Mittwoch, September 02, 2026

Männergesundheit soll wieder ins Aus gedrängt werden

Gestern veröffentlichte der maskulistische Blogger "Tin Men" folgenden Text auf Instagram:



Immer wieder wird Männern gesagt, wenn sie Veränderung wollen, sollten sie "es selbst in die Hand nehmen".

Wenn du Schutzhäuser für Missbrauchsopfer willst, dann baue sie.

Wenn du eine Debatte über Männerthemen willst, dann stoße sie an.

Und wenn du Politik für die Gesundheit von Männern willst, dann fang an, sie zu schreiben. Das ist eigentlich guter Rat, und viele Männer haben ihn ernst genommen.

Das Problem ist nur: Was passiert so oft, wenn Männer genau das tun?

Was passiert, wenn Männer Schutzhäuser eröffnen? Was passiert, wenn Männer für Unterstützung kämpfen oder um Fördermittel bitten? Was passiert, wenn Männer "Männerräume" oder Gesprächsgruppen gründen?

Nun, dann ändert sich etwas –

Jetzt erhebt sich eine Stimme (meist dieselbe, die ihnen zuvor gesagt hat, sie sollten "es selbst tun") und schreit sie nieder, demonstriert vor ihrer Tür, prangert sie an und protestiert, und richtet ein solches Chaos an, dass diese neuen, kaum entstandenen Bemühungen niedergerungen und zertreten werden, bis sie vollständig und unwiederbringlich zerstört sind.

Wir erleben das gerade jetzt.

Ein neuer Gesetzentwurf zur Gründung des ersten amerikanischen Office on Men's Health soll die Flut vorzeitiger Todesfälle eindämmen, Suizid und Sucht bei Männern angehen, Forschung zu männerspezifischen Krebsarten finanzieren und das Stigma rund um psychische Gesundheit bekämpfen. Und dieser Entwurf kommt immer weiter voran.

Ein solches Amt würde neben den (mindestens) ACHT bereits bestehenden Ämtern für Frauengesundheit arbeiten, aber zusätzliche, staatlich finanzierte, landesweite Forschung eigens für Männer bereitstellen.

Und dann geschah es.

Die Empörungstruppe zieht in die Stadt ein, berauscht von Wut und Anspruchsdenken, fest entschlossen, ein weiteres wohlmeinendes Vorhaben zur Unterstützung von Männern und Jungen zu zerstören.

Dieselben Rufe und Drohungen, dieselben Erpressungsversuche, dasselbe notorische Opfergehabe; dieselben naiven Parolen, ausgespuckt aus denselben ignoranten Mündern.

Wir beobachten es live, und wir können nur hoffen, dass jene mutigen Senatoren und Politiker die Kraft haben, die Trolle zu ignorieren und unbeirrt weiterzumachen.

Wir brauchen sie, damit sie weitermachen.

Denn die Politik, um die sie bitten, ist lebensrettend und transformativ, und sie verdient es, verabschiedet zu werden.

Was also lässt sich zu diesem neuen Gesetzentwurf für ein Office on Men's Health sagen, und wie können wir gegen die Ignoranz vorgehen, die auch dieses Mal wieder droht, es im Keim zu ersticken?




Was ist hier schon wieder los? Das erfahren wir ausführlicher durch einen Beitrag, den Lisa Britton aktuell veröffentlicht hat: Men's Health Is Being Silenced Again. Es geht um eine Kontroverse, die in den USA stattfindet, aber von grundsätzlicher Bedeutung ist:



Ich wachte auf, sah auf mein Handy und fand eine Nachricht von meinem Freund und Mitstreiter für das Wohlergehen von Jungen und Männern, George (auf Social Media unter dem Namen TheTinMen bekannt): "Verdammt … das explodiert gerade auf Instagram." Es handelte sich um ein virales Video der Journalistin Katie Couric, das bereits Tausende von Aufrufen und Kommentaren gesammelt hatte. Sie nahm den State of Men's Health Act ins Visier.

Zuerst dachte ich, das müsse ein Scherz sein. Ich konnte nicht glauben, dass jemand ein Gesetzesvorhaben, das zum ersten Mal ein Bundesamt für Männergesundheit schaffen würde, als Pointe behandelt. Couric griff gezielt Senator Ruben Gallego aus Arizona heraus, der gemeinsam mit Senator Roger Marshall aus Kansas den entsprechenden Gesetzentwurf im Senat eingebracht hatte. Sie lachte und beteuerte, das sei keine Satire – als wäre ein Amt, das der Gesundheit von Männern gewidmet ist, eine Art Witz.

