Montag, Juli 13, 2026

"Es kann nicht sein, dass wir Frauen heute sagen, die Männer müssen uns verteidigen"

1. Der SPIEGEL hat die Historikerin Karen Hagemann unter anderem zu Frauen im Krieg interviewt. Ein Auszug:

Hagemann: Ja, viele sahen sich selbst als Opfer und wiesen die Verantwortung für Vernichtungskrieg und Holocaust allein der NSDAP-Führung zu. In meinem Buch "Vergessene Soldatinnen" zeige ich, dass viele deutsche Wehrmachtshelferinnen und Rotkreuzschwestern auch nach Kriegsende erstaunlich wenig reflektierten, was geschehen war. Sie betonten, "nur ihre Pflicht" getan zu haben und Befehlen gefolgt zu sein.

SPIEGEL: Sie schreiben, dass bis 1945 rund 500.000 Frauen als Wehrmachtshelferinnen dienten. Was waren das für Frauen?

Hagemann: Das waren junge, ledige Frauen, die zumeist im Bund Deutscher Mädel sozialisiert worden waren und sich zunächst überwiegend freiwillig meldeten. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 stieg der Personalbedarf der Wehrmacht so stark, dass immer mehr Frauen im In- und Ausland in Administration, Logistik und Kommunikation an die Stelle von männlichen Soldaten traten, die für den Fronteinsatz freigesetzt wurden. Ab Herbst 1943 wurden sie auch in der Luftwaffe und ab 1944 in der Flugabwehr eingesetzt. Rund 160.000 leisteten hier gegen Kriegsende de facto Dienst an der Waffe. Offiziell durften sie aber nicht den Abzug betätigen, Frauen sollten gemäß der NS-Ideologie nicht töten.

SPIEGEL: Wieso konnten sich deutsche Frauen trotz ihrer umfangreichen Kriegsunterstützung nach 1945 als Opfer darstellen und ihre Mittäterschaft verleugnen?

Hagemann: In der Geschlechterideologie herrschte die alte Vorstellung von den Männern als "Kriegern" vor, die Nation, Familie und Frauen beschützen. Eine Anerkennung weiblicher Mitverantwortung an Krieg und Holocaust hätte diesen Mythos infrage gestellt, dass zumindest die weibliche Hälfte der Gesellschaft im "NS-Männerstaat" unbeteiligt an dessen Verbrechen gewesen sei. Auch die westlichen Alliierten teilten diese Geschlechterideologie.

(…) SPIEGEL: Ist eine Wehrpflicht nur für Männer noch zeitgemäß?

Hagemann: Nein, ich halte eine "geschlechterneutrale Wehrpflicht" für Männer und Frauen für zeitgemäßer, mit dem Zivildienst als Alternative. Es kann nicht angehen, dass wir Frauen uns heute noch hinstellen und sagen, die Männer müssen uns verteidigen. Allerdings müsste dafür in Deutschland nicht nur das Grundgesetz geändert werden, auch die Militärkultur müsste sich weiter wandeln. Die Bundeswehr muss, unterstützt von Politik und Gesellschaft, jede Form von Sexismus, Antisemitismus und Rechtsradikalismus noch stärker bekämpfen, wenn sie Frauen in den Streitkräften halten will.




2. Der Ukraine geht es anscheinend nach wie vor so gut, dass ma sich dort über solche Fragen keine Gedanken zu machen braucht. An die Front schickt man auch dort wie selbstvertändlich allein Mäner und keine Frauen. Allerdings wächst der Widerstand gegen die immer brutaleren Methoden:

Die Spannungen in der Ukraine nähern sich einem Siedepunkt, nachdem Bürger am Donnerstagabend in der westukrainischen Stadt Lwiw gegen das verpflichtende Einberufungsprogramm von Präsident Wolodymyr Selenskyj protestierten und es zu Ausschreitungen kam.

Eine Demonstration gegen die Mobilisierung eskalierte, als eine größere Menschenmenge Rekrutierungsoffiziere angriff, deren Fahrzeug umstürzte und beschädigte. Auslöser der spontanen Auseinandersetzung: Ein Mitglied des Rekrutierungsteams – Berichten zufolge ein Kampfsporttrainer – soll einen Mann auf offener Straße geschlagen haben.

In den sozialen Medien der Ukraine kursieren inzwischen zahlreiche Videos, die zeigen sollen, wie Mitarbeiter der Territorialen Rekrutierungszentren (TCK) Männer auf der Straße festhalten, misshandeln und gewaltsam in Transporter zwingen. Dieses Vorgehen wird umgangssprachlich als "Bussifizierung" bezeichnet.

Häufig versuchen Ehefrauen, ältere Frauen oder Passanten einzugreifen, um die Betroffenen zu befreien – meist ohne Erfolg. Die Rekrutierten werden anschließend in Verarbeitungszentren gebracht, wo sie unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht, nur kurz militärisch ausgebildet und anschließend an die Front geschickt werden. Berichten zufolge beträgt die Lebenserwartung vieler dieser unerfahrenen Soldaten lediglich wenige Wochen.

(…) Julia Mendel, ehemalige Pressesprecherin Selenskyjs und inzwischen eine scharfe Kritikerin ihres früheren Vorgesetzten, (…) kritisiert (…) das System der Zwangsrekrutierung deutlich und gehört damit zu den wenigen prominenten ukrainischen Stimmen, die offen Widerspruch äußern.

Die Behörden reagierten hart auf die Ausschreitungen in Lwiw. Das Verteidigungsministerium, Strafverfolgungsbehörden und Regierungsvertreter betonen, die Lasten des Krieges müssten von allen gleichermaßen getragen werden. Wer dagegen protestiere, leiste letztlich "die Arbeit des Kreml", so das Credo. Ein 23-jähriger Teilnehmer der Proteste wurde festgenommen; ihm drohen bis zu acht Jahre Haft.


Währenddessen arbeiten Merz und Selenskyj weiter an Rückführungen, um ukrainische Männer zurück in den Krieg zu schicken.



3.
Einst waren Frauen in Forschung und Wissenschaft benachteiligt. Mittlerweile haben zahlreiche wissenschaftspolitische Anreize nicht nur eine Trendwende gebracht. Sie lassen männliche Forscher ins Hintertreffen geraten – CICERO hat mit einem jungen Wissenschaftler darüber gesprochen.


So beginnt ein Beitrag Jan Uphoffs in diesem Magazin. Ein Auszug daraus:

Dass er sich mit seinem Anliegen ausgerechnet CICERO anvertraut, war für ihn nicht selbstverständlich. Ursprünglich habe er das Thema deutlich breiter platzieren wollen – gerade auch in Medien, die sich selbst als progressiv verstehen und Quotenregelungen im öffentlichen Dienst grundsätzlich befürworten. Doch auf seine Anfragen habe es kaum Reaktionen gegeben – häufig nicht einmal eine Antwort. Auf CICERO sei er schließlich eher zufällig gestoßen, erzählt er leicht amüsiert. Nun ist er hierhergekommen, um von seinen ganz persönlichen Erfahrungen aus dem System zu berichten.

Derzeit, erklärt er, sehe er sich an deutschen Universitäten nach einer Professur in einem sogenannten MINT-Fach um. Doch schon länger stoße er bei der Stellensuche wieder und wieder auf die gleiche Hürde: "Bei Ausschreibungen steht mittlerweile fast immer der Satz, dass bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt werden."

(…) Um seine Aussagen zu bestätigen, reicht ein zufälliger Blick auf Ausschreibungen der Universität Bremen. In einer Stellenausschreibung für "eine/n Professorin/Professor (w/m/d) für das Fachgebiet Molekulare Botanik" etwa heißt es dort: "Die Universität Bremen beabsichtigt, den Anteil der weiblichen Beschäftigten in Spitzenpositionen zu erhöhen, weshalb Frauen ausdrücklich aufgefordert werden, sich zu bewerben. Bei gleicher Qualifikation werden Frauen vorrangig berücksichtigt, sofern nicht in der Person eines Mitbewerbers liegende Gründe überwiegen."

(…) Diese Tendenz kritisieren nicht nur Männer. Eine junge Wissenschaftlerin bestätigt auf Anfrage gegenüber CICERO die Vorwürfe des eingangs zitierten Wissenschaftlers: "Ich habe den Eindruck, dass ich im Uni-Kontext mittlerweile zu der privilegiertesten sozialen Gruppe zähle und es derzeit niemand in den Naturwissenschaften so leicht hat wie ich als Frau." Durch die gezielte Förderung fühle sie sich eher weniger ernst genommen. Dadurch würde immerhin impliziert, dass fachliche Eignung nicht genüge, um Frauen einzustellen. "Wenn ich in Zukunft für eine Stelle ausgewählt werde, muss ich mich also immer fragen, ob das eine Anerkennung meiner Leistungen und Fähigkeiten ist, oder ob ich als Frau zur Erfüllung ihrer Quoten gebraucht wurde."

(…) Für die Universitäten lohne es sich dennoch, die politischen Zielvorgaben sichtbar zu erfüllen und Frauen den Vorzug zu gewähren. Viele Fakultäten und Institute stünden unter immensem Druck, Gleichstellungsziele nicht nur zu formulieren, sondern gegenüber ehrgeizigen Ministerien oder im Wettbewerb mit anderen Bildungsstätten auch nachweisbar umzusetzen. Wo Bewertungsspielräume ohnehin vorhanden seien, falle die Personalentscheidung schnell nicht mehr nur entlang objektivierbarer Kriterien, sondern bewege sich zwangsläufig auch im Feld der gesetzten Erwartungen.

Hinzu kommt für Hochschulen der finanzielle Anreiz: Das Berliner "Chancengleichheitsprogramm 2021–2026" zum Beispiel stellt jährlich Fördermittel von bis zu 3,8 Millionen Euro bereit mit dem Ziel, "den Frauenanteil auf allen Karrierestufen der Wissenschaft sowie in Führungspositionen zu erhöhen und Gender-Aspekte stärker in Forschung und Lehre zu verankern".

Ergänzt wird der Fonds durch ein System leistungsbasierter Landeshochschulfinanzierung, in dem Gleichstellung zum messbaren Kriterium wird: Für die Berufung einer W2- oder W3-Professorin etwa werden – je nach Frauenanteil im jeweiligen Fach – Prämien zwischen 250.000 und 350.000 Euro gezahlt. Hinzu kommen laufende Zuschläge von bis zu 40.000 Euro pro unbefristete Professur sowie 20.000 Euro für befristete Stellen, jeweils bis zu einer Zielquote von 50 Prozent.

Besonders gut sichtbar wird das Anreizsystem durch die aktuellen Berufungen. Dazu nur einige Zahlen: Die TU Darmstadt besetzte ihre vakanten Lehrstühle zu 46 Prozent mit Frauen, obwohl sich deren Anteil an den Bewerbungen nur auf 26 Prozent belief; an der TU Berlin wurden im Jahr 2025 insgesamt 18 Personen neu berufen, darunter vier Männer und 14 Frauen. Und an der Freien Universität Berlin entfielen 2023 bereits 54 Prozent aller Rufannahmen auf Frauen, bei sogenannten Tenure-Track-Professuren – also zunächst befristeten Professuren mit Aussicht auf eine spätere dauerhafte Übernahme – sogar 60 Prozent.

(…) In eine ganz ähnliche Richtung gingen auch die Stellenausschreibungen vieler Institute, berichtet der eingangs erwähnte Nachwuchswissenschaftler aus dem Café. Mittlerweile sehe er sogar Forschungseinrichtungen, die eigentlich neutrale Stellen über soziale Medien mit Slogans wie "Frauen, bewerbt euch!" oder vergleichbaren Formulierungen bewerben. Für Männer bedeute das faktisch, dass sie gar nicht mehr adressiert werden, findet er.

(…) Je länger man sich durch Richtlinien, Ausschreibungen und Förderlogiken arbeitet, desto weniger abwegig wirkt die Einschätzung der Betroffenen in diesem Text. In einigen Fächern scheint es für Männer inzwischen schwerer geworden zu sein, eine Professur zu erhalten, als für Frauen. Dass dieser Trend keineswegs auf Deutschland beschränkt ist, legt ein Blick nach Schweden nahe, wo es vergleichbare Förderprogramme gibt und eine viel beachtete Studie zu bemerkenswerten Ergebnissen kam.

Der Ausgangspunkt der Untersuchung "Sex differences in the number of scientific publications and citations when attaining the rank of professor in Sweden" von Guy Madison und Pontus Fahlman aus dem Jahr 2021 war eine einfache Annahme: Wenn Frauen beim Aufstieg zur Professur strukturell benachteiligt sind, müssten diejenigen, die es dennoch schaffen, im Durchschnitt stärkere wissenschaftliche Leistungen vorweisen als ihre männlichen Kollegen. Bleibt ein solcher empirisch nachweisbarer Vorsprung jedoch aus oder schneiden Männer sogar besser ab, spricht das gegen die These der höheren Hürden für Frauen.

(…) Das Ergebnis fiel eindeutig aus: In 33 von 36 Einzelvergleichen lagen Männer bei Publikationszahl, Zitationen oder h-Index vorn. In den zentralen statistischen Auswertungen zeigten sechs von zwölf Kennzahlen signifikante Vorteile für Männer, kein einziger hingegen für Frauen. Besonders deutlich war der Abstand in der Medizin, wo Männer je nach Kennzahl 64 bis 80 Prozent mehr Publikationen, 42 bis 260 Prozent mehr Zitationen und einen bis zu 83 Prozent höheren h-Index aufwiesen. Die Autoren folgerten daraus, dass sich die These höherer wissenschaftlicher Hürden für Frauen nicht bestätigen lässt.

(…) Damit gerät zumindest die verbreitete Erzählung ins Wanken, Frauen müssten sich im Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich gegen höhere Leistungshürden durchsetzen als ihre männlichen Mitbewerber. Die Untersuchungen aus Schweden und anderen Ländern vermitteln gerade wegen ihrer teils unterschiedlichen Ergebnisse ein Bild, das deutlich komplexer und weniger eindeutig ist, als es viele Förderprogramme und Gleichstellungsdebatten nahelegen.

