Montag, März 31, 2008

Weder Soldat noch Zivi

Während die Mädels jede Viertelstunde den Feminismus neu erfinden, müssen sich die Jungs mit ganz konkreten und nachweisbaren Form von geschlechtsbezogener Diskriminierung herumschlagen – und haben keinen "Gleichstellungsbeauftragten", der sich um sie kümmert. Spiegel-Online porträtiert Alexander Hensel, den Totalverweigerer, der auch hier auf Genderama schon Thema war. Ein Auszug:

Er denkt einfach viel nach - und zwar sehr gründlich. Ihm geht es um Gerechtigkeit und um die Gewissensfreiheit. Er sagt: "Momentan muss man sich dafür rechtfertigen, dass man keine Waffe halten möchte. Dass man nicht schießen möchte, nicht dazu ausgebildet werden will, Menschen zu töten. Dass deutsche Soldaten in Länder geschickt werden, um Angriffskriege zu führen, widerspricht dem, wofür die Bundeswehr ursprünglich vorgesehen war. In meinen Augen ist das verfassungswidrig." Außerdem stört ihn, dass Frauen keinerlei Dienst machen müssen.


Ich würde ihm meine besten Wünsche mitteilen, aber die hat er mittlerweile nicht mehr nötig.

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Sonntag, März 30, 2008

Ein klarer Dialog

... fand zwischen der Staatsanwältin Friederike Tenckhoff und dem am vergangenen Freitag (28. März) verurteilten Totalverweigerer Alexander Hense statt:

Sie: "Sie haben sich bewusst gegen das Gesetz entschieden. Das ist ein Schlag ins Gesicht gegenüber denjenigen, die sich daran halten."

Er: "Es ist eine Ohrfeige, dies von einer Frau zu hören, die in Deutschland keinen Wehr- und Ersatzdienst leisten musste."


Auf den Seiten des Maskulisten geht es weiter.

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Mittwoch, März 05, 2008

Lesermail (Zivildienst 3)

Die hier angestoßene Debatte zum Zivildienst scheint in einigen von euch die Lust am Schreiben kleiner Essays geweckt zu haben. So mailte mir gestern abend Genderama-Leser S.K. folgenden Text zu:

Hallo Arne,
ich lese mit großem Interesse die Beiträge zum Zivildienst, weil dieser auch für mich eine Leid Erfahrung war.

Allein der Weg dort hin war schon schrecklich genug; vom unerträglichen Prozedere der Fleischbeschau, genannt Musterung, bis hin zur mündlichen Verhandlung zu meiner Verweigerung. Jenseits dieser individuellen Erfahrung finde ich es aber bezeichnend, dass wir unsere Erfahrungen in der Geschlechterdebatte verkürzt reflektieren.

Es ist erstaunlich, was hier niemals thematisiert wird: Junge Männer mussten und müssen sich frühzeitig auseinandersetzen mit ihrer Rolle in der Gesellschaft und einer ganz elementaren gesellschaftlichen Zumutung, nämlich im Zweifelsfall das eigene Leben aufs Spiel zu setzen für "höhere Ziele", auf die sie keinerlei Einfluss hatten und haben. Junge Frauen mussten dies nicht.

In meiner Jugend war die Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, also *bewusst* einen sozialen Friedensdienst zu leisten, gesellschaftlich alles andere als anerkannt. Es war eine oft politische Entscheidung, auch wenn sie sich zuerst antiautoritär äußerte, nämlich gegen autoritäre Strukturen zu sein, gegen Kasernenhof Drill, reglementiertes Leben und gebrüllte Befehle. Wie oft ich mit meinen Eltern gestritten habe, die meinten, wenn dies in meinem Lebenslauf stünde, dann wäre meine berufliche Zukunft verbaut, kann ich gar nicht mehr zählen.

Das war gar nicht so irreal, denn eine Entscheidung gegen den Mainstream Bundeswehr war auch ein Zeichen von Renitenz und Aufmüpfigkeit. Von den Auseinandersetzungen mit anderen männlichen Jugendlichen, die einfach zur Bundeswehr gingen gar nicht zu reden.

