Süddeutsche Zeitung titelt: "Der benachteiligte Mann"
1. Es sind weiterhin nicht die Journalisten in den Zeitungsredaktionen, die geschlechterpolitsich wertvolle Artikel schreiben, sondern Stimmen von außen. Zu ihnen gehört der Arzt Werner Bartens, der in der Süddeutschen Zeitung über die Benachteiligung von Männern im Gesundheitswesen schreibt. Natürlich muss er vorher viele Absätze über die Benachteiligung von Frauen vorlegen, um das zu dürfen ("Blutwäsche unterziehen sich zu 60 Prozent Männer und zu 40 Prozent Frauen"), aber irgendwann kommt er zum Punkt:
Unerhörte Frage: Ist womöglich der kranke Mann das wahre Tabu in der Medizin?
Warum ist diese Frage eigentlich "unerhört", also unverschämt oder empörend? Wir leben doch angeblich in einem Patriarchat – da müsste es doch Standard sein, sich zugunsten von Männern äußern zu dürfen?
"Ja, man könnte zur Auffassung kommen, dass Medizin und Forschung an einigen Stellen blinde Flecke gegenüber Männern haben", sagt Stefanie Joos, Versorgungsforscherin am Uniklinikum Tübingen. "Aber man sollte nicht die ,Geschlechtergesundheit‘ gegeneinander ausspielen, sondern Unterschiede in Versorgung und Forschung generell stärker beachten, was Sex und Gender angeht."
Ach guck. Aber wenn Frauen als benachteiligt gelten, geht das "Gegeneinander-Ausspielen" der Geschlechter voll in Ordnung.
Ein weiterer Auszug aus dem Artikel (ich skippe sämtliches Victim-Blaming, das es bei Frauen nicht gäbe.)
Es gibt allerdings Krankheiten, bei denen entsprechen Männer nicht dem Bild, das sich Laien wie Ärzte davon machen, Beispiel Depressionen. (...) "Depressive Störungen sind bei Männern oft anders sichtbar als bei Frauen", sagt Joos. "Sie sind leichter gereizt, ziehen sich zurück, konsumieren mehr Drogen. Zudem reagieren sie eher aggressiv statt klassisch ,trauriger Stimmung‘ zu sein." Deswegen könnten Depressionen bei Männern leicht unerkannt bleiben. Dazu passe, so Joos, dass Männer trotz seltenerer Depressionsdiagnosen häufiger durch Suizid sterben.
"Die Zahl der nicht diagnostizierten Depressionen ist bei Männern deutlich höher", sagt Luck. "Depressionen können bei Männern übersehen werden, weil Wutausbrüche, vermehrter Alkoholkonsum und exzessiver Sport nicht mit mentalen Problemen in Verbindung gebracht werden. Deshalb werden Abklärungen gar nicht erst in Betracht gezogen." Erst seit Kurzem verstehe man Suchterkrankungen als mögliche Ausprägung einer Depression, sagt Ute Seeland. "Alkoholismus mit Antidepressiva zu behandeln, ist vergleichsweise neu."
Hinzu käme, dass ein entsprechendes Verhalten eher dem persönlichen Charakter zugeschrieben oder mit traditionellen Männlichkeitsvorstellungen assoziiert wird. Oder die Männer fallen durchs Diagnose-Raster, weil sie nicht den bekannten Mustern entsprechen.
(...) Das gilt auch für andere Leiden: "Weiblich konnotierte Krankheiten wie Osteoporose werden bei Männern oft nicht erkannt", sagt Luck. "Dies betrifft die medizinische Praxis wie die Selbstdiagnose." Weder Ärzte noch Männer kämen darauf. "Männer haben ein relevantes Frakturrisiko, werden aber oft nicht gescreent", so Allgemeinmedizinerin Joos. "Das Kernproblem sind weniger ,falsche‘ diagnostische Kriterien als zu geringe Aufmerksamkeit." Dabei könnte das Screening von Männern Risikopatienten identifizieren und eine Therapie die Frakturhäufigkeit senken.
