Sonntag, Mai 09, 2021

Neue Studie: Diskriminierung bei der Einstellung trifft nicht Frauen, sondern Männer – News vom 9. Mai 2021

1. Entgegen hartnäckiger Vorurteile sind nicht Frauen in Männerberufen, sondern Männer in Frauenberufen stark von Diskriminierungen betroffen, wenn sie einen neuen Job suchen. Das bestätigt jetzt eine neue Studie aus Schweden:

Neue Forschung liefert Beweise für eine "klare, konsistente und große Diskriminierung" von Männern in frauendominierten Berufen in Schweden. Die Studie zeigt, dass Frauen eher eine Antwort auf Bewerbungen auf Einstiegspositionen erhalten als Männer.

(…) Studienautor Mark Granberg, ein Doktorand der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Linköping, erklärte (…), dass es mehrere Gründe gab, warum er und seine Kollegen an der Untersuchung der Einstellungsdiskriminierung interessiert waren.

"Vielleicht ist die erste Motivation bei der Betrachtung von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, dass sie theoretisch ineffizient ist. Ein gewinnmaximierendes Unternehmen sollte nicht zwischen Arbeitnehmern gleicher Produktivität aufgrund unveränderlicher Merkmale diskriminieren, da dies ihren Zielen zuwiderlaufen würde", erklärte er.

"Die konsistente empirische Beobachtung, dass Arbeitgeber bei der Einstellung diskriminieren, bedarf also einer ständigen Untersuchung, um die Details dieser Entscheidungen herauszuarbeiten. Eine weitere Motivation war natürlich, dass Geschlechterdiskriminierung ein heiß diskutiertes Thema ist und dass wir zufällig Daten aus früheren Experimenten hatten, die wir nutzen konnten, um mit einer gut etablierten Methode auf Geschlechterdiskriminierung bei der Einstellung zu testen."

Die Forscher untersuchten Daten aus drei früheren Studien, bei denen systematisch fiktive Bewerbungen an reale Arbeitgeber mit offenen Stellen verschickt wurden, um Einstellungsdiskriminierung zu messen - eine wissenschaftliche Technik, die als Korrespondenztest bekannt ist. Für jede Bewerbung notierten die Forscher, ob der fiktive Bewerber eine Antwort erhielt und wenn ja, wie die Antwort lautete.

Es wurden 3.200 fiktive Bewerbungen für 15 verschiedene Berufe verschickt, darunter vier männerdominierte Berufe - Kfz-Mechaniker, Auslieferungs-/LKW-Fahrer, IT-Entwickler und Lagerarbeiter - und sechs frauendominierte Berufe - Kundendienst, Reinigungskraft, Kinderbetreuerin, Buchhalterin, Vorschullehrerin und examinierte Krankenschwester. Zu den übrigen Berufen gehörten B2B-Verkauf, Telemarketing, Koch, Kellner und Verkäuferin.

Granberg und seine Kollegen fanden heraus, dass Frauen im Durchschnitt höhere positive Arbeitgeber-Antwortraten hatten als Männer, ein Effekt, der vor allem auf frauendominierte Berufe zurückzuführen war. Es gab keine Hinweise auf Diskriminierung von Frauen in männerdominierten Berufen oder in gemischtgeschlechtlichen Berufen, aber die Forscher fanden Hinweise auf Diskriminierung von Männern in frauendominierten Berufen.

"Bei Verwendung aller Daten wäre der p-Wert für den negativen marginalen Effekt für Männer in der Hochenergiephysik als signifikant angesehen worden (p = .000000026 oder, um die Notation der Physiker zu verwenden, 5,57σ)", schrieben die Forscher in ihrer Studie. "Daher schätzten wir unter Verwendung der kombinierten Stichprobe, dass weibliche Bewerber einen relativen Vorteil von 52,17 Prozent bei den positiven Antwortraten der Arbeitgeber gegenüber Männern in Berufen hatten, in denen sie das vorherrschende Geschlecht waren."

Die Ergebnisse deuten darauf hin, "dass, zumindest in Schweden und den von uns untersuchten Berufen, Einstellungsdiskriminierung bei Einstiegsjobs in erster Linie ein Problem für Männer in frauendominierten Berufen ist", so Granberg gegenüber PsyPost.

Die Forscher untersuchten nur, ob die Bewerbungen eine Antwort von den Arbeitgebern erhielten. Es ist natürlich möglich, dass Frauen auch anderen Arten von Diskriminierung am Arbeitsplatz ausgesetzt sind.

"Diese Studie erfasst nur die Diskriminierung in den ersten Phasen des Einstellungsprozesses bei Einstiegsjobs in Schweden in den von uns untersuchten Berufen", so Granberg. "Es ist natürlich möglich, dass es Diskriminierung in späteren Stadien gibt, z. B. bei tatsächlichen Stellenangeboten (im Gegensatz zu Angeboten im Vorstellungsgespräch), bei Lohnverhandlungen, am Arbeitsplatz und/oder bei Beförderungen. Da es jedoch Studien aus anderen Ländern mit ähnlichen Ergebnissen gibt, würden wir sagen, dass es vernünftig ist, in der Länderdimension ein wenig zu verallgemeinern."


Der letzte Absatz zeigt, dass es sich um kein spezifisch schwedisches, sondern ein länderübergreifendes Problem handelt.



2. Dass häusliche Gewalt während der Corona-Krise um sechs Prozent gestiegen sei, ist heute die Titelschlagzeile der "Welt am Sonntag". Wie eine Umfrage der Zeitung bei Innenministerien und Landeskriminalämtern der Bundesländer ergab, sind zwei Drittel der erfassten Opfer Frauen. Das bedeutet allerdings: Sogar im Hellfeld ist inzwischen ein Drittel der erfassten Opfer männlich



3. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir heute:

Guten Morgen,

ich hätte eine Anmerkung zum Genderama-Post von gestern, Punkt 1, und einen Vorschlag: In dem Blogpost ist von "gendergerechter Schriftsprache" die Rede. Dieser Begriff ist politische Propaganda, denn die bisherige Sprache ist ja keineswegs ungerecht. Nicht zu reden davon, daß hier implizit Geschlechterkollektive zu Rechtssubjekten gemacht werden, ein krasser Gegensatz zu unserem Begriff von Menschenrechten.

Statt schönfärbender Kampfbegriffe wie gendergerecht, gendersensibel, (gender-) inklusiv etc. würde ich nur noch den Begriff gender- bzw. geschlechterseparierende Sprache verwenden.

Genau das ist nämlich die Absicht, in der Alltagssprache die Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern und deren prinzipiellen Interessenkonflikt zu betonen und die Forderung nach getrennter Behandlung und besonderer Berücksichtigung von Frauen gebetsmühlenartig zu wiederholen.


Es ärgert mich selbst, wenn ich eindeutig ideologisch werbende Begriffe wie "gendergerechte Sprache" aus einem zitierten Text (wo ich sie nun mal schlecht austauschen kann) in meinen eigenen übernehme. Der Grund ist dann Unachtsamkeit. Ich versuche, mehr darauf zu achten; in solchen Fällen genügt ähnlich wie bei Vertippern ein kurzer Hinweis per Mail oder PN (was ja viele von euch dankenswerterweise schon machen).



Samstag, Mai 08, 2021

Frankreich verbietet Gendern an Schulen, Audi wird verklagt– News vom 8. Mai 2021

1. Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hat die Nutzung der gendergerechten Schriftsprache an Schulen und in seinem Ministerium verboten.



2. "Gendern bei Audi erinnert an DDR-Unrechtssystem" titelt die Bildzeitung:

Anfang April forderte ein VW-Mitarbeiter eine Unterlassungerklärung von Audi – gegen die im März vom Vorstand eingeführten Gender-Richtlinien (…).

Die Audi-Anwälte baten um Fristverlängerung, lehnten jetzt ab. Begründung: Die Unterlassungserklärung enthalte inhaltliche sowie formelle Fehler und könne nicht abgegeben werden.

Die gegnerischen Anwälte Burkhard Benecken (Marl) und Dirk Giesen (Düsseldorf) zu BILD: "Wir werden nun Klage gegen Audi beim Landgericht Ingolstadt erheben. Wir wollen ein Grundsatzurteil erstreiten, um diesem opportunistisch-heuchlerischen Gender-Wahn einen Riegel vorzuschieben."

Professor Walter Krämer (72), Vorsitzender des "Vereins Deutsche Sprache" (VDS), schimpft: "Es ist unglaublich, mit welcher Arroganz Audi hier agiert und die Bedenken der Menschen, die wichtige Arbeit für sie leisten, nicht ernst nimmt. Das Aufzwingen einer Sprache, die keine rechtliche Grundlage hat, erinnert doch stark an Unrechtssysteme wie das der DDR oder an Dystopien wie '1984' von Orwell."




3. Bei Jungen sind Geschlechtsoperationen auch ohne medizinische Indikation zugelassen. Das verletze die Rechte der Kinder, kritisieren Verbände. Die Berliner Zeitung hat zwei Beschneidungsgegner interviewt, die eine klare gesetzliche Regelung im Sinne der genitalen Selbstbestimmung fordern.



4. Für die ZDF-Nachrichten ist es immer noch wichtig, die Zuschauer nicht zu informieren, sondern sie entgegen sämtlichen Regeln im Zusammenhang mit journalistischer Ausgewogenheit zum richtigen Weltbild zu erziehen. Aktuell geschieht das durch den Beitrag "Warum Feminismus und Gleichberechtigung auch Männersache ist". Zu dem Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, erhielt er auf Youtube 1282 Likes und 7323 Dislikes: ein klares Urteil, das das ZDF vermutlich dazu bewegen wird, noch viel mehr Beiträge dieser Art rauszuhauen, damit die Leute endlich korrekt zu denken lernen. Die Kommentare unter dem Video sind teilweise sehr unbotmäßig. (Ein Beispiel, gerichtet an die Journalistin, die den Clip präsentiert: "Wenn die Qualität deiner alten Arbeit so war wie dieser Beitrag, dann wundert es mich nicht, dass du weniger als dein Kollege verdient hast.") Vom Youtube-Kanal Massengeschmack-TV wird der ZDF-Beitrag zerpflückt.