All diese Auseinandersetzungen, schon im Vorfeld dieser Entscheidung, blieben den jungen Frauen meines Alters komplett erspart und nichts hat sich geändert. Erstaunlicherweise gibt es einen blinden Fleck in der Geschlechterdebatte. Wir haben uns *bewusst und konkret* entschieden Teil einer friedlichen Entwicklung der Gesellschaft zu sein, indem wir den Kriegsdienst verweigern. Zu meinem Erstaunen gelten Frauen weiterhin per se als das friedlichere Geschlecht, einfach weil sie Frauen sind. Ohne Entscheidung, ohne persönliche Risiken einzugehen und ohne Konsequenzen. Aber vor allen Dingen ärgert mich, dass wir *unsere eigene Leistung* überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen.

Diese Konsequenzen waren für mich nicht ohne; ich leistete meinen Dienst freiwillig ab in der individuellen Schwerstbehinderten Betreuung. Zu meinen Arbeitsbelastungen nur so viel: von 24 Stunden wurden mir 20 anerkannt und das war auch in Ordnung so, denn durchgehend geschlafen habe ich keine einzige Nacht. Nach drei Tagen Dienst am Stück und dem entsprechenden Schlafdefizit war ich gar nicht mehr bewusst anwesend. Ausgeschieden bin ich aus meinem Zivildienst vorzeitig mit einem Polster von 400 Überstunden. Die habe ich nicht etwa freiwillig angesammelt, sondern ich wurde moralisch unter Druck gesetzt von meiner Diensstelle, die mich einfach immer weiterarbeiten ließ, weil wir chronisch unterbesetzt waren. Wogegen Betriebs- oder Personalräte in der Regel Sturm laufen, danach kräht bei Zivis kein Hahn. Mein Eindruck war, dass hier junge Männer planmäßig regelrecht verheizt werden. Und wenn ich die anderen Texte lese, dann bin ich alles andere als ein Einzelfall.

Was ich schon damals ungerecht fand war, junge Frauen aus diesem Zwangsdienst außen vor zu lassen. Während ich arbeitete, konnten meine Freundinnen in die Welt hinaus ziehen, oder bereits mit dem Studium beginnen. Ich wäre auch gerne ein Jahr durch Australien getingelt, stattdessen betreute ich einen schwerstbehinderten Menschen. Als ich meinem Unmut Luft machte, begegnete man mir mit folgenden Argumenten: Zunächst sei ja die Kinderaufzucht Frauensache und demnach würden Frauen ebenfalls gesellschaftlich notwendige Arbeit verrichten, nur eben später. Dito sei Pflege ebenfalls Frauensache und demnach würde per Saldo meine Arbeit noch geringfügig sein. Zudem sind Frauen mindestens doppelt betroffen. Ende der Diskussion.

Es erstaunt dich sicherlich nicht wenn ich dir sage, dies ausgerechnet vorgebracht von Frauen, die sich Kindererziehung nur und ausschließlich partnerschaftlich vorstellen konnten und sich mit Händen und Füßen dagegen verwahrten, für die Pflege ihrer Eltern zuständig zu sein.

Ich bin also jahrelang einer geschickten Argumentationsstrategie aufgesessen. Die läuft immer so: Es werden von Seiten der Frauen abstrakte Allgemeinplätze aufgestellt, die konkrete männliche Arbeit negiert, wenn es nützlich ist. Sich hingegen auf abstrakte weibliche Wesenheiten beruft, wenn das weibliche Individuum konkret nichts vorzuweisen hat.

