Neue Studie: Deutsche Männer aktuell häufiger von körperlicher Partnergewalt betroffen als Frauen
Einer meiner Leser schreibt mir heute:
Ich wollte Sie auf einen erfreulichen Artikel in der Tagesschau aufmerksam machen. Über eine Dunkelfeldstudie zu häuslicher Gewalt.
Das Thema ist zwar höchst unerfreulich, aber mir ist auf Anhieb nicht bewusst, wann ich jemals in solch einem Artikel eine klare Auschlüsselung nach Geschlecht gesehen habe. Natürlich wird die anekdotische Erzählung nach wie vor von einer Frau bestimmt. Aber bereits im Anreißer wird klar gemacht, dass es nicht nur um Frauen geht. Es wird klar auf Männer als Opfer eingegangen. Es wird nichts verharmlost oder relativiert, oder jemand als besser oder schlechter dargestellt. Sondern die Fakten werden klar benannt und der Sachverhalt aufgezeigt. Lediglich der Hinweis auf die Istanbul Konvention ist eher eine Nebelkerze.
Insofern: Ihr Engagement zahlt sich aus.
Die Tagesschau bezieht sich auf diese Studie, deren Ergebnisse auch der Berliner Tagesspiegel zusammenfasst. Einige Punkte aus dem Artikel:
Etwa 90 Prozent der körperlichen Gewalttaten haben sich innerhalb der Partnerschaft ereignet. Männer und Frauen haben psychische und körperliche Gewalt in Partnerschaften annähernd gleich häufig erlebt. Demnach waren in dem Zeitraum 23,8 Prozent der Frauen und 23,3 Prozent der Männer von psychischer Gewalt durch Partner oder Ex-Partner betroffen. Körperliche Gewalt erfuhren 5,2 Prozent der Frauen und 6,1 Prozent der Männer.
Den Ergebnissen der Befragung zufolge erlebten 23,8 Prozent der Frauen und 23,3 Prozent der Männer in den zurückliegenden fünf Jahren psychische Gewalt in Paarbeziehungen oder ehemaligen Paarbeziehungen. Über die gesamte Lebenszeit erstreckte sich die Betroffenheit auf 48,7 Prozent der Frauen und 40,0 Prozent der Männer. Hier wurde etwa emotionale, kontrollierende und ökonomische Gewalt erfasst.
Jeder zweite Mensch in Deutschland hat in der Kindheit oder Jugend körperliche Gewalt erfahren. Die Daten zeigen, dass 49,3 Prozent der Frauen als Minderjährige mindestens einmal geschlagen oder körperlich verletzt wurden. Unter den Männern lag der Anteil bei 51,7 Prozent.
Dass mehr Männer als Frauen Opfer von körperlicher Partnergewalt werden, dürfte dem allgemeinen Volksglauben so sehr entgegen laufen, dass das eigentlich viele Schlagzeilen wert gewesen wäre. Diese Schlagzeilen gibt es aber nicht. Im Journalismus bezeichnen wir diese Praktik als "bury the lede", was bedeutet, dass man den Kern einer Nachricht und ihren eigentlichen Neuigkeitswert tief in der Berichterstattung vergräbt.
Tatsächlich berichten die Leitmedien einhellig, dass Frauen stärker von Gewalt betroffen seien. Das lässt sich durch zwei Dinge rechtfertigen: Erstens gibt das die Studie dann her, wenn man nicht die letzten fünf Jahre berücksichtigt, sondern auf die gesamte bisherige Lebenszeit schaut. Wenn man also nicht betonen möchte, was gerade jetzt passiert (in den letzten fünf Jahren), sondern eher, was zum Beispiel vor zwanzig Jahren passiert ist, kommt man auf eine höhere Opferzahl bei Frauen. Zweitens kann man sich auf andere Gewaltformen wie sexuelle Gewalt konzentrieren, wo Frauen ihren Angaben zufolge häufiger Opfer wurden als Männer.
Was die Studienergebnisse tatsächlich aussagen: Das Thema ist komplex. Kein Geschlecht ist "absolut" stärker betroffen – Gewalt trifft beide, und Männer brauchen ebenfalls mehr Unterstützung (z. B. erweiterte Hilfsangebote). Das ist aber keinesfalls das, was die Leitmedien vermitteln.
