Sonderzeichen für verschiedene Aufgaben und gehören damit im weiteren Sinne zum Zeicheninventar schriftlicher Kommunikation. Allerdings tauchen sie in den Regeln zur Wortschreibung gar nicht auf, sie sind Randphänomene des Schreibens, die nicht jeder braucht.

Ganz anders beim Gendern. Diese Zeichen werden jetzt gegen alle Regeln der normierten Rechtschreibung im Wortinneren eingesetzt als Bürger*innen, Bürger:innen oder Bürger_innen – und zwar bei allen Personenbezeichnungen. Auf diese Weise soll systematisch das generische Maskulinum, die neutrale geschlechtsunspezifische Form Bürger, ersetzt werden. Diese Zeichen sollen jetzt eine ideologische Botschaft vermitteln, die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Sprache.

Dies geschieht nicht nur mit den drei Sonderzeichen, sondern auch durch einen Trick: die Pluralendung –innen, die ja im System der deutschen Wortbildung weiblichen Personen vorbehalten ist, soll jetzt generisch, also für beide Geschlechter, verwendet werden. Stern, Doppelpunkt oder Unterstrich sind die Signale dieser grammatischen Umpolung. Diese besondere Funktion, der Verwendungszwang für alle Personenbezeichnungen und die Position der Zeichen im Wortinneren – das sind die Merkmale dieser Form des Genderns. Mit der vertrauten Rechtschreibung hat dies nichts gemein.

Die Konstruktion einer neuen generischen Form hat aber weitere einschneidende Folgen für einen zentralen Bereich der deutschen Grammatik: die Kongruenz in Numerus und Genus, welche zwischen Artikeln, Pronomen und Adjektiven und ihrem Bezugssubstantiv besteht. Dazu nur ein einfaches Beispiel. Der bekannte Satz aus der Pharmaziewerbung "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker" ist gendermäßig so umzuformen: "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihren/ihre Ärzt*in oder Apotheker*in." In Stellenanzeigen findet sich eine Flut solcher Doppelungen von Artikeln und Pronomen – eine erhebliche Verschlechterung des Lesens und Schreibens. Kritiker sehen darin eine Sprachverhunzung.

Dies ist die entscheidende Parallele zwischen Rechtschreibreform und Gendern: die sprachwidrigen Regeln. Sie sind es, die den Widerstand in der Bevölkerung erwecken. Sie sind eine Missachtung der eigenen Sprache. Die nahe Zukunft wird zeigen, ob Genderschreibung den Weg der Rechtschreibreform geht, den Weg politischer Verordnung und der Sprachverschlechterung.




2. Die Neue Zürcher Zeitung beschäftigt sich mit dem Kuckuckskind als "Urangst des Mannes".



3. Die Entscheidung von Göran Hansson, dem Vize-Vorsitzenden der Nobelpreis-Stiftung, weiterhin auf Quoten bei der Preisvergabe zu verzichten, ist auf Kritik gestoßen:

UN Women (...) kritisierte Hansson in einer Erklärung: "Leider ist die Unterrepräsentation von Frauen unter den Nobelpreisträgern im Laufe der Jahre nur ein weiterer Indikator für den langsamen Fortschritt bei der Gleichstellung der Geschlechter."

Historisch gesehen sind Frauen in den wissenschaftlichen Kategorien unterrepräsentiert. Nur 23 Frauen haben jemals einen Nobelpreis in den Bereichen Medizin, Physik und Chemie erhalten.

Im Laufe der Jahre hat die Nobel-Stiftung einige Maßnahmen ergriffen, um die Repräsentation von Wissenschaftlerinnen im Nominierungsprozess zu erhöhen. In einem Interview mit Nature aus dem Jahr 2019 erläuterte Hansson, dass das Komitee die Nominierenden gebeten hat, bei ihren Vorschlägen auf die Vielfalt von Geschlecht, Geografie und Thema zu achten. Das Komitee versuchte auch, die Zahl der weiblichen Nominierenden zu erhöhen, Nominierungen für bis zu drei verschiedene Entdeckungen vorzubringen und sogar mehrere Namen für dieselbe Auszeichnung einzureichen.


Nachdem das alles offenbar wenig gebracht hat, dürfte auch beim Nobelpreis die Quote nur noch eine Frage der Zeit sein.



4. Ein Fall von "toxischer Weiblichkeit" sorgt für Aufsehen in der britischen Politik:

Eine Abgeordnete, die gedroht hatte, die Freundin ihres Partners mit Säure zu verletzen und Nacktfotos von ihr zu veröffentlichen, wurde der Belästigung für schuldig befunden.

Die 56-jährige Abgeordnete Claudia Webbe aus Leicester East, die als Unabhängige im Unterhaus sitzt, nachdem sie von der Labour-Partei suspendiert wurde, sagte auch, dass sie Nacktfotos der 59-jährigen Michelle Merritt an ihre Familie schicken würde.

Webbe rief Frau Merritt zwischen dem 1. September 2018 und dem 26. April letzten Jahres mehrmals an.

In einem dieser Anrufe drohte sie ihr mit Säure und sagte, sie werde ihren Töchtern Nacktfotos und -videos schicken, wie das Westminster Magistrates' Court erfuhr.

In einem anderen Anruf, der von der Beschwerdeführerin aufgezeichnet wurde, ist zu hören, wie Webbe dem Opfer etwa 11 Mal sagt, es solle "aus meiner Beziehung verschwinden".

Staatsanwältin Susannah Stevens sagte, Webbe habe Frau Merritt belästigt, weil sie eifersüchtig auf ihre Freundschaft mit Herrn Thomas war, einem Berater bei Crossrail, Fußballtrainer und Scout für Chelsea.

Webbe aus Islington im Norden Londons bestritt die Belästigung und behauptete, sie habe lediglich "Höflichkeitsanrufe" getätigt, um Frau Merritt davor zu warnen, durch ein Treffen mit Herrn Thomas gegen die Coronavirus-Vorschriften zu verstoßen.

(...) Doch der Oberste Richter Paul Goldspring befand sie am Mittwoch nach einem zweitägigen Prozess für schuldig.




Freitag, Oktober 15, 2021

Forum Soziale Inklusion zwingt Familienministerium, geheim gehaltenes Gutachten zu veröffentlichen

Warum wird in letzter Zeit eigentlich so maßlos gegen das Forum Soziale Inklusion (FSI) gefeuert? Weil diese NGO Ergebnisse liefert.

Der aktuellste Fall: Das Bundesfamilienministerium stellt sich seit beträchtlicher Zeit quer, wenn es um die gemeinsame und gleichberechtigte Betreuung von Kindern durch beide Eltern nach deren Trennung geht (das sogenannte Wechselmodell). Dass der eigene wissenschaftliche Beirat genau diese Regelung für verträglicher und im Sinne der Kinder besser erachtete, war für die SPD-Ministerinnen Giffey und Lambrecht schwierig. Sie ließen das entsprechende Gutachten verschwinden, das ihre in den letzten Jahren gefahrene Politik in weiten Teilen als schädlich offenbarte. Gleichberechtigung ist für die beiden Ministerinnen offenbar nur dann wertvoll, wenn sie zugunsten von Frauen stattfindet – und keineswegs zugunsten von Männern.

