Dienstag, Mai 12, 2026

Großer New-York-Times-Artikel: Das Schweigen angesichts der Vergewaltigung von Palästinensern

Eigentlich wollte ich heute an meinem Geburtstag das Bloggen einmal ausfallen lassen, aber dann kam ein Artikel rein, der mir zu wichtig dafür ist.

Wie die meisten meiner Leser wissen, gehört es zu meinen Hauptanliegen, sexuelle Gewalt insgesamt zu bekämpfen (das tue ich in vielen meiner Ratgeber), insbesondere aber auch das Tabu zu brechen, wenn es um sexuelle Gewalt gegen Männer geht. Mein Buch speziell hierzu heißt nicht ohne Grund mit vollständigem Titel "Sexuelle Gewalt gegen Männer: Was wir darüber wissen und warum wir dazu schweigen". In diesem Buch erörtere ich nicht nur das erschreckende Ausmaß dieser Gewalt, sondern auch, warum das Schweigen darüber derart hartnäckig ist.

Die New York Times bricht genau dieses Schweigen auf so noch nicht dagewesene Weise in einem gestern veröffentlichten Artikel zum Thema: "The Silence That Meets the Rape of Palestinians" – ein Verbrechen, auf das ich hier in diesem Blog immer wieder hingewiesen habe. In diesem Artikel zeigt sich, dass diese Vergewaltigungen zwar nicht auf Männer begrenzt, die meisten Opfer aber männlich sind. Deshalb und weil ds Schweigen über männliche Opfer sexueller Gewalt stärker ist, bleibt dies ein maskulistisches Thema. Da ich nicht damit rechne, dass ein deutsches Leitmedium diesen New-York-Times-Artikel zügig ins Deutsche übersetzt – aus Sicht der deutschen Staatsräson wäre das ohnehin "antisemitisch" –, dokumentiere ich ihn hier im Volltext. Vielleicht ist er ein Türöffner, auch über andere männliche Opfer sexueller Gewalt mehr zu berichten; das Problem ist ja nun wahrlich nicht auf Israel begrenzt. Die New York Times erklärt nicht nur den Ablauf der Gewalt sondern auch, warum darüber kaum offen gesprochen wird und unter welchen Umständen dieses Schweigen aufbrechen kann.



Das Schweigen angesichts der Vergewaltigung von Palästinensern

Es ist eigentlich ein einfacher Grundsatz: Unabhängig davon, wie wir zum Nahostkonflikt stehen, sollten wir uns darin einig sein, Vergewaltigung zu verurteilen.

Unterstützer Israels betonten diesen Punkt nach den brutalen sexuellen Übergriffen auf israelische Frauen während des von der Hamas angeführten Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023. Donald Trump, Joe Biden, Benjamin Netanyahu und viele US-Senatoren, darunter Marco Rubio, verurteilten diese sexuelle Gewalt, und Netanyahu forderte zu Recht "alle zivilisierten Staatsführer" auf, "ihre Stimme zu erheben".

Und dennoch haben mir Palästinenser in erschütternden Interviews von einem Muster weitverbreiteter israelischer sexueller Gewalt gegen Männer, Frauen und sogar Kinder berichtet — durch Soldaten, Siedler, Vernehmer des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet und vor allem durch Gefängniswärter.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass israelische Führungsfiguren Vergewaltigungen anordnen. Doch in den vergangenen Jahren haben sie einen Sicherheitsapparat aufgebaut, in dem sexuelle Gewalt, wie ein Bericht der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr formulierte, zu einem von Israels "Standardverfahren" geworden ist und "ein zentrales Element der Misshandlung von Palästinensern" darstellt. Ein im vergangenen Monat veröffentlichter Bericht des Euro-Med Human Rights Monitor, einer in Genf ansässigen Organisation, die Israel häufig kritisiert, kommt zu dem Schluss, Israel setze "systematische sexuelle Gewalt" ein, die "weitverbreitet als Teil einer organisierten staatlichen Politik praktiziert" werde.

Wie sieht dieses Standardverfahren aus? Sami al-Sai, 46, freier Journalist, sagt, dass ihn eine Gruppe von Wärtern zu Boden geworfen habe, als er nach seiner Festnahme 2024 in eine Gefängniszelle gebracht wurde.

"Sie schlugen alle auf mich ein, und einer trat mir auf Kopf und Hals", sagte er. "Jemand zog mir die Hose herunter. Sie zogen meine Boxershorts herunter." Dann zog einer der Wärter einen Gummiknüppel hervor, der zum Schlagen von Gefangenen verwendet wird.

"Sie versuchten, ihn in meinen Enddarm einzuführen, und ich stemmte mich dagegen, aber ich konnte es nicht verhindern", sagte er mit zunehmend angespannter Stimme. "Es tat so weh." Die Wärter hätten dabei gelacht. "Dann hörte ich jemanden sagen: ,Gebt mir die Karotten‘", erinnerte er sich und fügte hinzu, dass sie daraufhin eine Karotte benutzten. "Es war unerträglich schmerzhaft", sagte er. "Ich betete um den Tod."

Al-Sai sagte, er sei mit verbundenen Augen gewesen und habe auf Hebräisch, das er verstehe, jemanden sagen hören: "Keine Fotos machen." Das habe ihn vermuten lassen, dass jemand eine Kamera hervorgeholt habe. Einer der Wärter sei eine Frau gewesen, die ihn am Penis und an den Hoden gepackt und scherzhaft gesagt habe: "Die gehören mir", bevor sie so fest zudrückte, dass er vor Schmerzen schrie.

Die Wärter ließen ihn gefesselt auf dem Boden liegen, und er roch Zigarettenrauch. "Mir wurde klar, dass sie Rauchpause machten", sagte er.

Nachdem man ihn in seine Zelle geworfen hatte, kam er zu dem Schluss, dass der Ort seiner Vergewaltigung schon früher benutzt worden war, denn er fand Erbrochenes, Blut und zerbrochene Zähne anderer Menschen, die in seine Haut gedrückt worden waren.

Al-Sai sagte, man habe versucht, ihn als Informanten für den israelischen Geheimdienst anzuwerben, und er glaube, dass seine Verhaftung und Inhaftierung im Rahmen der Administrativhaft dazu dienen sollte, ihn unter Druck zu setzen. Da er stolz auf seine journalistische Professionalität gewesen sei, habe er abgelehnt.

Ich habe einen großen Teil meiner Karriere über Krieg, Völkermord und Gräueltaten einschließlich Vergewaltigungen berichtet — manchmal an Orten, an denen das Ausmaß sexueller Gewalt weit größer war als alles, was entweder Hamas-Kämpfer oder israelische Wärter oder Siedler begangen haben. Im Tigray-Konflikt in Äthiopien vor einigen Jahren wurden womöglich 100.000 Frauen vergewaltigt. Im Sudan finden derzeit Massenvergewaltigungen statt.

Und dennoch finanzieren unsere amerikanischen Steuergelder den israelischen Sicherheitsapparat mit, sodass die Vereinigten Staaten an dieser sexuellen Gewalt mitschuldig sind.


Israel wird auch von Deutschland unterstützt.

Ich begann mich für sexuelle Übergriffe gegen palästinensische Gefangene zu interessieren, nachdem Issa Amro, ein gewaltfreier Aktivist, der manchmal "der palästinensische Gandhi" genannt wird, mir bei einem früheren Besuch erzählt hatte, dass er von israelischen Soldaten sexuell missbraucht worden sei und glaube, dies sei verbreitet, werde jedoch aus Scham zu selten gemeldet.

Nach einer Zählung hat Israel allein im Westjordanland seit den Angriffen vom 7. Oktober 20.000 Menschen festgenommen, und mehr als 9.000 Palästinenser befanden sich noch in diesem Monat in Haft. Viele wurden nie angeklagt, sondern unter vage definierten Sicherheitsgründen festgehalten; seit 2023 wird den meisten der Zugang zum Roten Kreuz und zu Anwälten verweigert.

"Israelische Kräfte setzen Vergewaltigung und sexuelle Folter systematisch ein, um palästinensische Gefangene zu demütigen", heißt es im Euro-Med-Bericht. Darin wird eine 42-jährige Frau zitiert, die angab, nackt an einen Metalltisch gefesselt worden zu sein, während israelische Soldaten sie über zwei Tage hinweg wiederholt vergewaltigt hätten, während andere Soldaten die Übergriffe filmten. Danach habe man ihr Fotos der Vergewaltigungen gezeigt und gedroht, sie zu veröffentlichen, falls sie nicht mit dem israelischen Geheimdienst kooperiere.

Es ist unmöglich zu wissen, wie verbreitet sexuelle Übergriffe gegen Palästinenser tatsächlich sind. Meine Recherchen für diesen Artikel beruhen auf Gesprächen mit 14 Männern und Frauen, die angaben, von israelischen Siedlern oder Angehörigen der Sicherheitskräfte sexuell missbraucht worden zu sein. Außerdem sprach ich mit Familienmitgliedern, Ermittlern, Beamten und anderen Personen.

Ich fand diese Opfer, indem ich bei Anwälten, Menschenrechtsgruppen, Helfern und gewöhnlichen Palästinensern nachfragte. In vielen Fällen ließen sich Teile der Aussagen bestätigen — entweder durch Zeugen oder, häufiger, durch Personen, denen sich die Opfer anvertraut hatten, etwa Familienmitglieder, Anwälte oder Sozialarbeiter. In anderen Fällen war das nicht möglich, möglicherweise weil Scham dazu führte, dass Menschen selbst engen Angehörigen gegenüber keine Misshandlungen eingestehen wollten.

Save the Children beauftragte vergangenes Jahr eine Umfrage unter Kindern zwischen 12 und 17 Jahren, die sich in israelischer Haft befunden hatten; mehr als die Hälfte berichtete, sexuelle Gewalt erlebt oder beobachtet zu haben. Die Organisation erklärte, die tatsächliche Zahl liege vermutlich höher, weil das Stigma manche davon abhalte, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Das Committee to Protect Journalists, eine angesehene amerikanische Organisation, befragte 59 palästinensische Journalisten, die nach den Angriffen vom 7. Oktober von israelischen Behörden freigelassen worden waren. Drei Prozent gaben an, vergewaltigt worden zu sein, und 29 Prozent berichteten von anderen Formen sexueller Gewalt.

Die israelische Regierung weist Vorwürfe sexuellen Missbrauchs an Palästinensern zurück, ebenso wie die Hamas bestritt, israelische Frauen vergewaltigt zu haben. Israel begrüßte einen Bericht der Vereinten Nationen über sexuelle Übergriffe auf israelische Frauen durch Palästinenser, wies jedoch dessen Forderung zurück, auch israelische Übergriffe gegen Palästinenser zu untersuchen. Netanyahu sprach von "haltlosen Vorwürfen sexueller Gewalt" gegen Israel.

Israels Ministerium für Nationale Sicherheit lehnte eine Stellungnahme zu diesem Artikel ab. Der Gefängnisdienst "weist die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs kategorisch zurück", sagte ein Sprecher, der anonym bleiben wollte, und fügte hinzu, Beschwerden würden "von den zuständigen Behörden geprüft". Der Sprecher wollte nicht sagen, ob jemals Mitarbeiter des Gefängnisdienstes wegen sexueller Übergriffe entlassen oder angeklagt worden seien.

Die von mir interviewten Palästinenser berichteten auch von anderen Formen des Missbrauchs jenseits von Vergewaltigung. Viele sagten, ihnen seien wiederholt die Genitalien verdreht oder die Hoden geschlagen worden. Hand-Metalldetektoren seien zwischen die nackten Beine von Männern gehalten und dann gegen ihre Genitalien geschlagen worden; einigen Männern hätten Ärzte nach Misshandlungen die Hoden amputieren müssen, so der Euro-Med Monitor.

Ein Grund dafür, dass diese Übergriffe wenig Aufmerksamkeit erhalten, sind Drohungen israelischer Behörden, die freigelassenen Gefangenen laut Aussagen entlassener Palästinenser wiederholt einschärften zu schweigen. Ein weiterer Grund sei, wie Überlebende mir sagten, dass die arabische Gesellschaft Diskussionen über dieses Thema scheue — aus Angst, die Moral der Familien von Gefangenen zu schwächen und das palästinensische Narrativ heroischer und standhafter Häftlinge zu beschädigen.

Konservative soziale Normen erschweren die Diskussion zusätzlich: Zwei Opfer erklärten mir, ein Gefangener, der eine Vergewaltigung eingestehe, gefährde die Chancen seiner Schwestern und Töchter auf eine Heirat.

Ein Bauer hatte zunächst zugestimmt, dass ich seinen Namen in diesem Artikel verwende. Nachdem er Anfang dieses Jahres nach Monaten in Administrativhaft — ohne Anklage — freigelassen worden war, schilderte er, was ihm eigenen Angaben zufolge im vergangenen Jahr widerfuhr: Ein halbes Dutzend Wärter habe ihn festgehalten, ihm Hose und Unterwäsche heruntergezogen und einen Metallknüppel in seinen Anus eingeführt. Die Täter hätten dabei gelacht und gejubelt.

Mehrere Stunden später sei er ohnmächtig geworden und in die Gefängnisklinik gebracht worden. Nach dem Aufwachen sei er erneut mit dem Metallknüppel vergewaltigt worden.

"Ich blutete", erinnerte er sich. "Ich war völlig gebrochen. Ich weinte."

Nachdem er in seine Zelle zurückgebracht worden sei, habe er einen Wärter um Papier und Stift gebeten, um Beschwerde einzureichen. Der Antrag sei abgelehnt worden. Am Abend sei eine Gruppe Wärter in die Zelle gekommen.

"Wer von euch will eine Beschwerde einreichen?", habe einer höhnisch gefragt, erinnerte er sich, und ein anderer habe auf ihn gezeigt. "Die Schläge begannen sofort", sagte er. Dann hätten sie ihn an diesem Tag ein drittes Mal mit dem Knüppel vergewaltigt.

Er erinnerte sich an die Worte eines Wärters: "Jetzt hast du noch mehr Stoff für deine Beschwerde."

Einige Tage nach meinem Interview rief der Bauer an und sagte, er wolle doch nicht namentlich genannt werden. Shin Bet habe ihn besucht und davor gewarnt, Ärger zu machen, außerdem fürchte er die Reaktion seiner Familie.

