Fernandes-Demo: Böhmermann wird Zwinkersmiley, Lobo Mansplaining vorgeworfen
1. Das Magazin Rolling Stone berichtet vom typischen Fehlverhalten zweier Macker im Zusammenhang mit sexueller Gewalt:
Im Umfeld der von Collien Fernandes laut "Spiegel" erhobenen Vorwürfe gegenüber ihrem Ex-Mann Christian Ulmen und ihres Aufrufs zu einer Demonstration gegen digitale Gewalt am 22. März in Berlin hat sich in den sozialen Netzwerken eine Debatte entwickelt. Dabei gerieten unter anderem Kommentare von Jan Böhmermann und Sascha Lobo in den Fokus der Kritik.
Unter einem Instagram-Beitrag von Fernandes reagierte Jan Böhmermann mit drei Emojis: einem Herz, einer Faust und einem Zwinkersmiley. Während der Beitrag zunächst als Ausdruck von Unterstützung verstanden werden konnte, kritisierten einzelne Nutzerinnen den Einsatz des Zwinkersmileys als unpassend. In den Kommentaren wurde angemerkt, dass ein solcher Ton nicht zur Schwere der Thematik passe. Andere Stimmen interpretierten die Reaktion hingegen als solidarisch gemeint. Eine Nutzerin kommentiert: "vielleicht war’s ein Versehen, aber zwinker-smiley passt leider so gar nicht".
Auch Sascha Lobo sieht sich mit kritischen Reaktionen konfrontiert. Er hatte Fernandes Unterstützung angeboten und auf seine Expertise im Bereich Deepfakes und Social Media verwiesen. Eine Nutzerin kommentiert dazu: "Uhhh, Mansplaining at its best! Oder einfach nur Eigen-PR? An dieser Stelle ziemlich unangenehm." Eine weitere Reaktion fällt noch schärfer aus: "es ist halt soooo schwer, das eigene Gehirn zu benutzen, wenn man einen Penis hat…"
2. Über die Solidarisierung von Prominenten mit Fernandes berichtet die Stuttgarter Zeitung unter der Schlagzeile "Schäme mich, Mann zu sein". Das finde ich nachvollziehbar. Wegen Typen wie Böhmermann und Lobo schäme ich mich seit Jahren dafür.
3. Margartete Stokowski lebt noch und erklärt im SPIEGEL Männern, wie man sich dem Feminismus ordnungsgemäß unterwirft. Aber beginnen wir am Anfang.
Es gibt verschiedene mögliche Gründe, wenn Männer zu solchen und ähnlichen Gewaltvorwürfen schweigen. Erstens: Es ist ihnen egal. Zweitens: Es ist ihnen nicht egal, aber sie sind nicht überrascht. Drittens: Sie finden es gut. Viertens: Sie finden es schlimm, wissen aber nicht, was sie sagen sollen.
"Wir warten ab, bis geklärt ist, ob die Vorwürfe überhaupt zutreffen", kommt auf Stokowskis Liste nicht vor. Das ist bezeichnend.
Selbst wenn die vierte Gruppe die Mehrheit ausmachen sollte, ist das Schweigen der Männer ein Problem, denn man weiß als Frau nicht, wie viele Männer denken: "Wie grausam, was kann man dagegen tun?" – und wie viele: "Geil, so was wird hier kaum strafrechtlich verfolgt? Das könnte ich mit meiner Ex auch tun!"
In Hamburg wurde dieses Wochenende ein Mann nach einer Messerstecherei schwer verletzt. Kundgebungen von Frauen gegen diese Gewalttat gab es keine. Das ist ein Problem, denn jetzt weiß man nicht, wie viele Frauen denken: "Geil, das könnte ich mit meinem Ex auch tun!"