Jetzt konnte das FSI das Mnisterium zwingen, das unter Verschluss gehaltene Gutachten zu veröffentlichen. Darüber informiert eine gestern online gestellte Pressemiteilung:



Der wissenschaftliche Beirat des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ) präsentierte im März 2021 sein Gutachten "Gemeinsam getrennt Erziehen" und dokumentierte darin den überfälligen Reformbedarf im bundesdeutschen Familienrecht. "Seit Jahren werden die notwendigen Reformen im Familienrecht systematisch verhindert. Es wird spannend, wie konsequent nun die neue Regierungskoalition die Empfehlungen umsetzen wird", mahnt Gerd Riedmeier, Vorsitzender des Vereins Forum Soziale Inklusion (FSI) an.

Die beiden letzten Familienministerinnen, Franziska Giffey und Christine Lambrecht (beide SPD), verweigerten die Veröffentlichung des Gutachtens und fuhren eine Verhinderungs- und Verzögerungspolitik. Erst aufgrund der Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz eines engagierten Mitglieds des Vereins sah sich das Ministerium gezwungen, das Gutachten herauszugeben.

Die Ausführungen im Gutachten zeigen, "es besteht weitreichender Reformbedarf, um eine geteilte Betreuung von Kindern durch ihre getrennten Eltern in unserem Rechtssystem zu verankern." Dies betreffe "insbesondere die Unterhaltsregeln, die unterschiedlichen Ausprägungen geteilter Betreuung Rechnung tragen sollten", aber auch weitere Rechtsbereiche wie Melderecht und statistische Erhebung von Trennungsfamilien.

"Den Bemühungen um eine zukunftsorientierte Familienpolitik, welche die gemeinsame Elternverantwortung fördert", so der Beirat, stehe bislang "ein familienrechtliches Regelwerk gegenüber, das die Rollen beider Eltern nach Trennung und Scheidung ungleich verteilt und neben dem hauptbetreuenden einen lediglich umgangsberechtigten Elternteil vorsieht" und konkretisiert: "Der Änderungsbedarf ist offenkundig".

Der Beirat spricht sich weiter dafür aus, dass "die Betreuung und Erziehung der Kinder durch beide Eltern vor und nach einer Trennung und Scheidung Ziel einer zukunftsorientierten Familienpolitik sein sollte". Es sei "ein großes Anliegen, die geteilte Betreuung im Rechtssystem zu integrieren." Auch die Aufteilung von staatlichen Leistungen wie Kindergeld auf beide Haushalte der Trennungseltern müsse angemessen geregelt werden.

Inhalte und Empfehlungen liegen auf einer Linie mit früheren Beiträgen des Deutschen Juristentags, der Bundeskonferenz der Justizminister sowie der Entschließung 2079 des Europarats aus dem Jahr 2015. Auch FSI begrüßt grundsätzlich die Empfehlungen des Gutachtens des mit 21 Professorinnen und Professoren namhaft besetzten wissenschaftlichen Beirats.

Es stellt sich jedoch die Frage, warum das BMFSFJ die Studie des eigenen Beirats bisher nicht selbst veröffentlicht hat. Da die Empfehlungen zu großen Teilen der Argumentation als auch der Handlungslinie des Ministeriums widersprechen, steht der Verdacht im Raum, dass das Gutachten unsichtbar gemacht werden sollte. Eine ähnliche Verschleppungsstrategie ist bereits aus früheren Fällen bekannt. Dazu passt auch die Weigerung des Ministeriums, die Ergebnisse ihrer eigenen Studie "Kindeswohl und Umgangsrecht" (Petra-Studie) zu veröffentlichen, die 2017 beauftragt wurde.

Die Vorschläge zur zeitgemäßen Aufteilung von Betreuungs- und Barunterhaltsleistungen auf beide Haushalte in Trennungsfamilien gehen FSI und anderen familienpolitischen Initiativen jedoch nicht weit genug. Nicht immer ist der Leitgedanke zweier gleichwertiger und gleich wichtiger Eltern Basis aller Überlegungen im Gutachten.

FSI und viele weitere Stimmen aus der Mitte der Zivilgesellschaft fordern eine zügige Umsetzung der überfälligen Reformen im Familienrecht. Die Empfehlungen des Beirats können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten. FSI fordert einen breiten öffentlichen Diskurs zu den anstehenden Reformen.




Das Forum Soziale Inklusion hat eine zusammenfassende Analyse dieses Gutachtens online gestellt.

Das gesamte Gutachten findet man hier.

Mit dieser Aktion ist es dem Forum Soziale Inklusion gelungen, die Ansprüche der Bürger gegen Mauscheleien der Mächtigen durchzusetzen. Dass etwa die grüne Heinrich-Böll-Stiftung heftig gegen das Forum Soziale Inklusion poltert, befremdet vor diesem Hintergrund immer mehr.



Donnerstag, Oktober 14, 2021

Andrang männlicher Opfer: "Wir kommen kaum zum Atemholen" – News vom 14. Oktober 2021

1. Wie zuvor schon der SWR berichtet auch die Badische Zeitung über den großen Ansturm auf das Hilfstelefon für männliche Opfer häuslicher Gewalt in Baden-Württemberg:

"Wir kommen zwischen den Gesprächen kaum zum Atemholen, schon meldet sich der nächste", erzählt Beraterin Edith Hasl. (…) Die Bedürfnisse der Anrufer sind sehr unterschiedlich: Manche Männer brauchen nur ein offenes Ohr, andere wollen Informationen, wie sie Verletzungen behandeln und dokumentieren lassen können. Weitere möchten wissen, wie sie ihren Kindern Aggression zu Hause ersparen können – etwa durch Verweis der Wohnung für die Peinigerin. Wenn die Situation eskaliert, gibt es auch eine Schutzwohnung mit zwei Plätzen.




2.
In einem Gastbeitrag für die "Zeit" gibt WDR-Intendant Tom Buhrow zu, dass die ARD Fehler mache. Die Sender müssten eine Plattform für eine gute Streitkultur sein – also auch für kontroverse, unbequeme Meinungen.


"Die Welt" berichtet.



3. Die Mittelbayerische Zeitung stellt in eiinem fünfundzwanzig Minuten langen Video den Regensburger Jura-Professor Dr. Tonio Walter vor, der einst als heißer Anwärter der Regensburger SPD auf die OB-Kandidatur galt, heute Richter am Obersten Bayerischen Landesgericht ist und sich gegen Gendersterne sowie für die Meinungsvielfalt engagiert.



4. Der Schweizer "Tagesanzeiger" hat einen Artikel über die Todesstrafe gegen Frauen veröffentlicht. Der schönste Satz darin:

Im vergangenen Jahr sind neben 16 Frauen auch 467 Männer hingerichtet worden.


Aber für einen Artikel über "Todesstrafe gegen Männer" besteht damit natürlich noch lange kein Grund. Es gibt nur ein Opfergeschlecht.



5. Beim Nobelpreis wird es auch weiterhin keine Frauenquote geben.



Mittwoch, Oktober 13, 2021

Was ist aus dem männlichen Arbeiter geworden und warum ist das wichtig?

In einem weiteren Artikel, der aktuell im Magazin des Zentrums für Männer-Psychologie veröffentlicht wurde, beschäftigt sich Abe Unger mit dem Niedergang des männlichen Arbeiters und der Bedeutung dieser Entwicklung für unsere Gesellschaft. Weiterführende Links findet man im Originaltext, den ich für Genderama übersetzt habe.