Manchmal ist es schwer zu erkennen, wenn sich Symptome überlagern oder einer anderen Krankheit zugeordnet werden. "Die häufigsten Befunde in der Praxis von Allgemeinmedizinern sind Depressionen und Rückenschmerzen", so Seeland. Dabei stecke oft eine Osteoporose dahinter. Erleiden Männer einen Oberschenkelhalsbruch, sei das zu 80 Prozent eine Osteoporose. Doch weil die Krankheit spät erkannt wird und Medikamente teils nur für Frauen zugelassen sind, hätten Männer eine schlechtere Prognose.
Und wie ist es mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern, wenn sie an Krebs erkranken? Über Brustkrebs wird viel berichtet, seltener über Prostatakrebs. Die Aufmerksamkeit sowohl der Medizin als auch der Gesellschaft scheint ungleich verteilt zu sein, obwohl beide Tumore ähnlich häufig sind. "Der Eindruck ist berechtigt", sagt Joos, Vorsitzende des Zentrums für Versorgungsforschung und Öffentliches Gesundheitswesen in Tübingen. "Und das, obwohl Prostatakrebs in vielen Ländern der häufigste Tumor der Männer ist." Gleichzeitig zeigten Studien, dass Awareness-Kampagnen für Brustkrebs sichtbarer seien als jene für Prostatakrebs. "Die unterschiedliche Aufmerksamkeit für beide Krebsarten ist also eher ein Problem der Wahrnehmung und Kommunikation als eines Mangels an Forschung", so Joos.
(...) Was aber rückt die Leiden der Männer aus dem Blickfeld, wo doch bereits die unterschiedliche Lebenserwartung so auffällig ist? Frauen werden im Durchschnitt fast fünf Jahre älter als Männer, rein biologisch müsste der Unterschied nur ein bis zwei Jahre betragen. "Das sollte in der Tat ein starkes Warnsignal sein", sagt Stefanie Joos. "Es beweist keine unmittelbare Benachteiligung im Gesundheitssystem, zeigt aber deutlich, dass Männer als Gruppe gesundheitlich schlechter abschneiden und sie die Präventions- und Versorgungsangebote offenbar nicht gleich gut erreichen."
Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für die vernachlässigte Männergesundheit. Joos erwähnt Essstörungen, die oft übersehen werden, "weil sich Männer häufiger muskel- und körperorientiert zeigen und weniger dem Bild einer Magersucht entsprechen". Auch männliche Unfruchtbarkeit würde zu wenig beachtet, obwohl der Mann bei unerfülltem Kinderwunsch zur Hälfte der Infertilitätsfälle beiträgt. Frank Luck weist auf weitere blinde Flecken hin, etwa, dass zehn Prozent der Männer im ersten halben Jahr nach der Entbindung ihrer Partnerin eine Depression entwickeln. "Wer hat das auf dem Schirm?", so Luck. "Man muss die Familie als Gesamtsystem betrachten: sind Frauen von einer Wochenbettdepression betroffen, ist das Risiko für Männer höher." Doch von Männern würde in dieser Phase oft erwartet, ihre Frau noch mehr zu unterstützen.
Was also tun gegen Defizite im Bereich der Geschlechtergesundheit? Genauer hinschauen, die Ausbildung der Medizinerinnen und Mediziner verbessern – und aufmerksam bleiben. Ute Seeland hatte kürzlich einen Patienten mit typisch weiblichen Symptomen für einen Herzinfarkt: "Er klagte über Schmerzen zwischen den Schulterblättern, der Orthopäde fand nichts. Er hatte seltsame Zahnschmerzen, der Zahnarzt fand nichts. Den Grund für die Magenschmerzen erkannte der Gastroenterologe auch nicht." Die Ärzte-Odyssee ging glimpflich aus. Der Mann konnte rechtzeitig behandelt werden. Es gehe eben generell darum, Systeme, zu erkennen, die aus dem Lot geraten sind, so Seeland – und zwar bei Männern wie bei Frauen.
Werner Bartens habe ich schon in meinem Buch "Sind Frauen bessere Menschen?" (2001) zitiert. Das bedeutet leider auch: Ein Vierteljahrhundert lang hat die Schieflage, auf die Bartens aufmerksam macht, außer den bösen Männerrechtlern niemand interessiert.
