Gloria Steinem ist tot
Gloria Steinem, die "berühmteste Feministin der Welt", ist vergangene Woche mit 92 Jahren gestorben.
Die Reaktionen der deutschen Medien waren vorhersehbar: In der ZEIT durfte Alice Schwarzer noch einmal dieser Frau huldigen, die sie als ihr Vorbild bezeichnete. Die "Welt" huldigte Steinem in einem ausführlichen, unkritischen Artikel, die Neue Zürcher Zeitung tönte kaum anders. Wie gehabt bekommt man überall dieselbe Soße serviert: Kritische Artikel oder abweichende Meinungen gibt es in der Berichterstattung deutscher Leitmedien nicht.
Was man verstehen könnte, wenn es nur um die alte Regel ginge, dass man über Verstorbene nichts Schlechtes sagen soll. Allerdings gilt das bei politisch einflussreichen Persönlichkeiten so zwingend keineswegs: Weil ihr Einfluss nachwirkt, muss es auch erlaubt sein, diese Leute und ihre Weltsicht kritisch zu hinterfragen. Würde allein der Tod einen davor schützen, müsste man sogar über nachweisliche Übeltäter in den höchsten Tönen schwärmen.
Aus diesem Grund und um zu zeigen, dass eine abweichende Perspektive überhaupt möglich ist, statt sich von selbst zu verbieten, weil Gloria Steinem tatsächlich einen Heiligenschein getragen hätte, präsentiere ich hier einen Artikel in deutscher Übersetzung, den die Feminismuskritikerin Cathy Young über sie verfasst hat: Gloria Steinem steht für das Schlimmste am modernen Feminismus.
Dass Präsident Obama der Feminismus-Ikone Gloria Steinem vergangene Woche die Presidential Medal of Freedom verliehen hat – unter sechzehn Geehrten, darunter Oprah Winfrey, Bill Clinton und der verstorbene Bürgerrechtler Bayard Rustin –, ist weitgehend unumstritten geblieben. Abgesehen von einigen Breitseiten aus rechtsaußen stehenden und Abtreibungsgegner-Blogs, die sich vor allem an Steinems Eintreten für das Recht auf Abtreibung stießen, blieb es still. Dabei kann man durchaus für die Wahlfreiheit und für die Gleichberechtigung der Geschlechter sein und trotzdem bei dieser Ehrung zusammenzucken. Bei allem unbestreitbaren Talent und aller Ausstrahlung ist Steinem geradezu ein Aushängeschild für jene Geschlechterkriegs-Paranoia und jenen ideologischen Dogmatismus, die die Frauenbewegung auf einen so zerstörerischen Weg geführt haben.
Wie also verkörpert Steinem die schlimmsten Züge des modernen Feminismus? Zählen wir sie auf.
Dogmatisches Leugnen von Geschlechtsunterschieden. Es gibt ein vollkommen legitimes Argument, dem ich selbst zuneige, wonach Unterschiede zwischen Männern und Frauen kulturell geprägt und weniger bedeutsam sind als individuelle Unterschiede. Für die Lockerung traditioneller geschlechtsgebundener Beschränkungen gibt es zweifellos breite Unterstützung. Aber Steinem treibt die Position gegen Unterschiede bis zu jenen fanatischen Extremen, die die feministischen Dissidentinnen Daphne Patai und Noretta Koertge als "Biodenial" bezeichnet haben. In einem Interview für John Stossels ABC-News-Sondersendung "Boys and Girls Are Different: Men, Women and the Sex Difference" verspottete Steinem 1997 die wissenschaftliche Forschung zu Geschlechtsunterschieden in der Hirnfunktion als "antiamerikanisches Irrdenken". Sie legte außerdem nahe, dass Krafttests für den Oberkörper, mit denen Feuerwehrleute schwere Lasten heben müssen, sexistisch seien. Und was ist mit Situationen, in denen Feuerwehrleute Verletzte oder Bewusstlose aus brennenden Gebäuden tragen müssen? Steinem beharrte mit unbewegter Miene darauf, es sei besser, sie zu schleifen, denn "dort unten ist weniger Rauch". Ich hielt die ABC-Sendung selbst für zu sehr auf Verallgemeinerungen über Unterschiede ausgerichtet, doch Steinem gab die denkbar schlechteste Fürsprecherin der Skeptiker ab.