Konkret ist nämlich folgendes wahr: Ich ging mit einem Bonus von 16 Monaten sozialer und gesellschaftlich nützlicher Arbeit in mein Leben.Nicht *ich* hätte also beweisen müssen, dass ich ein soziales Wesen bin, sondern *die jungen Frauen um mich herum*. Faktisch lief die Diskussion jedoch anders; wir Männer hatten uns zu rechtfertigen, weil Frauen ja per se sozialere Wesen sind. Es wurden beispielsweise in einer Beziehung vorab Schwüre von uns verlangt, wir sollten uns gefälligst im gleichen Umfang um das Baby kümmern etc. In diesen Diskussionen wurden die Männer wie die Schweine durch das Dorf getrieben, weil wir eben Männer sind. Nicht ein einziges Mal kam ich auf den nahe liegenden (und wenig prosaischen) Einwand: Ich habe sechzehn Monate lang Hintern abgeputzt, den Alltag organisiert, mich Tag und Nacht gekümmert. Ich habe durch meine praktische Arbeit bewiesen, dass ich das kann. Bei dir, liebe Frau, steht dieser praktische Beweis deiner nur *behaupteten* Fähigkeiten noch aus.

Jenseits dieser wenig schmeichelhaften Erkenntnis, wie sehr ich mich habe vorführen lassen, kam mir unlängst eine weitere: Was machen wir als Männer eigentlich mit den Frauen, die weder vorbringen können, dass sie Kinder gehabt haben, sich ebenfalls an keiner häuslichen Pflege beteiligen? Denn konkret stehen diese doch bei uns Männern im Zeitkontingent gehörig in der Kreide. Jede kinderlose Frau schuldet mir doch einen Ausgleich für die nicht geleistete soziale und gesellschaftlich nützliche Tätigkeit, oder?

Wollen wir Wetten abschließen, wie die Argumente sein werden, wenn wir dies als Anspruch ins Feld führen?

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Montag, März 03, 2008

Lesermail (Wikipedia zur Wehrpflicht)

Es sieht so aus, als seien durch die heutigen Beiträge zum Zwangsdienst für Männer bei einigen von euch weiterführende Gedanken angestoßen worden. So weist mich der Genderama-Leser U.B. auf den Wikipedia-Eintrag zur Wehrpflicht hin:

Erstens die Weltkarte, wobei in Europa sehr interessant: Die ultrafeministischen Länder (deutschsprachig, skandinavisch) kennen immer noch die einseitige Wehrpflicht für Männer, die bald sogar in Osteuropa abgeschafft wird. Damit sind die feministischen Länder in Sachen Frondienste bzw. Sklaverei die rückständigsten in der entwickelten Welt! Dieser Umstand ist meiner Meinung nach nicht zu unterschätzen. Die Unterwürfigkeit vieler Männer gegenüber Frauen ist so auch für den Staat von praktischem Nutzen.

Zweitens das Kapitel betr. der Wehrpflicht nur für Männer!


Stimmt, das ist durchaus lesenswert.

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Lesermail (Gesundheitsschäden durch Zivildienst)

Zu dem heute morgen veröffentlichten Erfahrungsbericht eines ehemaligen Zivildienstleistenden ist heute nachmittag eine Mail von einem anderen Leser zum selben Thema eingetrudelt:

Ich finde es sehr gut, dass Sie diese Mail von dem einen Zivildienstleistenden in ihrem Blog online gestellt haben. Hier mein Fall, den Sie auch gerne veröffentlichen dürfen (aber bitte ohne meinen Namen).

Ich habe vor sieben Jahren Zwangszivildienst geleistet und leide psychisch heute noch unter den Folgen.

Ich musste immer morgens um 5.30 Uhr aufstehen, um überhaupt rechtzeitig da zu sein. Das war mir aber viel zu früh. Ich kann das auch dann nicht, wenn ich schon um 20.00 Uhr oder 21.00 Uhr ins Bett gehe, denn nicht jeder Mensch ist in der Lage, seinen Körper dazu zu zwingen, um eine ganz bestimmte Uhrzeit zu schlafen.