Freitag, Mai 07, 2021

"Dieser Mann wurde ein Jahr von seiner Frau gefoltert" – News vom 7. Mai 2021

1. Toxische Weiblichkeit bleibt ein Problem:

Über ein Jahr schwieg er, weil sie seine große Liebe war.

Ein Mann (35) aus Tyresö (Schweden) wurde monatelang von seiner eigenen Ehefrau geschlagen, misshandelt, gedemütigt. Jetzt verurteile das Amtsgericht Stockholm die Frau wegen Körperverletzung zu einem Jahr und vier Monaten Haft. Außerdem muss sie 5500 Euro Schmerzensgeld zahlen.

In der Zeitung "Expressen" schildert der Gepeinigte anonym, was ihm passiert ist. Er sagt: "Mein Körper war ein lebender Sandsack."


Hier geht es weiter. Ein konkreter Fall und begleitende Fotos ist womöglich anschaulicher als noch so viele Statistiken über die hohe Zahl männlicher Opfer.

Etwa zur selben Zeit twittert der Lehrer, Schulleiter, Publizist und seinem Blog zufolge Vater dreier Töchter Jan-Martin Klinge, er frage sich, ob bei Männern "vielleicht generell etwas falsch verdrahtet" sei, weshalb man die Frauenquote auf 95 Prozent anheben und Männer nur noch in homöopathischen Dosen zulassen sollte.

Es erschreckt mich schon, dass ein biologistischer Hass auf männliche Personen inzwischen sogar derart tief in unser Erziehungswesen vorgedrungen ist. Nachdem ich diesen Tweet beanstandete, wurde ich allerdings schnell von Jan-Martin Klinge blockiert. Offenbar war die Kritik an Klinges Statement aber insgesamt so heftig, dass er seine Tweets jetzt grundsätzlich nur noch für seine Follower sichtbar gemacht hat. Diskursfähigkeit sieht anders aus.

Ich bleibe natürlich trotzdem dabei: Gewalt ist weder männlich noch weiblich, sondern – leider Gottes – menschlich.



2. Endlich scheint sich die erhoffte Wende im Fall Johnny Depp anzubahnen: Die Polizei ermittelt jetzt gegen seine Ex-Frau Amber Heard. Neue Beweise belasten Heard schwer:

Die Bodycams der Beamten, die damals zum Tatort gerufen wurden, wurden nun ausgewertet. Auf ihnen zu sehen: Eine Küche in einwandfreiem Zustand und auch Amber wirkt unverletzt. Die Polizisten, Spezialisten für Opfer häuslicher Gewalt, sagten aus, dass weder Amber Verletzungsspuren aufwies, noch die Wohnung verwüstet oder zertrümmert war.

Sollten sich die Vorwürfe gegen Amber Heard verhärten, drohen ihr bis zu vier Jahre Gefängnis wegen Meineids, also gefälschter Beweise.

Johnny Depp erklärte (...) über seinen Anwalt Adam Waldmann: "Mister Depp wartet geduldig auf seine Rehabilitierung und das Ende dieses Albtraums."




3. In einem brillanten Artikel, der ein Grundlagentext in einem maskulistischen Lesebuch sein könnte und der die komplette Seite 2 der "Welt" von gestern einnimmt, fragt Marcel Peithmann, dessen Newsletter ich kürzlich hier empfohlen hatte: "Was ist eigentlich aus der Unschuldsvermutung geworden?" Der Artikel beginnt so:

Kürzlich sah sich der deutsche Comedian Luke Mockridge mit der öffentlichen Behauptung seitens einer Ex-Partnerin konfrontiert, er habe sich während der Beziehung ihr gegenüber körperlich übergriffig verhalten. Erwartbar wäre als Reaktion die Anregung gewesen, den Vorwürfen nachzugehen, auch wenn der gegenüber dem Sender Sat.1 geäußerte Wunsch, dieser möge mögliche Straftaten aufklären, eine völlige Unkenntnis des Rechtssystems belegt. In den sozialen Medien wurden allerdings Stimmen laut, sein Arbeitgeber solle ihn umgehend entlassen. Mit #KonsequenzenfuerLuke entstand ein eigenes Hashtag, mit dem der Sender massiv unter Druck gesetzt wurde. Das Online-Scherbengericht hatte sein Urteil gefällt.

Der Sender reagierte mit einer Stellungnahme, in der es hieß, es gebe „aus guten Gründen“ kein Verfahren gegen den Künstler und man hielte es für eine moderne Form der Lynchjustiz, jemanden aufgrund von Gerüchten an den Pranger zu stellen. Das sei nicht mit dem eigenen Rechtsverständnis vereinbar. Diese Worte überraschten in ihrer Deutlichkeit. Im aktuellen Klima reichen oftmals bloße Behauptungen, damit eine Institution einknickt. Auch die "Spiegel"-Kolumnistin Margarete Stokowski beschäftigte sich in einem Beitrag unter anderem mit diesem Fall: "Wer erklärt, dass eine Frau, die von Übergriffen spricht, lügt und das Ansehen dieser Person zerstören will, wirft der Frau mindestens üble Nachrede vor – und das wäre dann auch eine Straftat, die diese Frau begehen würde." Dieser Satz basiert nicht nur vollständig auf Unterstellungen, sondern diskreditiert auch die Unschuldsvermutung, indem er sie nach eigenem Gusto verdreht.

Gegen diese Kritik versuchte sich Stokowski mit der Aussage zu immunisieren, die Unschuldsvermutung sei ausschließlich ein "rechtliches Prinzip". Damit möchte sie wohl behaupten, diese gelte nur vor Gericht. Das ist nachweislich unzutreffend. Aus dem Pressekodex, den man als Journalistin eigentlich kennen sollte, geht hervor, dass der Grundsatz der Unschuldsvermutung auch für die Presse verpflichtend ist. Man kann durchaus die Meinung vertreten, dass sie zusätzlich auch ein moralisches Prinzip sein sollte.

Ein Abschnitt lädt besonders zu Kommentierung ein: „Dass sexualisierte Gewalt selten nachgewiesen werden kann, ist ein Problem. Aber die Hauptgefahr ist hierbei nicht, dass haufenweise unschuldige Männer im Knast landen. Die Hauptgefahr ist, dass das öffentliche Misstrauen gegen mutmaßliche Opfer und diejenigen, die den Schilderungen glauben, dazu führt, dass Menschen, die Gewalt erfahren haben, es nicht wagen, darüber zu sprechen, weil sie ahnen, welche Macht ihnen dann entgegenschlagen würde.“ In negativer Hinsicht bemerkenswert, wie grotesk hier die Idee der Unschuldsvermutung verzerrt wird.


In den folgenden Absätzen erläutert Peithmann, dass die bloße in einem Rechtsstast bestehende Notwendigkeit, Anschuldigungen auch zu belegen, keieswegs ein Zeichen dafür sei, dass unser Gesellschaft Frauen nicht glaube. Man verstärke seine Glaubwürdigkeit als angebliches Opfer allerdings nicht, wenn man seine Vorwürfe statt bei der Polizei in den sozialen Medien einbringe.

Dass Stokowski unschuldig Kompromittierte zu Kollateralschäden erklärt, spricht zudem Bände darüber, welche Stufe der Verrohung der Diskurs inzwischen erreicht hat.


Vor diesem Hintergrund entwickelt Peithmann eine gründlichere Analyse der Unschuldsvermutung und ihres Werts in einer ziviliserten Gesellschaft. Diese Erörterung geht ideengeschichtlich bis ins 13. Jahrhundert zurück, lässt aich aber auf den einfachen Nenner bringen: Wer jemand anderen auf der Grundlage bestimmter Vorwürfe benachteiligen möchte, muss diese Vorwürfe eben auch belegen können. Dieses Rechtsprinzip ist, wie Peithmann zeigt, inzwischen auch in einer Reihe internationaler Verträge kodifiziert. Dem unbenommen wird diese zentrale Maxime unseres Rechts insbesondere von den Medien immer wieder gebrochen, und es kommt zu einer vorverurteilenden Berichterstattung bei Prominenten wie Jörg Kachelmann, Michael Jackson und Woody Allen (sämtlich Männer, wie dem aufmerksamen Leser auffallen dürfte).

2020 versuchten Autoren des Rowohlt Verlags mit einem offenen Brief, die dortige Veröffentlichung der Memoiren Allens zu verhindern. Eine Mitunterzeichnerin des Briefs: Margarete Stokowski.


Während sich die Mehrheit der Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe nach sorgfältiger Prüfung durch Staatsanwaltschaft und Gericht als zutreffend erweise, argumentiert Peithmann, rechtfetige allein "die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Vorwürfe der Wahrheit entsprechen, allerdings nicht die Zerstörung von Existenzen ohne rechtsstaatliches Verfahren." Auf dieser Grundlage, die eigentlich eine Binsenweisheit darstellen sollte, entwickelt Peithmann deutlich weitergehende Gedanken:

Rechtsstaatliche Standards werden von vielen allerdings nur akzeptiert, solange sie nicht mit den eigenen Ansichten kollidieren. Diese Ansichten enthalten häufig die auf einem Irrtum basierende Erzählung, dass Angehörige bestimmter Gruppen pauschal Opfer und Angehörige anderer Gruppen pauschal Täter seien. Dabei ist unerheblich, ob es sich um Geschlechterfragen, Rassismus oder andere Themen handelt: Einem friedlichen Miteinander ist dieses Narrativ nicht zuträglich.

Die Unschuldsvermutung sollte deshalb nicht nur als zentrales Element des Rechtsstaats, sondern als wichtiger Teil der Verbesserung des Umgangs miteinander auch in allen anderen Lebensbereichen gelten. Es verwundert, dass in einer Zeit, in der sich parteiübergreifend auch in politischen Programmen immer häufiger Forderungen nach "Achtsamkeit" und "Respekt" finden, dieses so wichtige Werkzeug zur Erfüllung des Wunsches nach einem konstruktiv-bejahenden Miteinander gering geschätzt wird.


Dies habe insbesondere im Zeitalter der sozialen Medien zu gelten, durch die unbelegte behauptngen nicht nur in Windeseile tausendfach vervielfältigt und verbreitet werden, sondern deren Aufmerksamkeisökonomie den Wert der Unschuldsvermutung immer weiter erodieren lässt. Umso eher müsse sie verteidigt werden, um den sozialen Frieden zu sichern.

