Sexismus der Woche: "Braune Haare, rehbraune Augen"
Viele von euch werden es mitbekommen haben, denn für etliche Blätter ist es ein Top-Thema: Manuel Hagel, Spitzenkandidat der CDU in Baden-Württemberg, steht gerade im Zentrum eines "Sexismus-Skandals" – wohl kaum zufällig kurz vor der Landtagswahl. Grund für den Wirbel ist ein acht Jahre altes Interview, in dem er berichtete, wie er im Alter von 29 Jahren eine Schule besuchte und dabei eine Schülerin wegen ihrer braunen Haare und rehbraunen Augen besonders attraktiv fand. Ein Video dieses Interviews wurde jetzt von der Grünen-Politikerin Zoe Mayer hochgeladen, deren Partei die Herrschaft im Ländle zu verlieren droht, wenn man den aktuellen Meinungsumfragen glauben darf.
Mayer behauptet, ihr politischer Gegner habe mit seinen Worten eine Minderjährige zum Objekt gemacht: So etwas könne junge Frauen davon abschrecken, in die Politik zu gehen. Grünen-Bundesparteichef Felix Banaszak ist auch ganz betroffen: Mayer habe öffentlich gemacht, womit junge Frau regelmäßig konfrontiert seien. Der AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmeier stimmt zu und bezeichnet die Äußerungen Hagels als "abnormal".
Wenig überraschend ist auch ein Großteil der Presse aus dem Häuschen: Vom Spiegel über die Zeit und Süddeutsche bis zur Berliner Morgenpost äußern alle Entsetzen und Abscheu über Hagels angeblichen "Sexismus" beziehungsweise die "Sexualisierung Minderjähriger". Die "Welt" zieht gar eine Parallele zur massenhaft erfolgten Vergewaltigung Gisele Pelicots und findet, die Wertschätzung rehbrauner Augen gehöre ins Jahr 1958. (Knapp vier von fünf Lesern können sich diesem Artikel nicht anschließen, was seltsam ist, wenn fast sämtliche großen Zeitungen in derselben Tonlage berichten.)
Der Furor ist einmal mehr derart übergreifend, dass man sich kaum traut eine abweichende Meinung zu äußern, denn dan wäre man ja "Teil des Problems", also anscheinend einer Form von sexueller Gewalt. Wenn jemand doch eine Gegenstimme erhebt, kann man es sich leisten, ihn argumentfrei niederzumachen. "Es ist natürlich unverzeihlich, dass er gesagt hat, dass Mädchen hatte braune Augen/war hübsch. Wie bescheuert seid ihr?" fragt fassungslos eine Frau namens Claudia Paddington auf X (Twitter) und erhält für diese Aufmüpfigkeit natürlich sofort die Antwort: "Der kognitive Verfall im Alter ist nie ein leichter Prozess. Hoffentlich haben Sie ein stabiles soziales Netz, welches Ihnen helfen kann. Reden Ihre Kinder noch mit Ihnen?" Damit gilt dieser Einwand als ausdiskutiert.
Einmal mehr habe ich den Eindruck, Teilnehmer eines besonders absurden Theaterstücks zu sein.
Die Skandalisierung von Manuel Hagels Äußerung offenbart mehr über den Zustand unseres politischen Diskurses als über den Politiker selbst. Was hier als Aufklärung über sexistisches Fehlverhalten verkauft wird, ist in Wahrheit ein Lehrstück in selektiver Empörung und der Kunst, aus einer harmlosen menschlichen Beobachtung eine Moralkeule zu schmieden. Hagel beschrieb vor acht Jahren eine Begegnung mit einer Schülerin durch ihre äußeren Merkmale – eine Erinnerung, die weder anzüglich noch herabwürdigend formuliert war, sondern lediglich den Versuch darstellte, einen persönlichen Moment lebendig zu schildern. Seine Äußerung war weder "sexuell" (dass bereits die Wahrnehmung der Haare einer Frau als anstößig gilt, kenne ich sonst nur aus dem arabischen Raum) noch war sie "abschreckend", sondern eine harmlose, jugendliche Anekdote ohne jegliche Schäden. Hagel, damals 29, schilderte 2018 einen Schulbesuch mit angeblichen 80 Prozent Mädchen begeistert als "schöner Termin". Er lobte die Atmosphäre und beantwortete eine Schülerfrage zur Politik. Keine direkte Ansprache, keine Nachstellung – die Betroffene ist bis auf ihren Vornamen anonym, und nach acht Jahren meldet sie sich nicht als traumatisiertes Opfer.
Die Grünen finden nun, Worte wie die von Hagel zeigten, womit junge Frau "regelmäßig konfrontiert" seien. Mit Komplimenten über ihr Aussehen? In der Erinnerung? Anonymisiert? Das schreckt Frauen davon ab, in die Politik zu gehen? Wie fragil sind Frauen eigentlich in der Vorstellung der Grünen?
Dass wir heute daraus einen Skandal konstruieren müssen, spricht nicht für gestiegene Sensibilität, sondern für eine alarmierende Tendenz zur Sprachreglementierung, bei der jede Beschreibung einer Frau durch einen Mann automatisch unter Verdacht der "Sexualisierung" steht.
