Donnerstag, Juli 16, 2026

Kanada: "Männer müssen vor dem Abrutschen in den Antifeminismus gerettet werden"

1. Gestern war hier Thema wie wichtig für Männer die Möglichkeit ist, sich zumindest online dem allgengenwärtigen Niedermachen und Einprägeln zu widersetzen beziehungsweise in der Geschlechterdebatte überhaupt eine andere Meinung als die herrschende stattfinden zu lassen. Von denen, die keine solche offene Debatte möchten, wird das seit einiger Zeit als gemeingefährliche "Manosphäre" geframet. Aber schon lange bevor es diesen Begriff gab, wurde Kritik an der feministischen Ideologie nicht als legitimer Teil der Debatte, sondern als Unsäglichkeit geframet, die bekämpft gehört. Jetzt hat sich eine kanadische Politikerin für das Narrativ entschieden, Männer müssten davor gerettet werden, "in den Antifeminismus" abzurutschen.

Die rasche Verbreitung antifeministischer Ideologien ist nicht nur ein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Problem, und es bedarf eines vielschichtigen Ansatzes, um sie zu stoppen, sagt Marie-Gabrielle Ménard, parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministers für Frauen sowie Geschlechtergleichstellung.

Die Bundesregierung sollte Gesetze vorlegen, die Online-Plattformen dazu verpflichten, antifeministische Inhalte zu moderieren, heißt es in einem aktuellen Bericht des Ständigen Ausschusses für die Stellung der Frau.

Der Bericht "Confronting Antifeminist Ideologies in Canada" wurde am 16. Juni veröffentlicht – nur eine Woche vor der Schießerei in Côte-des-Neiges, bei der drei Menschen ums Leben kamen. Nach Einschätzung von Experten soll der bewaffnete Tatverdächtige ein Manifest hinterlassen haben, dessen Ideologie mit der Incel-Bewegung übereinstimmt und auf extremem Frauenhass beruht.

"Dieses Thema ist mir sehr wichtig und liegt mir sehr am Herzen", sagte Marie-Gabrielle Ménard, liberale Abgeordnete für den Wahlkreis Hochelaga—Rosemont-Est und parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministers für Frauen sowie Geschlechtergleichstellung.

Ménard ist Mitglied des Ständigen Ausschusses für die Stellung der Frau. Zwar wollte sie sich nicht zu der Schießerei in Côte-des-Neiges äußern, doch sie sprach bereitwillig über die Erkenntnisse des Berichts und dessen Empfehlungen, um antifeministischer Rhetorik entgegenzuwirken.

Es war Ménard, die die Untersuchung angeregt hatte, aus der der Bericht hervorging.

"Im Herbst 2025 veröffentlichten wir Berichte über erzwungene Kontrolle und geschlechtsspezifische Gewalt", erinnerte sie sich. "Nach diesen beiden Untersuchungen erschien es mir dringend notwendig, die Ursache geschlechtsspezifischer Gewalt und Intoleranz in Kanada sowie den Aufstieg und die unverhohlene Ausprägung antifeministischer Diskurse zu identifizieren. Was hat diesen Bewegungen ihr Wachstum ermöglicht?"


Der Versuch, Männer "erzwungener Kontrolle" zu unterziehen, dürfte massiv dazu beigetragen haben.

Die rasche Verbreitung antifeministischer Ideologien sei nicht nur ein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Problem, betonte sie, und es bedürfe eines vielschichtigen Ansatzes, um sie zu stoppen.

Unter den 14 Empfehlungen des Berichts hob Ménard insbesondere die ersten drei hervor. Dazu gehört die Forderung, dass die Bundesregierung Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit unterstützen soll, um antifeministischer Rhetorik entgegenzuwirken.

"Wir müssen Präventionsmaßnahmen und die Arbeit von Gemeinschaftsorganisationen (zur Bekämpfung antifeministischer Rhetorik) unbedingt unterstützen", sagte Ménard. "Was wir im Rahmen dieser Untersuchung erfahren haben, ist, dass junge Jungen nicht gezielt nach radikalen Ideologien suchen, die nicht mit der Gleichstellung der Geschlechter vereinbar sind. Sie werden jedoch innerhalb von 30 Minuten nach Beginn ihrer Aktivitäten in sozialen Medien mit solchen Inhalten konfrontiert. Experten erklärten uns, dass soziale Medien häufig den Einstiegspunkt für junge Jungen darstellen, die mit diesem Diskurs in Berührung kommen."

Gemeinschaftsorganisationen hätten "alle möglichen Programme" entwickelt, die sich bei der Förderung der Gleichstellung der Geschlechter als wirksam erwiesen hätten, "doch es ist nicht einfach", erklärte Ménard. "Antifeministische Diskurse sind Teil der Geschäftsmodelle der Unternehmen und Organisationen, die diese Art von Ideologie verbreiten und davon nahezu alle einen Nutzen haben. Es handelt sich um ein echtes Geschäftsmodell."


Als "Geschäftsmodell", vor allem zum Abgreifen von Steuergeldern, erscheint mir der Feminismus deutlich lukrativer.

Der Staat müsse umfassend in Aufklärungskampagnen investieren, "um Jungen und Männer zu einer umfassenden Reflexion zu bewegen", sagte Ménard.


Noch ungeschickter kann man kaum verbrämen, dass Jungen und Männer ideologisch in der Spur gehalten werden sollen.

Die zweite Empfehlung des Berichts lautet, dass die Regierung ihre Unterstützung für die kanadischen Medien verstärken soll.

"Medien sind Schutzwälle gegen Desinformation", sagte Ménard, die vor ihrem Einstieg in die Politik als Reporterin bei Radio-Canada gearbeitet hatte.

"Die Experten sind sich einig", fuhr Ménard fort. "Antifeministische Ideologie schadet der Gleichstellung der Geschlechter, der Gleichberechtigung von Frauen und der queeren Gemeinschaft. Sie stellt aber auch eine Bedrohung für die Demokratie dar, weil dieser Diskurs darauf abzielt, die Rolle und den Platz von Frauen sowie anderer Gemeinschaften in Führungspositionen und im öffentlichen Raum zurückzudrängen. Ohne Medien ist die Demokratie in Gefahr. Wenn wir Repräsentation verlieren, bewegen wir uns auf eine starke Konzentration von Ideologie und Macht zu."


Der Bericht, auf den sich die Politikerin bezieht, wurde nicht von einem unabhängigen wissenschaftlichen Expertengremium verfasst, sondern vom Ständigen Ausschuss für die Stellung der Frau (Standing Committee on the Status of Women, FEWO) des kanadischen Unterhauses. Die Mehrzahl der geladenen Sachverständigen stammte aus den Bereichen Frauenpolitik, Genderforschung und feministischer Forschung. Vertreter von Männerrechtsorganisationen, Feminismuskritiker oder Wissenschaftler, die eine grundsätzlich andere Sicht auf die Ursachen geschlechtsspezifischer Konflikte vertreten, waren nicht unter den geladenen Zeugen. Ein feministisches Gremium verkündet also, dass "Antifeminismus" gefährlich wäre, und seine Ministerin verkauft das dann als "die Experten sind sich einig". Die beklagte "Konzentration von Ideologie und Macht" gibt es mit Sicherheit, aber nicht auf der Seite von Jungen und Männern.

Die dritte Empfehlung des Berichts lautet, dass die Regierung die Verbreitung antifeministischer Ideologien auf Online-Plattformen regulieren soll. Dazu gehören Anforderungen an eine stärkere Moderation schädlicher Inhalte sowie Maßnahmen zum Schutz von Kindern.

Ménard bezeichnet soziale Medien als "die Schwergewichte des Internets, die Online-Hass überhaupt erst ermöglichen".

Als Vorbild verweist sie auf Bill C-16, bekannt als "Protecting Victims Act" sowie auf den vorgeschlagenen Gesetzentwurf Bill C-34, den "Safe Social Media Act".

Auch wenn sie keine Wunder erwartet, sagt Ménard: "Die Regierung muss ein Signal senden, denn das schadet vielen Gruppen in unserer Gesellschaft."

Zwar gebe es keine einzelne Lösung zur Bekämpfung antifeministischer Ideologien, doch sie ist überzeugt, dass die Empfehlungen des Berichts eine erfolgversprechende Strategie aufzeigen.

"Wenn man sie einzeln betrachtet, wirkt keine einzelne Maßnahme ausreichend strukturiert", sagte sie. "Das zeigt, dass es nicht genügt, nur eine einzige Maßnahme zu ergreifen. Wir müssen im Bereich der Justiz handeln, aber ebenso im Bereich der Prävention. Es ist durchaus möglich, jemanden zu retten, der in eine antifeministische Ideologie abrutscht. Dafür braucht es Schutzmaßnahmen, die verhindern, dass ein junger Mann kein anderes soziales Netzwerk mehr hat als das, dem er begegnet, wenn er nachts allein vor seinem Computer sitzt."


Ich würde zu den vertretenen Positionen, die es vermutlich bald auch außer Kanadas geben wird, den einen oder anderen Einwand äußern, solange ich das noch darf.

Zunächst mal bleibt völlig unklar, was hier mit "Antifeminismus" gemeint sein soll. Zwischen Frauenfeindlichkeit oder Aufrufe zu Gewalt gegen Frauen, konservativen Geschlechterrollen und der Kritik an bestimmten feministischen Theorien oder Organisationen wird dieser Begriff auffällig unscharf gehalten.

Dann sollen "antifeministische" Online-Äußerungen unterbunden werden. Wer bitte soll entscheiden, was "antifeministisch" ist? Gilt schon die Aussage "Männer werden im Familienrecht benachteiligt" als antifeministisch? Darf man die Genderpolitik der Regierung kritisieren? Dürfen feministische Theorien wissenschaftlich angegriffen werden? Je unklarer die Definition ist, desto größer ist das Risiko, dass Plattformen aus Vorsicht auch völlig legale politische Meinungen löschen.

Warum wird überhaupt speziell Antifeminismus herausgegriffen und nicht Online-Radikalisierung insgesamt?

Ménard wettert, Jungen würden innerhalb kurzer Zeit nach Nutzung sozialer Medien mit antifeministischen Inhalten konfrontiert. Das glaube ich gerne. Es beweist jedoch nicht automatisch, dass daraus in irgendeiner Weise Gewalt entsteht. Möglicherweise suchen Jugendliche aufgrund bereits bestehender Probleme gezielt nach solchen Inhalten.

Ménard bezeichnet Medien als "Schutzwälle gegen Desinformation". Dazu braucht man in einem Blog wie Genderama eigentlich kaum noch etwas zu sagen. Insofern nur fürs Protokoll: Abweichende politische Meinungen sind nicht automatisch Desinformation, und ob eine Aussage "antifeministisch" ist, bedeutet keineswegs, dass sie faktisch falsch ist. Ich habe ein komplettes Lexikon darüber geschrieben, dass die Desinformation häufig vom Feminismus ausgeht. Fordere ich deswegen, feministische stimmen online zu regulieren und zu unterbinden? Natürlich nicht. Demokratische Gesellschaften leben davon, dass auch kontroverse Ansichten öffentlich diskutiert werden können.

Und schließlich der Elefant im Raum: Der Bericht ignoriert komplett die Frage, ob bestimmte Entwicklungen innerhalb des Feminismus selbst massiv zur Polarisierung beitragen könnten, die man jetzt händeringend beklagt.



2. Nach Dieter Nuhrs Satire über das Wort "Femizid" als Kampfbegriff, spekuliert Hella von Sinnen öffentlich darüber, ob er seinen Job bei der ARD behalten werde. Auf die Frage, warum "antifeministische Gedanken so eine Konjunktur" hätten, antwortet die Komikerin: "Im Moment wird der Faschismus wieder beliebter, und da fragen sich Männer eben wieder: Wie kann ich endlich wieder 'männlich' sein? Wie kann ich meine Frau an den Herd zurückbringen? Möchte man bei sowas dazugehören? Diese Fragen müsst ihr Jungs euch stellen und dann bitte selbst den Arsch hochkriegen. Das müssen wir nicht auch noch tun."



3. Die EU verlängert den Schutz für Flüchtlinge aus der Ukraine. Ausgenommen sind kriegsfähige Männer.



4. In Serbien wird der Zwangsdienst zum Militär für junge Männer wieder eingeführt.



5. In Australien steht mal wieder eine Grundschullehrerin wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Der Missbrauch soll sich 1999 zugetragen haben, der Betroffene ist jetzt in seinen späten Dreißigern.



