Neue Studie: Wie es Männern heute wirklich geht
Gestern hatte ich mich hier mit der verzerrten, feindseligen und herabsetzenden Darstellung von Männern heute in deutschen Leitmedien beschäftigt. "Was hat er nur, was quält ihn so und warum will er alles kaputt machen?" hatte etwa die Frankfurter Allgemeine über "den Mann" geschrieben und unterstellt, dass Männer von "viel Frust und Hass" getrieben wären. Was deutsche Männer quält, wissen wir mangels flächendeckender oder auch nur repräsentativer Umfragen nur begrenzt. Allerdings hat vor einigen Tagen erst das US-amerikanische Institut für Familienstudien eine solche Untersuchung vorgelegt. Darin zeigt sich zwar nicht der Wunsch, "alles kaputt machen" zu wollen, wie die FAZ herumspinnt, aber tatsächlich viel Frust. Auch wenn die USA nur begrenzt mit Deutschland vergleichbar sind, dürfte es Ähnlichkeiten geben. Deswegen präsentiere ich hier die Kurzfassung in deutscher Übersetzung; einen Link auf die komplette Studie findet man im englischen Original. Schlechte Nachrichten für deutsche Medien: Reißerisch verwerten lassen sich die Erkenntnisse nicht.
Junge Männer stehen zunehmend im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Häufig werden sie als eine Generation beschrieben, die im Vergleich zu früheren männlichen Jahrgängen und zu jungen Frauen ins Hintertreffen geraten ist; sowohl populäre als auch wissenschaftliche Autoren richten ein grelles Licht auf ihre Schwierigkeiten. In der gängigen Darstellung handelt es sich um eine Krise, in der sich ungünstige soziale und ökonomische Daten mit beunruhigenden Deutungen über Entwicklungen innerhalb dieser Gruppe verbinden.
Kernaussagen
* Unsere Ergebnisse zeigen, dass jungen Männern ihr gesellschaftlicher Status wichtig ist, dass sie einen Beitrag leisten wollen und dass sie unter der Diskrepanz zwischen ihrer aktuellen Lebenslage und ihren Vorstellungen leiden.
* 59 % der jungen Männer befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung nicht in einer romantischen Beziehung. Die meisten von ihnen sind jedoch grundsätzlich offen für Partnerschaften.
* Das Verständnis von Männlichkeit junger Männer entspricht überwiegend nicht den zugespitzten Deutungen aus einschlägigen Online-Milieus.
Berichte über diese Krise verweisen auf mehrere besorgniserregende Entwicklungen. So besuchen weniger junge Männer ein College, und entsprechend erwerben auch weniger von ihnen einen Abschluss; nur noch 41 % der Abschlüsse werden an Männer vergeben. Zudem weisen junge Männer höhere Raten bei Diagnosen wie ADHS und Autismus auf und haben häufiger Probleme mit Drogen, Glücksspiel, Pornografie oder dem Gesetz. Viele verdienen weniger und haben schwächere berufliche Perspektiven als frühere Jahrgänge. Sie verfügen über kleinere Freundeskreise, pflegen weniger soziale Kontakte und beteiligen sich seltener am zivilgesellschaftlichen Leben. Auch gelingt ihnen der Übergang ins Erwachsenenleben seltener in der erwarteten Zeit – etwa durch eine Vollzeitbeschäftigung, finanzielle Unabhängigkeit, das Verlassen des Elternhauses sowie Heirat und Familiengründung.
Diese allgemeinen Trends sind gut dokumentiert. Auch eine neue Umfrage des Institute for Family Studies (IFS) unter jungen Männern bestätigt sie. Die Befragung wurde von YouGov zwischen dem 7. und 15. April 2025 mit einer repräsentativen Stichprobe von 2.000 US-Amerikanern im Alter von 18 bis 29 Jahren durchgeführt. Doch was bedeuten diese Entwicklungen? Diese Frage ist entscheidend. Um eine Antwort zu geben, wurde untersucht, wie es jungen Männern in dieser Lebensphase geht und weshalb so viele von ihnen vor den genannten Herausforderungen stehen.
