1. "Im Gegensatz zu Ihnen hat die Ladipo wohl einen Lauf", schreibt mir einer meiner Leser und schickt mir ein halbes Dutzend Artikel unter anderem von FAZ und "Zeit", die Eva Lapidos neuem Buch "Not am Mann" große Artikel widmen – einem Buch, das heute erscheint und das passagenweise Positionen wiederholt, die Männerrechtler wie ich seit fast 30 Jahren vertreten. Vorgestern hatte ich hier schon einen Artikel der "Welt" verlinkt, der Lapidos Buch zum Thema machte. "Machen Sie sich nichts daraus Herr Hoffmann", schreibt mir mein Leser weiter. "Sie waren einfach mit den falschen Themen, zur falschen Zeit, am falschen Ort mit dem falschen Geschlecht."
Ladipo und ich haben allerdings nicht ganz denselben Zungenschlag. Beispielsweise würde ich Männer nicht als "Monster" bezeichnen. Trotzdem sagt sie in ihrem vom Redaktionsnetzwerk Deutschland veröffentlichten Beitrag
"Toxische Männlichkeit: Die Monster, die wir schufen" viel Richtiges:
Die Zufriedenen und Nicht-Wütenden, also die Hüter des Status Quo, erklären die neuartige Lust an der Zerstörung gern für irrational und die Wütenden für dumm. Alles Idioten. Verblendete, Rechtsradikale. Demokratiefeinde. Rassisten. Sexisten. Frauenfeinde. Schwulenhasser. Verschwörungstheoretiker. Nazis. Doch diese Einstellung ist nicht nur überheblich, sondern auch gefährlich, denn damit lässt sich niemand zurückgewinnen. Wer für dumm erklärt wird, wird noch wütender und wendet sich erst recht ab. Konstruktiver ist es, nach den Ursachen der Wut zu suchen, weil Klarsicht zumindest theoretisch die Möglichkeit eröffnet zu retten, was noch zu retten ist.
(…) "Die Nachfrage nach männlichen Partnern ist aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und der kulturellen Liberalisierung krass gefallen", warnt die britische Geschlechterforscherin Alice Evans. Viele Männer sind dadurch das geworden, was die internationale Forschung "double losers" nennt. Sie sind doppelte Verlierer, die weder Arbeit noch Partnerin finden. Sie haben nicht nur mit dem Verlust von sicheren Jobs, bezahlbarem Wohnraum und Ansehen zu kämpfen, sondern auch mit Einsamkeit und sozialer Isolation. (…) In Deutschland ist die Selbstmordrate von jungen Männern mehr als viermal höher als die von jungen Frauen. Und in den USA hat sich die Zahl der "Deaths of Despair", die auf Drogen, Alkohol oder Freitod zurückzuführen sind, unter Männern der Arbeiterschicht seit 1991 mehr als verdreifacht.
(…) Der Schaden, den diese Identitätspolitik anrichtet und die Wut, die sie entfacht, sind schwer zu überschätzen. Von der Globalisierung überforderte, unter sinkenden Löhnen leidende, sich abrackernde und von Armut bedrohte Männer werden nicht nur weitgehend ignoriert von ihren ehemaligen Fürsprechern – von den Grünen und der SPD in Deutschland, von Labour in Großbritannien, von den Demokraten in den USA. Das allein wäre folgenschwer genug. Sondern die Verluste reichen tiefer: Im Verlauf weniger Jahre und ohne eigenes Zutun sind Männer in den Augen linker Aktivisten von potenziellen Opfern wirtschaftlicher Ausbeutung zu potenziellen Tätern mutiert. Der moderne Fokus im Kampf gegen Ungerechtigkeit bedeutet, dass ein großer Teil der Bevölkerung als im Zweifel frauenfeindlich, rassistisch, homophob, nicht umweltbewusst, nicht achtsam und ungeschliffen wahrgenommen wird.