Das ist natürlich genau das, was auch wir Maskulisten immer wieder tun. Ebenso bezeichnend wie bedauerlich ist, dass wir daraufhin selbst immer wieder Opfer des von Peithmann skizzierten Mechanismus der verschiedensten Unterstellungen und des leichtsinnigen Glaubens werden, dass diese Unterstellungen schon irgendwie zutreffen werden.



4. Dem eben erwähnten Newsletter Peithmanns habe ich aktuell einen Hinweis auf einen gelungenen Artikel zu verdanken, den Barbara Zehnpfennig, Professorin für Politische Ideengeschichte an der Universität Passau, in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlicht hat. Zehnpfennig befindet, die wachsende Zahl an Ausladungen und Sprechverboten an den Hochschulen ("Cancel Culture") treffe die Wissenschaft im Kern. Was Zehnpfennig hierzu ausführt, erklärt auch, warum die maskulistische Perspektive in Disziplinen wie den Genderstudien, die sich derzeit noch eher auf dem Rang einer ideologiegetriebenen, einseitigen Pseudowissenschaft befinden, kontinuierlich ausgeblendet bleibt:

Wenn heute eine nicht unbeträchtliche Zahl von Wissenschaftlern der Ansicht ist, in einem Klima zu leben, das die Freiheit der Wissenschaft bedroht, wird ihnen oft entgegengehalten: Von wem soll denn eine solche Bedrohung ausgehen? Man kann bei uns doch alles sagen! Es wird ihnen unterstellt, dass sie sich weinerlich nach den guten alten Zeiten sehnten, die es so nie gegeben habe, dass sie keine Kritik an ihrer Forschung ertrügen und sich als alte weiße Männer an ihren Privilegien festkrallten, die sie durch die neuen Zeiten in Gefahr sähen.

Schon der letzte Vorwurf, der im Übrigen die alten weißen Frauen durch Nichtbeachtung diskriminiert, zeigt aber, dass es in diesem Meinungskampf um Ideologie geht. Was hat Wissenschaft mit dem Geschlecht und Alter ihrer Akteure zu tun? Früher hätte man den Spruch über die "alten weißen Männer" schlicht als dumm abgetan. Heute ist er geradezu in den Rang eines Arguments erhoben, obwohl er genau den Rassismus transportiert, den er zu bekämpfen vorgibt. Aber auch die anderen Unterstellungen sind dazu angetan, von der Sache abzulenken. Denn sie beruhen auf der Spekulation über Motive, statt sich mit dem behaupteten Sachverhalt auseinanderzusetzen.


Genau das erleben ich und andere Männerrechtler immer wieder, wenn wir bei unserer Recherche die aus feministischer Sicht "falschen" Dinge herausfinden. Auf die von uns ermittelten Fakten wird dann gar nicht mehr eingegangen – stattdessen werden uns Beweggründe wie "Frauenfeindlichkeit" und "radikal rechtes Denken" unterstellt. An Universitäten gelangen wir mit diesem "falschen" Denken natürlich nicht, wozu Zehnpfennig weiter ausführt:

Das Problem ist, dass der Andersdenkende oft gar nicht mehr die Gelegenheit erhält, seine Position zu begründen. Er hat gegen einen ungeschriebenen Kodex verstoßen, und das macht ihn satisfaktionsunfähig. Wer den Rassismus nicht für eine europäische Erfindung hält, wer im Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung der Frau sieht, wer darauf besteht, dass Geschlecht nicht einfach nur ein gesellschaftliches Konstrukt ist, hat sich in weiten Teilen der akademischen Welt schon so unmöglich gemacht, dass man gar nichts weiter von ihm hören will. Es ist also nicht so, dass man sich bei solchen Positionen auf ein Bombardement von Gegenargumenten einstellen müsste. Der Angriff zielt vielmehr auf die Person.

Da der Antirassismus, der Antieurozentrismus, die Gendertheorie und der Multikulturalismus die Seite des moralisch Guten okkupiert haben, ist der Kritiker dieser Strömungen fraglos der moralisch anrüchigen zuzuordnen. Die Verlagerung der Auseinandersetzung von der Sachebene auf die Ebene des Moralischen erlaubt den Ideologen eine erfrischende Freiheit im Umgang mit den Fakten: Was bedeutet schon die naturwissenschaftliche Forschung zu den Geschlechtern, wenn man solch schöne sozialwissenschaftliche Theorien über die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts hat? Wen interessieren die historischen Tatsachen zum Thema Sklaverei, wenn man doch weiß, dass hier alle Schuld beim weißen Mann zu suchen ist?

Doch abgesehen davon, dass sich diese angeblichen Einzelfälle häufen, darf nicht übersehen werden, was der für alle spürbare Sanktionsmechanismus der moralischen Ächtung subkutan für Verwüstungen anrichtet. Sichtbar ist nur, wer bereits dem Verdikt verfallen ist. Unsichtbar aber bleiben die vielen, die aus Angst vor einer Ächtung, gegen die man sich eben nicht wehren kann, nicht so reden, wie sie denken, und nicht so forschen, wie sie gerne forschen würden.

Das bedeutet die Ausbreitung des Duckmäusertums und der Heuchelei in die Wissenschaft. Man macht seinen Kotau vor Diversität, Gender und europäischer Universalschuld und versucht, dahinter verborgen doch noch etwas von dem zu retten, was einem eigentlich wichtig ist. Oder man ergibt sich völlig dem Druck und liefert das Geforderte. In beiden Fällen verstärkt man die schon vorhandene Tendenz. Natürlich kann man den Betreffenden vorwerfen, dass sie auf diese Weise an dem Netz mitknüpfen, das sie einschnürt. Aber Heldentum ist eben dünn gesät – und an der Universität, so der Eindruck, den man manchmal haben kann, vielleicht noch dünner als an anderen Orten.

Wenn sich in der Wissenschaft die Haltung breitmacht, die Wahrheit bereits gefunden zu haben, und die Forschung nur noch dem Zweck dient, sie zu verifizieren, trifft das die Wissenschaft im Kern. Wissenschaft ist fortwährende, möglichst vorurteilsfreie, auf jeden Fall aber existenziell auf die sachliche Auseinandersetzung angewiesene Erkenntnis- und Wahrheitssuche. In ihr kann es nur um die Sache gehen, nicht um die Personen, nicht um moralische Qualifizierungen, nicht um politische Zielsetzungen. Wenn das aus dem Blick gerät, ist in der Tat viel verloren.




5. Der NDR forderte gestern in Schlagzeile und URL eines Beitrags ein "Genaues Auge bei Vorurteilen gegen alte weiße Männer" (https://www.ndr.de/kultur/sendungen/nachgedacht/Genaues-Auge-bei-Vorurteilen-gegen-alte-weisse-Maenner,kuehn470.html), hat dann aber offenbar Angst vor seiner eigenen Courage bekommen (Männer UND Weiße gleich in der Überschrift zu verteidigen geht bei den Öffentlich-Rechtlichen nun wirklich nicht) und die Überschrift zu "Alters-Bashing: An der Brust des Vorurteils" geändert.

In dem Beitrag selbst erklärt Ulrich Kühn, er wolle sich selbstverständlich keineswegs zu einem "Statement für eine Bevölkerungsgruppe" erdreisten, "die nun wirklich nicht schwer zu klagen hat", sondern nur generell vorsichtig hinterfragen, ob denn die Einteilung von Menschen nach Geschlecht und Hautfarbe sinnvoll ist. So nennt dann Kühn analog zum "guten Ausländer", den viele radikal Rechte gerne anführen, auch drei "gute" weiße Männer mit Joe Biden, Jürgen Habermas und Gerhard Polt. Implizites Fazit: Wenn sich weiße Männer an diesen Exemplaren orientieren würden, die offenbar der politischen Ausrichtung Ulrich Kühns entsprechen, dann müssten sie sich auch weniger rassistische und sexistische Anfeindungen gefallen lassen.



Donnerstag, Mai 06, 2021

Wegen Impfpriorisierung der Bundesregierung: Anteil von Männern unter Corona-Toten gestiegen – News vom 6. Mai 2021

1. Das Männergesundheitsportal "gesund.men" berichtet zu den geschlechtsbezogenen Auswirkungen der Corona-Pandemie:

Der Impf-Effekt schwächt sich ab. Während die Zahl der Todesopfer im Februar und März jeweils deutlich niedriger lag als im Vormonat, gab es diesen Rückgang im April nicht. Die Zahl der Todesopfer lag zwar leicht unter denen des März, der umfasste in unserer Analyse fünf Wochen, sodass im Wochenschnitt sogar etwas mehr Menschen starben.

Dass zunächst vor allem Frauen geimpft wurden, zeigt sich aber in der Zahl der Todesopfer nach Geschlecht. Waren bis Anfang April 51,6 Prozent der Todesfälle Männer, waren es zwischen dem 6. April und dem 4. Mai 58,1 Prozent. Die Zahl der männlichen Todesopfer lag mit 3.773 ganze 38,7 Prozent höher als die der Frauen.

(…) Ob diese Differenz anhält, bleibt abzuwarten. Sie war aber erwartbar, da in den ersten Monaten überwiegend Frauen geimpft wurden. So sind mehr als 60 Prozent der zunächst priorisierten über 80-Jährigen Frauen. Bei den in Heimen lebenden Menschen dürfte der Anteil noch höher sein. Gleichzeitig wurde der "Risikofaktor Mann" nicht bei der Priorisierung berücksichtigt. Das gilt erstaunlicherweise auch, nachdem die Priorisierung deutlich verfeinert wurde.

Der Politikwissenschaftler und Autor Dr. Warren Farrell spricht daher von einer Gender Gap in Empathy, also einer geschlechtsspezifischen Empathielücke. Der Autor Ralf Bönt hat daher in der Wochenzeitung DIE ZEIT eine stärkere Berücksichtigung von Männern bei der Priorisierung von Impfungen gefordert. In dem Beitrag zur Impfpriorisierung von Männern sowie einem Interview mit dem WDR fordert er, die Mehrzahl der Impfungen an Männer zu vergeben.

