Wie man mit elterlicher Entfremdung umgehen kann
In der populärwissenschaftlichen Zeitschrift Psychology Today, aus der ich hier immer wieder gern zitiere, beschäftigt sich die Psychotherapeutin Erin Leonard mit den elterlicher Entfremdung und wie man darauf reagieren kann. Wegen des Ratgeber-Charakters dieses Textes veröffentliche ich ihn hier als eigenen Blogbeitrag im ins Deutsche übersetzten Volltext.
Sie hätten nie gedacht, dass es Ihnen passieren könnte. Eine Scheidung ist schwer, aber die Bindung zu den eigenen Kindern zu verlieren, ist qualvoll. Vielleicht sind Sie der emotional zugewandte Elternteil, der seit der Geburt der Kinder den Großteil der "eigentlichen" Erziehungsarbeit geleistet hat, und Ihre Bindung war immer stark. Doch plötzlich sind Ihre Kinder kalt und unhöflich zu Ihnen. Sie meiden Ihre Nähe und weigern sich, Ihnen irgendetwas aus ihrem Leben zu erzählen. Wenn Sie fragen, ob der andere Elternteil hinter diesem Verhalten steckt, werden sie wütend und wollen überhaupt nicht mehr mit Ihnen sprechen. Das ist niederschmetternd.
Zwar kann es viele Gründe dafür geben, dass sich ein Kind während einer Scheidung von einem Elternteil zurückzieht, doch es gibt einen bestimmten Typ von Elternteil, der die Beziehung des anderen zu den Kindern gezielt untergräbt. Häufig beginnt es mit einem Elternteil, der emotional unreif ist und keinen Gesichtsverlust ertragen kann. Er ist stets bemüht, sein Ego zu schützen. Sein Image bedeutet ihm alles, weshalb er nach einer Scheidung als Sieger dastehen muss. Hinzu kommt, dass dieser Elternteil, dem es womöglich an emotionaler Zugewandtheit fehlt, oft außerordentlich eifersüchtig auf den Elternteil ist, der emotional verfügbar ist und eine echte, enge Bindung zu den Kindern hat – also versucht er, diese Bindung zu sabotieren. Eltern-Kind-Entfremdung ist heimtückisch. Deshalb ist es entscheidend zu verstehen, wie sie funktioniert, wenn man die Beziehung zu den eigenen Kindern retten will.
Wie Entfremdung entsteht
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich mit Ihrem Kind und dem anderen Elternteil im Heck eines Bootes auf dem Ozean. Ihr Kind hält den einzigen Rettungsring. Sie und der andere Elternteil werden in entgegengesetzte Richtungen aus dem Boot geschleudert. Während er im Wasser um sich schlägt, beginnt der andere Elternteil, dem Kind zuzujammern: "Ich schaffe es nicht! Ich schaffe es nicht! Hilf mir!" Obwohl auch Sie zu kämpfen haben, rufen Sie Ihrem Kind zu: "Bleib im Boot, Schatz! Lass den Rettungsring nicht los. Bleib, wo du bist." Doch die Schreie des anderen Elternteils versetzen Ihr Kind in völlige Panik, sodass es ins Wasser springt, um ihm zu helfen.
Als Ihr Kind und der andere Elternteil wieder ins Boot klettern, sagt dieser zu Ihrem Kind: "Ohne dich hätte ich es nicht geschafft. Ohne dich wäre ich nicht mehr hier. Was würde ich nur ohne dich tun?"
In diesem Szenario geschieht zweierlei. Erstens spielt der andere Elternteil das Opfer und versetzt Ihr Kind dadurch in heftige Panik. Kinder sind psychologisch, neurologisch, genetisch, physiologisch und emotional darauf programmiert, ihre Bindungsbeziehung zu schützen. Wenn eine Bindungsperson sagt, sie wisse nicht, ob sie es schaffen werde, springt das Kind deshalb instinktiv ein, um ihr zu helfen. Dabei vernachlässigt es möglicherweise die eigene Gesundheit, das eigene Wohlergehen und die eigenen emotionalen Bedürfnisse, um sich um diesen Elternteil zu kümmern und ihn nicht zu verlieren. Zweitens sagt der andere Elternteil, sobald er und das Kind wieder sicheren Boden unter den Füßen haben, etwas, das das Kind glauben lässt, es sei der Einzige, der diesem Elternteil in schweren Zeiten helfen könne – so wie es eben geholfen hat. Es sei sozusagen die "Rettungsleine" dieses Elternteils.
