Ratlosigkeit bei der taz: Wie locken wir Männer weg vom rechten Rand?
1. Wie lassen sich junge Männer politisch wieder vom rechten Rand weglocken? Diese Frage beschäftigte die Redaktion der "taz" so sehr, dass sie erstmals in ihrer Geschichte statt einer Frauen- eine "Männerausgabe" herausgebracht hat. Dass die Redakteure und Redakteurinnen sich dort mit Menschen, die eine andere Meinung haben, auf Augenhöhe unterhielten, brauchte natürlich niemand zu befürchten.
Stattdessen eröffnete das Editorial eines männlichen Redakteurs, der sich mit dem Thema Männer immer noch so schwer tut wie der Rest seiner Redaktion. Typischerweise kommt ihm dabei als erstes sexuelle Gewalt in den Kopf, kurz darauf erwähnt er eine taz-Veranstaltung mit dem Titel "Männer: Abschießen oder erziehen?" Das ist das Spektrum, in dem sich die "taz" bewegt, um dann verdattert und überfordert darauf zu reagieren, dass dies nur auf eine sehr überschaubare Zahl von Männern anziehend wirkt: diejenigen, denen der Gedanke Angst macht, abgeschossen zu werden, und die sich deshalb lieber bereitwillig erziehen lassen möchten. Mit einem Angebot zwischen Vernichtung und Abrichtung holt man die Kerle sicher nicht aus der verhassten "Manosphäre" ab. Und der tausendste taz-Artikel, der sich wie dieser auf ein 50 Jahre altes Buch voller Männerdiffamierungen bezieht, führt auch nicht gerade in eine einfühlsamere Zukunft.
Des weiteren findet man in der "Männertaz" Artikel wie "Waffe: Auto. Täter: Mann. Verantwortung übernehmen: null" sowie "Mein Sohn wird ein Mann – und ich bin besorgt". Denn: "Die sogenannte Manosphere vermittelt penetrant fragwürdige Männlichkeitsbilder." Immerhin hat der Junge eine feministische Mutter, die fest an ihn glaubt: "Mein wichtigstes Ziel (...) ist, dass er niemals eine Gefahr für Frauen wird. Manchmal stelle ich das infrage."
Ein anderer Autor kreist bei seinem Artikel vor allem um sich selbst und seiner Erkenntnis, dass er unfähig ist, einen gelungen Artikel über Männer zu verfassen, weshalb er Passagen wie diese veröffentlicht:
Denn ich wollte ja nicht jammern und nicht wehklagen. Ich wollte mich weder selbst zerfleischen noch mich verteidigen. Ich wollte nicht wütend sein und traurig schon mal gar nicht. Ich wollte nicht um Vergebung betteln, mich nicht einschleimen und ich wollte keine Statistiken hervorkramen oder Vergleiche anstellen. Ich wollte nicht schreiben: "So schlimm ist es nun auch wieder nicht." Und ich wollte nicht schreiben: "Es ist in Wahrheit alles noch viel schlimmer." Ich wollte kein Lob von der falschen Seite und von der richtigen Seite eigentlich auch nicht. (…) Denn kaum sagt einer heute "Debattenbeitrag", kommen sie alle angeschlurft, die Erklärer, die Einordner, die Betroffenheitsdarsteller, und jeder hat noch schnell etwas beizutragen zur großen Frage des Mannes, als handle es sich beim Mann um ein reformbedürftiges Rentenkonzept (obwohl – irgendwie ja schon auch). Oder aber, und das stimmt ja eher, um einen Problemfall, eine Fallstudie, einen Tatverdächtigen, eine pädagogische Baustelle.
Einfach mal auf einen Artikel verzichten, wenn einem nichts anderes einfällt, als Ressentiments abzuspulen, ist ausgeschlossen? Nein, wird beim Weiterlesen schnell klar, das sexistische Ressentiment ist der taz wertvoll wie nichts anderes: "Vielleicht würde es schon helfen, wenn der Mann weiß, dass es in seiner Seele dunkle Orte gibt, wo Eitelkeit, Wut, Rassismus, Frauenverachtung und Aggression zu Hause sind."
Es verwundert schon ein wenig, dass eine Redaktion, die als feministische Combo der Auffassung nahestehen müsste, Frauen und Männer gleich zu behandeln, dabei seit Jahrzehnten derart kläglich versagt. Man scheint gar nicht auf die Idee zu kommen, sich zu fragen, ob man auf dieselbe Weise über Frauen schreiben würde, wenn nicht, wie man das stattdessen tut, und warum man das nicht einfach auf Männer überträgt. Stattdessen suhlt man sich in seiner eigenen Überforderung.