(…) Je dichter das Geflecht aus Zielquoten, Förderanreizen und Bevorzugungsregeln wird, und je schwerer sich gleichzeitig strukturelle Benachteiligung nachweisen lässt, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass nicht mehr nur bestehende Ungleichheiten korrigiert, sondern womöglich längst neue geschaffen werden.




4. Jan Fleischhauer spricht in seiner aktuellen Kolumne auch über die neueste Hysterie über Dieter Nuhr, diesmal nachdem dieser den Kampfbegriff "Femizid" satirisch hinterfragte:

Dieter Nuhr hat Ferien in Frankreich verbracht. Hätte er sich doch für Italien entschieden. Oder Holland. Oder Belgien. Dann hätte man gesagt: okay. Aber Frankreich?

"Der Kabarettist befindet sich derzeit in Frankreich – ausgerechnet dem Land, in dem vor wenigen Monaten ein Mann verurteilt wurde, der seine Frau über Jahre betäubte und fremden Männern im Internet für Vergewaltigungen anbot", stand in einem Kommentar bei n-tv.

Belgien wäre beim zweiten Nachdenken auch nicht besser gewesen. Wofür ist das Land bekannt? Pommes, Pralinen und Päderasten, in der Reihenfolge. In Italien steht nach landläufiger Medienmeinung eine Faschistin an der Spitze. Am besten bleibt man zu Hause, wenn die Humorpolizei einen in ihrer Verdächtigenkartei führt. Dann ist nicht einmal die Wahl des Urlaubsortes eine harmlose Sache.

Nuhr steht seit Längerem unter Beobachtung. Wer sich über Grüne lustig macht, lebt gefährlich. Jetzt heißt es, er habe den Bogen endgültig überspannt. Angeblich hat er einen Witz über Femizide gemacht. Das ist der Vorwurf, so steht es im "Spiegel", dem "Stern", der "Zeit". Sogar die "FAZ" schrieb, Nuhr sei unterste Schublade, nur, wie bei der "FAZ" üblich, mit mehr Worten. Ich habe dem entnommen, dass man auch im Feuilleton in Frankfurt "Nuhr im Ersten" schaut. Hätte ich nicht gedacht.

Tatsächlich hat sich Nuhr darüber ausgelassen, dass jeder Mann im grünen Milieu als Täter gilt. Ich würde sagen: kein ganz unbedeutender Unterschied. Aber so leicht will man ihn nicht davonkommen lassen. Jeder Witz über das Geschlechterverhältnis ist ein Witz zu viel.




5. Beim SPIEGEL diskutieren Familienanwältin Asha Hedayati und Strafverteidiger Mathis Bönte darüber, "was gegen gewalttätige Männer hilft". Betitelt ist der Artikel mit dem aus Sicht der SPIEGEL-Redaktion offenbar entscheidenden Argument: "Was Sie sagen, macht mich wirklich wütend." (Da das Internet-Archiv gerade wieder Probleme macht, steht der Artikel für Nicht-Abonnenten des SPIEGEL nur im Anriss online. Ich hoffe, dass alle anderen Links auf externe Beiträge heute weiter funktionieren.) Ein Auszug aus dem Gespräch:

SPIEGEL: Sie begleiten als Mediatorin hetero­sexuelle Paare in der Trennungsphase. Wie laufen diese Termine ab?

Hedayati: Meistens gleich: Die Frau weiß, was das Problem ist, und kann genau erklären, woran die Beziehung gescheitert ist. Der Mann fällt entweder aus allen Wolken oder kann nicht formulieren, wie es ihm geht, weil er keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat. Das sind 40, 50, 60 Jahre alte Männer, ­ keine Sechsjährigen. Wenn sie aber keine Empathie für sich selbst haben, wie sollen sie dann Empathie für ihr Gegenüber entwickeln?

Bönte: Da haben Sie meinen wesentlichen Punkt genannt. Wir brauchen mehr Mitgefühl mit Jungs und Männern, auch damit sie mehr Mitgefühl für andere empfinden können.

Hedayati: Wenn ich sage, dass Männer Zugang zu ihren Gefühlen lernen müssen, meine ich damit kein Mitleid für Gewalttäter. Die müssen in erster Linie Verantwortung übernehmen. Und das muss bereits früh beginnen: Schon in der Erziehung von Jungen sollte ihnen sowohl Empathie als auch Verantwortung vermittelt werden. Denken Sie an die schreckliche Tat in Stade ...

SPIEGEL: Ende Juni hat ein Mann sechs Menschen in einer Mutter-Kind-Einrichtung in der niedersächsischen Stadt erschossen. Seine drei Monate alte Tochter war dort gemeinsam mit der Mutter untergebracht.

Hedayati: Dieser schreckliche Fall zeigt einmal mehr, dass wir männliche Anspruchshaltung und Macht und Kontrolle nicht ernst genug nehmen. Die Opfer arbeiteten in der Einrichtung oder beim Jugendamt. Die Tat richtete sich also gegen das ganze Schutz- und Unterstützungssystem, das sowieso chronisch unterfinanziert ist.

Bönte: Als Anwalt ist es meine Aufgabe zu verstehen, wie es zu einer Tat gekommen ist, wieso jemand zum Gewalttäter wird, welche Verletzlichkeit dahintersteckt. Dazu muss ich seine Geschichte kennen und mich in ihn hineinversetzen. Worin ich Ihnen aber zustimme: Meine Mandanten können das selbst oft gar nicht in Worte fassen. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Mandanten erinnern, der seine Frau getötet hatte – für mich lag auf der Hand, dass er einfach am Ende war. Er kam aus einer armen Familie und hatte das Gefühl, ohne Geld sei man nichts wert. Er hatte wahnsinnig Angst davor, Unterhalt für seine Kinder zu zahlen. Ich kenne das von mir.

SPIEGEL: Inwiefern?

Bönte: Ich komme auch aus einer Familie mit wenig Geld. Und obwohl ich als Berufseinsteiger gut verdient habe, hatte ich Angst, meine Frau und Kinder nicht versorgen zu können. Ich konnte darüber mit meiner Frau sprechen, und sie hat mich in den Arm genommen. Mein Mandant hingegen hatte das Gefühl, auch vor seiner Frau keine Schwäche zeigen zu dürfen. So wurde der Druck, der Stress immer größer. Und nach der Trennung sah er keinen Ausweg mehr, weil er komplett überfordert war. Das steckt typischerweise hinter diesen Frauentötungen: Die Männer wissen nicht mehr weiter, sie befinden sich in einer ausweglosen Lebenssituation. Das können sie sich aber nicht eingestehen – als Mann ist man nicht verzweifelt, man ist nicht schwach. Darum redet man irgendeinen Unsinn und gibt der Frau die Schuld. Die Debatte über Femizide, wie wir sie gerade führen, bringt uns in dieser Hinsicht nicht weiter.

SPIEGEL: Herr Bönte, wie meinen Sie das?

Bönte: Die Gefühle der Verzweiflung und Ausweglosigkeit werden negiert, damit die Täter wegen Mordes bestraft werden können. Wenn wir ein anderes Männerbild wollen, bringt das aber nichts. Dann müssten wir den Zusammenhang deutlicher machen zwischen der Verletzlichkeit der Täter und den Taten. (…) Mich stört etwas anderes: Männer werden benachteiligt, wenn sie erst mal vor Gericht stehen, besonders in Strafverfahren.


(Bönte hat Recht.)

Hedayati: Ich weigere mich, diese Aussage hier so stehen zu lassen. Es geht mir nicht darum, Ihnen Ihre Erfahrungen abzusprechen, aber wir leben in einem System, in dem Männer strukturell mehr Macht haben und in dem männliche Gewalt allgegen­wärtig ist. Jede vierte Frau erlebt in Deutschland mindestens einmal im Leben Partnerschaftsgewalt. In diesen Strukturen von einer Benachteiligung von Männern zu sprechen, ist absurd.

Bönte: Wenn ich Frauen verteidige, wundere ich mich oft, wie leicht das ist, selbst wenn ich den Eindruck habe, dass sie nicht unschuldig sind. Bei Männern mühe ich mich häufig wahnsinnig ab. Gerade wenn das vermeintliche oder tatsächliche Opfer weiblich ist, gerade wenn es um häusliche Gewalt geht.

SPIEGEL: Und das soll woran liegen?

Bönte: An Geschlechterstereotypen. Männer gelten eher als durchsetzungsstarke Macher. Im Berufsleben haben sie davon lange profitiert. Im Strafverfahren aber ist der Macher der Täter. Frauen hingegen werden eher als schutzbedürftige Opfer angesehen. Sie bekommen auch leichter Mitgefühl. Das lässt sich gut in experimentellen Studien zeigen: Einen Mann, der seine Partnerin tötet, verurteilen Probanden härter als eine Frau, die ihren Partner tötet.

Hedayati: Es fällt mir schwer, Ihnen zuzuhören. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Nur ein Prozent der Vergewaltigungen wird verurteilt. Und die Betroffenen sind zu 98 Prozent Frauen.


(Heydatai hat Unrecht.)

Bönte: Ich berichte mal aus einem für mich schockierenden Verfahren. Mein Mandant hatte sich von seiner Frau getrennt, nutzte aber noch einen Büroraum im gemeinsamen Haus. Eines Tages wollte seine Frau ihn zwingen, einen Call mit seinen Chefs abzubrechen. Er soll dann die Tür zu seinem Büro zugedrückt haben. Ihr Arm soll dabei eingeklemmt worden sein. Sie rief die Polizei und ließ sich mit einem blauen Fleck ins Krankenhaus bringen. In die Fußball-Chatgruppe des gemeinsamen Sohns hat sie geschrieben, dass es zu einem Polizeieinsatz wegen »häuslicher Gewalt« gekommen sei. Ich hatte selten so stark das Gefühl wie in diesem Strafverfahren, dass die Richterin und die Staatsanwältin voreingenommen waren. Und was mich besonders mitgenommen hat: Letztlich ist es seiner Frau gelungen, seinen Kontakt zur gemeinsamen Tochter zu unterbinden.

Hedayati: Was Sie sagen, macht mich wirklich wütend.

Bönte: Warum? Mir ist klar, dass es schlimme Fälle häuslicher Gewalt gibt. Aber glauben Sie nicht, dass Gewaltvorwürfe manchmal aufgebauscht oder erfunden werden, um einen Mann in Trennungssituationen aus dem Haus rauszubekommen und von den Kindern zu entfremden?

Hedayati: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es Fälle gibt, in denen Mütter lügen. Wütend macht mich, dass Sie einen Einzelfall beschreiben und damit das große strukturelle Problem wegwischen.

(…) Bönte: Bei Dunkelfeldbefragungen sagen ähnlich viele Männer wie Frauen, dass sie schon mal Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden sind. Dennoch gehe auch ich davon aus, dass Männer häufiger und extremer gewalttätig werden. Aber warum? Weil sie oft intensiver verletzt sind, gerade nach Trennungen. Sie fühlen sich abgeschrieben, weil sie sozial abseits der Partnerschaft kaum eingebunden sind. Deswegen bringen sich Männer nach Trennungen auch deutlich häufiger um als Frauen.

Hedayati: Ich als Frau trage nicht die Verantwortung dafür. Und erst recht nicht dafür, dass die Gewalt endet. Das müssen die ­Täter tun. Meine Mandantinnen haben oft jahrelang dafür gekämpft, dass ihr Partner Therapie macht, sie haben versucht, ihn glücklich zu machen, ihn zu heilen, damit er endlich aufhört. Die zeigen Mitgefühl, bis sie getötet werden. Das kann doch nicht wahr sein. Die Scham muss die Seite wechseln. Aber dasselbe gilt für die Verantwortung.

Bönte: Wir sind uns völlig einig über das Ziel: Wir wollen diese schlimmen Taten verhindern. Wir streiten nur über den Weg. Ich werbe dafür, die Täter nicht einfach zu verdammen, sondern ihre Taten nachzuvollziehen. Einfach weil ich es für unklug hielte, die Härten auszublenden, die Männer zu toxischen Typen werden lassen.

(…) SPIEGEL: Die Soziologin Lena Hipp hat in einer Studie gezeigt, dass der Datingerfolg von Männern stärker als der von Frauen davon abhängt, ob sie in einem geschlechterstereotypen Beruf arbeiten. Grundschullehrer kommen schlechter an als Ingenieure.

Hedayati:  Frauen sind ja nicht doof. Viele haben in unserer Gesellschaft aus strukturellen Gründen vergleichsweise geringe Verdienstchancen. Da ergibt es Sinn, die Familie mit einem Mann zu gründen, der mehr Geld einbringt.

Bönte: Wir debattieren zu Recht sehr viel darüber, was es für einen Druck auf Mädchen und Frauen ausübt, schön sein zu müssen. Aber viel zu wenig darüber, welchen Druck es für Jungen und Männer bedeutet, durchsetzungsfähig und erfolgreich sein zu müssen. Als ich zu meiner Schulzeit von anderen Jungen massiv gemobbt und geschlagen wurde, hatte ich bei Mädchen keine Chance. Als ich Klassensprecher war, lief es gut. Auch als ich AG-Leiter an der Uni wurde, hatte ich Erfolg. Wenn wir über den antifeministischen Influencer Andrew Tate sprechen, dem so viele Jungen folgen, dann müssen wir auch darüber sprechen, dass Alphatypen wie er absurderweise Erfolg bei Frauen haben.

Hedayati: Da gehe ich mit! Unser Wirtschaftssystem belohnt Macht und Dominanz, das begünstigt dominante Männer und letztlich auch männliche Gewalt. Leider gibt es kaum Anlaufstellen für Männer, die sich Hilfe suchen wollen, um nicht wieder gewalttätig zu werden. Kürzlich saß ich mit einem Psychologen auf einem Podium, der gern in Schulen ein Projekt zu problematischer Männlichkeit anbieten würde, zu den Konkurrenzkämpfen, den Rangeleien, dem Mobbing. Aber er kriegt es nicht finanziert.