Sicher gab es auch Männer, die sich äußerten und manche sagten dabei vernünftige Dinge. Andere kündigten ihr neues Buch an, was aber weniger wirkte wie gelebte Solidarität, sondern wie ein PR-Move im Windschatten des Entsetzens: Der Ullstein-Verlag und zwei männliche Autoren posteten im Zuge der Veröffentlichung des SPIEGEL-Berichts das Cover ihres Buchs, das im Herbst erscheinen soll: "Doch, alle Männer! Warum Frauen selbst von netten Typen frustriert sind." Eine seltsame Ironie, denn egal, was darin stehen wird: Frauen sind auch frustriert, wenn Männer eine Debatte über Gewalt dafür nutzen, sich selbst zu promoten. Es ist zumindest unter Feministinnen kein Geheimnis, dass Männer, die sich als besonders feministisch bezeichnen, oft besonders anstrengend sind und im schlimmsten Fall selbst mächtig Dreck am Stecken haben.
Meine Rede, Margarete! Genau darauf habe ich gestern hier hingewiesen. Du darfst nicht immer bei Genderama abschreiben, hörst du?
Wie sollen Männer sich verhalten, wenn sie Gewalt gegen Frauen bekämpfen wollen? Haben wir nicht ein Problem, wenn es eine "red flag" ist, sich als Mann selbst als Feminist zu bezeichnen? Was, wenn dieses Phänomen dazu führt, dass Männer sich nicht mehr, sondern weniger zu diesen Themen äußern?
Man kann auch Gewalt gegen Frauen bekämpfen, ohne sich als Feminist zu bezeichnen. Das mache ich seit Jahren in etlichen Ratgebern.
Männer müssen mit dem Risiko leben, dass Frauen erst mal skeptisch sind, wenn sie erklären, sie seien Feministen. Es ist aber keine so dramatische Gefahr, dass vielleicht mal eine Feministin mit den Augen rollt, während sie reden. TRY HARDER, überzeugt uns!
Vor allem aber müssen Männer damit leben, dass es keine To-do-Liste gibt, die sie abarbeiten können und wo statt einem "Bete drei Ave Maria und zwei Vaterunser" die Absolution erteilt wird mit einem "Geh auf drei Demos, spende an ein Frauenhaus, verprügel einen Vergewaltiger und arbeite die Leseliste durch, die dir eine Frau zusammenstellt".
Wie peinlich wäre es, wenn die Antwort auf die Frage, wie ein Mann Feminist sein kann, die wäre, dass er die Hausaufgaben erledigt, die Frauen ihm aufgeben?
Warum um alles in der Welt, sollte ich irgendwelche "Hausaufgabe erledigen", um von eurer komischen Glaubensgmeinschaft die "Absolution" zu erhalten? Für welche Sünden? Ach ja, natürlich. Für die Sünde, ein Mann zu sein.
4. Dass das tatsächlich eine Sünde ist, erklärt der STERN unter der Überschrift "Das Monster sind immer die anderen". Im Teaser heißt es: "Die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen verstören. Es ist an der Zeit, dass wir Männer aufhören, uns selbst zu belügen. Wir alle sind das Problem."
Weil wir einen Penis haben und deshalb unser Gehirn nur schwer benutzen können, schon klar. Sprich gern für dich selbst, Frederik Mittendorff, aber zieh keine Unschuldigen mit rein.
Mittendorff skizziert genauer, was er als das Problem betrachtet:
Der Mann, der den nackten Körper von Collien Fernandes durch das Internet schickt, das sind nicht wir.
Der Mann, der sich über die jungen Frauen auf Epstein Island beugt, das sind nicht wir.
Der Mann, der die betäubte Gisèle Pelicot vergewaltigt, das sind nicht wir.
Da ist keine Identifikation mit den Opfern, außer vielleicht ein paar Sekunden Empathie. Aber da ist eben auch keine Identifikation mit den Tätern.
Und warum sollte alle von uns Männern uns mit Vergewaltigern identifizieren? Weil wir "Teil dieser Verhältnisse" sind, also zum Beispiel Pornos gucken und Sexarbeit in Anspruch nehmen, heißt es in dem Artikel weiter.
Aber schlimm, diese Deepfakes von Collien Fernandes! Noch während wir das reflexhaft sagen, vergewissern wir uns, dass wir damit nichts zu tun haben. Doch bei diesem Versuch, uns selbst weiterhin als gute Männer zu sehen, verlieren wir das Grundsätzliche aus dem Blick. Dass Frauen Angst vor einem Männerkörper haben, wenn er nachts hinter ihnen herläuft. Wenn er sich in der U-Bahn neben sie setzt. Wenn er im Club von hinten angetanzt kommt. Weil dieser Körper, unser Körper, ein Täterkörper ist.