"Massiver sexueller Missbrauch palästinensischer Gefangener ist Realität; er wurde normalisiert", sagte Sari Bashi, israelisch-amerikanische Menschenrechtsanwältin und Geschäftsführerin des Public Committee Against Torture in Israel. "Ich sehe keine Hinweise darauf, dass er angeordnet wurde. Aber es gibt anhaltende Hinweise darauf, dass die Behörden wissen, dass er stattfindet, und nichts dagegen unternehmen."

Ein weiterer israelischer Anwalt, Ben Marmarelli, sagte mir, nach den Erfahrungen palästinensischer Häftlinge, die er vertreten habe, finde die Vergewaltigung palästinensischer Gefangener mit Gegenständen "flächendeckend" statt.

Bashi erklärte, ihre Organisation habe Hunderte Beschwerden über grausame Misshandlungen palästinensischer Gefangener eingereicht — und in keinem einzigen Fall habe dies zu Anklagen geführt. Diese Straflosigkeit, sagte sie, sende ein "grünes Licht" an Täter.

Ein palästinensischer Gefangener aus Gaza soll im Juli 2024 mit einem Riss im Enddarm, gebrochenen Rippen und einer punktierten Lunge ins Krankenhaus eingeliefert worden sein. Ermittler beschafften ein Gefängnisvideo, das den Missbrauch zeigen soll. Die Behörden nahmen neun Reservisten fest — doch Israels Rechte reagierte empört, und ein wütender Mob, darunter Politiker, stürmte das Gefängnis, um die Wärter zu unterstützen. Die letzten Anklagen gegen die Soldaten wurden im März fallen gelassen; im vergangenen Monat genehmigte das Militär ihre Rückkehr in den Dienst.

Netanyahu bezeichnete die Einstellung des Verfahrens als Ende einer "Blutlüge". "Der Staat Israel muss seine Feinde jagen — nicht seine heldenhaften Kämpfer", sagte er.

Bashi kommentierte das Ergebnis so: "Die Einstellung der Anklagen bedeutet für mich: Das ist eine Erlaubnis zur Vergewaltigung."

Der Gefangene, der danach Berichten zufolge einen künstlichen Darmausgang benötigte, wurde nach Gaza zurückgebracht; ein Bekannter sagte, er habe Monate im Krankenhaus verbracht, um sich von den inneren Verletzungen zu erholen. Der Bekannte erklärte, der ehemalige Gefangene wolle kein Interview geben.

Strafverfolgung und öffentliche Aufmerksamkeit können solche Gewalt eindämmen. 1997 vergewaltigten Polizisten in New York den haitianischen Einwanderer Abner Louima mit einem Stock so brutal, dass er ins Krankenhaus musste und operiert werden musste. Die Öffentlichkeit reagierte empört, Bürgermeister Rudy Giuliani besuchte Louima im Krankenhaus, und die Beamten wurden in einem aufsehenerregenden Verfahren angeklagt. Das sandte eine deutliche Botschaft an die Polizei: Wer Gefangene misshandelt, kann bestraft werden. Genau diese Botschaft müsse auch an die israelischen Sicherheitskräfte gesendet werden.

Wenn die Trump-Regierung auf der Wiederaufnahme von Besuchen des Roten Kreuzes bei Gefangenen bestehen würde, wenn der US-Botschafter Überlebende sexueller Gewalt öffentlich besuchen würde, wenn Waffenlieferungen an ein Ende sexueller Übergriffe geknüpft würden, könnte das eine moralische und praktische Botschaft senden: Sexuelle Gewalt ist niemals akzeptabel — unabhängig davon, wer das Opfer ist. Der Botschafter könnte zumindest sicherstellen, dass jene Palästinenser, die für diesen Artikel gesprochen haben, nicht erneut für ihren Mut misshandelt werden.


Wenn der deutsche Außenminister Wadephul bei seinem Israelbesuch und seinen Solidarätsbekundigungen dasselbe täte … Ach vergesst es, wir wären hier im Fantasy-Land. Die Springerpresse von BILD bis "Welt" würde jahrelang kopfstehen vor Empörung, Wadephul oder welcher Politiker auch immer würde bis an sein Lebensende als "Judenhasser" beschimpft werden. Insofern ist man in Deutschland gerne bereit, lieber massenhaft begangene Vergewaltigungen hinzunehmen.

Wie kommt es zu solcher Gewalt? Jahrzehnte der Berichterstattung über Konflikte haben mich gelehrt, dass eine Kombination aus Entmenschlichung und Straflosigkeit Menschen in einen hobbesianischen Naturzustand treiben kann. Ich habe dieses Abrutschen in Barbarei auf Schlachtfeldern vom Kongo bis Sudan bis Myanmar gesehen — und ich glaube, es erklärt auch ungefähr, wie amerikanische Soldaten Gefangene in Abu Ghraib im Irak sexuell missbrauchen konnten.

Die harte Realität lautet: Wenn Konsequenzen fehlen, sind wir Menschen zu enormer Grausamkeit gegenüber jenen fähig, die man uns als minderwertig darstellt.

Itamar Ben-Gvir, Israels Minister für Nationale Sicherheit, bezeichnete Gefangene als "Abschaum" und "Nazis" und prahlte damit, die Haftbedingungen für Palästinenser verschärft zu haben. Wenn solche Einstellungen vorherrschen, kann sexueller Missbrauch zu einem weiteren Mittel werden, Schmerz und Demütigung zuzufügen.

Ben-Gvir lehnte über eine Sprecherin eine Stellungnahme zu sexuellen Übergriffen durch Sicherheitskräfte ab.

B’Tselem, eine israelische Menschenrechtsorganisation, dokumentierte "ein schwerwiegendes Muster sexueller Gewalt" gegen Palästinenser. Die Organisation zitierte den Bericht des Gaza-Gefangenen Tamer Qarmut, der angab, mit einem Stock vergewaltigt worden zu sein. Folter, so B’Tselem, sei "zu einer akzeptierten Norm geworden".

Ein ehemaliger israelischer Offizier in einer Gefängnisklinik schilderte in einer Aussage gegenüber der israelischen Organisation Breaking the Silence, was diese Normalisierung praktisch bedeutet: "Man sieht normale, ziemlich gewöhnliche Menschen an einen Punkt gelangen, an dem sie Menschen zu ihrer eigenen Unterhaltung misshandeln — nicht einmal für Verhöre oder Ähnliches. Zum Spaß, um den anderen etwas erzählen zu können oder aus Rache."

Der Großteil der Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt richtete sich gegen Männer — schon deshalb, weil mehr als 90 Prozent der palästinensischen Gefangenen männlich sind. Aber ich sprach auch mit einer Palästinenserin, die im Alter von 23 Jahren nach dem Hamas-Angriff im Oktober 2023 festgenommen wurde. Sie sagte, die Soldaten hätten damit gedroht, sie, ihre Mutter und ihre kleine Nichte zu vergewaltigen. Ihr Gefängnisalbtraum habe mit einer Leibesvisitation durch Wärterinnen begonnen. "Aber dann kam ein männlicher Soldat herein, während ich völlig nackt war", sagte sie.

In den folgenden Tagen sei sie wiederholt nackt ausgezogen, geschlagen und von Gruppen männlicher und weiblicher Wärter durchsucht worden. Das Muster sei immer gleich gewesen: Mehrere Wärter, Männer und Frauen gemeinsam, seien in ihre Zelle gekommen, hätten sie gewaltsam entkleidet, ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt und sie nach vorne gebeugt, manchmal mit dem Kopf in die Toilette gedrückt. In dieser Position sei sie geschlagen und am ganzen Körper begrapscht worden.

"Ihre Hände waren überall an meinem Körper", sagte sie. "Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob sie mich vergewaltigt haben", sagte sie, weil sie durch die Schläge zeitweise das Bewusstsein verlor.

Der Zweck der Misshandlungen sei ihrer Ansicht nach zweifach gewesen: ihren Willen zu brechen und israelischen Männern zugleich zu ermöglichen, ungestraft eine nackte palästinensische Frau zu missbrauchen.

"Ich wurde mehrmals am Tag ausgezogen und geschlagen", sagte sie. "Es war, als würden sie mich jedem vorstellen, der dort arbeitete. Zu Beginn jeder Schicht brachten sie die Männer, damit sie mich ausziehen konnten."

Kurz vor ihrer Freilassung sei sie in einen Raum mit sechs Beamten gebracht und eindringlich gewarnt worden, niemals Interviews zu geben.

"Sie drohten, mich zu vergewaltigen, mich zu töten und meinen Vater zu töten, falls ich spreche", sagte sie. Wenig überraschend wollte sie in diesem Artikel anonym bleiben.

Einige der schlimmsten sexuellen Übergriffe scheinen sich gegen Gefangene aus Gaza gerichtet zu haben. Ein Journalist aus Gaza schilderte mir die Misshandlungen, die er nach seiner Festnahme 2024 erlitten habe.

"Niemand entkam sexuellen Übergriffen", sagte er. "Nicht jeder wurde vergewaltigt, würde ich sagen, aber alle erlebten erniedrigende, widerwärtige sexuelle Misshandlungen." Bei einem Vorfall hätten Wärter seine Hoden und seinen Penis stundenlang mit Kabelbindern abgeschnürt und dabei seine Genitalien geschlagen. Danach habe er tagelang Blut uriniert.

Ein anderes Mal sei er festgehalten und nackt ausgezogen worden; während er mit verbundenen Augen und gefesselten Händen dalag, habe man einen Hund herbeigerufen. Durch Zurufe eines Hundeführers auf Hebräisch sei das Tier auf ihn gehetzt worden.

"Sie machten Fotos mit Kameras, und ich hörte ihr Lachen und Kichern", sagte er. Er habe versucht, den Hund abzuwehren, doch dieser habe ihn penetriert.

Auch andere palästinensische Gefangene und Menschenrechtsbeobachter berichteten von Polizeihunden, die darauf trainiert worden seien, Gefangene sexuell zu missbrauchen. Der Journalist sagte, ein israelischer Beamter habe ihn bei seiner Freilassung gewarnt: "Wenn du am Leben bleiben willst, rede nicht mit den Medien."

Warum sprach er dennoch?

"Es gibt Momente, in denen die Erinnerung unerträglich erscheint", sagte er. "Während ich gerade mit Ihnen darüber sprach, hatte ich das Gefühl, mein Herz könnte stehen bleiben. Aber ich denke an die Menschen, die noch dort sind. Deshalb rede ich."

Mehrere Berichte deuten darauf hin, dass sexuelle Gewalt sogar gegen palästinensische Kinder eingesetzt wurde, die typischerweise wegen Steinwürfen inhaftiert werden. Ich fand und interviewte drei Jungen, die festgenommen worden waren; alle beschrieben sexuellen Missbrauch.

Einer, ein schüchterner Junge im Hilfiger-Shirt, der bei seiner Festnahme 15 Jahre alt war, wollte nicht sagen, ob er auch tatsächliche Vergewaltigungen gesehen hatte. Aber er sagte, Drohungen seien alltäglich gewesen: "Sie sagten: ,Mach das, oder wir stecken dir diesen Stock in den Hintern.‘"

Die anderen Jungen erzählten sehr ähnliche Geschichten sexueller Gewalt im Rahmen von Misshandlungen und berichteten, dass Vergewaltigungsdrohungen nicht nur gegen sie, sondern auch gegen ihre Mütter und Geschwister gerichtet worden seien.

Israelische Siedler sind nicht in derselben Weise offizieller Teil des Staates wie das Gefängnissystem, doch die israelischen Streitkräfte schützen Siedler zunehmend, während diese palästinensische Dorfbewohner angreifen und sexuelle Gewalt einsetzen, um Palästinenser zur Flucht zu zwingen. "Sexualisierte Gewalt wird genutzt, um Gemeinschaften unter Druck zu setzen", ihre Gebiete zu verlassen, heißt es in einem neuen Bericht des West Bank Protection Consortium, einem Zusammenschluss internationaler Hilfsorganisationen unter Leitung des Norwegian Refugee Council.

Das Konsortium befragte palästinensische Bauern und stellte fest, dass mehr als 70 Prozent der vertriebenen Haushalte angaben, Drohungen gegen Frauen und Kinder — insbesondere sexuelle Gewalt — seien der ausschlaggebende Grund für ihre Flucht gewesen. "Sexuelle Gewalt", sagte Allegra Pacheco von der Koalition, "ist einer der Mechanismen, mit denen Menschen von ihrem Land vertrieben werden."

In einem abgelegenen Weiler beduinischer Bauern im Jordantal traf ich den 29-jährigen Bauern Suhaib Abualkebash, der schilderte, wie eine Gruppe von etwa 20 Siedlern durch die Häuser seiner Familie zog, Erwachsene und Kinder schlug, Schmuck und 400 Schafe stahl — und ihm außerdem mit einem Jagdmesser die Kleidung vom Leib schnitt, dann seinen Penis mit Kabelbindern abschnürte und daran zog.

"Ich hatte Angst, sie würden meinen Penis abschneiden", sagte Abualkebash. "Ich dachte, das ist mein Ende."

Manche mögen sich fragen, ob Palästinenser Vorwürfe sexueller Gewalt erfunden haben, um Israel zu verleumden. Für mich erscheint das weit hergeholt, weil niemand der von mir Befragten mich selbst aufsuchte oder wusste, mit wem ich sonst sprach, und weil sie nur widerwillig redeten. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass Israels sexueller Missbrauch inzwischen so häufig geworden ist, dass sich Normen verändern und palästinensische Opfer etwas eher bereit sind zu sprechen.

"Sechs Monate lang konnte ich darüber mit niemandem reden, nicht einmal mit meiner Familie", sagte Mohammad Matar, ein palästinensischer Beamter, der mir erzählte, Siedler hätten ihn entkleidet, geschlagen und mit einem Stock zwischen die Gesäßbacken gestoßen, während sie darüber sprachen, ihn zu vergewaltigen. Während des Angriffs veröffentlichten die Täter ein Foto von ihm mit verbundenen Augen und nur in Unterwäsche in sozialen Medien.

Mit der Zeit entschied sich Matar zu sprechen, um das Stigma zu brechen. Heute hängt eine vergrößerte Version des Fotos in seinem Büro.

Um zu verstehen, was ich entdeckt hatte, rief ich Ehud Olmert an, der von 2006 bis 2009 israelischer Ministerpräsident war. Olmert sagte, er wisse wenig über sexuelle Gewalt gegen Palästinenser, sei von den Berichten jedoch nicht überrascht.

