Freitag, August 28, 2026

"Die verhängnisvolle Macht dieser sechs Gender-Narrative – und wie man sie kontert"

1. Der Sprachwissenschaftler Fabian Payr hat einen neuen Artikel in der "Welt" veröffentlicht:

Trotz ihrer Unbeliebtheit hat sich die sogenannte geschlechtergerechte Sprache in vielen Institutionen etabliert. Zu ihrer Durchsetzung trugen auch emotionale Geschichten bei. Warum bei genauer Betrachtung keine davon haltbar ist.


Hier geht es weiter.



2. Die Frankfurter Rundschau berichtet, wie Russland männliche Zivilisten unter Druck setzt, Militärverträge zu unterschreiben. (Dass die Opfer dieser Praktik ausschließlich Männer sind, fällt in dem Artikel natürlich unter den Tisch.)



3. In den USA feiern und unterstützen Feministinnen Lindsay Clancy, die ihre Kinder umgebracht hat. (Genderama berichtete.) Die auflagenstarke Tageszeitung "USA Today" stellt deshalb klar: "Lindsay Clancy ist keine Märtyrerin der Mutterschaft. Sie ist eine Mörderin." Ein Auszug aus dem Artikel:

Auf TikTok und Instagram zeigen Hunderte, wenn nicht Tausende von Frauen Solidarität mit Clancy oder stellen sich hinter sie: von Aussagen wie "Ich bin Lindsay Clancy" bis hin zu Videos, in denen sie ihre eigenen Kinder im Arm halten und sagen: "Genau so, Lindsay", um zu zeigen, dass auch sie – vermutlich – den Wunsch teilen, ihre Kinder zu töten.

Eine Meinungskolumne der "New York Times", verfasst von einem Professor, der Frauen erforscht, die ihre Kinder töten, legt nahe, dass Clancy Gnade verdient und keine lebenslange Haftstrafe. Ein TikTok-Beitrag über die Realität von postpartaler Wut hat mehr als 60.000 Likes.

(…) Entweder verspüren einige dieser Frauen tatsächlich den Drang, ihre Kinder zu töten, oder sie spielen dieses Gefühl für ihre Follower vor. Beides ist schlimm, doch das eine ist entsetzlich.




4. Der SWR erklärt in einem knapp halbstündigen Audio, wie sich Narzissmus bei Frauen zeigt.



5. Kleine Erinnerung aus der Wissenschaft: Sowohl bei Online-Belästigung als auch bei Gewalt in der Partnerschaft sind die meisten Opfer immer noch männlich.



6. In der populärwissenschaftlichen Zeitschrift "Psychology Today" beschäftigt sich der Soziologieprofessor Joseph Davis ausführlich mit den Hintergründen der Männerkrise. Ein Auszug:

In den letzten 18 Monaten habe ich mich mit dem Institute for Family Studies zusammengetan, um eine Umfrage unter 2.000 jungen Männern im Alter von 18–29 Jahren durchzuführen und darüber zu berichten. Die Umfrage wurde im April 2025 durchgeführt; erschien im März 2026 und im August 2026. Im Schluss des Berichts habe ich einige der gängigen Erklärungen dafür abgewogen, warum viele Männer dahinsiechen. Im folgenden angepassten Auszug betrachte ich die beste Erklärung.

In der öffentlichen Diskussion über junge Männer werden ihre Schwierigkeiten oft in einem harten "Narrativ" gerahmt, das so klingt: Eine wachsende Zahl – zu viele – scheitern in der Schule, arbeiten oder studieren nicht, gehen nicht aus oder gründen keine Familien, verlassen ihre Kindheitszimmer nicht. Sie haben sich aus dem sozialen Leben zurückgezogen, haben wenige oder gar keine Freunde und gehören wenigen oder gar keinen sozialen oder bürgerlichen Gruppen an. Ihre mentale Gesundheit ist schlecht, ihre Gewohnheiten sind schlecht – Videospiele, Pornografie, Glücksspiel, Cannabisrauchen – und ihre Ansichten sind extremistisch.

Wie üblich erzählt, wird die dunkle Geschichte ihrer Misserfolge zumindest implizit einer erfolgreicheren Vergleichsgruppe gegenübergestellt, sei es jungen Frauen oder älteren Generationen von Männern.

Um die Krise zu erklären, verweisen Autoren und Sozialwissenschaftler auf einige gängige Ursachen, von ungünstigen Erfahrungen in der Schule über Spielsucht bis hin zu den schädlichen Auswirkungen von "toxischer Männlichkeit".

Unter diesen Möglichkeiten findet das, was wir das "strukturelle Argument" nennen könnten, in unseren Daten die meiste Unterstützung.

In der gängigen Form des strukturellen Arguments sind wirtschaftliche und bildungsbezogene Veränderungen die wichtigsten beitragenden Faktoren zu den schwierigen Umständen junger Männer. Zu den nachteiligen Veränderungen gehören männer-unfreundliche Schulpolitiken, der Verlust traditioneller Männerjobs, etwa in der Fertigung, und der Rückgang der Löhne von Männern der Arbeiterklasse. Andere Verschiebungen haben die Volatilität der Wirtschaft erhöht, etwa der Anstieg unsicherer Jobs, disruptive neue Technologien und nun die drohende Gefahr von Arbeitsplatzverlusten durch Künstliche Intelligenz. Wie viele Belege zeigen, haben solche Veränderungen der Chancenstruktur systematisch Männer benachteiligt.

Der Verlust von "Struktur", den wir in den Umfrageantworten durchgehend erkennen, erstreckt sich jedoch auch auf breitere Themen. Das soziale Gefüge selbst hat sich ausgedünnt – eine Deinstitutionalisierung, wie Soziologen es nennen, die unsere Welt formloser gemacht hat. Im Laufe der Zeit gab es einen starken Rückgang vorgeschriebener Rollen, ererbter Lebensläufe, klarer beruflicher und bildungsbezogener Bahnen und Ähnlichem. Wo es einst ein gegebenes soziales Muster gab – eine "Institution", wie dauerhafte Arbeit für dasselbe Unternehmen – gibt es nun ein offeneres und unbestimmteres Feld von Optionen und Wahlmöglichkeiten. Obwohl es scheinbar größere Freiheit bietet, ist es eine prekäre Freiheit, mit weniger Orientierung durch gemeinsame Überzeugungen, Bräuche, Regeln oder Lebensformen.

Wir sehen, was verloren geht, an der Bedeutung des College-Weges. Nach nahezu jedem Maßstab stellen wir fest, dass Männer, die diesen Weg eingeschlagen und bis zum Abschluss durchgehalten haben, am besten zurechtkommen. Der Nutzen zeigte sich nicht unbedingt während der Schulzeit, die einsam und belastend sein konnte. Er kam vielmehr danach, als er Türen öffnete oder Horizonte erweiterte zu stabiler Beschäftigung, Freundschaften, Ehepartnern, Hausstandsgründung, Gemeinschaftszugehörigkeit und vielem mehr. Dies sind die Männer, die am ehesten das Gefühl haben, das volle Erwachsenenalter erreicht zu haben, und das Gefühl, kein Versager oder unerwünscht zu sein und eine gewisse Kontrolle über das zu haben, was ihnen widerfährt.

Wir stellen jedoch fest, dass der Weg der höheren Bildung für viele Männer nicht offensteht, unter anderem aus finanziellen Gründen oder familiären Verpflichtungen, oder weil sie kein Interesse haben oder das Gefühl, nicht erfolgreich zu sein. Bedingungen, die das Lernen beeinträchtigen, wie ADHS, Autismus und Legasthenie, sind unter jungen Männern häufig (etwa 25 % der Befragten berichten von einem aktuellen Problem). Eine Berufsschule oder ein Ausbildungsprogramm ist klar eine Option und eine gute (15 % haben ein Programm abgeschlossen, mit hoher Beschäftigungsquote), doch wir wissen aus anderen Studien, dass Schulen stark auf College-für-alle setzen und erst jetzt beginnen, Werkunterricht wieder einzuführen und über Alternativen zu sprechen. In den meisten Situationen fehlen klar definierte Nicht-College-Wege oder Schule-zu-Arbeitgeber-Pipelines.

In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Umgebung, in der Beschäftigung nun unsicherer ist, stellen wir fest, dass sich die Einstellungen zur Arbeit verändert haben. Viele junge Männer sehen keinen direkten Zusammenhang zwischen harter Arbeit und Vorankommen. Vielmehr scheinen sie die Dinge als zufälliger, umstandsbedingter oder unbestimmter zu betrachten, sodass etwa Erfolg eine Frage davon ist, "wen man kennt" (72 % Zustimmung) und "was mir widerfährt, liegt nicht unter meiner Kontrolle" (61 %). Selbst die Hälfte der College-Absolventen zweifelt daran, dass ihre Bildung die Zeit oder das Geld wert war. Junge Männer behalten dennoch den Glauben an ihre Chancen, doch wie sie diese zu verwirklichen erwarten, könnte besser durch ihr umfangreiches Glücksspiel und Day-Trading angezeigt werden als durch stetige Arbeit in einem 9-to-5-Job. Selbst Ökonomen bezeichnen die gegenwärtige Situation inzwischen als "Casino-Wirtschaft".

Der Mangel an institutionalisierten sozialen Formen betrifft junge Männer auch auf viele andere persönliche Weisen. Mit dem lang anhaltenden Rückgang freiwilliger Vereinigungen – Kirchen, Service-Clubs, Erwachsenensportligen und dergleichen – und der Instabilität der Familie (nur etwa 60 % unserer Befragten hatten die beständige Anwesenheit ihres Vaters) sind junge Männer auf sich selbst zurückgeworfen, um Beziehungen der Verpflichtung und Freundschaft zu finden und zu schaffen. Wir zeigen, dass die meisten unverheirateten oder partnerlosen jungen Männer ausgehen wollen, es aber schwierig ist. Viele finden niemanden, der mit ihnen ausgeht (etwa 50 %), und (…) zögern, eine Frau um ein Date zu bitten, vor allem aus Angst, abgewiesen zu werden.

(…) In diesen Punkten und vielem anderen finden wir soziale Formlosigkeit wie einen tobenden Sturm, in dem viele junge Männer um einen sicheren Halt ringen.


Wie schön wäre es, wenn sie von der herrschenden Politik unterstützt würden, statt ignoriert oder dämonisiert zu werden.



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Donnerstag, August 27, 2026

Will wirklich jeder Fünfte Feminismus mit Gewalt bekämpfen? Wie eine Medienlüge entsteht

Am Montag habe ich hier Berichterstattung über eine australische Studie verlinkt, die eine feminismuskritische Einstellung als Quelle von Gewalt brandmarkte. Die Studie war erkennbar ideologisch gestaltet, was ich entsprehend dargelegt und kritisiert habe.

Allerdings ist diese Schrift bereits Teil einer hysterischen Berichterstattung. So heißt es in einem vergangene Woche veröffentlichten Artikel, jeder fünfte Mann Australiens halte Gewalt gegen Feministinnen für gerechtfertigt. Grundlage ist hier eine andere, ältere Studie. Der Sinn solcher Artikel ist klar: Feminismuskritik soll als "gefährlicher Extremismus" gebrandmarkt werden.

Wie sehr dabei manipuliert wird, deckt der klinische Sozialarbeiter, Therapeut und Männerrechtler Tom Golden in einem neuen Beitrag auf, der ganz grundsätzlich veranschaulicht, wie derartige Manipulation abläuft. Australien ist weit weg, die Mechanismen sind aber meiner Erfahrung nach länderübergreifend ähnlich. Dazu kommt, dass Journalisten gerne angebliche "Erkenntnisse" anderer Länder aufgreifen, um ihr Argument zu stärken.

Das hier ist der Beitrag, mit dem Tom Golden die ältere Studie zerpflückt:



Vor kurzem stieß ich auf einen Artikel mit einer ziemlich alarmierenden Überschrift:

"Fast jeder fünfte australische Mann hält Gewalt gegen den Feminismus für legitim, so eine Studie."

Das hat meine Aufmerksamkeit erregt. Fast 20 Prozent der australischen Männer halten Gewalt gegen den Feminismus für legitim? Das sind eine Menge Männer. Also habe ich mir die Studie angeschaut. Ich bin froh, dass ich das getan habe.

Die Forschung stammt von der University of Melbourne und wurde 2024 veröffentlicht. Die Forscher befragten 1.020 Australier zu Misogynie, Rassismus und gewalttätigem Extremismus. Die Zahl von 19,4 Prozent stimmt. Aber wenn man sich die Frage anschaut, die sie hervorgebracht hat, wird es interessant.