Fixierung auf männliche Bösartigkeit. Wie viele in der Schwesternschaft lässt sich Steinem von ihrem Glauben an absolute Gleichheit nicht davon abhalten, Männer als Täter von Gewalt und Übel in den Mittelpunkt zu rücken. In der Theorie macht sie "das Patriarchat" verantwortlich und behauptet, es habe Männern wie Frauen ihre volle Menschlichkeit geraubt. Sie hat sogar – zu Recht – gesagt, wir würden keine echte Gleichberechtigung haben, solange wir nicht die Fähigkeit von Männern zu Fürsorge und Zuwendung ebenso anerkennen, wie wir die Fähigkeit von Frauen zu Stärke und Leistung anerkannt haben. Doch leider treten tatsächliche, unbekehrte Männer in Steinems Schriften meist als gefährliche Rohlinge auf.
In ihrem Buch "Revolution from Within: A Book of Self-Esteem" von 1992 schreibt Steinem, die gefährlichste Situation für eine Frau sei nicht ein unbekannter Mann auf der Straße oder gar der Feind im Krieg, sondern ein Ehemann oder Liebhaber in der Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände. Sie hat außerdem die längst widerlegte Vorstellung einer langen vorgeschichtlichen Epoche friedlicher, wohlwollender, egalitärer "gynozentrischer" Gesellschaften propagiert, die später von gewalttätiger, unterdrückerischer Männerherrschaft verdrängt worden seien.
Pseudowissenschaft. Steinems Rede von friedliebenden prähistorischen Matriarchaten ist nur ein Beispiel ihrer Neigung, pseudowissenschaftlichen Unsinn zu verbreiten – oft an Hochschulen, wo sie eine beliebte Rednerin ist. So wärmte Steinem in einer Rede am Salem State College 1993 nicht nur die Matriarchatstheorie auf, sondern auch den Mythos, die europäischen Hexenverfolgungen seien ein Versuch gewesen, eine noch existierende heidnische Religion auszurotten, und hätten bis zu neun Millionen Frauen das Leben gekostet. Sie spann außerdem eine fantasievolle "revisionistische" Geschichte über Jeanne d'Arc als heidnische Gottesanbeterin, die französische Heere zum Sieg geführt habe und nach dem Krieg als Hexe hingerichtet worden sei, weil sie zu mächtig geworden war. Tatsächlich war Jeanne allen verfügbaren Zeugnissen zufolge eine fromme Katholikin und wurde wegen Ketzerei hingerichtet, nachdem sie im noch andauernden Krieg gefangen genommen worden war. Steinem ist zwar keine Wissenschaftlerin, doch ebenso schludrige Pseudowissenschaft ist in den Seminarräumen der Frauenforschung nur allzu verbreitet.
Fehlinformation. Steinems Verbreitung von Scheinfakten beschränkt sich nicht auf ferne Geschichte. In "Revolution from Within" behauptet sie, in den Vereinigten Staaten stürben jedes Jahr 150.000 Frauen und Mädchen an Magersucht – womit sie die tatsächliche Zahl um etwa das Tausendfache übertreibt. Wie Christina Hoff Sommers in ihrem Buch "Who Stole Feminism?" von 1994 belegte, beruhte die Behauptung von 150.000 Toten darauf, dass eine feministische Professorin eine Statistik über die Zahl der Erkrankten verstümmelt hatte. Dasselbe Buch erörtert eine angebliche Krise des Selbstwertgefühls von Mädchen auf der Grundlage einer einzigen schludrigen Studie der American Association of University Women.
Der Opferkult. In Steinems Fall hat die Fixierung auf die sexuelle Viktimisierung von Frauen und Mädchen die Aktivistin an einige merkwürdige Orte geführt, etwa zur aktiven Förderung "wiedergefundener Erinnerungen" an sexuellen Missbrauch. E. Sue Blumes Buch "Secret Survivors: Uncovering Incest and Its Aftereffects in Women" von 1990, das die prominente Journalistin Joan Acocella als eines der ungeheuerlichsten Handbücher dieser Art bezeichnete, trug einen Werbetext von Steinem, wonach es Millionen befreien könne, indem es sie ermutige, verborgenen Erinnerungen an Missbrauch nachzuspüren. Sie ist auch in einen besonders bizarren Ableger der "Recovered Memory"-Bewegung verstrickt, nämlich in die Panik über angeblich grassierenden satanischen Ritualmissbrauch. 1993 brachte "Ms.", die von Steinem gegründete und eng mit ihr verbundene Zeitschrift, einen reißerischen Artikel unter dem Titel "Surviving the Unbelievable", einen angeblichen Erfahrungsbericht einer Frau, die in einem satanischen Kult aufgewachsen sein wollte. Linke Kritiker wie Alexander Cockburn und Debbie Nathan haben das radikalfeministische Establishment und insbesondere Steinem als maßgebliche Wegbereiter der Ritualmissbrauchs-Hysterie der 1980er und 1990er Jahre ausgemacht.