"Glaube ich, dass das passiert?", fragte er. "Definitiv."

"In den besetzten Gebieten werden täglich Kriegsverbrechen begangen", fügte er hinzu.

Damit kehren wir zu dem Punkt zurück, den ich zu Beginn dieser Kolumne erwähnt habe: Israels Unterstützer hatten 2023 recht damit, dass wir ungeachtet unserer Haltung zum Nahen Osten Vergewaltigung verurteilen sollten.

"Wo zum Teufel seid ihr?", fragte Netanyahu damals die internationale Gemeinschaft und verlangte eine Verurteilung sexueller Gewalt durch das, was die israelische Regierung als "Vergewaltigerregime der Hamas" bezeichnete.

Die Hamas hat tatsächlich auf brutale Weise Menschenrechte verletzt. Doch israelische Behörden sollten auch ihre eigenen Verstöße betrachten — insbesondere das, was ein 49-seitiger Bericht der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr als Israels "systematische" Unterwerfung von Palästinensern unter "sexualisierte Folter" bezeichnete, die zumindest "mit stillschweigender Ermutigung durch die zivile und militärische Führung" begangen werde.

Man kann es auch so ausdrücken: Die schrecklichen Misshandlungen, die israelischen Frauen am 7. Oktober zugefügt wurden, widerfahren nun Palästinensern Tag für Tag. Sie dauern an wegen Schweigen, Gleichgültigkeit und des Versagens amerikanischer wie israelischer Behörden, Netanyahus Frage zu beantworten: Wo zum Teufel seid ihr?




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Montag, Mai 11, 2026

Ratlosigkeit bei der taz: Wie locken wir Männer weg vom rechten Rand?

1. Wie lassen sich junge Männer politisch wieder vom rechten Rand weglocken? Diese Frage beschäftigte die Redaktion der "taz" so sehr, dass sie erstmals in ihrer Geschichte statt einer Frauen- eine "Männerausgabe" herausgebracht hat. Dass die Redakteure und Redakteurinnen sich dort mit Menschen, die eine andere Meinung haben, auf Augenhöhe unterhielten, brauchte natürlich niemand zu befürchten.

Stattdessen eröffnete das Editorial eines männlichen Redakteurs, der sich mit dem Thema Männer immer noch so schwer tut wie der Rest seiner Redaktion. Typischerweise kommt ihm dabei als erstes sexuelle Gewalt in den Kopf, kurz darauf erwähnt er eine taz-Veranstaltung mit dem Titel "Männer: Abschießen oder erziehen?" Das ist das Spektrum, in dem sich die "taz" bewegt, um dann verdattert und überfordert darauf zu reagieren, dass dies nur auf eine sehr überschaubare Zahl von Männern anziehend wirkt: diejenigen, denen der Gedanke Angst macht, abgeschossen zu werden, und die sich deshalb lieber bereitwillig erziehen lassen möchten. Mit einem Angebot zwischen Vernichtung und Abrichtung holt man die Kerle sicher nicht aus der verhassten "Manosphäre" ab. Und der tausendste taz-Artikel, der sich wie dieser auf ein 50 Jahre altes Buch voller Männerdiffamierungen bezieht, führt auch nicht gerade in eine einfühlsamere Zukunft.

Des weiteren findet man in der "Männertaz" Artikel wie "Waffe: Auto. Täter: Mann. Verantwortung übernehmen: null" sowie "Mein Sohn wird ein Mann – und ich bin besorgt". Denn: "Die sogenannte Manosphere vermittelt penetrant fragwürdige Männlichkeitsbilder." Immerhin hat der Junge eine feministische Mutter, die fest an ihn glaubt: "Mein wichtigstes Ziel (...) ist, dass er niemals eine Gefahr für Frauen wird. Manchmal stelle ich das infrage."

Ein anderer Autor kreist bei seinem Artikel vor allem um sich selbst und seiner Erkenntnis, dass er unfähig ist, einen gelungen Artikel über Männer zu verfassen, weshalb er Passagen wie diese veröffentlicht:

Denn ich wollte ja nicht jammern und nicht wehklagen. Ich wollte mich weder selbst zerfleischen noch mich verteidigen. Ich wollte nicht wütend sein und traurig schon mal gar nicht. Ich wollte nicht um Vergebung betteln, mich nicht einschleimen und ich wollte keine Statistiken hervorkramen oder Vergleiche anstellen. Ich wollte nicht schreiben: "So schlimm ist es nun auch wieder nicht." Und ich wollte nicht schreiben: "Es ist in Wahrheit alles noch viel schlimmer." Ich wollte kein Lob von der falschen Seite und von der richtigen Seite eigentlich auch nicht. (…) Denn kaum sagt einer heute "Debattenbeitrag", kommen sie alle angeschlurft, die Erklärer, die Einordner, die Betroffenheitsdarsteller, und jeder hat noch schnell etwas beizutragen zur großen Frage des Mannes, als handle es sich beim Mann um ein reformbedürftiges Rentenkonzept (obwohl – irgendwie ja schon auch). Oder aber, und das stimmt ja eher, um einen Problemfall, eine Fallstudie, einen Tatverdächtigen, eine pädagogische Baustelle.


Einfach mal auf einen Artikel verzichten, wenn einem nichts anderes einfällt, als Ressentiments abzuspulen, ist ausgeschlossen? Nein, wird beim Weiterlesen schnell klar, das sexistische Ressentiment ist der taz wertvoll wie nichts anderes: "Vielleicht würde es schon helfen, wenn der Mann weiß, dass es in seiner Seele dunkle Orte gibt, wo Eitelkeit, Wut, Rassismus, Frauenverachtung und Aggression zu Hause sind."

Es verwundert schon ein wenig, dass eine Redaktion, die als feministische Combo der Auffassung nahestehen müsste, Frauen und Männer gleich zu behandeln, dabei seit Jahrzehnten derart kläglich versagt. Man scheint gar nicht auf die Idee zu kommen, sich zu fragen, ob man auf dieselbe Weise über Frauen schreiben würde, wenn nicht, wie man das stattdessen tut, und warum man das nicht einfach auf Männer überträgt. Stattdessen suhlt man sich in seiner eigenen Überforderung.

Ein letzter Artikel der "Männer-taz" dreht sich um den Grünen-Chef Felix Banaszak, der ein "Politikangebot nur für Jungs und Männer" erwägt. In welche Richtung das wohl gehen wird? Der Artikel nennt Hinweise: Banaszak wolle den Männern nicht klarmachen, dass sie das Problem seien, denn "dann machen sie zu". Der Fall Fernandes gegen Ulmen habe ihn aber "strenger werden" lassen: "Nicht gegen den mutmaßlichen Täter und andere Sexisten, sondern gegen Männer und sich selbst. (…) Als die Welt ihn wenig später in einem Interview fragt, ob sich alle Männer schämen sollten, sagt er in vielen Worten nicht Nein."

Auch hier also derselbe geniale Ansatz, Männer aus dem rechten Lager für das eigene zu gewinnen. Wer geißelt sich nicht gerne selbst für Deepfake-Vorwürfe, mit denen er gar nichts zu tun hat? Das merkt sogar die taz: "Ob man Maximilian Krah aussticht, wenn bei verunsicherten 18-Jährigen ankommt: Schämt euch, dann klappt’s auch mit der Freundin?"

Vor diesem Hintergrund betrachten vereinzelte Grüne inzwischen sogar ihr eigenes Männermanifest von 2010 kritisch: "Sinngemäß stand da auch drin, dass Männer Schuld an allen Krisen der Welt seien. Aber wenn wir von Männern fordern, dauernd in Sack und Asche zu gehen, verschließt das Türen." Und man hat nur 16 Jahre gebraucht, um zu merken, dass die Beschimpfüng möglicher Wähler keine Erfolgsstrategie ist.



2. "Wie bekommen wir mehr Männer dazu, sich dem Widerstand gegen Trump anzuschließen?" fragt zeitgleich die ebenso feministisch geprägte britische Tageszeitung Guardian. "Meine Aktivistengruppe besteht zu etwa 80 % aus Frauen", berichtet Saul Austerlitz in diesem Artikel. "Wo sind all die Männer geblieben – und wie gewinnen wir sie zurück?" Ein Auszug aus dem Artikel:

Jeder neue Mann, der in diesen Räumen auftaucht, ist ein Grund zur Freude. Meine Mitorganisatorinnen und ich haben sogar ein spezielles Emoji, das wir ausschließlich verwenden, wenn ein neuer Mann unserer Gruppe beitritt. Damit sind wir wieder an jenem Punkt angekommen, an dem sich Organisatoren wie ich regelmäßig wiederfinden: an der Schnittstelle zwischen dem, was sein sollte, und dem, was tatsächlich ist. Sollten Männer persönliche Einladungen brauchen, um sich am Aufbau einer besseren Welt zu beteiligen? Natürlich nicht. Aber müssen Männer eingeladen werden? Die Antwort scheint leider ja zu lauten.

Die Frauen, die diese Arbeit überall, wo ich hinkomme, anführen, sind in ihrem Mut, ihrer Energie und ihrer Entschlossenheit heldenhaft. Aber ich glaube fest an den Ansatz eines breiten Bündnisses für politischen Wandel, und dass 50 Prozent der Bevölkerung in diesem Kampf eine Rolle spielen, ist entscheidend, um in einem Moment beispielloser Gefahr eine demokratische Mehrheit zu schaffen. Wir brauchen jetzt jeden Einzelnen, und Männer fallen durch ihre Abwesenheit auf. (Gleich danach: Menschen in ihren Zwanzigern.)

Meine unwissenschaftliche Schlussfolgerung lautet, dass die Männer, die sich bereits entfernt haben – aus welchen Gründen auch immer –, wahrscheinlich nicht zurückkehren werden. Stattdessen wäre jetzt ein idealer Zeitpunkt, den Männern in unserem Umfeld eine Einladung auszusprechen, die am Rand stehen, fruchtlos ihren Fernseher oder ihren Social-Media-Feed anschreien und noch nicht wissen, wie viel Gutes sie bewirken könnten – oder wie viel besser sie sich fühlen würden –, wenn sie aktiv würden.

Meine Mitorganisatorinnen – sechs Frauen – und ich haben kürzlich darüber nachgedacht, was wir tun könnten, um Männer aus ihrem Sumpf aus Hoffnungslosigkeit und Erstarrung herauszuholen. Nach dem Prinzip, dass man immer eine beschäftigte Person fragen sollte, wenn man etwas erledigt haben will, sprechen wir gezielt Väter schulpflichtiger Kinder an, um sie tiefer in unsere Arbeit einzubinden. Ich wurde Aktivist, weil ich es nicht ertragen konnte, meine Kinder dem Zusammenbruch der amerikanischen Demokratie zu überlassen. Und auch wenn nicht jeder Vater für uns infrage kommt – ich glaube nicht, dass wir JD Vance überzeugen werden –, sprechen wir zumindest dieselbe Sprache. Die Zukunft ist der Ort, an dem unsere Kinder leben werden.

Vielleicht ist die Zeit gekommen, dass Männer wie ich Räume organisieren, in denen Männer einen vorsichtigen ersten Schritt in Richtung jener gemeinschaftlichen und organisatorischen Arbeit machen können, die das Lebenselixier eines Landes unter enormem Druck ist.

Vergangenen Sonntag habe ich etwa ein halbes Dutzend Männer in meine Wohnung eingeladen, um Pizza zu essen, Bier zu trinken und über unsere Erfahrungen zu sprechen. Einige von ihnen leisten diese Arbeit bereits seit Jahren; für andere waren Pizza und Bier ihr erster Schritt nach vorn. Wir beendeten unser Treffen mit einer konkreten Bitte: Kontaktiert noch heute Abend drei Männer, von denen ihr wisst, dass sie über den Zustand des Landes frustriert sind, und bittet sie, sich der nächsten Aktivistenaktion anzuschließen, an der ihr teilnehmen wollt. Wenn wir die Kräfte des Autoritarismus besiegen wollen, müssen wir es mühsam tun – Mensch für Mensch. Verschickt diese Einladungen.




Selbstkritische Überlegungen, was das linke Lager getan haben könnte, um Männer dauerhaft zu verprellen, gibt es hier genausowenig wie in der taz. Man geht länderübergreifend davon aus, dass man gegen Menschen gleichzeitig als angebliche Plage der Gesellschaft hetzen und sie für eigene Interessen nutzen könnte. Es ist unerklärlich: Man gibt Leuten ständig eins in die Fresse, und danach helfen sie einem immer noch nicht.



3. Der Deutschlandfunk erklärt in einem Podcast von fast 25 Minuten, welche Folgen es hat, wenn der Vater fehlt.



4. Christian Ulmen konnte sich vor dem LG Hamburg gegen die Berichterstattung des SPIEGEL nicht durchsetzen. Offenbar kamen dabei aber entscheidende Aspekte gar nicht erst zur Sprache:

Zu den Voraussetzungen zulässiger Verdachtsberichterstattung gehört auch eine ausgewogene Darstellung. Auf die Frage, ob der Spiegel "ausgewogen" berichtete, obwohl er seine Leser nicht darüber in Kenntnis setzte, dass unklar ist, ob Ulmen auch Deepfake-Videos verschickt hat, geht das LG nicht ein. Nicht behandelt wird auch, ob der Bericht als entlastenden Umstand hätte erwähnen müssen, dass Fernandes Ulmen gerade nicht vorwirft, selbst Deepfake-Videos verbreitet zu haben. Die Schilderung des Geständnisses von Ulmen im Spiegel kann aber so gelesen werden, als habe er ihr auch die Versendung von Deepfake-Videos gestanden.

(…) Zur Begründung führt das LG an, dass der Spiegel gerade nicht den Vorwurf aufstelle, Ulmen habe Deepfakes auch hergestellt. Dies werde durch Formulierungen deutlich wie "Man muss das wohl so verstehen, dass er solche Videos aber nicht selbst erstellt habe" oder durch eine Passage, wo es heißt, dass Fernandes "zumindest" was das Verschicken von Deepfakes angeht, Christian Ulmen als Täter sehe. Auf die Bedeutung des Wortes "zumindest" geht das LG nicht ein. Dabei könnte dies hier auch so gedeutet werden, dass Ulmen im Verdacht steht, gerade mehr getan zu haben als nur Deepfakes zu "verschicken", nämlich auch für das kurz zuvor erwähnte "Erstellen" mitverantwortlich zu sein.