Die Männer wurden nicht gefragt:

"Glauben Sie, dass Gewalt gegen Feministinnen legitim ist?"

Sie wurden auch nicht gefragt:

"Ist es akzeptabel, Feministinnen körperlich anzugreifen?"

Ihnen wurde diese Aussage vorgelegt:

"Der Feminismus schadet unserer Gesellschaft, und ihm sollte notfalls 'by force' widerstanden werden."

Das hat die 19,4 Prozent hervorgebracht. Sehen Sie das Problem? In diesem einen Satz stecken mehrere Dinge. Zuerst heißt es, der Feminismus schade der Gesellschaft. Das ist schon für sich eine eigene Frage. Dann heißt es, dem Feminismus solle 'by force' widerstanden werden. Was bedeutet hier 'force'? Körperliche Gewalt? Politischer Druck? Juristischer? Wirtschaftlicher? Ziviler Ungehorsam? Wir wissen es nicht. Und dann kommen die zwei kleinen Wörter, die meine Aufmerksamkeit besonders erregt haben:

"if necessary"

Was bedeutet das? Diese Worte fordern den Befragten auf, sich Umstände vorzustellen, unter denen 'force' notwendig werden könnte. Die meisten Menschen glauben, dass es Umstände gibt, unter denen 'force' gerechtfertigt ist. Notwehr ist ein offensichtliches Beispiel. Den Schutz einer anderen Person ein weiteres. Widerstand gegen Tyrannei könnte ein weiteres sein. Aber nichts davon wird untersucht. Stattdessen wird die Zustimmung zu dieser ziemlich seltsamen Frage schließlich zu:

"Fast jeder fünfte australische Mann hält Gewalt gegen den Feminismus für legitim."

Das ist ein ziemlich weiter Weg.


Golden legt nun einen Auszug der Studie als screenshot vor, der zeigt, dass in einer Reihe von Fragen der Begriff "violence" verwendet wurde – nur bei Widerstand gegen die feministische Weltanschauung ist auf einmal lediglich von "force" die Rede.

Sehen Sie, wie sie die Dinge geformt haben? Welche hat die höchsten Werte bekommen? Die ohne das Wort "violence" und gerechtfertigt mit "wenn nötig". Dann macht man Behauptungen, sogar in der eigenen Arbeit, der gleichen, die auf dieser fragwürdigen Frage beruhte:

"Anti-Feminist Violent Extremism is the most prevalent form of violent extremist attitudes in Australia" [screenshot]

Jetzt nennen sie es antifeministischen gewalttätigen Extremismus! Keine Notwendigkeit, die Frage mit dem Wort "Gewalt" zu stellen? Nein.

Dann habe ich mir die anderen Fragen angeschaut.

Hier wurde es noch interessanter. Die Studie enthält eine Tabelle mit der Überschrift: "Häufigkeit der Befragten, die der Zulässigkeit von Gewalt gegen Frauen zustimmen."

Okay. Wenn wir messen wollen, ob Menschen Gewalt gegen Frauen für zulässig halten – was sollten wir fragen? Glücklicherweise geben uns die Forscher ein paar gute Beispiele. Eine Frage lautet:

"Ein männlicher Partner wäre berechtigt, körperliche Gewalt anzuwenden (Schubsen, Schlagen, Boxen, Treten, Würgen), wenn seine Partnerin mit ihm streitet oder sich weigert, ihm zu gehorchen."

Das ist ziemlich klar. Keine Mehrdeutigkeit. Glauben Sie, dass ein Mann berechtigt ist, seine Partnerin zu schubsen, zu schlagen, zu boxen, zu treten oder zu würgen, weil sie mit ihm streitet oder sich weigert, ihm zu gehorchen? 5,5 Prozent der Männer stimmten zu. Eine andere Frage fragt, ob ein Vater oder Bruder berechtigt ist, körperliche Gewalt oder Gewalt gegen eine Tochter oder Schwester anzuwenden, weil sie der Familie Schande bringt. Wieder sehr klar. 4,5 Prozent der Männer stimmten zu. Das sind beunruhigende Zahlen. Ich würde es vorziehen, wenn sie bei null lägen. Aber beachten Sie, was passiert, wenn die Forscher klare Fragen dazu stellen, ob Gewalt gegen Frauen tatsächlich zulässig ist. Wir bekommen 5,5 Prozent. Wir bekommen 4,5 Prozent. Schauen Sie sich jetzt einige der Fragen an, die die großen Zahlen hervorgebracht haben.

Hier eine:

"Frauen erheben oft Vorwürfe sexueller Übergriffe, um sich an Männern zu rächen."

48,6 Prozent der Männer stimmten zu. Fast die Hälfte! Aber Moment. Was hat diese Frage damit zu tun, ob Gewalt gegen Frauen zulässig ist? Ein Mann könnte glauben, dass falsche Vorwürfe sexueller Übergriffe häufig sind, und gleichzeitig glauben, dass Gewalt gegen Frauen absolut falsch ist. Ob seine Überzeugung über falsche Vorwürfe richtig ist, ist eine andere Frage. Das können wir untersuchen. Aber etwas über falsche Vorwürfe zu glauben bedeutet nicht, dass man Gewalt gutheißt. Hier eine weitere:

"Frauen, die sich in Sorgerechtsstreitigkeiten befinden, erfinden oder übertreiben oft Vorwürfe häuslicher Gewalt, um ihren Fall zu verbessern."

51,2 Prozent der Männer stimmten zu. Das ist die größte Zahl auf der Seite. Aber wiederum: Wo ist die Billigung von Gewalt? Das ist eine Frage dazu, ob Frauen während Sorgerechtsstreitigkeiten manchmal falsche oder übertriebene Behauptungen aufstellen. Man kann diese Überzeugung für richtig halten. Man kann sie für falsch halten. Aber es ist immer noch keine Frage dazu, ob es okay ist, Frauen zu schlagen. Und doch steht sie unter der Überschrift:

"Zulässigkeit von Gewalt gegen Frauen."

Wie sind wir dahin gekommen?

Dann gibt es diese Frage: "Manchmal kann eine Frau einen Mann so wütend machen, dass er sie schlägt, ohne es zu wollen."

33,5 Prozent der Männer stimmten zu. Aber womit stimmen sie genau überein? Dass es gerechtfertigt ist, sie zu schlagen? Das sagt die Frage nicht. Sie fragt, ob jemand so wütend werden kann, dass er etwas tut, das er nicht beabsichtigt hatte. Sicherlich gibt es einen Unterschied zwischen der Erklärung, wie etwas geschehen ist, und der Aussage, dass es akzeptabel war. Interessanterweise stimmten auch 21,7 Prozent der Frauen dieser Aussage zu. Billigen diese Frauen Gewalt gegen Frauen? Vielleicht. Aber die Frage sagt uns das nicht. Das ist das Problem.

Das hat mich wirklich getroffen. Die Fragen, die ausdrücklich fragen, ob Männer berechtigt sind, Frauen körperlich anzugreifen, produzieren relativ niedrige Zahlen: 5,5 Prozent. 4,5 Prozent. Aber Fragen zu falschen Vorwürfen, Sorgerechtsstreitigkeiten, Wut und Verantwortung produzieren Zahlen von: 33 Prozent. 37 Prozent. 49 Prozent. 51 Prozent. Und welche Zahlen, glauben Sie, lassen die Geschichte bedrohlicher aussehen? Hier fing ich an, über den Ausdruck "die Narrativ-Skulptur" nachzudenken. Man beginnt mit dem Rohmaterial – den Antworten, die die Menschen tatsächlich gegeben haben. Dann entscheidet man, was diese Antworten bedeuten. Der Glaube, dass Frauen manchmal rachsüchtige Vorwürfe sexueller Übergriffe erheben, wird zu einer Einstellung zu Gewalt gegen Frauen. Der Glaube, dass Vorwürfe häuslicher Gewalt während Sorgerechtsstreitigkeiten übertrieben sein können, wird zu einer Einstellung zu Gewalt gegen Frauen. Die Zustimmung, dass dem Feminismus "notfalls mit Gewalt" widerstanden werden sollte, wird zur Unterstützung gewalttätigen antifeministischen Extremismus. Und schließlich sagt uns eine Zeitungsüberschrift: Fast jeder fünfte australische Mann hält Gewalt gegen den Feminismus für legitim. Aber das ist nicht, was die Männer gefragt wurden.

Warum ist das wichtig?

Gewalt gegen Frauen ist ein ernstes Thema. Genau deshalb muss die Forschung gut sein. Wenn man wissen will, ob Männer Gewalt gegen Frauen billigen, sollte man sie fragen. Die Forscher wussten eindeutig, wie man das macht. Ihr eigener Fragebogen beweist es. Fragen Sie: Ist ein Mann berechtigt, eine Frau unter diesen Umständen zu schlagen? Das haben sie getan. Und sie haben 5,5 Prozent bekommen. Fragen Sie: Ist ein Vater oder Bruder berechtigt, unter diesen Umständen Gewalt gegen eine Tochter oder Schwester anzuwenden? Das haben sie getan. Und sie haben 4,5 Prozent bekommen. Das sind legitime Ergebnisse. Aber wenn man Männer fragt, ob Frauen falsche Vorwürfe erheben, und ihre Antworten dann als Beleg für die Zulässigkeit von Gewalt gegen Frauen behandelt, misst man etwas anderes. Und sollten promovierte Forscher den Unterschied nicht kennen?

Es gibt noch einen weiteren Schritt in all dem, der mich stört. Die Studie bleibt nicht bei Einstellungen gegenüber Frauen stehen. Sie verbindet diese Einstellungen mit gewalttätigem Extremismus. Die Forscher berichten, dass antifeministischer gewalttätiger Extremismus die am weitesten verbreitete Form gewalttätigen Extremismus war, die sie gemessen haben. Das klingt beängstigend. Aber erinnern Sie sich an die Frage, die dazu beigetragen hat, das festzustellen:

"Der Feminismus schadet unserer Gesellschaft, und ihm sollte notfalls 'by force' widerstanden werden."

Das ist alles. Stellen Sie sich vor, man ändert das Thema: "Rassismus schadet unserer Gesellschaft, und ihm sollte notfalls 'by force' widerstanden werden." Wie viele Leute würden zustimmen? Wahrscheinlich ziemlich viele. Würden wir dann daraus schließen, dass diese Leute gewalttätigen Extremismus unterstützen? Was ist mit: "Der Nationalsozialismus schadet unserer Gesellschaft, und ihm sollte notfalls 'by force' widerstanden werden." Würde Zustimmung Sie zu einem gewalttätigen Extremisten machen? Plötzlich wird das Problem leichter erkennbar. Die Formulierung ist entscheidend.

Und dann bekommen die Medien das in die Hand.

Als die Forschung den Medienartikel erreichte, den ich zuerst darüber gelesen hatte, waren die meisten dieser Einschränkungen verschwunden. "Force if necessary" wurde zu Gewalt. Die Zustimmung zu einer komplizierten hypothetischen Aussage wurde zu dem Glauben, dass Gewalt legitim sei. Eine Assoziation zwischen Einstellungen wurde zu einem Radikalisierungspfad.


Golden verlinkt hier Screenshots entsprechender Artikel mit Schlagzeilen wie "Hatred of feminism leads to violence, report finds" und den bekannten Bildern einer geballten Männerfaust mit einer Frau im Hintergrund.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Leser dieser Artikel. Menschen neigen dazu, den Medien und noch mehr der "Forschung" zu vertrauen. Wie könnten sie von diesem Artikel etwas anderes mitnehmen als das Gefühl, dass eine überraschend große Zahl von Männern für Frauen und den Feminismus gefährlich ist? Und doch, wenn man zurückgeht und sich die tatsächlichen Fragen anschaut, ist das nicht das, was die Forschung festgestellt hat. So wird ein Narrativ geformt.

Die ursprüngliche Geschichte erweiterte sich auf jugendliche Jungen, Andrew Tate, Vergewaltigung, getötete Frauen, Terrorismus und nationale Sicherheit. Das ist eine ziemlich große Skulptur. Und irgendwo darunter liegen die tatsächlichen Umfragefragen. Ich kenne die Motive dieser Forscher nicht, und ich brauche sie auch nicht. Mich interessiert etwas viel Einfacheres. Haben die Fragen gemessen, was die Forscher sagen, dass sie gemessen haben? Wenn ich mir diese Studie anschaue, habe ich ernsthafte Zweifel. Und vielleicht kommt der aufschlussreichste Beweis von den Forschern selbst. Als sie Männer direkt fragten, ob ein männlicher Partner berechtigt sei, eine Frau zu schubsen, zu schlagen, zu boxen, zu treten oder zu würgen, weil sie mit ihm stritt oder sich weigerte, ihm zu gehorchen, stimmten 94,5 Prozent nicht zu. Das scheint mir ein wichtiges Ergebnis zu sein. Komisch, wie das nicht in die Überschrift gekommen ist.




Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!



Mittwoch, August 26, 2026

Vereinte Nationen: Wir müssen das Schweigen über Sexualgewalt gegen Jungen und Männer brechen

1. Dreieinhalb Jahre nach meinem Buch über männliche Opfer sexueller Gewalt und das Schweigen darüber veröffentlichen die Vereinten Nationen einen maskulistischen Bericht darüber, dass es ebendieses Schweigen zu brechen gilt. Dabei geht es nicht um solche Gewalt im privaten Bereich, sondern um bewaffnete Konflikte und Formen der Gefangenschaft.

Der Ausgangspunkt ist das Beispiel eines ukrainischen Kriegsgefangenen, der nach drei Jahren Gefangenschaft 2025 freikam. Er berichtete von Vergewaltigung, erzwungener Nacktheit, Schlägen und Elektroschocks an den Genitalien. Die UN sieht darin kein isoliertes Ereignis, sondern ein Muster, das auch in anderen Konflikten dokumentiert wird.

Der Bericht weist darauf hin, dass deutlich mehr Mädchen und Frauen als Opfer konfliktbezogener sexueller Gewalt erfasst werden, warnt aber davor, dies mit der tatsächlichen Verteilung gleichzusetzen: Bei männlichen Opfern sei die Dunkelziffer vermutlich sehr hoch. Schätzungen zufolge würden 90 bis 95 Prozent der sexualisierten Gewalt gegen Männer und Jungen in Konflikten nicht registriert, was den scheinbaren Überhang bei weiblichen Opfern stark relativiert.

Besonders deutlich wird das Problem am Beispiel der Ukraine: Die UN hat dort 310 Fälle konfliktbezogener sexueller Gewalt verifiziert, davon 280 mit männlichen Opfern. Viele Betroffene waren Kriegsgefangene oder zivile Gefangene. Sexuelle Gewalt wurde unter anderem eingesetzt, um Gefangene zu bestrafen, zu erniedrigen oder Informationen und Geständnisse zu erzwingen.

Als Gründe für die geringe Zahl gemeldeter Fälle nennt der Artikel mehrere Faktoren. Dazu gehören Scham und Stigmatisierung, traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit, die Angst, als schwach wahrgenommen zu werden, Homophobie und eine unzureichende institutionelle Aufmerksamkeit für männliche Opfer. Hinzu kommt ein sprachliches Problem: Männer beschrieben das Erlebte nach Gefangenschaft teilweise eher als "Folter" denn als sexualisierte Gewalt. Dadurch könne es für Hilfsorganisationen und Justizbehörden schwieriger werden, die Fälle als sexuelle Gewalt zu erkennen und entsprechend zu behandeln. (All das führe ich in meinem Buch näher aus.)

Der Artikel bezieht sich außerdem eine Untersuchung aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo an. Dort gaben 23,6 Prozent der befragten Männer an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben; knapp zwei Drittel dieser Männer berichteten, dass die Gewalt im Zusammenhang mit einem Konflikt stand. Weitere dokumentierte männliche Opfer gibt es laut den UN unter anderem in der Ukraine, Gaza und dem Westjordanland, Sudan, der Demokratischen Republik Kongo, Libyen, Syrien, Jemen und Haiti. Die UN weist darauf hin, dass die bestätigten Zahlen wegen fehlenden Zugangs zu Konfliktgebieten, Unsicherheit und der Angst der Betroffenen vor Vergeltung nur einen Teil des Problems abbilden.

Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf der Versorgung der Überlebenden. Die bloße Anerkennung als Opfer sei entscheidend dafür, ob Betroffene medizinische und psychologische Hilfe, juristische Unterstützung und andere spezialisierte Angebote erhalten. Die UN versucht deshalb, die Erkennung männlicher Opfer zu verbessern, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen entsprechend zu schulen und Netzwerke aufzubauen, in denen Betroffene sich gegenseitig unterstützen können. In der Ukraine wurden 2025 im Rahmen eines UN-unterstützten Programms 160 Überlebende unterstützt, darunter 69 Männer.

Die zentrale Botschaft des Berichts ist damit klar maskulistisch: Die Tatsache, dass Frauen und Mädchen überproportional häufig Opfer konfliktbezogener sexualisierter Gewalt werden, darf nicht dazu führen, männliche Opfer zu übersehen. Die Berücksichtigung von Männern und Jungen ist keine Konkurrenz zur Unterstützung weiblicher Opfer, sondern die notwendige Schließung einer Lücke im bisherigen Hilfs- und Rechtssystem.

Aus maskulistischer Sicht ist besonders interessant, dass der Bericht nicht nur einzelne männliche Opferfälle schildert, sondern die systematische Untererfassung männlicher Opfer als strukturelles Problem thematisiert und dabei ausdrücklich auf UN-Berichte und entsprechende Forschung zurückgreift.



2. Eine schwäbische Sauna schafft das Damensaunen der Gleichberechtigung wegen nach Beschwerden männlicher Besucher ab, was die Journalistin Marion Buck wortreich beklagt.



3. In den USA hat eine Mutter ihre drei Kinder getötet und erhält jetzt vor Gericht von Feministinnen lautstarke Unterstützung. Der Blogger Lutz Bierend kommentiert diese Entwicklung in seinem lesenswerten Beitrag "Frauen werden entschuldigt, Männer beschuldigt". Auch Professorin Janice Fiamengo macht die feministische Begeisterung für solche Gewalttäterinnen in einem ausführlichen Essay zum Thema. Die Kindermörderin soll bereits Spenden in Höhe von einer Million Dollar gesammelt haben. Fiamengo weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei den meisten Kindstötungen Mütter die Täter sind. Und schließlich gibt es dazu einen Beitrag der Journalistin Kara Kennedy: "The Moms of TikTok Have Gone Insane", aus dem ich hier gerne zitiere:

Überlastete, von Schlafmangel geplagte Mütter stellen ihr Smartphone im Badezimmer auf, drücken auf Aufnahme und werfen eine Minute lang unter Schreien mit Eiswürfeln um sich. "Statt mich mit meinem Kleinkind zu streiten", schrieb eine Mutter in den sozialen Medien, "werfe ich Eis in meine Badewanne. So kann ich meine Wut spüren, ohne destruktiv zu sein." Mütter stellen zudem Ringlichter auf, um sich beim hysterischen Weinen vor ihren kleinen Kindern zu filmen. Andere filmen ihre weinenden Babies mit der Bildunterschrift "MeToo, Lindsay" – in Solidarität mit Lindsay Clancy, der Mutter aus Massachusetts, die ihre drei Kinder im Alter von 5 Jahren, 3 Jahren und 8 Monaten tötete und der derzeit wegen Mordes der Prozess gemacht wird.

Dieser geistige Verfall hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, wie es die Algorithmen sicherstellten. In der "Momosphäre" – dem Netzwerk aus TikTok-Müttern, Mommy-Influencerinnen und Mutter-Bloggerinnen – wird das Vorgehen nahezu universell als gesunde, befreiende Möglichkeit für Mütter begrüßt, ihre Wut zu zeigen. Ein Teil davon rührt daher, wie Clancys Fall verstanden wird: Ihre Verteidigung argumentiert, dass sie sich zum Zeitpunkt der Taten in den Fängen einer Wochenbettpsychose befand, und verweist auf die vielen Medikamente, die von verschiedenen Ärzten verschrieben wurden, um ihre Depressionssymptome in den Monaten vor den Morden zu behandeln. Für die Mütter auf TikTok ist eine überforderte und mit Medikamenten vollgepumpte Mutter, die praktisch um Hilfe fleht, etwas, das – wenn auch in extremem Ausmaß – ihrem eigenen Spiegelbild gleicht. Weshalb Clancy als Märtyrerin beansprucht wird und nicht als Monster, das als abschreckendes Beispiel dient.

Stellen Sie sich nun vor, ein Mann würde das tun. Ein junger Vater stellt seine Kamera auf, richtet das Licht aus und filmt sich dabei, wie er gegen eine Wand schlägt, in den Bildschirm schreit oder etwas mit einem Baseballschläger zertrümmert – dazu eine Bildunterschrift darüber, wie heilsam das war. Stellen Sie sich vor, er würde darüber sprechen, wie er sich mit Charles Whitman identifiziert und Mitgefühl für ihn empfindet, der 1966 seine Frau und seine Mutter tötete, bevor er an der University of Texas einen Amoklauf beging. (Wie Clancy hatte sich Whitman vor dem Massaker über schwere psychische Probleme beklagt.)

Stellen Sie sich vor, wie er in diesem Alternativuniversum von anderen Vätern mit mitfühlenden Kommentaren dafür belohnt wird, dass er die Wahrheit über seine Probleme ausspricht und mutig ist. Das ist schwer vorstellbar. Denn hier in der Realität würden wir das nicht befreiend nennen. Wir würden es als zutiefst beunruhigend bezeichnen und als extremes Beispiel für etwas einordnen, das in allen Bereichen festgestellt wird: toxische Männlichkeit. Wir würden es traurig und moralisch gestört nennen. Es gäbe eine gesellschaftsweite Panik über Männer im Allgemeinen, über Incels oder über einen anderen neuen Begriff, der sehr deutlich macht, dass die betreffenden Männer auf eine Weise handeln, die unverantwortlich und sogar böse ist. Natürlich würden wir auch all die guten Männer, die nichts falsch gemacht haben, für die Taten dieser wenigen in Mithaftung nehmen. (…) Warum also nennen wir es Selbstfürsorge, wenn Frauen dasselbe tun, dieselbe Darstellung hysterischer Wut im Selfie-Modus?

Doch vergessen wir die Doppelmoral bei der Frage, ob das Verhalten weniger Menschen eine Debatte über die Güte oder den Verstand eines ganzen Geschlechts auslöst. Das ist fast zu offensichtlich. Was dieser Eis-in-der-Badewanne-Moment repräsentiert, ist schlimmer als nur die verdrehte Umkehrung einer älteren Diskriminierung. Es ist ein Zeichen dafür, dass zu viele Frauen mindestens genauso den Verstand verloren haben, wie es die panikmachendsten Behauptungen über Männer im letzten Jahrzehnt besagten. Während wir damit beschäftigt waren, tausende Meinungsbeiträge zu lesen und uns zu fragen, was genau mit den Männern nicht stimmt, ist dieselbe Aufmerksamkeitsökonomie rund um Frauen entstanden – nur auf ein anderes Gefühl ausgerichtet. Wenn die "Manosphäre" enttäuschten Männern das Zur-Schau-Stellen von Stärke verkauft, verkauft die Momosphäre ihren weiblichen Gegenstücken das Zur-Schau-Stellen von Leiden.

Im letzten Jahrzehnt wurde der Niedergang des modernen Mannes erschöpfend untersucht. Laut viralen Social-Media-Narrativen, Titelgeschichten von Magazinen, Bestsellern und der Alltagskultur sind Männer fragil, verbittert, einsam und verdammt wütend. Fast die Hälfte der jungen Männer hat das Gefühl, wegen ihres Mannseins diskriminiert zu werden. (…) Dies führt zusammen mit der Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weiter nach links rücken, während Männer politisch verharren, dazu, dass die kulturelle und politische Kluft zwischen den Geschlechtern nun auf einem historischen Höchststand ist. Wir gehen einander an die Gurgel. Vielleicht können wir der Manosphäre einen Teil der Schuld daran geben – die wütenden Anhänger von Freaks wie Andrew Tate sind offensichtlich seltsam, und ein Großteil ihrer Strategie, stärkere Männer zu werden, besteht darin, Frauen zu schwächen.

(…) Die Momosphäre, angeführt von Influencerinnen, Mami-Blogs und im Grunde jeder Frau mit einem Instagram-Account, macht eine Pause vom Helikopter-Elterndasein sowie dem Verfolgen von Entwicklungsschritten und hat ein neues Kernziel: ein Schlaglicht darauf zu werfen, wie elend das Muttersein sein kann. Das zeigt sich in wilden, hysterischen Ausbrüchen vor den eigenen Kindern, gefilmt mit Kamera und Ringlicht und online gestellt, um es der Männerwelt zu zeigen. Oder es zeigt sich in der moralischen Verdrehung der Art und Weise, wie die weiblich geprägtesten Teile der sozialen Medien auf den Fall Lindsay Clancy reagiert haben. Diese Frauen, hauptsächlich Mütter, sind zur Verteidigung Clancys eingesprungen und haben sich gegen das verbündet, was sie als ihre gemeinsamen Feinde mit Clancy betrachten: das Gesundheitssystem, die Welt, die Väter ihrer Kinder und bis zu einem gewissen Grad ihre eigenen Kinder.