Ziel war es, die Perspektive junger Männer selbst einzubeziehen, da ihre Stimme in dieser Debatte häufig fehlt. Was verstehen sie unter dem Erwachsenwerden, unter Männlichkeit oder unter einem Studium? Welche Ziele und Hoffnungen haben sie? Wer dient ihnen als Vorbild? Mit welchen Schwierigkeiten waren sie konfrontiert, welche Hindernisse sehen sie vor sich, und mit welcher Haltung blicken sie in die Zukunft? Die Ergebnisse sind in dem heute veröffentlichten Bericht "America’s Demoralized Men, Part 1: Worthy Aspirations, Trying Circumstances" zusammengefasst, dem ersten Teil einer zweiteiligen Reihe.
Zentrale Befunde
1. Die Maßstäbe für das Erwachsensein haben sich weiter verschoben.
Klassische Kriterien wie Ehe und Elternschaft haben bereits seit längerem an Bedeutung verloren. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat jedoch auch der früher zentrale Stellenwert eines Bildungsabschlusses an Gewicht eingebüßt: Nur noch 31 % der jungen Männer halten ihn für äußerst wichtig. Höher bewertet werden inzwischen persönliche (51 %) und finanzielle (53 %) Unabhängigkeit. Paradoxerweise korreliert das subjektive Gefühl, erwachsen zu sein, weiterhin stark mit den traditionellen Merkmalen – verheiratet zu sein, Kinder zu haben, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen und eine Ausbildung abgeschlossen zu haben. Selbst unter den 24- bis 29-Jährigen geben daher weniger als die Hälfte (41 %) an, sich eindeutig als erwachsen zu fühlen.
2. In Liebesdingen haben es viele junge Männer schwer.
59 % waren zum Zeitpunkt der Befragung nicht in einer Beziehung. Trotz Hindernissen wie beruflicher Unsicherheit oder Zweifeln an geeigneten Partnerinnen und Partnern zeigen sich viele offen für Beziehungen (74 %). Die Mehrheit der unverheirateten Männer wünscht sich eine Ehe (68 %, weitere 21 % sind unsicher), und auch die meisten kinderlosen Männer möchten später Kinder haben (62 %).
3. Das Verhältnis zum College ist von Ambivalenz geprägt.
Besonders skeptisch sind jene, die kein College besucht oder es ohne Abschluss verlassen haben. Doch selbst unter Studierenden und Absolventen stimmen rund die Hälfte der Aussage zu, dass sich ein Studium zeitlich oder finanziell nicht lohne. 60 % sind zudem der Ansicht, dass sie auch ohne Hochschulabschluss eine für sie interessante Tätigkeit finden könnten.
4. Berufsausbildung und Lehre stellen einen wichtigen Weg ins Erwachsenenleben dar.
Männer ohne Bachelorabschluss, die eine solche Ausbildung abgeschlossen haben, sind ähnlich häufig vollzeitbeschäftigt oder selbstständig (77 %) wie Hochschulabsolventen (80%). Zudem sind sie häufiger verheiratet als Gleichaltrige ohne entsprechende Qualifikation. Solche Ausbildungswege scheinen auch für junge Männer mit Lernschwierigkeiten zugänglicher oder attraktiver zu sein: Personen mit Autismus, ADHS oder Legasthenie schließen sie in vergleichbarer Häufigkeit ab wie andere, während ihre Abschlussquoten im Hochschulbereich deutlich niedriger liegen.
5. Online-Influencer spielen als Vorbilder eine untergeordnete Rolle.
Als wichtigste Vorbilder nennen die Befragten ihre Mütter (79 %) und Väter (69 %), gefolgt von Trainern und Lehrkräften (57 %). Unter bekannten Persönlichkeiten aus Technik, Politik, Unterhaltung und Religion wird der ehemalige Präsident Barack Obama am häufigsten bewundert, während der Influencer Andrew Tate am wenigsten Zustimmung erhält.
6. Ihr Verständnis von Männlichkeit ist nicht die toxische Männlichkeit der Manosphäre
89 % stimmen der Aussage zu, dass Mannsein die Bereitschaft einschließt, sich für andere zu opfern; 85 % verbinden Männlichkeit mit Stärke, Verantwortungsbewusstsein und Führungsfähigkeit.
