Versorger-Paradox: Warum Männer sich nach Maßstäben beurteilt fühlen, an die sie selbst nicht glauben
Im populärwissenschaftlichen Magazin Psychology Today hat der Finanz-, Ehe- und Familientherapeut Nathan Astle einen Artikel über die mentale Last vieler Männer veröffentlicht, die fast alle Beiträge über geschlechtsbezogene "mental load" unter den Tisch fallen lassen. (Auch einem ehemaligen Wissenschaftsmagazin wie "Quarks" fällt hier in einer seiner berüchtigten Bilderkacheln nur weltfremde Propaganda mit einer überlasteten Frau und einem unbekümmert vor sich hin pfeifenden Mann ein.) Deshalb bietet sich eine Übersetzung des Beitrags im Volltext an.
Wenn wir über die psychische Gesundheit von Männern sprechen, reden wir gewöhnlich über emotionale Verletzlichkeit, Einsamkeit oder die Zurückhaltung, Hilfe zu suchen – alles wichtige Themen. Dennoch gibt es noch ein anderes Thema, das häufig unbeachtet bleibt, aber großen Einfluss darauf hat, wie viele Männer sich jeden Tag selbst wahrnehmen: finanzieller Druck.
Als Finanztherapeut arbeite ich mit vielen Männern, die sich wegen Schulden, steigender Ausgaben oder einfach deshalb Sorgen machen, weil sie ihre Rechnungen bezahlen müssen. Oberflächlich betrachtet drehen sich diese Gespräche um Geld. Doch häufig steckt etwas sehr viel Tieferes dahinter.
Viele Männer stellen sich stillschweigend Fragen wie: Tue ich genug? Sorge ich ausreichend für meine Familie? Bin ich der Mensch, den meine Familie braucht?
Anlässlich des Monats der Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit von Männern arbeitete ich mit Beyond Finance an einer Umfrage, die zeigte, wie verbreitet diese Gefühle sind. Mehr als drei Viertel der Männer (77 Prozent) gaben an, dass ihnen in ihrer Kindheit beigebracht wurde, die wichtigste Aufgabe eines Mannes bestehe darin, für seine Familie zu sorgen. 82 Prozent glauben, dass die Gesellschaft noch immer erwartet, dass Männer die Haupt- oder Besserverdiener im Haushalt sind. Knapp sieben von zehn sagen, dass es heute schwieriger ist, diese Rolle auszufüllen, als es für ihre Eltern war.
Gleichzeitig trifft finanzieller Stress Männer hart. 42 Prozent sagen, dass sie finanziell nicht über die Runden kommen oder sich gerade so über Wasser halten. 65 Prozent geben an, dass Geldsorgen ihre Stimmung oder ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen.
Diese Zahlen sind wichtig, doch ein Ergebnis geht noch tiefer als die übrigen. Auf die Frage, was Erfolg für sie bedeutet, nannten Männer nicht zuerst Wohlstand, Status oder Einkommen. Stattdessen sagten sie, Erfolg bedeute eine gute psychische Gesundheit, starke Beziehungen, Sinn, Familie und eine ausgewogene Balance zwischen Beruf und Privatleben. Traditionelle Erfolgsmerkmale wie ein hohes Einkommen, Wohneigentum oder Bildung waren deutlich weniger wichtig.
Viele Männer sagten außerdem, dass sie kein Problem damit hätten, wenn ihre Partnerin mehr verdient, Betreuungsaufgaben geteilt werden oder Familienrollen flexibler gestaltet sind, als frühere Generationen es akzeptiert hätten. Trotzdem verspüren sie weiterhin Druck durch diese alten Erwartungen. Diese Diskrepanz kann erheblichen emotionalen Stress verursachen.
Viele Männer fühlen sich zwischen zwei Wirklichkeiten gefangen. Sie schätzen Beziehungen, Gesundheit, Sinn und Familie aufrichtig, fühlen sich gleichzeitig aber wegen ihrer finanziellen Situation von der Gesellschaft, von anderen und häufig auch von sich selbst beurteilt. Das führt zu einem ständigen Spannungsgefühl. Männer mögen verstandesmäßig wissen, dass ihr Wert nicht allein von ihrem Gehaltsscheck abhängt, und sich dennoch "nicht gut genug" fühlen, wenn traditionelle finanzielle Ziele außer Reichweite liegen.
Dieses Muster zeigte sich in der Umfrage immer wieder. Mehr als die Hälfte der Männer sagte, Geldprobleme hätten ihnen das Gefühl gegeben, den Erwartungen daran, "ein Mann zu sein", nicht gerecht zu werden. Viele erklärten, sie behielten ihre Geldsorgen für sich, weil sie das Gefühl hätten, alles unter Kontrolle haben zu müssen. Andere berichteten davon, sich isoliert zu fühlen, an sich selbst zu zweifeln und das Gefühl zu haben, die Last finanzieller Probleme allein tragen zu müssen.
Die heutigen wirtschaftlichen Realitäten machen die Lage noch schwieriger. Die Wohnkosten sind gestiegen. Die alltäglichen Ausgaben verschlingen einen größeren Anteil des Einkommens. Wirtschaftliche Unsicherheit ist allgegenwärtig. Viele Ziele, die für frühere Generationen erreichbar schienen, erfordern heute deutlich mehr Zeit, Geld und Stabilität.
Wenn die Erwartungen gleich bleiben, sich die Gesellschaft aber weiterentwickelt, machen Menschen sich häufig selbst für Dinge verantwortlich, die von größeren Kräften geprägt werden. Das kann für Männer besonders belastend sein, wenn sie ihr Selbstwertgefühl daran knüpfen, wie erfolgreich sie finanziell sind.
Eines der wichtigsten Dinge, die ich meinen Klienten sage, ist, dass ihre finanzielle Situation und ihr persönlicher Wert nicht dasselbe sind. Finanzielle Rückschläge können jeden treffen: Arbeitsplatzverlust, Arztrechnungen, Scheidung, schwierige wirtschaftliche Zeiten und plötzliche Notfälle können Menschen aus allen Lebensbereichen betreffen. Diese Dinge können Ihren finanziellen Verhältnissen schaden, aber sie definieren weder Ihren Charakter noch Ihren Wert oder Ihren Erfolg.
Die Männer, mit denen ich arbeite und die die größten Fortschritte machen, sind gewöhnlich diejenigen, die beginnen, sich selbst umfassender zu sehen. Sie hören auf, ihren Wert nach ihrem Einkommen zu beurteilen, und erkennen stattdessen den Beitrag, den sie als Partner, Väter, Mentoren, Freunde, Betreuende und Mitglieder ihrer Gemeinschaft leisten. Dieser Perspektivwechsel ist nicht so selten, wie es scheinen mag – und die Umfrage spiegelt das wider. Die meisten Männer sagten, dass ihnen psychische Gesundheit, Beziehungen, Sinn und Familie wichtiger seien als traditionelle Statussymbole. Die Herausforderung besteht nicht darin, eine neue Definition von Erfolg zu entwickeln. Die Herausforderung besteht darin, an sie zu glauben.
Die wichtigere Frage lautet nicht, ob sich Männer abrackern – die Daten sind diesbezüglich eindeutig. Stattdessen sollten wir uns fragen, ob die Erwartungen, die viele Männer mit sich tragen, noch zu den Realitäten des modernen Lebens passen und ob es an der Zeit ist, Erfolg auf eine Weise zu definieren, die gesünder, realistischer und sinnvoller ist.