(…) Bönte: Natürlich steht häufig Aussage gegen Aussage, das macht es schwer, die Erfolgsaussichten einzuschätzen. Und ich hatte schon mit Fällen zu tun, bei denen ich mir unsicher war, ob die Vergewaltigungsvorwürfe zutrafen.

SPIEGEL: Ach ja?

Bönte: In vielen Fällen hat sich die Frau zögernd und halbherzig auf etwas eingelassen, mit dem sie sich hinterher unwohl fühlt. Sie hat vielleicht sogar schon währenddessen mal Nein gesagt, aber stellenweise auch ziemlich aktiv mitgemacht. Und später deutet die Frau das Geschehene dann in ein Sexualdelikt um.

Hedayati: Ich weiß echt nicht, in was für einer Lebensrealität Sie unterwegs sind. Es mag einzelne Falschbeschuldigungen geben, aber nur circa fünf Prozent der Gewalt in Partnerschaften werden überhaupt angezeigt; das Dunkelfeld ist riesig, und von den angezeigten Taten wird nur ein verschwindend kleiner Anteil verurteilt. Es ist also um ein Vielfaches wahrscheinlicher, dass eine Frau vergewaltigt wird, ohne dass es je zur Verurteilung kommt, als dass ein Mann einer Vergewaltigung falsch beschuldigt wird.

(…) Bönte: Traditionelle Männlichkeit ist verknüpft mit jenem Statusdenken, das uns auch in der Klimakrise das Leben schwer macht. Ich will nicht, dass der Laden uns wegen all der Traditionstypen irgendwann explodiert. Und ich halte ein Gegenmittel für unverzichtbar: mehr Mitgefühl mit Männern, auch mehr Mitgefühl der Männer mit sich selbst. Sie müssen sich selbst verzeihen, wenn sie Misserfolge haben oder scheitern.

SPIEGEL: Sie verteidigen männliche Gewalttäter, aber eigentlich wollen sie das Patriarchat stürzen?

Hedayati: Darauf könnten wir uns einigen: Das Patriarchat muss stürzen.




6. Auf Youtube ging gestern ein Video online, das zeigt, wie sich der Grund, warum Männer sich von ihrer Partnerin trennen, im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Dasselbe gibt es auch von der entgegengesetzten Seite und ist ähnlich aufschlussreich.



7. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir:

Lieber Arne Hofffmann,

ich öffne täglich deinen Blog, weil ich mich für Zeitgeschehen interessiere, und du bist hart dran am Zeitgeschehen. Bei dir lese ich Nachrichten, die mich sonst nicht erreichen würden. Nicht alle interessieren mich, manche aber sehr. Deinen grundsätzlichen Standpunkt teile ich, ohne mich als Männerrechtler zu sehen. Frauenrechtler bin ich auch nicht.

Jetzt zum Artikel: "Grüne: Männermanifest spaltet die Partei."

"Anton Hofreiter boxt für die Kameras, Felix Banaszak gibt dem Playboy ein Interview, ein Bundestagsabgeordneter postet Kniebeugen aus dem Fitnessstudio in Prenzlauer Berg.“

Was ist das für eine antiquierte Vorstellung von Männlichkeit? Ja, ich weiß, es gibt unter jugendlichen Männern gerade eine Fittness- und Bodyforming-Welle, bei den Mädels ja auch. Vielleicht erreichen die tatsächlich ein paar Leute. Aber Boxen und Liegestütze sind für mich eine Form von Überkompensation gegenüber eigenen weiblichen Anteilen.

Nicht, dass ich mich nicht fit hielte.

Und der Playboy ist ein katholisches Frauenmagazin gegenüber dem, was junge Männer heute im Netz geboten bekommen.

Schnelle Autos – was hat das mit Männlichkeit zu tun? Natürlich kann jemand, der bei bestimmten Hormonen einen Überrschuss hat, ein bisschen was damit ablassen. Soll er. Ich hab nichts gegen schnelle Autos. Wenn mir jemand mit seinem Mercedes SL auf der Autobahn zwei Meter hinten auffährt, ist das nicht männlich. Das ist 'ne verkappte Tunte.

Ich sehe mich als Mann. Und zwar nicht aufgrund der Muskelmasse. Das ist in erster Linie eine psychologische Angelegenheit. Männer und Frauen sind psychologisch verschieden. Und natürlich sind wir alle Mischformen, es gibt sehr männliche Männer und sehr männliche Frauen, weiche Männer und weiche Frauen und alles Mögliche dazwischen.

Wenn die Grünen jetzt auf Werte aus dem wilhelminischen Zeitalter zurückgreifen, muss die Not wirklich groß sein. Die haben jeden Bezug zu Männlichkeit und Weiblichkeit verloren und orientieren sich an ihren Urgroßvätern.




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Freitag, Juli 10, 2026

Grüne: Männer-Manifest spaltet die Partei

1. Das politische Magazin CICERO kommentiert das Männermanifest der Grünen. Ein Auszug:

Jahrelang hieß es, die Union habe ein Frauenproblem. Die FDP habe ein Frauenproblem. Friedrich Merz habe eines, und Christian Lindner hatte es auch gehabt. Jeder Mann rechts der Mitte, der auf irgendeine altmodisch überhebliche Art unsympathisch wirkte, musste sich diese Diagnose gefallen lassen. Jetzt ist sie endlich einmal umgedreht. Nach Jahren, in denen Männlichkeit im progressiven Milieu fast ausschließlich als Problem vorkam, entdeckt die Frauenpartei plötzlich den Mann als Zielgruppe.

Dreizehn Parteimitglieder, unter ihnen die Vorsitzende Franziska Brantner und ihre Vorgängerin Ricarda Lang, haben ein Manifest verfasst, das ein "positives Bild moderner Männlichkeit" einfordert. Anton Hofreiter boxt für die Kameras, Felix Banaszak gibt dem Playboy ein Interview, ein Bundestagsabgeordneter postet Kniebeugen aus dem Fitnessstudio in Prenzlauer Berg. Der Grund ist demoskopisch: 25,2 Prozent der Männer zwischen 18 und 24 wählten bereits bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Grünen verlieren sie fast vollständig.

Die Antwort der Partei? Männlichkeit auf Konsumästhetik reduzieren. Boxen, Pumpen, schnelle Autos, der "Playboy", das alles ist erlaubt, verkündet das Manifest. Die Selbstkritik dahinter ist ungewöhnlich offen: Man habe Männlichkeit jahrelang nur als „toxisch“ beschrieben, nie ein positives Gegenbild angeboten. Nur trägt diese Einsicht kaum über die Oberfläche hinaus, denn am Ende werden Männer auf ihre sichtbarsten Klischees reduziert. Das Ergebnis wirkt unfreiwillig komisch, als hätten sie all die Jahre nur auf die Erlaubnis gewartet, endlich Bizeps zeigen zu dürfen.

(…) Schon der Rahmen, in dem diese Debatte geführt wird, fühlt sich wie eine Anmaßung an. Frauen driften seit Jahren stärker nach links als Männer nach rechts. Auch sie erreichen klassische Meilensteine des Erwachsenseins wie Ehe und Kinder deutlich später und seltener als zuvor. Doch niemand kommt auf die Idee, von einer "Krise der Weiblichkeit" zu sprechen.

Denn eine als strukturell benachteiligt definierte Gruppe bekommt ihre Krise grundsätzlich von außen zugeschrieben, durch einen Unterdrücker. Mitverantwortung anzunehmen wäre in dieser Logik fast wie ein Kategorienfehler. Männer auf der anderen Seite gehören zur Täterklasse, weshalb ihre Probleme als Symptom eigener Schuld gelten. Das ist ein profundes Dilemma für die Grünen, mehr, als ihnen bewusst ist. Das erkennt man an Sätzen wie "Sei kein Arschloch", den der Parteivorsitzende Felix Banaszak in seinem Interview mit "Playboy" fallen ließ. Noch bevor der Adressat etwas gesagt oder getan hat, erscheint er als potenzieller Täter, dessen erste Aufgabe in der Selbstdisziplinierung besteht. Der gute Mann zeichnet sich nicht durch positive Eigenschaften aus, sondern dadurch, dass von ihm bloß nichts Negatives ausgeht.

Diese Sicht auf den Mann ist über Jahrzehnte institutionell eingeübt worden. Bis heute sind die Grünen die einzige Bundestagspartei, deren Frauenstatut reine Frauenlisten ausdrücklich zulässt, reine Männerlisten jedoch kategorisch ausschließt. Jeder ungerade Listenplatz, einschließlich des ersten, ist Frauen vorbehalten.

(…) Dann gibt es auch noch die Geschichte aus dem Saarland: Dort traten die Grünen bei der Bundestagswahl 2021 gar nicht erst an. Die erste Landesliste – unter Führung eines Mannes – wurde parteiintern verworfen, unter anderem wegen Verstößen gegen das Frauenstatut. Die zweite, nun frauengeführte Liste kam nur zustande, weil 49 Delegierte eines Ortsverbands von der Abstimmung ausgeschlossen wurden. Der Bundeswahlausschuss verwarf am Ende die gesamte Landesliste, weil dieser Ausschluss selbst gegen demokratische Grundsätze verstieß. Das Frauenstatut erreichte damit etwas, wovon der politische Gegner nicht mal hätte träumen dürfen: Es schloss die eigene Landespartei von der Bundestagswahl aus.

Ähnliches wiederholte sich schließlich auf der Bundesebene, als es zur Wahl der Kanzlerkandidat*IN kam. Robert Habeck hatte bereits im Vorfeld erklärt, im Falle einer Kandidatur Annalena Baerbocks nicht anzutreten – und genau so kam es. Der Mann, der sechs Jahre Regierungserfahrung als Minister in Schleswig-Holstein vorweisen konnte, musste einer Frau den Vortritt lassen, die ihre Karriere ausschließlich über Parteiämter aufgebaut hatte. Zeitweise lagen die Grünen im ZDF-Politbarometer bei 27, kurz darauf sogar 28 Prozent, zum ersten Mal in der Parteigeschichte als stärkste Kraft im Land. Im Wahlkampf musste Baerbock einen aufgehübschten Lebenslauf korrigieren, verspätet gemeldete Nebeneinkünfte nachreichen und sich für abgeschriebene Passagen in ihrem eigenen Buch rechtfertigen. Der Effekt zeigte sich sofort in den Umfragen: Nur noch 22 Prozent hielten Baerbock für kanzlertauglich. Am Wahltag im September blieben von den einstigen 28 Prozent noch 14,8 übrig.




2. Genderama hat bereits angesprochen, dass dem grünen Männermanifest jegliches politische Ziel fehlt, was man für Jungen und Männer politisch erreichen möchte. Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend für diese drollige Partei, dass sie sich schon von einem derartig lauen Aufguss überfordert zeigt und es einem einflussreichen Flügel viel zu weit geht: "Positive Männlichkeit", hat man so was Verrücktes schon mal gehört!? Die feministische Fraktion der Grünen hat deshalb einen heftigen Streit darüber angezettelt:

Mancher Grüne will lieber gar darüber nicht reden. Von anderen heißt es: "War bei der Debatte gerade nicht im Saal", "Habe da gerade nicht genau zugehört" oder: "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich dazu nicht äußere".


Diese Verdruckstheit klingt nach einem ordentlichen Maß an Angst in der grünen Partei. Aber einige haben es gewagt, den Mund aufzumachen und zu berichten:

In der Fraktionssitzung am Dienstag wurde das Manifest hitzig diskutiert. So berichten es übereinstimmend mehrere Teilnehmer. Für Ärger sorgte zum einen, dass die Verfasser ihr Papier nicht mit den Fachsprecherinnen und -sprechern koordiniert hätten. Fraktionschefin Katharina Dröge wies eingangs darauf hin, dass andere für die Themen zuständig seien.

Kritisch äußerten sich danach unter anderem die Grünenparlamentarierinnen Lena Gumnior, Ulle Schauws und Kirsten Kappert-Gonther. "Die Mehrheit der Meinungsäußerungen war so zu verstehen, dass das nicht unser Männerbild ist, was da niedergeschrieben wurde", heißt es aus der Fraktion.


Grüne Frauen distanzieren sich von einem auch nur in Ansätzen positiven Männerbild. Wie überraschend.

Auch der Abgeordnete Sven Lehmann meldete sich in der Fraktionssitzung zu Wort. Vor 16 Jahren gehörte er zu den Verfassern des ersten grünen Männermanifests, in dem eine Gruppe männlicher Grüner mehr feministisches Engagement von den Geschlechtsgenossen forderte. Auch Lehmann denkt darüber nach, wie die Grünen angesichts des Rechtsrucks unter jungen Männern ein Männerbild definieren können, das weniger ausgrenzend ist. Neulich organisierte er dazu mit dem Abgeordneten Till Steffen ein Fachgespräch in der Fraktion.

Das neue Manifest hätte Lehmann wohl auch nicht unterschrieben, wenn er gefragt worden wäre. Jedenfalls sagte er nach Angaben von Sitzungsteilnehmern, der Vorstoß werfe die Debatte um Jahrzehnte zurück. Das Papier sei inhaltsleer und suggeriere, dass Männer Opfer des Feminismus geworden seien.


Ach Unfug. So viel Klartext ist in dem Manifest gar nicht zu finden.

In der Fraktion befürchten einige, das umstrittene Manifest könne eine differenzierte Debatte zu einem wichtigen Thema erstickt haben. Nicht nur würde man so keine jungen Männer gewinnen, man könne dadurch auch Frauen verlieren. Die Grünen würden in starkem Maße von Frauen gewählt, heißt es aus Kreisen der Bundestagsabgeordneten. "Das Papier hat nicht dazu beigetragen, dass es so bleibt", sagt ein Mitglied der Fraktion.


Bekanntlich können Frauen mit muskulösen Männern, die schnelle Autos fahren wenig anfangen.

Die Debatte über das Männlichkeitsbild vor den wichtigen Landtagswahlen im Osten zu führen, sei "fatal", heißt es. Man habe doch andere Probleme, die das Land beschäftigten: die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung, der Klimawandel, die wirtschaftliche Lage im Allgemeinen.