So hieß es gestern Abend in der Hauptsendung der Tagesschau schlicht, Frauen seien stärker betroffen. Berichtet wird über Isabell, die von ihrem Freund geprügelt wird. Interviewt wird die Bundesgeschäftsführerin der feministischen Organisation Terre des Femmes. Männliche Opfer und Männerrechtler als ihre Fürsprecher kommen in dem Beitrag nicht vor.
Ähnlich sieht es bei "heute" im ZDF aus. "Betroffen von Gewalt sind vor allem Frauen" hieß es auch dort, als Einspieler gab es ein Interview mit der feminsitischen Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen, der gesamte Beitrag konzentriert sich auf weibliche Opfer, und Frauenministerin Prien positioniert sich ähnlich. Männliche Opfer und Männerrechtler kommen auch in diesem Beitrag nicht vor.
Es geht erkennbar nicht um angemessen differenzierte Berichterstattung, sondern darum, in der bekannten Liturgie stur weiter mitzusingen. So schlagzeilt etwa die Süddeutsche Zeitung "Jede fünfte Frau wird vom Partner oder Ex-Partner attackiert" und die Frankfurter Allgemeine "Frauen erleben Gewalt heftiger und öfter". Allein die Berliner Zeitung titelt korrekt: "BKA-Studie: Frauen und Männer gleichermaßen von Partnerschaftsgewalt betroffen". Der SPIEGEL wählt immerhin eine der Studie angemessene Schlagzeile – "Fast jede zweite Person in Deutschland ist schon einmal sexuell belästigt worden" –, auch der Artikel wird den Ergebnissen der Studie gerecht. Als Fürsprecher von Opfern wird aber erneut nur eine Fraktion befragt:
Katja Grieger vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) sagt: Dass Frauen in diesen Fällen keine Anzeige erstatten, habe verschiedene Ursachen. Viele Betroffene hätten Angst vor Racheakten oder davor, in ein unkontrollierbares Verfahren zu geraten. Andere vermuteten, dass die Strafanzeige im Nichts verlaufe und keine Konsequenzen habe. "Das hat letztlich etwas mit dem Vertrauen in Behörden und den Staat zu tun, und das scheint nicht so hoch zu sein", sagt Grieger. Ihrer Erfahrung nach erlebten Frauen überall, wo sie sich aufhielten, sexuelle Belästigung oder sexuelle Übergriffe. Das kann beim Date passieren oder auch am Arbeitsplatz. "Was uns Frauen berichten, reicht von subtilen Blicken bis hin zur Vergewaltigung auf der Weihnachtsfeier."
Wie muss man eigentlich drauf sein, um "subtile Blicke" und eine Vergewaltigung im selben Atemzug zu nennen? (Zur Klarstellung: Eine derart entgrenzende Definition von "sexueller Übergriff" findet sich in der Studie nicht.) Wie sollen denn "subtile Blicke" sanktioniert werden?
Das sozialistische Neue Deutschland wählt ebenfalls einen sexistischen Ansatz:
Das Bundeskabinett hat das Gesetz im November beschlossen. Familiengerichte sollen Täter danach künftig zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verpflichten können, um Frauen besser vor Gewalt zu schützen. (...) Elke Ronneberger, Vorständin für Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, beklagte angesichts der neuen Daten, dass sich die Kommunen aus der Finanzierung von Unterstützungsangeboten wie Frauenhäusern und Fachberatungsstellen zurückziehen. "Das ist ein Skandal, denn wenn diese Angebote schließen müssen, verlieren betroffene Frauen oft ihre letzte sichere Anlaufstelle", sagte Ronneberger. Die Bundestagsabgeordnete Kathrin Gebel erinnerte daran, dass weiterhin 12 000 Frauenhausplätze fehlen. "Beratungsstellen sind überlastet und Hilfe hängt zu oft an befristeten Projekten", monierte die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion.
In der medialen Berichterstattung heißt es weiter:
Demnach werden Frauen zwar deutlich häufiger Opfer sexueller Übergriffe als Männer, bringen diese jedoch deutlich seltener zur Anzeige als männliche Opfer. Den Angaben zufolge wurden 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung.