Bei meinen Recherchen für ein 2019 erscheinendes Buch über die Schrumpfung der amerikanischen Mittelschicht stieß ich auf das, was ich damals im guten akademischen Sprachgebrauch den "sozioökonomischen Niedergang der Männer" nannte. Bereits 2013 schrieb das überparteiliche Pew Research Center von einem Verschwinden des männlichen Arbeiters. Daran hat sich in den letzten zehn Jahren nicht viel geändert. Erst in diesem Jahr hat die ehrwürdige Denkfabrik Brookings Institute in Washington, D.C., dasselbe bestätigt. Führende Wirtschaftswissenschaftler haben den allgemeinen Trend in die Kernaussage zerlegt, dass männliche Arbeiter in den USA häufiger inhaftiert werden, jünger sterben, mehr Drogen konsumieren und weniger heiraten als je zuvor. Und warum? Weil Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie, die in Industrieländern wie den USA und Großbritannien einst leicht zu finden waren, verschwunden sind.

Aber es geht um mehr als um eine Reihe von Statistiken, die den sozialen und wirtschaftlichen Niedergang von Männern, die als Arbeiter tätig sind, belegen. Ich habe gelernt, dass es eine tiefe Traurigkeit gibt, die mit der Verschlechterung der Lebensaussichten von männlichen Arbeitern einhergeht. Der Pew-Bericht von vor 8 Jahren deckte auf, dass es für Männer nicht nur schwer ist, einen Arbeitsplatz zu finden, sondern auch, ihn zu behalten.

Männer scheiden immer häufiger aus dem Erwerbsleben aus und erreichen nicht den Bildungsstand, den sie benötigen, um auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. Ein kürzlich erschienener Artikel im Wall Street Journal bestätigt diese frühe Feststellung fast zehn Jahre später, und jetzt ist es eine Krise. Die American Economic Association nennt dieses Unbehagen unter Männern der Arbeiterklasse "The Blue Collar Blues".

Ich bin kein Psychologe. Mein Fachgebiet ist die öffentliche Politik, aber es ist klar, dass wir es hier nicht nur mit einer Unebenheit im keynesianischen Wirtschaftsplan der westlichen Nachkriegsdemokratie zu tun haben. Depressionen sind nachweislich in der Welt der Arbeiter stärker verbreitet als in der Welt der Angestellten. Auch die Zahl der Selbstmorde ist stark angestiegen. Einfach ausgedrückt: Wenn die Arbeitsplätze instabil werden, werden auch die sozialen Strukturen instabil, und die Menschen fallen aus den Familien und dem Arbeitsmarkt heraus. Sie werden depressiv und hoffnungslos. Die wirtschaftliche Manifestation dieser Krise bedeutet, dass wir uns auf eine erschreckende, mehrere Generationen umfassende Abwärtsmobilität einstellen müssen. Man braucht nicht mehr als eine Sekunde, um zu verstehen, dass der weit verbreitete Verlust von wirtschaftlich verlässlichen Zwei-Eltern-Haushalten in Verbindung mit Männern, die weniger Arbeit finden und mehr Drogen konsumieren, die Aussichten für Kinder, die in dieses Umfeld hineingeboren werden, verschlechtert. Wissenschaftler bestätigen den intuitiven Eindruck, dass der anfängliche Schock durch den Verlust von Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe vor einer Generation zu "männlichem Müßiggang, vorzeitiger Sterblichkeit und einem Anstieg des Anteils unverheirateter Mütter und des Anteils von Kindern, die in Haushalten mit nur einem Elternteil unter der Armutsgrenze leben" geführt hat.

Es gibt eine umfangreiche Literatur, die die schrecklichen sozioökonomischen Folgen dieses Verlusts der sicheren Mittelklassefamilie und des Rückgangs der regelmäßig beschäftigten Väter dokumentiert. Der liberale Harvard-Politologe Robert Putnam schreibt, dass "Kinder aus Elternhäusern mit Hochschulbildung zunehmend in stabilen Familien mit zwei Elternteilen leben, während eine wachsende Mehrheit von Kindern aus Elternhäusern ohne Hochschulbildung in instabilen Familien mit nur einem Elternteil lebt. Diese unterschiedlichen Startbedingungen bestimmen in hohem Maße ihren Lebensweg." Diese Kluft bei den Chancen trägt nur dazu bei, dass die Einkommensunterschiede noch größer werden und die Demokratie in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Universität ist ein notwendiger erster Schritt zu besseren Lebensperspektiven, aber Männer aus der Arbeiterklasse und ihre Kinder kommen einfach nicht dorthin.

Pandemien sind auch nicht gerade hilfreich. Trotz des ganzen Geredes über die Umstrukturierung der Arbeit ist die tägliche Realität der wenigen, die tatsächlich in der Lage sind, einen verlässlichen Job als Arbeiter zu finden und aufrechtzuerhalten, sich in einer gefährlicheren Lage befinden als diejenigen, die einer Tätigkeit als Angestellte nachgehen. Ungeachtet des Aufschwungs der Fernbeschäftigung in der Zeit von COVID ist diese Art von Arbeit für Angestellte das Gegenteil des Wesens der praktischen Handarbeit. Die Financial Times berichtet, dass männliche Arbeiter "doppelt so häufig" an COVID-19 sterben. Nach Angaben des Office for National Statistics waren sie in Großbritannien für zwei Drittel der fast 2.500 Coronavirus-bedingten Todesfälle bei Erwachsenen im Alter von 20 bis 64 Jahren verantwortlich, die bis April 2020 in England und Wales gemeldet wurden, d. h. 9,9 pro 100.000 Männer.

Das Bild mag also düster sein, aber genau dann ist eine gute öffentliche Politik am nötigsten. Da es um nichts Geringeres geht als um die Grundüberzeugung, dass die Demokratie die Chance bieten sollte, das individuelle Potenzial zu verwirklichen, muss dringend etwas getan werden. Hoffnungslosigkeit führt zu einer Politik der Verzweiflung, die sowohl der freien Meinungsäußerung als auch den freien Märkten schaden kann. Wir müssen diese Situation jetzt angehen. Der erste Schritt besteht darin, anzuerkennen, dass der männliche Arbeiter viel mehr Aufmerksamkeit verdient. In den USA beginnt man nun, die Kluft zwischen den Geschlechtern in der Bildung anzuerkennen, dank Artikeln wie den oben zitierten aus dem Wall Street Journal und Organisationen wie The Boys Initiative. Es wird gefordert, dass der neu gegründete Rat für Geschlechterpolitik des Weißen Hauses stärker die hier erörterten Themen, die sich auf Männer auswirken, einbezieht. Weltweit sollten Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger zusammenkommen und einen Kongress gründen, der sich mit den sozialen Auswirkungen des Verlusts der Fertigungsindustrie befasst. Angesichts des "blue-collar blues" unter den Männern der Arbeiterklasse muss die Beschäftigung mit der Arbeitslosigkeit und dem Bildungsniveau von Männern ein wichtiger Teil dieser Forschungs- und Politikdenkfabrik sein. Die Zukunft gesunder Demokratien, in denen alle Beteiligten das Gefühl haben, dass sie das Potenzial haben, ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben zu verwirklichen, hängt von dieser Arbeit ab.