Tatsächlich zeigt eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts, dass im Jahr 2020 geschätzt 60,1 Prozent der durch Corona vorzeitig verlorenen Lebensjahre auf Männer entfielen. Der Anteil ist zwar nur eine Schätzung, weil Vorerkrankungen bei der Berechnung nicht berücksichtigt wurden. Das aber betrifft beide Geschlechter. Der Anteil der Männer dürfte im Jahr 2021 außerdem höher liegen, wenn der oben beschriebene Trend anhält.


Der Beitrag, den man hier vollständig einsehen kann, schließt mit folgender persönlichen Einschätzung des Verfassers:

Die Forderung von Bönt ist (…) grundsätzlich richtig. Ich hätte aus Gründen der politischen Durchsetzbarkeit etwas zurückhaltender gefordert: 50 Prozent der Impfungen müssen jeweils für Männer reserviert sein. Damit hätte die Politik den Geschlechterunterschied zwar nicht bekämpft, aber zumindest nicht noch weiter erhöht. Und mit Blick auf eine Bundeskanzlerin Baerbock und die Position der Grünen zur Gender Gap bei der Lebenserwartung sollte das Thema Männergesundheit stetig vorgebracht werden. Es würde schon helfen, wenn die Gründe für die Übersterblichkeit von Männern wissenschaftlich vernünftig untersucht würde. Ein kleiner Teil der Gelder, die die Kranken- und Pflegeversicherung bisher für Frauen mehr ausgibt als für Männer, würde schon reichen.




2. In Ruanda werden einem Teil der Flüchtlinge Essensrationen gestrichen. Kriterium ist außer der Bildung (was in der Schlagzeile von Spiegel-Online erwähnt wird) auch das Geschlecht:

Als die Redner fertig waren, stand vielen Geflüchteten das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, schildert Kagabo. Den Bewohnern des Camps wurde verkündet, dass sie künftig in drei Gruppen eingeteilt werden: in Menschen mit hoher, mittlerer und niedriger Bedürftigkeit. Mit weitreichenden Konsequenzen. Nur noch die erste Gruppe bekommt weiterhin Geld für eine volle Essensration ausgezahlt. Für die mittlere Gruppe gibt es ab jetzt lediglich die Hälfte der bisherigen Ration, die letzte Gruppe erhält keinerlei Unterstützung mehr – und damit auch kein Essen.

(…) Dazu werden bestimmte Kriterien beurteilt. Ob im Haushalt ein Mann im Alter zwischen 18 und 59 Jahren ohne Behinderung oder Krankheit lebt, zum Beispiel. Wenn der Haushaltsvorstand aber keinen Schulabschluss hat oder mehr als zwei weibliche Kinder Teil der Familie sind, steigt die Bedürftigkeit wieder – und damit auch die Chance auf Essensversorgung.

(…) "Die Gefahr ist groß, dass es zu Konflikten unter den Bewohnern der Lager kommt. Viele können nicht verstehen, dass die Nachbarn noch Essen bekommen, nur weil sie eine schlechtere Bildung oder ein anderes Geschlecht haben", sagt ein Mitarbeiter einer involvierten Hilfsorganisation vor Ort.


Es ist so typisch. Den verhungernden Männern ist mal wieder nicht klar, wie privilegiert sie aufgrund ihres Geschlechtes sind.



3. Entgegen den Befürchtungen und Vorurteilen vieler Frauen können sie sich darauf verlassen, dass Männer ihr Gegenstück zur Antibaby-Pille zuverlässig anwenden:

Eine große Hürde bei der Entwicklung eines täglichen Verhütungsmittels für Männer war bisher die nagende Angst vieler Frauen, dass sie die Einnahme vergessen könnten.

Doch eine bahnbrechende britische Studie hat nun gezeigt, dass die Mehrheit der männlichen Teilnehmer ein Verhütungsgel ein ganzes Jahr lang verwendet hat.

Nach mindestens 12 Monaten stellte die Studie fest, dass etwa 90 Prozent der Männer sich daran erinnerten, das Gel jeden Tag auf die Schulter zu reiben, um ihr Testosteron zu unterdrücken, so dass sie wenig oder keine Spermien produzierten.

Keine der Partnerinnen der Männer, die sich angemeldet haben, ist schwanger geworden, was darauf hindeutet, dass das Verhütungsmittel gut funktioniert - obwohl es bis zu den vollständigen veröffentlichten Ergebnisse noch etwa zwei Jahre dauern wird.

(...) [Studienleiter] Professor Anderson sagte: "Dies ist die erste britische Studie, die ein Do-it-yourself-Verhütungsmittel für Männer testet, anstatt es ihnen zu injizieren oder ihnen ein Gel im Labor zu verabreichen. Man wird immer Leute finden, die der Meinung sind, dass man Männern nicht zutrauen kann, täglich zu verhüten. Aber diese Ergebnisse zeigen, dass man sich auf Männer verlassen kann, und das ist wichtig, weil viele Paare die Möglichkeit haben wollen, mehr Auswahlmöglichkeiten für ihre Verhütung zu haben."

(...) Der Experte für männliche Fruchtbarkeit, Allan Pacey, Professor für Andrologie an der Universität Sheffield, sagte: "Nach meiner Erfahrung denke ich, dass die meisten Männer, die sich bereit erklären, eine Art von männlichem Verhütungsmittel zu nehmen, damit sehr gut zurechtkommen würden. Ich habe in meinen Gesprächen mit Männern nichts gesehen, was auf etwas anderes schließen ließe. Aber ich war besonders beeindruckt von den Ansichten der viel jüngeren Männer in der Altersgruppe der Millennials, die ihre soziale Verantwortung in dieser Hinsicht viel ernster nehmen."




4. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir heute:

Hallo Arne,

hier ein interessanter Artikel über Männer in der KiTa.

Einer meiner Freunde macht diesen Job und hat primär diese Probleme:

Die Kolleginnen trauen ihm nichts zu, er erfährt auch häufig Mobbing durch Kolleginnen und Vorgesetzte (w).

Bei der Partnerinnensuche ist er recht erfolglos. Für die Damen ist sein Status zu tief; sie finden das zwar "süss", aber eine Beziehung mit ihm möchten sie nicht. Da ist ihnen der Mann mit einem "guten" Job doch lieber.

Für Punkt 2 gibt es meiner Meinung nach folgenden Gründe:

Frauen suchen in der Regel einem Mann, der mehr verdient als sie, damit ist mein Freund heute bei mindesten 80% der Frauen schon mal draussen.

Frauen möchten, dass der Mann so viel verdient, dass sie in ihrem Job maximal 50% arbeiten müssen, sobald Kinder da sind. Damit sind weitere 19% draussen. Bleibt ein ganz kleiner Rest, den er zuerst mal kennen lernen muss.

Wir hatten mal in Tinder eine Anzeige mit folgendem Text aufgegeben:

"Kleinkinderzieher sucht karrierebewusste Frau mit Kinderwunsch. Du machst Karriere, ich halte Dir zuhause die Rücken frei."

Rückmeldungen nach drei Wochen: Null, wirklich null. Er ist sportlich und sieht anständig aus. Auch das war im Tinderprofil ersichtlich.


Eine weitere Zuschrift macht mich auf einen Leserbrief von Professor Dr. Theo Stemmler aufmerksam, der in der FAZ vom 15. April veröffentlicht wurde. Dort heißt es:

Als Mitglied des Deutschen PEN-Zentrums erlaube ich mir eine Ergänzung zu dem hervorragenden – und längst überfälligen – Essay von Rainer Moritz. Der Schriftstellerkollege Lutz Götze hat vom 20. Februar bis zum 20. März eine Umfrage unter den Mitgliedern des PEN-Zentrums über "Gendergerechte Sprache" veranstaltet, die sehr bemerkenswerte Ergebnisse gezeitigt hat. In Kurzfassung: Die Mehrheit der Teilnehmenden möchte das generische Maskulinum beibehalten, nicht aber den Genderstern und den Glottisschlag verwenden – aus Gründen, die Rainer Moritz sehr treffend referiert hat. Besonders aufschlussreich ist, nicht nur die männlichen Teilnehmer, sondern auch die weiblichen haben sich so entschieden, wenngleich weniger deutlich.

Leider sind die Ergebnisse dieser Umfrage, soweit ich weiß, bisher in den Medien überhaupt nicht erwähnt worden. Schade. Eigentlich wissen Schriftsteller (m/w/d) über die Sprache Bescheid.




Mittwoch, Mai 05, 2021

Ärger an Uni Bremen: Konrektor verhindert Notenabzug wegen nicht gegenderter Sprache – News vom 5. Mai 2021

1. Der Weser-Kurier berichtet über eine aktuelle Kontroverse:

Der Fall machte unlängst Schlagzeilen: An der Universität Kassel wurde ein Student mit Punktabzug bestraft, weil er in einer Arbeit keine gendergerechte Sprache verwendet hatte. Eine ähnliche Erfahrung hat auch Guillaume Luschei an der Universität Bremen gemacht. Der 20-jährige Student der Franko-Romanistik und Politikwissenschaften musste ein Referat auf Druck der Lehrkraft gendergemäß anpassen. Von einzelnen Lehrkräften werde die Verwendung gendergerechter Sprache als Bewertungskriterium aufgeführt, kritisiert Luschei. In den Erziehungswissenschaften haben solche Vorgaben den Konrektor für Lehre und Studium auf den Plan gerufen: Thomas Hoffmeister habe "mit Hilfe unserer Rechtsstelle interveniert", sagt Unisprecher Kai Uwe Bohn. "Das heißt: Eine Notenverschlechterung bei Nichtverwendung gendergerechter Sprache gibt es an der Universität Bremen nicht."

(…) Für einen diskriminierungssensiblen Sprachgebrauch setzt sich an der Universität die Arbeitsstelle Chancengleichheit ein. "Gendergerechte Sprache ist an der Universität weit verbreitet und weitestgehend selbstverständlich", sagt Uni-Konrektor Hoffmeister. Aus studentischer Perspektive kann Luschei das nur eingeschränkt bestätigen. Gendergerechte Sprache sei vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften anzutreffen, weniger in anderen Fachbereichen.

Prinzipiell hat Luschei damit kein Problem, vielfach sei das Gendern sinnvoll. Den Lehramtsstudenten stört aber der "Dogmatismus und eine damit verbundene starke Selbstüberzeugung vieler Studierender und Lehrender". In Seminaren und Vorlesungen habe er schon erlebt, dass Studierende von ihresgleichen "offensiv belehrt" worden seien. "In einer meiner Vorlesungen wurde mein Professor, der sich klar gegen das Gendern aussprach, sogar gezielt von Studierenden angefeindet."