Kurzer Einschub von mir: Stimmt. Menschen unterscheiden sich nun mal in "Lerchen" und "Eulen", und es gilt mittlerweile als immer besser belegt, dass es zu Gesundheitsschädigungen führen kann, wenn man den einen Typus zwingt, so wie der andere zu leben. Einen ausführlichen Artikel zur Chronobiologie bietet die Wikipedia.

Da ich ahnte, dass ein 20jähriger, der über Müdigkeit klagt, dafür so leicht nicht krankgeschrieben wird, habe ich alles mögliche versucht, um besser schlafen zu können (Arzneitees, Alkohol, exzessiver Sport usw.). Hat alles nicht geholfen.

Ich habe mich nicht daran gewöhnen können, so früh aufzustehen. Ich habe aber gemerkt, dass ich mich einigermaßen trotz Müdigkeit (ich war nicht einfach nur müde, sondern benommen. Mir ging es richtig schlecht!) auf den Beinen halten konnte, wenn ich ganz viel Wasser trinke.

Mein Wasserkonsum steigerte sich in der Zivildienstzeit auf 7-8 Liter am Tag.

Erst nach ein Paar Monaten habe ich mich getraut, mit meinem Problem zum Arzt zu gehen. Der hat mich aber immer nur für ein Paar Tage krankgeschrieben und mein Problem nicht gelöst. Bei Untersuchungen kam immer nur heraus, ich sei gesund!

Wenn er mich doch mal krank schrieb, dann nicht wegen Schlafentzug, sondern wegen z.B. einem „grippalen Infekt“, den ich gar nicht hatte. Ich hatte auch Angst, richtig Stimmung zu machen, weil ich dachte: Wenn ich vom Schlaf anfange, verurteilen sie mich erst recht zur Arbeit und schreiben mich nicht mal für ein Paar Tage mehr krank. Und ich hatte auch Angst, dass ich angezeigt werde (Simulanten oder Leute, die für Simulanten gehalten werden, können ja juristisch belangt werden!), wenn ich mich zuviel krankschreiben lasse bzw. zu oft versuche, an den Krankenschein dran zu kommen. (Ich hatte halt auch Angst, den Krankenschein dann für den Rest der Dienstzeit immer verweigert zu kriegen!) Insgesamt hatte ich die Wahl zwischen „ich ruiniere mir meine Gesundheit“ und „ich begehe eine Dienstflucht und damit eine Straftat“. Natürlich habe ich auch die Leute der Dienststelle, über die ich als Ex-Zivi leider Schweigepflicht habe, darum gebeten, mich nicht so früh am Morgen einzusetzen, aber darüber konnte man mit denen natürlich nicht diskutieren.

Ich habe den Zivildienst jedenfalls als die Hölle auf Erden empfunden. Am Ende war ich regelrecht kurzatmig geworden. Meine Sucht nach viel Trinkwasser hielt nach Ende des Zwangsdienstes noch über zwei Jahre an und endete eher zufällig durch einen „Durstversuch“ im Jahr 2003 im Krankenhaus. Während ich an dieser „Wassersucht“ litt, hatte ich mindestens jeden dritten Tag Kopfschmerzen. Ich hab mir abends immer 2 Liter Wasser ans Bett gestellt, weil ich am nächsten Morgen vor dem Aufstehen so viel trinken musste, um nicht umzukippen. Dass mein Studium in dieser Zeit gut ging, ist fast schon ein Wunder! Mittlerweile bin ich wieder gesund, kann aber über das Thema „Wehrpflicht“ kaum mit einem ihrer Befürworter sprechen, ohne ihn dabei auf der verbalen Ebene regelrecht umzubringen!

Es würde den Rahmen dieser Mail sprengen, alles, was passiert ist, Symptom für Symptom, einzeln zu erläutern.