(…) Was diese Verluste im Hinblick auf die Wut, die sich daran entzünden sollte, besonders verhängnisvoll macht, ist ihr Timing: Objektiv betrachtet haben Männer nämlich seit mehreren Generationen gelernt, Frauen (nicht gleichberechtigt und beileibe nicht perfekt, aber) besser zu behandeln, als ihre Vorväter es taten. Weibliche Selbstbestimmung war nie größer, männliche Dominanz nie geringer. Frauen vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren – erst recht vor einem Jahrhundert oder zwei – haben von Männern wie heute nur träumen können. Die Identitätspolitik erklärt "toxische Männlichkeit" also ausgerechnet in dem Moment zum Problem, in dem sich der westliche Mann weniger toxisch benimmt denn je.
Fast denselben Text hat die FAZ unter der Überschrift
"Es gilt als cool zu sagen: Männer sind Müll" veröffentlicht – garniert mit dem Bild eines Mannes mit weit aufgerissenem Mund; er scheint irgendetwas zu schreien. In der Druckausgabe der Frankfurter Allgemeinen kommt die Verachtung noch stärker zum Ausdruck. Dort heißt es zum Mann, als ob er ein einzelnes Individuum wäre: "Was hat er nur, was quält ihn so und warum will er alles kaputt machen?" Erst nach dieser sexistischen Breitseite geht es los mit dem Artikel. Vielleicht macht das den Unterschied zwischen uns beiden: Ladipo lässt die Leitmedien ihre Abwertung von Männern beibehalten, aber sie erklärt, warum Männer von "so viel Frust und Hass" getrieben seien, wie es in der Einleitung des Online-Artikels der FAZ heißt.
"Sind Männer wirklich so toxisch?" betitelt die "Zeit" einen weiteren Beitrag Ladipos. Im Anreißer heißt es: "Männer werden oft allgemein zum Problem erklärt. Dabei verhalten sich die meisten besser als ihre Väter. Wer pauschal abwertet, hilft niemandem – auch nicht den Frauen."
"Um es gleich zu sagen: Ich mag Männer", schreibt Ladipos im ersten Satz dieses Textes, um dann zu erklären:
In der Frühphase des wütenden Manns erlag auch ich der Versuchung, ihn auszulachen. Angeblich war es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis er aussterben würde. Er sei alt und weiß, hieß es. Ein Problem, das sich demografisch von selbst lösen werde. Ein Auslaufmodell, dessen einzig verbliebene Funktion darin bestand, in zahllosen Büchern, Filmen und Theaterstücken verspottet zu werden. Ein Pantoffelheld, der sich wie jener fremdenfeindliche Sachse von dem legendären Spruch zurückpfeifen ließ: "Hase, du bleibst hia!" Doch dann erstarb das Lachen. Der Witz war vorbei, weil der Rechtsruck nicht wie erwartet mit den Alten zu Grabe getragen wurde, sondern im Gegenteil: erstarkte.
Von der Witzfigur ist der Mann also zum Gegner geworden. Das erinnert fast zwingend an eine Äußerung, die (fälschlich) Gandhi zugeschrieben wird, und die ich im Lauf der Jahrzehnte immer wieder zitiert habe: "Erst ignorieren sie dich. Dann lachen sie über dich. Dann bekämpfen sie dich. Dann gewinnst du."
In Ladipos Beitrag für die "Zeit" folgen Passagen, die wir schon aus den anderen Artikeln kennen. Offenbar wurde derselbe Auszug ihres Buchs vom Reclam-Verlag verschiedenen Redaktionen zugesandt, und viele Zeitungen drucken ihn jetzt mit minimaler Veränderung ab. Und nicht nur die Zeitungen: Ladipos Haltung ist so stark mit dem radikalen Feminismus kompatibel, dass sie auch in Alice Schwarzers "Emma" einen Gastbeitrag veröffentlichen darf, der genau Schwarzers Marotten trifft. Darin heißt es: "Etwa zur selben Zeit machte die britische Produktion 'Adolescence' zum Thema, wie lebensgefährlich frauenverachtende Pornos sein können." (In "Adolescence" geht es nicht um Pornos.)