Strikt gegen gegenderte Sprache in Haus- und Abschlussarbeiten spricht sich Paul-Theodor Pricop aus. Der 24-Jährige studiert Politik und Rechtswissenschaften an der Uni Bremen, zugleich ist er Landesvorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS). "Es wäre unerträglich, wenn wegen eines solchen Aspekts die Note nach unten gezogen würde", sagt Pricop. Wissenschaftliches Schreiben sei schwer genug, da brauche man nicht auch noch Gendersprache. Das sieht sein Kommilitone Luschei ähnlich. "Komplexe Texte werden durch Doppelungen von Artikeln und Pronomen noch komplexer", sagt er.


Eine Quelle an der Bremer Uni, die mich auf diesen Fall aufmerksam machte, weist mich auch auf die Website der Diversitätsstelle der Hochschule hin. Von dort gebe es jeden Monat einen Newsletter zum Beispiel mit "hilfreichen Tips darüber, wie man Wissenschaft nicht aus einer weißen, männlichen Position betreibt." Auch ein Online-Lexikon dieser Einrichtung zeigt, wie sehr man dort das Ideal der wissenschaftlichen Objektivität für hoffnungslos veraltet hält.



2. Wie die Bildzeitung berichtet, will Macrons Bildungsminister die Gendersprache an Schulen verbieten.

Sein Argument: Sie benachteilige Schüler, die ohnehin unter Lese- und Schreibschwäche leiden. "Sie ist nicht inklusiv, sondern sie grenzt aus", sagte er dem Journal du Dimanche.

Der Fokus müsse darauf liegen, Schülern die ohnehin komplizierte französische Grammatik wieder näherzubringen – denn die beherrschen viele Schüler schon heute nicht richtig, sagte Blanquer. Die französische Sprache sollte nicht noch weiter "geknetet und zerfleddert" werden.

(…) Manche Anhänger der Gendersprache in Frankreich nutzen den sogenannten Medianpunkt (⸱) und fügen ihn mitten in Wörter hinein. Beispiel: "Intellectuel·les" – der Plural bezeichnet sowohl männliche als auch weibliche Intellektuelle. Das tut der herkömmliche Plural mit dem generischen Maskulinum zwar auch, genau davon aber soll sich diese Schreibweise sichtbar abgrenzen.

Eins von vielen Problemen mit dem Gender-Punkt: Das dafür verwendete Sonderzeichen ist auf französischen Tastaturen nicht vorhanden – es lässt sich nur über komplizierte Tastenkombinationen erzeugen.




3. Wie ist jetzt eigentlich der Stand bei den Fördergeldern für das Forum Soziale Inklusion (FSI), das sich den geschlechterpolitischen Anliegen sowohl von Frauen als auch von Männern widmet? Das verrät die NGO in ihrem aktuellen Newsletter:



FSI wiederholt die Beantragung von Projektförderung beim zuständigen BMFSFJ

Grundlage dafür ist die Bewilligung des Förderbetrages in Höhe von 400.000 € für 2021 durch den Bundestag in der haushaltspolitischen Sitzung vom 10. Dezember 2020.

Nach der zweimaligen Ablehnung von institutioneller Förderung des Vereins FSI durch die Leitung von Abteilung 4 im BMFSFJ, Daniela Behrens, beantragte FSI bei der zuständigen Referatsleitung Projektförderung.

Nach erfolgter Ablehnung des Antrags stellte FSI am 18. April einen zweiten Antrag auf Projektförderung. In diesem aktuellen Antrag wurden sämtliche Änderungswünsche des Ministeriums eingearbeitet.

Da Zuwendungen durch das Ministerium nicht rückwirkend beantragt werden können, ersuchte FSI um die Auszahlung der Fördergelder ab 1. Juni 2021. Das ergibt 7 / 12 der Fördersumme.

Nachdem die Positionen sowohl der Abteilungsleitung als auch der Referatsleitung im BMFSFJ zum gegenwärtigen Zeitpunkt unbesetzt sind, richtete FSI den Antrag persönlich an Frau Staatssekretärin Juliane Seifert.

Der Vorgang ist offen.


Bayerisches Staatsministerium für Familie Arbeit und Soziales (STMAS) verweigert (bisher) die Auszahlung von Fördergeldern

Der Bayerische Landtag hatte am 24. März 2021 FSI Zuwendungen in Höhe von 20.000 € für 2021 aus dem Budget des STMAS bewilligt.

Den Antrag auf Auszahlung der Fördergelder lehnte die zuständige Leitstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern im STMAS unter Verweis auf Formfehler ab.

Grund dafür sei die Verwendung von Formulierungen, die einer institututionellen Förderung entsprächen.

Dabei zitierte FSI Formulierungen aus den Förderrichtlinien des BMFSFJ für Projektförderung...

FSI stellt in KW 18 erneut Antrag auf Projektförderung mit geändertem Wortlaut.

Der Vorgang ist offen. Staatsministerin Carolina Trautner steht FSI nicht zum persönlichen Austausch zur Verfügung.


Einer kleinen NGO werden also durch pure Obstruktion über die demokratischen Entscheidungen der Parlamente hinweg Fördergelder vorenthalten, weil von dieser staatlichen Unterstützung auch die verhassten Männer profitieren könnten.



4. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir zu der Medienschau von gestern:

Alter, Arne, heute ist Genderama mehr als beängstigend. Ich lese gerade den Abschnitt über die Quellenpflichten von Blogs und erinnere mich an meine diversen Beschwerden beim Presserat. Da kam mehrmals zurück, dass die Presse nicht verpflichtet ist, Quellen zu nennen, und selbst bei dem Fall, wo ich es, nach intensiver Arbeit hinbekommen habe, die Quellen von der "Zeit" zu bekommen und nachweisen konnte, dass die Quellen den Artikel nicht rechtfertigen und der Artikel damit eigentlich Fake News ist, war die Antwort des Presserates sinngemäß: "Das ist schon okay so, da für den Leser erkennbar sei, dass dies eine Meinungsäußerung sei und keine Dissertation mit Quellenverpflichtung". Das ist alles so krass was da gerade läuft.


Womit die selbsterklärte journalistische Elite durchkommt, kommen wir Internetpöbel noch lange nicht durch.



Ein anderer Leser schreibt mir zu dem auf Genderama erwähnten Fachbuch "Von Menschen und Mensch*innen. 20 gute Gründe, mit dem Gendern aufzuhören", das im Springer-Wissenschaftsverlag erschienenen ist:

Sehr geehrter Herr Hoffmann!

Danke für diese Literaturempfehlung - ich habe mir dieses Buch natürlich sofort kaufen müssen, da ich ein entschiedener Gegner von Sprachvorschriften bin, die aus ideologischen Gründen gemacht werden.

Ich hab das Buch zwar noch nicht ganz durch - aktuell bin ich gerade in dem für mich wichtigsten Kapitel 4 über die Studien, die angeblich die Nützlichkeit des Genderneusprechs belegen sollen - aber ich kann schon jetzt sagen, daß ich es sehr gut finde. Der Autor erklärt sehr sachlich und gut fundiert, warum man diesen Trend nicht mitmachen sollte, und was gegen eine Verwendung der geschlechtsbetonenden Sprache spricht.

Ich glaube, ich werde dieses Buch noch ein paar Mal als Geschenk kaufen müssen. Ich habe mir sogar überlegt, ob ich nicht ein Exemplar an Herrn Armin Wolf (österreichischer Nachrichtensprecher, falls Ihnen der Herr kein Begriff ist) schicke, der durch einen entsprechenden Fernsehbeitrag am Weltfrauentag in der "Zeit im Bild", einer österreichischen Nachrichtensendung, negativ aufgefallen ist. Aber ich vermute, das wäre hinausgeworfenes Geld - bei manchen Leuten nutzen die besten Argumente nichts.




Dienstag, Mai 04, 2021

Verein Deutsche Sprache fordert Gender-Verbot in den Medien – News vom 4. Mai 2021

1.
Immer mehr Fernseh- und Radiosendungen nutzen sogenannte geschlechtergerechte Begriffe. Doch das Gendern passt längst nicht jedem Zuhörer. Der Verein Deutsche Sprache fordert nun, solche Formulierungen per Gesetz zu verbieten.


Hier geht es weiter.



2. Unter der Überschrift "Union blockt Frauenförderung" berichtet die Süddeutsche Zeitung:

Union und SPD streiten erneut heftig um gesetzliche Regeln, die mehr Frauen in Führungspositionen bringen sollen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung konnten sich die Vertreter der Regierungsfraktionen im Bundestag in der vergangenen Woche nicht auf eine finale, gemeinsam getragene Gesetzesvorlage einigen. Der Grund dafür sind von der Union eingebrachte neue Forderungen, die den ursprünglichen Entwurf von den Ministerinnen für Justiz sowie für Familie und Frauen, Christine Lambrecht und Franziska Giffey (beide SPD), deutlich verwässern würden. Nun wird die Zeit knapp, das Gesetz für mehr Frauen in Führungspositionen (FüPoGII) rechtzeitig vor der Sommerpause durch Bundestag und Bundesrat zu bringen.


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3.
Ehemalige und aktuelle Mitarbeitende des Maxim Gorki Theaters werfen der Intendantin Shermin Langhoff im "Spiegel" Machtmissbrauch vor. Es herrsche ein "Klima der Angst". Übergriffe seien nicht nur ein Männerproblem, sagt die Theaterkritikerin Barbara Behrendt.

Im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" äußern sich 15 ehemalige und aktuelle Mitarbeitende des Berliner Maxim Gorki Theaters anonym zu den Arbeitsbedingungen am Haus. Sie werfen der Intendantin, Shermin Langhoff, ein toxisches Arbeitsumfeld vor. Diese schaffe ein "Klima der Angst". Langhoff brülle Menschen schon wegen Kleinigkeiten an, zum Beispiel wegen einer Formulierung im Programmzettel, die ihr nicht gefalle. Niemand könne Kritik am Haus äußern und wer das doch tue, werde in Sitzungen vor anderen Mitarbeitenden vorgeführt. Coaching ohne Erfolg

Außerdem heißt es im "Spiegel"-Artikel, Langhoff verhalte sich körperlich grenzüberschreitend. So äußere sie anzügliche Bemerkungen und umarme Personen, die das nicht wollten. Wer sich beschwere, werde von ihr als prüde oder protestantisch bezeichnet.