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Mittwoch, Juli 15, 2026

Wie Männer zu den Schurken der Geschichte wurden – und warum die "Manosphäre" so wichtig ist

Tom Golden ist lizensierter klinischer Sozialarbeiter aus Maryland, USA, mit über vierzig Jahren Erfahrung in der therapeutischen Arbeit mit Männern, Frauen, Jungen und Mädchen. International bekannt wurde er durch seine Forschung und seine Veröffentlichungen über die Probleme und Anliegen speziell von Männern. Seine aktuellste Analyse ist betitelt mit "How Men Became the Villains of American History". Was er hier darlegt, geht allerdings über die USA hinaus und ist auch für Deutschland hochgradig relevant. Praktisch alles, was Golden für die USA schildert, wurde von Deutschland übernommen und wirkte sich direkt auf uns alle aus.



Es geschah nicht alles auf einmal. Jede Phase baute auf der vorherigen auf, bis schließlich eine ganze Generation eine Version der Geschichte übernahm, in der Männer weniger für das in Erinnerung blieben, was sie aufgebaut hatten, als für diejenigen, die sie angeblich unterdrückt hatten.

Unsere Kultur wachte nicht eines Morgens auf und beschloss, dass Männer vor allem als Unterdrücker, Räuber, Kolonisatoren, Missbraucher und Patriarchen erinnert werden sollten. Die Umschreibung geschah schrittweise. Sie begann als Korrektur, wurde zu einem Deutungsrahmen, verhärtete sich zu institutioneller Politik und breitete sich schließlich über Medien, Filme, Schulen, Recht und das Internet aus.

Das ursprüngliche Projekt wurde als Korrektur dargestellt. Feministinnen argumentierten, Frauen seien systematisch aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen worden und traditionelle Geschichtsdarstellungen hätten ihre Beiträge übersehen oder heruntergespielt. Diese Auslassungen müssten korrigiert und den Erfahrungen von Frauen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Doch irgendwo auf diesem Weg veränderte sich das Projekt. Es ging nicht länger einfach darum, die Geschichte der Frauen wiederzuentdecken oder Gleichberechtigung anzustreben. Zunehmend wurde es zu einem Projekt, das Männer – und die Männlichkeit selbst – vor Gericht stellte.

Der Wendepunkt kam Mitte bis Ende der 1960er Jahre. 1966 wurde die National Organization for Women gegründet, und der Feminismus der zweiten Welle begann, das amerikanische Leben durch die Sprache männlicher Macht und weiblicher Unterdrückung zu deuten. Der Slogan "Das Persönliche ist politisch" ermutigte Frauen dazu, privaten Schmerz, Enttäuschung, Ehe, Sexualität, Mutterschaft, Arbeit und Familienleben als Belege für umfassendere, von Männern dominierte Systeme neu zu interpretieren.

Dann kamen die 1970er Jahre, als dieser Deutungsrahmen in die Institutionen einzog.

1970 wurde an der San Diego State University das erste Women's-Studies-Programm der Vereinigten Staaten eingerichtet. 1972 folgte die Zeitschrift "Ms.", die eine landesweite feministische Medienplattform schuf. Ebenfalls 1972 wurde Title IX verabschiedet und brachte die Politik der Geschlechterdiskriminierung unmittelbar in das Bildungsrecht. Diese Entwicklungen trugen dazu bei, ein neues moralisches Vokabular zu etablieren: Frauen waren die ausgeschlossene Gruppe, Männer die dominante Gruppe, und die Geschichte musste durch diese Linse neu interpretiert werden.

Dies war die erste Phase: Wiedergewinnung.

Das erklärte Ziel bestand darin, die verlorene Geschichte der Frauen wiederzugewinnen. Doch aus Wiedergewinnung wurde bald Neuinterpretation. Die Leistungen der Männer waren nicht länger einfach Leistungen. Sie wurden zu Belegen für Ausschluss. Autorität von Männern wurde zu Unterdrückung. Führung durch Männer wurde zum Patriarchat. Schutz durch Männer wurde zu Kontrolle. Versorgung durch Männer wurde zu Privileg.

Die zweite Phase war Misstrauen.

Mitte der 1970er Jahre hatte sich die feministische Theorie tief in Literatur, Film und Kultur etabliert. Laura Mulveys Essay "Visual Pleasure and Narrative Cinema" aus dem Jahr 1975 trug dazu bei, das Konzept des "male gaze" – des männlichen Blicks – bekannt zu machen. Dabei handelte es sich nicht lediglich um eine Kritik einiger Filme. Es wurde zu einer Art, männliche Kreativität, männliches Begehren, männliche Perspektive als Zuschauer und von Männern geschaffene Kultur grundsätzlich als verdächtig zu betrachten.

Die dritte Phase war die Institutionalisierung in Recht und Politik.

In den 1980er Jahren gewann das Duluth-Modell in der Politik zur Bekämpfung häuslicher Gewalt an Einfluss. Sein Ansatz betonte den Macht- und Kontrollgebrauch von Männern gegenüber Frauen. Als 1994 der Violence Against Women Act verabschiedet wurde, hatte sich das Modell vom männlichen Täter und weiblichen Opfer bereits enorme rechtliche, kulturelle und finanzielle Macht verschafft. Es beruhte auf der irrigen Annahme, Männer seien die dauerhaften Täter und Frauen die einzigen Opfer.

Das war bedeutsam, weil Gesetze nicht lediglich Verhalten bestrafen. Gesetze lehren auch die Kultur, worauf sie achten soll. Als männliche Gewalt besonders sichtbar gemacht wurde, während weibliche Gewalt, wechselseitige Gewalt, männliche Opfer und das Bedürfnis von Kindern nach ihren Vätern heruntergespielt wurden, nahm die Öffentlichkeit die Botschaft auf: Männer sind die Gefahr, Frauen sind die Gefährdeten.

Auch die verschuldensunabhängige Scheidung gehört in diese Phase. Kalifornien führte 1969 das erste moderne Gesetz zur verschuldensunabhängigen Scheidung ein, andere Bundesstaaten folgten im Laufe des nächsten Jahrzehnts. Die Reform sollte Verbitterung reduzieren und die Notwendigkeit beseitigen, ein Verschulden zu konstruieren, um eine Ehe zu beenden. Doch ihre weiterreichenden kulturellen Folgen waren erheblich. Tatsächlich beseitigte die verschuldensunabhängige Scheidung Verantwortlichkeit und eröffnete die Möglichkeit einer Drehtür der Scheidungen.

Scheidungen wurden zunehmend durch eine asymmetrische moralische Linse betrachtet. Eine Frau, die ihre Ehe verließ, wurde häufig als mutig, unabhängig oder als jemand dargestellt, der endlich "zu sich selbst fand". Der Ehemann, den sie verließ, wurde eher als Hindernis angesehen, das sie überwunden hatte, als als Mensch, der einen der tiefsten Verluste seines Lebens erlitt. Seine Trauer, der Verlust des täglichen Kontakts zu seinen Kindern, seine finanziellen Erschütterungen und der Zusammenbruch seiner Identität als Ehemann und Vater fanden nur selten vergleichbare Aufmerksamkeit. In dieser Zeit wurde Vätern außerdem das Etikett der "deadbeat dads" – verantwortungslosen Väter – angeheftet und sogar auf Milchkartons verbreitet.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Scheidungen veränderte sich auch die kulturelle Erzählung. Immer stärker richtete sich der Blick auf die Frau, die die Ehe verließ, statt auf den Mann und die Kinder, die ebenfalls mit den Folgen leben mussten. Den emotionalen Kosten für Väter – und den Entwicklungskosten, die Kinder häufig durch den Verlust der täglichen Anwesenheit ihres Vaters erfuhren – wurde deutlich weniger Aufmerksamkeit gewidmet als der Erzählung weiblicher Befreiung.

Auch dies wurde Teil der umfassenderen Umschreibung des Bildes von Männern. Der Vater wurde zunehmend nicht mehr als jemand erinnert, dessen Anwesenheit für das Familienleben von entscheidender Bedeutung war, sondern als jemand, dessen Abwesenheit häufig als verkraftbar oder sogar als vorteilhaft angesehen wurde. Eine der tiefgreifendsten Verlusterfahrungen, die ein Mann machen kann, wurde in vielen öffentlichen Debatten beinahe unsichtbar.

Die vierte Phase war die Popularisierung durch die Medien.

Die Nachrichtenmedien entdeckten, dass Geschichten über weibliche Opfer und männliches Fehlverhalten emotional wirkungsvoll, moralisch unbedenklich, fesselnd und leicht zu vermarkten waren. Das Leiden von Frauen konnte personalisiert werden. Das Leiden von Männern wurde gewöhnlich abstrahiert oder ignoriert. Tote Soldaten, tote Bergarbeiter, tote Monteure von Stromleitungen, tote Fischer, geschiedene Väter, obdachlose Männer, suizidgefährdete Männer, zu Unrecht beschuldigte Männer und entfremdete Väter passten selten in das bevorzugte Narrativ.

Die fünfte Phase war die kulturelle Sättigung.

Filme, Fernsehen, Werbung und später Streaming-Plattformen wiederholten zunehmend dieselbe moralische Struktur: Frauen erwachen, Frauen entkommen, Frauen leisten Widerstand, Frauen heilen von den Männern. Gleichzeitig wurden Männer häufiger als Hindernisse, Narren, Räuber, Unterdrücker oder emotional defekte Wesen dargestellt, die korrigiert werden müssten. Nicht immer. Aber häufig genug, dass das Muster vertraut wurde.

Die sechste Phase war die Verstärkung durch das Internet.

Das Internet schuf den antimännlichen Deutungsrahmen nicht. Es beschleunigte ihn. Soziale Medien belohnten Empörung, Vereinfachung, Wiederholung und moralische Anklagen. Komplexe Geschichte wurde zu Hashtags. "Patriarchat", "toxische Männlichkeit", "glaubt Frauen" und "Männer sind Müll" verbreiteten sich weiter und schneller als jede sorgfältige Diskussion über männliche Opferbereitschaft, männliche Pflicht, männliche Entbehrlichkeit oder den Beitrag von Männern.

Die Akteure dieser Umschreibung waren nicht alle gleich.

Akademiker lieferten die Theorie. Aktivisten lieferten die Dringlichkeit. Journalisten lieferten die Geschichten. Gesetzgeber lieferten die Autorität. Filmemacher lieferten die Bilder. Die sozialen Medien lieferten die Durchsetzung.

Und auch ihre Beweggründe waren nicht dieselben.

Einige wollten tatsächlich korrigieren. Einige wollten Gerechtigkeit. Einige wollten Macht. Einige wollten Ansehen. Einige wollten Rache. Einige wollten Männer zugrunde richten. Einige handelten aus unverarbeitetem Schmerz heraus. Andere entdeckten, dass die Darstellung von Frauen als Opfer und Männern als Unterdrücker finanzielle Mittel, Aufmerksamkeit, moralische Autorität und institutionellen Schutz einbrachte.

Die siebte Phase: Das Ende des Monopols über das Narrativ

Die Geschichte nahm eine unerwartete Wendung.

Dieselbe Technologie, die die Umschreibung des Bildes von Männern beschleunigte, machte es auch möglich, sie infrage zu stellen.

Über nahezu drei Jahrzehnte hinweg hatten die Institutionen, die das öffentliche Verständnis der Geschlechter prägten, mit bemerkenswerter Geschlossenheit gesprochen. Universitäten, große Zeitungen, Fernsehsender, Verlage, Hollywood und viele Berufsverbände übernahmen zunehmend denselben Deutungsrahmen. Es gab zwar immer abweichende Stimmen, doch sie verfügten selten über vergleichbaren Einfluss oder Zugang zu einem großen Publikum. Die standardmäßige Vorstellung von der Frau als Opfer wurde kaum infrage gestellt.

Das Internet veränderte dies. Das Internet gibt, und das Internet nimmt.

Zum ersten Mal seit Generationen benötigten gewöhnliche Menschen nicht länger die Zustimmung traditioneller Torwächter, um Millionen Leser oder Zuschauer zu erreichen.

Forscher, die Jungen untersuchten, fanden ein Publikum.

Organisationen von Vätern verbreiteten Informationen, die in den etablierten Medien kaum erschienen waren.