Was wohl die KI zu diesem Sermon sagt? Sie ist in der Analyse oft präziser als ich. Mal schauen.
Der Autor bedient sich geschickt juristischer Vorsicht ("soll", "angeblich"), wenn er über Ulmen schreibt, um dann sofort in den Indikativ zu verfallen, sobald es um die Kollektivschuld geht. Das ist der journalistische Äquivalent eines Mannes, der vor Gericht "angeblich" sagt, um dann draußen vor den Kameras "alle Männer sind Schweine" zu brüllen. Es ist eine Doppelstrategie: Rechtlich gefeit, moralisch radikal. Aber diese Radikalität ist hohl, weil sie nie sich selbst betrifft. Er schreibt: "Wir haben es in uns, von Anfang an." Aber hat ER je einen Fake-Pornos verschickt? Hat ER je eine betäubte Frau missbraucht? Nein. Aber er hat Pornos geschaut. Also ist er dabei. Das ist keine Analyse, das ist eine katholisch aufgeladene Erbsünden-Rhetorik für das 21. Jahrhundert.
Speziell zur gruseligen "Täterkörper"-Rhetorik heißt es in der Analyse:
Diese Passage ist ein rhetorischer Hochofen, in dem die Sprache selbst geschmolzen wird, um eine neue, gefährliche Legierung zu formen: die biologistische Schuld. Der männliche Körper wird zur Tatwaffe per Geburt, nicht zur Handlung. Das ist nicht mehr Gesellschaftskritik, das ist phänomenologische Sippenhaft: Deine Chromosomen sind dein Geständnis.
"Frauen haben Angst" wird zur ontologischen Wahrheit, die den männlichen Körper definiert. Aber Angst ist kein Beweis für Gefahr – sie ist ein Beweis für WAHRGENOMMENE Gefahr, die durch Kultur, Medien, Statistik und eben durch Texte wie diesen selbst geformt wird. Der Autor macht hier einen fatalen Fehler: Er naturalisiert eine soziale Konstruktion.
Die Formulierung "unser Körper" ist ein grammatikalischer Übergriff. Der Autor spricht für alle Männer, ob sie wollen oder nicht. Er vollzieht das aus, was er angeblich kritisiert: die Kollektivierung ohne Einverständnis. Wenn er schreibt "unser Körper", dann ist das nicht Solidarität – das ist Annexionspolitik. Er erklärt sich selbst zum Sprecher einer Körperklasse, die er für schuldig befindet.
Der Autor sitzt an seinem Schreibtisch, tippt diese Sätze, atmet, existiert in seinem männlichen Körper – und behauptet gleichzeitig, dieser Körper sei ein "Täterkörper". Tut er sich weh? Fühlt er sich selbst als Bedrohung, wenn er nachts allein durch die Straßen geht? Oder gilt die Täterkörper-Theorie nur für die anderen, für die Männer in der U-Bahn, im Club, hinter der Frau her? Die Passage lebt von einer absurden Spaltung: Der Autor spricht vom Körper als von etwas Äußerem, Fremdem, Bedrohlichem – während er selbst in diesem Körper sitzt und ihn benutzt, um diese Sätze zu produzieren. Das ist keine Selbsterkenntnis, das ist dissoziative Rhetorik: Der Geist verlässt den Körper, um ihn von außen als Monster zu bezeichnen.
Die "Täterkörper"-Rhetorik ist der intellektuelle Tiefpunkt des Textes – ein biologistischer Kurzschluss, der sozialkonstruktivistische Feminismustheorie in eine Art Rassenlehre des Geschlechts verwandelt. Sie dient nicht dem Verständnis von Gewalt, sondern der mystischen Verehrung einer essenziellen männlichen Bösheit, die unabwendbar ist.
Der Faschismus operierte mit dem "verbrecherischen Körper" – jüdisch, "asozial", homosexuell, "zigeunerisch". Diese Körper waren nicht deshalb verbrecherisch, weil sie etwas taten, sondern weil sie WAREN. Der Autor des Stern-Artikels reproduziert exakt diese Logik: Der männliche Körper ist nicht deshalb Täterkörper, weil er eine Tat begeht, sondern weil er männlich ist. Die Biologie wird zur Prädestination. Der Unterschied? Beim Faschismus war die Konsequenz Vernichtung, beim zeitgenössischen Antifaschismus ist sie Selbstverdammung – aber die Struktur der Argumentation ist identisch: Körpermerkmal = moralischer Status.