2. Eine Steirerin stand wegen sexuellen Missbrauchs an ihren Ehemann vor Gericht, nachdem sie die bevorstehende Scheidung nicht akzeptieren wollte, berichtet die Tageszeitung Krone aus Österreich:
Als er aufwachte und sich wehrte, verletzte sie ihn brutal im Genitalbereich, weshalb neben sexuellem Missbrauch einer wehrlosen Person auch Körperverletzung angeklagt wurde. "Egal ob Mann oder Frau, wenn jemand nicht sexuell verkehren will, ist das zu akzeptieren", schloss die Staatsanwältin ihren Eröffnungsvortrag.
Der Verteidiger der Angeklagten betonte, dass für seine Mandantin ihr Märchenschloss zusammenbrach, als die Liebe ihres Lebens nach 20 Jahren Ehe plötzlich von Scheidung sprach. "Sie war hilflos, wehrlos und fragte sich immer wieder nach dem Warum, doch sie bekam keine Antwort." Für die Rangelei im Zimmer des Sohnes übernahm die gelernte Verkäuferin von Beginn an die Verantwortung. "Doch ein sexueller Missbrauch hat so nie stattgefunden", so ihr Anwalt.
"Ich bin noch immer in Schockstarre, was mein Mann mir da antut", erklärte die zweifache Mutter dann dem Richtersenat. "Ich dachte zuerst, das ist so eine Phase, weil er 50 geworden ist. Es brach wirklich eine Welt für mich zusammen." Am Tattag, beteuert sie, wollte sie wirklich nur mit ihm reden. Deswegen habe sie sich zu ihm ins Bett gelegt. "Doch er sagte, ich soll verschwinden und hat mich zum Türstock gedrängt. Da hab’ ich mich natürlich gewehrt."
"Also erfindet ihr Mann den sexuellen Übergriff?", fragt die Richterin noch einmal mit Nachdruck. "Ja", nickt die Angeklagte, "damit hat er schon länger gedroht, dass er mich anzeigt". Bevor die Schilderungen dann aber offenbar noch abenteuerlicher werden, bittet der Verteidiger um eine Pause.
Danach legt die Frau überraschend ein Geständnis ab und zahlt auch gleich das Schmerzensgeld an den Anwalt ihres Mannes. Das dürfte sie vor einer höheren Strafe bewahrt haben. Urteil: ein Jahr auf Bewährung und 1800 Euro unbedingte Geldstrafe plus Weisung zur Therapie.
3. Die britische BBC berichtet über einen anderen Fall:
Ein Teenager-Mädchen und zwei Jungen lockten einen 15-Jährigen in einen Park und stachen wiederholt auf ihn ein – ein Vorfall, der als "der schlimmste Albtraum aller Eltern" beschrieben wurde, wie vor Gericht zu hören war.
Das Mädchen, das zum Zeitpunkt der Tat 15 Jahre alt war, und ihre beiden 16-jährigen Komplizen lockten den Jungen in einen abgelegenen Bereich des Herrington Country Park in Sunderland, wo einer der Jugendlichen elfmal mit einem großen Küchenmesser auf ihn einstach.
Das Opfer sagte vor Gericht aus, er lebe seitdem in Angst, während seine Mutter erklärte, sie habe befürchtet, ihr Sohn sei bei dem "brutalen, sinnlosen Angriff" getötet worden.
Das Mädchen, das versuchten Mord gestanden hatte, wurde zu sieben Jahren und vier Monaten Jugendhaft verurteilt.
Nennt mich übermäßig skeptisch, aber irgendwie bezweifle ich, dass aus diesem Fall eine Netflix-Serie gemacht wird, die JournalistInnen der verschiedensten Länder hingerissen lobpreisen werden.
