Süddeutsche Zeitung: "Männer jetzt unter Generalverdacht zu stellen, das ist sexistisch"
1. Kein Aprilscherz: Mit der Süddeutschen erkennt eine Zeitung aus dem linken Spektrum, dass Sexismus auch dann nicht in Ordnung geht, wenn er sich gegen Männer richtet. In dem Artikel von Sara Behbehani heißt es:
Wenn ein Mensch mit Migrationshintergrund eine schwere Straftat begeht, sind die Reaktionen vorhersehbar. Von rechts wird geplärrt: Flüchtlinge raus. Und der aufgeklärte Teil der Gesellschaft warnt – zum Glück – davor, daraus eine Kollektivschuld zu konstruieren; also etwa wegen der Tat eines Islamisten die Muslime insgesamt in Mithaftung zu nehmen. In diesen Tagen aber ist alles anders. Gerade im aufgeklärten, sich selbst als progressiv empfindenden Teil der Öffentlichkeit scheint die Fähigkeit zur Differenzierung abhandengekommen zu sein. Nicht dort, wo es um Minderheiten geht. Aber dort, wo es um die Hälfte der Bevölkerung geht: Männer.
Seit Collien Fernandes ihrem Ex-Mann Christian Ulmen digitale Gewalt und Identitätsdiebstahl vorwarf und damit zu Recht breites Entsetzen auslöste, scheinen alle Männer in diesem Teil der Gesellschaft unter Generalverdacht gestellt zu werden. (…) Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer fand auf der Solidaritätsdemo in Berlin: "Männer haben das Glück, dass wir keine Vergeltung wollen." Die Autorin Aaliyah Osuman sagte dort: "Männer haben zu wenig Angst." Verallgemeinerungen und Absolutismen gibt es an zu vielen Stellen: Wie sollen Frauen noch Männer lieben? Auf diese Frage antwortet Jagoda Marinić im Stern: "Ich weiß es gerade nicht mehr." Im Deutschlandfunk fordert ein Autor, jeder einzelne Mann solle sich fragen, "woher kommt womöglich seine Lust am Erniedrigen, am Unterdrücken, am Quälen". Im Spiegel steht: "Männer sind das Problem. Ja, alle." Ohnehin sollen Männer sich nun gefälligst äußern – auf Instagram hat der User "detoxmasculinity" eine Liste der Männer erstellt, die "mit Christian Ulmen am häufigsten zusammengearbeitet haben und sich bisher nicht geäußert haben". 12.300 Herzchen gibt es für so etwas.
Nur, richtig machen kann Mann dabei nicht viel. Wer sich nicht äußert, hat ohnehin schon verloren, macht er sich doch durch sein Schweigen mitschuldig. Aber wer sich äußert, versucht wohl, Feminist zu sein – und ist allein dadurch schon verdächtig. Die Autorin Margarete Stokowski schreibt im Spiegel über dieses Dilemma der Männer, wobei sie folgert: Ein Dilemma gebe es nicht, es dürfte nur niemand mit Applaus für seine Äußerungen rechnen. Und: Da müssten die Männer eben durch. Doch sollen sich jetzt wirklich unschuldige Männer für ihr Mannsein geißeln? Und was bringt es überhaupt, wenn Unschuldige anstelle der Schuldigen ihre "Schuld" bekennen – und die Schuldigen weitermachen wie bisher?
(…) Ja, die Statistiken belegen, dass Männer gewaltbereiter sind als Frauen. Aber sie belegen auch, dass Menschen etwa aus den Maghreb-Staaten, aus Afghanistan oder Syrien häufiger mit Sexual- und Gewaltdelikten auffallen, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Das wollen Linke ungern hören; oft selbst dann nicht, wenn es um sexuelle Gewalt gegen Frauen geht. Menschen ohne deutschen Pass unter Generalverdacht zu stellen, bleibt trotzdem rassistisch. Aber Männer unter Generalverdacht zu stellen, ist sexistisch. Es dürfen nicht neue Regeln gelten, nur weil es gerade um Männer geht, die sich im woken Zeitgeist offenbar leicht abwerten lassen (und nicht um eine Minderheit, die es im woken Zeitgeist zu verteidigen gilt).