Männliche Opfer häuslicher Gewalt begannen öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Psychologen diskutierten männliche Depressionen, Scham, Trauer und Suizid aus Perspektiven, die von der vorherrschenden Erzählung abwichen.

Unabhängige Journalisten, Autoren und Podcaster begannen Fragen zu stellen, denen zuvor vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt worden war.

Das Gespräch selbst begann sich zu verändern.

Das erklärt, warum dem, was lose als "Manosphäre" bezeichnet wird, so viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Dieser Begriff ist so weit gefasst, dass er häufig mehr verschleiert als erklärt. Er umfasst Organisationen von Vätern, Psychologen, Forscher, Pädagogen, Podcaster, politische Kommentatoren, Männerrechtler und viele andere, deren Ansichten sich oftmals erheblich voneinander unterscheiden. Einige argumentieren durchdacht und evidenzbasiert. Andere nicht. Einige setzen sich ernsthaft dafür ein, Männern und Jungen zu helfen. Andere verbringen ihre Zeit damit, Schwächen feministischer Argumente offenzulegen.

Diese gesamte Landschaft so zu behandeln, als handle es sich um eine einheitliche Bewegung, verfehlt die eigentliche historische Entwicklung.

Die wahre Geschichte ist nicht einfach das Auftreten neuer Stimmen.

Die wahre Geschichte besteht darin, dass das Monopol über das kulturelle Narrativ zu verschwinden begann. Nachdem das Narrativ jahrzehntelang unisono ohne Gegenstimme vorgetragen worden war, erhielten alternative Ideen plötzlich öffentliche Aufmerksamkeit. Das war ein Schock für diejenigen, die sich bequem auf einen exklusiven Hahn verlassen hatten, aus dem nur eine Seite der Geschichte floss. Diese Menschen waren nicht darauf vorbereitet, sich mit diesen lange verborgenen Ideen auseinanderzusetzen. Sie hatten keine Erfahrung darin, ihre Auffassungen verteidigen zu müssen, weil dies nie erforderlich gewesen war, solange ihre Erzählung die Standarderzählung war. Nun sahen sie sich mit einem Albtraum aus Gegenstimmen konfrontiert.

Jahrzehntelang hatte eine einzige Interpretation von Männern die meisten Institutionen dominiert, die für die Prägung der öffentlichen Meinung verantwortlich waren. Das Internet beseitigte diese Interpretation nicht, machte es jedoch zunehmend schwieriger, konkurrierende Sichtweisen daran zu hindern, Gehör zu finden.

Geschichte war wieder zu einem Gespräch geworden.

Schlussfolgerung

Die Umschreibung des Bildes von Männern geschah nicht über Nacht, und sie wird auch nicht über Nacht rückgängig gemacht werden. Doch etwas Grundlegendes hat sich verändert. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten besitzt das vorherrschende Narrativ kein Monopol mehr. Alternative Stimmen werden gehört. Forschung, die früher ignoriert wurde, wird diskutiert. Die Erfahrungen von Männern werden wieder sichtbar.

Genau deshalb ist das Wort "Manosphäre" zu einer so wirkungsvollen Waffe geworden.

Es wird nicht mehr lediglich als Beschreibung verwendet. Es ist zu einem Etikett geworden, das Gespräche beenden soll, bevor sie überhaupt beginnen. Anstatt auf unbequeme Tatsachen zu antworten, weisen Kritiker sie einfach als "Talking Points der Manosphäre" zurück. Statt über Belege zu diskutieren, greifen sie die Menschen an, die diese vorbringen. Es ist eine alte Taktik: Wenn man das Argument nicht widerlegen kann, diskreditiert man den Sprecher.

Lassen Sie sie damit nicht durchkommen.

Wenn jemand ein Argument zurückweist, weil es angeblich aus der "Manosphäre" stammt, stellen Sie eine einfache Frage:

"Welches Argument ist falsch?"

Wenn diese Frage nicht beantwortet werden kann, findet keine Debatte statt. Sie wird vermieden.

Bestehen Sie darauf, dass Ideen anhand ihrer Belege beurteilt werden und nicht anhand der Etiketten, die den Menschen angeheftet werden, die sie vertreten. Fordern Sie Argumente statt Stereotype. Fordern Sie Tatsachen statt Schlagworte. Fordern Sie Belege statt Schuld durch Assoziation.

Dieselben Menschen, die jahrzehntelang die Praxis verurteilt haben, ganze Gruppen nach den Handlungen weniger zu beurteilen, sind heute allzu oft bereit, genau das bei Männern, Männerrechtlern und jedem zu tun, der mit der sogenannten Manosphäre in Verbindung gebracht wird. Weisen Sie diesen doppelten Maßstab zurück.

Geschichte ist dann am gesündesten, wenn niemand sie kontrolliert. Fortschritt entsteht, wenn Ideen offen miteinander konkurrieren, Belege wichtiger sind als Ideologie und jede Behauptung – gleichgültig, ob sie aus dem Feminismus, der Manosphäre, der Wissenschaft oder sonst woher stammt – sich aufgrund ihrer Begründung behaupten oder scheitern muss.

Das Ziel besteht nicht darin, eine Orthodoxie durch eine andere zu ersetzen. Das Ziel ist etwas weitaus Schwierigeres – und weitaus Wertvolleres.

Erzählen Sie die ganze Geschichte.




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Dienstag, Juli 14, 2026

"Jennifer-Rostock"-Sängerin: "Ich stelle keine Cis-Männer mehr ein"

1. Jennifer Weist, Sängerin und Frontfrau der deutschen Rockband "Jennifer Rostock", erklärt, Cis-Männern keinen Job mehr zu geben. Diese nicht-transsexuellen Männer nähmen in der Musikbranche ohnehin schon viel Raum ein. Dieses Statement der Sängerin wird von einigen kritisiert, von anderen als "Klartext" gefeiert.



2. Bundesfrauenministerin Karin Prien will unterhaltssäumigen Vätern den Führerschein entziehen. Der Kinderbeauftragte der SPD-Bundesfraktion, Truels Reichardt, hält wenig davon: "Ich sehe das kritisch, weil am Ende geht es ja auch darum, dass wir möchten, dass die Väter Erwerbseinkommen erzielen", sagte er. Da sei der Führerschein oft eine Voraussetzung. Die meisten unterhaltssäumigen Väter zahlen nicht, weil sie das Geld nicht haben.



3. Ein Schweizer Freibad lässt keine Frauen ein. Der Stimmung unter den Badegästen tut das wohl:

"Hier muss man sich nicht so aufspielen«, sagt etwa Finanzanwalt Chris, "es ist relaxter, als wenn auch Frauen hier wären." Sein Anwaltskollege sagt: "Hier wird man von den Frauen für einmal nicht mit den Augen ausgezogen!", und lacht. Die drei Architekten geben ihnen recht: "Hier muss niemand ein Sixpack haben", sagt einer, "die ganzen aufgeblasenen Typen kommen hier sowieso nicht hin, weil es keine Frauen gibt, für die man posen kann." Sie lachen.




4. Auch die Neue Zürcher Zeitung beurteilt das Männermanifest der Grünen kritisch:

In linken Kreisen gilt der Mann schon lange als Problemfall. Nicht etwa nur, weil er möglicherweise falsch erzogen wurde und breitbeiniges Auftreten verwechselt mit Autorität. Sondern schon aufgrund seiner vermeintlichen Wesensmerkmale. Er ist aggressiv und damit latent gewalttätig, er ist laut und damit latent verletzend, er ist rücksichtslos und damit latent asozial.

Dieses Denken ist auch unter Grünen verbreitet. Unvergessen, wie die frühere Bundessprecherin der Grünen Jugend, Jette Nietzard, sich einmal lustig machte über Männer, die sich an Silvester mit Böllern die Finger abgesprengt hatten. Die könnten dann, schrieb sie, zumindest keine Frauen mehr schlagen. Dafür entschuldigte sie sich später. Doch zeigt der Beitrag exemplarisch, wie tief bei einigen die Verachtung reicht.

All das hat politische Folgen, vor allem für junge Männer. Bei der vergangenen Bundestagswahl war die beliebteste Partei unter ihnen mit grossem Abstand die AfD, mehr als 25 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wählten sie. Das Wahlergebnis für die Grünen hingegen brach in dieser Altersgruppe um mehr als acht Prozentpunkte ein, von 19,7 auf 11,1 Prozent. Wer Männer pauschal unter Verdacht stellt, muss sich nicht wundern, wenn sie sich abwenden.


Das von vielen Klischees geprägte "Männermanifest" sei keine Lösung:

Selbst dieser missratene Versuch, sich breitere männliche Wählerschichten zu erschliessen, stiess auf Widerstand. Parteiinterne Kritiker waren entsetzt. Sie befürchteten, damit Frauen zu verschrecken. Offenbar fühlen sich grüne Wählerinnen schon herausgefordert, wenn Männer mit definiertem Oberkörper geneigt sein könnten, ihre Stammpartei zu wählen.

Das passt ins Bild. Eine Untersuchung vor einigen Jahren ergab, dass Grüne von allen deutschen Parteien das geschlossenste Wählermilieu haben, weit homogener noch als die AfD. Man bleibt unter sich, man pflegt den gleichen Lebensstil, man hat die gleiche Wärmepumpe. Andere Lebensentwürfe stören da nur, egal wie kompatibel sie mit der Politik eines Robert Habeck sein mögen.

(…) Die Grünen müssen erkennen, wann sie damit angefangen haben, ein verzerrtes Bild vom männlichen Geschlecht zu verbreiten. Erst wenn sie ihr grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Mann überwinden, können sie ihn ausserhalb ihres Milieus erreichen.


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Montag, Juli 13, 2026

"Es kann nicht sein, dass wir Frauen heute sagen, die Männer müssen uns verteidigen"

1. Der SPIEGEL hat die Historikerin Karen Hagemann unter anderem zu Frauen im Krieg interviewt. Ein Auszug:

Hagemann: Ja, viele sahen sich selbst als Opfer und wiesen die Verantwortung für Vernichtungskrieg und Holocaust allein der NSDAP-Führung zu. In meinem Buch "Vergessene Soldatinnen" zeige ich, dass viele deutsche Wehrmachtshelferinnen und Rotkreuzschwestern auch nach Kriegsende erstaunlich wenig reflektierten, was geschehen war. Sie betonten, "nur ihre Pflicht" getan zu haben und Befehlen gefolgt zu sein.

SPIEGEL: Sie schreiben, dass bis 1945 rund 500.000 Frauen als Wehrmachtshelferinnen dienten. Was waren das für Frauen?

Hagemann: Das waren junge, ledige Frauen, die zumeist im Bund Deutscher Mädel sozialisiert worden waren und sich zunächst überwiegend freiwillig meldeten. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 stieg der Personalbedarf der Wehrmacht so stark, dass immer mehr Frauen im In- und Ausland in Administration, Logistik und Kommunikation an die Stelle von männlichen Soldaten traten, die für den Fronteinsatz freigesetzt wurden. Ab Herbst 1943 wurden sie auch in der Luftwaffe und ab 1944 in der Flugabwehr eingesetzt. Rund 160.000 leisteten hier gegen Kriegsende de facto Dienst an der Waffe. Offiziell durften sie aber nicht den Abzug betätigen, Frauen sollten gemäß der NS-Ideologie nicht töten.

SPIEGEL: Wieso konnten sich deutsche Frauen trotz ihrer umfangreichen Kriegsunterstützung nach 1945 als Opfer darstellen und ihre Mittäterschaft verleugnen?

Hagemann: In der Geschlechterideologie herrschte die alte Vorstellung von den Männern als "Kriegern" vor, die Nation, Familie und Frauen beschützen. Eine Anerkennung weiblicher Mitverantwortung an Krieg und Holocaust hätte diesen Mythos infrage gestellt, dass zumindest die weibliche Hälfte der Gesellschaft im "NS-Männerstaat" unbeteiligt an dessen Verbrechen gewesen sei. Auch die westlichen Alliierten teilten diese Geschlechterideologie.

(…) SPIEGEL: Ist eine Wehrpflicht nur für Männer noch zeitgemäß?