Ich habe aber durch die ganze Geschichte eines gelernt: Als junger Mann wird man auch dann als „arbeitsfähig“ eingestuft, wenn man es gar nicht ist. Es glaubt einem keiner. Man ist nur der „blöde junge Bock, der ja nur nicht arbeiten will und den man gar nicht feste genug in den Arsch treten kann“. Man hat gerade als junger Mann kein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn man gerade Zivi ist und krank ist, muss man beweisen, dass man krank ist, um von der Arbeit ganz oder teilweise befreit zu werden. Will man sich Jahre später gegen Arbeitsunfähigkeit versichern lassen, muss man beweisen, dass man gesund ist. Das System ist nämlich immer nur gegen einen!

Ich wünsche mir ein Deutschland, in dem sich kein Politiker mehr für die Wehrpflicht aussprechen kann, ohne dass danach von allen Seiten Rücktrittsforderungen laut werden. Wenn einer auch nur das Geringste gegen Frauen sagt, muss er ja auch zurücktreten!

Vor allem muss jede Art von Zwangsarbeit abgeschafft werden. Auch Arbeitslose sollten endgültig „nein“ sagen können zu jedem ach so zumutbaren Jobangebot! Zwangsarbeit nützt der Gesellschaft nämlich nicht, sondern schadet nur!

Zuletzt noch ein wichtiger Link: Hier steht das „Schwarzbuch Wehrpflicht“ zum kostenlosen Download bereit!

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Lesermail (Zivildienst)

Genderama-Leser H.R. berichtet über seine Erfahrungen im Zivildienst – und wie er ein männerfeindliches System letztlich überwinden konnte:

"Wenn du den Lappen hier nocheinmal liegen lässt, dann gibts aber richtigen Ärger mit mir Junge!"

Das mag eine Aussage einer Mutter sein, die ihr Kind belehren will, welches vielleicht 6 oder 7 Jahren alt ist. Höchstwahrscheinlich hat das jeder schon einmal so oder so ähnlich in seiner Kindheit gehört. Nur die Sache ist die:

Ich bin 20 Jahre alt, habe mein Abitur einigermaßen erfolgreich bestanden und ein Unternehmen mit aktuell 2 Mitarbeitern aufgebaut, welches ich nun seit 2,5 Jahren führe.

Und ich bin Zivi.

Mit dem obigen Satz habe ich meine Vorgesetzte eins-zu-eins zitiert. An meinem ersten! Tag hat sie mich auf diese Weise kritisiert, vor zwei anderen fremden Menschen.

Abgesehen von der ganzen Demütigung die man bei der Musterung ertragen muss, ist das der Gipfel. Ich wurde wie ein kleines Kind behandelt, völlig respektlos. Wie ein kleines Stück Scheiße (sorry für den Ausdruck). Ich war sprachlos und konnte es einfach nicht fassen. Ich werde hier festgehalten, muss Drecksarbeit verrichten (Klo sauber machen, Ascher leeren, Unkraut, Rasen mähen, Müll, Küche putzen, Abwaschen, und einmal das Erbrochene eines 15-jährigen Mädchens wegwischen, weil diese sich zu stark betrunken hat).

Und zu alledem die üblichen "Anweisungen": Wenn in dem Jugendhaus noch niemand da ist, rumbrüllen aus dem 2. Stock, mehr oder weniger beleidigen ("der Hauptschüler vor zwei Jahren ist doch auch drauf gekommen" etc.) und auch bei großer Kälte und manchmal sogar bei Regen draußen Müll einsammeln. Das ist kein Scherz oder Übertreibung. Ich schildere meinen Zivi-Alltag, so wie er ist.

Der Höhepunkt kam zwei Monate nach dem Beginn: Ich wurde krank, habe mir einen Grippevirus eingefangen und dazu bekam ich eine Speicheldrüseninfektion, wobei man hier in 50% der Fälle am Hals operieren muss. Die Antwort von meiner Zivistelle kam prompt: Regionalbetreuer eingeschalten. Diese tauchte dann plötzlich vor meiner Haustür auf, ohne Anruf davor, Terminabsprache oder irgendeiner Nachricht. Bin ich als Zivi jedermann jederezeit zugänglich oder was? Glauben die wohl Zivis sind Menschen zweiter Klasse, die es nicht wert sind, benachrichtigt zu werden, wenn man diese aufsuchen möchte.