Dienstag, Oktober 12, 2021

Ein Tonikum gegen das toxische Narrativ über Männlichkeit

Im Magazin des Zentrums für Männer-Psychologie sind aktuell mehrere Beiträge erschienen, wovon mir der Beitrag des New Yorker Psychologie-Professors Miles Groth für eine Übersetzung ins Deutsche besonders reizvoll erscheint: "A tonic for the toxic narrative on masculinity".



Nach einer Periode großen Interesses am Leben der Frauen in den letzten vierzig Jahren ist nun die Sorge um das Leben von Jungen und Männern groß. Im Mittelpunkt steht die Männlichkeit, ein Phänomen, das meines Erachtens in einer Zeit, wo in der Wissenschaft und in den populären Medien eine oft verwirrende Rhetorik vorherrscht, die auf Kategorienfehlern in Bezug auf die Biologie (Geschlecht) und die psychosozialen und soziokulturellen Gegebenheiten (Gender) beruht, als dringend benötigtes Heilmittel dienen kann. Am ungeheuerlichsten ist vielleicht die Äußerung über die so genannte "toxische Männlichkeit".

Der Begriff der "toxischen Männlichkeit" ist das Stiefkind der "hegemonialen Männlichkeit", ein Ausdruck, der seit etwa 1980 vor allem in akademischen Kreisen verwendet wird. Er wurde von Robert W. Connell in seinem Buch "Masculinities" (1995) popularisiert, wobei der Begriff der Hegemonie von dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci (1891-1937) übernommen wurde. In seiner Theorie der Geschlechter behauptete Connell (der in den 60er Jahren zum weiblichen Geschlecht übergetreten ist), dass, wie der Kapitalismus in Gramscis Analyse, die Männlichkeit, wie sie von Männern verkörpert wird, bewusst versucht hat, die Gesellschaft zu dominieren, vor allem das andere Geschlecht durch eine soziokulturelle Institution, die als "das Patriarchat" bekannt ist.

In dieser kurzen Mitteilung möchte ich für das plädieren, was ich als tonische Männlichkeit bezeichne, und dafür, was eine Dosis davon der Gesellschaft geben könnte, um einige der Mystifikationen und oft ironischen Zweideutigkeiten über Sex und Gender zu zerstreuen, die sich in den meisten westlichen Nationen und insbesondere in den USA entwickelt haben.

Das Wort "Tonic" hat zwei Bedeutungen, die ich auf die Männlichkeit anwenden möchte, wenn sie vollständig und richtig verstanden wird. Die eine findet sich in der Musik und bezieht sich auf die Grundtonart einer Komposition. Der andere bezeichnet eine belebende oder stärkende Substanz oder einen Einfluss. Ich glaube, dass die Männlichkeit aus der Notwendigkeit heraus wieder auftaucht, sowohl ein Gefühl der Harmonie als auch die dringend benötigte positive Energie zu liefern, um einen kränkelnden sozialen Körper zu heilen und den Alltag von Frauen und Männern in unserer unruhigen und beunruhigenden Zeit zu beleben.

Eine Finsternis der Männlichkeit, die bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann, ist beendet. Dies fällt mit dem Ende der Gender-Ära zusammen, die mit der Behauptung, das Geschlecht sei völlig fließend, das Konzept tatsächlich überflüssig machte. Wenn wir uns heute junge Männer ansehen, können wir eine gewisse Helligkeit in ihnen erkennen, die bei ihren Vätern und Großvätern verblasst war. Ich bin überzeugt, dass eine kleine, aber vitale Kerngruppe junger Männer mit vielfältigen Interessen und Talenten etwas sehr Positives und Nützliches verkörpert. Von ihnen werden wir bald Großes hören, das ihre männlichen Altersgenossen beleben und auf die Generation ihrer Väter ausstrahlend wirken wird. Tonische Männlichkeit wird sich auch auf das Leben von Mädchen und Frauen heilsam auswirken.

Welche Formen nimmt die tonische Männlichkeit bei Männern an? Ich stelle die männliche Männlichkeit dem gegenüber, was Judith Halberstam als weibliche Männlichkeit bezeichnet hat. Hier haben wir es mit einer beträchtlichen Minderheit von Frauen mittleren Alters und jungen Frauen zu tun, die eine falsche Männlichkeit an den Tag legen, was an sich schon ein Beweis für das hier diskutierte Wiederaufleben der Männlichkeit in der Gesamtbevölkerung ist. Die Männlichkeit bei Männern (essentielle Männlichkeit) ist jedoch qualitativ anders, da ihre Hauptmerkmale aus der Anatomie und Physiognomie stammen. Ich werde das erklären.

Wer sind die Männer, deren tonische Männlichkeit sich herausbildet? In den Diskussionen über die hegemoniale Männlichkeit wurde viel Wert auf den homo faber (der Mann, der die Dinge herstellt) und den homo furens (der Mann, der Eroberer und Krieger) gelegt. Ich schlage vor, dass wir das Leben der Jungen und Männer, die Teil dieser Renaissance der Männlichkeit sind, als Ausdruck des homo ludens (spielerischer Mann) betrachten. Sie ist zentrierend und belebend und zeigt sich in der verbissenen Intensität, mit der eine Aufgabe bis zum Ende verfolgt wird, aber auch in einer gewissen Ungeduld gegenüber der Verzögerung der Befriedigung, die sich einstellt, wenn ein Projekt abgeschlossen ist.

Tonische Männlichkeit zeigt sich in der kreativen Risikobereitschaft, d. h. darin, etwas auszuprobieren, was bisher noch nicht versucht wurde, auch wenn dies mit Gefahren verbunden sein könnte. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass es nichts gibt, was Jungen mehr abtötet als die Bemühungen, sie in der heutigen Schulzeit, von der Vorschule bis zum Ende der High School, dazu zu bringen, "sesshaft" zu werden. Die meisten männlichen Jugendlichen ziehen es vor, aus Erfahrungen zu lernen, statt Informationen als gegeben hinzunehmen. Jungen wenden sich letzterem natürlich zu, aber sie tun dies einige Jahre später als Mädchen. Wie die Phänomenologen misstrauen auch Jungen und heranwachsende Männer dem, was bekannt ist (was man ihnen gesagt hat), und achten lieber auf das, was sie sehen. Dies ist eine der Quellen der tonischen Männlichkeit.

Ich denke hier nicht an die Art von Herausforderungen, wie sie in Ringkämpfen vorkommen, die für das griechische Ideal, auf dem die westliche Zivilisation beruht, so zentral waren. Stattdessen beziehe ich mich auf die Tatsache, dass wir uns vielleicht immer noch Sorgen machen, dass wir beim Erreichen des Horizonts über den Rand der Welt fallen könnten, wenn Kopernikus die ptolemäische Vorstellung von der Struktur des Universums nicht in Frage gestellt hätte. Hätte Einstein die euklidische Ordnung von Räumlichkeit und Zeitlichkeit nicht in Frage gestellt, würden wir wahrscheinlich immer noch in Pferdestärken denken. Damit verbunden ist die Konzentration auf ein Problem und die Weigerung, es in Ruhe zu lassen, bis es gelöst ist. Hier sehen wir einen weiteren Ausdruck der tonischen Männlichkeit. Sie zeigt sich auch in der Abenteuerlust, die Normen in Frage stellt, und in den ordnenden Prozessen der Erhaltung von Normen, der Durchführung von Ritualen und der Formulierung von Regeln und Gesetzen, die das Leben in großen Gemeinschaften erfordert.