(…) Nichts davon ist wirklich neu. Es ist nur die neueste Version eines Trends, der sich seit Jahren aufbaut. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Narrativ rund um Kinder dahin gehend verändert, dass das Mutterwerden als Frau das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Ein ganzes Genre an Inhalten ist um dieses Gefühl herum entstanden: Weingläser mit der Aufschrift "Wegen den Kindern"; TikTok-Trends – noch vor dem Fall Clancy –, wie die viralen Videos vom letzten Jahr zum Thema "Wie läuft das Muttersein?". Einige zeigten Mütter, die ihren Kopf in den Backofen steckten, mit der Bildunterschrift "Den ganzen Sommer mit den Kindern zu Hause sein ist wie…". In anderen mimten Mütter, sich mit Messern zu erstechen, sich die Treppe hinabzustürzen oder Bleichmittel zu trinken.

Obwohl es mir nicht fremd ist, einige dieser Videos amüsant zu finden, sind sie Symptom eines größeren Problems der Mutterschaft: wie modisch es geworden ist, sich auf die schwierigen Seiten zu konzentrieren. Nicht nur darüber nachzudenken, wie hart es sein kann, oder es sich selbst oder Freunden gegenüber auszusprechen, sondern die verletzlichsten und dunkelsten Momente, die man wahrscheinlich je erleben wird, zu nehmen und sie online zu teilen, um sofortige Bestätigung von anderen leidenden Müttern zu erhalten. Es unterscheidet sich im Grunde nicht von der toxischen Männlichkeit, die unsere Kultur verabscheut – ein öffentliches Sudeln in Selbstmitleid und in Wut auf eine angeblich gleichgültige Welt.

Das ist das wahre Zerbrechen. Männer bekamen ein Jahrzehnt lang Schlagzeilen über ihre Fragilität angesichts der Herausforderungen des modernen Lebens – einer verwirrenden, aber letztlich vergleichsweise einfachen Zeit, um zu leben – und wir nannten es eine Krise des männlichen Versagens. Frauen bekamen die Instagrammifizierung der ihren, und wir nannten es Befreiung.




4. Die Post. Einer meiner Leser macht mich auf folgende Meldung aufmerksam:

Das Bundesverfassungsgericht hat eine unmittelbar gegen das Gewalthilfegesetz gerichtete Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen. Die 3. Kammer des Ersten Senats stellte in ihrem Beschluss vom 24. Juli 2026 (Az. 1 BvR 541/26) fest, dass die Beschwerde schon unzulässig war, weil die eigene Betroffenheit nicht ausreichend dargelegt wurde. Die inhaltliche Frage, ob der Ausschluss nicht-weiblicher Personen vom Anwendungsbereich des Gesetzes verfassungsgemäß ist, hat das Gericht damit ausdrücklich nicht beantwortet.

(…) Für Männer und nicht-binäre Personen, die Gewalt erlebt haben, ändert die Entscheidung an der aktuellen Rechtslage nichts. Der Ausschluss aus dem Anwendungsbereich bleibt bestehen, ist aber auch nicht verfassungsrechtlich abgesegnet. Wer Hilfe benötigt, sollte deshalb zunächst alle bestehenden Wege nutzen: allgemeine Beratungs- und Schutzangebote, Leistungen der Sozialhilfe- und Jugendhilfeträger sowie zivilrechtliche Schutzanordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz, die beim Familiengericht beantragt werden und etwa ein Kontakt- und Näherungsverbot oder die Zuweisung der gemeinsamen Wohnung umfassen können.


Mein Leser schreibt mir hierzu:

Formal gesehen eher kein Aufreger, denn das BVerfG hat die Sache ja überhaupt nicht entschieden, sondern sich mit Formalien gedrückt. Es sieht so aus, als ob die Beschwerde tatsächlich etwas "dünn" gewesen wäre. Was nicht heißt, daß das Gericht nicht auch anders gekonnt hätte, wenn es denn gewollt hätte. Mir ist aber aufgestoßen, daß sich niemand für das Problem als solches zu interessieren scheint.




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Montag, August 24, 2026

Australien: Jeder vierte Junge für gewaltsamen Widerstand gegen Feminismus

1. In Australien (und Neuseeland) sorgt eine neue Studie für Aufsehen:

Jeder vierte australische Junge glaubt, dass man sich Feminismus mit Gewalt widersetzen sollte, und jeder Dritte sagt, die Gleichstellung der Geschlechter sei zu weit gegangen, wie eine neue Umfrage ergeben hat.


Warum das die Jungen glauben wäre ein interessanter Punkt. Hat das etwa niemand gefragt?

In einer Studie, die als erste ihrer Art gilt, wurden für den Bericht "Misogyny, Online Radicalisation and Youth Extremism in Australia" 1122 junge Menschen im Alter von 13 bis 17 Jahren sowie 2307 Erwachsene befragt, um Einstellungen zu Frauen und Geschlechtergleichheit zu vergleichen.


Okay, die Studie ist also schon mal ideologisch ausgerichtet: Die Einstellung zu Männern und Geschlechtergerechtigkeit wird erst gar nicht gefragt.

Dabei zeigte sich, dass etwa jeder dritte Teenager-Junge frauenfeindliche Einstellungen, Misstrauen gegenüber Frauen und den Glauben an traditionelle Geschlechterrollen äußerte.


Es wurden also drei völlig unterschiedliche Aspekte zusammengerührt, als ob das praktisch ein und dasselbe wäre.

Etwa ebenso viele Jungen waren laut der Forschung der University of Melbourne der Ansicht, dass Männer bei knapper Arbeit eher ein Recht auf einen Job hätten als Frauen.


Weil sie in der Regel die Familie ernähren? Welche Gründe wurden denn hier genannt? Wie stichhaltig sind diese Gründe?

Drei Viertel der Befragten identifizierten sich als weiß, gefolgt von 13 % Asiaten und 8 % Aborigines.

Junge Menschen, einschließlich Mädchen, vertraten deutlich häufiger als ältere Generationen feindselige Einstellungen gegenüber Frauen.


Lasst mich raten: Die Vorliebe für die traditionelle Rollenverteilung wird unter "feindselige Einstellungen gegenüber Frauen" eingemeindet?

Mädchen der Generation Z glaubten doppelt so häufig wie Millennial-Frauen, dass eine Ehe einen Ehemann zum Sex berechtige, selbst wenn seine Frau das nicht wolle.

Auch mehr als 500 Lehrkräfte wurden befragt und berichteten, dass Schüler männliche Influencer zitierten und gegenüber weiblichen Lehrkräften im Unterricht Sprache aus der "Manosphere" wiederholten.


"Sprache aus der Manosphäre" ist extrem vage. Gibt es eine Liste verbotener Wörter? Wie sieht diese Liste aus?

Dieses Verhalten wurde von Pädagogen bereits bei Kindern im Alter von sechs Jahren beobachtet.

Die Studie ergab, dass frauenfeindliche Einstellungen eng mit dem Konsum von Manosphere-Inhalten, Pornografie und Online-Dating zusammenhingen.


Komischerweise erwarte ich jetzt keine Flut von Artikeln, die gegen Online-Dating wettern.

"Diese Studie zeigt, dass die Probleme mit Frauenfeindlichkeit struktureller und nicht individueller Natur sind", so Berichtsautorin Sara Meger.

Der Bericht empfahl fünf politische Änderungen, darunter Investitionen in Präventionsarbeit bereits ab dem Alter von sechs Jahren sowie die Anerkennung von Frauenfeindlichkeit als Form gewaltbereiten Extremismus in nationalen Rahmenwerken zur Extremismusbekämpfung.


Soll die Vorliebe für die traditionelle Rollenverteilung auch als "extremistisch" bekämpft werden?

Die Bundesregierung solle zudem eine Regulierung von Plattformen in Bezug auf ihre Algorithmen in Betracht ziehen, da das Engagement mit "Manfluencern" einer der stärksten Online-Prädiktoren für feindselige Geschlechtereinstellungen sei, heißt es in dem Bericht.


War eh klar, dass es letztlich darum gehen würde, unerwünschte Meinungen zu verbannen.

Wirft man einen Blick auf die Darstellung der Studie von der Universität Melbourne selbst fällt auf, dass bei der Berichterstattung ein interessanter Punkt verloren ging. So stimmten nämlich auch 21 Prozent der 13- bis 17-jährigen Mädchen der Aussage zu, Feminismus solle "mit Gewalt" zurückgewiesen werden. Hm. Liegt diese Einstellung also vielleicht doch nicht an der bösen Manosphäre als Quelle allen Übels? Könnte es sein, dass sich Jugendliche beiderlei Geschlechts vom Feminismus immer stärker bedrängt fühlen – oder einfach nur gerne eine Alternative zu dem hätten, was regierungsamtlich verordnet und von den Leitmedien breiflächig unterstützt wird?

In der Darstellung der Universität heißt es auch: "Am beunruhigendsten ist vielleicht: Rund 40 % der Jungen im Alter von 13 bis 17 Jahren stimmten der Aussage zu, dass Frauen in Bezug auf häusliche und sexuelle Gewalt lügen." Es ist nicht beunruhigend, sondern nachgewiesen, dass Frauen so etwas tun. Wie weltfremd kann man sein?

Weiter heißt es auf der Seite der Universität: "Online-Communities bestätigen die Beschwerden von Männern und Jungen und bieten eine 'Outgroup', die als Sündenbock herhalten muss und beschuldigt wird – nämlich Frauen." Liebe Feministinnen, ERINNERT EUCH DIESES VERHALTEN VIELLEICHT AN IRGENDWAS?

Ich kenne natürlich den Spruch, dass manche eher den Splitter im Auge des anderen wahrnehmen als den Balken im eigenen, aber das ist nun wirklich lächerlich.



2. Das Statistische Bundesamt hat am 20. August neue Zahlen zum "Gender Education Gap" veröffentlicht. Worauf fiese Männerrechtler seit Jahrzenten hinweisen, setzt sich fort: Frauen stellen 55 % der Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife, Männer dagegen 59 % der Absolventen mit lediglich erstem Schulabschluss. Jungen wiederholen häufiger Klassen, verlassen häufiger frühzeitig das Bildungssystem und haben deutlich niedrigere Hochschulabschlussquoten. Bei den 2020 begonnenen Bachelorstudiengängen hatten nach acht Semestern 34 % der Frauen, aber nur 25 % der Männer einen Abschluss.



3. Die Zahl der Männer, die wegen häuslicher Gewalt Hilfe bei der Männerberatung Düsseldorf suchen, hat einen neuen Höchststand erreicht.



4. Die britische BBC berichtet über eine neue Kampagne der Polizei und des Men’s Advisory Project, die männliche Opfer häuslicher Gewalt ausdrücklich dazu ermutigen soll, Hilfe zu suchen. Aufhänger für den Beitrag ist eine junge Frau namens Shannon McIlwaine, deren Vater 2022 von seiner Partnerin getötet wurde. Diese stach auf ihn ein, während er in seinem Bett schlief und wurde 2024 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. McIlwaine hofft, dass die neue Kampagne "Every Victim Matters" dazu beiträgt, dass Männer ihre Gewalterfahrungen früher offenlegen und Hilfe suchen. Anlass hierfür bietet, dass bereits im polizeilich erfassten Hellfeld 32 Prozent der Straftaten häuslicher Gewalt mit männlichen Opfern registriert sind. (Aus zahllosen Dunkelfeld-Studien weiß man, dass circa 50 Prozent realistisch sein dürften.) Die Kampagne soll auch auf emotionale Gewalt und kontrollierendes Verhalten aufmerksam machen. Sie wird von der nordirischen Justizministerin Naomi Long finanziert.



5. Das Bundesforum Männer kündigt die Internationale Jahreskonferenz 2026 an. Sie soll sich den "vielfältigen Herausforderungen" stehen, vor denen junge Männer heute stehen, beispielsweise "die wachsende Präsenz antifeministischer Narrative in digitalen Räumen". Ich bezweifle, dass Jungen und junge Männer das eines ihrer größten Probleme bezeichnen würden, wenn man jemals auf den Gedanken käme, sie danach zu befragen. Vermutlich käme es nicht mal in die Top Ten.