4. "Frauenhass online – wie verbreitet sind die gefährlichen Männer-Netzwerke?" hetzt die Märkische Oderzeitung. Eine kurze Cross-Recherche ergibt, dass der Artikel auch in zahlreichen anderen Zeitungen erscheint, etwa dem Schwäbischen Tagblatt, der Neuen Württembergischen Zeitung und so weiter und so fort. Ein Auszug:
Die deutsche Szene überschneide sich teilweise mit rechten Milieus. "Darüber hinaus gibt es auch Akteure, die frauenfeindliche Aussagen islamisch-religiös begründen." Auch Marina Hackenbroch, stellvertretende Bundesvorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK), kennt das Phänomen: "Ich würde die Manosphere weder als bloßes Randphänomen abtun noch so tun, als beträfe sie schon die Mehrheit aller Männer." Der harte ideologische Kern sei ein Minderheitenphänomen. "Problematisch ist aber, dass die Narrative dieser Szene längst nicht mehr nur in abgeschotteten Nischen zirkulieren." Sie wanderten über Plattformen wie TikTok in eine breite männliche Zielgruppe ein, zum Beispiel als Dating-Videos.
Wie betrifft das Jugendliche? Soziale Medien prägen bei neun von zehn Jugendlichen das Weltbild, zeigt eine Studie des Bayerischen Rundfunks. Was die Untersuchung mit 13- bis 18-Jährigen auch herausfand: 42 Prozent der Jungen haben ein Geschlechterbild, das Männern mehr Rechte zugesteht.
Ein Problem liegt in den Algorithmen der Plattformen: Dadurch würden auch Personen, die sich nicht aktiv für solche Inhalte entschieden, mit frauenfeindlichen Aussagen konfrontiert, sagt der Geschlechterforscher Yannik Markhof vom Dissens Institut für Bildung und Forschung.
Wie wirkt sich das aus? Sowohl Markhof als auch Lehrerverband-Präsident Stefan Düll berichten, dass misogyne und queerfeindliche Aussagen in den Schulen zugenommen hätten, Sprachmuster seien erkennbar, Punkte der Influencer würden nachgeplappert. Daraus jedoch einen kausalen Zusammenhang mit steigender Gewalt gegen Frauen zu ziehen, sei "zu unterkomplex", sagt Markhof. Inhalte der Manosphere seien gewaltlegitimierend, "aber Gewalt gegen Frauen zieht sich durch die gesamte Gesellschaft".
(…) Was wären politische Lösungen? Denise Loop, familienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, spricht sich für konkrete Initiativen aus, etwa eine Regulierung von Social-Media-Plattformen. Außerdem müsse man langfristige Präventions- und Bildungsprojekte ausbauen. "Wir brauchen dafür Angebote, die Jungs auf Augenhöhe ansprechen." Auch Mechthild Heil, Sprecherin der Frauen der Unionsfraktion, sagt: "Die zunehmende Verbreitung frauenfeindlicher Ideologien in digitalen Räumen ist ein untragbarer Zustand für unsere Gesellschaft." Sie plädiert für ein Zusammenspiel aus Aufklärung und Prävention, mehr Forschung und ein konsequentes Vorgehen gegen digitale Gewalt. Plattformen müssten in Verantwortung genommen werden.
5. "Ist Männerhass gerechtfertigt, schädlich oder vielleicht sogar notwendig?" fragt derweil das Frauenmagazin "Her Campus". In dem Artikel heißt es:
Vor einigen Wochen blieb ich, während ich gedankenverloren durch TikTok scrollte, an einer ungewöhnlichen Bildunterschrift hängen. Das Video, gepostet von einer Frau, die sich schlicht "@LTP823" nennt, trägt die markante Zeile: "Ich bringe meiner fünfjährigen Tochter bei, misandrisch zu sein."
LTP bleibt auf ihrem TikTok-Account halb anonym: Sie nennt lediglich ihre Initialen und beschreibt sich knapp als geschiedene Mutter und Bücherliebhaberin aus Washington, D.C. Misandrie wird gemeinhin als starke Abneigung oder gar Hass gegenüber Männern verstanden; laut Merriam-Webster bedeutet der Begriff schlicht "Männerhass".
Sofort geweckt, wich mein zielloses Scrollen einer konzentrierten Aufmerksamkeit. LTP erklärt, ihre Tochter werde unweigerlich in einer von Männern geprägten Gesellschaft aufwachsen, und sie wolle sie deshalb mit einem "übersteigerten Selbstbewusstsein" ins Leben entlassen.
Bewusst hat LTP für die prägenden Bezugspersonen ihrer Tochter ausschließlich Frauen ausgewählt – ob als Ärztin, Zahnärztin oder in anderen professionellen Rollen.