Hagemann: Nein, ich halte eine "geschlechterneutrale Wehrpflicht" für Männer und Frauen für zeitgemäßer, mit dem Zivildienst als Alternative. Es kann nicht angehen, dass wir Frauen uns heute noch hinstellen und sagen, die Männer müssen uns verteidigen. Allerdings müsste dafür in Deutschland nicht nur das Grundgesetz geändert werden, auch die Militärkultur müsste sich weiter wandeln. Die Bundeswehr muss, unterstützt von Politik und Gesellschaft, jede Form von Sexismus, Antisemitismus und Rechtsradikalismus noch stärker bekämpfen, wenn sie Frauen in den Streitkräften halten will.




2. Der Ukraine geht es anscheinend nach wie vor so gut, dass ma sich dort über solche Fragen keine Gedanken zu machen braucht. An die Front schickt man auch dort wie selbstvertändlich allein Mäner und keine Frauen. Allerdings wächst der Widerstand gegen die immer brutaleren Methoden:

Die Spannungen in der Ukraine nähern sich einem Siedepunkt, nachdem Bürger am Donnerstagabend in der westukrainischen Stadt Lwiw gegen das verpflichtende Einberufungsprogramm von Präsident Wolodymyr Selenskyj protestierten und es zu Ausschreitungen kam.

Eine Demonstration gegen die Mobilisierung eskalierte, als eine größere Menschenmenge Rekrutierungsoffiziere angriff, deren Fahrzeug umstürzte und beschädigte. Auslöser der spontanen Auseinandersetzung: Ein Mitglied des Rekrutierungsteams – Berichten zufolge ein Kampfsporttrainer – soll einen Mann auf offener Straße geschlagen haben.

In den sozialen Medien der Ukraine kursieren inzwischen zahlreiche Videos, die zeigen sollen, wie Mitarbeiter der Territorialen Rekrutierungszentren (TCK) Männer auf der Straße festhalten, misshandeln und gewaltsam in Transporter zwingen. Dieses Vorgehen wird umgangssprachlich als "Bussifizierung" bezeichnet.

Häufig versuchen Ehefrauen, ältere Frauen oder Passanten einzugreifen, um die Betroffenen zu befreien – meist ohne Erfolg. Die Rekrutierten werden anschließend in Verarbeitungszentren gebracht, wo sie unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht, nur kurz militärisch ausgebildet und anschließend an die Front geschickt werden. Berichten zufolge beträgt die Lebenserwartung vieler dieser unerfahrenen Soldaten lediglich wenige Wochen.

(…) Julia Mendel, ehemalige Pressesprecherin Selenskyjs und inzwischen eine scharfe Kritikerin ihres früheren Vorgesetzten, (…) kritisiert (…) das System der Zwangsrekrutierung deutlich und gehört damit zu den wenigen prominenten ukrainischen Stimmen, die offen Widerspruch äußern.

Die Behörden reagierten hart auf die Ausschreitungen in Lwiw. Das Verteidigungsministerium, Strafverfolgungsbehörden und Regierungsvertreter betonen, die Lasten des Krieges müssten von allen gleichermaßen getragen werden. Wer dagegen protestiere, leiste letztlich "die Arbeit des Kreml", so das Credo. Ein 23-jähriger Teilnehmer der Proteste wurde festgenommen; ihm drohen bis zu acht Jahre Haft.


Währenddessen arbeiten Merz und Selenskyj weiter an Rückführungen, um ukrainische Männer zurück in den Krieg zu schicken.



3.
Einst waren Frauen in Forschung und Wissenschaft benachteiligt. Mittlerweile haben zahlreiche wissenschaftspolitische Anreize nicht nur eine Trendwende gebracht. Sie lassen männliche Forscher ins Hintertreffen geraten – CICERO hat mit einem jungen Wissenschaftler darüber gesprochen.


So beginnt ein Beitrag Jan Uphoffs in diesem Magazin. Ein Auszug daraus:

Dass er sich mit seinem Anliegen ausgerechnet CICERO anvertraut, war für ihn nicht selbstverständlich. Ursprünglich habe er das Thema deutlich breiter platzieren wollen – gerade auch in Medien, die sich selbst als progressiv verstehen und Quotenregelungen im öffentlichen Dienst grundsätzlich befürworten. Doch auf seine Anfragen habe es kaum Reaktionen gegeben – häufig nicht einmal eine Antwort. Auf CICERO sei er schließlich eher zufällig gestoßen, erzählt er leicht amüsiert. Nun ist er hierhergekommen, um von seinen ganz persönlichen Erfahrungen aus dem System zu berichten.

Derzeit, erklärt er, sehe er sich an deutschen Universitäten nach einer Professur in einem sogenannten MINT-Fach um. Doch schon länger stoße er bei der Stellensuche wieder und wieder auf die gleiche Hürde: "Bei Ausschreibungen steht mittlerweile fast immer der Satz, dass bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt werden."

(…) Um seine Aussagen zu bestätigen, reicht ein zufälliger Blick auf Ausschreibungen der Universität Bremen. In einer Stellenausschreibung für "eine/n Professorin/Professor (w/m/d) für das Fachgebiet Molekulare Botanik" etwa heißt es dort: "Die Universität Bremen beabsichtigt, den Anteil der weiblichen Beschäftigten in Spitzenpositionen zu erhöhen, weshalb Frauen ausdrücklich aufgefordert werden, sich zu bewerben. Bei gleicher Qualifikation werden Frauen vorrangig berücksichtigt, sofern nicht in der Person eines Mitbewerbers liegende Gründe überwiegen."

(…) Diese Tendenz kritisieren nicht nur Männer. Eine junge Wissenschaftlerin bestätigt auf Anfrage gegenüber CICERO die Vorwürfe des eingangs zitierten Wissenschaftlers: "Ich habe den Eindruck, dass ich im Uni-Kontext mittlerweile zu der privilegiertesten sozialen Gruppe zähle und es derzeit niemand in den Naturwissenschaften so leicht hat wie ich als Frau." Durch die gezielte Förderung fühle sie sich eher weniger ernst genommen. Dadurch würde immerhin impliziert, dass fachliche Eignung nicht genüge, um Frauen einzustellen. "Wenn ich in Zukunft für eine Stelle ausgewählt werde, muss ich mich also immer fragen, ob das eine Anerkennung meiner Leistungen und Fähigkeiten ist, oder ob ich als Frau zur Erfüllung ihrer Quoten gebraucht wurde."

(…) Für die Universitäten lohne es sich dennoch, die politischen Zielvorgaben sichtbar zu erfüllen und Frauen den Vorzug zu gewähren. Viele Fakultäten und Institute stünden unter immensem Druck, Gleichstellungsziele nicht nur zu formulieren, sondern gegenüber ehrgeizigen Ministerien oder im Wettbewerb mit anderen Bildungsstätten auch nachweisbar umzusetzen. Wo Bewertungsspielräume ohnehin vorhanden seien, falle die Personalentscheidung schnell nicht mehr nur entlang objektivierbarer Kriterien, sondern bewege sich zwangsläufig auch im Feld der gesetzten Erwartungen.

Hinzu kommt für Hochschulen der finanzielle Anreiz: Das Berliner "Chancengleichheitsprogramm 2021–2026" zum Beispiel stellt jährlich Fördermittel von bis zu 3,8 Millionen Euro bereit mit dem Ziel, "den Frauenanteil auf allen Karrierestufen der Wissenschaft sowie in Führungspositionen zu erhöhen und Gender-Aspekte stärker in Forschung und Lehre zu verankern".

Ergänzt wird der Fonds durch ein System leistungsbasierter Landeshochschulfinanzierung, in dem Gleichstellung zum messbaren Kriterium wird: Für die Berufung einer W2- oder W3-Professorin etwa werden – je nach Frauenanteil im jeweiligen Fach – Prämien zwischen 250.000 und 350.000 Euro gezahlt. Hinzu kommen laufende Zuschläge von bis zu 40.000 Euro pro unbefristete Professur sowie 20.000 Euro für befristete Stellen, jeweils bis zu einer Zielquote von 50 Prozent.

Besonders gut sichtbar wird das Anreizsystem durch die aktuellen Berufungen. Dazu nur einige Zahlen: Die TU Darmstadt besetzte ihre vakanten Lehrstühle zu 46 Prozent mit Frauen, obwohl sich deren Anteil an den Bewerbungen nur auf 26 Prozent belief; an der TU Berlin wurden im Jahr 2025 insgesamt 18 Personen neu berufen, darunter vier Männer und 14 Frauen. Und an der Freien Universität Berlin entfielen 2023 bereits 54 Prozent aller Rufannahmen auf Frauen, bei sogenannten Tenure-Track-Professuren – also zunächst befristeten Professuren mit Aussicht auf eine spätere dauerhafte Übernahme – sogar 60 Prozent.

(…) In eine ganz ähnliche Richtung gingen auch die Stellenausschreibungen vieler Institute, berichtet der eingangs erwähnte Nachwuchswissenschaftler aus dem Café. Mittlerweile sehe er sogar Forschungseinrichtungen, die eigentlich neutrale Stellen über soziale Medien mit Slogans wie "Frauen, bewerbt euch!" oder vergleichbaren Formulierungen bewerben. Für Männer bedeute das faktisch, dass sie gar nicht mehr adressiert werden, findet er.

(…) Je länger man sich durch Richtlinien, Ausschreibungen und Förderlogiken arbeitet, desto weniger abwegig wirkt die Einschätzung der Betroffenen in diesem Text. In einigen Fächern scheint es für Männer inzwischen schwerer geworden zu sein, eine Professur zu erhalten, als für Frauen. Dass dieser Trend keineswegs auf Deutschland beschränkt ist, legt ein Blick nach Schweden nahe, wo es vergleichbare Förderprogramme gibt und eine viel beachtete Studie zu bemerkenswerten Ergebnissen kam.

Der Ausgangspunkt der Untersuchung "Sex differences in the number of scientific publications and citations when attaining the rank of professor in Sweden" von Guy Madison und Pontus Fahlman aus dem Jahr 2021 war eine einfache Annahme: Wenn Frauen beim Aufstieg zur Professur strukturell benachteiligt sind, müssten diejenigen, die es dennoch schaffen, im Durchschnitt stärkere wissenschaftliche Leistungen vorweisen als ihre männlichen Kollegen. Bleibt ein solcher empirisch nachweisbarer Vorsprung jedoch aus oder schneiden Männer sogar besser ab, spricht das gegen die These der höheren Hürden für Frauen.

(…) Das Ergebnis fiel eindeutig aus: In 33 von 36 Einzelvergleichen lagen Männer bei Publikationszahl, Zitationen oder h-Index vorn. In den zentralen statistischen Auswertungen zeigten sechs von zwölf Kennzahlen signifikante Vorteile für Männer, kein einziger hingegen für Frauen. Besonders deutlich war der Abstand in der Medizin, wo Männer je nach Kennzahl 64 bis 80 Prozent mehr Publikationen, 42 bis 260 Prozent mehr Zitationen und einen bis zu 83 Prozent höheren h-Index aufwiesen. Die Autoren folgerten daraus, dass sich die These höherer wissenschaftlicher Hürden für Frauen nicht bestätigen lässt.

(…) Damit gerät zumindest die verbreitete Erzählung ins Wanken, Frauen müssten sich im Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich gegen höhere Leistungshürden durchsetzen als ihre männlichen Mitbewerber. Die Untersuchungen aus Schweden und anderen Ländern vermitteln gerade wegen ihrer teils unterschiedlichen Ergebnisse ein Bild, das deutlich komplexer und weniger eindeutig ist, als es viele Förderprogramme und Gleichstellungsdebatten nahelegen.

(…) Je dichter das Geflecht aus Zielquoten, Förderanreizen und Bevorzugungsregeln wird, und je schwerer sich gleichzeitig strukturelle Benachteiligung nachweisen lässt, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass nicht mehr nur bestehende Ungleichheiten korrigiert, sondern womöglich längst neue geschaffen werden.




4. Jan Fleischhauer spricht in seiner aktuellen Kolumne auch über die neueste Hysterie über Dieter Nuhr, diesmal nachdem dieser den Kampfbegriff "Femizid" satirisch hinterfragte:

Dieter Nuhr hat Ferien in Frankreich verbracht. Hätte er sich doch für Italien entschieden. Oder Holland. Oder Belgien. Dann hätte man gesagt: okay. Aber Frankreich?