(…) Ulmen scheiterte auch mit der begehrten Untersagung der Wiedergabe teilweiser wörtlicher Zitate aus der E-Mail-Korrespondenz zwischen ihm und seinem Strafverteidiger. (…) Das LG geht in seiner Begründung nicht darauf ein, dass es sich vorliegend um eine Konstellation handelt, in der eine Person sich hilfesuchend an einen einen Rechtsanwalt wendet und ob dieser Umstand vor dem besonderen Hintergrund des Schutzes der Vertraulichkeit anwaltlicher Kommunikation in der Rechtsordnung in der Abwägung eine Rolle spielen muss.

Ulmens Rechtsanwälte haben bereits angekündigt, gegen die Entscheidung sofortige Beschwerde einzureichen. Das OLG Hamburg wird sich also zeitnah mit dem Fall beschäftigen müssen.


Das ist nur folgerichtig, wenn das LG die besonders strittigen Aspekte schlicht ignoriert hat.



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Freitag, Mai 08, 2026

"Der verschwindende männliche Student"

1. Im Akademiker-Magazin Minding the Campus beschäftigt sich die Sozialpsychologin Rebekah Wanic mit den Schäden, die das Pathologisieren von Männlichkeit anrichtet:

Viele haben über den rasanten Vertrauens- und Ansehensverlust von Hochschulen diskutiert. Die meisten kommen zu dem Schluss, dass es sich um ein selbst verursachtes Problem handelt. Das stimmt: exorbitante Kosten, Aktivismus, Einschränkung der Meinungsfreiheit und Diskriminierung bei Zulassungen. All das sind Probleme, die aus dem Inneren der Institutionen entstanden sind. Dazu gehört auch die Leitideologie, die Männlichkeit als toxisch betrachtet.

Wie Helen Andrews angemerkt hat, fallen die schädlichen Auswirkungen der woken Weltanschauung mit der zunehmenden Präsenz von Frauen in institutionellen Führungspositionen zusammen. Universitäten waren einst Fabriken des Fortschritts – nicht zu verwechseln mit "progressiv" –, geführt von innovativen Risikobereiten. Heute funktionieren sie eher wie Umerziehungslager, die jeden Anflug von Männlichkeit ausmerzen sollen, indem sie ihn als toxisch brandmarken. Die Feminisierung der Hochschulbildung ist eine ideologische Machtübernahme, die den Eigenschaften des "Alpha-Mannes" den Krieg erklärt hat und dabei intellektuelle Neugier und Exzellenz im Säurebad der Cancel Culture auflöst.

Schauen wir auf die Zahlen, denn sie lügen nicht – selbst wenn Verwaltungsangestellte es tun.

Frauen dominieren inzwischen die Hochschulzulassungen, Graduiertenprogramme und ganze Fachbereiche wie Psychologie, Pädagogik und Geisteswissenschaften. Aktuelle Berichte zeigen zudem, dass auch der Frauenanteil in Hochschulleitungen kontinuierlich gestiegen ist. Gleichzeitig ist der Anteil der Männer auf dem Campus drastisch gesunken. Männer machen heute nur noch etwa 41 bis 44 Prozent der US-Studierenden aus, gegenüber einer gleichmäßigen Verteilung in den 1970er Jahren. Immer weniger Männer schreiben sich an Hochschulen ein, und jene, die es tun, brechen ihr Studium häufiger ab. Diese Entwicklung wird meist gefeiert, und jeder Bereich, in dem Frauen weniger als 50 Prozent ausmachen, gilt oft als Problem, das gelöst werden müsse. "Warum gibt es nicht mehr Universitätspräsidentinnen?", klagen Aktivisten. Stattdessen sollten wir fragen, was mit den fehlenden Männern geschehen ist.

Männer wenden sich anderen Räumen zu, weil sie im Hochschulbereich ständig unter Beschuss stehen. Jedes Semester sitzen männliche Studenten in meinem Büro und berichten frustriert davon, wie Professoren zulassen, dass Kommilitonen sie offen stereotypisieren und herabwürdigen. Sie fühlen sich unwohl, doch die meisten widersprechen dieser Diskriminierung nicht, weil sie riskieren würden, eine Untersuchung nach [dem Gleichstellungsgesetz] Title IX auszulösen. Einer Professorin oder Kommilitonin zu widersprechen birgt die Gefahr, Gefühle zu verletzen und Ziel einer Beschwerde zu werden. Wenn sich eine Frau unwohl fühlt, folgt die Inquisition. Passiert dasselbe einem Mann? Die gefühlsorientierte, anti-männliche Brigade zuckt mit den Schultern: Er wird es wohl verdient haben.

Ironischerweise halten gerade jene Männer dieses Umfeld aus, die Eigenschaften besitzen, die moderne Feministinnen verteufeln: die Fähigkeit, Meinungsverschiedenheiten auszuhalten. Männer tolerieren politische Gegner stärker als Frauen sogar Verbündete tolerieren. Man sollte sich überlegen, was das über die Inklusivität weiblich dominierter Räume aussagt.

Die männlichen Eigenschaften, die derzeit angegriffen werden, sind keine Fehler oder toxischen Merkmale, die in der "Manosphere" kultiviert wurden. Es sind wichtige Bestandteile von Männlichkeit, die Innovation und Erfolg antreiben. Risikobereitschaft, zielgerichtete Hingabe, körperlicher Mut und die Bereitschaft, Spott, Scheitern und körperliche Schäden auszuhalten – all das hat die moderne Welt aufgebaut.

Fortschritt entstand nicht durch "Safe Spaces". Er wurde in testosteronreichen Umfeldern geschmiedet, in denen Scheitern erwartet wurde, Konkurrenz brutal war und Ruhm den Mutigen zufiel. Derselbe Antrieb, der Männer in Gefängnissen und auf Schlachtfeldern überrepräsentiert sein lässt, sorgt auch dafür, dass sie bei Patenten, Start-ups und Nobelpreisen überrepräsentiert sind.

Und dennoch haben Universitäten die vergangenen Jahrzehnte mit einer grotesken Schatzsuche nach "vergessenen Frauen" der Geschichte verbracht. Ganze Lehrpläne wurden umgeschrieben, um obskure Figuren gewaltsam in den Kanon einzufügen oder zu behaupten, erfolgreiche Männer seien in Wirklichkeit Frauen gewesen. Währenddessen werden die Männer, die tatsächlich Fortschritt bewirkten, ausradiert oder zu Schurken reduziert. Uns wird gesagt, wir sollten so tun, als seien einige übersehene Erfinderinnen oder Wissenschaftlerinnen der geheime Motor des Fortschritts gewesen.

Auch wenn Frauen in der Geschichte womöglich nicht die Anerkennung erhalten haben, die ihnen zustand, hilft es niemandem, die Geschichte umzuschreiben und dabei die erstaunlichen Innovationen großer Männer zu ignorieren. Die Realität ist, dass die Geschichte bedeutender Entdeckungen und Innovationen überwiegend männlich geprägt ist. Frühere Diskriminierung zu korrigieren und Mädchen Chancen zu eröffnen ist gut, doch Selbstselektion bedeutet, dass Jungen vermutlich auch künftig einen Großteil der Innovatoren stellen werden – wie schon in der Vergangenheit.

Es gibt keinen sicheren Raum für Männlichkeit im modernen Bildungssystem. Manche argumentieren sogar, dass dies mit ein Grund dafür sei, dass Männer sich religiösen Organisationen zuwenden, wo sie zumindest derzeit noch stolz auf ihr Erbe sein können. In der akademischen Welt dagegen wird eine Generation potenzieller Alphas durch die Indoktrinationsmaschine gedreht und in Betas mit bunten Socken verwandelt, die es nicht wagen, einer Frau die Tür aufzuhalten, aus Angst, als Chauvinisten abgestempelt zu werden.

Das Feminisierungsexperiment ist gescheitert. Statt Geborgenheit hat es eine toxische Kultur der Auslöschung und Stagnation hervorgebracht und Männer vertrieben. Es wird Zeit, den Antrieb und das Unbehagen, die die moderne Welt aufgebaut haben, nicht länger zu pathologisieren, sondern wieder zu belohnen, damit junge Männer zurückkehren und unterstützt werden können – jene Männer, die entscheidend daran beteiligt sein werden, unsere Zukunft aufzubauen.




2. "Mittlerweile ist es peinlich, eine Freundin zu haben" titelt "Die Welt" heute Morgen über einem Artikel zum Thema "Herrischer Feminismus". Der Artikel nimmt Bezug auf den Roman "Fuckgirl", dessen Heldin mit Männern schlafen darf, während das ihrem Mann natürlich verboten ist. Früher galt so was als BDSM-Beziehung, heute wird es Frauen, ideologisch angereichert, als "Utopie" verkauft:

Autorin Jankovska zeichnet die Gedankenwelt einer selbstbewussten Frau nach, die Männer für ihr Lebensglück nicht mehr benötigt. Es ist damit ein getreues Abbild der gegenwärtigen Revolte von jungen Frauen in den sozialen Medien, die dem Mann eine lange Mängelliste in die Hand drücken. Jankovska nennt ihren Roman deshalb eine "Utopie". Wenn ein kaltherziger Rachefeldzug eine Utopie ist, die Liebe auf Augenhöhe verunmöglicht, bitteschön. Aber Fuckgirl ist sicher: "Gleichberechtigung bedeutet, dass zunächst das Minus, das Defizit, in dem Frauen aufwachsen und sozialisiert werden, in einer heterosexuellen Beziehung ausgeglichen wird, bevor wieder Anforderungen an uns gestellt werden."

Deshalb sollen die Männer ihr die Füße küssen, den Rücken massieren, Tee ans Bett bringen und auf dem Schirm haben, wann sie menstruiert. Die Liste ist noch viel länger. Fuckgirl beklagt das unsolidarische Verhalten vieler Frauen, sich zu lange mit dem "baren Minimum" zufriedengegeben zu haben. Dabei könnten sie doch auch wie eine Prinzessin behandelt werden: „Mehr noch als reiche Männer brauchen wir großzügige Männer“, sagt Fuckgirl.

Wir sind da auf Seite 83 und immer noch ist unklar, was Fuckgirl eigentlich bieten kann – außer Larmoyanz und Anspruchsdenken natürlich, das liefert sie en masse. Fuckgirl hat einen Gottkomplex. Unbeugsam und allwissend kommt sie daher. Aber um Frauen mögen zu lernen, sie eben nicht nur zu lieben, muss das wohl auch gelesen werden.


Wenigstens wissen wir jetzt, worauf Feministinnen in der Endstufe hin wollen, um unsere Gesellschaft endlich als gleichberechtigt anzuerkennen. Genderama hat in den letzten Wochen über mehr als genug Journalisten berichtet, die sofort dabei wären, wenn ihnen dadurch ihre Erbsünde, ein Mann zu sein, vergeben wird.



3. Österreichs Standard berichtet über Männer, die darüber sprechen, wie sehr sie unter ihrer Beschneidung leiden, und versuchen, ihre Vorhaut zurückzubekommen. Für den Standard ist das ein "Lifestyle-Trend einer Subkultur", also offenbar so etwas wie das Tragen punkiger Lederjacken. Wodurch wird diese Modewelle denn ausgelöst?

[Betroffene] berichten von verminderter Sensibilität beim Geschlechtsverkehr und damit einhergehend geringerem Lustempfinden. Manche leiden unter ihren Narben, andere treibt der Wunsch nach einem "intakten" Körperbild an. Gefühle von Unvollständigkeit und sexueller Frustration zählen zu den häufigsten Motiven.

(…) Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Beschneidungen erfolgen häufig im Säuglingsalter – ohne Einwilligung. Einige Männer interpretieren das im Nachhinein als Eingriff in ihre körperliche Selbstbestimmung. Die Wiederherstellung der Vorhaut wird für sie zu einem Akt der Selbstermächtigung – und zur Rückgewinnung von Kontrolle über den eigenen Körper. (…) Diese Dynamik folgt bekannten Mustern digitaler Subkulturen: Ein Thema wird algorithmisch verstärkt, Erfahrungsberichte führen zu Nachahmung, aus Einzelnen wird eine Community. Man kennt das aus der Manosphere nur zu gut. (…) Kritiker sehen darin die Gefahr einer Fixierung, bei der körperliche Optimierung als Lösung für tieferliegende Unsicherheiten erscheint.


Irgendwie bezweifle ich, dass man über Frauen ähnlich schreiben würde, die versuchen, mit ihrer Genitalverstümmelung zurecht zu kommen.



4. Die Zeitschrift "Eltern" weist darauf hin, wie sehr Frauen heute noch unterdrückt werden: "Alle haben Hobbys, nur die Mama, die hat keine!" Das sei der sogenannte Gender-Leisure-Gap. Er beruht immerhin auf ermittelbaren Zahlen: "Frauen ab 18 Jahren arbeiteten 2022 im Schnitt fast 46 Stunden pro Woche. Bei Männern waren es 44,5 Stunden." Für diese anderthalb Stunden pro Woche wäre in einer Partnerschaft ein Ausgleich angemessen. Aber wiegt diese Zeitspanne derart schwer, dass Frauen "Raum für eigene Interessen, Freundschaften oder einfach mal Nichtstun" fehlt, was ihrer Gesundheit schade?



5. Unter der Überschrift "Im Patriarchat geht es immer um die Nutzbarmachung anderer" hat die Süddeutsche Zeitung die feministische Medientheoretikerin Sarah Sharma aus Toronto interviewt. Das Gespräch führt zu folgendem Fazit:

Süddeutsche Zeitung: Als Alternative zum Big-Tech-Feminismus schlagen Sie eine "feministische Techno-Logik" vor – was beinhaltet die?

Sarah Sharma: Ich bin nicht Jordan Peterson, ich habe keine zwölf Regeln für ein vermeintlich besseres Leben. Deshalb ist mein Buch auch eher eine Art Freiraum, um die Idee einer feministischen Techno-Logik überhaupt erst einzuführen. Zunächst müssen wir klarstellen: Das hier sind patriarchale Technologien – geprägt von Nutzbarmachung im Haushalt, am Arbeitsplatz, in der normativen Familie, in heterosexuellen Austauschökonomien. Eine feministische Techno-Logik würde genau diese Mechanismen aufbrechen. Sie würde die Verknüpfung von Nutzbarkeit von der Art und Weise lösen, wie wir uns durch Raum bewegen, Zeit erleben, arbeiten und Beziehungen gestalten.