Das ist eine klare Ansage an alle Sophie Passmanns und Dag Schölpers dieser Welt.
2. Anderswo geht es weiter wie gewohnt. "Das Schweigen der Männer muss endlich ein Ende haben", wettert etwa der Gleichstellungscoach Pirmin Meyer in der Frauenzeitschrift Annabelle, die ihn zum Fall Fernandes/Ulmen interviewt hat:
Annabelle: Welche Muster erkennen Sie?
Pirmin Meyer: Die Abwertung von Frauen, das Wegsehen im eigenen Umfeld, die allgemeine Normalisierung von Übergriffigkeit. Auch weichen die meisten Männer der notwendigen Selbstbefragung aus: Was hat das mit mir selbst zu tun? Was kann ich anders und besser machen, um Fälle von Gewalt gegen Frauen früher aufzudecken oder zu verhindern? Ist mir die Anerkennung von Männern wichtiger als der wertschätzende und respektvolle Umgang mit Frauen?
Annabelle: Warum weichen Männer dieser Selbstbefragung aus? Ist dies ein Ausdruck der Ignoranz oder der Überforderung?
Pirmin Meyer: Wohl beides. Vielleicht ist es auch ein Ausdruck der Unsicherheit, im Sinne von: Wie kann und soll ich mich positionieren? Kaum ein Mann kann von sich behaupten, nie Teil sexistischer Dynamiken gewesen zu sein – sei es durch eigenes Verhalten, durch Lachen, Schweigen oder Wegsehen. So werden im aktuellen Skandal denn auch jene Männer kritisiert, Personen im Umfeld von Christian Ulmen wie Benjamin von Stuckrad-Barre, die sich jetzt öffentlich von ihm distanzieren. Ich verstehe die Kritik, finde aber gleichzeitig, dass eine späte Distanzierung besser ist als Schweigen. (…) Und klar, dann gibt es noch jene Männer, die relativieren und sagen, #NotAllMen, sie selber seien nicht so. Mehr noch, sie argumentieren, Männer seien ja auch Opfer von häuslicher Gewalt, es gäbe eine hohe Dunkelziffer.
Annabelle: Was nicht falsch ist.
Pirmin Meyer: Richtig. Trotzdem empfinde ich diese relativierende Haltung als Realitätsverweigerung und nicht konstruktiv.
(…) Annabelle: "All men are Ulmen", erklärt Frauenrechtsaktivist Christoph Gosteli auf Instagram und betont, dass sich alle Männer "gruusig" finden müssten, da sie alle auf dieselbe Schule gegangen wären, und diese Schule nenne sich "patriarchale Sozialisation". Wie stehen Sie dazu?
Pirmin Meyer: Ich verstehe die Wut hinter solchen Aussagen. Und ich teile die Betroffenheit. Meine Frage ist einfach: Welche Sprache erreicht jene Männer, die sich bislang einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt gegen Frauen entzogen haben? Mich interessiert weniger die moralisch richtige Zuspitzung als die praktische Frage, wie echte und nachhaltige Veränderung im Alltag tatsächlich gelingt – auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. (…) Inzwischen beobachte ich so etwas wie "Feminism-Fatigue", bei Männern wie bei Frauen. Aktivistische Kampfbegriffe wie "Nieder mit dem Patriarchat" wirken immer weniger. Spricht man hingegen von Integrität, Ethik oder Zivilcourage, entsteht oft sofort Zustimmung.
Die ständigen Aufrufe, Männer dürften jetzt nicht länger schweigen beziehungsweise Männer seien jetzt gerade mal nicht dran mit Reden kann man inzwischen nur noch satirisch betrachten. Friedrich Küppersbusch hat das in einem kleinen Video getan.
3. Der STERN berichtet:
Männer tendieren stärker nach rechts, Frauen nach links – so lautet das Klischee. Ein Naturgesetz? Eine unumstößliche Wahrheit? Eine neue Studie stellt das infrage. Der Motra-Monitor ("Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung") hat auf Basis von 4000 Befragungen rechtsextreme Überzeugungen in der deutschen Bevölkerung untersucht. Das Projekt wurde von verschiedenen Bundesministerien gefördert. Auch das Bundeskriminalamt gehört zu den Verbundpartnern. Das überraschende Ergebnis: 6,5 Prozent der befragten Frauen zeigten "manifest rechtsextreme Einstellungen". Ein Rekordwert im Vergleich mit den vergangenen fünf Jahren, und ein Wert, der höher liegt als bei Männern (4,2 Prozent).