"Der Kabarettist befindet sich derzeit in Frankreich – ausgerechnet dem Land, in dem vor wenigen Monaten ein Mann verurteilt wurde, der seine Frau über Jahre betäubte und fremden Männern im Internet für Vergewaltigungen anbot", stand in einem Kommentar bei n-tv.

Belgien wäre beim zweiten Nachdenken auch nicht besser gewesen. Wofür ist das Land bekannt? Pommes, Pralinen und Päderasten, in der Reihenfolge. In Italien steht nach landläufiger Medienmeinung eine Faschistin an der Spitze. Am besten bleibt man zu Hause, wenn die Humorpolizei einen in ihrer Verdächtigenkartei führt. Dann ist nicht einmal die Wahl des Urlaubsortes eine harmlose Sache.

Nuhr steht seit Längerem unter Beobachtung. Wer sich über Grüne lustig macht, lebt gefährlich. Jetzt heißt es, er habe den Bogen endgültig überspannt. Angeblich hat er einen Witz über Femizide gemacht. Das ist der Vorwurf, so steht es im "Spiegel", dem "Stern", der "Zeit". Sogar die "FAZ" schrieb, Nuhr sei unterste Schublade, nur, wie bei der "FAZ" üblich, mit mehr Worten. Ich habe dem entnommen, dass man auch im Feuilleton in Frankfurt "Nuhr im Ersten" schaut. Hätte ich nicht gedacht.

Tatsächlich hat sich Nuhr darüber ausgelassen, dass jeder Mann im grünen Milieu als Täter gilt. Ich würde sagen: kein ganz unbedeutender Unterschied. Aber so leicht will man ihn nicht davonkommen lassen. Jeder Witz über das Geschlechterverhältnis ist ein Witz zu viel.




5. Beim SPIEGEL diskutieren Familienanwältin Asha Hedayati und Strafverteidiger Mathis Bönte darüber, "was gegen gewalttätige Männer hilft". Betitelt ist der Artikel mit dem aus Sicht der SPIEGEL-Redaktion offenbar entscheidenden Argument: "Was Sie sagen, macht mich wirklich wütend." (Da das Internet-Archiv gerade wieder Probleme macht, steht der Artikel für Nicht-Abonnenten des SPIEGEL nur im Anriss online. Ich hoffe, dass alle anderen Links auf externe Beiträge heute weiter funktionieren.) Ein Auszug aus dem Gespräch:

SPIEGEL: Sie begleiten als Mediatorin hetero­sexuelle Paare in der Trennungsphase. Wie laufen diese Termine ab?

Hedayati: Meistens gleich: Die Frau weiß, was das Problem ist, und kann genau erklären, woran die Beziehung gescheitert ist. Der Mann fällt entweder aus allen Wolken oder kann nicht formulieren, wie es ihm geht, weil er keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat. Das sind 40, 50, 60 Jahre alte Männer, ­ keine Sechsjährigen. Wenn sie aber keine Empathie für sich selbst haben, wie sollen sie dann Empathie für ihr Gegenüber entwickeln?

Bönte: Da haben Sie meinen wesentlichen Punkt genannt. Wir brauchen mehr Mitgefühl mit Jungs und Männern, auch damit sie mehr Mitgefühl für andere empfinden können.

Hedayati: Wenn ich sage, dass Männer Zugang zu ihren Gefühlen lernen müssen, meine ich damit kein Mitleid für Gewalttäter. Die müssen in erster Linie Verantwortung übernehmen. Und das muss bereits früh beginnen: Schon in der Erziehung von Jungen sollte ihnen sowohl Empathie als auch Verantwortung vermittelt werden. Denken Sie an die schreckliche Tat in Stade ...

SPIEGEL: Ende Juni hat ein Mann sechs Menschen in einer Mutter-Kind-Einrichtung in der niedersächsischen Stadt erschossen. Seine drei Monate alte Tochter war dort gemeinsam mit der Mutter untergebracht.

Hedayati: Dieser schreckliche Fall zeigt einmal mehr, dass wir männliche Anspruchshaltung und Macht und Kontrolle nicht ernst genug nehmen. Die Opfer arbeiteten in der Einrichtung oder beim Jugendamt. Die Tat richtete sich also gegen das ganze Schutz- und Unterstützungssystem, das sowieso chronisch unterfinanziert ist.

Bönte: Als Anwalt ist es meine Aufgabe zu verstehen, wie es zu einer Tat gekommen ist, wieso jemand zum Gewalttäter wird, welche Verletzlichkeit dahintersteckt. Dazu muss ich seine Geschichte kennen und mich in ihn hineinversetzen. Worin ich Ihnen aber zustimme: Meine Mandanten können das selbst oft gar nicht in Worte fassen. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Mandanten erinnern, der seine Frau getötet hatte – für mich lag auf der Hand, dass er einfach am Ende war. Er kam aus einer armen Familie und hatte das Gefühl, ohne Geld sei man nichts wert. Er hatte wahnsinnig Angst davor, Unterhalt für seine Kinder zu zahlen. Ich kenne das von mir.

SPIEGEL: Inwiefern?

Bönte: Ich komme auch aus einer Familie mit wenig Geld. Und obwohl ich als Berufseinsteiger gut verdient habe, hatte ich Angst, meine Frau und Kinder nicht versorgen zu können. Ich konnte darüber mit meiner Frau sprechen, und sie hat mich in den Arm genommen. Mein Mandant hingegen hatte das Gefühl, auch vor seiner Frau keine Schwäche zeigen zu dürfen. So wurde der Druck, der Stress immer größer. Und nach der Trennung sah er keinen Ausweg mehr, weil er komplett überfordert war. Das steckt typischerweise hinter diesen Frauentötungen: Die Männer wissen nicht mehr weiter, sie befinden sich in einer ausweglosen Lebenssituation. Das können sie sich aber nicht eingestehen – als Mann ist man nicht verzweifelt, man ist nicht schwach. Darum redet man irgendeinen Unsinn und gibt der Frau die Schuld. Die Debatte über Femizide, wie wir sie gerade führen, bringt uns in dieser Hinsicht nicht weiter.

SPIEGEL: Herr Bönte, wie meinen Sie das?

Bönte: Die Gefühle der Verzweiflung und Ausweglosigkeit werden negiert, damit die Täter wegen Mordes bestraft werden können. Wenn wir ein anderes Männerbild wollen, bringt das aber nichts. Dann müssten wir den Zusammenhang deutlicher machen zwischen der Verletzlichkeit der Täter und den Taten. (…) Mich stört etwas anderes: Männer werden benachteiligt, wenn sie erst mal vor Gericht stehen, besonders in Strafverfahren.


(Bönte hat Recht.)

Hedayati: Ich weigere mich, diese Aussage hier so stehen zu lassen. Es geht mir nicht darum, Ihnen Ihre Erfahrungen abzusprechen, aber wir leben in einem System, in dem Männer strukturell mehr Macht haben und in dem männliche Gewalt allgegen­wärtig ist. Jede vierte Frau erlebt in Deutschland mindestens einmal im Leben Partnerschaftsgewalt. In diesen Strukturen von einer Benachteiligung von Männern zu sprechen, ist absurd.

Bönte: Wenn ich Frauen verteidige, wundere ich mich oft, wie leicht das ist, selbst wenn ich den Eindruck habe, dass sie nicht unschuldig sind. Bei Männern mühe ich mich häufig wahnsinnig ab. Gerade wenn das vermeintliche oder tatsächliche Opfer weiblich ist, gerade wenn es um häusliche Gewalt geht.

SPIEGEL: Und das soll woran liegen?

Bönte: An Geschlechterstereotypen. Männer gelten eher als durchsetzungsstarke Macher. Im Berufsleben haben sie davon lange profitiert. Im Strafverfahren aber ist der Macher der Täter. Frauen hingegen werden eher als schutzbedürftige Opfer angesehen. Sie bekommen auch leichter Mitgefühl. Das lässt sich gut in experimentellen Studien zeigen: Einen Mann, der seine Partnerin tötet, verurteilen Probanden härter als eine Frau, die ihren Partner tötet.

Hedayati: Es fällt mir schwer, Ihnen zuzuhören. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Nur ein Prozent der Vergewaltigungen wird verurteilt. Und die Betroffenen sind zu 98 Prozent Frauen.


(Heydatai hat Unrecht.)

Bönte: Ich berichte mal aus einem für mich schockierenden Verfahren. Mein Mandant hatte sich von seiner Frau getrennt, nutzte aber noch einen Büroraum im gemeinsamen Haus. Eines Tages wollte seine Frau ihn zwingen, einen Call mit seinen Chefs abzubrechen. Er soll dann die Tür zu seinem Büro zugedrückt haben. Ihr Arm soll dabei eingeklemmt worden sein. Sie rief die Polizei und ließ sich mit einem blauen Fleck ins Krankenhaus bringen. In die Fußball-Chatgruppe des gemeinsamen Sohns hat sie geschrieben, dass es zu einem Polizeieinsatz wegen »häuslicher Gewalt« gekommen sei. Ich hatte selten so stark das Gefühl wie in diesem Strafverfahren, dass die Richterin und die Staatsanwältin voreingenommen waren. Und was mich besonders mitgenommen hat: Letztlich ist es seiner Frau gelungen, seinen Kontakt zur gemeinsamen Tochter zu unterbinden.

Hedayati: Was Sie sagen, macht mich wirklich wütend.

Bönte: Warum? Mir ist klar, dass es schlimme Fälle häuslicher Gewalt gibt. Aber glauben Sie nicht, dass Gewaltvorwürfe manchmal aufgebauscht oder erfunden werden, um einen Mann in Trennungssituationen aus dem Haus rauszubekommen und von den Kindern zu entfremden?

Hedayati: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es Fälle gibt, in denen Mütter lügen. Wütend macht mich, dass Sie einen Einzelfall beschreiben und damit das große strukturelle Problem wegwischen.

(…) Bönte: Bei Dunkelfeldbefragungen sagen ähnlich viele Männer wie Frauen, dass sie schon mal Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden sind. Dennoch gehe auch ich davon aus, dass Männer häufiger und extremer gewalttätig werden. Aber warum? Weil sie oft intensiver verletzt sind, gerade nach Trennungen. Sie fühlen sich abgeschrieben, weil sie sozial abseits der Partnerschaft kaum eingebunden sind. Deswegen bringen sich Männer nach Trennungen auch deutlich häufiger um als Frauen.

Hedayati: Ich als Frau trage nicht die Verantwortung dafür. Und erst recht nicht dafür, dass die Gewalt endet. Das müssen die ­Täter tun. Meine Mandantinnen haben oft jahrelang dafür gekämpft, dass ihr Partner Therapie macht, sie haben versucht, ihn glücklich zu machen, ihn zu heilen, damit er endlich aufhört. Die zeigen Mitgefühl, bis sie getötet werden. Das kann doch nicht wahr sein. Die Scham muss die Seite wechseln. Aber dasselbe gilt für die Verantwortung.

Bönte: Wir sind uns völlig einig über das Ziel: Wir wollen diese schlimmen Taten verhindern. Wir streiten nur über den Weg. Ich werbe dafür, die Täter nicht einfach zu verdammen, sondern ihre Taten nachzuvollziehen. Einfach weil ich es für unklug hielte, die Härten auszublenden, die Männer zu toxischen Typen werden lassen.

(…) SPIEGEL: Die Soziologin Lena Hipp hat in einer Studie gezeigt, dass der Datingerfolg von Männern stärker als der von Frauen davon abhängt, ob sie in einem geschlechterstereotypen Beruf arbeiten. Grundschullehrer kommen schlechter an als Ingenieure.

Hedayati:  Frauen sind ja nicht doof. Viele haben in unserer Gesellschaft aus strukturellen Gründen vergleichsweise geringe Verdienstchancen. Da ergibt es Sinn, die Familie mit einem Mann zu gründen, der mehr Geld einbringt.

Bönte: Wir debattieren zu Recht sehr viel darüber, was es für einen Druck auf Mädchen und Frauen ausübt, schön sein zu müssen. Aber viel zu wenig darüber, welchen Druck es für Jungen und Männer bedeutet, durchsetzungsfähig und erfolgreich sein zu müssen. Als ich zu meiner Schulzeit von anderen Jungen massiv gemobbt und geschlagen wurde, hatte ich bei Mädchen keine Chance. Als ich Klassensprecher war, lief es gut. Auch als ich AG-Leiter an der Uni wurde, hatte ich Erfolg. Wenn wir über den antifeministischen Influencer Andrew Tate sprechen, dem so viele Jungen folgen, dann müssen wir auch darüber sprechen, dass Alphatypen wie er absurderweise Erfolg bei Frauen haben.