Süddeutsche Zeitung: Sie schreiben, wir Nutzer sollten selbst zu einer "defekten Maschine" werden.

Sarah Sharma: Wir müssen uns fragen, wie wir weniger kompatibel mit dieser patriarchalen Technologie sein und trotzdem in ihr leben können. Denn wir können ja nicht so tun, als stünden wir außerhalb. Die Frage ist also: Wie lässt sich diese Teilhabe so gestalten, dass wir mit dem System nicht reibungslos funktionieren? Es geht darum, die enge Verflechtung von Technologie und Geschlecht ernst zu nehmen. Daraus ergibt sich eine feministische Strategie der Inkompatibilität – die Idee, sich selbst als unvereinbar mit der maschinellen Logik des Patriarchats zu begreifen. Es wäre natürlich angenehm zu sagen: "Befolge diese fünf Regeln und du kannst außerhalb des Systems leben." Aber so funktioniert es nicht. Und dennoch liegt darin auch etwas Hoffnungsvolles. Dieses feministische Denken verlangt eine gewisse List im Umgang mit der Welt – und genau darin kann auch eine Form von Freude liegen. Vielleicht ist Verweigerung sogar interessanter als bloßer Widerstand.


Und da gibt es Leute, die meinen, der Feminismus hätte nichts Konstruktives mehr zu bieten.



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Donnerstag, Mai 07, 2026

taz fordert "Poller gegen Männer"

1. Ein Artikel von Gereon Asmuth in der "taz" zur Amokfahrt in Leipzig beginnt so:

Da haben wir aber noch mal Glück gehabt. Denn man stelle sich vor, der Amokfahrer von Leipzig hätte auch nur eine Spur von Migrationshintergrund. Oder präziser formuliert: eine Fluchtgeschichte aus einer irgendwie islamisch geprägten Region der Welt. Dann hätte Deutschland wieder eine Asyldebatte am Hals, die vor Rassismus nur so strotzen würde. Ganz nach dem Motto: Alles muss raus, was irgendwo anders verwurzelt ist als im urdeutschen Sumpf. Dann würden die üblichen Verdächtigen (Innenminister und so) wieder irgendwelche Gesetze schneller schärfen, als das jeder Messerschleifer könnte.


Nun könnte man sich denken: Ein Journalist, der die Strukturen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit so gut durchschaut wie Gereon Asmuth, der ist bestimmt immun dagegen. Der handelt bestimmt nicht selbst nach dem Motto: Alles muss raus aus mir, was in meinem eigenen Sumpf verwurzelt ist und was vor Sexismus so strotzt, damit irgendwelche Gesetze schnell geschärft werden können.

Falsch gedacht: Gereon Asmuth beschreibt sich selbst, nur bei ihm sind es Männer, die seine Einstellung zum Ausbruch bringen. Viele rhetorische Versatzstücke sind da, die einen Rassisten ausmachen würden, wenn sie gegen Menschen einer bestimmten Hautfarbe gerichtet wären statt gegen Menschen eines bestimmten Geschlechts: "Männer sind das Problem", sie litten unter einer "Psychose", der Begriff "toxische Männlichkeit" sei zu schwach, "tödliche Männlichkeit" sei besser und nach dem Muster Ich-kann-kein-Rassist-sein-mein-bester-Freund-ist-Ausländer heißt es zuletzt beschwichtigend, dass ja "nicht alle" so wären. Aber eine "gesamtgesellschaftliche Reflexion" sei natürlich dringend notwendig.

Scrollt man weiter, findet man von Gereon Asmuth einen weiteren Artikel mit der Schlagzeile "Die Verbrecher sind alle Männer". Mehr habe ich zu ihm nicht recherchiert, es war mir zu abstoßend und gruselig. Man findet bei der "taz" aber auch einen Artikel, der nicht von Gereon Asmuth stammt: "Taxifahrer und Geflüchteter überwältigen wohl Fahrer". Auf einen männlichen Täter kamen also mal wieder zwei männliche Helden. Nein, es sind mehr als zwei, denn aus diesem Artikel erfährt man: "Mehrere junge Männer hätten das Fahrzeug umstellt und eine Flucht des Täters verhindert."

Bemerkenswert, dass die "taz" hier keine "gesamtgesellschaftliche Reflexion" fordert. Die will man nur, wenn man die Leserschaft damit gegen andere Menschen aufhetzen kann – so wie ein strammer Rassist Zuwanderer auch nur als Bedrohung sieht und nicht ebenso als Gewinn.

Zumindest einige Leser zeigen in den Kommentaren unter Gereon Asmuths Artikel, dass sie durch dieses ständige Aufstacheln nicht blind vor Hass geworden sind. Einige kurze und treffende Beispiele:

Der Täter war zumindest derart selbstreflektiert, dass er sich aufgrund seiner psychischen Probleme selbst in eine Psychiatrie eingewiesen hatte. Dass die Ernsthaftigkeit seiner Erkrankung nicht erkannt wurde, scheint mir das eigentliche Problem zu sein. Typisch-Frau-Debatten haben sich übrigens als ebensowenig zielführend erwiesen als die hier losgetretene Typisch-Mann-Debatte und wird dem Leid der Opfer des Amoklaufs nicht gerecht.


Wenn migrantische Männer Attentate begehen, dann verweist die taz zurecht auf deren hohe psychische Belastung durch Traumata in ihrem Heimatland, während der Flucht und in Deutschland. Wenn das gleiche durch mutmaßlich biodeutsche Tätet geschieht, wird lieber die (...) "toxische Männlichkeit"-Karte gezückt. Nicht wirklich konsistent in der Argumentation.


Wer hier die Tat eines offenbar psychotisch beeinflussten Mannes zum Anlass nimmt, auf Männer per se zu schließen, hat den einen oder anderen Zusammenhang nicht wirklich verstanden. Wenn dann hier noch die Rede davon ist, das "Jede ungeschützte Fußgängerzone (…) eine Einladung zu Mord" sei, sollte der Autor mal überlegen, ob der nicht in der Yellow Press besser aufgehoben ist.


Ich denke, der Autor ist bei der "taz" bestens aufgehoben. Dass man "taz" und Boulevardschund nicht mehr auseinanderhalten kann, ist das eigentliche Problem.



2. Natürlich gibt es ein allgemeines gesellschaftliches Klima, das solche Artikel möglich macht: "Männer sind schlecht für den Planeten" will eine Gruppe von Wissenschaftlern herausgefunden haben. Wie man diese Schädlinge am besten bekämpfen und ausrotten kann, erfährt man nicht.



3. Die New York Times wird von der US-Behörde Equal Employment Opportunity Commission wegen Männerdiskriminierung verklagt. Die Behörde wirft der Zeitung vor, einen weißen männlichen Mitarbeiter bei einer Beförderung diskriminiert zu haben, um interne Diversitätsziele zu erfüllen. Im Zentrum steht eine Stelle als stellvertretender Redakteur im Immobilienressort. Der Gleichstellungsbehörde zufolge sei ein erfahrener interner Kandidat übergangen worden, obwohl er besser qualifiziert gewesen sei als die schließlich ausgewählte nicht-weiße Frau. Die Behörde argumentiert, die Entscheidung habe gegen den Civil Rights Act von 1964 verstoßen, der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Hautfarbe verbietet.

Die Gleichstellungsbehörde hat sich so zu diesem Fall geäußert:

"Niemand steht über dem Gesetz – auch keine ‚Elite‘-Einrichtungen. Es gibt keine sogenannte ‚umgekehrte Diskriminierung‘; jede Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe oder des Geschlechts ist nach den seit langem etablierten Grundsätzen der Bürgerrechte gleichermaßen rechtswidrig. Die EEOC ist bereit, Diskriminierung überall dort auszumerzen, wo sie auftritt. Unabhängig von der Größe oder Macht des Arbeitgebers wird die EEOC unter meiner Führung keine Kompromisse eingehen, um eine unparteiische, farbenblinde Durchsetzung von Titel VII zum Schutz der amerikanischen Arbeitnehmer, einschließlich weißer Männer, sicherzustellen", sagte EEOC-Vorsitzende Andrea Lucas. "Das Bundesgesetz ist eindeutig: Einstellungs- oder Beförderungsentscheidungen, die ganz oder teilweise durch Hautfarbe oder Geschlecht motiviert sind, verstoßen gegen das Bundesgesetz. Es gibt keine Ausnahme von dieser Regel aufgrund von Diversität."


In einem weiteren Artikel über diesen Fall heißt es ergänzend:

Nach einer mehrmonatigen Untersuchung hatte die EEOC zunächst versucht, eine aussergerichtliche Einigung mit der Zeitung zu erzielen. Diese Gespräche – sogenannte "conciliation"-Verfahren – scheiterten jedoch. Daraufhin wurde die Klage in Manhattan eingereicht. Die Behörde fordert unter anderem finanzielle Entschädigung für den betroffenen Mitarbeiter, einschliesslich entgangener Gehälter, sowie mögliche Strafzahlungen. Zudem soll das Gericht der Zeitung untersagen, künftig Personalentscheidungen zu treffen, die auf Grundlage von Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit diskriminierend sein könnten.




4. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Großbank JP Morgan Chase wirft einer Managerin dort sexuellen Missbrauch und Nötigung vor. Die Managerin soll den verheirateten Mitarbeiter über Monate hinweg zu sexuellen Handlungen gedrängt und dabei berufliche Konsequenzen angedroht haben. Der Kläger behauptet außerdem, sie habe ihn mehrfach unter Drogen gesetzt ("roofies") und ihn mit rassistischen Bemerkungen über seine indische Herkunft erniedrigt. Dies habe seine Karriere und seinen Aufenthaltsstatus bedroht und schließlich psychische Schäden ausgelöst. Vor der öffentlichen Klage soll die Bank versucht haben, den Fall mit einer Zahlung von einer Million Dollar beizulegen.

Eigentlich müsste irgendwann mal jemand wie Dieter Nuhr daherkommen, auf solche Fälle hinweisen und Carolin Kebekus parodieren, indem er "Nicht alle Frauen, aber immer eine Frau" ins Mikro plärrt.



5. Singapur hat an den Schulen die körperliche Züchtigung mit dem Rohrstock wieder eingeführt, natürlich nur gegen Jungen (Patriarchat).



6. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir heute:

Beim Leserbeitrag zum Spiegel-Artikel, nach dem besonders Frauen von Bürgerkriegen betroffen sind sollen, musste ich an diese Studie denken. Männer werden nicht als Opfer gesehen, obwohl sie den Großteil der zivilen Todesopfer ausmachen (in Syrien etwas 90%).




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Mittwoch, Mai 06, 2026

SPD warnt: "Aufbau einer Anti-Gender-Weltordnung" droht uns allen

1. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung warnt vor einer großen Weltverschwörung gegen Gender.

Wie gut, dass man sachlich bleibt, statt sich in eine Hysterie hineinzusteigern. Apropos …



2. Kristina Lunz glaubt: " Die Hexenverfolgungen von damals sind die digitalen Hetzjagden gegen Frauen von heute." Denn: "Dass soziale Medien zunehmend zum Scheiterhaufen insbesondere für Frauen werden, ist längst keine zugespitzte Metapher mehr."



3. Alan Posener setzt sich in der "Welt" für die benachteiligten Jungen ein. Inhaltlich nichts Neues oder Zitierenswertes, aber schön, dass er's tut.



4. Tamara Wernli fragt in ihrem aktuellen Video: "Warum dürfen Frauen über Männer in einer Weise sprechen, für die Männer umgekehrt gecancelt würden?"



5. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir zu einem Artikel des SPIEGEL:

Der alltägliche Sexismus: "Zeit für die Bundesregierung, legale Wege für besonders Schutzbedürftige zu schaffen: vor allem für Frauen und Kinder.“

Das Asylrecht ist ein individuelles Grundrecht.

Mehr Männer engagieren sich politisch und daher werden auch mehr Männer individuell politisch verfolgt.

Frauen werden von repressiven Regimen deutlich weniger hart für vermeintliches Fehlverhalten bestraft.

Im Iran werden im Moment jeden Tag Todesurteile gegen Protestler vom Januar vollstreckt – fast ausschließlich Männer.

"Bürgerkriege, Naturkatastrophen und Hungersnöte treffen vor allem Frauen und Kinder hart."

Unbelegt. Menschen leben in Familien.

Auch Männer verhungern, auch Männer ersaufen, auch Männer werden massakriert – oder bei Lichte: insbesondere.




6. Mehr Post. Ein Leser, dessen Mail über gewalttätige Mädchen ich vorgestern veröffentlicht hatte, schreibt mir:

Servus Herr Hoffmann,

bleiben wir vielleicht noch etwas in Österreich. Heute wurde dort der Verfassungsschutzbericht vorgestellt. Für Ihren Blog interessant daran erscheint mir der folgende Artikel – so nämlich präsentierte man im "Standard" den Bericht: "Extremismus wächst: Frauenhass, Granaten-Anschlags-Plan auf Juden und neue IS-Auslandskämpfer"

"Frauenhass" kommt in dieser Schlagzeile nicht bloß als übergreifende Herausforderung rüber, sondern als extremismusbezogenes Problem Nr. 1. So zumindest nach der Reihung (und der damit verbundenen Gewichtung). Doch gibt dies das Lagebild tatsächlich her? Gibt dies der Rest des Artikels überhaupt her?

Liest man weiter, hätte man sinniger den (zumindest von der Behörde so wahrgenommenen) starken Anstieg bei islamistischem Extremismus und Rechtsextremismus als Ausgangspunkt nehmen können:

"Die Gefährdungslage im vergangenen Jahr wurde von fünf Phänomenen geprägt, die auch 2026 relevant bleiben.

1. Islamistischer Extremismus

2. Rechtsextremismus

3. Linksextremismus

4. Spionage

5. Illegaler Waffenhandel

"Frauenhass" wird dagegen im Artikel eigentlich nur als Teilaspekt innerhalb des Rechtsextremismus-Abschnitts behandelt (linken oder islamistischen "Frauenhass" scheint es nicht zu geben – und "Männerhass" interessiert sowieso niemanden). Dort liest man:

"Und auch diese Szene sammelt sich zunehmend in Online-Subkulturen, in denen Ideale des Rassismus, Antisemitismus und einer weißen Vorherrschaft geteilt werden. Jörg Leichtfried, Staatssekretär für Staatsschutz (SPÖ), beobachtet zudem eine Verquickung der Rechtsextremen mit der sogenannten 'Incel'-Szene, die sich über Frauenhass definiert. Aber es wurden auch Verbindungen etwa zu selbsternannten 'Pedo-Huntern' deutlich."