"Der jüdische Körper", "der arische Körper" – diese Kategorien dienten dazu, Individuen zu einer Masse zu schmelzen, die als Ganzes behandelt werden konnte. Der "männliche Täterkörper" funktioniert gleich: Er eliminiert die Individualität des Einzelnen zugunsten einer körperlichen Typologie. Der Mann in der U-Bahn ist nicht Herr Müller, der nach der Arbeit müde ist – er ist Träger des Täterkörpers. Das ist die gleiche deindividuierende Blicktechnik, die es ermöglichte, Menschen als "Ungeziefer" oder "Volkskörper-Fremde" zu sehen.
Der Faschismus inszenierte den "fremden Körper" als Bedrohung des Volkskörpers – penetrant, krankmachend, rassenverwässernd. Der Stern-Autor inszeniert den männlichen Körper als Bedrohung des weiblichen Raums – penetrant, angsterzeugend, gewaltbereit. Beide Rhetoriken bedienen sich einer Körper-Ästhetik, die auf visueller Fremdheit basiert: Der Körper des Anderen wird zum Fremdkörper, der nicht passt, der stört, der gefährlich ist. Die Passage über den Mann, der "im Club von hinten angetanzt kommt", ist eine solche Ästhetisierung: Der Körper als Bedrohungsbild, nicht als Person.
Besonders perfide: Der Autor praktiziert eine Form von "kollaborationistischer" Selbstverdammung. Im Faschismus gab es die Figur des "guten Juden", des "nützlichen Asozialen", der sich durch besondere Loyalität vom Kollektiv abhob. Hier gibt es den "reflektierten Mann", der durch besondere Selbsthass-Loyalität vom "Täterkörper" abhebt.
Man könnte einwenden: Der Faschismus war von außen, diese Kritik ist von innen. Der Faschismus wollte ausgrenzen, dieser Text will aufklären. Aber das ist ein Unterschied der Intention, nicht der Struktur. Die Sprache des biologischen Determinismus bleibt gefährlich, egal ob sie von Freund oder Feind kommt. Wenn wir heute sagen "der männliche Körper ist ein Täterkörper", dann verwenden wir die gleiche grammatikalische und konzeptuelle Maschinerie, die einst sagte "der jüdische Körper ist ein Schädling". Die Richtung des Pfeils ändert nicht die Waffe.
Die feministische Theorie, aus der diese Rhetorik stammt, hat selbst eine komplizierte Beziehung zum Faschismus. Catharine MacKinnon, die der Autor zitiert ("Man fucks woman; subject, verb, object"), schrieb in einer Tradition, die auch vor biologistischen Verkürzungen nicht gefeit war. Die Rede vom "patriarchalen Körper" oder "männlichen Blick" hat genealogische Verwandtschaft mit der Rede vom "degenerierten Körper" oder "rassischen Blick" – beide sind Versuche, Macht durch Körperlichkeit zu erklären.
Der "Täterkörper" ist ein Konzept, das nur funktioniert, wenn wir bereit sind, die Aufklärung zu suspendieren – jene Aufklärung, die sagt: Der Mensch ist mehr als sein Körper, Schuld ist individuell, nicht biologisch, und Freiheit beginnt dort, wo Determinismus endet. Der Autor des Stern-Artikels hat sich für den Determinismus entschieden. Das ist nicht Befreiung, das ist Selbstknechtschaft. Und es ist gefährlich, weil es die Bühne bereitet für jene, die aus dieser Logik die Konsequenzen ziehen würden, die der Autor nur rhetorisch spielt: Die Eliminierung des "Täterkörpers" aus dem öffentlichen Raum, die Segregation, die Überwachung.