Tonische Männlichkeit ist nicht die Männlichkeit des amerikanischen Cowboys, der allgemein als Stereotyp für hegemoniale Männlichkeit dient. Wie deutlich werden sollte, ist tonische Männlichkeit nicht gewalttätig. Einige Beispiele mögen als Ausgangspunkt dienen, um dies deutlich zu machen. Wir sehen sie in der hingebungsvollen Ernsthaftigkeit des Pfarrers oder Priesters, der seinen Gemeindemitgliedern dient, ebenso wie in dem Sportler, der mit seinem eigenen Körper um eine hart erkämpfte Leistung konkurriert, die einem Ideal der Perfektion nahe kommt. Die Verfechter der hegemonialen Männlichkeit haben einige Mannschaftssportarten wie Eishockey und American Football als beispielhaft für Männlichkeit herausgegriffen. Sie übersehen dabei das internationale Beispiel des Fußballs und des Basketballs, wo Kraft und Anmut kombiniert werden. Dem Turner und dem Ringer wird wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Stattdessen stehen Boxen und Mixed Martial Arts (MMA) im Rampenlicht, deren Popularität die Werte einer Gesellschaft widerspiegelt, in der der Mann keinen anderen Weg findet, auf sich aufmerksam zu machen, als seinen Gegner zu verletzen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass dies eine Reaktion auf die Unterdrückung der wesentlichen Männlichkeit ist. Männlichkeit in der Leichtathletik hat damit nichts zu tun.

Man muss sich mit der Unterhaltungsform des professionellen Wrestling befassen, das in den USA mehr Zuschauer hat als jedes andere Theaterspektakel, sowohl persönlich als auch über die Medien. Es mag den Leser überraschen, dass dies in einer "gelehrten" Diskussion erwähnt wird, aber ich würde behaupten, dass man viel über den Zustand der Männlichkeit in der westlichen Kultur lernen kann, wenn man es untersucht. Seine Popularität erstreckt sich weltweit, von Japan bis zu den meisten europäischen Ländern. Es ist eine Parodie der Brutalität. Die ironische Inszenierung besteht darin, dass Männer aufeinander aufpassen, damit es nicht zu wirklichen Verletzungen kommt, und gleichzeitig der Öffentlichkeit etwas über die Bedeutung der Gewalt verkünden, die der wesentlichen Männlichkeit zugeschrieben wird. Hier sehen wir eine Inszenierung des Stereotyps der gewalttätigen Männlichkeit, die ihre Absurdität verkündet.

Tonische Männlichkeit ist auch bei so genannten "schwulen" Männern zu beobachten. Obwohl sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen (Schätzungen gehen von 3 bis 8 % der Bevölkerung aus), sind homosexuelle Männer nicht mehr weiblich, ein Phänomen, das im 20. Jahrhundert eine kurze Phase hatte. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft und Intimität. Das sexuelle Element ist von untergeordneter Bedeutung. Denken wir an David und Jonathan, an Jesus und seine geliebten Jünger, an Vater und Sohn und an andere tiefe männliche Bindungen, die wir bei Paaren wie den "Kumpels" aus der Kindheit und älteren männlichen Paaren sehen, die sich seit einem halben Jahrhundert oder länger kennen, die Karriere gemacht haben und in der Regel verheiratet sind.

Wenn es in der tonischen Männlichkeit etwas gibt, das wir als Wut bezeichnen können, dann ist es die Art, die in Melvilles Ahab zum Ausdruck kommt. Hier sehen wir die Triebhaftigkeit der tonischen Männlichkeit angesichts der Geheimnisse der Natur, einen tiefen Drang, die Natur nicht zu kontrollieren (ein weiteres Merkmal, das gemeinhin als Beispiel für hegemoniale Männlichkeit angeführt wird), sondern sich ihrer absoluten Macht zu stellen. Es ist nicht die Wut des Säuglings, der seine Ohnmacht spürt und gleichzeitig seinen Narzissmus behauptet, die als Merkmal der so genannten toxischen Männlichkeit aufgegriffen wurde.

Tonische Männlichkeit zeigt sich bei Männern, die eine Karriere im öffentlichen Dienst anstreben, wie z. B. Rettungssanitäter und Männer, die im Militär dienen. Es ist bekannt, dass die meisten Männer wenig Interesse daran haben, andere zu verletzen, wenn sie für die immer seltener werdende Konfrontation zwischen "Feinden" im Nahkampf eingezogen werden. Wie die Vergewaltiger sind auch die Eroberer nur ein winziger Bruchteil der männlichen Bevölkerung. Am Ende sind ironischerweise die meisten, die von männlichen Tyrannen geschädigt werden, Männer, und zwar in der Regel junge, arme und ungebildete.




Gut, irgendein Fazit oder anderer Schlusspunkt dieses Artikels wäre nett gewesen; so liest sich das, als bräche er mittendrin ab. Dem unbenommen ist in einer Geschlechterdebatte, in der Männlichkeit beständig mit Negativem in Verbindung gebracht wird (und zwar sogar von Leuten, die sich als Fürsprecher der Männlichkeit ausgeben) das Konzept einer "tonischen", positiven Männlichkeit bedenkenswert und wird diese Debatte hoffentlich weiter voranbringen.



Montag, Oktober 11, 2021

Vorsitzende der Grünen Jugend: "Alle Männer sind scheiße" – News vom 11. Oktober 2021

1. Kaum wurde Sarah-Lee Heinrich (20) zur Vorstandssprecherin der Grüneen Jugend gewählt, trendet ihr Name auf Twitter unter dem Hashtag "Rassistin". Schuld daran sind frühere Tweets von ihr mit unterschiedlichen Ausprägungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Hate Speech.

Relevant für Genderama ist ein männerfeindlicher Tweet Heinrichs, in dem es heißt: "NICHT ALLE MÄDCHEN MÖGEN BLUMEN DU SEXISTISCHES SCHWEIN ICH WILL DICH VERBRENNEN ALLE MÄNNER SIND SCHEISSE."

Nun stammt der Tweet aus dem Jahr 2015. Damals war Sarah-Lee Heinrich 14 Jahre alt. Heinrich hat sich inzwischen von einigen Tweets im Teenager-Alter distanziert und diese Äußerungen bedauert, sowie angeblich über tausend Tweets gelöscht.

Ich persönlich finde, man könnte es damit gut sein lassen, und halte die Debatte zu einem großen Teil für die tägliche Sau, die mal wieder durchs Twitter-Dorf getrieben wird. Es gibt mehr als genug Erwachsene, die mit der Botschaft "Männer sind scheiße" die Geschlechterbeziehungen vergiften; wir haben mit denen genug zu tun.

Allerdings ist nicht jeder meiner Meinung, und es gibt auch Gegenargumente. So merken manche an, dass es von Doppelmoral zeuge, wenn die Grüne Jugend einerseits befindet, politische Äußerungen in diesem jungen Alter könne man doch unmöglich ernst nehmen, aber andererseits das Wahlrecht für 14jährige fordert. Ist man mit 14 nun ein unreifes Kind, oder sollte man dasselbe Stimmrecht wie ein Erwachsener haben?

Der Journalist Marc Felix Serrao merkt zu Heinrichs Tweets an:

Wahr ist: 15- und 16-Jährige muss man vor Twitter schützen, nicht umgekehrt. Was einer in dem Alter schreibt, zählt nicht.