Das fällt allen Ernstes einer Partei ein, die jahrelang darüber diskutiert, ob "WählerInnen" oder "Wähler_innen" die bessere Sprache wäre.

Besonderen Ärger musste sich Anton Hofreiter anhören. Der Vorsitzende des Europaausschusses und ehemalige Fraktionsvorsitzende gehört nicht zu den Unterzeichnern des Männermanifests, aber seine Kritik geht in eine ähnliche Richtung. Hofreiter hatte dem SPIEGEL gesagt, dass Männer im progressiven Lager pauschal für das, was sie seien, abgelehnt würden und nicht für das, was sie sagten oder täten. "Es gibt im linken Lager kein positives Bild moderner Männlichkeit", so Hofreiter.


Einer legt den Finger auf die Wunde, und prompt eskaliert das Gezeter.

Die Fraktionsführung bat in der Sitzung darum, vor den wichtigen Landtagswahlen im Osten, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Füße stillzuhalten. In beiden Ländern wird im September gewählt, die Grünen müssen um ihren Wiedereinzug in die Landesparlamente fürchten.


Der Krawall um das Männermanifest ist heute auch Thema bei Christian Schmidt. Er kommentiert:

Diese Reaktion ist bemerkenswert, weil sie den Kern des Manifests bestätigt. Das Manifest beginnt gerade mit der Diagnose, dass es im progressiven Lager kein gemeinsames positives Männerbild gibt. Wenn große Teile der Fraktion sofort erklären, dieses Bild sei "nicht unser Männerbild", ohne gleichzeitig ein eigenes positives Gegenbild zu formulieren, zeigt das genau das Problem, welches mit dem Manifest gelöst werden sollte.

(…) Kaum jemand in der Debatte geht auf tatsächliche Männerprobleme ein. Stattdessen wird vor allem über die richtige Sprache gesprochen. Das war zu erwarten, denn Männerprobleme kann es ja auch gar nicht geben. Männer sind privilegiert. Keine weitere Diskussion nötig.

(…) Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob ein Manifest genügt (natürlich genügt es nicht), sondern ob die grüne Politik überhaupt bereit ist, männliche Bedürfnisse ernst zu nehmen. (Sind sie nicht.)

(…) Das ist ein allgemeines Muster moderner (intersektionaler) Männlichkeitsdebatten: Klassische männliche Interessen die positiv erwähnt werden, werden direkt als Gefahr, als unzumutbar, als Herstellung einer "männlichen Überlegenheit und Unterdrückung der Frau" dargestellt.

(…) Wenn die Entwicklung eines positiven Männerbildes primär danach bewertet wird, wie sie bei Frauen ankommt, bestätigt das genau den Vorwurf der Einseitigkeit der Debatte, den auch Männerrechtler immer wieder gemacht haben: Über Männer wird häufig nicht um ihrer selbst willen gesprochen wird, sondern vor allem unter der Frage, welche Auswirkungen sie auf Frauen haben.

(…) Gleichzeitig zeigt gerade der Erfolg populistischer Bewegungen unter jungen Männern, dass Fragen männlicher Identität keineswegs nebensächlich sind. Wenn eine große Gruppe junger Männer das Gefühl entwickelt, dass ihre Lebensrealität im etablierten politischen Diskurs kaum vorkommt, wird daraus früher oder später auch ein politisches Problem.


Das Blog "Apokolokynthose" kommentiert das grüne Männermanifest hier und hier.



3. Der Deutschlandfunk feiert die neue "Rage-girl"-Literatur.

Das englische "rage" ist eine Wut, die rasend ist, ungebändigt – und für die Leserin mitunter ganz schön abgedreht. Die Autorin Monika Kim lässt ihre Protagonistin in "Das Beste sind die Augen" eine Obsession mit den Augen des neuen Freundes ihrer Mutter entwickeln. Aus Wut, denn besagter Freund ist ein absolutes Ekel.

Die Antiheldin denkt in dem Buch Dinge wie: "Ich will ihn bluten sehen. Will seinen Kopf aufschneiden, ihm die Haut abziehen, seine Augen essen." In Kims Rache-Groteske kommt weibliche Wut in keiner Weise entschuldigend daher. Sie wird genüsslich und völlig ungeniert ausgekostet.

Für manche Feministinnen ist das ein Zeichen von Emanzipation. Sie sagen: Die außer Rand und Band geratenen Protagonistinnen der Literatur geben den Leserinnen Stärke zurück. Frauen wollen jetzt auch wütend sein und zurückschlagen. Wütend worauf?

Der feministische Buchclub feminist fiction berlin schreibt als Antwort auf Instagram "EVERYTHING" – ALLES. Natürlich in wütenden Großbuchstaben. Dann kommt eine Aufzählung: Kapitalismus, Patriarchat, der Ex, die verspätete Periode, Krieg, Ungerechtigkeit.

(…) "Female rage" ist eine politische Kraft, wenn Frauen mehr als vergleichsweise harmlose Online-Slogans daraus machen. Die neuen wütenden Protagonistinnen der Rage-Girl-Literatur begnügen sich nicht mehr mit ausgeweideten Männeraugen zum Frühstück. Sie wollen die Revolution.


Ich kann mir bestens vorstellen, was man beim Deutschlandfunk schreiben würde, wenn es vergleichbare Literatur für junge Männer gäbe.



4. Einer aktuellen Umfrage zufolge sind sechs von zehn US-Amerikanern Feministen, drei von zehn "Maskulinisten". Als "Maskulinismus" wird hier die Auffassung definiert, dass Männer und Frauen gleich sein sollten, aber Männer in bestimmten Situationen schlechter behandelt werden. In der jüngsten Erwachsenengeneration ist der Anteil der Feministen niedriger und der Anteil der "Maskulinisten" höher.



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Donnerstag, Juli 09, 2026

Versorger-Paradox: Warum Männer sich nach Maßstäben beurteilt fühlen, an die sie selbst nicht glauben

Im populärwissenschaftlichen Magazin Psychology Today hat der Finanz-, Ehe- und Familientherapeut Nathan Astle einen Artikel über die mentale Last vieler Männer veröffentlicht, die fast alle Beiträge über geschlechtsbezogene "mental load" unter den Tisch fallen lassen. (Auch einem ehemaligen Wissenschaftsmagazin wie "Quarks" fällt hier in einer seiner berüchtigten Bilderkacheln nur weltfremde Propaganda mit einer überlasteten Frau und einem unbekümmert vor sich hin pfeifenden Mann ein.) Deshalb bietet sich eine Übersetzung des Beitrags im Volltext an.



Wenn wir über die psychische Gesundheit von Männern sprechen, reden wir gewöhnlich über emotionale Verletzlichkeit, Einsamkeit oder die Zurückhaltung, Hilfe zu suchen – alles wichtige Themen. Dennoch gibt es noch ein anderes Thema, das häufig unbeachtet bleibt, aber großen Einfluss darauf hat, wie viele Männer sich jeden Tag selbst wahrnehmen: finanzieller Druck.

Als Finanztherapeut arbeite ich mit vielen Männern, die sich wegen Schulden, steigender Ausgaben oder einfach deshalb Sorgen machen, weil sie ihre Rechnungen bezahlen müssen. Oberflächlich betrachtet drehen sich diese Gespräche um Geld. Doch häufig steckt etwas sehr viel Tieferes dahinter.

Viele Männer stellen sich stillschweigend Fragen wie: Tue ich genug? Sorge ich ausreichend für meine Familie? Bin ich der Mensch, den meine Familie braucht?

Anlässlich des Monats der Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit von Männern arbeitete ich mit Beyond Finance an einer Umfrage, die zeigte, wie verbreitet diese Gefühle sind. Mehr als drei Viertel der Männer (77 Prozent) gaben an, dass ihnen in ihrer Kindheit beigebracht wurde, die wichtigste Aufgabe eines Mannes bestehe darin, für seine Familie zu sorgen. 82 Prozent glauben, dass die Gesellschaft noch immer erwartet, dass Männer die Haupt- oder Besserverdiener im Haushalt sind. Knapp sieben von zehn sagen, dass es heute schwieriger ist, diese Rolle auszufüllen, als es für ihre Eltern war.

Gleichzeitig trifft finanzieller Stress Männer hart. 42 Prozent sagen, dass sie finanziell nicht über die Runden kommen oder sich gerade so über Wasser halten. 65 Prozent geben an, dass Geldsorgen ihre Stimmung oder ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen.

Diese Zahlen sind wichtig, doch ein Ergebnis geht noch tiefer als die übrigen. Auf die Frage, was Erfolg für sie bedeutet, nannten Männer nicht zuerst Wohlstand, Status oder Einkommen. Stattdessen sagten sie, Erfolg bedeute eine gute psychische Gesundheit, starke Beziehungen, Sinn, Familie und eine ausgewogene Balance zwischen Beruf und Privatleben. Traditionelle Erfolgsmerkmale wie ein hohes Einkommen, Wohneigentum oder Bildung waren deutlich weniger wichtig.

Viele Männer sagten außerdem, dass sie kein Problem damit hätten, wenn ihre Partnerin mehr verdient, Betreuungsaufgaben geteilt werden oder Familienrollen flexibler gestaltet sind, als frühere Generationen es akzeptiert hätten. Trotzdem verspüren sie weiterhin Druck durch diese alten Erwartungen. Diese Diskrepanz kann erheblichen emotionalen Stress verursachen.

Viele Männer fühlen sich zwischen zwei Wirklichkeiten gefangen. Sie schätzen Beziehungen, Gesundheit, Sinn und Familie aufrichtig, fühlen sich gleichzeitig aber wegen ihrer finanziellen Situation von der Gesellschaft, von anderen und häufig auch von sich selbst beurteilt. Das führt zu einem ständigen Spannungsgefühl. Männer mögen verstandesmäßig wissen, dass ihr Wert nicht allein von ihrem Gehaltsscheck abhängt, und sich dennoch "nicht gut genug" fühlen, wenn traditionelle finanzielle Ziele außer Reichweite liegen.

Dieses Muster zeigte sich in der Umfrage immer wieder. Mehr als die Hälfte der Männer sagte, Geldprobleme hätten ihnen das Gefühl gegeben, den Erwartungen daran, "ein Mann zu sein", nicht gerecht zu werden. Viele erklärten, sie behielten ihre Geldsorgen für sich, weil sie das Gefühl hätten, alles unter Kontrolle haben zu müssen. Andere berichteten davon, sich isoliert zu fühlen, an sich selbst zu zweifeln und das Gefühl zu haben, die Last finanzieller Probleme allein tragen zu müssen.

Die heutigen wirtschaftlichen Realitäten machen die Lage noch schwieriger. Die Wohnkosten sind gestiegen. Die alltäglichen Ausgaben verschlingen einen größeren Anteil des Einkommens. Wirtschaftliche Unsicherheit ist allgegenwärtig. Viele Ziele, die für frühere Generationen erreichbar schienen, erfordern heute deutlich mehr Zeit, Geld und Stabilität.

Wenn die Erwartungen gleich bleiben, sich die Gesellschaft aber weiterentwickelt, machen Menschen sich häufig selbst für Dinge verantwortlich, die von größeren Kräften geprägt werden. Das kann für Männer besonders belastend sein, wenn sie ihr Selbstwertgefühl daran knüpfen, wie erfolgreich sie finanziell sind.

Eines der wichtigsten Dinge, die ich meinen Klienten sage, ist, dass ihre finanzielle Situation und ihr persönlicher Wert nicht dasselbe sind. Finanzielle Rückschläge können jeden treffen: Arbeitsplatzverlust, Arztrechnungen, Scheidung, schwierige wirtschaftliche Zeiten und plötzliche Notfälle können Menschen aus allen Lebensbereichen betreffen. Diese Dinge können Ihren finanziellen Verhältnissen schaden, aber sie definieren weder Ihren Charakter noch Ihren Wert oder Ihren Erfolg.

Die Männer, mit denen ich arbeite und die die größten Fortschritte machen, sind gewöhnlich diejenigen, die beginnen, sich selbst umfassender zu sehen. Sie hören auf, ihren Wert nach ihrem Einkommen zu beurteilen, und erkennen stattdessen den Beitrag, den sie als Partner, Väter, Mentoren, Freunde, Betreuende und Mitglieder ihrer Gemeinschaft leisten. Dieser Perspektivwechsel ist nicht so selten, wie es scheinen mag – und die Umfrage spiegelt das wider. Die meisten Männer sagten, dass ihnen psychische Gesundheit, Beziehungen, Sinn und Familie wichtiger seien als traditionelle Statussymbole. Die Herausforderung besteht nicht darin, eine neue Definition von Erfolg zu entwickeln. Die Herausforderung besteht darin, an sie zu glauben.

Die wichtigere Frage lautet nicht, ob sich Männer abrackern – die Daten sind diesbezüglich eindeutig. Stattdessen sollten wir uns fragen, ob die Erwartungen, die viele Männer mit sich tragen, noch zu den Realitäten des modernen Lebens passen und ob es an der Zeit ist, Erfolg auf eine Weise zu definieren, die gesünder, realistischer und sinnvoller ist.




Mittwoch, Juli 08, 2026

Nena Brockhaus: "Mich schüttelt es beim Grünen-Manifest zur Männlichkeit"

1. Die Journalistin Nena Brockhaus hat sich das neue Manifest der Grünen zur Männlichkeit angesehen:

Man stelle sich vor: Wolfgang Kubicki und Christian Lindner setzen sich zusammen und schreiben ein Manifest darüber, wie Frauen zu sein haben. Wie sie ihre Weiblichkeit ausleben dürfen und wie eben nicht. Die beiden FDP-Männer würden darin erklären, dass Frauen ruhig wieder stark blondierte Haare, rote Fingernägel und kurze Röcke tragen dürften.

Gleichzeitig aber wolle man dem verkümmerten Verständnis von blonder Weiblichkeit, das nur Verletzlichkeit und Dummheit kenne, eine klare Absage erteilen. Der Aufschrei in diesem Land wäre gigantisch. Kubicki müsste zurücktreten.