Ich setze mich seit fast einem Jahrzehnt für das Wohlergehen von Jungen und Männern ein. Viele von uns haben dafür gekämpft, ein Office of Men's Health einzurichten. Derzeit gibt es acht Bundesämter, die sich über das Gesundheitsministerium (HHS) und dessen Behörden hinweg der Frauengesundheit widmen, und null für Männer. Null. Das sieht für mich nicht nach Gleichberechtigung aus.

In dem Video führte Couric die altbekannten Argumente an, die ein Amt für Männer als Beleidigung der Frauen darstellen. Es ist erstaunlich, wie oft dieses Thema von Frauen wie ihr als Nullsummenspiel gerahmt wird. Menschen aus meinem Umfeld betonen ständig, dass dem nicht so sei, aber das fällt mir schwer zu glauben, wenn die Gegenseite sich immer wieder so verhält, als wäre es genau das.

Investitionen in die Gesundheit von Männern nehmen den Frauen nichts weg. Das steht im Gesetzestext selbst ganz unmissverständlich. Die Mittel für das geplante Amt sollen sich „aus Beträgen ableiten, die durch andere gesetzliche Bestimmungen zur Bereitstellung von Mitteln autorisiert sind, unter Ausschluss jeglicher Beträge, die dem Office on Women's Health … oder einem anderen Amt für Frauengesundheit zugewiesen werden dürfen." Warum wird der Öffentlichkeit dann weiterhin etwas anderes erzählt?

Zum Hintergrund: Der State of Men's Health Act wurde am 20. Februar 2026 im Repräsentantenhaus als H.R. 7602 eingebracht, von der Demokratin Troy Carter aus Louisiana und dem Republikaner Greg Murphy aus North Carolina. Er würde das Government Accountability Office verpflichten, die Gesundheit von Männern in den Vereinigten Staaten zu untersuchen, und das amerikanische Gesundheitsministerium anweisen, ein Office of Men's Health einzurichten. Die Aufnahme war respektvoll, doch der Entwurf brauchte mehr Schwung. Am 23. Juli brachten die Senatoren Gallego und Marshall die entsprechende Fassung im Senat als S. 5113 ein. Die Demokraten übernehmen bei diesen Entwürfen die Führung, mit republikanischer Mitunterstützung. Das ist bemerkenswert, anerkennenswert und politisch mutig von ihnen.

Frauenorganisationen stellen Hilfe für Jungen und Männer seit Langem als Bedrohung für Mädchen und Frauen dar. Wenn man erkennt, dass dahinter auch ein gut finanzierter Lobbysektor steckt, ergibt dieses Muster plötzlich Sinn. Erst vor wenigen Wochen forderten Frauenorganisationen – darunter das American College of Obstetricians and Gynecologists, die Society for Women's Health Research und die Women First Research Coalition – vom Kongress 20 Milliarden Dollar über zehn Jahre, um "die Gesundheitslücke bei Frauen zu schließen". Wir fordern das erste Office of Men's Health in der amerikanischen Geschichte. Sie fordern 20 Milliarden Dollar. Das sollte kein Wettbewerb sein.

Männer und Frauen sitzen im selben Boot. Wenn die Gesundheit von Männern vernachlässigt und ignoriert wird, schadet das auch Ehefrauen, Müttern, Töchtern und ganzen Gemeinschaften, nicht nur Jungen und Männern selbst. Der Gesetzentwurf richtet sich gegen Krisen, die uns längst bekannt sind: eine kürzere Lebenserwartung von Männern, vermeidbare Krankheiten, Überdosierungen und Suizid. Männer sterben viermal so häufig durch Suizid wie Frauen. Wer könnte ernsthaft gegen eine koordinierte staatliche Reaktion darauf sein?

Liebe Leserinnen: Denkt an eure Söhne, Partner, Väter, Neffen und Freunde. Verdienen sie nicht Aufmerksamkeit, Forschung und Ressourcen, damit sie länger und gesünder leben?