Hedayati: Da gehe ich mit! Unser Wirtschaftssystem belohnt Macht und Dominanz, das begünstigt dominante Männer und letztlich auch männliche Gewalt. Leider gibt es kaum Anlaufstellen für Männer, die sich Hilfe suchen wollen, um nicht wieder gewalttätig zu werden. Kürzlich saß ich mit einem Psychologen auf einem Podium, der gern in Schulen ein Projekt zu problematischer Männlichkeit anbieten würde, zu den Konkurrenzkämpfen, den Rangeleien, dem Mobbing. Aber er kriegt es nicht finanziert.

(…) Bönte: Natürlich steht häufig Aussage gegen Aussage, das macht es schwer, die Erfolgsaussichten einzuschätzen. Und ich hatte schon mit Fällen zu tun, bei denen ich mir unsicher war, ob die Vergewaltigungsvorwürfe zutrafen.

SPIEGEL: Ach ja?

Bönte: In vielen Fällen hat sich die Frau zögernd und halbherzig auf etwas eingelassen, mit dem sie sich hinterher unwohl fühlt. Sie hat vielleicht sogar schon währenddessen mal Nein gesagt, aber stellenweise auch ziemlich aktiv mitgemacht. Und später deutet die Frau das Geschehene dann in ein Sexualdelikt um.

Hedayati: Ich weiß echt nicht, in was für einer Lebensrealität Sie unterwegs sind. Es mag einzelne Falschbeschuldigungen geben, aber nur circa fünf Prozent der Gewalt in Partnerschaften werden überhaupt angezeigt; das Dunkelfeld ist riesig, und von den angezeigten Taten wird nur ein verschwindend kleiner Anteil verurteilt. Es ist also um ein Vielfaches wahrscheinlicher, dass eine Frau vergewaltigt wird, ohne dass es je zur Verurteilung kommt, als dass ein Mann einer Vergewaltigung falsch beschuldigt wird.

(…) Bönte: Traditionelle Männlichkeit ist verknüpft mit jenem Statusdenken, das uns auch in der Klimakrise das Leben schwer macht. Ich will nicht, dass der Laden uns wegen all der Traditionstypen irgendwann explodiert. Und ich halte ein Gegenmittel für unverzichtbar: mehr Mitgefühl mit Männern, auch mehr Mitgefühl der Männer mit sich selbst. Sie müssen sich selbst verzeihen, wenn sie Misserfolge haben oder scheitern.

SPIEGEL: Sie verteidigen männliche Gewalttäter, aber eigentlich wollen sie das Patriarchat stürzen?

Hedayati: Darauf könnten wir uns einigen: Das Patriarchat muss stürzen.




6. Auf Youtube ging gestern ein Video online, das zeigt, wie sich der Grund, warum Männer sich von ihrer Partnerin trennen, im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Dasselbe gibt es auch von der entgegengesetzten Seite und ist ähnlich aufschlussreich.



7. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir:

Lieber Arne Hofffmann,

ich öffne täglich deinen Blog, weil ich mich für Zeitgeschehen interessiere, und du bist hart dran am Zeitgeschehen. Bei dir lese ich Nachrichten, die mich sonst nicht erreichen würden. Nicht alle interessieren mich, manche aber sehr. Deinen grundsätzlichen Standpunkt teile ich, ohne mich als Männerrechtler zu sehen. Frauenrechtler bin ich auch nicht.

Jetzt zum Artikel: "Grüne: Männermanifest spaltet die Partei."

"Anton Hofreiter boxt für die Kameras, Felix Banaszak gibt dem Playboy ein Interview, ein Bundestagsabgeordneter postet Kniebeugen aus dem Fitnessstudio in Prenzlauer Berg.“

Was ist das für eine antiquierte Vorstellung von Männlichkeit? Ja, ich weiß, es gibt unter jugendlichen Männern gerade eine Fittness- und Bodyforming-Welle, bei den Mädels ja auch. Vielleicht erreichen die tatsächlich ein paar Leute. Aber Boxen und Liegestütze sind für mich eine Form von Überkompensation gegenüber eigenen weiblichen Anteilen.

Nicht, dass ich mich nicht fit hielte.

Und der Playboy ist ein katholisches Frauenmagazin gegenüber dem, was junge Männer heute im Netz geboten bekommen.

Schnelle Autos – was hat das mit Männlichkeit zu tun? Natürlich kann jemand, der bei bestimmten Hormonen einen Überrschuss hat, ein bisschen was damit ablassen. Soll er. Ich hab nichts gegen schnelle Autos. Wenn mir jemand mit seinem Mercedes SL auf der Autobahn zwei Meter hinten auffährt, ist das nicht männlich. Das ist 'ne verkappte Tunte.

Ich sehe mich als Mann. Und zwar nicht aufgrund der Muskelmasse. Das ist in erster Linie eine psychologische Angelegenheit. Männer und Frauen sind psychologisch verschieden. Und natürlich sind wir alle Mischformen, es gibt sehr männliche Männer und sehr männliche Frauen, weiche Männer und weiche Frauen und alles Mögliche dazwischen.

Wenn die Grünen jetzt auf Werte aus dem wilhelminischen Zeitalter zurückgreifen, muss die Not wirklich groß sein. Die haben jeden Bezug zu Männlichkeit und Weiblichkeit verloren und orientieren sich an ihren Urgroßvätern.




Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!



Freitag, Juli 10, 2026

Grüne: Männer-Manifest spaltet die Partei

1. Das politische Magazin CICERO kommentiert das Männermanifest der Grünen. Ein Auszug:

Jahrelang hieß es, die Union habe ein Frauenproblem. Die FDP habe ein Frauenproblem. Friedrich Merz habe eines, und Christian Lindner hatte es auch gehabt. Jeder Mann rechts der Mitte, der auf irgendeine altmodisch überhebliche Art unsympathisch wirkte, musste sich diese Diagnose gefallen lassen. Jetzt ist sie endlich einmal umgedreht. Nach Jahren, in denen Männlichkeit im progressiven Milieu fast ausschließlich als Problem vorkam, entdeckt die Frauenpartei plötzlich den Mann als Zielgruppe.

Dreizehn Parteimitglieder, unter ihnen die Vorsitzende Franziska Brantner und ihre Vorgängerin Ricarda Lang, haben ein Manifest verfasst, das ein "positives Bild moderner Männlichkeit" einfordert. Anton Hofreiter boxt für die Kameras, Felix Banaszak gibt dem Playboy ein Interview, ein Bundestagsabgeordneter postet Kniebeugen aus dem Fitnessstudio in Prenzlauer Berg. Der Grund ist demoskopisch: 25,2 Prozent der Männer zwischen 18 und 24 wählten bereits bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Grünen verlieren sie fast vollständig.

Die Antwort der Partei? Männlichkeit auf Konsumästhetik reduzieren. Boxen, Pumpen, schnelle Autos, der "Playboy", das alles ist erlaubt, verkündet das Manifest. Die Selbstkritik dahinter ist ungewöhnlich offen: Man habe Männlichkeit jahrelang nur als „toxisch“ beschrieben, nie ein positives Gegenbild angeboten. Nur trägt diese Einsicht kaum über die Oberfläche hinaus, denn am Ende werden Männer auf ihre sichtbarsten Klischees reduziert. Das Ergebnis wirkt unfreiwillig komisch, als hätten sie all die Jahre nur auf die Erlaubnis gewartet, endlich Bizeps zeigen zu dürfen.

(…) Schon der Rahmen, in dem diese Debatte geführt wird, fühlt sich wie eine Anmaßung an. Frauen driften seit Jahren stärker nach links als Männer nach rechts. Auch sie erreichen klassische Meilensteine des Erwachsenseins wie Ehe und Kinder deutlich später und seltener als zuvor. Doch niemand kommt auf die Idee, von einer "Krise der Weiblichkeit" zu sprechen.

Denn eine als strukturell benachteiligt definierte Gruppe bekommt ihre Krise grundsätzlich von außen zugeschrieben, durch einen Unterdrücker. Mitverantwortung anzunehmen wäre in dieser Logik fast wie ein Kategorienfehler. Männer auf der anderen Seite gehören zur Täterklasse, weshalb ihre Probleme als Symptom eigener Schuld gelten. Das ist ein profundes Dilemma für die Grünen, mehr, als ihnen bewusst ist. Das erkennt man an Sätzen wie "Sei kein Arschloch", den der Parteivorsitzende Felix Banaszak in seinem Interview mit "Playboy" fallen ließ. Noch bevor der Adressat etwas gesagt oder getan hat, erscheint er als potenzieller Täter, dessen erste Aufgabe in der Selbstdisziplinierung besteht. Der gute Mann zeichnet sich nicht durch positive Eigenschaften aus, sondern dadurch, dass von ihm bloß nichts Negatives ausgeht.

Diese Sicht auf den Mann ist über Jahrzehnte institutionell eingeübt worden. Bis heute sind die Grünen die einzige Bundestagspartei, deren Frauenstatut reine Frauenlisten ausdrücklich zulässt, reine Männerlisten jedoch kategorisch ausschließt. Jeder ungerade Listenplatz, einschließlich des ersten, ist Frauen vorbehalten.

(…) Dann gibt es auch noch die Geschichte aus dem Saarland: Dort traten die Grünen bei der Bundestagswahl 2021 gar nicht erst an. Die erste Landesliste – unter Führung eines Mannes – wurde parteiintern verworfen, unter anderem wegen Verstößen gegen das Frauenstatut. Die zweite, nun frauengeführte Liste kam nur zustande, weil 49 Delegierte eines Ortsverbands von der Abstimmung ausgeschlossen wurden. Der Bundeswahlausschuss verwarf am Ende die gesamte Landesliste, weil dieser Ausschluss selbst gegen demokratische Grundsätze verstieß. Das Frauenstatut erreichte damit etwas, wovon der politische Gegner nicht mal hätte träumen dürfen: Es schloss die eigene Landespartei von der Bundestagswahl aus.

Ähnliches wiederholte sich schließlich auf der Bundesebene, als es zur Wahl der Kanzlerkandidat*IN kam. Robert Habeck hatte bereits im Vorfeld erklärt, im Falle einer Kandidatur Annalena Baerbocks nicht anzutreten – und genau so kam es. Der Mann, der sechs Jahre Regierungserfahrung als Minister in Schleswig-Holstein vorweisen konnte, musste einer Frau den Vortritt lassen, die ihre Karriere ausschließlich über Parteiämter aufgebaut hatte. Zeitweise lagen die Grünen im ZDF-Politbarometer bei 27, kurz darauf sogar 28 Prozent, zum ersten Mal in der Parteigeschichte als stärkste Kraft im Land. Im Wahlkampf musste Baerbock einen aufgehübschten Lebenslauf korrigieren, verspätet gemeldete Nebeneinkünfte nachreichen und sich für abgeschriebene Passagen in ihrem eigenen Buch rechtfertigen. Der Effekt zeigte sich sofort in den Umfragen: Nur noch 22 Prozent hielten Baerbock für kanzlertauglich. Am Wahltag im September blieben von den einstigen 28 Prozent noch 14,8 übrig.




2. Genderama hat bereits angesprochen, dass dem grünen Männermanifest jegliches politische Ziel fehlt, was man für Jungen und Männer politisch erreichen möchte. Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend für diese drollige Partei, dass sie sich schon von einem derartig lauen Aufguss überfordert zeigt und es einem einflussreichen Flügel viel zu weit geht: "Positive Männlichkeit", hat man so was Verrücktes schon mal gehört!? Die feministische Fraktion der Grünen hat deshalb einen heftigen Streit darüber angezettelt:

Mancher Grüne will lieber gar darüber nicht reden. Von anderen heißt es: "War bei der Debatte gerade nicht im Saal", "Habe da gerade nicht genau zugehört" oder: "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich dazu nicht äußere".


Diese Verdruckstheit klingt nach einem ordentlichen Maß an Angst in der grünen Partei. Aber einige haben es gewagt, den Mund aufzumachen und zu berichten:

In der Fraktionssitzung am Dienstag wurde das Manifest hitzig diskutiert. So berichten es übereinstimmend mehrere Teilnehmer. Für Ärger sorgte zum einen, dass die Verfasser ihr Papier nicht mit den Fachsprecherinnen und -sprechern koordiniert hätten. Fraktionschefin Katharina Dröge wies eingangs darauf hin, dass andere für die Themen zuständig seien.