6. Christian Schmidt zerpflückt einen Artikel in der BRIGITTE, in dem eine Frau darüber klagt, wie schlimm der Druck der Ernährerrolle sei – also genau jene Regeln, die völlig egal waren, solange sie fast nur Männer betrafen.



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Freitag, August 21, 2026

Tom Gerhardt: "Gottschalk hat Frauen ans Knie gefasst. Die Folge: lebenslange Traumata"

1. Der Comedian Tom Gerhardt hat sich gegen aus seiner Sicht allzu billige Kritik an Thomas Gottschalk ausgesprochen:

"Man arbeitet sich am bald 80-jährigen 'Sunnyboy' Gottschalk ab, bei dem man ja aufgrund ernster Krankheit nicht viel Gegenwehr befürchten muss. Ach, wie mutig auch. Und natürlich schlagzeilenträchtig."

(…) Gerhardt: "Er hat sage und schreibe Frauen ans Knie und an die Schulter gefasst. Die offensichtliche Folge: lebenslange Traumata." (…) "Ich frage euch, selbst ernannte Staatsanwältinnen: Konntet ihr keinen Besseren finden, um zu beweisen, dass ein düsteres Patriarchat Deutschland fest im Griff hatte und noch hat?"

"Also Klaus Kinski hätte mir als Angeklagter mehr Sinn gemacht und wäre bestimmt auch gerne und unterhaltsam in die Diskussion gestiegen. Aber, ach, er ist nicht mehr unter uns", sagt Tom Gerhardt weiter.

(…) "Es ist natürlich ihr Recht, sich so gefühlt zu haben, wie sie sich denn gefühlt haben. Trotz Bussi-Bussi mit Tommy vor und nach der Show", so der Schauspieler. "Ich erkenne auch an, dass in früheren Zeiten Frauen gerne mal reduziert wurden auf ihr Aussehen und ihre 'Sexyness'."

Doch Tom Gerhardt steht der Debatte weiterhin kritisch gegenüber: "Wenn du behauptest, wirklich Frauenrechtler oder Frauenrechtlerin zu sein und dieses leidige, alte Thema dermaßen hochkochst, dann habe ich ein riesiges Fragezeichen: Wenn du die Zeit hast, dich so ausgiebig um alte Sendungen von Gottschalk zu kümmern, warum stehst du nicht erst mal auf für die wirklich knallharten, realen, physischen Torturen, denen Frauen – nur wenige Flugstunden entfernt – in Ländern wie Afghanistan oder dem Iran ausgesetzt sind?"

Denn für den 68-Jährigen bestünde dort deutlich mehr Handlungsbedarf: "Da geht es um Leben oder Tod. Täglich", so Gerhardt. "Wo sind eure Aufrufe gewesen? Wo? In diesem Zusammenhang habe ich die Ritterinnen der Moral noch nicht entdeckt (verzeiht, wenn ich hier jemand übersehen habe). Oder gilt das Schutzbedürfnis nur für deutsche Schauspielerinnen?"




2. Der ORF berichtet über eine bemerkenswerte Studie:

Forschung zur Elternkarenz beschäftigt sich meist mit der Gesundheit von Müttern, die psychische Gesundheit von Vätern erhielt bisher nur wenig Aufmerksamkeit. 746 Väter aus Schweden wurden deshalb von einem Forschungsteam eineinhalb Jahre lang beobachtet, beginnend als deren Babys etwa neun Monate alt waren.

Die teilnehmenden Väter beantworteten Fragen zu depressiven Symptomen zu Beginn der Studie und erneut bei einer zweiten Befragung, als ihre Kinder etwa 27 Monate alt waren. Wie lange die Väter in Karenz waren, wurde ebenfalls bei der zweiten Befragung erfasst.

Die Ergebnisse zeigen, dass Väter, die 14 bis 40 Wochen in Karenz waren, signifikant seltener Anzeichen einer Depression aufwiesen als Väter, die nur bis zu vier Wochen in Anspruch nahmen. Bei Vätern, die fünf bis 13 Wochen zu Hause blieben, war das nicht der Fall, ebenso wenig wie bei jenen, die mehr als 40 Wochen in Karenz waren.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Väter, die mehr als 90 Tage (knapp 13 Wochen) Karenz in Anspruch nehmen, aber nicht mehr als 60 Prozent der Gesamtdauer der Elternkarenz, eine bessere psychische Gesundheit haben", so Michael Wells, vom schwedischen Karolinska-Institut. In Schweden hat jeder Elternteil 90 nicht übertragbare Karenztage, also etwa 13 Wochen.

Das Forschungsteam vermutet, dass die Zeit zu Hause Vätern hilft, eine engere Verbindung zu ihrem Kind aufzubauen, sich in der Elternrolle sicherer zu fühlen und Alltagsroutinen zu etablieren. Das könnte wiederum das Risiko depressiver Symptome reduzieren.




3. Welche Probleme haben SPIEGEL-Redakteurinnen eigentlich mit Männern? Wird das in Einstellungsgesprächen eigens erfragt, bevor man dort einen Job bekommt? Aktuell arbeitet sich Anna Clauß an ihrem Sohn ab.



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Donnerstag, August 20, 2026

Millionen ukrainischer Männer fliehen vor einem grausamen Einberufungssystem

Vorgestern erschien in der einflussreichen linksliberalen Wochenzeitschrift "The Nation" ein tiefgehender Beitrag über fahnenflüchtige Männer in der Ukraine. Da man eine derart tiefgehende Berichterstattung in den deutschen Medien kaum findet, bietet sich eine Übersetzung im Volltext an.



Odessa, Ukraine — Ein nüchtern wirkender Mann mittleren Alters beugt sich näher heran und ruft in gebrochenem Englisch: "Ich will nicht sterben, verstehst du? Aber sie haben mich erwischt. Jetzt muss ich gehen." Er kippt noch einen Wodka. Die Restaurantterrasse ist voller Menschen, die ihre Schaschliks genießen. Sie stören sich nicht an dem Mann und seinen ausgelassenen Freunden, denn Abschiedsfeiern für neu Mobilisierte sind längst nichts Ungewöhnliches mehr.

Sie gehören ebenso zur Klanglandschaft der Stadt wie das Mopedsurren der 200-Kilogramm-Shahed-Drohnen Russlands oder das Heulen der Luftalarmsirenen.

Immer wieder reißen diese Drohnen autogroße Löcher in Wohnhäuser und töten Zivilisten. Die Frontlinie liegt etwa 145 Kilometer entfernt, doch so, wie die Einheimischen damit umgehen, könnte sie ebenso gut auf dem Mond liegen. Odessa ist eine eklektische, sonnenverwöhnte Hafenstadt am Schwarzen Meer, in der barocke Bauten aus der Zarenzeit auf sowjetische Plattenbauten treffen, mit Blick auf steil abfallende Strände. Diese Strände bleiben selbst dann voll, wenn Explosionen die dröhnende amerikanische Popmusik durchschneiden. Nur wenige ausländische Touristen suchen dann vorsichtig Schutz.

Doch unter dem Anschein relativer Normalität ist Odessa, wie der Rest der Ukraine, Heimat einer selbst ernannten Unterschicht von Männern zwischen 25 und 60 Jahren, die als Flüchtige im eigenen Land leben. In der Ukraine werden sie uhylianty genannt, ein abwertender Slangausdruck für "Drückeberger". Seit Jahren versuchen die uhylianty, der massiven Mobilisierungskampagne der Ukraine zu entgehen, die am selben Tag begann wie die russische Vollinvasion.

In den ersten Monaten des Jahres 2022 standen Freiwillige Schlange, um an die Front zu gehen. Heute ist das nicht mehr so. Wie viele sich verstecken, ist unklar, Schätzungen reichen von zwei bis sechs Millionen. Das Thema ist kaum erforscht, und in der englischsprachigen Presse geht die Geschichte der Drückeberger in Beiträgen unter, die Innovationskraft und Heldenmut der Ukraine feiern.

Viele in westlichen Hauptstädten beschreiben den Krieg als Kampf zwischen Gut und Böse, als Kampf für die Freiheit und Sicherheit des Westens. Der Kreml hat seine völlige Missachtung zivilen Lebens ebenfalls unter Beweis gestellt. Russische Soldaten foltern, morden und vergewaltigen in großem Maßstab.

Um Putins Angriff zu stoppen, ist Kiew verzweifelt auf der Suche nach Menschen. Trotz aller Hightech-Drohnen hängt der Erfolg letztlich von Körpern ab. "Wenn die Kommandeure vor zwei Jahren Raketen brauchten, brauchen sie jetzt Menschen", sagte Oleksandr Syrskyj, der frühere ukrainische Oberbefehlshaber.

Doch Millionen Ukrainer wollen nicht kämpfen. Warum?

Die Angst

In Odessa traf ich Taras (Name auf seinen Wunsch geändert) in einer Strandbar. Als überzeugter Protestant schaudert es Taras bei dem Gedanken zu töten. Der kräftige, knapp zwei Meter große 29-Jährige sieht nicht wie ein Flüchtiger aus, während er in seinen Burger beißt. "Sehen Sie, ich bin groß", sagt der IT-Entwickler mit stolzem Lächeln. "Deshalb macht mir die Teseka nichts aus. Ich habe keine Angst."

TZK, ausgesprochen als Teseka, steht für Territoriales Zentrum für Rekrutierung und soziale Unterstützung. Das ist die staatliche Behörde der Ukraine, die für die Organisation der Mobilisierung zuständig ist.

Die Teseka-Beamten bewegen sich in Gruppen von drei bis fünf Männern, manchmal in Zivil gekleidet. Oft werden sie von der Polizei begleitet. Sie fahren Renault Master, Ford Transit oder andere gewöhnliche Kleinbusse mit stark getönten Scheiben. Diese Busse haben der Mobilisierung ihren volkstümlichen Namen gegeben: busyfikazija, zu Deutsch etwa "Verbusung".

Bei einer Umfrage im vergangenen Jahr gaben rekordverdächtige 68 Prozent der Ukrainer an, der Teseka nicht zu vertrauen. Manche halten die Mobilisierung dennoch für notwendig. Ich sprach mit der energiegeladenen Kateryna Musijenko, 27, Mitglied der Aktivistengruppe Robymo vam Nervy (Wir machen euch nervös), die sich für die Entfernung sowjetischen und russischen Kulturerbes aus Odessa einsetzt.

"Für mich ist [die Mobilisierung] kein Problem, weil die meisten meiner Verwandten und Freunde bereits mobilisiert sind", sagt Kateryna. "Es ist verfassungsmäßig vorgeschrieben. Und ich finde es nicht problematisch, weil wir das tun müssen. Wer soll es sonst tun, wenn nicht die Ukrainer? Vielleicht sind die Methoden nicht angenehm. Aber wenn Leute Einberufungsbescheide monatelang ignorieren und versuchen zu fliehen und einfach zu Hause sitzen, um nicht zu kämpfen, dann finde ich das wirklich peinlich."

Im Oktober 2025, einen Monat nachdem ich Taras kennengelernt hatte, sprangen drei Teseka-Männer aus einem getarnten Kleinbus und rannten hinter ihm her. Es gelang ihm zu entkommen, wobei er Rucksack und Jacke zurückließ.

Im November entdeckte ihn eine andere Patrouille erneut. "Sie rannten hinter mir her. Die meisten verloren mich schnell, außer zweien, die mich in einer Sackgasse einholten." Als die beiden Männer in Militärkleidung ihn packten, versuchte eine Gruppe vorbeikommender Frauen mittleren Alters, ihn aus der Bedrängnis zu befreien, doch die Teseka-Männer ließen nicht los.

"Sie schrien die Frauen an und drohten ihnen mit Vergewaltigung oder Schlägen", erzählt Taras. Schließlich setzte sich die Teseka durch, nachdem sie Polizeiverstärkung angefordert hatte. Taras wurde weggebracht.

Solche Szenen sind mittlerweile Alltag geworden. Sie ereignen sich häufig und oft noch dramatischer, manchmal begleitet vom Flehen und Weinen der Angehörigen eines Wehrpflichtigen.

Nach seiner Festnahme durch die Teseka wurde Taras, zusammen mit Dutzenden Männern aus allen Lebensbereichen, zu einer ärztlichen Untersuchung gebracht. Taras saß in einem dämmrigen, im typisch sowjetischen Institutsgrün gestrichenen Korridor, unter Plakaten mit spärlich bekleideten Models, die für den Militärdienst warben.

"Es gab dieses Gerücht im Internet, dass man sich entziehen kann, wenn man sich nicht fotografieren lässt. Das hat nicht mehr funktioniert, als ich dort ankam", erzählt er tonlos.