Couric führte die jahrzehntealte Ausgrenzung von Frauen aus klinischen Studien als Grund an, die Gesundheit von Männern jetzt nicht ernst zu nehmen. Wie mein Freund und Forscher James L. Nuzzo und andere dokumentiert haben, ist das historische Bild komplizierter, als es in dieser Darstellung erscheint. Als Frauen im gebärfähigen Alter aus bestimmten frühen Arzneimittelstudien ausgeschlossen wurden, geschah dies zu ihrem Schutz, nicht aus einer Verschwörung heraus, für immer nur Männer zu untersuchen. Wären diese Frauen in ungetestete Medikamentenstudien aufgenommen worden, würden dieselben Stimmen, die heute über den Ausschluss von Frauen klagen, den Forschern vorwerfen, Frauen historisch als Versuchskaninchen missbraucht zu haben. Seit Jahrzehnten schließt die vom National Institute of Health finanzierte Forschung in den meisten Jahren mehr Frauen als Männer ein.

Das ändert nichts daran, dass manche Erkrankungen, die ausschließlich Frauen betreffen, weiterhin unzureichend erforscht sind, aber der Öffentlichkeit wird etwas vorgemacht, wenn jede Diskussion über Männergesundheit als Diebstahl an Frauen dargestellt wird.

Ich bin nicht gegen Investitionen in die Gesundheit von Frauen. Ich bin selbst eine Frau. Natürlich wünsche ich mir Aufmerksamkeit für Frauengesundheit. Ich habe einige der Schwierigkeiten, die andere beschreiben, selbst erlebt. Vor einigen Jahren war ich krank, und niemand konnte mir sagen, warum. Man wies mich ab und sagte mir, es sei alles nur in meinem Kopf. Die Geschichte, die Frauen nur zu gut kennen. Es stellte sich heraus, dass man mir die falschen Untersuchungen gegeben hatte. Es lag tatsächlich etwas vor. Ich musste notfallmäßig operiert werden. Deshalb verstehe ich, warum Frauen fürchten, ignoriert zu werden. Ich verstehe die Notwendigkeit von Forschung zu Endometriose, Fruchtbarkeit und anderen Erkrankungen, die uns besonders hart treffen. Das bedeutet aber nicht, dass wir nur die Gesundheit von Frauen finanzieren sollten. Es bedeutet nicht, dass Jungen und Männer hintanstehen müssen. Es bedeutet nicht, dass wir über ein Office of Men's Health spotten sollten. Das ist kein Nullsummenspiel. Wir können uns um beides gleichzeitig kümmern.

Anfang Juni, in der ersten Woche des Men's Health Month, veranstaltete der Congressional Men's Health Caucus auf dem Capitol Hill eine Konferenz, um den Gesetzentwurf im Repräsentantenhaus und die Argumente für Prävention hervorzuheben. Am selben Tag verkündete Melinda French Gates weitere 215 Millionen Dollar für die Gesundheit von Frauen weltweit, womit ihre jüngsten Zuwendungen in diesem Bereich in zwei Jahren auf mehr als 600 Millionen Dollar anstiegen – und diese Nachricht stahl die Schlagzeilen. Ich habe das Timing damals kritisiert. Ich bin dankbar für Gates' finanzielle Beiträge zu den Anliegen von Jungen und Männern in den letzten Jahren, aber es war eine Erinnerung daran, dass die Gesundheit von Männern nicht einmal in dem Monat, der ihr gewidmet ist, im Rampenlicht stehen kann. Philanthropie für Frauen ist nicht das Problem, aber den Men's Health Month als lästige Kulisse zu behandeln, ist es sehr wohl!

Ich habe es satt, zuzusehen, wie Frauenorganisationen und eine mediale Erzählweise die Gesundheit von Männern übertönen. Das hilft niemandem. Es hilft nicht den Jungen und Männern, die Mitgefühl und Unterstützung brauchen. Es hilft nicht den Mädchen und Frauen, die mit den Folgen leben müssen, wenn die Männer in ihrem Umfeld früher sterben, unbehandelt bleiben oder durch Suizid und Sucht verschwinden.

Ein Bundesamt für Männergesundheit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Die Daten, die gelebte Erfahrung von Millionen Männern und die leeren Stühle an zu vielen Familientischen weisen alle auf dieselbe Schlussfolgerung hin. Es ist Zeit, längst überfällige Zeit, damit aufzuhören, die Gesundheit von Männern zum Schweigen zu bringen.