Ironischerweise trieb der Missbrauchswahn nicht nur ungezählte Frauen in schädliche Quacksalber-Therapien, sondern führte auch zur Fehlverurteilung mehrerer Kindergärtnerinnen. Tatsächlich hat Steinem persönlich daran mitgewirkt, eine solche Verfolgung voranzutreiben, nämlich im berüchtigten Fall der McMartin-Vorschule in Manhattan Beach, Kalifornien, in den 1980er Jahren. Die berühmte Feministin stellte Geld für eine – erfolglose – Ausgrabungsaktion bereit, mit der Tunnel unter der Schule gefunden werden sollten, um die Behauptungen einiger Kinder zu erhärten, sie seien in solche Tunnel gebracht und dort grotesken sexuellen Ritualen unterzogen worden. Diese Aussagen waren unter Anleitung einer skrupellosen Therapeutin zustande gekommen.
Verachtung für die Meinungsfreiheit. Steinem trug maßgeblich dazu bei, dass die Frauenbewegung sich den spaltenden Feldzug gegen Pornografie zu eigen machte. Ihre Neigung zur Zensur erstreckt sich jedoch auch auf politische Äußerungen. Im vergangenen Jahr verfasste sie gemeinsam mit den Mitstreiterinnen Robin Morgan und Jane Fonda, mit denen zusammen sie das Women's Media Center gegründet hat, einen Gastbeitrag auf CNN.com, in dem sie die Rundfunkaufsicht FCC aufforderte, jenen Radiosendern die Lizenz zu entziehen, die Rush Limbaughs Sendung ausstrahlen. Sie warfen Limbaugh "giftige, hassschürende Rede" vor und beklagten, er verstecke sich seit zwanzig Jahren hinter dem Ersten Verfassungszusatz. Während das Trio urkomischerweise behauptet, seine Haltung sei "nicht politisch", merkte der Verfassungsrechtler Eugene Volokh von der UCLA an, sie drängten die FCC dazu, Limbaughs Rede aufgrund der darin ausgedrückten Ideologie einzuschränken – und genau das habe der Supreme Court zu Recht für unzulässig erklärt.
Reflexhafte Parteilichkeit. Steinems Solidarität mit Frauen endet an der Parteilinie. 1993 flog sie nach Texas, um gegen die damalige Senatskandidatin Kay Bailey Hutchison zu kämpfen, eine gemäßigte, abtreibungsfreundliche Republikanerin, die sie als "Frauendarstellerin" verunglimpfte.
Steinem ist eine unbestreitbar talentierte und charismatische Frau, und ihre Botschaft kommt oft in ansprechenden Begriffen wie weibliche Selbstermächtigung, Freiheit und elementare Fairness daher. In der Praxis aber befördert ihr Wirken weit weniger positive Werte. Hier wird jemand mit der Freiheitsmedaille ausgezeichnet, der Angriffe auf die Meinungsfreiheit unterstützt und an der Inhaftierung Unschuldiger mitgewirkt hat.
Hätte der Präsident die feministische Bewegung ehren wollen, wäre eine posthume Auszeichnung für Betty Friedan, die Autorin von "Der Weiblichkeitswahn", die weit bessere Wahl gewesen. Friedan hat bei allen eigenen Fehlern zu Recht davor gewarnt, sich antimännliche und antifamiliäre Ideologien zu eigen zu machen, die das Verhältnis der Geschlechter als Klassenkampf begreifen. Steinem ist eine Klassenkampf-Feministin. Indem Obama sie ehrt, signalisiert er, welches Gewicht der organisierte Feminismus für die demokratische Wählerbasis hat – zugleich aber stärkt er die Vorstellung, wir befänden uns in einem "Krieg gegen Frauen", in dem die Geschlechterkrieger unsere letzte Verteidigungslinie seien.
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