Wahr ist auch: Hätten die Chefs der Jungen Liberalen oder Jungen Union solche Tweets geschrieben, wäre die Empörung hier grenzenlos.


Sein Kollege Marcel Peithmann befindet zu der Debatte auf Twitter:

Ich habe mich im Alter von 13/14 Jahren weder homophob, rassistisch oder sexistisch geäussert, noch Morddrohungen abgesetzt. Ich kannte auch niemanden, der das tat. Nun lerne ich, das sei alles völlig normal und man müsse dafür Verständnis haben.


Und im Tweet von "Christiane", die sich als "alte weiße Frau" bezeichnet, heißt es:

Die #Gruenen möchten Teenager bereits mit 16 Jahren wählen lassen. Das Beispiel #sarahleeheinrich zeigt: 1. Sie sind in diesem Alter diffamierend-pubertär, haben noch keine Reife. 2. Mit welchem Menschenbild ist sie aufgewachsen?


Letzteres würde mich auch interessieren. Es fällt mir schwer, mich über den Tobsuchtsanfall einer Vierzehnjährigen zu empören oder eine Jungpolitikerin dafür nachträglich zu verurteilen. Aber ich wüsste wenigstens gerne, welches kulturelle Umfeld dafür verantwortlich war, dass sie sich in diesem und vielen anderen Tweets derart bizarr geäußert hat. Welche Einflüsse haben damals auf Heinrich eingewirkt, wie stark wirken sie immer noch und wie sehr hat sie solcher Radikalität ihren Aufstieg in der Grünen Jugend zu verdanken?



2. Allerdings werden auch unsere Jungen immer radikaler. Am Samstag erst mussten Polizisten in Gelsenkirchen einem Zwölfjährigen ein Spielzeuggewehr wegnehmen. Da sie das Plastikspielzeug für "täuschend echt" erachteten, wurde gegen den Jungen ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.



3. Die Zeitschrift USA Today schildert die "dramatischen" Ausmaße der Jungenkrise an unseren Schulen und gibt dann Vorschläge, wie man den Jungen helfen könnte:

Ein Bericht der American Sociological Association aus dem Jahr 2016 kam zu dem Schluss, dass die Art und Weise, wie Lehrkräfte auf das Verhalten von Jungen reagieren, eine wichtige Rolle bei der Gestaltung ihrer späteren Bildungsergebnisse spielt. Die Studie ergab, dass Jungen in der Grundschule im Vergleich zu Mädchen viel häufiger einem negativen schulischen Umfeld ausgesetzt waren. Und in der High School berichteten Jungen über eine deutlich höhere Rate an Klassenwiederholungen und geringere Bildungserwartungen.

In Anbetracht der Tatsache, dass Jungen eher zurückgehalten und bestraft werden, ist es leicht zu verstehen, warum Lehrer männlichen Schülern mit bestimmten unbewussten Vorurteilen begegnen, die sich in selbst erfüllenden Ergebnissen niederschlagen können.

Stellen Sie sich vor, Sie werden mit einem ständigen Refrain bombardiert: "Pass auf. Hör auf zu zappeln. Fass das nicht an!" Doch genau das ist es, was viele unserer Jungen jeden Tag in der Schule erleben.

Ich will damit nicht sagen, dass die Schulstruktur gelockert werden sollte. Ein strukturiertes Lernumfeld ist für Jungen sehr wichtig, aber dies kann in Verbindung mit der Anwendung von Unterrichtstechniken erreicht werden, die besonders gut für Jungen geeignet sind.

Wir wissen, dass Jungen davon profitieren, wenn der Unterricht durch dramatische Einstiegspunkte eingeleitet wird, die ihre Aufmerksamkeit wecken. Wir wissen, dass Jungen kinästhetische Lerner sind, die von praktischen Aktivitäten profitieren, bei denen sie durch Berührung, Erkundung und Manipulation lernen.

Das Fehlen dieser Möglichkeiten während der Pandemie, als so viele Schüler online lernten, hatte erhebliche Auswirkungen auf den Bildungsfortschritt, insbesondere bei Jungen.

(…) Was ich damit sagen will, ist, dass es in fast jedem schulischen Umfeld Möglichkeiten gibt, unsere Praktiken zu verbessern, um sicherzustellen, dass Jungen nicht ungewollt an den Rand gedrängt oder ausgeschlossen werden. Ein wichtiger Schritt zur Lösung der Krise, mit der junge Männer in unserem Land konfrontiert sind, besteht darin, unsere Klassenzimmer jungenfreundlicher zu gestalten.




Sonntag, Oktober 10, 2021

Vergewaltigte Häftlinge, Luke Mockridge, Genderpflicht an Hochschulen und Weihnachtsmenschen – News vom 10. Oktober 2021

1. Mehrere Medien haben Meldungen über die vergewaltigten Männer in russischen Gefängnissen aufgegriffen, darunter die Frankfurter Rundschau:

Folterszenen aus Gefängnissen in Russland sind keine Neuigkeit. Aber massive Hackerangriffe legten das Portal der Gefangenenrechtsgruppe Gulagu.Net lahm. Sie hatte dort die oben beschriebenen Aufnahmen sowie mehrere andere Videos ins Netz gestellt, auf denen Häftlinge heftig sexuell misshandelt werden. Und das sind nach Angaben von Gulagu.Net-Gründer Wladimir Ossetschkin nur Bruchteile eines 40 Gigabyte großen Archivs von Foltervideos, die ein ehemaliger Programmierer der russischen Strafvollzugsbehörde aus Russland heraus geschmuggelt hat.

(…) Nach Ossetschkins Angaben werden die Opfer von "Sonderkommandos" gefoltert, von gewalttätigen Häftlingen, die mit der Strafvollzugsbehörde FSIN zusammenarbeiten und von Vollzugsbeamten kontrolliert werden. Unverzichtbar sei, das Opfer dabei mit einem der Videokontrollgeräte zu filmen, die eigentlich dazu dienen sollen, Fehlverhalten der Beamten im Gefängnisalltag festzuhalten. Und die Aufnahmen danach auf FSIN-Computern abzuspeichern, um die Opfer auf unbestimmte Zeit erpressen zu können. Wer in russischen Gefängnissen vergewaltigt worden ist, landet dort in der niedrigsten Kaste, die jeder erniedrigen darf. "Manchmal waren die Videos untauglich, weil die Kameras veraltet waren. Dann wurde die Folter wiederholt."

Ossetschkins Kronzeuge ist ein ehemaliger Häftling, ein Programmierer, der nach Angaben des Menschenrechtlers selbst misshandelt wurde, danach fünf Jahre das Computersystem eines FSIN-Sicherheitsstabs managte, dann begann, die dort angesammelten Folterdateien zu duplizieren. Laut Ossetschkin nahm sein Informant einen Teil dieses Parallelarchivs bei seiner Freilassung mit, einen anderen Teil kaperte er danach aus dem FSIN-System. Der Mann soll nun in Europa und in Sicherheit sein.

