"Du bist von Natur aus schlecht, weil du ein Junge bist"
1. "Die Welt" hat den Psychologen Ben Hine von der Universität von West-London interviewt, der sich mit Themen wie Eltern-Kind-Entfremdung sowie den geschlechtsspezifischen Erfahrungen von Männern und Jungen befasst. Ein Auszug:
WELT: Vor wenigen Wochen demonstrierten Tausende Frauen in Hamburg wegen des Falls Collien Fernandes, und das Pelicot-Urteil wirkt noch immer nach. In diesem Klima präsentiert Ihre Arbeit eine Fülle von Statistiken über das Leid von Männern.
Ben Hine: Ich verstehe, warum es Menschen irritiert, mitten in all dem zu sagen: Wir sollten uns auch um Männer kümmern. Aber mein zentrales Argument ist, dass man das, was man gesellschaftlich beobachtet, gar nicht lösen kann, ohne sich damit auseinanderzusetzen, wo Männer herkommen und warum sie am Ende das tun, was sie tun. Männer stellen die große Mehrheit bei Suiziden, Arbeitsunfällen mit Todesfolge, bei Wohnungslosigkeit und in der Gefängnispopulation. Betrachtet man diese Themen losgelöst vom Geschlecht, müssten sie eigentlich ganz selbstverständlich unser Mitgefühl wecken.
WELT: Lange bevor Männer in Statistiken überrepräsentiert sind – sowohl als Opfer als auch als Täter – starten sie ihr Leben als Jungen. Wenn Sie an eine alleinerziehende Mutter mit einem schweigsamen Sohn denken, der nicht klagt, bei dem sie aber spürt, dass er tief in sich unglücklich ist: Was würden Sie ihr sagen wollen, über die Gefühlswelt ihres heranwachsenden Sohnes?
Hine: Er fühlt sich verloren – so würde ich die Lage vieler Jungen im Moment beschreiben. Ich habe selbst einen Sohn, einer der Gründe, weshalb ich so leidenschaftlich für dieses Thema bin. Ich bin Vater eines Jungen, eines Mädchens und eines weiteren Mädchens, das unterwegs ist – ich bekomme also alle Perspektiven ab. Was ich festgestellt habe: Über Jungen statt über Männer zu sprechen, ist oft ein Einstieg in das Gespräch für Menschen, die sonst abschalten würden. Plötzlich ist ihnen das Thema nah – weil es persönlich wird. Wenn ich also mit einer alleinerziehenden Mutter oder einem Elternteil sprechen würde, würde ich sagen: Ihr Sohn fühlt sich wahrscheinlich sehr verloren, was seine Rolle betrifft. Und ich glaube wirklich nicht, dass Mädchen sich gerade in derselben Lage befinden.
(…) WELT: Was meinen Sie mit einem unausgewogenen Dialog über das Geschlecht?
Hine: Nehmen wir den Ansatz, der in Workshops an britischen Schulen verfolgt wird. Der ist wichtig, konzentriert sich aber fast ausschließlich auf die Erfahrungen von Frauen und Mädchen. Jungen werden lediglich als das Problem behandelt – statt sie auch als Teilnehmer eines Systems zu sehen, das auch sie einschränkt. Wir laden Jungen nicht auf produktive Weise in dieses Gespräch ein.
(…) Wenn Männer immer wieder als das Problem dargestellt werden statt als Menschen, die Probleme haben, werden sie sich in diesem Gespräch nicht zugehörig fühlen. Wenn Jungen aus Workshops über Geschlechterrollen in britischen Schulen kommen, fühlen sich viele von ihnen einfach schlecht. Es gibt keinen produktiven Ausweg, keinen Weg nach vorn. Die Botschaft lautet im Wesentlichen: Du bist von Natur aus schlecht, weil du ein Junge bist – versuche, es besser zu machen. Es gibt keine Erzählung darüber, das System zu dekonstruieren, das ihnen ihr Geschlechterbild eingetrichtert hat, und keine Vision davon, wie eine positive männliche Identität tatsächlich aussehen könnte.
2. Es ist ein weltweites Problem. Auch an Australiens Universitäten macht man sich Sorgen um das Geschlechtergefälle:
In den vergangenen Jahrzehnten lag der Schwerpunkt darauf, mehr junge Frauen für ein Hochschulstudium zu gewinnen. Dabei ist es gelungen, eine geschlechtsspezifische Kluft zu schließen – nur um eine andere aufzureißen.
Tausende junge Männer bleiben von der Universität und damit von lebensverändernden Chancen ausgeschlossen: bessere Karrieren, höher bezahlte Jobs und gesellschaftlicher Aufstieg.
Australien steht inzwischen vor einer Generation "verlorener Jungen", da junge Männer nicht nur an den Hochschulen, sondern im gesamten Bildungssystem zurückfallen.
(…) Der Forscher David McCloskey machte bereits im vergangenen Jahr auf diese Ungleichheiten aufmerksam und hob ein zweigleisiges Hochschulsystem hervor, das entlang von Geschlecht und Schulbildung verläuft.
Seine Analyse ergab, dass landesweit ein Drittel der Männer im Alter von 25 bis 34 Jahren über einen Bachelorabschluss oder einen höheren akademischen Grad verfügt, verglichen mit 46 Prozent – also nahezu der Hälfte – aller Frauen. Die Kluft wächst weiter.
(…) Offenkundig haben sowohl das Geschlecht als auch die besuchte Schule erheblichen Einfluss darauf, ob jemand einen Universitätsabschluss erlangt – und damit die Eintrittskarte zu einem besseren Leben.