Das Video, auf dem Katie Couric gegen ein nationales Amt für Männergesundheit wettert, hat auf Instagram inzwischen mehr als 57.000 Likes. Gäbe es jemals solche männerpolitische Anstrengungen in Deutschland, habe ich keinen Zweifel daran, dass ein ähnliches Video von, sagen wir, Carolin Kebekus oder Anja Reschke, das gegen diese Männerpolitik zu Felde zieht, ähnlich erfolgreich wäre. Ein Großteil der Feministinnen gönnt Männern nicht die Butter auf dem Brot. Schon gegen Männer, die im Internet ihre Meinung vertrteten ("Manosphäre"), gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in deutschen Leitmedien ein andauerndes Trommelfeuer.



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Dienstag, September 01, 2026

Solidarität für Kindermörderin: "Geschlecht als Unschuldsbeweis"

1. In einem aktuellen Artikel des Magazins CICERO beschäftigt sich Shantanu Patni mit den befremdlichen Reaktionen auf Lindsay Clancy, nachdem sie ihre drei Kinder umgebracht hatte. Ein Auszug:

Erklärt wird die Tat mit einer Halluzination: einer männlichen Stimme, die Clancy befohlen habe, die Kinder zu töten. Nur hatte sie von dieser Stimme zuvor niemandem erzählt. Ihrer Mutter und ihrem Mann hatte sie noch anvertraut, sie habe Gedanken, den Kindern etwas anzutun. Ihre Behandler fragten sie ausdrücklich danach, und sie verneinte. Erst Wochen nach der Tat erzählt sie dem Psychologen der Verteidigung davon. In den Protokollen, die ein Dutzend Behandler in vier Monaten angelegt haben, kommt sie nicht vor.

Während das Gericht noch prüft, ob Lindsay Clancy für ihre Tat verantwortlich war, hat das Internet längst einen anderen Angeklagten gefunden: ihren Ehemann. Patrick Clancy war an jenem Abend in der Drogerie und im Restaurant, aufgezeichnet von den Kameras beider Geschäfte, und die Ermittler haben ihn früh ausgeschlossen. Seine Frau hat die Tat eingeräumt, und weder ihre Anwälte noch ihre Familie haben jemals etwas anderes behauptet. Dennoch ist er für viele Frauen, die im Netz für Lindsay Clancy einstehen, der Mörder seiner drei Kinder. Er habe die Überwachungsaufnahmen in den beiden Läden manipuliert, einen Freund als Doppelgänger eingesetzt, seiner Frau die Verletzungen beigebracht und sie aus dem Fenster gestoßen. "Frauen erwürgten keine Kinder", erklärt eine Reality-Show-Darstellerin zum Beispiel, „sie vergifteten oder ertränkten sie.“ Damit sei geklärt, dass der Mann es getan habe.

Andere gehen weiter. Patrick Clancy habe die Tat mit seiner heutigen Frau geplant, einer Reproduktionsmedizinerin aus New York, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Oder er sei selbst jene männliche Stimme gewesen, die Lindsay befahl, die Kinder zu töten. Patrick und seine heutige Frau haben Morddrohungen erhalten, ihre Adressen wurden im Netz veröffentlicht. Beschuldigt wird damit ein Mann, der zwölf Wochen Elternzeit genommen hatte und danach überwiegend im Homeoffice arbeitete, also auch im Alltag der Familie präsent war. Als seine Frau nicht mehr schlafen konnte, ließ er ihre Eltern kommen, stellte ein Kindermädchen ein und übernahm morgens wie abends die Routinen mit den Kindern. Er begleitete sie zu ihren Arztterminen, drängte die Behandler, die Medikation abzusetzen, und war schließlich derjenige, der auf eine stationäre Aufnahme in der Psychiatrie drang.

Vier Tage nachdem seine Frau die drei gemeinsamen Kinder getötet hatte, schrieb er öffentlich, die Lindsay, die er gekannt habe, sei großzügig, liebevoll und fürsorglich gewesen, und bat darum, ihr zu vergeben. Zwei seiner Kinder waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht beerdigt. Für die Frauen, die im Netz für Lindsay Clancy einstehen, ändert das nichts. Sie filmen sich mit ihren eigenen Kindern, beim Spielen, beim Zubettbringen, manche weinend, und legen darunter eine Tonspur aus dem Zeugenstand: Clancys Tagebuch, verlesen vor der Jury. Sie sei völlig überfordert, heißt es dort, sie gehe jeden Tag unter, sie habe Angst, der Kleinste könnte wieder krank werden. Unten steht ein Schriftzug: "Same, Lindsay". Manche schreiben: "Me too, Lindsay".