Taras berichtet, dass er, nachdem er sich geweigert hatte, fotografiert zu werden, in einen kleinen Raum gezwungen wurde, wo zwei Männer in Zivil ihn fotografierten, während sie ihm gegen den Kopf schlugen. Ein untersetzter Oberst "mit Beinprothesen bis zum Knie und wildem Blick" schrie, er werde schießen, wenn Taras sich bewege, und richtete eine Pistole auf ihn.

"Dann fingen sie an, uns zu verkaufen", erinnert sich Taras. Die Männer wurden vom untersetzten Oberst und den Kommandeuren der Einheiten befragt. "Kommandeure kamen dann mit Geldumschlägen zum Oberst und boten für die Männer, die sie sich ausgesucht hatten."

Taras konnte seine IT-Kenntnisse ins Spiel bringen. Er wurde für eine Drohneneinheit ausgewählt, doch zu seinem Entsetzen als fixik eingeteilt: ein mobiles Ein-Mann-Reparaturteam. "Ich hätte Dutzende Drohnen in meinem Auto gehabt. Ich wäre das erste Ziel gewesen", sagt er schaudernd.

Dennoch widersprach Taras kaum, nachdem er gesehen hatte, wie einer seiner Mitrekruten "frech wurde und bessere Bedingungen forderte. Also verzichtete die Einheit, die ihn ursprünglich wollte. Er wurde an Skelja abgegeben."

Für den Rest der Zeit im Korridor wagte Taras nicht, den einst so frechen, hageren Zwanzigjährigen anzusehen. Zwei bewaffnete Soldaten von Skelja schlugen auf den Rekruten ein. "Du gehörst jetzt uns, sagten sie zu ihm", erinnert sich Taras.

Skelja, was "Fels" bedeutet, ist die größte Sturmeinheit der Ukraine. Der Name geht auf das Rufzeichen ihres Kommandeurs Jurij Harkawyj zurück, das an Dwayne "The Rock" Johnson erinnert. Vor einigen Monaten nahm Johnson für Harkawyj ein Video auf und schickte ihm "mana".

Skelja ist berüchtigt dafür, Dutzende ihr zugewiesene Wehrpflichtige gefoltert und getötet zu haben. Der Fall Oleksandr Semenow ist bekannt. Er kam im Januar 2026 im Krankenhaus von Krywyj Rih an. Semenow gab an, während seiner Zeit bei Skelja geschlagen, an ein Quad gefesselt und über den Boden geschleift worden zu sein. Wenige Tage später starb er. Als offizielle Todesursache wurde Lungenentzündung angegeben.

Es gibt keine umfassenden öffentlichen Daten, doch in der Ukraine ist es allgemein bekannt, dass es in Teseka-Gewahrsam, in Ausbildungslagern oder in Einheitsunterkünften eine ganze Reihe ungeklärter Todesfälle gab. Seit 2022 wurden mehr als 1.400 Strafverfahren wegen Folter gegen Teseka-Zentren und Polizeistationen eröffnet.

Nur 20 endeten mit einer Verurteilung. Eine dieser Verurteilungen betrifft einen auf Video festgehaltenen Fall brutaler Misshandlung eines Wehrpflichtigen. Zwei Teseka-Beamte bekannten sich schuldig und erhielten ein Jahr auf Bewährung sowie Geldstrafen von umgerechnet etwa 20 US-Dollar.

Das Durcheinander

Die Teseka genießt in der Armee insgesamt einen so schlechten Ruf, dass Soldaten oft Aufnäher und Aufkleber tragen mit der Aufschrift "nicht Teseka". Ich sah diese Aufnäher überall verkauft, vom weitläufigen Priwos-Markt in Odessa bis zum Flohmarkt in Charkiw.

Viele Teseka-Beamte wurden im Kampf verwundet, wie der untersetzte amputierte Major, der Taras bedrohte. Manche werden dorthin geschickt, weil gesundheitliche Probleme sie für den Fronteinsatz untauglich machen. Verachtet und unterbesetzt, arbeitet die Teseka dysfunktional. Ukrainern gelingt es oft, ihr zu entkommen.

Taras zum Beispiel erkrankte in einem Ausbildungslager nach wochenlanger harter Arbeit im heulenden Novemberwind. Während er im Krankenhaus lag, konnten ihn seine Freunde, wie er mir erzählte, herausschmuggeln. Nun versteckt sich der IT-Spezialist in einer gemieteten Wohnung zurück in Odessa vor der Teseka. Er bleibt drinnen und liest den ganzen Tag chinesische Fantasy-Romane.

Taras' Bekannter, ebenfalls IT-Spezialist, Boris (Name auf seinen Wunsch geändert), ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie chaotisch die Mobilisierung ablaufen kann.

Die Teseka schnappte sich den 27-jährigen Boris, während er in einem Landhaus den Sommer verbrachte, das er und seine Partnerin in einem Dorf am Rande Kiews gemietet hatten. Er sagte, er habe absichtlich nach einem Ort abseits der Hauptstraßen und Ballungszentren gesucht, um der Einberufung zu entgehen. Eines Morgens ging Boris eine leere, sonnige Straße entlang. Er hörte in Dauerschleife Stoner-Metal und bemerkte nicht, wie ein Polizeiwagen anhielt.

Boris, der nicht besonders sportlich ist, versuchte nicht zu fliehen. Nach einer Nacht im Teseka-Gewahrsam wurde er zu einer ärztlichen Kommission gefahren. Als Anarchist empfindet Boris kaum etwas außer Verachtung für den Gedanken, für einen Staat zu kämpfen.

Als Nächstes, so erzählt er, "fuhren sie mit mir durch dieses Viertel in Kiew. Und mir wurde klar, dass ich weiß, dass meine Jungs genau dort drüben wohnen." Boris dachte darüber nach, während das Auto an einer roten Ampel stand. Dann öffnete er die Autotür, stieg aus, ging erst zügig, dann rannte er los, als er hinter sich Geschrei hörte. "Es war wie in Trance", sagt er.

Ein paar Monate lang lebte Boris ein normales Leben in Kiew. Als ich ihn im vergangenen Herbst besuchte, wirkte er völlig gelassen. "Die Teseka kommt hier nicht her. Das ist ein wohlhabendes Viertel", erklärte Boris.

Doch dann wollte er Miete sparen. "Ich bin in ein ärmeres Viertel gezogen, proletarischer. Und dort haben sie mich erwischt. Ein Teseka-Typ hat mich einfach zu Boden geworfen."

Die oft unausgesprochene Realität ist, dass die Mobilisierung vor allem Ukrainer aus der Arbeiterklasse trifft. Wolodymyr Ischtschenko, 44, ist ein leise sprechender ukrainischer Soziologe mit Sitz in Deutschland. Er erforscht Klassendynamiken in der Ukraine, insbesondere im Zusammenhang mit der Mobilisierung.

"Diejenigen, die zwangsmobilisiert werden", erklärt Ischtschenko, "sind überproportional arm. Es sind Fabrikarbeiter oder Menschen aus ländlichen Gebieten." Er erläutert, dass wohlhabendere Männer in der Lage seien, die stetig steigenden Bestechungsgelder zu zahlen, um die Teseka loszuwerden, oder sich zumindest einen Anwalt leisten könnten. Auch Anwälte seien nicht wirklich sicher: Ein Anwalt aus der Region Charkiw wurde von der Teseka verprügelt, bis sein Bein brach.

Ukrainische Journalisten haben eine Liste mit Bestechungspreisen zusammengestellt. Für 6.000 Dollar entgeht man dem Zugriff der Teseka, für 10.000 Dollar erhält man einen "Sonderflug", das heißt, man wird per Krankenwagen aus dem Land gefahren. Die Liste gipfelt bei 50.000 Dollar für einen gefälschten Behindertenstatus, die Streichung aus der Wehrpflichtdatenbank und die Ausreise ins Ausland. Die Preise variieren allerdings je nach Region der Ukraine. Taras berichtete, das Teseka-Personal habe von ihm 10.000 Dollar verlangt, um ihn freizulassen.

Das durchschnittliche Monatsgehalt in der Ukraine liegt bei etwa 700 Dollar.

Kiew hat versucht, die Teseka zu reformieren und gegen Korruption und Chaos vorzugehen. Doch eine reibungslos funktionierende Teseka würde Männer nur noch effektiver aufgreifen. Das System braucht Körper — vor allem solange Russland seine eigenen Reihen zuverlässig mit einer bunten Mischung aus ausländischen Söldnern, Wehrpflichtigen, Strafgefangenen und gut bezahlten Vertragssoldaten auffüllen kann.

Der Widerstand

Ukrainer wissen dank der einheimischen Medien gut über Folter in der Teseka und die grassierende Korruption Bescheid. Kein Wunder also, dass Teseka-Razzien häufig spontane Unruhen auslösen. Odessa, Taras' Heimatstadt, hat ihren Anteil daran erlebt. Allein 2026 wurden rund 20 Beamte der Teseka in der Region Odessa von uhylianty oder deren Sympathisanten verletzt — mit Messern, Fäusten und Schüssen.

In der ganzen Ukraine regt sich physischer Widerstand gegen die Teseka, wobei eine genaue Zahl unmöglich zu nennen ist: Wie bei den verdächtigen Todesfällen gibt es auch hier keine umfassende soziologische Erfassung. Im vergangenen Jahr registrierte die ukrainische Polizei 341 Angriffe auf die Teseka. 2023 sprach der parlamentarische Menschenrechtsbeauftragte von über 1.000 registrierten Konfrontationen.

Im Juli dieses Jahres verprügelte im westukrainischen Lwiw eine hundertköpfige Menschenmenge Teseka-Beamte, die versucht hatten, einen Mann von der Straße wegzuschnappen. Sie brachten sogar das Teseka-Fahrzeug zum Umkippen. Am nächsten Tag forderte Selenskyjs Stabschef Kyrylo Budanow "eine gerechte Reaktion der Strafverfolgungsbehörden". Einen Tag später nahm die Polizei mehrere Beteiligte fest, während ein lokaler Veteranenaktivist ein bedrückendes Video postete, in dem mehrere Männer und Jugendliche gezwungen werden, sich zu entschuldigen und "Ruhm der Teseka" zu skandieren.

Angesichts dieser raschen "Gerechtigkeit" wird deutlich, warum massenhafte Unruhen gegen die Teseka nicht allgegenwärtig sind und klassische Massenproteste gänzlich fehlen. "Wie sollten wir einen Anti-Teseka-Maidan organisieren?", fragt Boris rhetorisch. "Das wäre, als würde man gegen das Notwendige protestieren."

Ischtschenko, der Soziologe, führt weiter aus: Es sei diese enge, privilegierte — aber leicht mobilisierbare und in der Öffentlichkeit hochsichtbare — "Zivilgesellschaft", die in der Lage sei, einen Protest zu tragen und rasch zu organisieren, wie etwa die Proteste gegen Selenskyjs Entlassung des Militärchefs Mychajlo Fedorow im vergangenen Monat.

Ischtschenko argumentiert weiter, es gebe einen grundlegenden Klassenunterschied gegenüber dem Widerstand gegen die "Verbusung", die die weniger privilegierten Schichten am härtesten treffe. Diese seien zwar deutlich zahlreicher, blieben aber fragmentiert.

Um sich in Sicherheit zu bringen, greifen Ukrainer daher zu Online-Widerstand und Basis-Dokumentation. Seit Jahren werden die ukrainischen sozialen Medien täglich mit Videos überflutet, die zeigen, wie die Teseka Männer grob behandelt und in Kleinbusse zwingt, oft während Angehörige daneben weinen.

In den meisten Städten gibt es spezialisierte Telegram-Kanäle, die von lokalen Freiwilligen betrieben werden. Sie tragen Namen wie "Kyjiw-Wetter" oder direkter "Einberufungspapiere Odessa". Dort posten Ukrainer Informationen über die Bewegungen der Teseka. Eine typische Nachricht des Kanals "Einberufungspapiere Odessa" mit über 55.000 Lesern lautete etwa: Balkiwska-Straße, Ecke Dalnyzka-Straße — ein Streifenwagen hat einen Glovo-Kurier geschnappt. Sein Glovo-Moped steht noch dort.

In diesen Kanälen haben Ukrainer einen ganzen Wortschatz an Schimpfwörtern für die Teseka entwickelt: ljudolowy (Menschenfänger), pidory (Schwuchteln), netschist (Unholde) oder einfach tscherty (Dämonen). Manche dieser Begriffe reichen bis in die Sowjetzeit oder sogar die Zarenzeit zurück. Die Region hat eine lange Tradition des Widerstands gegen die Wehrpflicht — vom Basmatschi-Aufstand in Zentralasien bis zum größten Markt Tiflis', der noch immer "Deserteur-Basar" heißt. Der Militärdienst ist im gesamten postsowjetischen Raum grundsätzlich stigmatisiert, und die Institutionen, die die Wehrpflicht durchsetzen, genießen wenig Ansehen.