Die politische Instrumentalisierung dieses Vorfalls ist dabei so durchschaubar wie zynisch. Dass ausgerechnet die Grünen – die erfundene Belästigungsvorwürfe in ihren eigenen Reihen immer noch nicht bewältigt haben – hier den Moralapostel spielen, entlarvt die ganze Operation als das, was sie ist: ein wohlkalkuliertes Wahlkampfmanöver. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung, knapp eine Woche vor der Landtagswahl, ist kein Zufall, sondern strategische Kalkulation. Wer glaubt, dass es hier um den Schutz von Minderjährigen oder um feministische Aufklärung geht, sollte sich fragen, warum dieselben Stimmen acht Jahre lang geschwiegen haben. Offenbar galt die angebliche Entgleisung erst dann als skandalträchtig, als sie sich politisch ausnutzen ließ.
Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack. Ein Politiker, der sich für einen unbedarften Satz aus seiner frühen Karriere entschuldigen muss, während echte strukturelle Probleme in der Debatte untergehen: von der Benachteiligung der Jungen (warum waren eigentlich 80 Prozent in dieser Schulklasse Mädchen?) über die Unterfinanzierung von Schulen bis zur prekären Lehrersituation. Die Hagel-Affäre ist kein Triumph des Feminismus: Sie ersetzt die Auseinandersetzung mit wirklicher Diskriminierung durch eine oberflächliche Semantikkontrolle, die letztlich nur jene entlastet, die sich auf die richtigen Schlagworte berufen können, ohne je Handlungsverantwortung zu übernehmen. Die spontane Rede wird von der Moralpolizei erstickt. Man darf mit einer 16jährigen Sex haben, wenn sie in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu einem steht, aber wehe man erwähnt gefühlsbeseelt, dass einem ihre rehbraune Augen gefallen haben.
Warum steigern sich zum wiederholten Mal etliche Medien in denselben Furor hinein, als ob sie gleichgeschaltet wären? Ich sehe da vor allem folgende Gründe:
1. Ökonomische Zwänge und Aufmerksamkeitsökonomie: Nicht zuletzt die Printmedien leiden stark unter der aktuellen wirtschaftlichen Stagnation. Deshalb kämpfen sie unter Bedingungen permanenter Konkurrenz um Reichweite. Ein "Skandal" mit klaren Gut-und-Böse-Figuren, visuellem Material (das Interview steht online) und Wahlkampf-Countdown ist ein narratives Hochglanzprodukt – unabhängig von seiner substanziellen Tragweite. Die Entscheidung, Hagels Aussage prominent zu platzieren, folgt dabei weniger einer moralischen Überzeugung als einer ökonomischen Notwendigkeit: Konflikt generiert Klicks, Klicks generieren Werbeeinnahmen.
2. Meidung von Akquisitionsrisiken: Medien, die die Skandalisierung ignorieren oder gar bestreiten würden, liefen Gefahr, selbst ins Visier der Kritik zu geraten. In einer Zeit, in der Redaktionen durch Social Media unmittelbar zur Rechenschaft gezogen werden, ist die sicherste Position die der Mitläufer. Die vermeintliche Mehrheitsmeinung ist daher oft eine selbstverstärkende Scheinmehrheit: Jeder vermutet, dass die anderen es ernst meinen, und schließt sich vorsichtshalber an. Wer hier als "Sexismus-Apologet" gebrandmarkt wird, riskiert nicht nur Anzeigenboykotte, sondern auch interne Konflikte in Redaktionen, die sich feministisch korrekt positionieren.
3. Ein spezielles Milieu: Die journalistische Zunft ist nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. In urbanen, akademischen Milieus, aus denen Reporter und Kommentatoren überproportional rekrutiert werden, haben sich spezifische Sprachnormen etabliert, die als selbstverständlich gelten – auch wenn sie außerhalb dieser Blasen als überzogen wahrgenommen werden. Hagels Formulierung mag für breite Bevölkerungsschichten unauffällig klingen; in bestimmten redaktionellen Räumen jedoch gilt sie als verstörend, weil dort eine spezifische akademische Feminismus-Rezeption vorherrscht. Die mediale "Mehrheit" ist hier möglicherweise eine Mehrheit einer Minderheit. (Dasselbe Phänomen gibt es in der rechten Presse auch: Statt "Sexismus" wird dort gerade diese Woche wie selbstverständlich das Wort "Antisemitismus" verwendet, sobald jemand die Greuel in Gaza anprangert. Es ist ein Kampf um die Deutungshoheit mit harten Bandagen, sonst nichts.)
4. Das Problem der nachträglichen Rationalisierung: Einmal in Gang gesetzt, entwickelt eine Skandalisierung eigene Dynamiken. Medien, die zunächst zurückhaltend berichteten, müssen sich der vermeintlichen "Entwicklung der Geschichte" anpassen, um nicht als "zu spät" oder "außerhalb des Diskurses" wahrgenommen zu werden. Was als vorsichtige Meldung beginnt, wird durch die bloße Wiederholung in anderen Medien zur selbstbestätigenden Wahrheit. Die scheinbare Einigkeit ist dann nicht das Ergebnis unabhängiger Urteilsbildung, sondern einer kollektiven Eskalation, aus der einzelne Akteure nur schwer aussteigen können.
Der vertraute Gleichschritt vieler Medien erklärt sich so aus einer Mischung aus ökonomischen Zwängen, sozialen Dynamiken und der Vereinfachungslogik des Zeitungsgeschäfts. Die Häufigkeit einer Meinung beweist nicht automatisch ihre Richtigkeit – sie zeigt manchmal vor allem, unter welchen Bedingungen sie verbreitet wird.
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