(…) Diese Identifikation reicht inzwischen bis in die Partnerwahl. Für erste Dates kursiert die Prüffrage: "Findest du, dass Lindsay Clancy ins Gefängnis gehört?" Wenn der Mann mit Ja antwortet, erklärt die Urheberin des Videos, würde sie aufstehen und gehen.

(…) Wenn ein Mann seine Kinder tötet, käme wohl niemand auf die Idee, vor Gericht das Testosteron zum Mitangeklagten zu machen. Eines der Argumente, mit denen die historische Herabsetzung der Frau gerechtfertigt wurde, lautete gerade, dass ihre Vernunft und Entscheidungsfähigkeit unter dem Einfluss ihres von Hormonen bestimmten Körpers eingeschränkt seien. Wie passt es dazu, wenn nun eine Million Frauen erklären, eine Mutter könne durch die Mutterschaft derart überwältigt werden, dass sie ihre eigenen Kinder tötet?




2. Mit demselben Thema beschäftigt sich Neeraja Deshpande in ihrem Beitrag "Girls Will Be Girls". Dort heißt es über die Frauen, die die Täterin engagiert verteidigen:

Manche dieser Frauen sind wild spekulierende TikTok-Hobbydetektivinnen, aber andere sind ganz vernünftige Frauen, die sagen: Nun, das Wochenbett ist wirklich hart, das ist biologisch bedingt, ihre Hormone sind Achterbahn gefahren, man kann sie unmöglich für ihr eigenes Handeln verantwortlich machen, hast du denn kein Mitgefühl?

Kurz gesagt: "Mädchen sind halt Mädchen."

Anders als "Jungs sind halt Jungs", das in den neun Jahren seit #MeToo aus dem öffentlichen Leben so ziemlich verbannt wurde – und das zu Recht! –, ist "Mädchen sind halt Mädchen" nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern gewinnt zunehmend an Durchschlagskraft.

(…) So wie ich es sehe, besteht der einzige Unterschied zwischen Clancys Unterstützerinnen und den Frauenfeinden, die die Rücknahme des Frauenwahlrechts fordern, darin, dass Clancys Unterstützerinnen an eine Art Schrödingers Frau zu glauben scheinen: dass eine Frau gleichzeitig erwachsener Mensch und Kind ist. Die Frauenfeinde wiederum haben dieses Paradox aufgelöst, indem sie schlicht annehmen, Frauen seien im Grunde Kinder und müssten entsprechend behandelt werden – bis hin zu Fragen wie dem Wahlrecht. Ich selbst würde das Paradox lieber auflösen, indem ich sage, dass Frauen erwachsene Menschen sind und auch so behandelt werden sollten, aber diese Idee scheint mittlerweile bei allen Seiten aus der Mode gekommen zu sein.

(…) Um fair zu sein: Nicht alle Argumente, die ich von Frauen zur Unterstützung Clancys gesehen habe, drehten sich um Hormone. Manche handelten davon, dass ihr inzwischen geschiedener Ehemann – derjenige, der ihr ein Kindermädchen besorgte, von zu Hause aus arbeitete, sie nach ihrem Suizidversuch fand und sich sogar noch um sie kümmerte, nachdem er erkannt hatte, dass sie ihre Kinder erwürgt hatte – nicht genug getan habe. Viele handelten davon, dass "das System sie im Stich gelassen" habe, ungeachtet der Tatsache, dass sie beim Ärztehopping verschiedene Verschreibungen sammelte, ohne dass die einzelnen Ärzte von den jeweils anderen Medikamenten wussten (und als Krankenschwester wusste sie zweifellos besser als die durchschnittliche tablettenschluckende Frau, was sie da tat). Aber all das waren Argumente, die niemand jemals für einen Mann vorbringen würde. Man stelle sich das vor! Was, wenn ein Mann sagen würde, er habe seine Frau einfach schlagen müssen, weil sie seine Wäsche nicht gewaschen habe und das schlecht für seine mentale Gesundheit und seine Fähigkeit gewesen sei, als Ehemann und Vater zu funktionieren?