Der Deutschlandfunk berichtet.



4. Unter der Überschrift "Stimmung machen gegen Männer als Geschäftsmodell" analysiert der Klinische Psychologe und Männerexperte Professor Dr. Michael Klein ausführlich, wie mit dem Kampfbegriff der "toxischen Männlichkeit" fragwürdig ideologisierte Jungenarbeit stattfindet und Kritiker solcher Praktiken mundtot gemacht werden. In den abschließenden Absätzen gelangt Professor Klein zu folgendem Fazit:

Die Idee einer toxischen Männlichkeit ist abzulehnen. Dieses Attribut ist genauso stigmatisierend wie andere Bezeichnungen bzw. Stereotypen, wobei im Fall der toxischen Männlichkeit von einer extrem kleinen Minderheit auf die Gesamtheit geschlossen wird. Üblicherweise weisen Stereotype – wie "Manager", "Emanze", "Raser" usw. – sogar eine breitere Datenbasis auf. Aber genauso wie Angehörige von Minderheiten heutzutage nicht mit stigmatisierenden Etiketten versehen werden sollen und wollen, sollte es auch im Fall von Männern sein. Aus diesem Grund sind auch die aus diesem Konzept abgeleiteten Ansätze der feministischen Jungenarbeit abzulehnen.

Darüber hinaus sollten Jungen nicht mit negativen Bildern und Vorstellungen zu Männlichkeit in eine innere Haltung der Selbstinkongruenz (des Nicht-In-Ordnung-Seins) und eines Schamgefühls für ihr Geschlecht gebracht werden. Dies ist die verborgene Agenda mancher feministischer Ansätze. Letzten Endes dient ein solches Vorgehen aber nur der jeweils dominierenden Gruppe, ist nicht emanzipatorisch und schon gar nicht humanistisch zu verantworten. Jungen und Männer sollten nicht dahin gebracht werden, sich selbst wegen ihres Geschlechtes dysphorisch zu fühlen, sich selbst zu bezichtigen, um Erleichterung zu erreichen, oder sich dauerhaft schuldig zu fühlen. Der hintergründige Mechanismus ist der Gleiche wie bei anderen identitätspolitischen Agitationen, dass einzelne Menschen wegen einer vermeintlichen Gruppenzugehörigkeitsschuld in eine inferiore Position gebracht werden sollen. Klassischer Rassismus und Sexismus – nur andersrum.

Jungen sollten sich zu selbstbewussten, starken und empathischen Männern entwickeln. Da wo Gesellschaft dies im Sinne von Jungenarbeit unterstützen will oder muss, sollten die Fachkräfte dies auf der Basis humanistischer, nicht diskriminierender Konzepte tun.




5. Die Medienaufsicht droht unerwünschten Bloggern mit einer Sperrverfügung, berichtet der Rechtsanwalt Markus Kompa in seinem Blog:

Seit einigen Wochen bekommen [diese Blogger] blaue Briefe von Landesmedienanstalten, die politisch unerwünschte Inhalte beanstanden und Fristen zur Änderung setzen. (…) So verlangen Landesmedienanstalten in mehreren Fällen von Bloggern die Angabe von Quellen für unerwünschte Beiträge. Auch das restliche Angebot sollen die Betreiber auf Einhaltung journalistischer Standards überprüfen. Für den Fall, dass die Anbieter nicht innerhalb der gesetzten Frist wunschgemäß reagieren, drohen die Landesmedienanstalten u.a. mit Sperrverfügungen.

Das ist neu in der deutschen Medienlandschaft. Seit Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23.05.1949 galt Artikel 5 Abs. 1 GG:

"Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."

Daraus leiteten Verfassungsjuristen das Prinzip ab, dass sich der Staat aus Angelegenheiten der Presse möglichst herauszuhalten hat. Abgesehen von Fragen des Jugendschutzes oder strafrechtlich verbotener Volksverhetzung usw. hatte der Staat gegenüber Medienhäusern inhaltlich nichts zu melden. Anders als bei den meisten Berufen gibt es für Printjournalismus keine Aufsichtsbehörde wie etwa eine berufsständische Kammer usw. Wer sich auf den Schlips getreten fühlt, kann privat die Gerichte bemühen, nicht aber der Staat.

(…) Die junge Generation unserer Tage allerdings kauft keine gedruckten Zeitungen mehr und sieht auch kaum noch lineares Fernsehen. Dass Influencer Einfluss auf das Wahlverhalten ausüben, bewies 2019 eindrucksvoll das Rezo-Video (…). Im Super-Wahljahr 2021 sowie im Streit über die Deutungshoheit über COVID-19-Themen rasseln die Landesmedienanstalten nun mit den Ketten, an die sie die Blogger legen wollen. Das Wahlvolk soll sich gefälligst an den konventionellen Medien orientieren (…).

Wie sich § 19 MStV mit dem Zensurverbot aus Art. 5 Abs. 1 Satz 3 GG in Einklang bringen lassen soll, sowie mit dem Verbot willkürlicher Ungleichbehandlung aus Art. 3 GG wird eine spannende Frage. Insbesondere also haben diese öffentlich-rechtliche Organisationen nicht nur die Macht, einzelne Beiträge nachträglich zu beschneiden, sondern sie können per § 109 MStV die gesamten Websites und Kanäle sperren. Befremdlich ist das Verlangen nach Quellenangaben, denn konventionelle Journalisten beanspruchen Quellenschutz und dürfen sogar vor Gericht das Zeugnis verweigern.

Die Medienaufseher jedoch fordern in ihren Schreiben sogar das Einhalten von journalistischen Sorgfaltspflichten ein, insbesondere die Prüfung der Aussagen mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Herkunft und Wahrheit. Das Einhalten journalistischer Sorgfaltspflichten müssen konventionelle Medien allerdings nur nachweisen, wenn ein konkret Betroffener sie wegen einer Persönlichkeitsrechtsverletzung durch unwahre Verdachtsberichtserstattung verklagt. Nunmehr also maßen sich die Landesmedienanstalten die Rolle einer allzuständigen Spanischen Inquisition wegen aller möglichen Themen an und legen an Privatleute Maßstäbe an, denen häufig selbst professionelle Journalisten nicht genügen.

Medienjuristen haben erhebliche Zweifel an der Vereinbarkeit von § 19 MStV mit Europa- und Verfassungsrecht. Mit der Aufforderung zur Angabe von Quellen für offenbar unerwünschte Information begeben sich die Landesmedienanstalten in das Zeitalter vor dem Reichspreßgesetz von 1874, das die Presse vor der Polizei schützte. Stattdessen maßen sich die Medienaufseher die Rolle eines Orwellschen Wahrheitsministerium an.


Bei Interesse am Thema ist der gesamte Blogbeitrag von Markus Kompa lesenswert.

Genderama ist von dieser Säuberungsaktion (noch) nicht betroffen.



6. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zufolge belegen die Top-Einschaltquoten für den "Tatort" vom letzten Sonntag, dass die Cancel Culture nur ein Mythos sei. In diesem Tatort spielte nämlich Jan Josef Liefers die Hauptrolle, der gemeinsam mit mehr als 50 anderen Schauspielerin in parodistischen Kurzvideos die Corona-Politik der Bundesregierung und ein psychisch verheerendes Dauerfeuer der Corona-Panik in den Leitmedien persifliert hatte. Daraufhin waren die Schauspieler als rechtsradikal beschimpft, als Verschwörungstheoretiker verunglimpft und mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels verglichen worden. Würden sie an Corona erkranken, solle man ihnen die Behandlung verweigern. Der nordrhein-westfälische SPD-Politiker und WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin forderte gar berufliche Konsequenzen für die beteiligten Schauspieler.

Aber es gibt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zufolge keine "Cancel Culture", weil der letzte "Tatort" eine Top-Einschaltquote hatte.

Christian Schmidt widmet sich derart kruden Argumentationen heute in seinem Beitrag "Gibt es die Cancel Culture nur, wenn man dagegen machtlos ist?"



(Ja, die letzten beiden Punkte der heutigen Presseschau greifen über das Thema der reinen Geschlechterpolitik hinaus, aber meines Erachtens kann man sich ruhig einmal damit beschäftigen, dass die Ausgrenzung von Männerrechtlern und ihren Anliegen Teil einer weit umfassenderen Welle gegen unerwünschte Meinungen ist.)



7. Australische Familienrichter werden jetzt dazu ausgebildet, bösartige Falschbeschuldigungen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zu erkennen.

Eine Seite, über die nicht oft berichtet wird, ist, dass während Scheidungs- und Trennungsverfahren falsche Missbrauchsvorwürfe erhoben werden.

Dies geschieht, wenn eine Partei, die sich möglicherweise rachsüchtig fühlt, versucht, die Kinder gegen den anderen Elternteil aufzubringen und unbegründete Behauptungen über Gewalt und sogar sexuellen Missbrauch von Kindern aufstellt.

Solche Behauptungen können aus Böswilligkeit aufgestellt werden und/oder um die Aussichten der Partei auf einen günstigen Ausgang - aus ihrer eigenen Perspektive - in familienrechtlichen Fällen wie Sorgerechts- und Vermögensverfahren zu stärken.

Solche Fälle haben erhebliche Auswirkungen auf ihre Opfer, sowohl psychisch als auch finanziell, und führen manchmal zu verheerenden Folgen. Und leider sind sie alles andere als ungewöhnlich.

Untersuchungen, die in einem Bericht des australischen Instituts für Familienstudien zitiert werden, deuten darauf hin, dass eine von fünf Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern falsch ist und überwiegend aus Böswilligkeit erhoben wird.

Die Opfer dieser falschen Anschuldigungen sind überwiegend Männer, und auch die Kinder werden Opfer aufgrund des Traumas, das ihren Vätern und ihnen selbst durch die daraus resultierende Verbitterung zugefügt wird, sowie durch die Tatsache, dass familienrechtliche Entscheidungen möglicherweise nicht "im Interesse des Kindes" getroffen werden, wenn sie durch falsche Behauptungen verdorben werden.