Genau das ist jetzt passiert. Nur betrifft es nicht die FDP, die sowieso die wenigsten Journalisten leiden können. Sondern die Grünen. Die Partei also, auf die die Mehrzahl der Journalisten liebevoll blickt. Und es trifft nicht die Frauen, sondern die Männer. Und deshalb ist es natürlich, wie so oft, kein allzu großes Problem.

Verfasst haben das Manifest Franziska Brantner, die amtierende Vorsitzende der Grünen, und Ricarda Lang, die es einmal war. Sie sind das weibliche Äquivalent zu Kubicki und Lindner. Und sie haben sich hingesetzt und erklärt, wie Männer zu sein haben. An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, dass Brantner und Lang es nicht ganz allein getan haben. Andere grüne Politiker*innen – ich würde es mich ja niemals wagen, grüne Politiker zu adressieren, ohne zu gendern – wie Terry Reintke und Robin Wagener waren bei dem Gaga-Konzept auch mit von der Partie.


Hier geht es weiter.



2. Der Freiburger Christopher-Street-Day steht dieses Jahr unter dem Motto "Das Patriarchat muss brennen!"



3. In Ostdeutschland gibt es Regionen, wo Frauen mehr verdienen als Männer. Die Berliner Zeitung hat die Volkswirtin Michaela Fuchs dazu interviewt, die gemeinsam mit drei Kolleginnen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, eine Studie zu den regionalen Unterschieden im Gender-Pay-Gap erarbeitet hat. Ein Auszug aus diesem Gespräch:

Berliner Zeitung: Wie erklärt sich die Beharrung [beim Gender Pay Gap insgesamt]?

Michaela Fuchs: Das hat mit der Konstanz der Wirtschafts- und Berufsstruktur in der Region zu tun und mit anderen Dingen, die sich nur langsam ändern – zum Beispiel gesellschaftlichen Einstellungen. Auch die Berufswahl von Männern und Frauen ändert sich in Deutschland seit Jahren kaum. Letzteres ist ein ganz wichtiger Einflussfaktor für die Gehaltslücke: Frauen wählen immer wieder die geringer bezahlten Berufe.

(…) Berliner Zeitung: Betrachten wir den sogenannten Extremkreis Dessau-Roßlau genauer. Wie wirkt sich der Gender-Pay-Gap zugunsten der Frauen auf die Geschlechterbeziehung im Alltag aus?

Michaela Fuchs: (…) Eigentlich müssten ja die Männer aufschreien, weil sie so schlecht verdienen, aber ich sehe nicht, dass sie es tun. Das geringere Gehalt müsste nach den landläufigen Erklärungen auch dazu führen, dass die Männer bei Familiengründung eher daheimbleiben und die Frauen arbeiten gehen. Aber solche Daten gibt es für die kleinräumige Ebene nicht.

Berliner Zeitung: In meiner Bitterfelder Familie gibt es den folgenden Fall: Der Mann arbeitete bis 1991 im Braunkohletagebau, als Bestverdiener. Er verlor die Arbeit, landete in Leiharbeit mit niedrigem Gehalt. Die Frau war Lehrerin, wurde gut bezahlte Beamtin. Kann das als typisch gelten?

Michaela Fuchs: Ja. Wenn die gut bezahlten Jobs – wie in der Kohle – wegfallen, dann hat das für Familien eine große Bedeutung. Der Niedergang der Industrie war ganz grundsätzlich nach der Wende das große Problem. Und es kamen nur wenige neue Jobs in den klassischen Männerberufen nach, der erhoffte industrielle Aufschwung blieb aus. Daher haben relativ viele Männer in vielen Regionen Ostdeutschlands nicht so attraktive Jobmöglichkeiten wie in vielen westdeutschen Regionen.

Berliner Zeitung: Das heißt also, Frauen im Osten verdienen nicht unbedingt mehr, aber die Männer eben deutlich weniger?

Michaela Fuchs: Das ist ein wesentlicher Faktor für den Gender-Pay-Gap – wenn man ihn mal von der Männerseite her betrachtet. Die eher auf Dienstleistungs- und Verwaltungsberufe ausgerichteten Frauen haben in Ostdeutschland mehr Möglichkeiten und verdienen dann eben auch besser. Vergleicht man nämlich die Frauenentgelte Ost und West, dann gibt es kaum einen Unterschied. Wir haben auch dazu eine Karte gemacht – auf der sieht man keine Ost-West-Grenze mehr. Bei den Männern sind die Unterschiede hingegen extrem – da sieht man die alte Grenze ganz krass. Männer im Westen verdienen erheblich mehr als die im Osten.

Berliner Zeitung: Warum ist im Bodenseekreis der Lohnrückstand der Frauen besonders hoch?

Michaela Fuchs: Weil sie nicht in die attraktiven Männerberufe gehen, die es dort gibt – zum Beispiel Maschinenbau- und Betriebstechnikberufe oder Berufe in Forschung und Entwicklung. Generell ist die Wirtschaftsstruktur anders als zum Beispiel in Dessau-Roßlau. Im Bodenseekreis gibt es viel mehr Großbetriebe wie zum Beispiel den weltweit aktiven Technologiekonzern ZF Friedrichshafen. Etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeitet in Betrieben mit mehr als 250 Beschäftigten. Große Betriebe zahlen generell besser und bieten mehr Aufstiegsmöglichkeiten. Daraus ergibt sich im Vergleich der Männergehälter Bodenseekreis hier, Dessau-Roßlau da ein riesiger Unterschied – nämlich 68 Euro pro Tag! Vergleicht man die Frauengehälter beider Kreise, liegt der Unterschied bei sieben Euro pro Tag. Die Frauen arbeiten im Bodenseekreis vor allem im Büro und Sekretariat, in der Erziehung und Verwaltung. Sie wählen ihre klassischen Berufe, nicht die bestbezahlten.

Berliner Zeitung: Warum nur?

Michaela Fuchs: Ich spreche mal für westdeutsche Frauen: Für junge Männer und junge Frauen sind unterschiedliche Dinge unterschiedlich wichtig. Das betrifft zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Junge Frauen denken noch immer stärker als junge Männer daran, Kinder haben zu wollen, und fragen: Mit welchem Beruf kann ich das am besten managen? Sie schrecken dann offenbar eher zurück vor Berufen mit unbestimmten Arbeitszeiten, vielen Überstunden, Dienstreisen und Wochenendarbeit.




4. Donald Trumps Zustimmungswert unter Männern ist laut einer neuen Umfrage von Focaldata und der Financial Times weiter gesunken. Diese Bevölkerungsgruppe hatte maßgeblich zu seiner Rückkehr ins Weiße Haus im Jahr 2024 beigetragen.

Bereits im März dieses Jahres hatten Umfragen auf einen zunehmenden Rückgang der Unterstützung unter männlichen Wählern hingewiesen. Zwar sind männliche Wähler insgesamt betrachtet weiterhin eher geneigt, Trump zu unterstützen als weibliche Wähler, doch die jüngsten Focaldata-Ergebnisse deuten darauf hin, dass selbst eine der verlässlichsten Wählergruppen des Präsidenten Anzeichen von Erosion zeigen könnte.

Eine in der vergangenen Woche durchgeführte Umfrage von The Economist/YouGov zeigt, dass Trumps allgemeiner Zustimmungswert bei 38 Prozent liegt, verglichen mit einer Ablehnung von 58 Prozent. Unter Männern beträgt Trumps Zustimmungswert 44 Prozent, während 53 Prozent seine Amtsführung ablehnen.




5. In Australien hat eine Mutter ihren Sohn getötet und teilweise gegessen. Dreimal hatte man die Behörden auf seine Situation hingewiesen, weil man befürchtete, dass die Mutter an einer drogenbedingten Psychose litt. Das letzte Mal geschah dies im vergangenen Januar, als Sozialarbeiter prüften, ob der Junge aufgrund des vermuteten Drogenmissbrauchs seiner Mutter von schwerer Vernachlässigung bedroht war. Es gab jedoch nicht genügend Beweise für ihren angeblichen Drogen- und Alkoholmissbrauch, und so durfte er bis zu seinem Tod bei ihr bleiben.



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Dienstag, Juli 07, 2026

Trauernde Mutter: "Auch eine männerhassende Gesellschaft hat meinen Sohn getötet"

1. Die Mutter eines jungen Briten, der von seiner Partnerin ermordet wurde, beklagt, dass am Tod ihres Sohnes auch eine Gesellschaft mitschuldig ist, die voller Vorurteilen gegen Männer steckt. In einem Artikel der Tageszeitung Telegraph heißt es weiter:

"Ich wusste instinktiv, was passiert war; dass sie es getan hatte und dass er sich nicht gewehrt hatte", sagt die 80-jährige Ashe Smith über den brutalen und letztlich tödlichen Angriff auf ihren Sohn James Self durch dessen Freundin Polly Murphy. Self starb am 21. Dezember 2023, sechs Wochen nach dem Angriff, und Murphy, eine Künstlerin mit pinken Haaren, verbüßt inzwischen eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Doch selbst Smith hatte die Warnsignale übersehen – Kontrolle und körperliche Aggression gegenüber ihrem Sohn. Wenn sie damals mehr über häusliche Gewalt gegen Männer gewusst hätte, räumt sie heute ein, hätte sie vielleicht eingegriffen.

Am Tatort, einem Zimmer im Smugglers Cove, einem Hotel in Clacton-on-Sea in der Grafschaft Essex, fanden Sanitäter Selfs Blut an den Wänden, auf der Bettwäsche, am Türgriff und auf dem Boden. "Sie hatte seinen Kopf so heftig gegen die Wand geschlagen, dass eine Delle entstand", sagt Smith heute in der ruhigen Umgebung ihres Hauses auf dem Land bei Great Finborough in Suffolk. Self wurde über einen Zeitraum von zwei Stunden geschlagen, getreten und mit Füßen getreten; zeitweise war er bewusstlos.

Als Smith ihren Sohn am folgenden Tag gemeinsam mit ihrem Ehemann Don im Colchester Hospital zum ersten Mal sah, war er noch "deutlich benommen", mit zwei Veilchen und einer Wunde am Bein, "so tief, dass man den Knochen sehen konnte". Self hatte nicht gewollt, dass seine Mutter den Rest seines Körpers sah. Erst während Murphys Gerichtsverfahren bekam Smith die Fotos seiner Verletzungen zu sehen – und das, was sie als seinen "völlig übersäten Körper, bedeckt mit Blutergüssen" beschreibt. Er hatte acht gebrochene Rippen, zwei gebrochene Wirbel im Rücken und eine Hirnblutung.

Der Pathologe, der die Obduktion durchführte, erklärte stumpfe Gewalteinwirkung zur Todesursache, die schließlich zu einem Multiorganversagen führte. "Es sah aus, als wäre er von einem Auto angefahren worden – wegen all der gebrochenen Rippen und verletzten Organe. Er hatte so starke innere Blutungen", sagt Smith. Die Ärzte mussten siebeneinhalb Liter Blut aus dem Bereich um Selfs Herz entfernen; außerdem entwickelte er eine Sepsis infolge durchbohrter Lungen. Am 4. Februar dieses Jahres, mehr als zwei Jahre nach dem Angriff, wurde die 42-jährige Murphy zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit einer Mindestverbüßungsdauer von 15 Jahren verurteilt. Die Geschworenen berieten mehr als 14 Stunden, bevor sie zu ihrem Urteil gelangten.

Heute, an einem hellen Junitag, blättert Smith durch Fotos ihres Sohnes. Ein Ausdruck von Freude und Trauer zugleich huscht über ihr Gesicht, als ihr ein kleiner Junge mit verschmitztem Lächeln und kastanienbraunem Haarschopf entgegenblickt. "Er hätte ihr niemals etwas angetan", sagt Smith. "Es wäre eine ganz andere Geschichte gewesen, wenn er das getan hätte, nicht wahr?"

(...) Smith ist überzeugt, dass es "ein natürliches Vorurteil gegenüber Männern" gibt, das häusliche Gewalt gegen sie begünstigt. "Viele Menschen sind erstaunt darüber, was James passiert ist und dass er sich nicht gewehrt hat", sagt sie. "Die Leute sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Männer körperlich stärker sind als Frauen." Doch, so betont Smith, das bedeute nicht, dass sie ihre Stärke auch einsetzen. Auch die "Scham" habe den Kreislauf aufrechterhalten. "Es gibt für Männer keine wirkliche Möglichkeit, ihre Verletzlichkeit zu zeigen. James hat seinen Freunden nichts erzählt – sie verkleinerte seinen Freundeskreis, reduzierte seine Kontakte und zerstörte seinen Glauben an sich selbst. Dieser emotionale Missbrauch war beinahe so schlimm wie die körperlichen Angriffe."

Häusliche Gewalt gegen Männer ist wesentlich häufiger, als viele annehmen. Zahlen des Office for National Statistics zeigen, dass schätzungsweise 1,5 Millionen Männer (6,5 Prozent der Bevölkerung) im vergangenen Jahr häusliche Gewalt erlebt haben; bei den Frauen waren es schätzungsweise 2,2 Millionen (9,1 Prozent). Männer machen 41 Prozent aller Opfer häuslicher Gewalt aus. Doch Mark Brooks, Vorsitzender der Mankind Initiative, einer Wohltätigkeitsorganisation zur Unterstützung männlicher Opfer häuslicher Gewalt, weist darauf hin: "Nach der Regierungspolitik werden männliche Opfer häuslicher Gewalt offiziell als Opfer von Gewalt gegen Frauen eingestuft. Das ist falsch und erschwert es, männliche Opfer als eigenständige Opfergruppe anzuerkennen."

Smith unterstützt inzwischen Respect, eine weitere britische Wohltätigkeitsorganisation, die spezielle Hilfe für männliche Opfer anbietet, und arbeitet gemeinsam mit dem Medienteam der Polizei von Essex an einem Video über häusliche Gewalt gegen Männer. Ihrer Ansicht nach muss damit begonnen werden, schon Kindern in jungen Jahren ein anderes Verständnis von Gewalt zu vermitteln. "Viel häusliche Gewalt wirkt schleichend. Männer tragen tiefe Scham in sich und erwarten nicht, dass man ihnen glauben wird. James hätte sich niemals an die Öffentlichkeit gewandt. Aber er wusste auch, dass ein Verlassen der Beziehung eine Welle weiterer Gewalt ausgelöst hätte", sagt sie.