5. Die Moderatorin Lena Cassel kritisiert die Fußballbranche: "Der Fall von Collien Fernandes zeigt einmal mehr, wie wenig sicher sich Frauen in Bezug auf Männer fühlen können. Je mehr Männer, desto unsicherer der Ort." Und gerade der Fußball sei "in unserer Gesellschaft ein Raum, der wie kaum ein anderer männlich geprägt ist." Zu viele Männerkörper, Sie verstehen?
6. Auch "Die Zeit" beteiligt sich an der Debatte:
Es ist wirklich alles noch übler, als man immer gedacht hat. "Is Having a Boyfriend Embarrassing Now?", fragte neulich die Autorin Chanté Joseph. Ist es peinlich, einen Freund zu haben? Wie soll man mit Männern noch zusammenleben? Manche Frauen meinen diese Frage ernst, für viele ist dieser sogenannte Heterofatalismus eine Pose, für die Männer ein Warnschuss: Wir können das mit euch auch einfach lassen.
Ganz ehrlich: Bei den Frauen, die tatsächlich so denken, wäre das wirklich die beste Lösung. So wie auch Mitglieder des radikalen, frauenhassenden Spektrums der Incels wohl kaum für eine glückliche Partnerschaft geeignet sind.
Ich finde auch nicht, dass es langsam mal gut sein muss mit dem Genöle und Geschlechterkampf. Dafür bin ich blöderweise schon 34 Jahre zu lang eine Frau.
Als Frau gibt man sich automatisch "Genöle und Geschlechterkampf" hin? Ich kenne sehr viele Frauen, die das nicht tun. Woher kommt in dieser Debatte immer wieder der biologistische Essentialismus?
Immerhin merkt die "Zeit"-Autorin wie sehr die Debatte übergeschnappt ist, wobei sie die leider die Leitmedien als eigene Branche außen vor lässt und sich auf die Online-Medien beschränkt:
Ich lese Posts, die behaupten: Wieder seien nur die Frauen wütend, Männer schweigen. Darunter Posts von Männern, die sich wütend äußern. Posts, die fordern, Männer sollen die Klappe aufmachen. Posts, die fordern, Männer sollen die Klappe halten, Frauen zuhören, statt sich selbst das Mikrofon zu schnappen. Männer sollen aufhören mit ihrem toxischen Männerzeug (Autos, Kampfsport, Actionfilme). Männer sollen aufhören mit diesem ostentativen Feministengetue (Nägel lackieren, Väterpodcasts, im Café Susan Sontag lesen).
Das ist treffend zusammengefasst. Und auch die folgende Passage stimmt:
Keine traumatisierte Frau wird wieder heil, weil ein beflissener Mann sich "so sehr schämt" für seine "Geschlechtsgenossen". Es klingt eitel und macht mich misstrauisch.
Für dieses Misstrauen gibt es allen Grund.
7. Und dann natürlich die "taz": "Überall ist der Hass der Männer gegen uns Frauen sichtbar. Doch ich will ein Zusammenleben trotzdem nicht aufgeben."
Im Moment ist vor allem überall der Hass auf Männer sichtbar. Die Frage, ob ich ein Zusammenleben mit Frauen aufgeben sollte, habe ich mir keine Sekunde lang gestellt. Ich kann zwischen den wenigen "Tätern" und der Mehrheit der komplett Unschuldigen sehr gut unterscheiden. In welcher Bubble muss man gelandet sein, damit einem das nicht mehr gelingt?
Wenn ich meine Instagram-Timeline vom vergangenen Wochenende in einem Wort zusammenfassen sollte, wäre es: Wut. Es sind vornehmlich Frauen, die posten, sie können, wollen und werden nicht mehr aushalten, wie der Hass der Männer tagtäglich auf uns einschlägt.
Ich will dir nicht zu nahe treten, aber vielleicht hast du einfach einen komischen Bekanntenkreis auf Insta? Was man dort derzeit an Texten findet, zeigt heute morgen Christian Schmidt:
Ich will nicht, dass Christian Ulmen jetzt gecancelt wird. Ich will, dass er und alle anderen Täter an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehangen und öffentlich kastriert werden. Ich möchte, dass allen Männern, die jetzt irgendwas von Unschuldsvermutung in Kommentarspalten rotzen, das Wort Täterschützer auf die Stirn tätowiert wird. Und ich möchte nichts mehr von Not All Men lesen, weil es offensichtlich doch alle Männer sind.