Es gibt auch ein florierendes digitales Ökosystem rund um jene, die über die Grenze aus der Ukraine fliehen. Zahlreiche Vlogger dokumentieren ihre Fluchten und die Trainingsprogramme, die nötig sind, um die von Drohnen und bewaffneten Wachen patrouillierten Flüsse und Wälder an der Südwestgrenze der Ukraine zu überwinden. Es gibt sogar ein iOS-Spiel, in dem der Protagonist lernen muss, den Grenzfluss Theiß zu durchschwimmen. Allein im Fluss Theiß sind Dutzende Wehrdienstverweigerer ertrunken.

Anastasija Piljawski, 45 Jahre alt und scharfsinnig, ist eine britisch-ukrainische Anthropologin. Sie lebt zwischen Odessa und Cambridge. Ihre Tochter, derzeit in einem ukrainischen Sommerlager, spielt das überall beliebte "Teseka-Spiel", eine Variante von Cowboy und Indianer. Im Spiel gebe es drei Fraktionen, sagt Piljawski: die uhylianty, diejenigen, die den uhylianty helfen, und die Teseka. "Die Teseka sind darin die Bösen", schließt Piljawski.

Sie führt aus: "Im Hinterland wird die Teseka als brutale, korrupte feindliche Kraft wahrgenommen, als viel gefährlicher und viel verabscheuungswürdiger als die russische feindliche Kraft. Das ist entscheidend. Ein Wendepunkt."

Die Propaganda

Jahrelang war das Thema Mobilisierung im westlichen Mainstream-Diskurs kaum präsent. Wird es doch einmal angesprochen, stößt es häufig auf regelrechte Cancel-Kampagnen.

Der bereits erwähnte ukrainische Soziologe Wolodymyr Ischtschenko gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die zur Mobilisierung forschten, und stieß sofort auf Widerstand. Eine Online-Diskussionsrunde zur Mobilisierung, die Ischtschenko am Democracy Institute der Central European University mitorganisieren wollte, wurde vom Institut abgesagt — einen Tag, nachdem die offizielle Ankündigung veröffentlicht worden war. Das Institut berief sich dabei auf Bedenken der "ukrainischen Gemeinschaft".

Ischtschenko argumentiert, die westliche Förderinfrastruktur habe eine bestimmte kreative Klasse hervorgebracht, die im Westen als einzige legitime ukrainische Stimme gelte. Piljawski erläutert, diese kreative Klasse sei "eine professionelle Klasse, nicht die reichste, aber eine Klasse, die mit Worten und Ideen arbeitet. Sie arbeiten als Fixer, sie dominieren die Szene, in der sich ausländische Journalisten gerne aufhalten. Und sie sind auch — überwiegend — nicht diejenigen, die kämpfen. Denn viele haben entweder die Mittel, sich freizukaufen, oder die Beziehungen, um der Front zu entgehen."

Es gab über die Jahre zahlreiche vom Westen finanzierte Programme, die ausdrücklich darauf abzielten, eine neue Generation ukrainischer Führungskräfte heranzuziehen. Ein Beispiel ist die Abgeordnete Oleksandra Ustinowa. Sie ist Absolventin des Future-Leaders-Exchange-Programms des US-Außenministeriums, des Transatlantic Fellowship Program und des Ukrainian Emerging Leaders Program der Stanford University.

Im Jahr 2024 forderte Ustinowa die Inhaftierung von Männern, die sich der Einberufung entzogen. Das sorgte für erheblichen Aufruhr, da Ustinowas Ehemann, ein Ukrainer im wehrpflichtigen Alter, seit 2022 in den Vereinigten Staaten lebt. Und Ustinowa ist nicht die einzige Politikerin, deren Familie der Mobilisierung entgeht, während sie selbst für deren Verschärfung eintritt. Der Bürgermeister von Lwiw forderte ein geschlechtsneutrales Wehrpflichtsystem — seine beiden Söhne leben im Ausland. Ein ungenannter ukrainischer Abgeordneter erklärte gegenüber Reportern, nur zwei Abgeordnete hätten Kinder beim Militär.

Unterdessen diskutieren europäische Entscheidungsträger zunehmend darüber, ukrainische männliche Flüchtlinge in die Ukraine zurückzuschicken oder ihre Flucht ins Ausland anderweitig zu erschweren. Über vier Millionen Ukrainer genießen in der EU vorübergehenden Schutzstatus, und seit der Invasion haben die europäischen Hauptstädte eine humanitäre Rhetorik gepflegt. "Sie wurden mit offenen Armen empfangen … Das ist der Geist Europas. Eine Union, die stark zusammensteht", sagte Ursula von der Leyen 2022.

Doch es scheint, dass fliehende Wehrpflichtige zunehmend aus der Humanität der EU herausfallen. Ab März 2027 sollen Männer im wehrfähigen Alter vom vorübergehenden Schutzprogramm ausgeschlossen werden.

Der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz sagte kürzlich, "alle jungen wehrdienstfähigen Ukrainer müssen in die Ukraine zurückkehren". Bereits 2024 erklärte der außenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der AfD, bevor auch nur ein einziger NATO-Soldat in die Ukraine geschickt werde, sollten zunächst die ukrainischen Männer im wehrpflichtigen Alter zurückgeschickt werden.

Nichts davon wird als Einschränkung der militärischen Unterstützung Europas für die Ukraine dargestellt. Vielmehr wird die europäische Zurückhaltung gegenüber Wehrdienstverweigerern als "etwas, worum die Ukrainer uns gebeten haben" dargestellt. Und tatsächlich scheint Kiew bereitwillig zu kooperieren und arbeitet an der Einrichtung sogenannter "Unity Hubs" in Deutschland, die ukrainische Männer zur Rückkehr bewegen sollen. 2024 strich die Ukraine zudem sämtliche konsularischen Dienstleistungen für wehrpflichtige Bürger im Ausland.

Die uhylianty sehen das möglicherweise anders. Wie Taras es formuliert: "Wenn ein Europäer zu einem Ukrainer kommt, der jeden Tag bombardiert wird, und fragt: ‚Warum wollt ihr nicht der Schutzschild Europas sein?', dann verstehe ich das nicht. Wenn ihr eure Werte verteidigen wollt — dann geht und verteidigt sie, werft uns nicht unter den Bus."

Boris fügt hinzu: "Viele hier glauben nicht an die Ukraine als etwas, für das sie ihr Leben riskieren wollen." Ischtschenko greift diesen Gedanken auf: "Die Ukrainer lieben ihre Ukraine vielleicht. Aber sie hassen und misstrauen ihrem Staat."

Um zu erklären, warum die westlichen Medien kaum über die Mobilisierung berichteten, zitiert der Soziologe den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek: Wile E. Coyote renne über eine Klippe hinaus und laufe weiter in der Luft — solange er nur nicht nach unten schaue. Über die "Verbusung" zu berichten, meint Ischtschenko, wäre gleichbedeutend mit diesem Blick nach unten und würde bedeuten, die Desillusionierung vieler Ukrainer gegenüber der liberalen Weltordnung anzuerkennen — gleichbedeutend damit, nicht mehr an das Ende der Geschichte zu glauben.

Die Desillusionierung

Im März 2025 besuchte ein Team von Sky News das erwähnte Skelja-Regiment. Eine der Fahrerinnen des Teams blieb in ihrem Auto am Kommandoposten von Skelja zurück. Dann trat ein maskierter Mann heran und schoss aus nächster Nähe ein Dutzend Mal auf den gepanzerten Wagen, bevor er in der Mitternachtsdunkelheit verschwand. Kurz darauf erschien ein weiterer Soldat, sammelte die leeren Patronenhülsen ein und wies die verängstigte Fahrerin an zu fliehen. Beschwerden von Sky News blieben folgenlos. Der Sky-News-Produzent Azad Safadow erzählte die Geschichte im vergangenen Juli auf Facebook. Er sagte, Sky News hätte daraus "einen internationalen Skandal machen können, tat dies aber nicht, weil man unser Land unterstützt".

Wenn ich auf Englisch über den Krieg lese, erscheint er mir wie ein glorreiches Spektakel. Tausende Schlagzeilen und Social-Media-Beiträge zeichnen das triumphale Bild eines ukrainischen "Gondor", das sich den "russischen Orks" entgegenstellt. Das ukrainische Flaggschiff-Medium Kyiv Independent veröffentlichte kürzlich ein verspieltes Video, in dem eine Reporterin sagt, ukrainische Männer, die sich der Mobilisierung entziehen, seien für sie das größte Warnsignal beim Dating.

Im Netz begegnet man außerdem lächelnden Shiba-Inu-Hunden in ukrainischen Uniformen, Filmbilder aus Der Herr der Ringe und The Mandalorian mit der Aufschrift "This Is the Way". The Atlantic titelte entsprechend: "Die Ukraine gewinnt den Meme-Krieg."

Die als "Warnsignal" verspotteten uhylianty hingegen erleben einen ganz anderen Krieg. Sie wissen, dass Dienst nicht bedeutet, an der Seite Gandalfs des Weißen gegen Orks zu kämpfen. Wahrscheinlicher bedeutet er, monatelang in einem Erdloch zu leben und in Müllsäcke zu defäkieren, um nicht entdeckt zu werden — und, wenn man schließlich doch entdeckt wird, mit aufgerissenem Bauch in einem Schützengraben zu verbluten.

Das erzählte mir Boris, als ich ihn drei Wochen vor seinem Umzug in ein ärmeres Viertel — wo er dann mobilisiert wurde — in seinem Kiewer Versteck besuchte. "Weißt du, der Tod ist gar nicht so beängstigend, beängstigender ist das ständige Unbehagen des Dienens — wofür auch immer. Der Tod ist ein Moment; das Unbehagen ist für immer."

Nachdem Boris schließlich geschnappt worden war, verbrachte er Monate in einem heruntergekommenen Ausbildungslager mit vernagelten Fenstern, wo die Rekruten rund um die Uhr überwacht wurden, damit sie nicht fliehen konnten. Dann wurde er Soldat. Die Stimmung beim Militär, so Boris, lasse sich in zwei Sätzen zusammenfassen: "Gott, hilf mir, das zu überleben" und "Ich will verdammt noch mal nicht für dieses Land sterben."

"Jetzt", schrieb er mir aus der Grundausbildung, "höre ich diesem Typen zu, der mir sagt, ich müsse gegen die Russen kämpfen, weil sie sonst meine Schwester töten und vergewaltigen würden. Aber diesen Typen würde ich auch nicht in die Nähe meiner Schwester lassen."

Als ich Boris frage, ob er sich selbst als jemanden sieht, der für Demokratie und Freiheit kämpft, antwortet der inzwischen zum Soldaten Gewordene sarkastisch: "Natürlich nicht." Gleichzeitig hat Boris eine differenziertere Sicht auf die Teseka entwickelt. "Ich verstehe, dass man diesen Krieg nicht ohne Mobilisierung führen kann. Vielleicht hätte es am Anfang eine Chance gegeben, Territorium gegen Frieden zu tauschen", sagt er. "Aber jetzt wird es einfach immer so weitergehen. Wir stecken im Zugzwang."

Dennoch klammert sich Boris an die Hoffnung, die Ukraine irgendwann verlassen zu können, und spart seinen Soldatensold, um sich später damit die Flucht zu erkaufen. "Sie haben mir [in der Grundausbildung] ständig gesagt, sie würden mir beibringen, auf dem Schlachtfeld zu überleben, aber ich weiß bereits, wie man dort überlebt", sagt er: "Halt dich verdammt noch mal vom Schlachtfeld fern."




Mittwoch, August 19, 2026

"Sex gegen Geld": Weitere Mitarbeiter werfen Grünen-Politikerin Belästigung und Machtmissbrauch vor

1. Die Frankfurter Allgemeine berichtet mehr über die Grünen-Politikerin Oehlrich, der sexuelle Belästigung eines Mitarbeiters vorgeworfen war, woraufhin sie vorgestern zurückgetreten ist:

Obwohl die Beschwerden im vergangenen September intern schon lange bekannt waren, ließ sich Oehlrich damals zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl [in Mecklenburg-Vorpommern] küren. Doch dann wurden die Vorwürfe öffentlich, der Landesvorstand beschloss einen Sonderparteitag, die grüne Bundestagsabgeordnete Claudia Müller wurde Spitzenkandidatin. Am Fraktionsvorsitz hielt Oehlrich bis zuletzt fest.