Die meisten kremlnahen Medien schweigen zu Ossetschkins Enthüllung. "Wir wissen auch aus Gefängnissen im Nischegorodsker Gebiet, dass Vollzugsbeamte Foltervideos aufbewahren, um die Opfer weiter zu erpressen", meint Igor Kaljapin, Chef von Pytkam.net, einer Gefangenenrechtsinitiative. "Durchaus möglich, dass solche Videos zentral gespeichert worden, etwa in Saratow." Dort wie anderswo verschlechtere sich die Lage der Häftlinge, weil man die Beobachterkommissionen, die den Alltag in den Strafanstalten kontrollierten, seit einiger Zeit statt aus Menschenrechtlern aus pensionierten FSIN-Angehörigen rekrutiere.


Vorgestern hatte ich in einem Artikel für "Publikum" die Geschehnisse in Russland in einen größeren Zusammenhang weltweiter sexueller Gewalt gegen Männer gestellt.



2. Unser Engagement für männliche Opfer häuslicher Gewalt scheint sich in einigen deutschen Bundesländern allmählich auszuzahlen. So berichtet der SWR – wenig überraschend – von einem großen Ansturm auf das Hilfstelefon in Baden-Württemberg:

Immer mehr Männer trauen sich, Hilfe zu holen, wenn sie Opfer von häuslicher Gewalt werden. Eine vergleichbare Infrastruktur wie für betroffene Frauen - etwa rund um die Uhr besetzte Notruftelefone und Frauenhäuser - gibt es für Männer jedoch nicht. Aber seit April beteiligt sich Baden-Württemberg an einem Projekt aus Bayern und Nordrhein-Westfalen - am "Hilfetelefon Gewalt an Männern", das von den drei Bundesländern finanziert wird.

Sie und zwei weitere Mitarbeiter der Sozialberatung Stuttgart sowie ein Kollege des Tübinger Vereins Pfunzkerle richten sich jeden Donnerstagnachmittag auf einen Ansturm verzweifelter Männer aus allen drei Ländern ein. Die Gewalt, die die Anrufer schildern, gehe zu 90 Prozent von Frauen aus, erklärte Beraterin Hasl. "Häufiger als körperliche Übergriffe sind die psychischen wie Bedrohungen, Beleidigungen, Erpressung und Stalking."

Das baden-württembergische Sozialministerium unterstützt ihre Arbeit mit 50.000 Euro im Jahr. Das Ressort von Manfred Lucha (Grüne) ist mit der ersten Bilanz sechs Monate nach dem Start des Hilfetelefons zufrieden: "Das Angebot wird sehr gut angenommen." Im Durchschnitt rufen pro Werktag acht bis neun Männer an.

(…) Die Telefonberaterinnen und Telefonberater verstehen sich als Lotsen im Hilfesystem, die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und Denkanstöße geben. Die meisten Anrufer seien zwischen Mitte 40 und Ende 50 Jahre alt, also in einem Lebensalter, in dem es vielen schwer falle, Karriere und Familie unter einen Hut zu kriegen, so Hasl.

Wegen des starken Andrangs sollen die Sprechzeiten des Hilfsangebots in allen drei Bundesländern, Baden-Würtemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen verlängert werden. Die Förderung des Männerhilfetelefons von 115.000 Euro durch Nordrhein-Westfalen ist bis Ende des Jahres 2022 gesichert, die Förderung von baden-württembergischer Seite von 50.000 Euro ist bis zum 31. März 2022 gesichert. Eine Verlängerung prüft das baden-württembergische Sozialministerium.




3. Die Schauspielerin und Autorin Joyce Ilg äußert sich einem 35 Minuten langen Instagram-Video zur Situation ihres verfemten Kollegen Luke Mockridge. (Mockridge war sexuell übergriffiges Verhalten vorgeworfen worden; die zuständige Staatsanwaltschaft hatte ein Verfahren mangels Tatverdacht eingestellt. Seitdem wird Mockridge Opfer von Hate Speech in den sozialen Medien.)

Joyce Ilg nimmt Luke Mockridge in dem Video nicht in Schutz. Möglichst neutral wägt sie sowohl seine als auch Ines Aniolis (34) Seite in ihrem langen und emotionalen Statement ab. Sie möchte aber daran erinnern, dass Luke "kein Monster" sei, "dem vorgeworfen wird, eine Frau ins Gebüsch gezerrt und vergewaltigt zu haben". Sie habe dieses Video aufgenommen, weil "Luke gerade nichts sagen kann": "Ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Mensch, der wie gesagt kein Monster ist, sondern ein Mensch ist mit Gefühlen, dass auch der seine Grenzen hat." Für Joyce steht fest, dass Lukes Grenze des Aushaltbaren "weit überschritten" ist.

(…) Joyce spielt auf den Hashtag #konsequenzenfürluke an, der schon länger in den sozialen Medien kursiert: "Welche Konsequenzen fordert ihr noch? Denn in meinen Augen hat dieser Mensch gerade so gut wie alle Konsequenzen zu tragen. Seine Karriere, seine körperliche und psychische Gesundheit sind im Arsch. Viele wissen gar nicht, welche Konsequenzen dieser Mensch gerade zu tragen hat. Ob zu Recht oder Unrecht."

Sie sei nicht die Einzige, die sich zurzeit große Sorgen um Luke mache. Sie erreiche ihn zur Zeit auch nicht, glaube aber, dass er "in sichere Umgebung" sei.

An alle gerichtet, die fordern, dass er sich jetzt noch einmal selber zu Wort meldet und Stellung bezieht, sagt sie "Lasst ihm Zeit, er kann gerade nicht." Am Ende hat Joyce noch eine Botschaft an alle: "Seid euch einfach bewusst, das alles, was auf Social Meidia passiert, Konsequenzen hat. Für euch und andere."


Zur Berichterstattung des SPIEGEL, die im Fall Mockridge zusätzlich Öl ins Feuer gegossen hatte, äußert sich in diesem Podcast ab Minute 23:30 Medienanwalt Ralf Höcker, der vor einigen Jahren den als Sexualstraftäter verleumdeten Meteorologen Jörg Kachelmann verteidigt hatte. Höcker erachtet die Praktiken des SPIEGEL als "skandalös und rechtswidrig und journalistisch-ethisch falsch". Der SPIEGEL falle hier in die Zeit noch vor den fünfziger Jahren zurück.

Den Auftritt der Schauspielerin Maren Kroymann, die bei der kürzlichen Verleihung des Comedy-Preises gemeinsam mit Hazel Brugger und Thomas Spitzer gegen Mockridge Stimmung gemacht hatte, kommentiert Höcker angesichts der Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft nicht einmal Anlass zu Ermittlungen gegen Mockridge sah, ungewöhnlich scharf:

"Was Maren Kroymann da gesagt hat, ist unter aller Sau. Ich weiß nicht, was in dem Kopf dieser Frau nicht stimmt. (…) Den Preis für ihr Lebenswerk müsste man ihr zurücknehmen. Wer so etwas sagt, in dem Alter, wo man eigentlich seine Sinne noch beieinander haben sollte, den kann ich nicht ernst nehmen. Das ist widerwärtig. Ich finde es wirklich schlimm. Irgendjemand hat gesagt, das ist eine Hexenjagd, und genau das ist es. (…) Man kann so etwas mit einem Menschen nicht machen."