Das ist also einerseits ein Zusatz ("zudem") – eine Szene, die hinter anderen Subkulturen zu rangieren scheint. Und andererseits ist es die Beobachtung des Staatssekretärs einer gewissen Partei, die obendrein reichlich zugespitzt und uninformiert daherkommt. Leichtfried schreinert nämlich aus einer komplexen, heterogenen Szene einen einfachen Deutungsrahmen, um nicht zu sagen ein dienliches Feindbild: der gefährliche Incel, der mit Rechtsextremen kungelt und dabei auf gleicher Ebene mit Rassisten und der White-Power-Bewegung steht. Die Forschungslage, die Sie auf Genderama immer wieder präsentiert haben, ist dagegen deutlich nuancierter. Weder ist die Incel-Szene durchgehend rechtsextrem, noch einheitlich gewaltaffin. (Von der begrifflichen Unschärfe des Terminus mal ganz zu schweigen.)

Mich stört dieses harte Verdikt genauso wie der Aufbau der Schlagzeile. Hier wird klar Stimmung gemacht und vor allem eine bestimmte moralische Nordung vorgenommen. Das kann man natürlich tun, es wirkt aber nicht sonderlich seriös oder gar souverän. Währenddessen vermag es die Konkurrenz von der "Presse" die tatsächlich zentralen Felder direkt zu benennen: "Verfassungsschutzbericht: Starker Anstieg bei islamistischem Extremismus und Rechtsextremismus"

Die "Presse" ist Mitte-rechts-orientiert und sicher alles andere als neutral und wertungsfrei. Aber zumindest kommt sie in dem Fall der Logik des Lageberichts deutlich näher und muss nicht die Rangfolge der präsentierten Bedrohungen künstlich verschieben. Sie berichtet deutlich neutraler als der "Standard", der sowas wohl nur – wie vorgestern verlinkt – bei gewaltaffinen Mädchengruppen vermag. Zum "Frauenhass"-Aspekt liefert die "Presse" ansonsten noch ein paar interessante Details:

"Bindeglied sei hier der Hass auf Frauen, dieser sei auch Treiber für politische Gewaltfantasien. Laut Mayer gibt es eine zunehmende Vermischung bei den Motiven: eine Gemengelage aus persönlicher Kränkung und Ideologie. Deshalb, so Leichtfried, werde – wie schon vom Nationalrat beschlossen – künftig die Online-Verbreitung von Frauenhass in den Verfassungsschutzbericht mitaufgenommen. Wenn sich Frauen aufgrund von Misogynie im Netz nicht mehr trauen in der Öffentlichkeit etwas zu sagen, dann sei das auch ein Problem für die Demokratie, so Leichtfried.“"

Ich bin gespannt wie solcher "Frauenhass" definiert wird und was man am Ende alles darunter bündelt. Und ob Männer sich aufgrund von Misandrie nicht mehr ins Netz trauen, scheint in Österreich freilich genauso wenig zu interessieren wie die Frage, ob es nicht auch ein "Problem für die Demokratie" und das allgemeine gesellschaftliche Leben darstellen könnte, wenn feministische Gruppen "aus persönlicher Kränkung und Ideologie" zum Männerhass aufrufen oder "Alle Männer sind Monster" skandieren.




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Dienstag, Mai 05, 2026

Deutschland: Alle 71 Minuten bringt sich ein Mann um. Wen interessiert's?

Alle 71 Minuten ein Mann. Das ist die stille, inakzeptable Arithmetik des heutigen Deutschlands.

Im Jahr 2024 verzeichnete das Statistische Bundesamt 7.414 Suizide bei Männern – weit mehr als drei Viertel aller Suizidtoten. Fast alle 71 Minuten nimmt sich hierzulande ein Mann das Leben. Die altersstandardisierte Suizidrate bei Männern liegt bei rund 19 pro 100.000 – mehr als dreimal so hoch wie bei Frauen. Suizid bleibt die häufigste Todesursache bei Männern zwischen 15 und 44 Jahren.

Das sind keine Randstatistiken. Es sind die Daten des Statistischen Bundesamtes. Dennoch entspricht keine bundespolitische Maßnahme dem Ausmaß des Problems, und unsere gesellschaftliche Debatte über Gewalt in Familie und Partnerschaft – wichtig, notwendig, dringend – tendiert dazu, Männer im schlimmsten Fall als Täter und im besten Fall als Randerscheinung zu betrachten.

Die letzten drei Absätze dieses Blogebeitrags stammen nicht von mir, zumindest nicht alleine. Ich habe den Beginn eines Artikels des australischen Rechtsanwalts und Kriminologen Tony Nikolic ins Deutsche übertragen, die australischen Zahlen durch deutsche ersetzt. Das habe ich getan, weil sich für australische Zahlen hierzulande vermutlich niemand großartig interessiert. (Gut, für deutsche auch nicht, wie man an der ausbleibenden Reaktion von Politik und Medien sieht.) Die folgenden Absätze übernehme ich aus dem Original-Artikel.

Männer stellten 80 Prozent aller Mordopfer. Und täglich sterben sieben Männer durch Suizid – in Umständen, bei denen einer der am häufigsten dokumentierten Risikofaktoren, erfasst aus Coroner-Daten von Suicide Prevention Australia, "Probleme in der Paarbeziehung" ist – vorhanden bei mehr als einem Viertel der männlichen Suizide. Wir kennen das Muster. Wir haben uns entschieden, es nicht zu benennen.

Ein Grund dafür ist, dass die verfügbare Sprache zur Diskussion dieser Thematik von einem Vokabular vereinnahmt wurde, das mehr verschleiert als erhellt. "Toxische Männlichkeit" ist ein Begriff, den viele Australier – Männer wie Frauen – nicht vollständig verstehen, den Institutionen, Lobbygruppen und Kampagnen jedoch mit zunehmender Häufigkeit verwenden. Der Ausdruck wird in den Materialien, die ihn benutzen, fast nie definiert. Er ist funktional eine Bezeichnung der Herabsetzung auf der Suche nach einer Definition.

Der ursprüngliche akademische Gebrauch, entstammt der Männerarbeit der 1980er-Jahre, war eng gefasst: ein Bündel schädlicher Verhaltensweisen – Unterdrückung von Gefühlen, Dominanzstreben, Widerwille, Hilfe zu suchen – die den Männern selbst und ihrem Umfeld schaden. In dieser engen Verwendung ist das Konzept unstrittig und deckt sich mit dem, was jeder gute Kliniker über die psychische Gesundheit von Männern sagen würde. Im zeitgenössischen öffentlichen Gebrauch hat der Begriff jedoch eine Drift erfahren. Er wird auf männliche Durchsetzungsfähigkeit, Wettbewerbsgeist, Risikobereitschaft angewendet, auf jede Eigenschaft, die mit traditionellen männlichen Rollen verbunden ist – und im schlimmsten Fall auf Männlichkeit an sich. Es ist ein Wort, das als Diagnose beginnt und als Anklage endet.

Die rhetorische Struktur ist bezeichnend. In einer Kultur, die einen Begriff wie "toxische Weiblichkeit" im allgemeinen Sprachgebrauch – zu Recht – niemals akzeptieren würde, wird ein Ausdruck, der die Hälfte der Bevölkerung pathologisiert, beiläufig in Grundsatzdokumenten, Schulungsmodulen und Pressemitteilungen von Ministern verwendet. Viele Männer hören den Begriff zu Recht so: als Botschaft, dass das Problem sie selbst sind. Nicht dieser Mann, für diese Taten, auf Grundlage dieser Beweise, vor diesem Gericht. Ein Mann. Irgendein Mann. Der Mann, der zufällig im Raum ist. Es ist das sprachliche Gegenstück zu dem verfahrenstechnischen Muster, das dieser Artikel beschreibt: nicht alle Männer, lautet die Formulierung – aber immer ein Mann.

Das Royal Australian and New Zealand College of Psychiatrists hat unter anderem davor gewarnt, dass stigmatisierende Sprache zu den bedeutendsten Hindernissen gehört, die Männer davon abhalten, psychische Unterstützung zu suchen. Männer nutzen Versorgungsangebote unterdurchschnittlich – die ABS erfasst, dass Männer weniger als vier von zehn durch Medicare finanzierten psychischen Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen, obwohl sie mehr als drei Viertel der Suizidtoten ausmachen – und sie werden nicht dadurch unterstützt, dass ihnen in vielen Kampagnen des öffentlichen Gesundheitswesens gesagt wird, ihre Männlichkeit sei das Problem. Eine Suizidpräventionsstrategie kann nicht auf einem Vokabular beruhen, das die Bevölkerungsgruppe beschämt, die sie zu retten sucht. All dies leugnet nicht, dass männliche Gewalt existiert oder dass sie benannt werden muss, wo sie auftritt. Es geht darum zu betonen, dass die öffentliche Politik zwischen dem Verhalten einzelner Männer und dem Charakter von Männern als Gruppe unterscheiden muss.


Nikolic berichtet aus Fällen seiner anwaltlichen Praxis, die dabei helfen zu erklären, warum Männer derart gequält sind, dass sie so viel öfter ihrem Leben ein Ende machen als Frauen:

Eine Apprehended Domestic Violence Order (ADVO) in New South Wales ist dazu bestimmt, Schutzbedürftige zu schützen, und tut dies in der großen Mehrheit der Fälle auch. In einer Minderheit von Fällen jedoch wird eine einstweilige ADVO genutzt, um in nachfolgenden familienrechtlichen Verfahren einen prozessualen Vorteil zu erlangen. Eine einstweilige Anordnung entfernt einen Elternteil – typischerweise den Vater – aus dem Haushalt. Die Kinder verbleiben beim anderen Elternteil. Die ADVO liegt auf der Liste des Local Court. Ein Antrag auf Sorgerecht wird beim Federal Circuit and Family Court eingereicht, der – zu Recht vorsichtig – langsam darin ist, bedeutenden Umgang für einen Elternteil anzuordnen, gegen den eine ungelöste Schutzanordnung besteht. Zwölf Monate vergehen. Manchmal achtzehn.

Bis die ADVO inhaltlich entschieden wird – oft zurückgezogen, abgewiesen oder ohne Schuldeingeständnis beigelegt –, hat das Kind ein Jahr oder länger in der alleinigen Obhut eines Elternteils verbracht. Das Familiengericht sieht sich dann dem Status-quo-Problem gegenüber: Es liegt in der Regel nicht im besten Interesse eines Kindes, eine gefestigte Regelung zu erschüttern. Selbst wenn ein Gericht akzeptiert, dass der Vater keine häusliche Gewalt ausgeübt hat oder das vorgeworfene Verhalten nicht schwerwiegend war, hat die Verzögerung die Arbeit getan, die die Beweise nicht konnten. Der Prozess ist zur Strafe geworden – und obwohl nicht alle Männer, ist es fast immer ein Mann.

In einem Fall wurde ein Vater der häuslichen Gewalt beschuldigt. Nach fast acht Monaten Ermittlung wurden die Vorwürfe fallen gelassen. Fast unmittelbar danach wurden Vorwürfe des sexuellen Kindesmissbrauchs erhoben. Weitere zwölf Monate vergingen, in denen staatliche und föderale Ressourcen für Ermittlungen aufgewendet wurden – auch diese Vorwürfe wurden letztlich fallengelassen: kein Befund, keine Strafverfolgung, keine Bestätigung. Das familienrechtliche Verfahren lief die ganze Zeit. Als die Sache zur Verhandlung kam, hatten die Kinder ihren Vater zweieinhalb Jahre lang nicht gesehen. Sie waren zu der Überzeugung gelangt, er habe sie verlassen – und, wie es bei längerem Entfremdungsgeschehen oft geschieht, hatte sich das Narrativ der Vorwürfe verinnerlicht. Selbst nach eindeutiger Rehabilitierung ließ sich die Beziehung nicht einfach wiederherstellen. Die Verzögerung hatte bewirkt, was die Beweise nicht konnten – Entfremdung durch den Stellvertreter der Rechtsverfahren.

In einem anderen Fall wurde ein Mann ohne Familie in Australien durch eine einstweilige ADVO aus seiner Wohnung entfernt. Er hatte nirgendwo hinzugehen. Er schlief in seinem Auto, geparkt in Wohnstraßen und auf öffentlichen Parkplätzen; er nutzte öffentliche Toiletten zum Waschen; er aß allein in öffentlichen Parks. Das war keine Woche oder ein Monat – das war sein Leben, so lange sein Verfahren andauerte. Er ist kein Einzelfall. Unsere Kanzlei hat viele Männer in vergleichbaren Umständen unterstützt und hat seitdem – mit Unterstützung medizinischer Netzwerke, die die Bedeutung gleichwertiger psychischer Gesundheitsversorgung anerkennen – eine informelle Gruppe gebildet, um Männern in dieser Lage praktische und klinische Hilfe zu leisten. Wir würden es vorziehen, dass die staatliche Antwort nicht auf den guten Willen Einzelner ausgelagert wird. Solange das so ist, muss es dennoch so sein.

(…) Entfremdung ist Missbrauch. Gatekeeping – der bewusste, systematische Ausschluss eines Kindes von einem Elternteil ohne echte Risikobegründung – ist Missbrauch. Das sind keine strittigen Aussagen in der klinischen Literatur. Die Australian Association for Infant Mental Health, das Royal Australian and New Zealand College of Psychiatrists und jede vergleichbare Spitzenorganisation erkennt an, dass eine langanhaltende, ungerechtfertigte Unterbrechung der Beziehung eines Kindes zu einem geeigneten Elternteil messbaren Entwicklungsschaden verursacht. Ein Rechtssystem, das eine solche Unterbrechung ermöglicht – selbst unbeabsichtigt, als Nebenprodukt von Verfahrensverzögerungen – dient nicht dem Kindeswohl. Es untergräbt es.

Unsere Institutionen bleiben nur in dem Maße glaubwürdig, wie sie Männer, Frauen und Kinder als gleichberechtigte und integrale Mitglieder unserer Gesellschaft anerkennen. In dem Moment, in dem das Familienrechtssystem als geschlechtsspezifisches Instrument wahrgenommen wird statt als neutraler Schiedsrichter, verliert es das Vertrauen genau der Menschen, denen es zu dienen bestimmt ist. Ein System, das geeigneten Vätern, geeigneten Müttern und ihren Kindern vorhersehbare, prinzipientreue Ergebnisse liefert, ist das System, das allen dreien am besten dient.