Sie hingegen bemühen sich, der Beschützer Ihres Kindes zu sein, und nicht umgekehrt. Sie können sich um Ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse kümmern und würden Ihr Kind niemals damit belasten. Auch das kann ein weiterer Hinweis darauf sein, dass Sie ein emotional gesunder Elternteil sind.
Folgen für das entfremdete Kind
Wenn Ihr Kind entfremdet wird, verliert es seine Unschuld und die Fähigkeit, einfach Kind zu sein, weil es von der Sorge um den Elternteil aufgezehrt wird, der so tut, als würde er die "Misshandlung", die Sie ihm angeblich zufügen, nicht überleben. Das Kind trägt die Last der Verantwortung, den anderen Elternteil aufrechtzuhalten. Und raten Sie mal: Der andere Elternteil nutzt das aus. Wenn das Kind Ihnen gegenüber illoyal ist, tut der andere Elternteil so, als sei seine seelische Gesundheit wiederhergestellt und alles auf der Welt in bester Ordnung. Für einen Moment fühlt sich das Kind von seiner Sorge befreit. Natürlich sucht das Kind daraufhin nach weiteren Gelegenheiten, seine Ablehnung Ihnen gegenüber zu zeigen und darüber zu sprechen, damit es sich weiter von der Angst befreien kann, die aus dem Gefühl entsteht, für das Wohlergehen eines Elternteils verantwortlich zu sein. Der andere Elternteil belohnt das Kind und vertraut sich ihm weiterhin auf unangemessene Weise an, indem er ihm erzählt, wie "unfair" und "hinterhältig" Sie seien, und dabei Informationen aus der Erwachsenenwelt mit ihm teilt, die es nichts angehen.
Sie sind aus dem Leben Ihrer Kinder ausgesperrt, und das ist womöglich der schlimmste Schmerz, den Sie je empfunden haben. Doch je mehr Sie versuchen, Ihrem Kind die Manipulation vor Augen zu führen, desto mehr sieht es in Ihnen den "Tyrannen", als den der andere Elternteil Sie fälschlich dargestellt hat. Sie fühlen sich hilflos und hoffnungslos.
Sie sammeln Belege für die emotionale Misshandlung und Vernachlässigung durch den anderen Elternteil, doch jedes Mal, wenn Sie etwas davon vor Gericht vorbringen, streitet er es ab und wirft Ihnen Schlimmeres vor. Die Auseinandersetzungen vor Gericht ziehen sich über Monate und Jahre hin, ohne dass es echte Fortschritte gibt. Was also können Sie tun?
Ihrem Kind emotionale Zugewandtheit zeigen
Eine Möglichkeit besteht darin, Ihren Anwalt von außen nach innen arbeiten zu lassen, während Sie selbst von innen nach außen arbeiten. Konzentrieren Sie sich darauf, Ihre Bindung wiederherzustellen, statt den anderen Elternteil aufzuhalten. Als emotional zugewandter Elternteil verfügen Sie womöglich über wichtige erzieherische Fähigkeiten, die dem anderen Elternteil zu fehlen scheinen. Sie können Empathie zeigen, statt bloß Mitleid zu empfinden. Sie können eine andere Sichtweise verstehen und respektieren. Flexibilität fällt Ihnen leicht, und dasselbe gilt dafür, Konflikte konstruktiv zu lösen. Vor allem aber können Sie eine Grenze oder Regel ruhig und liebevoll durchsetzen.
Wenn Sie der emotional engagierte Elternteil sind, erinnern Sie sich außerdem vielleicht an die rührenden, urkomischen und hinreißenden Momente, in denen Ihr Kind schon in sehr jungen Jahren etwas ganz Besonderes getan hat. Der andere Elternteil erinnert sich daran womöglich nicht. Wenn Sie geduldig auf einen passenden Moment warten, um etwa die Geschichte zu erzählen, wie Ihr Sohn mit drei Jahren ein Vogeljunges gerettet hat oder wie Ihre Tochter sich dem Rüpel aus der Nachbarschaft entgegengestellt hat, um ihr jüngeres Geschwisterchen zu beschützen, können Sie Ihrem Kind zeigen, dass Sie immer für es da waren und es immer gesehen haben.
Nutzen Sie jeden Moment, um die emotional intelligenten Dinge zu tun, zu denen der andere Elternteil meist nicht in der Lage ist, und weisen Sie nie darauf hin. Lassen Sie Ihr Kind die emotionale Sicherheit spüren, die Sie ihm bieten, wenn es bei Ihnen ist. Vielleicht beginnt es dann zu bemerken, wie anders es sich fühlt, wenn es mit dem anderen Elternteil zusammen ist. Und vor allem: Geben Sie niemals auf.