Kritisch äußerten sich danach unter anderem die Grünenparlamentarierinnen Lena Gumnior, Ulle Schauws und Kirsten Kappert-Gonther. "Die Mehrheit der Meinungsäußerungen war so zu verstehen, dass das nicht unser Männerbild ist, was da niedergeschrieben wurde", heißt es aus der Fraktion.


Grüne Frauen distanzieren sich von einem auch nur in Ansätzen positiven Männerbild. Wie überraschend.

Auch der Abgeordnete Sven Lehmann meldete sich in der Fraktionssitzung zu Wort. Vor 16 Jahren gehörte er zu den Verfassern des ersten grünen Männermanifests, in dem eine Gruppe männlicher Grüner mehr feministisches Engagement von den Geschlechtsgenossen forderte. Auch Lehmann denkt darüber nach, wie die Grünen angesichts des Rechtsrucks unter jungen Männern ein Männerbild definieren können, das weniger ausgrenzend ist. Neulich organisierte er dazu mit dem Abgeordneten Till Steffen ein Fachgespräch in der Fraktion.

Das neue Manifest hätte Lehmann wohl auch nicht unterschrieben, wenn er gefragt worden wäre. Jedenfalls sagte er nach Angaben von Sitzungsteilnehmern, der Vorstoß werfe die Debatte um Jahrzehnte zurück. Das Papier sei inhaltsleer und suggeriere, dass Männer Opfer des Feminismus geworden seien.


Ach Unfug. So viel Klartext ist in dem Manifest gar nicht zu finden.

In der Fraktion befürchten einige, das umstrittene Manifest könne eine differenzierte Debatte zu einem wichtigen Thema erstickt haben. Nicht nur würde man so keine jungen Männer gewinnen, man könne dadurch auch Frauen verlieren. Die Grünen würden in starkem Maße von Frauen gewählt, heißt es aus Kreisen der Bundestagsabgeordneten. "Das Papier hat nicht dazu beigetragen, dass es so bleibt", sagt ein Mitglied der Fraktion.


Bekanntlich können Frauen mit muskulösen Männern, die schnelle Autos fahren wenig anfangen.

Die Debatte über das Männlichkeitsbild vor den wichtigen Landtagswahlen im Osten zu führen, sei "fatal", heißt es. Man habe doch andere Probleme, die das Land beschäftigten: die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung, der Klimawandel, die wirtschaftliche Lage im Allgemeinen.


Das fällt allen Ernstes einer Partei ein, die jahrelang darüber diskutiert, ob "WählerInnen" oder "Wähler_innen" die bessere Sprache wäre.

Besonderen Ärger musste sich Anton Hofreiter anhören. Der Vorsitzende des Europaausschusses und ehemalige Fraktionsvorsitzende gehört nicht zu den Unterzeichnern des Männermanifests, aber seine Kritik geht in eine ähnliche Richtung. Hofreiter hatte dem SPIEGEL gesagt, dass Männer im progressiven Lager pauschal für das, was sie seien, abgelehnt würden und nicht für das, was sie sagten oder täten. "Es gibt im linken Lager kein positives Bild moderner Männlichkeit", so Hofreiter.


Einer legt den Finger auf die Wunde, und prompt eskaliert das Gezeter.

Die Fraktionsführung bat in der Sitzung darum, vor den wichtigen Landtagswahlen im Osten, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Füße stillzuhalten. In beiden Ländern wird im September gewählt, die Grünen müssen um ihren Wiedereinzug in die Landesparlamente fürchten.


Der Krawall um das Männermanifest ist heute auch Thema bei Christian Schmidt. Er kommentiert:

Diese Reaktion ist bemerkenswert, weil sie den Kern des Manifests bestätigt. Das Manifest beginnt gerade mit der Diagnose, dass es im progressiven Lager kein gemeinsames positives Männerbild gibt. Wenn große Teile der Fraktion sofort erklären, dieses Bild sei "nicht unser Männerbild", ohne gleichzeitig ein eigenes positives Gegenbild zu formulieren, zeigt das genau das Problem, welches mit dem Manifest gelöst werden sollte.

(…) Kaum jemand in der Debatte geht auf tatsächliche Männerprobleme ein. Stattdessen wird vor allem über die richtige Sprache gesprochen. Das war zu erwarten, denn Männerprobleme kann es ja auch gar nicht geben. Männer sind privilegiert. Keine weitere Diskussion nötig.

(…) Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob ein Manifest genügt (natürlich genügt es nicht), sondern ob die grüne Politik überhaupt bereit ist, männliche Bedürfnisse ernst zu nehmen. (Sind sie nicht.)

(…) Das ist ein allgemeines Muster moderner (intersektionaler) Männlichkeitsdebatten: Klassische männliche Interessen die positiv erwähnt werden, werden direkt als Gefahr, als unzumutbar, als Herstellung einer "männlichen Überlegenheit und Unterdrückung der Frau" dargestellt.

(…) Wenn die Entwicklung eines positiven Männerbildes primär danach bewertet wird, wie sie bei Frauen ankommt, bestätigt das genau den Vorwurf der Einseitigkeit der Debatte, den auch Männerrechtler immer wieder gemacht haben: Über Männer wird häufig nicht um ihrer selbst willen gesprochen wird, sondern vor allem unter der Frage, welche Auswirkungen sie auf Frauen haben.

(…) Gleichzeitig zeigt gerade der Erfolg populistischer Bewegungen unter jungen Männern, dass Fragen männlicher Identität keineswegs nebensächlich sind. Wenn eine große Gruppe junger Männer das Gefühl entwickelt, dass ihre Lebensrealität im etablierten politischen Diskurs kaum vorkommt, wird daraus früher oder später auch ein politisches Problem.


Das Blog "Apokolokynthose" kommentiert das grüne Männermanifest hier und hier.



3. Der Deutschlandfunk feiert die neue "Rage-girl"-Literatur.

Das englische "rage" ist eine Wut, die rasend ist, ungebändigt – und für die Leserin mitunter ganz schön abgedreht. Die Autorin Monika Kim lässt ihre Protagonistin in "Das Beste sind die Augen" eine Obsession mit den Augen des neuen Freundes ihrer Mutter entwickeln. Aus Wut, denn besagter Freund ist ein absolutes Ekel.

Die Antiheldin denkt in dem Buch Dinge wie: "Ich will ihn bluten sehen. Will seinen Kopf aufschneiden, ihm die Haut abziehen, seine Augen essen." In Kims Rache-Groteske kommt weibliche Wut in keiner Weise entschuldigend daher. Sie wird genüsslich und völlig ungeniert ausgekostet.

Für manche Feministinnen ist das ein Zeichen von Emanzipation. Sie sagen: Die außer Rand und Band geratenen Protagonistinnen der Literatur geben den Leserinnen Stärke zurück. Frauen wollen jetzt auch wütend sein und zurückschlagen. Wütend worauf?

Der feministische Buchclub feminist fiction berlin schreibt als Antwort auf Instagram "EVERYTHING" – ALLES. Natürlich in wütenden Großbuchstaben. Dann kommt eine Aufzählung: Kapitalismus, Patriarchat, der Ex, die verspätete Periode, Krieg, Ungerechtigkeit.

(…) "Female rage" ist eine politische Kraft, wenn Frauen mehr als vergleichsweise harmlose Online-Slogans daraus machen. Die neuen wütenden Protagonistinnen der Rage-Girl-Literatur begnügen sich nicht mehr mit ausgeweideten Männeraugen zum Frühstück. Sie wollen die Revolution.


Ich kann mir bestens vorstellen, was man beim Deutschlandfunk schreiben würde, wenn es vergleichbare Literatur für junge Männer gäbe.



4. Einer aktuellen Umfrage zufolge sind sechs von zehn US-Amerikanern Feministen, drei von zehn "Maskulinisten". Als "Maskulinismus" wird hier die Auffassung definiert, dass Männer und Frauen gleich sein sollten, aber Männer in bestimmten Situationen schlechter behandelt werden. In der jüngsten Erwachsenengeneration ist der Anteil der Feministen niedriger und der Anteil der "Maskulinisten" höher.



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Donnerstag, Juli 09, 2026

Versorger-Paradox: Warum Männer sich nach Maßstäben beurteilt fühlen, an die sie selbst nicht glauben

Im populärwissenschaftlichen Magazin Psychology Today hat der Finanz-, Ehe- und Familientherapeut Nathan Astle einen Artikel über die mentale Last vieler Männer veröffentlicht, die fast alle Beiträge über geschlechtsbezogene "mental load" unter den Tisch fallen lassen. (Auch einem ehemaligen Wissenschaftsmagazin wie "Quarks" fällt hier in einer seiner berüchtigten Bilderkacheln nur weltfremde Propaganda mit einer überlasteten Frau und einem unbekümmert vor sich hin pfeifenden Mann ein.) Deshalb bietet sich eine Übersetzung des Beitrags im Volltext an.



Wenn wir über die psychische Gesundheit von Männern sprechen, reden wir gewöhnlich über emotionale Verletzlichkeit, Einsamkeit oder die Zurückhaltung, Hilfe zu suchen – alles wichtige Themen. Dennoch gibt es noch ein anderes Thema, das häufig unbeachtet bleibt, aber großen Einfluss darauf hat, wie viele Männer sich jeden Tag selbst wahrnehmen: finanzieller Druck.

Als Finanztherapeut arbeite ich mit vielen Männern, die sich wegen Schulden, steigender Ausgaben oder einfach deshalb Sorgen machen, weil sie ihre Rechnungen bezahlen müssen. Oberflächlich betrachtet drehen sich diese Gespräche um Geld. Doch häufig steckt etwas sehr viel Tieferes dahinter.

Viele Männer stellen sich stillschweigend Fragen wie: Tue ich genug? Sorge ich ausreichend für meine Familie? Bin ich der Mensch, den meine Familie braucht?

Anlässlich des Monats der Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit von Männern arbeitete ich mit Beyond Finance an einer Umfrage, die zeigte, wie verbreitet diese Gefühle sind. Mehr als drei Viertel der Männer (77 Prozent) gaben an, dass ihnen in ihrer Kindheit beigebracht wurde, die wichtigste Aufgabe eines Mannes bestehe darin, für seine Familie zu sorgen. 82 Prozent glauben, dass die Gesellschaft noch immer erwartet, dass Männer die Haupt- oder Besserverdiener im Haushalt sind. Knapp sieben von zehn sagen, dass es heute schwieriger ist, diese Rolle auszufüllen, als es für ihre Eltern war.

Gleichzeitig trifft finanzieller Stress Männer hart. 42 Prozent sagen, dass sie finanziell nicht über die Runden kommen oder sich gerade so über Wasser halten. 65 Prozent geben an, dass Geldsorgen ihre Stimmung oder ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen.

Diese Zahlen sind wichtig, doch ein Ergebnis geht noch tiefer als die übrigen. Auf die Frage, was Erfolg für sie bedeutet, nannten Männer nicht zuerst Wohlstand, Status oder Einkommen. Stattdessen sagten sie, Erfolg bedeute eine gute psychische Gesundheit, starke Beziehungen, Sinn, Familie und eine ausgewogene Balance zwischen Beruf und Privatleben. Traditionelle Erfolgsmerkmale wie ein hohes Einkommen, Wohneigentum oder Bildung waren deutlich weniger wichtig.

Viele Männer sagten außerdem, dass sie kein Problem damit hätten, wenn ihre Partnerin mehr verdient, Betreuungsaufgaben geteilt werden oder Familienrollen flexibler gestaltet sind, als frühere Generationen es akzeptiert hätten. Trotzdem verspüren sie weiterhin Druck durch diese alten Erwartungen. Diese Diskrepanz kann erheblichen emotionalen Stress verursachen.

Viele Männer fühlen sich zwischen zwei Wirklichkeiten gefangen. Sie schätzen Beziehungen, Gesundheit, Sinn und Familie aufrichtig, fühlen sich gleichzeitig aber wegen ihrer finanziellen Situation von der Gesellschaft, von anderen und häufig auch von sich selbst beurteilt. Das führt zu einem ständigen Spannungsgefühl. Männer mögen verstandesmäßig wissen, dass ihr Wert nicht allein von ihrem Gehaltsscheck abhängt, und sich dennoch "nicht gut genug" fühlen, wenn traditionelle finanzielle Ziele außer Reichweite liegen.