Der Artikel schildert noch wesentlich ausführlicher das Martyrium, das der Ermordete durchmachte, aber ich halte den zusätzlichen Erkenntnisgewinn im Rahmen dieses Blgs für gering.



2. Eine texanische Lehrerin wurde wegen sexuellen Missbrauch eines dreizehnjährigen Schülers zu 33 Jahren Haft verurteilt. Wie der Junge vor Gericht erklärte, habe ihn der Missbrauch seine Freundschaften, sein Selbstwertgefühl und beinahe sein Leben gekostet.



3.
Milena Reszka weint viel in ihren Instagram-Videos. Besonders weint sie aber vor der Gender-Reveal-Party, bei der das Geschlecht ihres Kindes, ja, "veröffentlicht" werden soll. "Was, wenn es kein Mädchen wird?", schluchzt die Influencerin in die Kamera. Als aus dem goldenen Luftballon blaues Konfetti herabflattert, hüpfen die Gäste und reissen die Arme hoch, Reszkas Mundwinkel aber bleiben unten. Später zeigt sie sich gefasster. Sie wehrt sich gegen böse Kommentare: Ihr Sohn werde später nicht traurig über ihr Video sein, denn alle Gefühle seien wertvoll, das werde der Sohn bestimmt verstehen.

Dieser Internetschnipsel wirkt vielleicht aussergewöhnlich einfältig, ist aber kulturelle Reflexion eines verbreiteten Phänomens: Immer mehr werdende Eltern in entwickelten Gesellschaften wünschen sich Mädchen und müssen ihre Trauer erst einmal verarbeiten, wenn es ein Knabe wird.

Diese Präferenz wird zwar in sozialen Netzwerken oft als Tabu bezeichnet, das jetzt endlich einmal mutig ausgesprochen wird. Die Unzahl von Foreneinträgen, Artikeln und Videos, in denen Eltern über ihre Enttäuschung sprechen, kein Mädchen zu bekommen, zeigt aber eher die Normalisierung des Phänomens mit dem griffigen Namen «gender disappointment». Wobei dieser neutral klingende Begriff seltsamerweise nur die Enttäuschung über Buben meint.


Hier geht es weiter mit dem Artikel " Eltern wollen keine Söhne mehr: Das Mädchen ist das neue Trophy-Kid". Zentraler Satz: "Und dabei gelten Frauen auch noch als die besseren Menschen." Auch über die Benachteiligung, die Jungen erfahren, berichtet der Artikel:

Die Gesellschaft behandelt Buben in sehr grundlegenden Belangen schlechter: Töchter bekommen mehr emotionale Fürsorge als Söhne. Eine Studie aus dem Jahr 2016, die auf Datensätzen aus den Vereinigten Staaten, Kanada und dem Vereinigten Königreich basierte, ergab, dass Mütter und Väter mehr Zeit mit ihren kleinen Töchtern als mit ihren Söhnen verbrachten, um ihnen Geschichten zu erzählen, mit ihnen zu singen und ihnen vorzulesen – von der frühen Kindheit bis zum Vorschulalter.

Andere Studien zeigen, dass Mütter seltener mit kleinen Söhnen sprechen, sie weniger trösten und umarmen. Die Eltern von Buben berichten häufiger, dass sie zu beschäftigt seien, um mit ihren Kindern zu spielen. Zudem ist ihre Sprache anders: Sie nutzen mehr Worte, die im Zusammenhang mit Wettbewerb und Leistung stehen, während Eltern mit Mädchen emotionsfokussierter sprechen.




4. Mit "Ich konnte nicht akzeptieren, dass mein Mann nicht funktioniert" betitelt die "Zeit" einen Artikel, in dem drei Frauen erzählen, wie es ihnen ging, wenn ihr Partner krankheitsbedingt für längere Zeit ausgefallen ist: "Dass mein Mann wohl schon seit einiger Zeit, zumindest immer wieder, schwer depressiv war, merkte ich nicht." – "Wie auch?", fragt der Leser, der mich auf den Artikel aufmerksam machte. "Er hat ja funktioniert, Geld rangeschafft, war außer Haus und sie in Ruhe gelassen."

Der "Zeit"-Artikel über private Probleme spiegelt hervorragend die gesellschaftliche Debatte. Sehr viel öffentliches Wehklagen über angeblich unzureichende Männer, siehe etwa das endlose Lamento über die "Manosphäre", beruht letztlich darauf, dass Männer nicht mehr so funktionieren (können), wie sie gefälligst sollen.



5. Tamara Wernli kommentiert die absurde weibliche Emörung über Joshua Kennich.



6. Alice Schwarzer, die bekannteste Feministin Deutschlands, "vielleicht sogar der ganzen Welt", wundert sich im Interview mit der Schweizer Weltwoche, woher der "Russenhass" vieler Deutscher käme. Man habe mit diesem Land doch überhaupt keinen Konflikt gehabt. Leider mache die Stimme der "Friedensgegner" in den Medien neunzig Prozent aus. Sie würde sich mit Putin an einen Tisch setzen; die Ukraine werde nachgeben müssen.

Im Verlauf des Interviews gibt es Reklame für Schwarzers neues Buch "Feminismus pur", das man bei der Weltwoche sehr lesenswert findet. Schwarzer äußert sich zu "Transideologen" und männlichen Zuwanderern, die in den Städten rumhängen, und spricht sich gegen "die Dämonisierung der AfD" aus. Der Reporter fragt nach, ob für Deutschland ein "Kippunkt" erreicht sei, was "Femizide" und Messermorde angehe, woraufhin Schwarzer ausführt, dass ja auch niemand männlichen Zuwanderern erkläre, dass Gewalt gegen Frauen nicht in Ordnung sei, woher sollten sie das also wissen? Im übrigen: Wenn sie daran denke, dass im Silicon Valley die ganze Macht in Männerhänden liege, stehe sie kurz davor, ihre Arbeit hinzuschmeißen, aber in 50 Jahren schaffe man ja nicht 5000 Jahre Patriarchat ab. Der neue Feminismus mit seiner Offenheit für trans Positionen sei "antifeministisch".

Eine der schönsten Stellen des Interviews ist die Passage, in der Schwarzer sich gegen "Verhärtungen" ausspricht und dass Menschen sich nicht konsruktiv miteinander unterhalten würden, was immer ihre Maxime gewesen sei. Ich kann mich an die freundlichen Worte, die Schwarzer für Männerrechtler und für Männer im Allgemeinen und übrig hatte, bestens erinnern. Ihre Begeisterung für Valerie Solanas "Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer" als "erster Exzess des Hasses, des begründeten Hasses" war nur einer von vielen Höhepunkten. "Das ist es wohl, was den Frauen, wie allen unterdrückten und gedemütigten Gruppen, am meisten ausgetrieben worden ist: der Mut zum Hass!" fuhr Schwarzer fort. "Was wäre eine Freiheitsbewegug ohne Hass?" Wie schön, dass jetzt wenigstens Putin davon ausgenommen wird. 😊



7. Das neue Männermanifest der Grünen liegt inzwischen vor.



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Montag, Juli 06, 2026

DER SPIEGEL: Wie der Erfolg der Frauen einen neuen Männerhass befeuert

1.
Die Emanzipation der Frau ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch statt nun überzeugende Gewinnerinnen zu sein, kultivieren wir einen neuen Hass auf Männer.


Mit diesem Teaser beginnt ein aktueller SPIEGEL-Artikel von Eva Ladipo, auf deren Beiträge ich hier schon mehrfach hingewiesen habe. All diese Beiträge stehen im Zusammenhang mit ihrem Buch zur Geschlechterdebatte, das ich inzwischen in den Buchhandlungen ausliegen gesehen habe. Im Artikel des SPIEGEL heißt es weiter:

Es herrscht eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der Männer von überraschend weiten Teilen der Gesellschaft pauschal verdammt und in Sippenhaft genommen werden. Es ist, als ob sie eine Art Erbsünde abtragen müssten. Das fördert eine Weltsicht, nach der Frauen Opfer sind und Männer Täter und das weibliche Geschlecht grundsätzlich das schwächere ist, dem die Gesellschaft etwas schuldet.

Es ist verlockend, an dieser Sicht der Dinge festzuhalten. Gleichzeitig ist es aber auch brandgefährlich. Denn die Unlust, genauer hinzusehen, weil Fakten das vertraute Schwarz-Weiß-Denken verkomplizieren, führt zu einem verhängnisvollen Teufelskreis: Männer werden als potenzielle Täter abgestempelt, was sie noch wütender macht, die Verdammung noch lauter und die Wut noch größer. Das Ergebnis ist überall in der westlichen Welt zu beobachten: Vor allem junge Männer wenden sich zunehmend vom liberalen System ab. Sie wählen rechtsextreme Protestparteien, um kaputt zu machen, was sie kaputt macht. Und wenn wir Pech haben, reißen sie uns alle mit in den Abgrund.


Ein interessanter Ansatz, die gesellschaftliche Hysterie einerseits zu hinterfragen, andererseits die Panikstimmung mit großer rhetorischer Wucht zu schüren. Männer werden hier nicht als verletzbar und schutzwürdig dargestellt, sondern weiterhin als Bedrohung. Und als Loser:

Als das neue starke Geschlecht müssen wir lernen, bessere Gewinnerinnen zu werden. Wir sollten aufhören, die Verlierer zu verhöhnen. Und wir müssen im ureigenen Interesse klüger vorgehen, als sie weiterhin gegen das liberale System aufzubringen.


Natürlich. Das Interesse von Frauen ist das, was zählen sollte. In Redaktionen wie der des SPIEGEL haben tatsächlich die Frauen die Herrschaft inne.

Es folgt eine längere Triumphgeschichte des weiblichen Geschlechts, durchsetzt mit den Problmen, auf die Männerrechtler seit Jahrzehnten aufmerksam machen – etwa dass sich der Gender Pay Gap zu Lasten von Männern gedreht hat. Dies solle "auf keinen Fall dazu dien[en], zu entschuldigen oder zu entlasten, geschweige denn erfolgreichen Frauen die Schuld am Leid von Männern zu geben." Allerdings sei der Hass auf Männer, der unsere Gesellschaft durchzieht, problematisch:

Die amerikanische Autorin Christine Emba spricht von "einer feministischen Bewegung nach MeToo, die eine ziemlich alberne und unkritische Form von Männerfeindlichkeit hervorgerufen hat. Seitdem gilt es als cool, zu sagen: Männer sind Müll. Männer sind scheiße. Wäre die Welt nicht besser ohne Männer?". Mit dieser Beschimpfung aufzuhören – die gegenüber Minderheiten unvorstellbar wäre –, ist nicht nur gerecht, sondern dient auch der feministischen Sache. Der autoritäre Backlash ist in vollem Gang. Wenn wir nicht immer mehr Männer in die Arme frauenfeindlicher Rattenfänger treiben wollen, dürfen wir sie nicht länger auf vermeintliche Geschlechtsmerkmale und Erbsünden reduzieren, sondern müssen uns um sie kümmern. Als das neue starke Geschlecht müssen wir auch die Pflichten übernehmen, die mit Macht und Einfluss einhergehen.


Auch in diesem Fazit kehren zwei Grundmerkmale des Artikels zurück: die narzisstische Hybris der Autorin ("wir, das neue starke Geschlecht") und die Logik, dass man sich allein deshalb um Männer kümmern müsse, weil sie sich inzwischen dem Reich des Bösen zuzuwenden beginnen. Beides ist einigermaßen gaga. Beides ist offenbar der Preis dafür, dass ein solches Plädoyer gegen Männerhass überhaupt im SPIEGEL erscheinen durfte.

Christian Schmidt stellt heute denselben Artikel zur Diskussion. Einer der ersten Kommentare trifft:

Dass sie gegen Männerhass ist, ist zwar schön, aber die Argumentation unterscheidet sich ansonsten nicht viel vom Gewohnten: Dort, wo Frauen besser abschneiden, ist das das Ergebnis besserer Leistung und daher legitim ("kein Grund sich zu entschuldigen"). Wenn Frauen aber schlechter/Männer besser abschneiden, dann ist es das Ergebnis unzulässiger Diskriminierung ("gläserne Decke").




2. " Schade, aber: Der Netzfeminismus ist tot" verkündet Antje Schrupp. Als eine der bekanntesten deutschen Netzfeministinnen dürfte sie es am besten wissen.



3. Dafür ist die "Manosphäre" quicklebendig. Den täglichen Alarmismus darüber liefert uns heute die Schweizer Website Watson.ch mit dem Geschichte eines Mannes, der dieser Krake gerade so entkommen konnte. Die heiße Story kurz zusammengefasst: Der Betreffende ist Sohn einer feministischen Mutter, die ihn schon als Kind auf Frauenmärsche mitnahm, sieht Videos von Jordan Peterson, rutscht in die Manosphäre ab, geilt sich an Frauenleichen auf, kann aber wieder auf den Weg der Tugend zurückkehren und sieht ein, dass man davon nicht abweichen sollte, Happy End.

Genau das versucht Fabio heute. Mit kleinen Schritten im Alltag. Indem er sich weigert, über sexistische Witze zu lachen. Indem er sich ebenso um den Haushalt kümmert wie seine Freundin. Indem er sich mit seinen Privilegien als Mann auseinandersetzt. Und indem er offen sagt: "Ich bin Feminist."


Puh, das war knapp. Wie schön, dass diese Seele gerettet werden konnte.