Es ist klar, warum sich die Zeitungen auf Ladipo stürzen und Männer, die seit Jahrzehnten vor dieser Entwicklung warnen, ignorieren: Ladipos Botschaft lautet im Kern nicht, dass Männer gar nicht so schlimm seien, sondern dass sie wirklich eine Bedrohung darstellen, dass sich diese Bedrohung aber womöglich einfangen ließe, wenn sich, wie es in der FAS heißt, Frauen zu "besseren Gewinnerinnen" im Geschlechterkampf erklären würden. Es ist das übliche Gefälle mit der Annahme von Frauen als besseren Menschen, und deshalb ist es für unsere Leitmedien so attraktiv. Das Erfolgsrezpt besteht darin, über Männer so zu schreiben, dass es eine bestimmte weibliche Zielgruppe erreicht.
Aktuell verkünden also Leitmedien, dass man Männer nicht pauschal abwerten solle, während sie Männer pauschal abwerten. Ich bin gespannt, welche Kapriolen diese Debatte noch schlagen wird.
2. Unter der Überschrift
"Das umstrittene Geschlecht" hat "Die Welt" ein Interview mit der Entwicklungspsychologin Angela Ferrara veröffentlicht. Was man darin liest, kennt man schon: Die "algorithmenverstärkte Radikalisierung von Jungen und jungen Männern durch Männlichkeits-Influencer und die Manosphere" nehme zu, Frauen, die emotional für ihre Partner da sind, bewältigen die schwere Last des "Mankeeping", "toxische" Männer zeichnen sich durch "Dominanz, Aggressivität, Risikobereitschaft und Individualismus" aus, Männer werden immer extremer: "Ein neuer Bericht des King’s College Global Institute for Women’s Leadership zeigt, dass 24 Prozent der Männer der Generation Z die Meinung vertreten, dass Frauen nicht zu selbstständig oder unabhängig auftreten sollten, verglichen mit zwölf Prozent der Männer der Babyboomer-Generation." (Die Zahlen resultieren in erster Linie durch Staaten wie Indonesien und Malaysia, was Ferrara nicht erklärt.)
3. Ein weiteres Thema in zahllosen Artikeln ist aktuell Louis Theroux anderthalbstündige Dokumentation "Into the Manosphere". Ich habe sie mir gestern Abend angesehen und fand sie durchaus aufschlussreich. Beispielsweise stellt Theroux bei Minute 18 klar:
Ein Großteil der Manosphere besteht aus relativ unumstrittenen Comedians und
Podcastern, die sich vor einem überwiegend männlichen Publikum mit Themen wie Frauen, Fitness und Reichtum beschäftigen. An ihren Rändern befindet sich jedoch eine Gemeinschaft von Publizisten mit extremeren Ansichten.
An. Ihren. Rändern. Diese Klarstellung kommt durchaus überraschend in einer Medienlandschaft, die die "Manosphäre" insgesamt verteufelt und auch seriöse Männerrechtler in denselben Sack steckt, um darauf einzuprügeln. Tatsächlich schaut Theroux bei vier
Knallchargen sehr extremen Individuen vorbei. Sicherlich würde die deutsche Berichterstattung den Unterschied zwischen "die Manosphäre" und vier radikalen Randfiguren aufgreifen? Schauen wir mal.
"taz":
"In seiner neuen Netflix-Dokumentation 'Inside the Manosphere' setzt sich Theroux mit der sogenannten Manosphere auseinander – einem Netzwerk von Influencern, die ein dominantes Männlichkeitsideal propagieren und ihren Anhängern Geld, Ansehen, Erfolg und Frauen versprechen. (…) Ob die Doku für Männer, die längst in der Manosphere wandeln, ein Weckruf sein kann? (…) Dennoch ist "Inside the Manosphere" ein wichtiges Dokument einer Zeit, in der Homophobie, antisemitische Verschwörungserzählungen und extremer Frauenhass besonders unter jungen Männern zu einer normalen Weltanschauung gehören."
SRF:
"Doch sobald Theroux leicht an der Oberfläche kratzt, hört man etwas anderes: Kränkung, Panik, Trotz. Der Tonfall der Manosphere ist der eines Beleidigten, der sich für seinen Groll mit Reichweite entlohnen lässt."