Am Montagnachmittag gab sie in Folge neuerlicher Berichte ihren Rücktritt bekannt. (…) Der Schritt sei "ausdrücklich keine Bestätigung" der gegen sie erhobenen Vorwürfe. Intern aber wird gemutmaßt, der Schritt könne damit zusammenhängen, dass sich die Affäre ausweitet. So sollen nach Informationen der F.A.Z. mindestens vier Personen von Machtmissbrauch oder Belästigung betroffen sein, weitere möglicherweise Betroffene sollen sich gemeldet haben. Gemutmaßt wird zudem, dass Oehlrichs Rücktritt auch damit zusammenhängt, dass der Parteivorstand sie faktisch fallen ließ.

Schon im Herbst 2022 soll Oehlrich einem langjährigen und deutlich jüngeren Fraktionsmitarbeiter ihre Liebe offenbart haben, so steht es in einem Beschluss des Landesvorstands der Partei vom 4. August, der der F.A.Z. vorliegt. Über Jahre soll sie dem Mann gegenüber immer wieder ihre Gefühle bekundet haben. Er wies das zurück, bat um Unterlassung, doch sie soll weitergemacht haben.

Laut einem Bericht der Fachberatungsstellen für Antidiskriminierungsarbeit in Greifswald vom Juli 2026, aus dem der "Nordkurier" zitiert, versuchte der Betroffene mehrfach vergeblich, auf verbindliche Regelungen zu einer Arbeitsorganisation hinzuwirken, die seine Grenzen respektiert. Oehlrich versprach offenbar mehrmals, sich zu bessern, tat das aber nicht. Laut einer eidesstattlichen Erklärung des Mitarbeiters, die der F.A.Z. als Kopie vorliegt, soll Oehlrich ihm gegenüber sexualisierte Sprache genutzt und etwa gesagt haben, er solle sich im Büro etwas anziehen, das "am Hintern enger sitzt". Er wirft ihr "verbale sexuelle Belästigung" vor. Oehlrich hatte gegenüber dem NDR derlei Äußerungen von ihr "unglücklich" genannt und gesagt, sie könne nicht ausschließen, dass Aussagen von ihr anders verstanden wurden, als sie gemeint gewesen seien.

(…) Laut Angaben des früheren Mitarbeiters, der sich später krankmeldete, soll Oehlrich dessen Arbeit auch mit einer sexuellen Dienstleistung verglichen haben. Auf seine Bitte nach einem Beratervertrag, um bisher unentgeltlich geleistete Zusatzarbeiten zu vergelten, soll sie geantwortet haben, das halte sie nur schwer aus, das sei, als sage ein Partner zum anderen, ab sofort gebe es nur noch "Sex gegen Geld". Dazu teilt Oehlrich mit, die Vorwürfe träfen in dieser Form nicht zu, einzelne Vorgänge oder Formulierungen seien aus dem Zusammenhang gelöst und verkürzt wiedergegeben.

(…) Doch soll es Vorwürfe von mindestens drei weiteren Personen gegen Oehlrich geben. In einem Fall ist von Brustberührung und von durch Oehlrich eingeforderten langen Umarmungen die Rede, die aufgrund des Machtverhältnisses nicht ablehnbar gewesen seien. In mehreren Fällen wurden Mitarbeiter, die die Vorwürfe erhoben hatten, später freigestellt. Eine Sprecherin teilt dazu mit, die Darstellung könne die Fraktion nicht bestätigen; zu einzelnen Personalangelegenheiten äußere man sich nicht.

Dem Vorstand der Landespartei sind die Vorwürfe seit Langem bekannt. Eine echte Aufklärung gab es bisher nicht. In dem nicht öffentlichen Beschluss vom 4. August heißt es, der Vorstand habe im Zuge von Presseanfragen "kürzlich erneut" Kenntnis über die Vorwürfe gegen Oehlrich erlangt. Demnach verurteilt der Landesvorstand "jede Form von Sexismus, sexueller Belästigung, grenzverletzendem Verhalten und sexualisierter Sprache". Der Parteiführung zufolge stritt Oehlrich zunächst fehlerhaftes Führungsverhalten ab, später gestand sie dann demnach ein, sexualisierte Sprache genutzt zu haben. Derlei Handlungen widersprächen den Grundwerten der Grünen, heißt es in dem Beschluss. Nun soll eine "bereits beschlossene Aufarbeitungskommission" ihre Arbeit "zeitnah" aufnehmen.


Harald Martenstein kommentiert diese Vorgänge in seiner Bildzeitungs-Kolumne, die regelmäßig in der Form eines Offenen Briefs gehalten ist, so:

Laut einer Beratungsstelle soll Frau Oehlrich (51) den jungen Mann unter anderem gebeten haben, "körperbetonte Kleidung" zu tragen, die "am Hintern enger sitzt". Diese Bemerkung sei, so die Beschuldigte, "nicht sexuell motiviert" gewesen. Wer könnte beim Wort "körperbetont" auch auf so eine Idee kommen? Es sei ihr lediglich um ein "angemessenes Auftreten" des jungen Mannes bei "dienstlichen Terminen" gegangen.

Ich habe mich gefragt, bei welchem politischen Termin eine am Männerhintern besonders eng sitzende Hose angemessen oder sogar von Vorteil sein könnte. Wahlwerbung für die Grünen bei einem Junggesellinnenabschied mit den Chippendales? Das sind hübsche Stripper, die bieten Erotik mit Niveau.

Fest steht: Der historische Satz "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" ist politisch neoliberal, weil FDP und Brüderle. Der Satz "Ihr Hintern füllt die Hose aber schön aus" könnte dagegen künftig für Klimaschutz und Gleichstellung stehen.




2. Eltern in Zürich witterten eine Diskriminierung ihrer Tochter, weil diese mit nur einem anderen Mädchen in der Klasse ist. Sie zerrten die Schule vor das höchste Gericht. Dieses wies die Beschwerde ab:

Die Eltern hätten keinen Anspruch darauf, dass ihr Kind einer bestimmten Klasse zugeteilt werde. Die zuständigen Schulbehörden verfügten bei der Einteilung über einen Ermessensspielraum und müssten sich dabei an gewisse Kriterien halten. Dazu gehören unter anderem der Schulweg sowie eine ausgewogene Zusammensetzung hinsichtlich Leistungsfähigkeit, sozialer und sprachlicher Herkunft und Geschlecht.

Die Geschlechterverteilung ist also ein Kriterium – aber nicht das einzige. Das war für die Richterinnen und Richter ausschlaggebend. Die Schule durfte auch pädagogische Gesichtspunkte und die individuellen Bedürfnisse der Kinder berücksichtigen. "Insofern ist es bundesrechtskonform, wenn die Vorinstanz den Wünschen der Eltern kein massgebliches Gewicht beimisst", heisst es im Urteil.

Im konkreten Fall spielte die bestehende Förderkonstellation der beiden Mädchen eine wichtige Rolle. Die beiden Schülerinnen waren bereits in der zweiten Klasse gemeinsam gefördert worden. Die zuständige Heilpädagogin und die Lehrperson hatten festgestellt, dass diese Zusammenarbeit gut funktioniert habe.

Hinzu kommt: Die elf Buben und zwei Mädchen würden nicht während der gesamten Unterrichtszeit in der gleichen Gruppe sein. Ein Teil des Unterrichts findet in Halbklassen statt, während die Kinder für weitere Lektionen mit einer grösseren Gruppe zusammen sind. Dort befinden sich fünf weitere Mädchen.

(…) Die Eltern zeigen sich enttäuscht über das Urteil, wie sie gegenüber dieser Redaktion sagen. "Leider zeigt es, dass Gleichstellungsfragen nur dann vertieft behandelt werden, wenn konkrete Nachteile nachweisbar sind, was die Entscheidung juristisch korrekt, aber gesellschaftlich wenig ambitioniert macht." Eine klarere Anerkennung sozialer Risiken wäre eine wichtige Chance für die Gleichstellung gewesen, sagt die Mutter. Denn die Schule sei nicht nur ein Lernraum, sondern auch ein Sozialraum. Das Urteil sei "eine verpasste Chance, Geschlechterstereotype im Schulalltag klar zu adressieren".




3. In Großbritannien haben Männer ihr Recht auf einen Prostata-Test verloren. Die Tageszeitung Telegraph berichtet:

Männer mittleren Alters wurden ihres Rechts auf Tests beraubt, die zur Früherkennung von Prostatakrebs beitragen.

Männer über 50 haben keinen Anspruch mehr auf einen Bluttest zur Identifizierung der Krankheit; stattdessen entscheiden nun Hausärzte, wer einen solchen Test erhält.

Experten bezeichneten die Entscheidung als "unerhörten Verrat".

Bislang hatte jeder Mann über 50 das Recht auf einen PSA-Test (Prostataspezifisches Antigen) über seinen Hausarzt. Symptome waren dafür keine Voraussetzung.

Die neuen Richtlinien heben dieses Recht jedoch auf und überlassen es den Hausärzten zu entscheiden, ob eine Testung angemessen ist.

(…) Die Änderung folgt auf den Beschluss der Regierung, ein flächendeckendes Prostatakrebs-Screening abzulehnen und stattdessen ein eng gefasstes Programm für eine kleine Gruppe von Männern mit hohem genetischen Risiko einzuführen.




4. Einer aktuellen Meta-Studie zufolge, die 75 Studien aus 30 Ländern auswertete und damit mehr als 100 Millionen Männer umfasste, gibt es ein erhöhtes Suizidrisiko bei von ihrer Partnerin getrennten oder geschiedenen Männern gegenüber verheirateten Männern. Bei getrennten Männern bis 34 Jahre lag das Risiko eines Suizids bei mehr als dem Achtfachen derjenigen verheirateter Männer derselben Altersgruppe. Das größte Risiko stelle die unmittelbare Phase nach der Trennung dar. Männer, die sich gerade in einer Trennung befanden, hatten ein nahezu doppelt so hohes Risiko wie Männer, deren Scheidung bereits abgeschlossen war. Dabei tauchten insbesondere Scham, Einsamkeit und der Verlust sozialer Netzwerke als wiederkehrende Faktoren auf.

Das erhöhte Risiko war nicht überall gleich groß. Geschiedene Männer in asiatischen Ländern wiesen höhere Suizidchancen auf als geschiedene Männer in westlichen Ländern. Die Autoren vermuten mögliche Zusammenhänge mit unterschiedlichen Familienstrukturen, Regelungen rund um Kinder und Sorgerecht sowie dem gesellschaftlichen Stigma von Scheidung.



5. Einer weiteren Studie zufolge heiraten US-amerikanische Frauen mit Hochschulabschluss zunehmend Männer ohne Hochschulabschluss – falls diese Männer überdurchschnittlich gut verdienen.

Die Autoren gingen von folgender Ausganslage aus: Frauen haben Männer bei den Hochschulabschlüssen inzwischen deutlich überholt. Trotzdem ist die Heiratsrate von Frauen mit Hochschulabschluss relativ stabil geblieben. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Menschen normalerweise dazu tendieren, Partner mit ähnlichem Bildungsniveau zu heiraten. Früher gab es mehr hochgebildete Männer als hochgebildete Frauen; inzwischen ist es umgekehrt. Die Frage lautet also: Woher kommen die Partner der hochgebildeten Frauen?

Hier fanden die Forscher heraus, dass sich der Anteil der Frauen, die selbst einen Hochschulabschluss besitzen und mit einem Mann ohne Abschluss verheiratet sind, zwischen den untersuchten Generationen etwa vervierfacht hat. Dabei handelt es sich aber überproportional um Männer ohne Abschluss, die wirtschaftlich relativ erfolgreich sind. Die hochgebildeten Frauen nähmen damit den weniger gebildeten Frauen einen besonders attraktiven Teil des Pools an Männern ohne Hochschulabschluss weg.

In zukünftigen Studie wollen die Forscher untersuchen, ob, wenn man die wirtschaftliche Situation von Männern aus der Arbeiterschicht verbessert, dann tatsächlich ihre Heiratschancen steigen – und dadurch wiederum die Heiratschancen der Frauen aus derselben sozialen Schicht?



6. Zuletzt ein Programmtipp: Zum Thema Männer wählen rechts, Frauen links – Gibt es einen politischen Gender Gap? gab es dieser Tage eine Talkrunde des SWR, die inzwischen online steht. Immerhin wurde im Verlauf der Debatte unwidersprochen festgehalten, dass beide Geschlechter von Diskriminierung betroffen sind, nur eben auf unterschiedliche Weise.



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