(…) Hinter der Sehnsucht nach Einfachheit steckt oft eine Abkehr von der modernen, gleichberechtigten Gesellschaft. Der Studie zufolge fühlen sich viele junge Frauen von den heutigen Rollenanforderungen überfordert: beruflicher Erfolg, Attraktivität, Familiengründung – alles gleichzeitig.
4. Die Anführerin des sogenannten "Orgasmus-Kults" OneTaste ist zu einer neunjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil sie Mitarbeiter zu sexuellen Handlungen gezwungen haben soll. Zuvor hatte eine Bundesjury in Brooklyn sie schuldig gesprochen, Mitarbeiter und Mitglieder ihres Wellness-Unternehmens dazu gebracht zu haben, Sex mit Kunden und Investoren zu haben. Richterin Diane Gujarati erklärte, die Täterin habe "Handlungen begangen, die den Opfern ihre Würde genommen haben", und fügte hinzu, dass sie "keine Reue zu zeigen scheint". Das Urteil folgt auf Aussagen von neun ehemaligen OneTaste-Mitarbeitern, die schilderten, dass die Täterin und eine frühere Vertriebsleiterin Rachel Cherwitz das Unternehmen wie einen Kult geführt und sie manipuliert hätten, zahlreiche sexuelle Handlungen auszuführen. Die Vertriebsleiterin wurde ebenfalls verurteilt und erhielt eine Gefängnisstrafe von sechseinhalb Jahren.
5. Eine Australierin zündete einen Mann an, weil er einen frauenfeindlichen Scherz machte. Jetzt bittet sie das Gericht um Milde, weil sie dadurch eine posttraumatische Störung erlitten habe. Ihr Anwalt fügte hinzu, dass sie sich durch den Scherz "provoziert" gefühlt habe. Während der Richter zugab, dass es immer schwierig sei, eine junge Frau ins Gefängnis zu schicken, verurteilte er sie dann doch zu siebeneinhalb Jahren Haft.
Während der Anhörung vor der Urteilsverkündung wurde dem Gericht vorgetragen, dass Herr Loader (…) Verbrennungen dritten Grades an 55 % seines Körpers sowie weniger schwere Verbrennungen an weiteren 6 % erlitten habe, acht Tage im Koma gelegen habe, weitere 74 Tage auf einer Verbrennungsstation verbracht habe und zehn Operationen benötigt habe.
Er darf sich nicht mehr der Sonne aussetzen und hat Schwierigkeiten, seine Körpertemperatur zu regulieren, da seine Schweißdrüsen verbrannt sind.
Walpole, die betrunken war und am frühen Abend Kokain konsumiert hatte, erklärte vor Gericht, dass Herr Loader sie vor dem Angriff "provoziert" habe, gab jedoch bei der Befragung zu, dass sie sich häufig gegenseitig auf den Arm nahmen und scherzten.
"Ich fühlte mich von [Herrn Loaders] Anwesenheit überwältigt und wusste nicht, was ich tun sollte", sagte sie. "Er hat mich provoziert. Er sagte mir, ich solle in die Küche gehen, wo ich hingehöre, weil ich ein Mädchen bin. Ich habe ihm Kontra gegeben und ihn als Frauenfeind bezeichnet", sagte sie. Dann ging sie in ihre Garage, kam mit einem Kanister mit fünf Litern Benzin zurück und goss es über Herrn Loader, während sie mit ihrem Feuerzeug herumfuchtelte und sagte: "Ich mache es, ich mache es" (…) "Ich finde es sehr schwer zu glauben, dass die verursachten Verletzungen von mir stammen", sagte sie.
Bei rechtsradikalen Verbrechen hören wir oft, dass sie durch Hetze von Extremisten vorbereitet werden. Ich frage mich, welche Propaganda hier eine Rolle gespielt haben könnte.
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