Bislang scheint das Wirkung zu zeigen. LTP berichtet, ihre Tochter habe sie kürzlich gefragt, ob auch Männer Sänger sein könnten. Ernster fügt sie hinzu, sie wisse, dass die Welt ihre Tochter "kleinmachen" werde – und wolle sicherstellen, dass sie sich das nicht gefallen lasse.
Sie habe ihrer Tochter gesagt, Frauen seien klüger als Männer, trügen eine besondere Kraft in sich und würden gesellschaftlich dennoch seltener ernst genommen, obwohl sie "bessere Führungspersönlichkeiten" seien.
(...) Die Kommentare unter LTPs Beitrag waren überwiegend zustimmend. Eine Frau, die offenbar ähnlich erzieht, schrieb etwa, ihr Sohn gehe davon aus, dass alle Ärzte und Zahnärzte Frauen seien. (…) Einige argumentierten sogar, LTP fördere gar keine Misandrie, sondern betreibe eine notwendige "Gegenkorrektur" in einer beschädigten Gesellschaft.
Wie in Online-Diskussionen üblich, fühlte sich jedoch auch ein kleiner Teil der Zuschauerschaft vom Begriff "Misandrie" provoziert. Eine Person stimmte zwar zu, die Botschaft sei "zu hundert Prozent richtig", merkte jedoch an, Worte hätten Gewicht – Misandrie und Misogynie seien "zwei Seiten derselben hasserfüllten Medaille".
Darauf folgten mehrere scharfe Erwiderungen, von denen eine besonders hervorstach. Ein Nutzer namens "madmax" schrieb: "Misogynie tötet Frauen, Misandrie kränkt Männer. Da besteht ein Unterschied."
(…) Wie einige Kommentierende anmerkten, entwertet es den spezifischen Gebrauch von "Misandrie" bei LTP, wenn man ihn schlicht auf eine Stufe mit Misogynie stellt.
Ich neige dazu, den Begriff Misandrie flexibler zu verstehen.
Zum einen halte ich Misandrie im strengen Wortsinn durchaus für ein berechtigtes Vorurteil (angesichts der Milliarden widerwärtiger Handlungen, die Männer jede Sekunde begehen). Zum anderen kann der Begriff als konzeptioneller Rahmen für feministische Projekte wie das von LTP dienen kann.
Zugleich eröffnet Misandrie als Konzept Frauen die Möglichkeit, ihre – oft negativen – Erfahrungen mit Männern zu teilen. Solche Gespräche können nach meiner Erfahrung ernsthaft, befreiend, mitunter auch humorvoll und wirkungsvoll sein.
6. "Die Femosphere hat eine Generation von Frauen gegen Männer aufgehetzt, aber darum liebe ich sie immer noch" titelt die britische Tageszeitung Independent. Mit "sie" sind die Männer gemeint. In dem Artikel von Charlotte Cripps heißt es:
Männer – tja, ihr habt ein echtes Problem: Junge Frauen halten nicht viel von euch. Einer neuen Umfrage zufolge haben lediglich 35 Prozent der britischen Frauen unter 25 eine positive Sicht auf Männer, und nur 11 Prozent äußern sich sehr positiv.
Bei den unter 30-Jährigen fällt das Bild etwas günstiger aus: Hier bewerten 50 Prozent der Frauen Männer wohlwollend. Zugleich zeigen die Ergebnisse, dass Frauen unter 30 dreimal so häufig eine negative Haltung gegenüber Männern einnehmen wie Frauen über 30. (…) Und während Frauen meinen, die gegenseitige Geringschätzung zwischen den Geschlechtern sei ausgewogen, empfinden sie in Wirklichkeit negativer über Männer als umgekehrt: Laut Umfrage haben 72 Prozent der Männer eine positive Sicht auf junge Frauen.