Ein letzter Artikel der "Männer-taz" dreht sich um den Grünen-Chef Felix Banaszak, der ein "Politikangebot nur für Jungs und Männer" erwägt. In welche Richtung das wohl gehen wird? Der Artikel nennt Hinweise: Banaszak wolle den Männern nicht klarmachen, dass sie das Problem seien, denn "dann machen sie zu". Der Fall Fernandes gegen Ulmen habe ihn aber "strenger werden" lassen: "Nicht gegen den mutmaßlichen Täter und andere Sexisten, sondern gegen Männer und sich selbst. (…) Als die Welt ihn wenig später in einem Interview fragt, ob sich alle Männer schämen sollten, sagt er in vielen Worten nicht Nein."
Auch hier also derselbe geniale Ansatz, Männer aus dem rechten Lager für das eigene zu gewinnen. Wer geißelt sich nicht gerne selbst für Deepfake-Vorwürfe, mit denen er gar nichts zu tun hat? Das merkt sogar die taz: "Ob man Maximilian Krah aussticht, wenn bei verunsicherten 18-Jährigen ankommt: Schämt euch, dann klappt’s auch mit der Freundin?"
Vor diesem Hintergrund betrachten vereinzelte Grüne inzwischen sogar ihr eigenes Männermanifest von 2010 kritisch: "Sinngemäß stand da auch drin, dass Männer Schuld an allen Krisen der Welt seien. Aber wenn wir von Männern fordern, dauernd in Sack und Asche zu gehen, verschließt das Türen." Und man hat nur 16 Jahre gebraucht, um zu merken, dass die Beschimpfüng möglicher Wähler keine Erfolgsstrategie ist.
2. "Wie bekommen wir mehr Männer dazu, sich dem Widerstand gegen Trump anzuschließen?" fragt zeitgleich die ebenso feministisch geprägte britische Tageszeitung Guardian. "Meine Aktivistengruppe besteht zu etwa 80 % aus Frauen", berichtet Saul Austerlitz in diesem Artikel. "Wo sind all die Männer geblieben – und wie gewinnen wir sie zurück?" Ein Auszug aus dem Artikel:
Jeder neue Mann, der in diesen Räumen auftaucht, ist ein Grund zur Freude. Meine Mitorganisatorinnen und ich haben sogar ein spezielles Emoji, das wir ausschließlich verwenden, wenn ein neuer Mann unserer Gruppe beitritt. Damit sind wir wieder an jenem Punkt angekommen, an dem sich Organisatoren wie ich regelmäßig wiederfinden: an der Schnittstelle zwischen dem, was sein sollte, und dem, was tatsächlich ist. Sollten Männer persönliche Einladungen brauchen, um sich am Aufbau einer besseren Welt zu beteiligen? Natürlich nicht. Aber müssen Männer eingeladen werden? Die Antwort scheint leider ja zu lauten.
Die Frauen, die diese Arbeit überall, wo ich hinkomme, anführen, sind in ihrem Mut, ihrer Energie und ihrer Entschlossenheit heldenhaft. Aber ich glaube fest an den Ansatz eines breiten Bündnisses für politischen Wandel, und dass 50 Prozent der Bevölkerung in diesem Kampf eine Rolle spielen, ist entscheidend, um in einem Moment beispielloser Gefahr eine demokratische Mehrheit zu schaffen. Wir brauchen jetzt jeden Einzelnen, und Männer fallen durch ihre Abwesenheit auf. (Gleich danach: Menschen in ihren Zwanzigern.)
Meine unwissenschaftliche Schlussfolgerung lautet, dass die Männer, die sich bereits entfernt haben – aus welchen Gründen auch immer –, wahrscheinlich nicht zurückkehren werden. Stattdessen wäre jetzt ein idealer Zeitpunkt, den Männern in unserem Umfeld eine Einladung auszusprechen, die am Rand stehen, fruchtlos ihren Fernseher oder ihren Social-Media-Feed anschreien und noch nicht wissen, wie viel Gutes sie bewirken könnten – oder wie viel besser sie sich fühlen würden –, wenn sie aktiv würden.
Meine Mitorganisatorinnen – sechs Frauen – und ich haben kürzlich darüber nachgedacht, was wir tun könnten, um Männer aus ihrem Sumpf aus Hoffnungslosigkeit und Erstarrung herauszuholen. Nach dem Prinzip, dass man immer eine beschäftigte Person fragen sollte, wenn man etwas erledigt haben will, sprechen wir gezielt Väter schulpflichtiger Kinder an, um sie tiefer in unsere Arbeit einzubinden. Ich wurde Aktivist, weil ich es nicht ertragen konnte, meine Kinder dem Zusammenbruch der amerikanischen Demokratie zu überlassen. Und auch wenn nicht jeder Vater für uns infrage kommt – ich glaube nicht, dass wir JD Vance überzeugen werden –, sprechen wir zumindest dieselbe Sprache. Die Zukunft ist der Ort, an dem unsere Kinder leben werden.