(…) Ich weiß, ich weiß, das sind nur simple "Was wäre, wenn die Rollen vertauscht wären?"-Argumente. Aber eben: Was wäre, wenn die Rollen vertauscht wären? Große Teile der heutigen Frauenbewegung haben sich geweigert, diese Frage auch nur in Erwägung zu ziehen. Stattdessen scheint die Standardantwort zu lauten: mentale Gesundheit für mich, persönliche Verantwortung für dich – frei nach dem Motto, es ist in Ordnung, wenn wir es tun, aber schlimm, wenn Männer es tun.

Und wehe, du bist eine Frau, die es wagt, das alles infrage zu stellen – dann bist du eine faschistoide "Pick-me". Wehe, du bist eine Frau, die es wagt, darauf hinzuweisen, dass Männerhass in unserer Gesellschaft normalisiert wird – dann wirst du mit Gaslighting überzogen und dir wird gesagt, nein, ist er nicht, ist er nicht, ist er nicht (und selbst wenn doch, sei er jedenfalls nicht so gefährlich wie Frauenfeindlichkeit, weshalb man die beiden auch gar nicht erst gleichsetzen dürfe!). Wehe, du bist eine Frau, die es wagt, den Kult um die mentale Gesundheit zu kritisieren – dann fehlt es dir an Empathie. Und wehe, du bist eine Frau, die es wagt, darauf hinzuweisen, dass die Normalisierung eines brodelnden Männerhasses – von Affirmative Action bis zur Unterstützung für Clancy – vielleicht, nur vielleicht, zum Aufstieg genau jener sehr toxischen und sehr schädlichen Manosphere beiträgt – dann lieferst du den Jüngern von Andrew Tate nur zusätzliche Munition.

Was mich an der Art und Weise, wie so viele Frauen mit diesem Fall umgegangen sind, wirklich erschüttert, ist, dass sie einige der schlimmsten Formen weiblicher Bosheit entschuldigt, ermöglicht und daran mitgewirkt haben – in diesem Fall den Archetyp der verschlingenden Mutter, aber allgemeiner die Instrumentalisierung von Empathie gegen andere –, als handle es sich dabei um eine Art perversen Mannschaftssport. Entweder man steht im Team der Mädchen oder im Team der Jungs, und maximale Grausamkeit gegenüber den Jungs bei gleichzeitiger Nachsicht gegenüber den Mädchen sei der einzige Weg zum Sieg. Nun, all jenen im Team der Mädchen kann ich nur sagen: Das Team der Jungs ist schneller, stärker und körperlich überlegener, und nur die zivilisatorischen Zügel hindern es daran, seinen schlimmsten Impulsen zu folgen. Aber wenn das Team der Mädchen glaubt, es könne als Einziges die Zivilisation über Bord werfen, um es dem Team der Jungs heimzuzahlen, und dass seine eigenen schlimmsten Impulse akzeptabel seien, solange sie nur zum "Sieg" führen – nun, dann werden auch beim Team der Jungs die Handschuhe fallen, warum auch nicht? Und falls ich es noch nicht deutlich genug gesagt habe: Die körperlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bedeuten, dass das für das Team der Mädchen um ein Vielfaches schlimmer endet als für das Team der Jungs.

Unabhängig davon lautet mein sehr einfacher Vorschlag: Wir sollten Männerhass ebenso wenig dulden wie Frauenhass, und wir sollten uns so verhalten, als seien wir Männern in unserer Würde gleichgestellt – als erwachsene Menschen, die Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen und zur Vernunft fähig sind –, wenn wir als gleichwürdig mit Männern behandelt werden wollen. Wir sollten Grausamkeit, Gewalt und alle anderen Laster nicht allein deshalb entschuldigen, weil sie von einer Frau ausgehen.




3. Gegen einen Wützburger Szeneclub gibt es einen Shitstorm, weil er eine "Rammstein-Nacht" mit Liedern der Band veranstalten möchte. Gegen Rammstein hatte es Vorwürfe sexueller Übergriffe gegeben; die Staatsanwaltschaft hatte wegen Fehlens sämtlicher Belege die Ermittlungen eingestellt. "Gleichwohl halten Aktivisten an ihrer damaligen Forderung fest, dass es Lindemann und Rammstein aus moralischen Gründen zu boykottieren gelte", heißt es in dem verlinkten Artikel.