Das läuft allem zuwider, was man aus der internationalen Forschung weiß, wie ich in meinem Buch sexuelle Gewalt gegen Männer ausführlicher erläutere. Männer, nicht Frauen, bringen sexuelle Übergriffe demnach seltener zur Anzeige, weil es für männliche Opfer sexueller Gewalt kein etabliertes Konzept gibt, diese Erfahrung der klassischen Männerrolle widerspricht und eine solche Erfahrung für Männer noch stärker schambesetzt ist. Warum ist das in dieser Studie anders? Das verrät der Tagesspiegel:
Allerdings weisen die Forscherinnen und Forscher darauf hin, dass die Anzeigequote der Männer aufgrund der niedrigen Zahl von Fällen ungenau gemessen sein könnte.
Dieser Hinweis fehlt in der medialen Berichterstattung weitgehend. So schreibt etwa die FAZ schon in der Einleitung ihres Artikels "Frauen sind häufiger sexueller Gewalt ausgesetzt – zeigen diese aber seltener an."
Einige weitere Einschränkungen, die in der Studie deutlich werden: Sie beruht auf Selbstberichten: Erinnerungs- und Antwortverzerrungen sind also möglich. Unterschiedliche persönliche Interpretationen dessen, was als Gewalt gilt, können die Angaben beeinflussen. Die Nicht-Erreichbarkeit bestimmter Hochrisikogruppen (etwa Obdachlose und Häftlinge) kann Prävalenzen verzerren. Das bedeutet auch: Soziale Normen ("Männer müssen sich wehren können") können dazu führen, dass Ereignisse nicht als Gewalt benannt werden. Dadurch kann die Häufigkeit männlicher Opfer unterschätzt werden.
Es gibt bei der Studie eine weitere Auffälligkeit. Wenn man sich so wie ich Jahrzehnte lang mit Gewaltstudien beschäftigt hat, fragt man sich sofort: Warum sind hier die Betroffenenzahlen dermaßen hoch? Bislang vorliegende Studien sind weniger alarmistisch. Es gibt aber keinen Grund zu der Annahme, dass die Verhältnisse in Deutschland schlimmer sind als in anderen Ländern dieser Erde oder dass Partnergewalt in den letzten Jahren in die Höhe geschossen ist. Allerdings weiß ich aus meinem Einblick in die Gewaltforschung auch, dass die Betroffenenzahlen regelmäßig umso höher steigen, je breiter der Begriff "Gewalt" gefasst wird. Hier habe ich, um Zeit zu sparen, wieder mal auf Künstliche Intelligenz zurückgegriffen und um eine Einschätzung gebeten. Die Antwort:
Die Höhe der Lebenszeitprävalenzen hängt sehr stark davon ab, wie breit oder eng "Gewalt" definiert und abgefragt wird. Das ist ein bekanntes Phänomen in der internationalen Gewalt- und Viktimisierungsforschung. Bei LeSuBiA (2026) (also der Studie, von der wir hier sprechen – A.H.] ist die Definition tatsächlich deutlich breiter als in vielen polizeilichen Statistiken oder rein strafrechtsorientierten Erhebungen – und damit auch breiter als z. B. in manchen älteren nationalen Studien, die enger auf schwere Körperverletzung fokussiert waren. (…) Viele internationale Studien (z. B. WHO Multi‑Country Study, FRA‑Studie 2014, US‑NCVS) erfassen nur einen Teil dieser Kategorien oder setzen höhere Schwellen für das, was als Gewalt zählt.
Warum führt das zu höheren Betroffenenzahlen?
Drei zentrale Gründe:
1. Niedrige Schwellenwerte
LeSuBiA zählt bereits einzelne Vorfälle bestimmter Verhaltensweisen als Gewalt, die in anderen Studien erst ab einer gewissen Häufigkeit oder Intensität erfasst werden.
Beispiel: Ein einmaliger erniedrigender Kommentar kann als psychische Gewalt zählen. International wird das oft nur als "harassment" oder gar nicht erfasst.
2. Breite Kategorien
Die Studie integriert Formen wie:
- digitale Gewalt
- ökonomische Gewalt
- verbale sexuelle Belästigung
- Kontrollverhalten in Partnerschaften
Diese tauchen in vielen internationalen Befragungen gar nicht oder nur als Zusatzmodule auf.