Stern:
"Darin taucht der britische TV-Journalist Louis Theroux in die Welt der Manosphere ein - eine Online-Realität mit frauenverachtenden Kerlen, die zerstörerische Männerbilder in die Köpfe ihrer oft sehr jungen Follower pflanzen. (…) Warum sind sie so, wie sie sind? Die Antwort darauf ist keine simple. Im Laufe des Films porträtiert Theroux die Manosphere als eine Art Konglomerat aus Frauenverachtung, Fitness, Pornografie, Kryptowährungen, Homofeindlichkeit und Verschwörungsideologien."
Der Standard:
"Es gibt Serien und Filme, die schaut man sich gern an. Bei Louis Theroux: 'Inside the Manosphere' auf Netflix habe ich mich überwinden müssen. Der Reporter taucht in eine Welt, von der ich lieber nichts wüsste. Männer und Frauen im Reich der Manosphere, die Influencerszene, die sich primär mit Männlichkeit, Männerrechten und der Ablehnung des modernen Feminismus beschäftigen."
Also keine Differenzierung. Typisch, aber schade.
In der Dokumentation wird sehr deutlich, warum und auf welchem Weg sich die porträtierten Männer so entwickelt haben. Einer hat seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Vater, was ihn sichtlich belastet, obwohl er es abstreitet. Ein anderer erklärt, er glaube nicht an so etwas wie Depressionen. Kurz darauf erwähnt er, dass sich sein Bruder das Leben genommen hat. Ein weiterer, Justin, ist in einem Haus aufgewachsen, das eher einer Baracke ähnelt, und erzählt folgendes aus seiner Kindheit: "Es gab viel Gewalt. Meine Mutter kam manchmal einfach rein und fing an, auf ihn einzuschlagen. Das war echte Wut. Wir sind hier eigentlich gar nicht weit von der Stelle entfernt, an der sie diese Häuser niedergebrannt hat." Das hat sie Justins Darstellung nach getan, um Versicherungsgelder einzustreichen. Justins Vater hielt sie davon ab, seine Kinder zu sehen.
Theroux zieht ein Fazit, das von den deutschen Medien an den Rand geschoben wird: "Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass Influencer, die noch immer die Wunden ihrer Kindheit trugen und brutale Strategien der Selbstständigkeit erlernen mussten, ihr Trauma auf die Welt um sie herum projizierten." Diese Influencer, die oft aus ärmsten Verhältnissen stammen, haben gelernt, dass sie umso mehr Klicks generieren und umso reicher werden, je extremer die Inhalte sind, die sie anbieten. Aufgrund dieser Verwertungslogik entwickeln sie ihre Beiträge.
Es gibt nur wenige Passagen, wo Theroux es bei seiner Darstellung vermasselt. Einer davon ist leider ausgerechnet die Schlussminute, wo er einigen Unfug dieser Typen zusammenschneidet, unter andem Andrew Tates Phantasie, Permierminister Großbritanniens zu werden, und die Phantasie eines anderen, er und seine Jungs hätten verhindert, dass Hillary Clinton Präsidentin geworden wäre. Diese Äußerungen nimmt Theroux plötzlich ernst, um daraus eine allgemeine gesellschaftliche Bedrohung zu konstruieren:
"We are all increasingly inside the manosphere."
Hier übernimmt Theroux die Verwertungslogik der Menschen, die er kritisiert, dass nämlich Beiträge ins Groteske zugespitzt werden müssen, um ordentlich Aufmerksamkeit einzufahren. Es ist dieselbe Logik, an der sich die oben zitierten Leitmedien orientieren – Medien, an deren Arbeitsweise sich die von Theroux gezeigten Influencer ebenfalls orientiert haben dürften: Wer am meisten auf die Kacke haut, wird mit der größten Aufmerksamkeit belohnt. Die Leitmedien brüllen ein verzerrtes Männerbild in die Öffentlichkeit, die porträtierten Influencer brüllen ihr eigenes entgegen.
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