Ein ehemaliger Familienrichter, Richter David Collier, war so erzürnt über falsche Behauptungen, dass er den Medien sagte:

"Wenn ein Ehemann und eine Ehefrau in der heutigen Zeit wirklich zur Sache kommen, fliegt Schmutz. Das Schlimmste sind die Mütter, die falsche Missbrauchsvorwürfe gegen frühere Partner richten. Wenn man die Beweise gehört hat, erkennt man, dass es sich um eine Person handelt, die so entschlossen ist, zu gewinnen, dass sie alles sagen wird. Ich bin überzeugt, dass eine Reihe von Personen, die vor mir erschienen sind, wussten, dass dies eine der Möglichkeiten ist, Ehemänner komplett aus dem Leben des Kindes auszuschließen. Es ist eine furchtbare Waffe."

Der Richter sagte, er würde "oft nachts den Schlaf verlieren" über Fälle. Er ging in den Ruhestand, nachdem er 14 Jahre auf der Richterbank verbracht hatte.

Aber eine neue Initiative, die am Family Court of Australia und am Federal Circuit Court of Australia eingeführt wurde, zielt nicht nur darauf ab, Richter besser über häusliche und familiäre Gewalt zu informieren, sondern auch über das, was als "beispiellose Feindseligkeit, die das Familiengericht infiltriert" beschrieben wurde.

Die Gerichte haben kürzlich das Safe & Together Institute aus den USA beauftragt, eine gerichtsweite Schulung für Richter durchzuführen, die Familienrechtsfälle leiten.

Das Safe & Together-Modell ist weltweit hoch angesehen und wird von vielen führenden australischen Experten für Familie und häusliche Gewalt befürwortet.

Das Modell verwendet einen verhaltensorientierten Ansatz, um die Muster von Tätern häuslicher Gewalt auf das Funktionieren von Kindern und Familien abzubilden. Es zielt darauf ab, die "Lücke" zwischen der Beurteilung von Kindesmissbrauch und häuslicher Gewalt zu schließen, hilft, die Beschuldigung von Opfern zu reduzieren, erhöht die Verantwortlichkeit für Eltern, die Gewalt und Zwangskontrolle anwenden, und hilft Richtern, Parteien besser zu identifizieren, die möglicherweise Gerichtsverfahren missbrauchen, um ihre eigenen Ziele voranzutreiben - auf Kosten ihrer Kinder.

Es ist zu hoffen, dass die Richter durch eine solche Schulung viel besser in der Lage sind, die Triebkräfte hinter missbräuchlichem Verhalten zu verstehen. Dazu gehört auch, dass sie auf der Grundlage der dem Gericht vorgelegten Beweise feststellen können, ob die Missbrauchsvorwürfe tatsächlich wahr sind oder nur erfunden.

Dies ist ein unglaublich komplexes Thema. Um des Missbrauchs beschuldigt zu werden, muss eine Person nicht unbedingt eine Gewalttat oder überhaupt eine Tat begangen haben. In vielen Fällen, wenn der andere Partner behauptet, er fühle sich bedroht oder unsicher, oder er behauptet, die Kinder seien unsicher, oder er versucht einfach, das Verfahren voranzutreiben.

Es liegt eine große Verantwortung bei den Richtern des Familiengerichts, die richtigen Entscheidungen zu treffen, für alle Beteiligten, einschließlich der Kinder, sowie diejenigen zu schützen, die es brauchen, und falsche Anschuldigungen zu entlarven, wenn sie entstehen.




8. Zum Ausklang der heutigen Medienschau werfen wir noch einen Blick in das Kummerkasten-Ressort des US-amerikansichen Magazins Slate, das zur "woken" Linken zählt. Dort meldet sich eine "feministische Mutter auf der Suche nach Rat" mit folgender Anfrage:

Mein Sohn ist 14, und er hat mit Identitätsproblemen zu kämpfen, bei denen ich wirklich einen Rat gebrauchen könnte. Letzte Nacht hat er sich über den Englischunterricht beschwert. "Alles, worüber wir reden, ist Zeug wie, ich weiß nicht … wie Frauen so toll sind und sich selbst verteidigen können und so." Alarmglocken schrillen, richtig? Ich habe ein wenig nachgeforscht und er fing an, sich aufzuregen. Er sprach davon, dass die Mädchen in seiner Klasse aggressiv gegenüber den Jungs waren, beschuldigte sie der ... er war sich nicht sicher, was. Er murmelte etwas über Sexismus, das Patriarchat. "Du weißt schon, diese ganze Kill-all-men-Sache." Und damit brach er in Tränen aus. "Ich bin weiß, ich bin männlich und ich bin wahrscheinlich hetero", schluchzte er (mit 14 behauptet er, dass das letzte noch nicht geklärt ist). "Es ist wie: Ich kann nichts sagen! Und die Mädchen, die können sagen, was sie wollen!" Natürlich haben wir darüber gesprochen, dass diese Mädchen aus der Reihe tanzen, aber auch darüber, wie real der Sexismus ist - dass er stolz darauf sein kann, wer er ist, und gleichzeitig den Feminismus (und Black Lives Matter, und LGBTQ-Rechte, etc.) unterstützen kann. Und dass er absichtlich provokatives Zeug wie #killallmen ignorieren sollte.

Trotzdem bin ich besorgt. Mein Gefühl ist, dass er ziemlich gut gegen rassistische und homophobe Propaganda geimpft ist. Aber offensichtlich kämpft er mit seiner Männlichkeit. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass er über ein paar schlaue Jordan-Peterson-Videos stolpern könnte und am Ende in ein fieses Männer-Power-Incel-Kaninchenloch fällt ... Haben Sie einen Rat, wie man damit umgehen kann? Kennen Sie insbesondere gute, altersgerechte Bücher oder Podcasts oder Sendungen oder was auch immer, die diese Themen - insbesondere die "Krise der Männlichkeit" - auf sensible Weise behandeln? Eine Art, die mit feministischen Werten übereinstimmt?


Slate teilte der leidgeprüften Mutter nun mit, dass die mobbenden Mädchen lediglich "mit ihrem authentischen Selbst experimentieren" würden, was in diesem Alter völlig normal sei. Damit der gemobbte Junge nicht in bedenkliche Gefilde abrutsche, solle ihm seine Mutter die TV-Serie "Cobra Kai" zeigen, die an die "Karate-Kid"-Filmen der Achtziger anknüpft und problematische Formen von Männlichkeit zum Thema macht. Die Serie ist zwar lange nicht so idiotisch wie diese Antwort, sondern durchaus vergnüglich anzuschauen (der Clash zwischen Einstellungen der Achtziger und der Gegenwart wird wunderbar dargestellt, auch wenn dies einseitig zu Lasten der Achtziger geht), aber ob sie wirklich eine Lösung für die schulischen Probleme darstellt, die der 14jährige geschildert hat, wage ich zu bezweifeln. Wenn ein Mädchen berichten würde, in der Schule von Lehrern wegen ihres Geschlechts niedergemacht und von Jungen gemobbt zu werden, würden wir ihr wohl auch kaum empfehlen, einfach öfter mal eine TV-Serien zu schauen, die problematisches Verhalten von Frauen hinterfragt, damit sie sich zu keiner Männerhasserin entwickelt.



Montag, Mai 03, 2021

Auch an Schweizer Hochschulen Vorschriften für gendergerechte Sprache – News vom 3. Mai 2021

1. Die Schweizer Zeitung "20 Minuten" berichtet über die Debatte zum Zwang zum Gendern an den Universitäten:

Dass Unis Studierenden, die nicht korrekt gendern, Punkte abziehen, begrüsst SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Dass Dozierende vermehrt auch die Sprache in die Bewertung von Arbeiten einfliessen lassen, sei zu hoffen. Den Kritikerinnen und Kritikern sagt sie: "Mich regt diese Weinerlichkeit auf. ‘Oh nein, ich muss gendergerecht schreiben!’ Wenn jemand Abzug erhält, weil er oder sie sich nicht an die Richtlinien der Uni hält, so what?", findet Funiciello.

(…) SVP-Bildungspolitikerin Nadja Umbricht Pieren bezeichnet die Gender-Leitfäden der Unis hingegen als "peinlichen Gugus [Blödsinn]." Dass jetzt sogar noch gegenderte Sprache als Bewertungskriterium verwendet werde, dafür hat sie kein Verständnis: "Wenn sich jemand diskriminiert fühlt, dann ist das deren Problem. Nicht das der Gesellschaft." Auch dass Studierende "harter Fächer" wie Naturwissenschaftler sich das Gendern aneignen sollen, findet sie überflüssig. "Wenn nur die männliche oder weibliche Form verwendet wird, ändert das nichts am Inhalt der Arbeit." Es sei Gang und Gäbe, eine Form zu verwenden und darauf zu verweisen, dass diese für beide Geschlechter gelte. Grammatikalisch sei gendergerechte Sprache ebenfalls unschön und eine "schiere Erfindung".

Umbricht Pieren will sich und anderen das Leben nicht unnötig schwer machen: "Wer so schreiben will, soll das tun. Aber Vorschriften darüber finde ich lächerlich. Dozierende, die deshalb Abzug geben, finde ich problematisch. Wenn ich einen Text schreibe, versteht man den auch ohne Gendersternchen." Um das Thema werde aktuell viel Wind gemacht, geholfen sei damit jedoch niemandem. "Die Dinge so zu verkomplizieren, ist nicht sachdienlich. Es gibt genügend wichtigere Probleme, um die man sich kümmern muss."




2. In Österreich ist vor einigen Wochen das Buch "Der Eisberg des Gender Gap" erschienen – verfasst von Klaus Podirsky, der dieses Jahr die wegen der Corona-Pandemie verschobene Twogether-Konferenz ausrichten wird. Das Buch ergänzt die Liste der drei breit diskutierten Gender Gaps zu Lasten von Frauen (Gender Pay Gap, Gender Pension Gap und Gender Care Gap) um 50 Gender Gaps, die zu Lasten von Männern gehen und deshalb in den Leitmedien kaum oder gar nicht diskutiert werden. So wird das Buch auf den gängigen Plattformen wie Amazon und Thalia vorgestellt:

Entscheidend für den Autor war es, seine Erfahrungen und Forschungen anhand aktueller Daten zu fundieren und anschaulich zu machen.