Umd zu dem Schluss zu kommen: ich habe mich nicht wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt, sondern ich war einer.

Auch mir hat das dann gereicht und ich habe angefangen mich zu wehren, mit legalen Mitteln: meine Arbeitskraft auf Sparflamme reduziert, mich bei jeder Unstimmigkeit in Köln beschwert usw. Nebenbei habe ich mich auf meine "Depressionen" vobrereitet. Ich litt in dieser Zeit unter Schlafstörungen und meldete dies bei meiner Ärztin. Diese hat nach einem langen Gespräch bei mir eine Depression festgestellt. Und so habe ich mich Woche um Woche krankgeschrieben, meine Bezüge dennoch kassiert. Ich besuchte Physiotherapeuten, die mich massierten, ich besuchte alle möglichen Ärzte um mich abchecken zu lassen. Natürlich verschrieb mir meine Ärztin auch noch sehr teure Antidepressiva und und und ...

Der Punkt auf den ich hinaus will: "Der Bund muss sparen." Das sagte mir mein Regionalbetreuer in Anspielung auf meine lange Abwesenheit. Also: Ich produziere nicht genug, für den mir zugemuteten Preis.

Ich habe ganzen Spieß umgedreht: Ich habe den Bund soviel gekostet wie wahrscheinlich noch kein anderer Zivi zuvor. Zuzüglich zu meinen Bezügen, werden dem Bund alle Rechnungen für ärztliche Behandlungen und Medis gestellt.

Mein Motto: Erst wenn sich die Sklaverei nicht mehr "lohnt", wacht unsere Regierung vielleicht auf und schafft die Wehrpflicht ab. Auf menschlichem Wege und der Moral a la "Sklaverei ist nicht gut." wird das nie zu erreichen sein. Daher wäre es schön, einen Weg zu finden, um allen jungen Männern, die diesen Schwachsinn namens Wehrdienst nicht über sich ergehen lassen wollen, zu vermitteln, welcher Weg der effektivste ist, um Widerstand zu leisten. Wenn der menschliche nun mal nicht klappt, so muss der fnanzielle Aspekt ran ...


Vermutlich sind die hier geschilderten Negativ-Erfahrungen sogar eher noch harmlos im Vergleich zu dem, was andernorts so alles vorkommt. Ich kann sie aus meiner eigenen Zivi-Zeit jedenfalls nur allzu gut bestätigen. "Bei den meisten Dienststellen kommt der Zivi doch direkt nach dem Hausschwein", hat eine Pfarrerin dazu angemerkt, die das Treiben auch bei meiner damaligen Dienststelle fassungslos mitansehen musste. (An diese Stelle gehört eigentlich ein kleiner Warnhinweis vor der Evangelische Kirchengemeinde Bad Schwalbach.) Fakt ist: Den meisten Vorgesetzten ist vollkommen klar, dass sie über den Zivildienstleistenden absolute Macht besitzen (er kann ja nicht einfach kündigen, nur weil er ständig schikaniert wird), und da Macht korrumpiert, nutzen sie diese Macht auch gnadenlos aus. Dazu kommt das bewusste oder unbewusste Wissen, dass man Zivis bedenkenlos kaputtmachen kann, da ja sowieso ständig neue nachrücken.

Bemerkenswert ist, dass bei solchen Zwangsdiensten mit all ihren mitunter langfristigen Schädigungen nur Männer und nicht auch Frauen unterworfen werden. Während heranwachsenden Frauen beigebracht wird, dass sie "Alpha-Mädchen" sind und dass "das neue Jahrtausend weiblich wird", wird heranwachsenden Männern beigebracht, dass man sie wie Dreck behandeln kann. Da braucht man sich dann über die entstehende Schieflage zwischen den Geschlechtern, die auch von so manchem "dressierten Mann" gestützt wird, nicht mehr zu wundern.

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