3. Lebenszeitprävalenz
LeSuBiA erhebt u. a. Lebenszeitbetroffenheit.
Lebenszeitprävalenzen sind naturgemäß immer höher als 12‑Monats‑ oder 5‑Jahres‑Prävalenzen, die international häufiger genutzt werden.
(…) LeSuBiA ist methodisch solide, aber sie misst ein anderes Konzept von Gewalt: ein breites, multidimensionales Gewaltverständnis. Wenn man dieses Konzept nutzt, steigen die Prävalenzen zwangsläufig.
Die Studie nutzt einen breiten Gewaltbegriff, ja. Aber sie ist methodisch sauber und trennt die Kategorien klar. Die Entgrenzung findet in der medialen Darstellung statt, nicht in der Operationalisierung.
Man könnte jetzt mutmaßen, dass die Forscher bewusst einen sehr umfassenden Gewaltbegriff gewählt haben, weil dies zu hohen Zahlen und damit auch zu einer breiten Berichterstattung führt. Das wäre allerdings eine Unterstellung. Es ist durchaus vorstellbar, dass die Forscher das Gewaltproblem vor allem möglichst umfassend untersuchen wollten. Das ist nicht nur erlaubt, sondern kann auch als wünschenswert gelten, solange man nicht schließlich dabei landet, "subtile Blicke" mit unter Gewalt fallen zu lassen.
Ich habe die Künstliche Intelligenz gestern Nachmittag – also vor den Hauptabendsendungen "Tagesschau" und "heute" – weiter analysieren lassen (auch um meinen subjektiven Standpunkt stärker herauszunehmen) und gefragt, ob die mediale Berichterstattung über die Studie verzerrt ist:
Es gibt keine erkennbaren Falschdarstellungen der Kernzahlen. Allerdings gibt es typische Tendenzunterschiede, die man aus früheren Gewaltstudien kennt:
Linksliberale/öffentlich-rechtliche Medien (z. B. DLF, Spiegel, Tagesschau) legen starken Fokus auf Gewalt gegen Frauen, den Gender Gap und die Istanbul-Konvention-Aspekte. Männer als Opfer werden meist nur kurz erwähnt ("Frauen stärker betroffen als Männer").
Konservative Medien (FAZ, Welt – soweit bisher berichtet) berichten ähnlich faktenbasiert, betonen aber öfter das gesamte Dunkelfeld (inklusive Männer) und die methodische Breite der Definition.
Boulevard dramatisieren die Schlagzeilen, bleiben aber inhaltlich korrekt.
Kritik oder Relativierung (z. B. an der breiten Gewaltdefinition, Recall-Bias, Vergleichbarkeit mit 2004) ist bisher kaum vorhanden – das kommt meist erst in den Folgetagen/Analysen (z. B. in Gastbeiträgen oder Fachdebatten).
Ich habe der Künstlichen Intelligenz gestern einen Artikel der B.Z. und des SPIEGEL über die Studie gegeben:
1. BZ-Berlin-Artikel: mögliche Verzerrungen
(Artikel: "Gewalt in Beziehungen – Dunkelfeldstudie")
Typisches Muster dieses Beitrags (und ähnlicher Boulevardberichte):
Framing-Schwerpunkt:
* starke Hervorhebung weiblicher Opfer
* Darstellung partnerschaftlicher Gewalt primär als Problem männlicher Täter
* Männer erscheinen meist nur als Täterkategorie oder Randgruppe von Opfern
Das steht im Spannungsverhältnis zur Anlage der Studie selbst, die ausdrücklich alle Geschlechter befragt und geschlechterübergreifende Opfererfahrungen untersucht.
Mögliche Wahrnehmungseffekte:
* Leser gewinnen den Eindruck, die Studie bestätige ausschließlich Gewalt gegen Frauen
* männliche Opfer werden als statistisch irrelevant interpretiert
* die Studie erscheint politisch eindeutig normativ, obwohl sie methodisch zunächst deskriptiv ist
Die Verzerrung entsteht also weniger durch falsche Zahlen als durch selektive Hervorhebung einzelner Ergebnisse.
2. SPIEGEL-Artikel:
Hier zeigt sich meist ein anderes Muster.