Eine konträre Haltung vertritt Nils Pickert unter der Überschrift "Mockridges heimliche Helfer" auf der feministischen Plattform "Pinkstinks". Pickert zufolge sei es "nicht ganz ungefährlich", sich kritisch zu Mockridge zu äußern, denn dieser habe durch das Einschalten eines Medienanwalts "entsprechende Berichterstattung" entfernen lassen. Im übrigen habe der "böse, böse Internetmob" lediglich "Konsequenzen" für Mockridge gefordert, "keine (Vor-)Verurteilung". Zuletzt bemängelt Pickert, dass der Comedian Thomas Spitzer einer von nur wenigen Männern sei, die "ihren Hals, ihren Ruf und ihre Karrieren riskieren, um zu sagen, was Sache ist". Von Leuten wie Joko und Klaas etwa sei in dieser Angelegenheit bedauerlicherweise nichts zu hören.



4. Deutschlandfunk Kultur hat ermittelt, ob es tatsächlich eine Genderpflicht an Hochschulen gibt, wie der bayrische Ministerpräsident Markus Söder behauptet hatte:

"Söders Gender-Strafzettel ist eine reine Erfindung!", wettert Markus Rinderspacher von der bayerischen SPD. Der Landtags-Vizepräsident wirft Söder vor, "einen Umstand vorzugeben, der so gar nicht existiert – das ist eine Politik der alternativen Fakten!" Söder habe die bayerischen Universitäten in einen Schmutz-Wahlkampf hineingezogen, um noch ein paar letzte Stimmen zu holen, beklagt Rinderspacher.

(…) Nach Deutschlandfunk-Kultur-Recherchen gibt es zumindest an einer bayerischen Hochschule tatsächlich eine Art Gender-Strafzettel. Uns liegt ein Dokument vor, das die Pflicht zum Gendern belegt. Und die betroffene Uni schreitet nicht dagegen ein.

Die Münchner Jurastudentin, RCDS-Vorsitzende in Bayern und Mitglied im CSU-Vorstand Anna-Maria Auerhahn sagt, dass in Hausarbeiten explizit auf die Richtlinien verwiesen wurde, was unterschwellig das Gefühl vermittelt hätte, dass eine Umsetzung davon für eine gute Note Pflicht gewesen sei.

Diese Richtlinie ist ein Gender-Leitfaden, der den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache vorschreibt. Etwa die Verwendung eines Gendersternchens, die Umwandlung von "Studentinnen und Studenten" in "Studierende". Oder die Aussprache "Student-innen" statt "Studentinnen". Fast alle bayerischen Universitäten haben einen solchen Leitfaden.

Darunter auch die Uni Würzburg: "Die Universität Würzburg legt großen Wert auf Toleranz in jedweder Hinsicht. Deshalb halten wir auch geschlechtersensible Sprache für wichtig. Wir haben einen Leitfaden, der besagt, dass in allen Richtlinien, Verordnungen und offiziellen Texten der Universität geschlechtergerechte Sprache zu verwenden ist. Aber es gibt keine Verpflichtung für Studierende zu gendern", so Esther Knemeyer, Pressesprecherin der Hochschule.

Sie weist darauf hin, dass es bisher keine Beschwerden gegeben habe. Anders an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Die regelt das Thema "Gendern" nicht so trennscharf. An der LMU gibt es keinen eigenen Gender-Leitfaden – man richte sich nach der Verordnung der bayerischen Staatsregierung für Ämter und Behörden, sagt die Uni. Diesen Leitfaden hatte Bayerns Ministerpräsident Söder höchstpersönlich vorgestellt – mit den Worten:

"Wir brauchen eine geschlechtersensible Sprache. Deswegen ist für uns wichtig, dass sich in der Weiterentwicklung aller staatlichen Vorhaben – ob das Geschäftsordnungen oder Leitfäden sind – Frauen und Männer gleichberechtigt wiederfinden." In derselben Pressekonferenz hatte Söder aber auch gesagt: "Wir sind gegen Übermaß, wir sind für die richtige Balance und nicht für die Überforderung."

An der Ludwig-Maximilians-Universität München fühlen sich manche Studentinnen und Studenten überfordert vom Gendern. In einem Politikwissenschaftsseminar zum Thema "Wissenschaftliches Arbeiten" verschickte die LMU-Dozentin Lisa K. einen "Bewertungsbogen" für die Benotung der Klausuren und Hausarbeiten der Seminarteilnehmer. Dieses interne PDF-Dokument liegt Deutschlandfunk Kultur vor. Laut diesem Bewertungsbogen wird jeder, der oder die keine genderneutrale Sprache benutzt, mit Punktabzug bestraft.

Die Note verschlechtert sich dadurch im selben Maße wie etwa bei Rechtschreibfehlern oder falscher Gliederung der wissenschaftlichen Arbeit. Auf die Frage, ob die Dozentin den Bewertungsbogen selbst entwickelt oder von ihrem Institut bekommen hat, verweigert sie die Aussage – sie sei derzeit nicht im Dienst.

Ihr vorgesetztes Institut verweist auf die Pressestelle der LMU. Und die weicht aus. Auf die Frage von Deutschlandfunk Kultur, ob die wissenschaftliche Mitarbeiterin schlechtere Noten vergeben durfte, weil Studenten nicht genderten, antwortet die Uni: "Es ist darauf hinzuweisen, dass Lehrende an Hochschulen im Rahmen der Wissenschaftsfreiheit grundsätzlich in der Gestaltung ihrer Lehre frei sind."

Aber widerspricht diese Vorgehensweise nicht eindeutig den Leitlinien des Freistaates Bayern? Muss die Uni dann nicht einschreiten? Antwort: "Sollten Beschwerden von Studierenden mit konkreten Anhaltspunkten für eine Benachteiligung an die Universität herangetragen werden, würde diesen – je nachdem, wie sich der jeweilige Fall darstellt – nachgegangen werden."

Aber genau das ist nie passiert. Denn nach Deutschlandfunk-Kultur-Informationen hatten mehrere Studenten im Seminar offen Kritik am Gender-Zwang geübt. Und mindestens eine Studentin hatte einen Beschwerdebrief an die Uni geschickt. Allerdings anonym – aus Angst vor Repressionen der Dozentin. Die Uni reagierte nicht. Der Bewertungsbogen ist an der LMU weiterhin gültig.

Warum also schrieb Markus Rinderspacher von der Bayern-SPD, es gebe an Bayerns Universitäten keinen Gender-Strafzettel? Rinderspacher verweist auf die Antwort des bayerischen Wissenschaftsministeriums auf seine parlamentarische Anfrage. Dort steht wörtlich:

"Aus dem Kreis der Studierenden wurden an die Staatsregierung Hinweise herangetragen, dass Sprach-Leitfäden zu gendergerechter Sprache durch Korrekturhinweise Bewertungsmaßstäbe setzen und sich negativ auf die Prüfungsergebnisse auswirken könnten."

Wie Rinderspacher daraus die Schlussfolgerung ziehen konnte, es gebe an Bayerns Unis keinen Gender-Strafzettel, bleibt sein Geheimnis.


Der Beitrag von Deutschlandfunk Kultur endet mit der Einschätzung, dass Söder sich nach der Bundestagswahl nicht mehr für die Studenten einsetze, die sich vom Genderzwang belastet fühlen, weil er befürchte, mit diesem Thema Wechselwähler abzuschrecken.



5. Wo Männlichkeit zunehmend als "toxisch" gilt, muss der Schokoladen-Weihnachtsmann natürlich auch allmählich seinen Platz räumen. So verkauft eine Berliner Firma stattdessen einen geschlechtsneutralen Weihnachtsmensch, von dem sich hoffentlich niemand getriggert fühlt.



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