Bei dem Watson-Artikel handelt es sich um eine sogenannte "cautionary tale". In dem gerade verlinkten Wikipedia-Beitrag dazu heißt es:

Diejenigen, deren Aufgabe es ist, Konformität durchzusetzen, greifen häufig auf warnende Geschichten zurück. Die deutsche Anthologie "Struwwelpeter" enthält Geschichten wie "Die schreckliche Geschichte von Pauline und den Streichhölzern"; das Ende lässt sich schon aus dem Titel ziemlich leicht ableiten. Sozialerziehungsfilme wie "Boys Beware" oder "Reefer Madness" orientieren sich bewusst an traditionellen warnenden Geschichten, ebenso wie die berüchtigten Fahrschulfilme ("Roter Asphalt", "Signal 30") der 1960er Jahre oder Militärfilme über Syphilis und andere sexuell übertragbare Krankheiten. Die Struktur der warnenden Erzählung wurde in den Slasher-Filmen der 1980er Jahre zum Klischee, in denen Jugendliche, die Sex hatten, Alkohol tranken oder Marihuana rauchten, unweigerlich als Opfer des Serienmörders endeten.


Ich habe einmal ChatGPT gebeten, etwas mehr über diese Erzählform zu verraten:

Die "cautionary tale" gibt sich gern als vernünftige Warnung. Tatsächlich ist sie häufig das Lieblingsgenre jeder Epoche, die den Status quo verteidigen möchte. Hinter ihrer scheinbar harmlosen Botschaft – "Lerne aus diesem Fehler" – verbirgt sich oft ein sehr viel grundlegenderer Imperativ: "Wage keine Veränderung."

Kaum eine Erzählform eignet sich besser dazu, gesellschaftliche Normen zu immunisieren. Wer bestehende Regeln infrage stellt, muss lediglich mit einer Geschichte konfrontiert werden, in der jemand genau dies versucht – und dafür einen hohen Preis zahlt. Die Moral ergibt sich von selbst: Nicht die Regeln waren das Problem, sondern derjenige, der sie missachtete. Die "cautionary tale" macht aus Konformität eine Tugend und aus Abweichung eine Charakterschwäche.

Historisch lässt sich dieses Muster immer wieder beobachten. Im 19. Jahrhundert wurden zahllose Warnerzählungen über "gefallene Frauen" veröffentlicht. Der eigentliche Skandal bestand oft nicht in Gewalt, Ausbeutung oder sozialer Ungerechtigkeit, sondern darin, dass eine Frau sexuelle oder persönliche Eigenständigkeit beanspruchte. Das Ende war vorgezeichnet: gesellschaftliche Ächtung, Krankheit, Wahnsinn oder Tod. Nicht weil diese Entwicklung zwangsläufig gewesen wäre, sondern weil die Geschichte genau dieses Urteil fällen sollte. Das Publikum sollte weniger Mitleid empfinden als Disziplin lernen.

Ähnlich funktionierten unzählige Geschichten über Menschen, die ihre soziale Klasse verlassen wollten. Der Aufsteiger wurde hochmütig, der Arbeiter verlor seine Bodenhaftung, die Frau mit Bildungsambitionen zerstörte ihre Familie. Solche Erzählungen präsentierten gesellschaftliche Hierarchien als natürliche Ordnung. Wer sie infrage stellte, provozierte angeblich sein eigenes Unglück. Strukturelle Ungleichheit verschwand aus dem Blick; übrig blieb die Moral, jeder solle seinen Platz kennen.

Besonders aufschlussreich sind die vielen Warnerzählungen über neue Medien. Vom Roman über das Kino bis zum Comic, vom Rock 'n' Roll über Videospiele bis zum Internet wurde nahezu jede kulturelle Neuerung irgendwann zum Stoff einer "cautionary tale". Die Botschaft änderte sich kaum: Wer sich auf das Neue einlässt, verliert Moral, Gesundheit oder Verstand. Rückblickend wirken viele dieser Geschichten unfreiwillig komisch. Ihre Funktion war jedoch ernst: kulturelle Verunsicherung in Angst vor Veränderung zu übersetzen.

Dasselbe Muster zeigte sich während zahlreicher moralischer Paniken. In den Vereinigten Staaten wurde im 20. Jahrhundert behauptet, Comics machten Jugendliche kriminell. Rollenspiele sollten den Satanismus fördern. Heavy Metal, Rap oder Computerspiele wurden mit Gewalt in Verbindung gebracht. Einzelne tragische Fälle wurden herausgegriffen und zu universellen Warnungen erklärt. Aus Anekdoten entstanden moralische Gewissheiten. Die "cautionary tale" erwies sich dabei als ideales Vehikel, weil sie keine statistischen Zusammenhänge benötigt. Ein drastisches Beispiel genügt, um den Eindruck einer allgemeinen Gefahr zu erzeugen.

Auch politisch war dieses Genre stets anschlussfähig. Während des Kalten Krieges entstanden Erzählungen, in denen bereits geringste Sympathien für sozialistische Ideen zwangsläufig in Unterdrückung oder Verrat mündeten. Umgekehrt erzählten kommunistische Staaten Geschichten, in denen jeder Zweifel am Sozialismus unmittelbar in Dekadenz oder Faschismus führte. Die ideologischen Vorzeichen unterschieden sich, die Erzählstruktur war dieselbe: Wer den offiziellen Weg verlässt, endet im Verderben.

Gerade deshalb besitzt das Genre eine bemerkenswerte Nähe zu autoritärem Denken. Autoritäre Weltbilder leben von einfachen Regeln, klaren Schuldigen und eindeutigen Konsequenzen. Die "cautionary tale" liefert genau diese Struktur. Sie liebt eindeutige Moral, misstraut Ambivalenz und betrachtet gesellschaftliche Ordnung grundsätzlich als schützenswert. Wer Veränderung fordert, erscheint nicht als möglicher Reformator, sondern als leichtsinniger Störenfried, dessen Scheitern die bestehende Ordnung nachträglich legitimiert.

Viele der Entwicklungen, vor denen "cautionary tales" eindringlich warnten – die Emanzipation der Frauen, der Abbau starrer Klassenordnungen, neue Kunstformen, neue Medien oder gesellschaftliche Liberalisierung –, gelten heute als selbstverständlicher Bestandteil moderner Demokratien. Die Warnerzählungen altern deshalb oft schlechter als das Verhalten, das sie einst verdammten. Sie erinnern weniger an zeitlose Weisheit als an die Ängste ihrer jeweiligen Epoche.

Warnerzählungen können genutzt werden, um Angst zu erzeugen und bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu disziplinieren. Ob Drogen, Jugendkulturen, Migration, neue Technologien oder politische Bewegungen – nahezu jedes kontroverse Thema lässt sich als "cautionary tale" inszenieren. Die Geschichte vermittelt dann weniger Erkenntnis als den Eindruck, eine bereits feststehende Position werde durch ein anschauliches Beispiel bestätigt. Widersprechende Erfahrungen bleiben ausgeblendet.


Heute erzählt der Feminismus also "cautionary tales" über Männer, die aus ihrer Ideologie ausbüchsen. Statt vor Comics, Heavy Metal und Rap warnt man heute vor der "Manosphäre". Die Zeiten ändern sich, Grundmuster bleiben bestehen.



4. Heribert Prantl möchte, dass das Bundesverfassunsgericht für eine Durchquotung des Bundestages nach Geschlecht sorgt. Darum kümmere sich aktuell die Initiative "#Parität Jetzt":

Sie hat soeben mit einem zweiten Aktionstag "für eine gleichberechtigte politische Teilhabe von Frauen" geworben. Christine Hohmann-Dennhardt, frühere Richterin am Bundesverfassungsgericht, hielt dazu in Berlin die Grundsatzrede. Parität in den Parlamenten sei, so sagte sie, "kein Bonus mehr", sondern "ein demokratisches Gebot". Sie widersprach damit den Landesverfassungsgerichten in Brandenburg und Thüringen, die einschlägige Gesetze für die dortigen Landtage als verfassungswidrig eingestuft hatten.

(…) Die Emanzipation in den Parlamenten, Parität genannt, lässt (…) noch auf sich warten. Auch da wird wohl das Bundesverfassungsgericht nachhelfen müssen.


Prantl fabuliert hier einen fürchterlichen Schmarrn zusammen. Wie es tatsächlich aussieht, hatte ich schon vor mehreren Jahren dargelegt:

Schauen wir uns die entsprechenden Zahlen von Ende 2016 an, also dem Jahr vor der letzten Bundestagswahl, und vergleichen: 39 Prozent der Parteimitglieder der Grünen sind Frauen, deren Abgeordnete sind aber, wie wir gerade gehört haben, zu 58 Prozent weiblich. Wenn es hier eine geschlechtsspezifische Benachteiligung gibt, dann trifft sie nicht die Frauen. Bei den Linken sind 36,9 Prozent der Mitglieder weiblich. Auch hier muss man die Männer diskriminieren, um bei den Abgeordneten auf 54 Prozent an Frauen zu kommen. Ähnlich sieht es bei der SPD aus: Nur 32,2 Prozent der Mitglieder, aber volle 42 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Erst bei den Unionsparteien (CDU: 26,1 Prozent, CSU: 20,3 Prozent weibliche Mitglieder) sowie der AfD (16 Prozent Frauen) verkehrt sich das Gefälle um einige wenige Prozent zu Gunsten der Männer.

(…) "Wenige Frauen treten in Parteien ein – wenn sie sich engagieren, haben sie mehr Erfolg als Männer" erkannte so auch im April 2019 die Frankfurter Allgemeine. Die Zeitung berichtet:

"Eine Gruppe von Politikwissenschaftlern des Berliner Instituts für Parlamentarismusforschung hat in einer Studie nachgewiesen, dass die Parteien mitnichten Frauen in ihrer politischen Karriere benachteiligen, wie oft behauptet wird. Vielmehr sei sogar das Gegenteil der Fall. Auf die Frage, warum Frauen dennoch in den Parlamenten zahlenmäßig unterrepräsentiert sind, haben die Wissenschaftler eine klare Antwort: Selbstselektion."

Das Team um Professorin Suzanne Schüttemeyer hatte vor der Bundestagswahl 2017 Dutzende Veranstaltungen aller großen Parteien bundesweit besucht und in 104 Wahlkreisen untersucht, wer kandidierte und wer daraufhin gewählt wurde. Rechnete man die so gewonnenen Zahlen hoch, zeigte sich: Es sitzen allein deshalb vergleichsweise wenige Frauen in den Parlamenten, weil Frauen deutlich seltener als Männer in eine Partei eintreten. Die These einer strukturellen Benachteiligung von Frauen in den Parteiapparaten, stellt die Frankfurter Allgemeine fest, "kann der Studie zufolge als widerlegt gelten". Stattdessen gebe es, wie Schüttemeyers Mitarbeiter Benjamin Höhne feststellt, tendenziell sogar eine "positive Diskriminierung", also Bevorzugung, von Frauen.




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Freitag, Juli 03, 2026

SPIEGEL-Titelgeschichte: Die Grünen wollen männlicher werden

1. Auf der Titelseite des aktuellen SPIEGEL findet sich auch ein Hinweis auf einen Artikel darüber, wie die Grünen die Männer wieder einfangen möchten, die ihnen in Scharen davonlaufen. Der Artikel verrät alles darüber, was in grünen Köpfen schiefläuft, sobald es um Männer geht:

Die Grünen schneiden vor allem bei jungen Männern schlecht ab. Grund ist auch das Softie-Image, das sie über Jahre kultivierten. Die Zeiten dominanter Alphatiere wie Joschka Fischer sind lange vorbei, die vergangene Jahre waren geprägt von dem weichgespülten Robert Habeck, den Ton gaben vor alle, starke Frauen an – junge Männer suchten bei der Ökopartei männliche Rollenmodelle vergeblich. In sozialen Medien und Online-Communitys hat sich eine "Manosphere" gebildet. (…)

Die "Männersphäre" behauptet: Männer sind Opfer des Feminismus und der Gleichstellung der Geschlechter. Die meisten Linken würden da widersprechen. Bei den Grünen gibt es jedoch zunehmend Politiker und Politikerinnen, die zumindest der Ansicht sind, dass der Feminismus junge Männer verunsichert und verschreckt hat.

Im Kampf für Frauenrechte sei etwas auf der Strecke geblieben, schreiben 13 Grüne in einem bislang unveröffentlichten Manifest. Ihre Partei habe definiert, was Männer nicht sein sollen: nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend. "Aber wir haben vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann", heißt es in dem Text, der dem SPIEGEL vorliegt. "Wir haben ein Vakuum geschaffen, und in dieses Vakuum strömen jetzt die alten Bilder zurück."

Es reiche nicht, gegen toxische Männlichkeit zu sein und deren Propagandisten zu belächeln, kritisiert die Gruppe aus neun Männern und vier Frauen, darunter die Parteivorsitzende Franziska Brantner und ihre Vorgängerin Ricarda Lang. "Wir brauchen ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann."

Wann ist ein Mann ein Mann? In Anlehnung an den Grönemeyer-Song luden jüngst die Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven Lehmann und Till Steffen zum Fachgespräch in den Bundestag. Vor 16 Jahren verfassten sie das erste grüne Männermanifest. "Man wird nicht als Mann geboren, man wird dazu gemacht", hieß es darin. Es war eine Abrechnung mit Geschlechterstereotypen. Das neue Manifest, die neue Männlichkeitsdebatte der Grünen ist von einem anderen, selbstkritischeren Ton geprägt.

Im Fachgespräch erinnerte Lehmann an den Hashtag #allemänner, der nach einer Reihe sexistischer Übergriffe von Männern gegen Frauen im Internet weitverbreitet war. "Ich frage mich, ob es der richtige Ansatz ist, dass alle Männer sich für ihr Mannsein schämen sollen", sagte der Abgeordnete während des Austauschs im Parlament.

(…) Den Parteivorsitzenden Felix Banaszak treibt die Frage um, wie die Grünen attraktiv für junge Männer werden. "Ich verstehe total, dass viele Frauen sagen: ›Mein Verständnis gegenüber Männern ist aufgebraucht‹", sagt er. "Aber es ist ein Problem, wenn Linke pauschal ausstrahlen: Als Mann bist du das Problem und bleibst es auch. Das progressive Milieu braucht ein eigenes positives Verständnis von Männlichkeit, das nicht nur Defizit ist."