Es sind offenkundig solche Tobsuchtsanfälle, die die "taz" aufgreift, wenn es dort heißt:
In den letzten Tagen höre ich von immer mehr Frauen, die eine Antwort auf diese Fragen gefunden haben. Sie wollen nicht mehr mit Männern leben. Sie meiden sie, sie wollen sie nicht mehr lieben und daten, sie brechen Kontakte ab. Männer sind nur noch Randnotiz in ihren Leben, sagt eine. Ich bleibe im Zölibat, eine andere. Ich kann die Entscheidung dieser Frauen nachvollziehen. Schrieb selbst in der taz vor einigen Wochen – nachdem die Epstein-Files weitere grausame Details über ein elitäres Netzwerk aus Vergewaltigern offenlegte –, dass ich langsam nicht mehr weiß, wie ein Zusammenleben der Geschlechter funktionieren solle. (…) Denn was passiert mit einer Frau, die sich entschließt weiter mit Männern zu leben? Ist sie dann selbst schuld, wenn sie Opfer wird?
Natürlich ist sie das. Gottseidank gibt es Alternativen.
8. "Wie gefährlich ist es, einen Partner zu haben?" fragt die Website Watson. Ich weiß es doch auch nicht. Gibt es vielleicht Überlebende, die man fragen könnte?
9. Ein Teil des medialen Unmuts richtet sich inzwischen auch gegen die Anwaltskanzlei, die Ulmen vertritt:
In deutschen Medienhäusern werden Mitteilungen von Schertz' Anwaltskanzlei gefürchtet. Sie gelten als höchste Eskalationsstufe, wenn Prominente in den Fokus von Ermittlungen und entsprechenden Presseberichten geraten. Christian Schertz vertrat Till Lindemann, als dem Rammstein-Sänger im Zuge der "Row Zero"-Enthüllungen Missbrauchsvorwürfe gemacht wurden. Er verteidigte Jan Böhmermann in der Schmähgedicht-Affäre gegen Recep Tayyip Erdoğan oder nahm sich dem bekanntesten deutschen "Me Too"-Fall an und vertrat die Schauspielerinnen, die dem Regisseur Dieter Wedel sexuelle Übergriffe vorwarfen.
Im Ernst? Medienhäuser überziehen Männer mit Vorverurteilungen, und eine Anwaltskanzlei, die diese Männer schlicht verteidigt, nennt man "gefürchtet"? Als ob diese Verteidigung eine Bedrohung darstellen würde? Es wird immer grotesker.
10. Gut, aber was ist denn nun mit der Strafbarkeitslücke im Zusammenhang mit digitaler Gewalt? Der Lücke, von der Margarete Stokowski spricht und wegen der die feministische Demo am Wochenende stattgefunden hat? Der Lücke, die auf "patriarchale Männerjustiz" hinweisen soll? Der Rechtsanwalt Udo Vetter erklärt: So eine Lücke gibt es nicht. Vetter befindet weiter: Das gestern vorgestellte Digitale Gewaltschutzgesetz ist ein Angriff auf die Meinungs- und Redefreiheit in unserem Land.
Aber Collien Fernandes erhielt doch von der deutschen Justiz keinerlei Unterstützung? Ist das nicht der Beweis für diese Lücke? Hier hat Iris Sayram nachrecherchiert, Korrespondentin für das ARD-Hauptstadtstudio:
Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft in Itzehoe sei dort eine Anzeige der Geschädigten bearbeitet worden. Es seien weitere Unterlagen erbeten worden. Das sei unterblieben. Daraufhin habe die Staatsanwaltschaft das Verfahren vorläufig eingestellt, weil es keine Ermittlungsansätze gegeben habe. An fehlenden Gesetzen scheint das nicht gelegen zu haben.
Nach diesem Posting macht sich halb Twitter (X) Sorgen um Iris Sayram und befürchtet, dass sie von ihren Kollegen als Streberin ausgegrenzt werden wird, weil sie tatsächlich nachrecherchiert hat, statt verbreitete Behauptungen für ihre Artikel und Kommentare einfach zu übernehmen.
11. Oh, und natürlich: Ricarda Lang fordert eine Stellungnahme von Friedrich Merz.
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