Frauen stärken / Männer stärken, ein Widerspruch? - Nicht für den Autor, Klaus Podirsky. Für ihn gilt es, neue Wege zu beschreiten, um Verständnis und Empathie zwischen den Geschlechtern zu säen. Der Autor liefert auf Basis der Forschungen zum "Gender-Gap-Eisberg" Inspirationen dafür, überkommene gesellschaftliche Tabus zu wandeln, aber auch Männern, Vätern und Jungs entsprechende Wertschätzung und Fairness entgegenzubringen. Sein Credo: "Es gibt nur ein Boot!"

Da die aktuelle Gender-Politik - inklusive ihrer Förderungen - bislang nahezu ausschließlich auf die Bedürfnisse und Nöte von Frauen, Müttern und Mädchen fokussiert, widmet sich der Autor in seiner Erforschung des "Gender-Gap-Eisbergs" im Ausgleich dazu den zumeist verborgenen Belangen von Jungen, Männern und Vätern. Das Buch ist mehr als nur ein argumentatives Fundament, das im kollektiven Bewusstsein solche tiefer gründenden Lebensaspekte der Geschlechter sichtbar macht: Es ist das Fundament für ein neues und gesundendes Verständnis zwischen ihnen - ein Brückenschlag.

Podirsky sagt: "Der Feminismus hat uns vorgemacht, wie man das andere Geschlecht wirklich empathisch erreichen kann um Wandlung zu bewirken. Nachhaltige Geschlechtergerechtigkeit braucht nun eine zweite Welle im Fairness-Diskurs. Rivalität war gestern. Nun sind Versöhnung und 'Vertöchterung' angesagt!"


Das Buch dürfte natürlich nicht nur aber vor allem für Leser aus Österreich interessant sein, da darin wesentlich mehr Zahlen und Daten enthalten sind als zum Beispiel in meinen eigenen Veröffentlichungen.



3. In wenigen Tagen erscheint zudem das akademische Fachbuch "Perspectives on Male Psychology". In einer Rezension des britischen Psychologen Richard Bradford heißt es:

Es ist wichtig, nicht nur, weil es eine dringend benötigte "Fibel" zur männlichen Psychologie darstellt, sondern weil es eine Chance bietet, eine neue Ära in der Psychologie zu beginnen. Es hat keinen Sinn, sich zu verstellen, und das Buch selbst tut das auch nicht. Psychologie ist von Natur aus persönlich, und als das Persönliche politisch wurde, wurde es auch die Psychologie. Das Ethos, für das die Autoren werben, ist, dass Wissenschaft als empirisch fundierte Disziplin keine Politik ist, und so ist männliche Psychologie, wenn sie eine Wissenschaft sein soll, keine Geschlechterpolitik. Dass das Buch umstritten sein wird, ist unvermeidlich, aber der Grund liegt nicht im Buch selbst, sondern im vorherrschenden akademischen Umfeld. Man kann den Autoren dazu gratulieren, dass sie sich diesen Aussichten mutig stellen.

Das Buch ist ein Grundkurs in männlicher Psychologie - oder es wäre es, wenn Studiengänge über männliche Psychologie die Norm wären. Das sind sie aber nicht. In Großbritannien gibt es derzeit nur einen solchen Kurs, an der Universität Sunderland, der von Dr. Rebecca Owens unterrichtet wird. Aber "Perspectives" bietet ideales Material für ähnliche Einführungskurse, die in Psychologie-Studiengänge integriert werden können.

Das Buch ist als erster Teil einer Reihe gedacht, die weiteren Bände werden sich auf speziellere Gebiete konzentrieren. "Perspectives" ist jedoch extrem breit angelegt. Nach einer Erläuterung der Ziele und der Ausrichtung der männlichen Psychologie wird der Rahmen mit einer kurzen Diskussion über die Gefahren der Erforschung von Geschlechtsunterschieden abgesteckt. Der Hauptteil des Buches befasst sich systematisch mit einer breiten Palette von Themen im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die männliche Psychologie - oder die Auswirkungen der männlichen Psychologie auf sie - einschließlich der Entwicklung von Kindern, Erziehung, Sport, Arbeit, Kriminalität, den Streitkräften und der körperlichen und geistigen Gesundheit. Darauf folgt ein Kapitel über Männlichkeit (zum Glück im Singular und nicht im Plural).

Das Buch ist gut strukturiert und in relativ kurze Abschnitte gegliedert, so dass es leicht ist, sich schnell zurechtzufinden. Die Verwendung von Textboxen zur Hervorhebung bestimmter Themen ist ebenfalls eine Hilfe für die Zugänglichkeit. Ebenso werden Fachbegriffe im Allgemeinen dort definiert, wo sie auftauchen. An wichtigen Stellen verweisen die Autoren auf das abschließende Kapitel, in dem einige gute Ratschläge und allgemeine Themen aus dem Gesamtthema herausdestilliert werden. Kurz gesagt, das Buch ist ideal als Einführung auf einem Niveau, das für Studenten und die allgemeine Öffentlichkeit leicht zu lesen ist.

Besonders gefreut hat mich die Diskussion über die Auswirkungen auf Jungen, die in einer Kultur aufwachsen, in der Männlichkeit allgegenwärtig negativ dargestellt wird. Dass dieselben Meinungsmacher, die so sensibel auf die Schäden von Geschlechterstereotypen in einem Kontext reagieren, selbst negative Stereotype in einem anderen Kontext geschaffen und gefördert haben, ist einer der Gründe, warum dieses Buch so dringend gebraucht wird.

Vielleicht ist es ein Kennzeichen eines gelungenen Buches, dass man angeregt wird, an zusätzliche Themen zu denken, die man hätte aufnehmen können. Praktisch jedes Unterkapitel könnte jedoch auf die Länge einer großen akademischen Publikation ausgeweitet werden, mit dem Zusatz von fünfzig Referenzen, wo nur eine oder zwei verwendet werden. Aber einzelne Themen mit zu vielen Details zu belasten, würde den Zweck des Buches verfehlen, den es in der tatsächlich gewählten Form erfolgreich erreicht. Daher fällt es mir schwer, Gründe für Kritik zu finden, was für einen Rezensenten eine unbequeme Position ist. In diesem Sinne biete ich ein paar Beobachtungen an, von denen keine das Buch wesentlich beeinträchtigt.

Im Zusammenhang mit der Bildung erwähnt das Buch die Voreingenommenheit bei der Beurteilung von Jungen und führt Beweise aus Israel und Frankreich an. Tatsächlich gibt es ähnliche Beweise in Großbritannien, obwohl ich bezweifle, dass sie in den akademischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden sind. Diese Tatsache ist an sich schon ein Grund zur Sorge.

Im Kapitel über Kriminalität ist ein kausaler Faktor, der nicht diskutiert wird, der IQ. Unsere Gefängnisse sind nicht voll von Menschen mit hoher Intelligenz. In einer zunehmend technologiegetriebenen Welt ist es für weniger intellektuell Begabte immer schwieriger geworden, eine Erwerbsarbeit zu finden. Und Männer haben eine größere IQ-Varianz als Frauen, also gibt es mehr Männer mit besonders niedrigem IQ. Das Übergewicht von Männern in Gefängnissen, die in der Vergangenheit von der Schule ausgeschlossen wurden, hängt zweifellos damit zusammen. Hinzu kommt, dass es für Männer wichtig ist, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, und die Frustration, dies nicht auf legalem Wege tun zu können, fördert (so vermutet man) wahrscheinlich die Kriminalität.

Es war gut zu sehen, dass über Veteranen diskutiert wurde. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass es nicht nur direkte psychische Erkrankungen sind, unter denen sie gemeinhin leiden. So wichtig das Problem einer posttraumatischen Belastungsstörung auch ist, es kann behandelt werden, wenn der Mann Hilfe sucht. Was sich in der Praxis als hartnäckigeres Problem erweist, ist der Kontakt von Veteranen zu ihren Kindern, denn die Trennung von Partnern ist unter Veteranen überproportional häufig - vielleicht als Folge ihres psychischen Zustands. So schafft ein Problem das andere.

Das vielleicht wichtigste Thema, das in dem Buch erwähnt wird, ist, dass Frauen im Zusammenhang mit dem Geschlecht zu einer In-Group-Präferenz neigen, während Männer eine stärkere Out-Group- als In-Group-Präferenz haben. Dies ist wohl eine Ursache für viele Missverständnisse. Es ist eine besonders wichtige Beobachtung, deren Implikationen für unsere sich verändernde Gesellschaft noch nicht erfasst worden sind. Frauen dominieren als Dozenten im tertiären Bildungsbereich in den "menschenorientierten" Fächern, die auch stark von weiblichen Studenten dominiert werden. Folglich dominieren Frauen als Fachkräfte in Bereichen wie dem Unterricht, der psychischen und physischen Gesundheit, der Sozialarbeit und den Diensten für häusliche Gewalt, wobei die beiden letztgenannten Bereiche nach einer Trennung der Eltern von zentraler Bedeutung sind und daher Väter ebenso wie Mütter betreffen. Die Auswirkungen einer Bevorzugung von Geschlechtergruppen sollten besorgniserregend sein, sind es aber derzeit nicht, gerade weil sie als "richtig und angemessen" empfunden werden.

Dass das Buch zu Gedanken wie den oben genannten anregt, ist ein Maß für seinen Erfolg, denn das ist sicherlich eines seiner Hauptziele. Das Buch ist ein hervorragender Einstieg in die Literatur über ein sehr breites Spektrum von Themen. Aber noch wichtiger ist, dass es den Leser dazu anregt, tiefer darüber nachzudenken, was sich hinter den vielen Phänomenen der männlichen Psychologie verbirgt, deren Behandlung derzeit entweder vernachlässigt oder nicht überzeugend ist. Als solches ist es ein idealer Text für das Grundstudium der Psychologie, aber auch für ein allgemeines Publikum geeignet.


Dieses Buch dürfte dazu beitragen, dass sich wissenschaftlich bedeutsame Erkenntnisse der Männerrechtsbewegung (Maskulismus), die bislang noch häufig abgelehnt werden, weil sie nicht primär der Hilfe und Förderung von Frauen dienen, weiter im akademischen Bereich verankern können.



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