Die Grünen kämpften immer stolz gegen die Diskriminierung von Minderheiten. Sie haben eine Frauenquote, einige Landesverbände und die Grüne Jugend betreiben sogenannte Flinta-Runden, die Abkürzung steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht‑binäre, trans und agender Personen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. "Das ist gut und wichtig, aber uns fehlen Räume, in denen sich Männer über ihre Probleme austauschen und mit Geschlechterthemen befassen können", sagt Banaszak.

(…) Unter den Unterzeichnern des neuen Männermanifests ist der grüne Bundestagsabgeordnete Julian Joswig. An einem Montagmorgen um acht Uhr trainiert er im Kraftraum eines Fitnessstudios im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. Er nimmt sich zwei Zwölfkilohanteln und macht eine Runde "Bulgarian Split Squats", eine einbeinige Kniebeuge, die vor allem den Oberschenkel und das Gesäß trainiert.

(…) Es gab Kritik. "Finde es leider etwas unsolidarisch, hier feministische Werte zu vertreten und dabei ein oberkörperfreies Video zu posten, wenn genau die Möglichkeit für Frauen nicht existent ist", kommentierte ein Follower. "Feministen tragen in der Öffentlichkeit Hemden", schrieb ein anderer.

Löcker ging es darum, junge Männer außerhalb der "links-grünen Bubble", wie er sie nennt, anzusprechen. "Ich will die jungen Männer erreichen, die sich denken, die Grünen wollen mich doch gar nicht, weil ich ein Mann bin", erklärte er auf Instagram. "Dafür muss ich aber irgendwie in ihre Algorithmen rein und sie so ansprechen, dass sie sich abgeholt fühlen."

Löcker fühlte sich einst selbst von antifeministischen Sprüchen in der Fitnessbubble angesprochen. "Das fand ich als 15-Jähriger irgendwie lustig, zum Glück bin ich dann nicht in die Manosphere abgedriftet. Geholfen haben mir Grüne, die mich so akzeptierten, wie ich bin: straight, Pumper, Anzugträger", sagt er.

(…) Anruf bei Jette Nietzard. (…) "Frauen haben in den letzten Jahrzehnten deshalb etwas erreicht, weil sie laut waren", sagt die 27-Jährige. (…) Nietzard hält nicht viel von dem grünen Projekt, Männlichkeit neu zu definieren. "Es ist der Versuch, die alte Definition von Männlichkeit etwas positiver zu framen, also ein bisschen weniger aggressiv, weniger wütend, weniger dominant", sagt sie. Aber die Idee, mit Pumpvideos junge Männer anzusprechen, findet Nietzard gut. "Man muss in diese Szene reinreichen, auch mit populistischen Mitteln."


Ich habe den Artikel ja oben im Original verlinkt. Jeder kann überprüfen, dass ich keine zentralen Punkte weggelassen habe: keine konkreten politischen Ziele, um Benachteiligungen von Jungen und Männern zu unterbinden und ihre Situation zu verbessern. Nichts von dem, was bei Genderama & Co. täglich dargelegt wird. Die politischen Anliegen und Forderungen von Männern sind für die Grünen unsichtbar. Alles, was es im grünen Denken gibt, und was für eine Titelgeschichte des SPIEGEL ausreichte, ist: Männer nicht ganz so sehr niedermachen wie bisher, ihnen "Räume anbieten", um sich miteinander zu unterhalten, und Bodybuilding. Die Grünen haben nicht einmal begriffen, warum eine komplett fehlende ernstzunehmende Männerpolitik, ihre Partei für viele männliche Wähler unattraktiv macht. Ihrer Auffassung nach besteht die Lösung darin, Hanteln zu stemmen. Die politische Substanz, die Grüne männlichen Wählern anbieten wollen, endet im Fitness-Studio.



2. Die Südtroler Politik-Website "Salto" beschäftigt sich damit, wie der Feminismus die Generation Z verliert. Sicherheitshalber stellt der Autor erst einmal klar, dass er ein Feminist ist, bevor er seine Kritik vorzutragen wagt. Wie seit Jahrzehnten ist auch dort nur der jeweils aktuelle Feminismus von Übel, während davor alles in Ordnung war.

Der neue Feminismus hat es geschafft, mit immer abenteuerlicheren Konzepten vor allem jungen weißen Männern, die ebenfalls unter vielen Aspekten der sich nicht immer zum Besseren verändernden Welt zu leiden haben, fast schon systematisch das Gefühl zu vermitteln, sie seien das Grundübel des ganzen Schlamassels. Je nach Auslegung ist jede kleinere oder größere Katastrophe auf diesem Planeten – ob dies nun der Klimawandel, der Ukraine-Krieg, der Gazakrieg, der Iran-Krieg, die Schere zwischen Arm und Reich u.v.m. – schlussendlich eine direkte Folge des allgegenwärtigen Patriarchates, und als weißer Cis-Mann (also biologischer, heterosexueller Mann) sei man qua seiner Geburt Teil des Problems.

(…) Was der neue Feminismus komplett versäumt – so auch die Ansicht von durchaus einigen Soziologen –, ist die Einsicht, dass auch Männer und vor allem auch junge Männer von vielen Entwicklungen benachteiligt werden, diese in dieser Debatte aber teils gar nicht vorkommen dürfen. Beispiele hierzu gibt es en masse. So schrieb etwa die Financial Times 2024 im Hinblick auf die UK Household Longitudinal Study, dass sich bei Vollzeitbeschäftigten im Alter zwischen 16 und 24 Jahren die geschlechtsspezifische Gehaltslücke umgekehrt hat; junge Frauen verdienen hier im Schnitt mehr als junge Männer – sprich, es gibt einen Gender-Pay-Gap, aber in die andere Richtung.


Das hätte ein guter Anfang sein können, um von da an weiterzudenken. Es gibt ja tatsächlich männerpolitische Baustellen "en masse". Stattdessen verliert sich der Artikel danach in Forderungen nach einer Erbschaftssteuer, einer CO2-Abgabe und einem flächendeckenden Ethikunterricht.



3. Die Süddeutsche Zeitung hat versucht, einen Skandal daraus zu stricken, dass der mittlerweile todkranke Liedermacher Konstantin Wecker früher Beziehungen zu deutlich jüngeren Frauen hatte. Das wird ihr jetzt gerichtich untersagt.

Das Landgericht Berlin II gab einem Antrag Weckers auf einstweilige Verfügung statt und untersagte nach Angaben der Zeitung insgesamt 26 Passagen eines Artikels mit dem Titel "Weckers vergessene Frauen". (…) Die Entscheidung wiegt schwer: Die beanstandeten Stellen betreffen wesentliche Teile der Recherche, sodass die Redaktion den Beitrag vollständig depublizieren musste.

(…) Das Berliner Gericht stellte zwar die grundsätzliche Möglichkeit einer Verdachtsberichterstattung nicht infrage, verneinte in diesem konkreten Fall jedoch das erforderliche öffentliche Informationsinteresse. Für die Süddeutsche ist das eine bemerkenswerte Niederlage – nicht zuletzt, weil die Redaktion selbst in einer ungewöhnlichen Stellungnahme erklärte, die Substanz des Beitrags könne in der bisherigen Form nicht sinnvoll aufrechterhalten werden.

(…) In juristischen Stellungnahmen wird das Vorgehen der Süddeutschen als Grenzüberschreitung kritisiert. So schrieb Weckers Anwalt Dominik Höch aus Potsdam in einer Erklärung seiner Kanzlei Folgendes dazu: "Aus Sicht von Herrn Wecker, der Familie von Herrn Wecker und uns stellt die Entscheidung eine Genugtuung dar und ein Zeichen, dass auch prominente Künstler nicht Freiwild für journalistische Auswüchse sind." Man habe die Süddeutsche Zeitung gebeten, sowohl aus rechtlichen Gründen als auch aus Gründen der Menschlichkeit auf eine Berichterstattung zu verzichten, "zu der unser Mandant sich nicht wehren kann". Die Zeitung habe "auf dem Rücken eines kranken Menschen fremde Aussagen mit Verdachtsäußerungen aus dem Privatleben ausgebreitet. Für uns ist das von Methoden gewisser Boulevard-Medien nicht weit entfernt".


Die Süddeutsche Zeitung kündigte Berufung an und erklärte, "die öffentliche Relevanz von MeToo-Fällen verteidigen" zu wollen.



4. Das populärwissenschaftliche Magazin Psychology Today behandelt einen Aspekt, bei dem speziell Väter nicht ausreichend wahrgenommen werden. Ein Auszug:

Es gibt eine Geschichte, auf die ich [in meinem] Buch nicht so ausführlich eingehe: die Wochenbettdepression meines Mannes.

Zum Glück wurde ich [nach meiner Niederkunft] auf eine Wochenbettdepression untersucht – wenn auch nicht auf die Wochenbettangststörung, die später bei mir diagnostiziert wurde. Mein Mann wurde auf keines von beidem untersucht. Damals erschien uns das normal. Es war 2011 – niemand sprach darüber, dass auch Partner, die das Kind nicht selbst geboren haben, nach der Geburt gefährdet sein können. Wenn sich medizinisches Personal mir zuwandte, fragte es nach meinen Symptomen. Wenn es sich ihm zuwandte, lautete die Frage: "Helfen Sie mit?" Auch das erschien damals richtig.

(…) Er war depressiv – die Geburt unseres Kindes war der Auslöser. Natürlich können auch Partner, die das Kind nicht geboren haben, nach der Geburt psychisch erkranken. Identitäten verändern sich, der Schlaf wird ständig unterbrochen, und es gibt zahlreiche weitere Gründe dafür.

(…) Als unsere Tochter ein Jahr alt war, nahm ich mein Promotionsstudium wieder auf. Als es darum ging, das Thema meiner Dissertation auszuwählen, wusste ich sofort, womit ich mich beschäftigen wollte – unsere eigenen Erfahrungen wurden zur Inspiration. Ich entwickelte eine internationale Delphi-Studie, die später im Journal of Affective Disorders veröffentlicht wurde – ein Verfahren, bei dem Fachleute ihre Antworten Runde für Runde gegenseitig erhalten und überarbeiten, bis ein Konsens entsteht. Zu meinem Expertengremium gehörten Ärzte, Psychologen sowie Familientherapeuten aus mehreren Ländern, die alle mit Vätern in der Zeit rund um die Geburt arbeiten. Ich wollte nicht beweisen, dass väterliche Depressionen existieren – das wussten wir bereits. Mich interessierte, warum wir uns nicht darauf einigen konnten, wie sie aussehen, und weshalb engagierte, kompetente Fachkräfte einen Elternteil gründlich untersuchten, während sie den anderen lediglich aufforderten, "hilfreich" zu sein.

Die Forschung spiegelte unsere eigenen Erfahrungen wider. Schließlich fand das Expertengremium eine Bezeichnung dafür: maskierte männliche Depression. Bittet man Fachkräfte, eine Wochenbettdepression bei einer Mutter zu beschreiben, überschneiden sich ihre Antworten in vieler Hinsicht – Weinen, Hoffnungslosigkeit, Schwierigkeiten beim Bindungsaufbau, Schuldgefühle. Fragt man sie jedoch nach einer Wochenbettdepression bei einem Vater, wird das Bild unschärfer. Manche beschreiben die klassischen Symptome. Manchmal sieht das Krankheitsbild jedoch ganz anders aus als die Lehrbuch-Checkliste: Reizbarkeit, Rückzug, ein deutlicher Anstieg des Alkoholkonsums oder übermäßiges Arbeiten, eine rastlose Form des Fluchtverhaltens.

Die Experten meiner Studie erzielten Einigkeit über mehrere Risikofaktoren für Wochenbettdepressionen bei Vätern. Zu den stärksten gehörten eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte von Stimmungs- oder Angststörungen, geringe soziale Unterstützung sowie eine Partnerin, die ebenfalls unter Depressionen oder Angst leidet. Es zeigte sich, dass die psychische Gesundheit von Vätern und Müttern eng miteinander verflochten ist – etwas, das ich erlebt hatte, bevor ich es in den Daten wiederfand.

Diese internationale Expertengruppe identifizierte außerdem Schutzfaktoren. Beinahe alle hatten mit Beziehungen und Zugehörigkeit zu tun, etwa: eine stabile Partnerschaft, offene Gespräche über Ängste und Zweifel (nicht nur über organisatorische Fragen), von Beginn an aktiv in die Betreuung des Kindes einbezogen zu werden, Arbeitgeber, die Vaterschaftsurlaub unterstützen und Männer nicht dafür benachteiligen, ihrer Rolle als Vater Priorität einzuräumen, sowie das Gefühl, in diesem Lebensübergang einen Sinn zu finden.

Als ich fragte, wie sich eine Depression für einen Vater nach der Geburt tatsächlich anfühlt, lauteten die Antworten nicht einfach "traurig" oder "hoffnungslos". Stattdessen kristallisierten sich folgende Themen heraus: Unsicherheit darüber, wie man Vater sein soll; die Kluft zwischen dem Mann, der man zu sein glaubte, und dem, was tatsächlich zum Vorschein kommt; die Sehnsucht nach Teilen des früheren Lebens; das Gefühl, gefangen zu sein; und ein schleichendes, immer stärker werdendes Empfinden von Unzulänglichkeit.

Die Edinburgh Postnatal Depression Scale – das gängige Screeninginstrument – wurde nicht dafür entwickelt, genau diese Erfahrungen nach der Geburt zu erfassen. Und solche Symptome lassen sich schwer erkennen, wenn die einzige Frage an einen Vater lautet: "Helfen Sie mit?"

Das haben mich jenes erste Jahr mit unserem Baby und später meine Dissertation gelehrt: Wir müssen nach der Geburt das gesamte Familiensystem in den Blick nehmen. Wenn ein Vater im Stillen leidet – weil niemand ihn untersucht hat, weil sich eine "maskierte" Depression eher als Rückzug denn als Tränen zeigt –, wirkt sich dieses Leiden auf den gesamten Haushalt aus. Es beeinflusst, wie unterstützt sich eine Mutter fühlt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Das tut es.




Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!



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