Nikolic und seine Mitstreiter haben einer Reihe von Politikern einen Gesetzentwurf vorgelegt, der das möglich machen soll (und darauf nur von einem einzigen Senator eine Antwort erhalten):

Die zentrale Reform ist eine Drei-Monats-Regel für ein beschleunigtes Verfahren. Wo eine ADVO-Beantragung ein Kind betrifft, umfasst oder wesentlich berührt – auch weil sie eine Sorgerechtsentscheidung verdrängt –, muss die Sache innerhalb von drei Monaten nach dem ersten Gerichtstermin inhaltlich entschieden werden. Eine Verlängerung ist nur unter außergewöhnlichen Umständen, für den kürzest möglichen Zeitraum und mit schriftlicher Begründung zulässig. Wird eine einstweilige Anordnung über drei Monate hinaus fortgeführt, führt der Gesetzesentwurf eine Beweisschwelle ein: Das Gericht muss auf der Grundlage zulässiger Beweise von einem realen und unmittelbaren Risiko überzeugt sein; die Bedingungen der Anordnung dürfen nicht restriktiver sein als notwendig; und die Fortsetzung darf die Beziehung eines Kindes zu einem Elternteil nicht unnötigerweise unterbrechen, wenn das behauptete Risiko nicht innerhalb angemessener Zeit inhaltlich nachgewiesen werden kann. Der neue Section 25F verpflichtet das Gericht, jede bestehende bundesrechtliche Sorgerechtsentscheidung zu berücksichtigen. Die Immunität für gutgläubige Meldungen bleibt uneingeschränkt erhalten.

In der australischen Praxis bedeutet dies, dass ein Elternteil, der einstweilig eingeschränkt wird, innerhalb von drei Monaten eine inhaltliche Entscheidung auf Beweisbasis erhalten würde – nicht eine zwölf- oder achtzehntmonatige Fortführung ohne absehbare Verhandlung. Die Beziehung eines Kindes zu einem Elternteil würde nicht allein durch den Kalender verloren gehen.


Meine Stärke im Bereich Männerpolitik ist eindeutig nicht das Sorgerecht. Ich habe deswegen eine KI gefragt, inwiefern dieser Vorschlag auf Deutschland übertragbar ist. Die zentrale Antwort lautet:

Belastbare deutsche Zahlen zum Ausmaß des Problems – also wie häufig einstweilige Schutzanordnungen faktisch den Kindesumgang blockieren – sind dünn. Das ist selbst Teil des Problems: Was nicht systematisch erfasst wird, wird auch nicht politisch adressiert.

Die Prinzipien des australischen Entwurfs – Fristsetzung, Wiederherstellungsmechanismus, Eskalationsstufen bei Verstößen gegen Umgangsregelungen – wären für Deutschland diskutabel und zum Teil überfällig. Die konkreten Mechanismen müssten jedoch erheblich an das deutsche Rechtssystem angepasst werden. Und politisch fehlt in Deutschland bislang weitgehend der Wille, diese Debatte überhaupt zu führen – aus ähnlichen Gründen wie in Australien, die der Artikel beschreibt.


Vor diesem Hintergrund zitiere ich den australischen Entwurf mal ausführlicher:

Erstens ersetzt der Gesetzesentwurf das derzeitige Ermessens-Vollstreckungsregime durch eine dreistufige, gestufte Vollstreckungsstruktur. Ein erster Befund eines Verstoßes ohne vernünftige Entschuldigung löst obligatorische Konsequenzen aus: 5 Strafeinheiten, 1:1 Nachholzeit innerhalb von sechs Monaten, eine Kostenentscheidung und eine schriftliche Verwarnung. Ein zweiter Befund innerhalb von sieben Jahren: 15 Strafeinheiten, Nachholzeit innerhalb von vier Monaten, eine richterliche Verwarnung, obligatorische Überprüfung der Sorgerechtsentscheidung und Schadensersatzkosten. Ein dritter Befund: 30 Strafeinheiten, Überweisung an den Commonwealth DPP für ein neues strafbares Vergehen der schwerwiegenden Beeinträchtigung einer Sorgerechtsentscheidung (bis zu 12 Monate Gefängnis), eine Überprüfung, die eine Umkehrung der primären Obhut einschließen kann, und beaufsichtigte Zeit auf Kosten der nicht konformen Partei. Das Ermessen bleibt nur in engen, begründeten Ausnahmen erhalten, die mit dem Kindeswohl verknüpft sind.

In der australischen Praxis gibt dies einer Sorgerechtsentscheidung den Rechtscharakter, den sie derzeit nur nominell besitzt. Entscheidungen des Federal Circuit and Family Court können derzeit mit relativer Straflosigkeit ignoriert werden; Konsequenzen sind unvorhersehbar und oft geringfügig (wenn überhaupt). Nach dem Gesetzesentwurf sind die Konsequenzen den Parteien, Praktikern und dem Gericht im Voraus bekannt. Vorhersehbarkeit ist selbst ein Abschreckungsmittel. Kinder – die eigentlichen Nutznießer – würden unter Sorgerechtsentscheidungen leben, die tatsächlich das bedeuten, was sie sagen, und entsprechend durchgesetzt werden.

Zweitens schafft der Gesetzesentwurf einen Wiederherstellungsmechanismus. Wo die Zeit eines Elternteils mit einem Kind wegen nicht bestätigter Vorwürfe ausgesetzt oder verloren wurde – wo kein Gericht, keine Wohlfahrtsbehörde und keine Polizeibehörde einen Befund von Schaden oder unvertretbarem Risiko getroffen hat –, muss das Gericht wiederherstellende Elternzeit auf 1:1-Basis anordnen, die innerhalb von zwölf Monaten wahrzunehmen ist, sofern dies nicht dem Kindeswohl widerspricht. Wo die Ausnahmeregelung gilt, ist eine gleichwertige Abhilfemaßnahme obligatorisch. Der neue Section 70NAC-2 sieht vor, dass wissentlich falsche oder irreführende Anschuldigungen, aufgebauschte Anschuldigungen, die nach dem Gleichgewicht der Wahrscheinlichkeiten bewiesen werden und nachweislich eine wesentliche Ursache für eine Aussetzung der Elternzeit waren, Schadensersatzkosten und eine Überweisung an den DPP nach sich ziehen. Der gute Glaube bleibt vermutet.

In der australischen Praxis bedeutet dies, dass die zuvor beschriebenen Fälle nicht mit dem perversen Ergebnis "freigesprochen, aber immer noch bestraft" enden würden. Die einem rehabilitierten Elternteil entzogene Zeit würde wiederhergestellt. Das Gericht hätte eine ausdrückliche Pflicht, den durch die Verzögerung selbst verursachten Schaden zu beheben.

Drittens schafft der Gesetzesentwurf ein nationales Register für die Einhaltung von Sorgerechtsentscheidungen, das gerichtsbarkeitsübergreifend wirkt, vom Principal Registrar des Federal Circuit and Family Court verwaltet wird, eine Aufbewahrungsfrist von sieben Jahren hat und der Justiz, tätigen Praktikern, Parteien und dem Justizministerium auf de-identifizierter Basis zugänglich ist. Zum ersten Mal hätte ein Richter ein zuverlässiges, nationales Bild über etwaige frühere Verstoßbefunde.

Der Gesetzesentwurf ist ausdrücklich geschlechtsneutral formuliert. Section 4 verlangt, dass keine Bestimmung so ausgelegt oder angewendet wird, dass eine Partei aufgrund ihres Geschlechts bevorzugt oder benachteiligt wird. Eine Mutter, die von einem Vater von ihren Kindern ferngehalten wird, hat genau dieselbe Rechtsbehelfsgrundlage wie ein Vater in der umgekehrten Situation. Er ist mit Artikel 3 und 9(3) der UN-Kinderrechtskonvention und dem Vorrang des Kindeswohls nach Section 60CA vereinbar.


In anderen Ländern ist das machbar:

Die Vereinigten Staaten haben entschlossen gehandelt. Am 1. September 2025 verabschiedete Texas Senate Bill 2794 – das "Drei-Verstöße"-Besuchsrecht-Gesetz –, das die wiederholte vorsätzliche Beeinträchtigung gerichtlich angeordneter Elternzeit zu einem eskalierenden Straftatbestand macht, der gleichermaßen für sorge- und nicht sorgeberechtigte Elternteile gilt. Ein dritter Befund wegen Missachtung löst obligatorische Nachholzeit aus (verdoppelt), verbietet Bewährungsstrafen, verpflichtet die verstoßende Partei zur Übernahme der Anwaltskosten der anderen Partei ohne Verzicht und erlaubt dem Gericht, das Muster als wesentliche Änderung zu behandeln, die eine Änderung der primären Obhut rechtfertigt.

(…) Artikel 26 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, den Australien 1980 ratifiziert hat, garantiert Gleichheit vor dem Gesetz ohne Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Artikel 23 schützt die Familie. Artikel 9(3) der UN-Kinderrechtskonvention schützt das Recht des Kindes, das von einem Elternteil getrennt ist, regelmäßigen direkten Kontakt zu beiden Elternteilen aufrechtzuerhalten, sofern dies nicht dem Kindeswohl widerspricht. Wo unsere inländischen Verfahren auf systematische und vorhersehbare Weise durch Verzögerung statt auf Beweisbasis zur Trennung von Vater-Kind-Beziehungen führen, läuft Australien Gefahr, diesen Verpflichtungen nicht gerecht zu werden. Der UN-Menschenrechtsausschuss hat in den Allgemeinen Kommentaren 18 und 28 klargestellt, dass Gleichheit vor dem Gesetz nicht nur formaler Natur ist: Gesetze und Verfahren, die in der Praxis zum Nachteil eines Geschlechts wirken, können selbst eine Diskriminierung darstellen.

All dies leugnet nicht, was die Daten ebenfalls zeigen. Frauen sind nach wie vor unverhältnismäßig häufig Opfer tödlicher Partnerschaftsgewalt. Das stimmt. Es stimmt auch, dass mehr als drei Viertel der Mordopfer insgesamt männlich sind. Der ABS-Zensus 2021 erfasste Obdachlosigkeit bei Männern mit 55 pro 10.000 – deutlich höher als die 42 pro 10.000 bei Frauen – und 62 Prozent der Befragten in der Journeys Home-Studie der University of Melbourne nannten Familienzerfall oder -konflikte als Hauptgrund für ihre erste Obdachlosigkeitsepisode. Wenn ein Vater durch eine einstweilige Anordnung aus seiner Wohnung entfernt wird, landet er häufig auf der Couch eines Freundes, in seinem Auto oder auf der Straße. Es gibt kein vergleichbares nationales Netzwerk von Männerobdächern, Männerkrisenunterkünften oder männlichen Familienunterstützungsdiensten. Die Asymmetrie ist nicht ideologisch. Sie ist eine Finanzierungs- und Gesetzgebungsentscheidung.

(…) Frauenhäuser retten Leben. Spezialisierte Dienste für weibliche Opfer retten Leben. Das Argument lautet schlicht, dass Männergesundheit, Männer-Suizidprävention und der Zugang von Männern zu ihren Kindern nach einer Trennung nicht länger als Restanliegen behandelt werden sollten, nachrangig gegenüber einem geschlechtsspezifischen Rahmen, der nicht erklären kann, warum täglich sieben australische Männer durch eigene Hand sterben.

Die Gesetzesentwürfe sind in Text, Anwendung und Absicht geschlechtsneutral. Eine Mutter, die von einem Vater von ihren Kindern ferngehalten wird, wird vom Drei-Stufen-Regime in genau der gleichen Weise profitieren wie ein Vater in der umgekehrten Situation. Ein Vater, der wissentlich eine falsche Anschuldigung erhebt, wird denselben Konsequenzen gegenüberstehen wie eine Mutter. Diese Reformen sind keine Männerrechtsagenda. Sie sind Verfahrensgerechtigkeit, gleichmäßig angewandt, in einem Bereich, in dem die derzeitige Rechtspraxis systematisch ungerechte Ergebnisse produziert – und wo sich diese Ungerechtigkeit nun in einer Sterblichkeitsstatistik niederschlägt, die wir zählen können.


Es ist fast schon komisch, wenn ein Kriminologe Forderungen aufstellt, die teilweise noch über die von Männerrechtlern hinausgehen, um dann zu beteuern, das sei "keine Männerrechtsagenda", weil er weiß, dass Männerrechtler in der herrschenden Geschlechterpolitik als Feindbild Nummer eins gezeichnet werden. Auch abschließende Passagen seines Artikels sind klar maskulistisch:

Männersuizid hat kein parteipolitisches Gesicht. Die altersstandardisierte Rate männlicher Suizide (…) überschreitet jede Wahlkreisgrenze. (…) Berufstätige Männer in Handwerks- und Technikberufen machen mehr als ein Viertel der männlichen Suizide aus: die Menschen, die die Häuser, die Infrastruktur und die Minen des Landes bauen.

Die Koalition kann Reformen, die die Durchsetzung von Gerichtsentscheidungen stärken, nicht ablehnen, ohne einer Generation ihrer eigenen Rhetorik über persönliche Verantwortung und Rechtsstaatlichkeit zu widersprechen. Labor kann Reformen, die die Beziehungen von Kindern zu beiden Elternteilen schützen, nicht ablehnen, ohne seinen Verpflichtungen im Rahmen des National Plan zu widersprechen. Die Grünen können Reformen, die ausdrücklich in der UN-Kinderrechtskonvention verankert sind, nicht ablehnen. (…) Das sind im strengen Sinne des Wortes überparteiliche Vorschläge – sie verlangen von keiner Partei etwas, das den eigenen veröffentlichten Grundsätzen widerspricht.

Das Argument für Reformen ist administrativ, evidenzbasiert und human. Es ist kein Kulturkampf. Es geht um eine sieben-Tage-die-Woche-Statistik vermeidbarer Todesfälle; ein Wohnungssystem, in dem ein verbannter Elternteil keine eigene Tür hat; ein Gerichtssystem, in dem Verzögerung zur Entscheidung geworden ist; ein öffentliches Vokabular, das Männlichkeit als Pathologie behandelt; und eine nationale Politikagenda, die männliche Not nicht anerkennen kann, ohne sie zunächst zu relativieren.