Auf Nachfrage der Redaktion erklärte das Team laut Mainpost, die Nachfrage nach Rammstein-Musik im Club reiße einfach nicht ab: "Aus wirtschaftlicher Sicht können wir es uns nicht leisten, diese Nachfrage zu ignorieren." Im regulären Betrieb verzichte man dennoch bewusst auf die Songs der Band, um Gäste, die durch die Musik negative Erinnerungen oder Themen aufgerollt bekommen könnten, nicht ungewollt damit zu konfrontieren.


Unbelegte Vorwürfe reichen also heute für einen Boykott aus, denn allein der Gedanke daran, dass diese Vorwürfe stimmen könnten, sei für manche Menschen unerträglich.



4. Die Daily Mail berichtet über 43 Todesopfer und Dutzende Verstümmelungen unter den Jungen, die in dieser Saison Beschneidungen in Südafrika unterzogen wurden:

Die Rituale – im Land als "Ulwaluko" bekannt – werden zweimal im Jahr an Initiationsschulen durchgeführt, um junge Männer auf das Erwachsenenalter vorzubereiten.

(…) Ulwaluko kann tödlich sein. Während lokale Medien in diesem Jahr berichteten, dass 43 Jungen bei den Zeremonien ums Leben kamen, beliefen sich die kombinierten Todesfälle der Winter- und Sommer-Rituale 2024 auf 93 Jungen, dazu kamen 11 totale Penisamputationen – wobei einige dubiose "Chirurgen" die Operation ohne Betäubung durchführten.

Ein vom südafrikanischen Regierung in Auftrag gegebener Bericht verzeichnete zwischen 2021 und 2024 322 Todesfälle junger Jungen sowie Tausende Krankenhauseinweisungen und Amputationen.

(…) Die Hauptursachen für den Tod sind Gewebsnekrose, Sepsis und schwere Dehydrierung – einige unwillige Jungen wurden jedoch auch erstochen, ertränkt oder zu Tode geprügelt.

Es gibt jährlich Hunderte von Berichten über illegale Schulen, die Jungen ab 12 Jahren entführen, um sie zu beschneiden, und anschließend die Eltern zwingen, für die Rückkehr ihrer Söhne zu zahlen.

(…) Die Zeremonien sind jedoch für viele im Land weiterhin von großer Bedeutung. Ohne das Ritual dürfen die Jugendlichen nicht an Stammesversammlungen teilnehmen, an vielen sozialen Aktivitäten mitwirken oder heiraten.

(…) Jedes Jahr durchlaufen Zehntausende von Jungen den Übergang zum Mannentum durch eine heilige Zeremonie, die Hunderte von Jahren zurückreicht – trotz der schockierenden jährlichen Todesrate.

(…) Obwohl die Jungen die Wahl haben, ob sie die Initiation durchlaufen, herrscht enormer Gruppendruck, und diejenigen, die sich weigern, werden "Inkwenkwe" genannt – eine schwere Beleidigung.

Jungen unter 16 Jahren dürfen gesetzlich nicht in die Initiationsschulen eintreten, doch an illegalen Schulen werden oft schon Zehnjährige operiert.

(…) Die Winter-Initiationssaison dauert von Mitte Mai bis Mitte Juli; die offizielle Zahl von 43 Todesfällen ist inzwischen erfasst. Die Sommersaison läuft von November bis Januar.




5. Auf Youtube geht der Unternehmer Jean Pierre Kraemer mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit, die er als "super beschämend" empfindet. Er gibt die anstehende Scheidung von seiner Frau bekannt und berichtet in diesem Zusammenhang von zwei Polizeieinsätzen nach häuslichen Auseinandersetzungen. Beim ersten Vorfall wurde seine Frau des Hauses verwiesen, beim zweiten musste er das Haus verlassen. Kraemer geht auf gegenseitige körperliche Handlungen ein und erwähnt, dass ein Kontaktverbot für beide Seiten vereinbart worden sei. Der Anlass für die unmittelbare Veröffentlichung sei eine Fristsetzung durch Medienanfragen zweier Zeitungen gewesen, weshalb er seine eigene Darstellung öffentlich machen wolle, bevor die Presse die Vorfälle ganz anders darstelle, als sie geschehen seien. Schon jetzt stoße er auf massiven Hass in seinem Bekanntenkreis. Kraemer bittet für sein Fehlverhalten um Entschuldigung und überlässt der Community die Entscheidung über den Fortbestand des Content-Angebots. Sollte der Rückhalt der Zuschauer fehlen, stellt er die Schließung seines Unternehmens in Aussicht.



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