Das wirft grundlegende Fragen nach der Fairness unseres Bildungssystems auf. Es bietet nicht jedem Australier die gleichen Chancen, durch harte Arbeit und Bildung seine Lebenssituation zu verbessern.
Zugleich schrillen die Alarmglocken hinsichtlich der Fähigkeit junger Männer, sich in einer rasch wandelnden Welt zu behaupten. Neun von zehn neuen Arbeitsplätzen, die im kommenden Jahrzehnt entstehen, werden eine nachschulische Ausbildung voraussetzen. Das deutet auf eine Generation von Männern hin, die von den besten neuen Jobs ausgeschlossen bleibt – mit wachsenden Risiken für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn sich immer mehr Menschen von der Gesellschaft zurückgelassen und um eine faire Chance gebracht fühlen.
(…) Es ist gelungen, junge Frauen für die Hochschulen zu gewinnen. Nun ist es an der Zeit, jungen Männern dieselben Chancen zu eröffnen, um aufzuschließen.
Das sagen wir Männerrechtler seit Jahrzehnten. Es ist bemerkenswert: International wird jungen Männern zunehmend die Chance auf eine glückliche Zukunft verbaut. Doch sie leiden still. Gleichzeitig führen sich Frauen auf, als wären sie die Geschundenen dieser Erde und würden von einem dämonischen "Patriarchat" unterdrückt.
3. Der Literaturkritiker Denis Scheck hat sich zu den Sexismusvorwürfen geäußert, die Sophie Passmann, Elke Heidenreich & Co. gegen ihn gerichtet haben:
Als Reaktion darauf bemühte Scheck einen Spruch des Physikers und Literaten Lichtenberg. "Georg Christoph Lichtenberg sagte, glaube ich mal, wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es hohl klingt, dann muss es nicht unbedingt am Buch liegen", sagte Scheck, als er bei der Vorstellung des Programms für das Literaturfestival LIT:potsdam gefragt wurde, ob er nach den Vorwürfen Schaden am Festivalprojekt befürchte. "Das trifft auch beim Zusammenstoß einer Literaturkritik und eines Kopfes in meinen Augen zu."
Währenddesen hat sich der deutsche Schriftstellerverband PEN zu den teils unterirdischen Attacken auf Scheck geäußert:
Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wenn Autorinnen und Autoren – wie jetzt Sophie Passmann, ebenfalls Mitglied des PEN Berlin, Elke Heidenreich und Ildikó von Kürthy – die Verdikte und Urteile der Literaturkritik in Frage stellen, ihnen widersprechen und es mithin den Kritikern mit gleicher Münze heimzahlen, ist dies nicht nur ihr gutes Recht. Es schafft überhaupt erst jenes produktive Reizklima, in dem das Gespräch über Bücher zur leidenschaftlichen Debatte wird.
Bücher leben von dieser Form der öffentlichen Auseinandersetzung. Marcel Reich-Ranicki zerriss einst – it’s legend – auf dem Cover des Spiegel Günter Grass’ Roman "Ein weites Feld" in Fetzen. Das war nicht schön, das war nicht angemessen, das war nicht pädagogisch wertvoll und es war vielleicht nicht einmal gerecht, aber es war eben Literaturkritik. Wir brauchen Orte auch der scharfen Auseinandersetzung darüber, was gut und was schlecht ist. Und an dieser Debatte darf sich jeder beteiligen.
"Es gibt aber einen himmelweiten Unterschied, ob man sich im Vertrauen auf das bessere Argument an einer Debatte beteiligt – auch an einer Debatte über Literaturkritik und Sexismus – oder ob man fordert, den bösen Mann endlich vor die Tür zu setzen", sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. "Darum hoffen wir sehr, dass die Verantwortlichen bei der ARD dem Druck, der gegenwärtig auf sie ausgeübt wird, standhalten, anstatt Druckfrisch wegen des aktuellen Streits – womöglich mit etwas Karenzzeit, damit’s nicht so auffällt – einzustellen."
Ich habe dem PEN bereits für diese Wortmeldung gedankt, der auch meine Meinungsfreiheit als Autor schützt. Es kann nicht angehen, dass einige wortmächtige Platzhirschinnen ("Platzkühe"?) der deutschen Literaturszene auf derartige Weise gegen unerwünschte Kritik holzen.
4. Die Post. Einer meiner Leser macht mich auf einen Artikel der "taz" über den zukünftigen Vorsitz der Partei Die Linke aufmerksam, nachdem Jan van Aken seinen Rücktritt angekündigt hat. Ein Auszug aus dem Interview, das die "taz" mit dem Parteimitglied Katalin Gennburg dazu führte:
taz: Wie wär’s mit einer weiblichen Doppelspitze?
Gennburg: Davon bin ich grundsätzlich ein großer Fan.
taz: Gibt es in der Linken aktuell mehr geeignete Frauen oder mehr geeignete Männer?
Gennburg: Ach, ich glaube, das hält sich die Waage. Es gibt eigentlich nie mehr geeignete Männer.
Mein Leser schreibt mir dazu:
Es geht einfach nie ohne Abwertung des Männlichen bei den Feministinnen. Sechs Linke-Abgeordnete wurden direkt im Wahlkreis gewählt, haben sich also bei einer individuellen Personenwahl gegen die Konkurrenz durchgesetzt und konnten die Stimmbürger für sich begeistern. Von diesen sechs Abgeordneten der Linken sind fünf Männer. Die Aussage, es gäbe bei ihnen in der Partei nie mehr geeignete Männer als Frauen ist allein durch dieses Beispiel widerlegt und Ausdruck ihres ganz selbstverständlichen Männerhasses.
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