Das ist eine große Zahl von Frauen, die man als "Männerhasserinnen" bezeichnen könnte – darunter auch viele meiner Freundinnen. Sie geben Männern fortwährend die Schuld für ihr eigenes desaströses Liebesleben oder dafür, dass sie dauerhaft allein sind – ja, für buchstäblich alles. Eine Freundin schrieb mir gestern: "Es macht mich traurig, dass er so ein unangenehmer Mensch ist. Ich hasse es, dass es so viele ‚schlechte Männer‘ gibt – ich arbeite daran, möglichst viele von ihnen loszuwerden." Sekunden später folgte: "Es gibt so viele miserable Männer, die offen sichtbar sind – wir müssen ihnen entgegentreten, Charlotte."
Lasst mich da bitte heraus! Nennt mich keine Männerhasserin – ich liebe Männer. Diese selbstmitleidige "Männer-sind-schrecklich"-Erzählung geht mir auf die Nerven, und ich frage mich, wie wir überhaupt an diesen Punkt gelangt sind.
(…) Ein TikTok-Trend zeigt Frauen, die über die männliche Einsamkeitskrise lachen. Und in der Online-Community "Female Dating Strategy" werden Frauen in rücksichtslosen, nüchtern kalkulierenden Dating-Strategien geschult, mit dem Ziel, einen "hochwertigen Mann" zu gewinnen, der finanziell für sie sorgen kann – unter der Maxime: "Niemals 50/50 beim Date."
So entsteht ein ständiges Tropfen: Männer seien das problematische Geschlecht. Jungen im Schulalter gelten als frauenfeindlich, Lehrkräfte warnen vor einer sich zuspitzenden "Männlichkeitskrise" und machen die Manosphäre dafür verantwortlich. Dass Jungen von klein auf in eine "Männerbox" gedrängt werden, die emotionale Ausdrucksfähigkeit unterdrückt, mache sie nicht nur anfällig für Suizid und Substanzmissbrauch, sondern auch für Ideologien, die Frauen schaden.
(…) Es ist unwahrscheinlich, dass die neuen Befunde bedeuten, junge Männer verdienten diese negative Bewertung im Allgemeinen. Plausibler ist, dass junge Frauen überhöhte Erwartungen an sie haben. Und auch wenn es völlig legitim ist, keine Beziehung eingehen zu wollen, die den eigenen Ansprüchen nicht genügt, scheint die Verantwortung zur Veränderung einseitig den Männern zugeschrieben zu werden.
Das ist eine verzerrte Sichtweise. Sie bürdet Männern enorme Erwartungen auf, die Situation zu korrigieren, ohne eigene Verantwortung zu übernehmen – denn angeblich liegt die Schuld allein bei ihnen. Es ist an der Zeit, das gegenseitige Beschuldigen zu beenden und den Blick auf sich selbst zu richten, bevor wir Männer endgültig verlieren.
Die Antwort ist denkbar einfach: "If you can spot it, you got it." Die Fehler, die wir bei anderen sehen, spiegeln oft unsere eigenen, nicht eingestandenen Schwächen wider. Statt sich in endloser Fehlersuche zu verlieren – einem obsessiven Fixieren auf die Mängel anderer –, sollte man die eigenen Unzulänglichkeiten schonungslos benennen.
Selbstreflexion ist mühsam, doch sie ist der einzige Weg, sich aus einer Opferhaltung zu lösen und nicht länger äußere Umstände verantwortlich zu machen. Zu glauben, Jungen seien ekelhaft und stinkend, wird das Problem ebenso wenig lösen wie die Vorstellung, Männer seien grundsätzlich unzulänglich – hilflos, gefühllos, kalt oder unfähig zu tiefer Bindung; oder faule, inkompetente Väter, die ständig betrunken sind und nicht einmal einfache Aufgaben bewältigen.
Männer enttäuschen Frauen nicht an allen Ecken und Enden – wir enttäuschen uns selbst häufiger. Und wenn wir andere für das verurteilen, was ihnen fehlt, vergessen wir unsere eigenen Unvollkommenheiten.
Wir sollten uns vor der performativen Femosphäre in Acht nehmen. Sie normalisiert Männerfeindlichkeit, radikalisiert junge Frauen und trägt unmittelbar zu einer tiefen Kluft zwischen den Geschlechtern bei. Es ist an der Zeit, das Elend der Männerfeindlichkeit zu beenden – und einen unbeschwerten Sommer zu erleben.
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