7. Junge Männer sind keineswegs gleichgültig.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ihre Erwartungen vielfach enttäuscht werden. Sie wünschen sich vor allem eine Arbeit, die ihnen einen angemessenen Lebensstandard ermöglicht. Häufig nennen sie finanzielle Sorgen und die Suche nach einer guten Beschäftigung als größte Herausforderungen ihres bisherigen Lebens – Aspekte, die auch ihre Zurückhaltung gegenüber einer Eheschließung beeinflussen können. Insgesamt zeigt sich: Junge Männer legen Wert auf ihre gesellschaftliche Stellung, möchten etwas beitragen und leiden unter der Kluft zwischen ihrer gegenwärtigen Situation und ihren eigentlichen Lebenszielen.
Ein bisschen irritierend ist natürlich, dass auch diese Auswertung von "der Manosphäre" spricht, als wäre sie ein einheitlicher Block, und dass als "toxische Männlichkeit" der Unwille verstanden wird, sich für andere zu opfern. Solches Framing hätte man auch unterlassen und einfach die erfragten Zahlen nennen können. Trotzdem halte ich das für seriöse und aussagestarke Forschung. Echten Grund für den von Leitmedien gepflegten Alarmismus gegenüber Männern gibt es jedenfalls nicht.
Ich habe über diese Studie einmal eine KI – in diesem Fall ChatGPT – schauen und sie bewerten lassen, ohne irgendwelche Vorgaben zu machen. Das kam dabei heraus:
Der Text und die zugrunde liegende Studie lassen sich sinnvoll auf zwei Ebenen bewerten: (1) empirische Qualität und Aussagekraft der Daten und (2) Interpretation bzw. Rahmung als "Krise".
Empirische Grundlage: solide, aber begrenzt
Einige Stärken sind klar erkennbar:
* Repräsentative Stichprobe (n=2000): Für sozialwissenschaftliche Umfragen ist das eine gute Größe.
* Etablierter Feldpartner (YouGov): Methodisch kein Außenseiter.
* Differenzierte Fragen: Es geht nicht nur um Probleme, sondern auch um Einstellungen, Wünsche und Selbstbilder.
Das spricht dafür, dass die erhobenen Rohdaten grundsätzlich ernst zu nehmen sind.
Aber es gibt ebenso klare Einschränkungen:
a) Selektive Problemfokussierung
Die Studie listet viele negative Indikatoren (Drogen, Einsamkeit, Bildungsdefizite), aber:
* positive Entwicklungen (z. B. geringere Gewaltkriminalität über Jahrzehnte, stärkere emotionale Offenheit) fehlen
* Unterschiede innerhalb der Gruppe (Bildung, Klasse, Ethnie) werden kaum gewichtet
Das erzeugt ein homogenes Problembild, das empirisch so nicht existiert.
b) Interessanter Widerspruch in den Ergebnissen
Gerade die eigenen Daten relativieren die Krisenerzählung:
* Die meisten jungen Männer wollen arbeiten, Familie, Verantwortung übernehmen
* Sie orientieren sich eher an klassischen Vorbildern (Eltern, Lehrer) als an radikalen Online-Figuren
* Sie zeigen keine ausgeprägte Ablehnung gesellschaftlicher Normen
Das spricht gegen ein Bild von "verlorenen" oder "desorientierten" Männern – eher für blockierte Lebensentwürfe.
c) Möglicher blinder Fleck: strukturelle Ursachen
Der Text fragt zwar nach Gründen, bleibt aber vorsichtig bei systemischen Faktoren:
* Wandel des Arbeitsmarkts (weniger klassische Männerberufe)
* Bildungssystem (z. B. Benachteiligung bestimmter Lerntypen)
* steigende Anforderungen an Partnerschaft (ökonomisch, emotional)
Stattdessen schwingt implizit mit: "Die jungen Männer haben ein Problem", weniger: "Die Rahmenbedingungen haben sich verändert."
2. Was wirklich überzeugend ist
Am stärksten ist die Studie dort, wo sie gegen gängige Klischees arbeitet:
* junge Männer sind nicht apathisch
* sie sind nicht massenhaft von extremen Online-Ideologien geprägt
* sie haben klassische, oft durchaus prosoziale Ziele
Das ist ein wichtiger empirischer Gegenakzent zu medialen Übertreibungen.
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