Vielleicht ist die Zeit gekommen, dass Männer wie ich Räume organisieren, in denen Männer einen vorsichtigen ersten Schritt in Richtung jener gemeinschaftlichen und organisatorischen Arbeit machen können, die das Lebenselixier eines Landes unter enormem Druck ist.
Vergangenen Sonntag habe ich etwa ein halbes Dutzend Männer in meine Wohnung eingeladen, um Pizza zu essen, Bier zu trinken und über unsere Erfahrungen zu sprechen. Einige von ihnen leisten diese Arbeit bereits seit Jahren; für andere waren Pizza und Bier ihr erster Schritt nach vorn. Wir beendeten unser Treffen mit einer konkreten Bitte: Kontaktiert noch heute Abend drei Männer, von denen ihr wisst, dass sie über den Zustand des Landes frustriert sind, und bittet sie, sich der nächsten Aktivistenaktion anzuschließen, an der ihr teilnehmen wollt. Wenn wir die Kräfte des Autoritarismus besiegen wollen, müssen wir es mühsam tun – Mensch für Mensch. Verschickt diese Einladungen.
Selbstkritische Überlegungen, was das linke Lager getan haben könnte, um Männer dauerhaft zu verprellen, gibt es hier genausowenig wie in der taz. Man geht länderübergreifend davon aus, dass man gegen Menschen gleichzeitig als angebliche Plage der Gesellschaft hetzen und sie für eigene Interessen nutzen könnte. Es ist unerklärlich: Man gibt Leuten ständig eins in die Fresse, und danach helfen sie einem immer noch nicht.
3. Der Deutschlandfunk erklärt in einem Podcast von fast 25 Minuten, welche Folgen es hat, wenn der Vater fehlt.
4. Christian Ulmen konnte sich vor dem LG Hamburg gegen die Berichterstattung des SPIEGEL nicht durchsetzen. Offenbar kamen dabei aber entscheidende Aspekte gar nicht erst zur Sprache:
Zu den Voraussetzungen zulässiger Verdachtsberichterstattung gehört auch eine ausgewogene Darstellung. Auf die Frage, ob der Spiegel "ausgewogen" berichtete, obwohl er seine Leser nicht darüber in Kenntnis setzte, dass unklar ist, ob Ulmen auch Deepfake-Videos verschickt hat, geht das LG nicht ein. Nicht behandelt wird auch, ob der Bericht als entlastenden Umstand hätte erwähnen müssen, dass Fernandes Ulmen gerade nicht vorwirft, selbst Deepfake-Videos verbreitet zu haben. Die Schilderung des Geständnisses von Ulmen im Spiegel kann aber so gelesen werden, als habe er ihr auch die Versendung von Deepfake-Videos gestanden.
(…) Zur Begründung führt das LG an, dass der Spiegel gerade nicht den Vorwurf aufstelle, Ulmen habe Deepfakes auch hergestellt. Dies werde durch Formulierungen deutlich wie "Man muss das wohl so verstehen, dass er solche Videos aber nicht selbst erstellt habe" oder durch eine Passage, wo es heißt, dass Fernandes "zumindest" was das Verschicken von Deepfakes angeht, Christian Ulmen als Täter sehe. Auf die Bedeutung des Wortes "zumindest" geht das LG nicht ein. Dabei könnte dies hier auch so gedeutet werden, dass Ulmen im Verdacht steht, gerade mehr getan zu haben als nur Deepfakes zu "verschicken", nämlich auch für das kurz zuvor erwähnte "Erstellen" mitverantwortlich zu sein.
(…) Ulmen scheiterte auch mit der begehrten Untersagung der Wiedergabe teilweiser wörtlicher Zitate aus der E-Mail-Korrespondenz zwischen ihm und seinem Strafverteidiger. (…) Das LG geht in seiner Begründung nicht darauf ein, dass es sich vorliegend um eine Konstellation handelt, in der eine Person sich hilfesuchend an einen einen Rechtsanwalt wendet und ob dieser Umstand vor dem besonderen Hintergrund des Schutzes der Vertraulichkeit anwaltlicher Kommunikation in der Rechtsordnung in der Abwägung eine Rolle spielen muss.
Ulmens Rechtsanwälte haben bereits angekündigt, gegen die Entscheidung sofortige Beschwerde einzureichen. Das OLG Hamburg wird sich also zeitnah mit dem Fall beschäftigen müssen.
Das ist nur folgerichtig, wenn das LG die besonders strittigen Aspekte schlicht ignoriert hat.
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