Dieses Muster zeigte sich in der Umfrage immer wieder. Mehr als die Hälfte der Männer sagte, Geldprobleme hätten ihnen das Gefühl gegeben, den Erwartungen daran, "ein Mann zu sein", nicht gerecht zu werden. Viele erklärten, sie behielten ihre Geldsorgen für sich, weil sie das Gefühl hätten, alles unter Kontrolle haben zu müssen. Andere berichteten davon, sich isoliert zu fühlen, an sich selbst zu zweifeln und das Gefühl zu haben, die Last finanzieller Probleme allein tragen zu müssen.

Die heutigen wirtschaftlichen Realitäten machen die Lage noch schwieriger. Die Wohnkosten sind gestiegen. Die alltäglichen Ausgaben verschlingen einen größeren Anteil des Einkommens. Wirtschaftliche Unsicherheit ist allgegenwärtig. Viele Ziele, die für frühere Generationen erreichbar schienen, erfordern heute deutlich mehr Zeit, Geld und Stabilität.

Wenn die Erwartungen gleich bleiben, sich die Gesellschaft aber weiterentwickelt, machen Menschen sich häufig selbst für Dinge verantwortlich, die von größeren Kräften geprägt werden. Das kann für Männer besonders belastend sein, wenn sie ihr Selbstwertgefühl daran knüpfen, wie erfolgreich sie finanziell sind.

Eines der wichtigsten Dinge, die ich meinen Klienten sage, ist, dass ihre finanzielle Situation und ihr persönlicher Wert nicht dasselbe sind. Finanzielle Rückschläge können jeden treffen: Arbeitsplatzverlust, Arztrechnungen, Scheidung, schwierige wirtschaftliche Zeiten und plötzliche Notfälle können Menschen aus allen Lebensbereichen betreffen. Diese Dinge können Ihren finanziellen Verhältnissen schaden, aber sie definieren weder Ihren Charakter noch Ihren Wert oder Ihren Erfolg.

Die Männer, mit denen ich arbeite und die die größten Fortschritte machen, sind gewöhnlich diejenigen, die beginnen, sich selbst umfassender zu sehen. Sie hören auf, ihren Wert nach ihrem Einkommen zu beurteilen, und erkennen stattdessen den Beitrag, den sie als Partner, Väter, Mentoren, Freunde, Betreuende und Mitglieder ihrer Gemeinschaft leisten. Dieser Perspektivwechsel ist nicht so selten, wie es scheinen mag – und die Umfrage spiegelt das wider. Die meisten Männer sagten, dass ihnen psychische Gesundheit, Beziehungen, Sinn und Familie wichtiger seien als traditionelle Statussymbole. Die Herausforderung besteht nicht darin, eine neue Definition von Erfolg zu entwickeln. Die Herausforderung besteht darin, an sie zu glauben.

Die wichtigere Frage lautet nicht, ob sich Männer abrackern – die Daten sind diesbezüglich eindeutig. Stattdessen sollten wir uns fragen, ob die Erwartungen, die viele Männer mit sich tragen, noch zu den Realitäten des modernen Lebens passen und ob es an der Zeit ist, Erfolg auf eine Weise zu definieren, die gesünder, realistischer und sinnvoller ist.




Mittwoch, Juli 08, 2026

Nena Brockhaus: "Mich schüttelt es beim Grünen-Manifest zur Männlichkeit"

1. Die Journalistin Nena Brockhaus hat sich das neue Manifest der Grünen zur Männlichkeit angesehen:

Man stelle sich vor: Wolfgang Kubicki und Christian Lindner setzen sich zusammen und schreiben ein Manifest darüber, wie Frauen zu sein haben. Wie sie ihre Weiblichkeit ausleben dürfen und wie eben nicht. Die beiden FDP-Männer würden darin erklären, dass Frauen ruhig wieder stark blondierte Haare, rote Fingernägel und kurze Röcke tragen dürften.

Gleichzeitig aber wolle man dem verkümmerten Verständnis von blonder Weiblichkeit, das nur Verletzlichkeit und Dummheit kenne, eine klare Absage erteilen. Der Aufschrei in diesem Land wäre gigantisch. Kubicki müsste zurücktreten.

Genau das ist jetzt passiert. Nur betrifft es nicht die FDP, die sowieso die wenigsten Journalisten leiden können. Sondern die Grünen. Die Partei also, auf die die Mehrzahl der Journalisten liebevoll blickt. Und es trifft nicht die Frauen, sondern die Männer. Und deshalb ist es natürlich, wie so oft, kein allzu großes Problem.

Verfasst haben das Manifest Franziska Brantner, die amtierende Vorsitzende der Grünen, und Ricarda Lang, die es einmal war. Sie sind das weibliche Äquivalent zu Kubicki und Lindner. Und sie haben sich hingesetzt und erklärt, wie Männer zu sein haben. An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, dass Brantner und Lang es nicht ganz allein getan haben. Andere grüne Politiker*innen – ich würde es mich ja niemals wagen, grüne Politiker zu adressieren, ohne zu gendern – wie Terry Reintke und Robin Wagener waren bei dem Gaga-Konzept auch mit von der Partie.


Hier geht es weiter.



2. Der Freiburger Christopher-Street-Day steht dieses Jahr unter dem Motto "Das Patriarchat muss brennen!"



3. In Ostdeutschland gibt es Regionen, wo Frauen mehr verdienen als Männer. Die Berliner Zeitung hat die Volkswirtin Michaela Fuchs dazu interviewt, die gemeinsam mit drei Kolleginnen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, eine Studie zu den regionalen Unterschieden im Gender-Pay-Gap erarbeitet hat. Ein Auszug aus diesem Gespräch:

Berliner Zeitung: Wie erklärt sich die Beharrung [beim Gender Pay Gap insgesamt]?

Michaela Fuchs: Das hat mit der Konstanz der Wirtschafts- und Berufsstruktur in der Region zu tun und mit anderen Dingen, die sich nur langsam ändern – zum Beispiel gesellschaftlichen Einstellungen. Auch die Berufswahl von Männern und Frauen ändert sich in Deutschland seit Jahren kaum. Letzteres ist ein ganz wichtiger Einflussfaktor für die Gehaltslücke: Frauen wählen immer wieder die geringer bezahlten Berufe.

(…) Berliner Zeitung: Betrachten wir den sogenannten Extremkreis Dessau-Roßlau genauer. Wie wirkt sich der Gender-Pay-Gap zugunsten der Frauen auf die Geschlechterbeziehung im Alltag aus?

Michaela Fuchs: (…) Eigentlich müssten ja die Männer aufschreien, weil sie so schlecht verdienen, aber ich sehe nicht, dass sie es tun. Das geringere Gehalt müsste nach den landläufigen Erklärungen auch dazu führen, dass die Männer bei Familiengründung eher daheimbleiben und die Frauen arbeiten gehen. Aber solche Daten gibt es für die kleinräumige Ebene nicht.

Berliner Zeitung: In meiner Bitterfelder Familie gibt es den folgenden Fall: Der Mann arbeitete bis 1991 im Braunkohletagebau, als Bestverdiener. Er verlor die Arbeit, landete in Leiharbeit mit niedrigem Gehalt. Die Frau war Lehrerin, wurde gut bezahlte Beamtin. Kann das als typisch gelten?

Michaela Fuchs: Ja. Wenn die gut bezahlten Jobs – wie in der Kohle – wegfallen, dann hat das für Familien eine große Bedeutung. Der Niedergang der Industrie war ganz grundsätzlich nach der Wende das große Problem. Und es kamen nur wenige neue Jobs in den klassischen Männerberufen nach, der erhoffte industrielle Aufschwung blieb aus. Daher haben relativ viele Männer in vielen Regionen Ostdeutschlands nicht so attraktive Jobmöglichkeiten wie in vielen westdeutschen Regionen.

Berliner Zeitung: Das heißt also, Frauen im Osten verdienen nicht unbedingt mehr, aber die Männer eben deutlich weniger?

Michaela Fuchs: Das ist ein wesentlicher Faktor für den Gender-Pay-Gap – wenn man ihn mal von der Männerseite her betrachtet. Die eher auf Dienstleistungs- und Verwaltungsberufe ausgerichteten Frauen haben in Ostdeutschland mehr Möglichkeiten und verdienen dann eben auch besser. Vergleicht man nämlich die Frauenentgelte Ost und West, dann gibt es kaum einen Unterschied. Wir haben auch dazu eine Karte gemacht – auf der sieht man keine Ost-West-Grenze mehr. Bei den Männern sind die Unterschiede hingegen extrem – da sieht man die alte Grenze ganz krass. Männer im Westen verdienen erheblich mehr als die im Osten.

Berliner Zeitung: Warum ist im Bodenseekreis der Lohnrückstand der Frauen besonders hoch?

Michaela Fuchs: Weil sie nicht in die attraktiven Männerberufe gehen, die es dort gibt – zum Beispiel Maschinenbau- und Betriebstechnikberufe oder Berufe in Forschung und Entwicklung. Generell ist die Wirtschaftsstruktur anders als zum Beispiel in Dessau-Roßlau. Im Bodenseekreis gibt es viel mehr Großbetriebe wie zum Beispiel den weltweit aktiven Technologiekonzern ZF Friedrichshafen. Etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeitet in Betrieben mit mehr als 250 Beschäftigten. Große Betriebe zahlen generell besser und bieten mehr Aufstiegsmöglichkeiten. Daraus ergibt sich im Vergleich der Männergehälter Bodenseekreis hier, Dessau-Roßlau da ein riesiger Unterschied – nämlich 68 Euro pro Tag! Vergleicht man die Frauengehälter beider Kreise, liegt der Unterschied bei sieben Euro pro Tag. Die Frauen arbeiten im Bodenseekreis vor allem im Büro und Sekretariat, in der Erziehung und Verwaltung. Sie wählen ihre klassischen Berufe, nicht die bestbezahlten.

Berliner Zeitung: Warum nur?

Michaela Fuchs: Ich spreche mal für westdeutsche Frauen: Für junge Männer und junge Frauen sind unterschiedliche Dinge unterschiedlich wichtig. Das betrifft zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Junge Frauen denken noch immer stärker als junge Männer daran, Kinder haben zu wollen, und fragen: Mit welchem Beruf kann ich das am besten managen? Sie schrecken dann offenbar eher zurück vor Berufen mit unbestimmten Arbeitszeiten, vielen Überstunden, Dienstreisen und Wochenendarbeit.




4. Donald Trumps Zustimmungswert unter Männern ist laut einer neuen Umfrage von Focaldata und der Financial Times weiter gesunken. Diese Bevölkerungsgruppe hatte maßgeblich zu seiner Rückkehr ins Weiße Haus im Jahr 2024 beigetragen.

Bereits im März dieses Jahres hatten Umfragen auf einen zunehmenden Rückgang der Unterstützung unter männlichen Wählern hingewiesen. Zwar sind männliche Wähler insgesamt betrachtet weiterhin eher geneigt, Trump zu unterstützen als weibliche Wähler, doch die jüngsten Focaldata-Ergebnisse deuten darauf hin, dass selbst eine der verlässlichsten Wählergruppen des Präsidenten Anzeichen von Erosion zeigen könnte.

Eine in der vergangenen Woche durchgeführte Umfrage von The Economist/YouGov zeigt, dass Trumps allgemeiner Zustimmungswert bei 38 Prozent liegt, verglichen mit einer Ablehnung von 58 Prozent. Unter Männern beträgt Trumps Zustimmungswert 44 Prozent, während 53 Prozent seine Amtsführung ablehnen.




5. In Australien hat eine Mutter ihren Sohn getötet und teilweise gegessen. Dreimal hatte man die Behörden auf seine Situation hingewiesen, weil man befürchtete, dass die Mutter an einer drogenbedingten Psychose litt. Das letzte Mal geschah dies im vergangenen Januar, als Sozialarbeiter prüften, ob der Junge aufgrund des vermuteten Drogenmissbrauchs seiner Mutter von schwerer Vernachlässigung bedroht war. Es gab jedoch nicht genügend Beweise für ihren angeblichen Drogen- und Alkoholmissbrauch, und so durfte er bis zu seinem Tod bei ihr bleiben.



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