Wir haben jeden Minister und jeden Senator gebeten, unsere Gesetzesentwürfe zu prüfen – die öffentlich zugänglich, professionell ausgearbeitet und von Erklärungen zur Vereinbarkeit mit Menschenrechten und Folgenabschätzungen begleitet sind. Wir werden jeden Parlamentarier, jeder Partei, zu jedem Aspekt der Ausarbeitung informieren. Wir verlangen keine Annahme ohne Änderung. Wir bitten darum, dass das Gespräch beginnt.

Australien ist stolz darauf, jedem eine faire Chance zu geben. Die Männer, die unsere Häuser bauen, unsere Kinder unterrichten, unsere Grenzen verteidigen und jedes Jahr im Takt von sieben pro Tag begraben werden, verdienen ihn ebenfalls. So auch ihre Kinder, die das Recht auf zwei Elternteile haben, wo immer es sicher ist, sie zu haben. Der Prozess sollte nicht die Strafe sein. Stille sollte nicht die herrschende Politik sein. Das Vokabular der öffentlichen Gesundheit sollte nicht die Anklage sein. Und das sollte, im Jahr 2026, kein Thema sein, auf das nur ein einziger Senator geantwortet hat.




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Montag, Mai 04, 2026

Angriff auf das "Heteropatriarchat": SPD-Nachwuchs will Ehe abschaffen

1.
"Die Ehe dient dem chauvinistischen, kapitalistischen Nationalstaat als Durchsetzungsinstrument frauenfeindlicher, queerfeindlicher, klassistischer und rassistischer Politik", heißt es in einem aktuellen Antrag der Berliner Jusos, über den zuerst die Bild-Zeitung berichtete. Darin plädiert der SPD-Nachwuchs dafür, die Ehe als staatliche Institution mitsamt aller Privilegien und Gesetze ersatzlos zu streichen.

Aus Sicht der Jungsozialisten ist die Zivilehe ein Relikt, das "patriarchische Machtstrukturen" verstärkt und die individuelle Freiheit durch ihren Anspruch auf Dauerhaftigkeit einschränkt. Bei der Berliner SPD findet der Antrag keine Unterstützung. Für eine Realisierung müsste das Grundgesetz geändert werden.


Hier geht es weiter.



2. "Die meisten Männer sind nicht toxisch" stellt Professor Dr. Michael Klein im politischen Magazin CICERO klar. Ein Auszug:

Wenn über Männer gesprochen wird, dann geschieht dies in den Medien fast nur noch in negativer, abwertender Weise und voller Hetze. Die kanadischen Forscher Paul Nathanson und Katherine K. Young (McGill University) haben dies schon seit den 1990er Jahren beobachtet. Sie beschreiben, wie diese Stimmung als Misandrie (die Verunglimpfung und der Hass gegenüber Männern) mehr und mehr gesellschaftsfähig wurde, von bestimmten feministischen Zirkeln proaktiv verbreitet wurde und sich schließlich in den Medien fest etablierte. Es gehört inzwischen in den Leitmedien zum guten Ton, Frauen positiv und als Opfer, Männer negativ und als – zumindest potentielle – Täter darzustellen.

Der Prozess der Entfaltung von Misandrie dauerte Jahrzehnte und ist heute in seiner kritischen Endstufe angekommen, in der Mannsein in weiten Bereichen ein Geschlechtsstereotyp für Toxizität, mangelnde Sensibilität, Gewalttätigkeit und emotionale Zurückgebliebenheit darstellt. Männlichkeit wird automatisch negativiert, obwohl gerade in einer klaren, reflektierten Männlichkeit viele prosoziale Chancen stecken können. Wenn heutzutage Männer pauschal verunglimpft werden, wie in vielen Medien zuletzt anlässlich der Fernandes-Kampagne, ist es Zeit, Misandrie sichtbar zu machen und dagegen einen Standpunkt zu beziehen.


Der Artikel ist in Gänze lesenswert.



3. Das evangelische Magazin "Chrismon" stellt Hartmut Dihm vor, der Männer in Krisen berät. Auch hieraus ein Auszug:

Chrismon: Warum machen Sie das?

Hartmut Dihm: In den letzten zehn Jahren meines Berufslebens war ich Richter am Familiengericht. Als es auf die Pension zuging, erzählte mir eine Anwältin von ihrem Engagement in der Frauenberatung und dass es so ein Angebot für Männer nicht gebe. Sie fragte mich, ob ich mir das vorstellen könnte. Vor circa 20 Jahren war das, und sehr lange war ich in Bayern ziemlich der Einzige.

Chrismon: Welche Eigenschaften sollte Ihr Nachfolger mitbringen?

In dem Fall sollte es tatsächlich ein Mann sein. Die Betroffenen sitzen im gerichtlichen Verfahren meist mehrheitlich oder ausschließlich zwischen Frauen. Vielen fällt es leichter, sich einem Mann anzuvertrauen. Außerdem: Geduld, Kenntnis im Familienrecht, und zuhören sollte man können.

Chrismon: Was berührt Sie?

Wie machtlos manche Väter gegenüber den Müttern sind, die beim Sorgerecht ihre Macht ausspielen – genau wie natürlich umgekehrt viele Männer beim Unterhalt. Aber mich erschüttert immer wieder, wenn Männer berichten, dass sie von ihren Frauen auch körperliche Gewalt erfahren, sich aber nicht wehren, aus Angst, dann ins falsche Licht zu geraten und als Aggressor dazustehen.


~ Offenkundig schließen sich auch CICERO und Chrismon mit solchen Artikeln der Manosphäre an. Schlimm, wie diese monströse Krake immer weiter wächst. ~



4. In Wien schiebt man unerwünschten Äußerungen aus dieser Ecke jetzt einen Riegel vor:

Der Mathematiker und ÖVP-Wissenschaftssprecher Rudolf Taschner hätte anlässlich des 50. Jahrestages seiner Promotion von der Universität Wien mit dem Goldenen Doktordiplom ausgezeichnet werden sollen. Nun wurde die Ehrung jedoch kurzfristig zurückgezogen. (…) Wie der ORF berichtet, verwies [der Vorsitzende des Uni-Senats Stefan] Krammer darauf, dass Taschners wissenschaftliche Verdienste außer Frage stünden, dass er jedoch mit seinen kontroversen Äußerungen wiederholt angeeckt sei.


Einen Wissenschaftler, der mit "kontroversen" Äußerungen "aneckt", kann sich unsere Gesellschaft wirklich nicht leisten. Wenn man solche Menschen nicht ausgrenzt, könnten die Leute sonst noch glauben, sie dürften sagen, was sie für richtig halten.

2012 schrieb Taschner in einer "pädagogisch unkorrekten Notiz" über die Watsche als Gewitter mit "kurzem, reinigendem Schmerz" und stellte diese der seelischen Gewalt gegenüber. Im letzten Jahr sorgte er im Parlament für Diskussionen, als er ein Forschungsprojekt im Bereich Kunst, Gender Studies und Dekolonisation als "verbranntes Geld" bezeichnete.


Zugegeben, das erste ist eine Ansicht aus dem letzten Jahrtausend, die man heute als überholt betrachtet, unter anderem weil körperliche Gewalt von seelischer untrennbar ist. Der zweite Vorwurf ist ominös. Taschner hat sich offenbar dagegen ausgesprochen, ein bestimmtes Forschungsprojekt finanziell zu bezuschussen. Da wüsste man schon gerne, welches Projekt derart sakrosankt ist, dass man das nicht darf. Wo genau wird bei der Freiheit der Wissenschaft die Grenze gezogen, und wer legt das fest?

ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti übte scharfe Kritik an der Absage und bezeichnete sie als "im Wissenschaftsbetrieb untragbare ideologische Zensur". Wissenschaft müsse objektiv bleiben und dürfe nicht zum Erfüllungsgehilfen von Ideologie werden, so Marchetti. Er forderte die Universität Wien auf, "ideologische Scheuklappen" abzulegen.


Andererseits scheint Taschner auf demselben Trip zu sein: Das fragliche Projekt wurde von ihm der Berichterstattung zufolge belegfrei niedergemacht. Er wisse nicht, "ob die Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft stark genug sind", um "scheinbare Wissenschaften" auszusortieren.

Offenbar treffen die aussortierenden "Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft" nun Taschner selbst.



5. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir heute:

Servus Herr Hoffmann,

im österreichen "Standard" stieß ich die Tage auf diesen Beitrag aus unserer beliebten Kategorie "Mädchen und Frauen sind die besseren Menschen". Falls Sie ihn noch nicht kennen, hier ein paar längere Auszüge:

"Im Verhandlungssaal 201 des Straflandesgerichts Graz herrscht an diesem Donnerstagvormittag dicke Luft. Wortwörtlich, wie auch im übertragenen Sinn. Nur wenige Stühle in dem etwa 50 Quadratmeter großen Raum sind leer, die drei Fenster müssen aufgrund des Straßenlärms geschlossen bleiben – andernfalls könnte die Richterin die kleinlauten Geständnisse der sechs Angeklagten nicht hören: Die sorgfältig zurechtgemachten, schmalen Mädchen, die vor ihr und den Schöffinnen aussagen, geben sich geknickt.

(…) Einige der Beitragstäterinnen – alle Angeklagten waren zum Tatzeitpunkt zwischen 14 und 17 Jahre alt und sollen deshalb anonym bleiben – sagen heute, sie hätten nicht gewollt, dass es derart eskaliere. Eingeschritten sind sie trotzdem nicht. Stattdessen hielten sie die Handykameras drauf, als die beiden Hauptangeklagten das Opfer mit Eisen- und Kunststoffstangen traktierten und demütigten. "Folterartige Misshandlungen", nennt die Staatsanwältin das, mehr als eine Stunde andauernde "Martyrium".

(…) Tags darauf locken sie das Mädchen ins leerstehende Chill-Haus. Dort wartet bereits der Rest der Truppe. In einem ehemaligen Büro nehmen sich die Schwester des Burschen mit dem Herzstillstand und deren beste Freundin das Mädchen mit Eisen- und Kunststoffstangen vor. Über etwa eine Stunde hinweg wird das Opfer geschlagen, getreten, die Spitzen ihrer hüftlangen Haare versengt. Sie demütigen, verhöhnen und bedrohen sie, zwingen sie, Oberteil und BH auszuziehen. Mehrere Mädchen filmen die Tat. Die anderen sitzen im Vorraum und halten Wache – so die Meinung der Staatsanwältin.

Den meisten der Mädchen tut das, was passiert ist, heute leid, sagen sie. Entschuldigt hat sich aber keine bei dem Opfer oder seiner Familie. Überhaupt wollen die meisten heute nichts mehr davon gewusst haben, dass die Tat geplant war.

Die Stunde, in der das Opfer traktiert wird, vertreiben sie sich mit Tik Tok-Clips, Kopfhörer in den Ohren, um die Schmerzens- und Hilfeschreie nicht zu hören. "Ich hätte nie gedacht, dass etwas passieren wird", behauptet eine der Beitragstäterinnen, die sich nur teilschuldig bekennt. "Bei mir war das noch nie so" und meint damit, dass sie, die aus einem Grazer Vorort stammt und ein Gymnasium besucht, üblicherweise nicht mit Gewalttäterinnen verkehre. "Aber alle anderen sagen, es war schon klar, was passieren wird", stellt die Richterin fest. Tränen bei der Angeklagten. "Ich weiß nicht, was mit mir los ist, dass ich nicht geholfen habe.

(…) Vollgepumpt mit Adrenalin laufen die Angeklagten zum nächsten Supermarkt, wo sie sich Getränke kaufen. Dann gehen sie nach Hause. Eine kehrt jedoch zum Tatort zurück, holt Eisenstange und die zerrissene Kleidung des Opfers und versenkt sie in der Mur."


Tja – wenn das jetzt ein paar heranwachsende Jungs gewesen wären…? Hätte die Frau Staatsanwältin dann auch bloß von "folterartigen Misshandlungen" gesprochen? Oder klarere Begriffe gewählt? Hätte man es so en passant stehen lassen, dass keiner der Beteiligten um Entschuldigung bat – oder hätte man das vielmehr als "typisch männlich" bewertet und entsprechend sanktioniert? Zumindest moralisch? Hätte man nicht allgemein ein Rudel Talkshows und mindestens zwei Forderungen pro Tag nach härteren Strafen, Senkung der Strafmündigkeit und irgendwelchen Programmen zur Senkung "toxischer männlicher Aggression" oder Bekämpfung "männlicher Intensivtäter" auf Sendung gehabt? Inklusive der notwendigen Verweise auf "Patriachat", "Manosphere" und natürlich "die allgegenwärtige männliche Gewaltkultur"? Wäre die ganze Tat nicht der endgültige Beweis dafür gewesen, dass alle Jungen "Monster" sind und jeder im Mutterbauch heranwachsende XY-Träger bereits ein "designierter Folterknecht" oder zumindest ein "Quälgeist in spe"?

So aber die – durchaus interessante und erklärungskräftige – Darstellung von Gruppendruck und Unsicherheit, Jungendkultur-Dynamiken, Zugehörigkeitsfragen oder sozialen Problemen. Die Frage nach Ursachen – nicht die reflexhafte Verteilung von Schuld. Es ist wirklich auffallend, dass der breitere Deutungsrahmen des Artikels eher erklärend-suchend als anklagend gehalten ist – und natürlich Mädchengewalt immer noch irgendwie als "Abweichung" oder "Novität" rübergebracht wird denn als "strukturelles Problem". Als "brutaler Ausreißer", als "Milieudelikt" (eine Einordnung, die freilich auch hinterfragt werden müsste). Zumindest hat sich mir dieser Eindruck aufgedrängt. Interessant auch, wie erwähnt (und gerahmt) wird, dass die Mädchen "vollgepumpt mit Adrenalin" herumliefen. Wie das im Falle von Jungen und Männern rübergebracht worden wäre, können sich langjährige Blogleser denken.

Kurzum: Ich würde mir einfach wünschen, dass auch im Falle männlicher Straftäter so analytisch und fast schon ruhig-neutral berichtet würde wie in diesem Fall. Dass es Berichterstattung gäbe – statt der üblichen verdammenden Suaden, moralintriefenden Einordnungen und so empathielosen wie sexistischen Selbstprofilierungen. Aber bevor das geschieht holt der HSV vermutlich erst noch ein paar Mal verlustpunktfrei das Triple.




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