Framing-Schwerpunkt:
* Interpretation der Ergebnisse primär im Kontext "geschlechtsspezifischer Gewalt"
* politische Schlussfolgerungen (Schutzprogramme für Frauen, Täterarbeit mit Männern)
* männliche Opfer werden erwähnt, aber selten als zentraler politischer Handlungsbereich diskutiert
Folge:
* Studie wirkt wie Bestätigung bereits bestehender Politikprogramme
* Leser nehmen weniger wahr, dass Dunkelfeldstudien gerade dazu dienen, überraschende oder nicht erwartete Befunde sichtbar zu machen
3. Gemeinsamer Mechanismus beider Artikel
Beide Berichte erzeugen – wenn auch unterschiedlich stark – denselben strukturellen Effekt:
a) Selektionsbias der Aufmerksamkeit
Nicht alle Ergebnisse sind gleich berichtenswert; Medien wählen diejenigen aus, die in bestehende Narrative passen.
b) Politische Anschlussfähigkeit
Ergebnisse werden so dargestellt, dass sie bestehende Maßnahmen legitimieren (Schutzprogramme, Prävention, Kampagnen).
c) Rezeptionseffekt
Leser glauben anschließend:
* die Studie sage eindeutig "Gewalt ist primär ein Männer-gegen-Frauen-Problem"
* alternative Interpretationen seien wissenschaftlich widerlegt
* politische Maßnahmen folgten zwingend aus den Daten
Tatsächlich liefern Dunkelfeldstudien zunächst empirische Prävalenzen, aus denen unterschiedliche politische Strategien abgeleitet werden können.
4. Wichtigster Punkt
Die Verzerrung besteht meist nicht darin, dass Journalisten falsche Zahlen berichten, sondern darin, dass sie:
* Ergebnisse normativ interpretieren
* bestimmte Opfergruppen sichtbar machen
* andere statistisch vorhandene Gruppen kommunikativ ausblenden
Dadurch verändert sich langfristig die öffentliche Wahrnehmung dessen, welche Formen von Gewalt als gesellschaftlich zentral gelten.
Heute morgen habe ich von der Künstlichen Intelligenz auslesen lassen, ob es inzwischen auch kritische Stimmen gibt:
Ich habe mir den aktuellen Stand der Berichterstattung zur LeSuBiA-Studie (Stand: 11. Februar 2026, einen Tag nach Veröffentlichung) angeschaut. Die Berichterstattung ist noch frisch und läuft weiter, aber sie hat sich seit gestern etwas diversifiziert. Hier ein Überblick:
- Fokus bleibt stark auf Frauen: Viele Beiträge (z. B. Spiegel, Stern, BMFSFJ-Pressemitteilungen) betonen den Gender Gap in Schweregrad und sexualisierter Gewalt. Männliche Opfer werden oft nur kurz erwähnt ("ähnlich bei psychischer Gewalt in den letzten 5 Jahren") oder gar nicht.
- Politische Reaktionen: Verbände wie Frauenhauskoordinierung, Deutscher Juristinnenbund, GdP fordern nationale Gewaltschutzkonferenz und mehr Mittel. Ministerin Prien und Innenminister Dobrindt appellieren an Chefsache-Gewaltschutz. BKA-Präsident Münch hebt die geschlechterübergreifende Methode hervor.
Gibt es inzwischen Kritik?
Bis jetzt ist systematische, fundierte Kritik noch sehr begrenzt – die Debatte ist erst am Anlaufen. Was bisher sichtbar ist:
- Kaum methodische Kritik in Mainstream-Medien: Keine großen Artikel in Spiegel, FAZ, Welt, Bild oder Tagesschau, die die Definitionen (breite Gewaltbegriffe), Recall-Bias, Stichprobe oder Vergleichbarkeit mit 2004-Studie grundsätzlich anzweifeln. Das kommt oft erst Tage/Wochen später (z. B. in Gastbeiträgen oder Fachdebatten).
- Erste kritische Stimmen zu Framing und Ausgewogenheit:
* Einige Berichte (z. B. New-Facts.eu, Perlenschatz) heben explizit hervor, dass Männer in den letzten 5 Jahren bei körperlicher Partnerschaftsgewalt leicht häufiger betroffen sind (6,1 % vs. 5,2 % Frauen) und kontrollierende Gewalt ähnlich hoch ist – und kritisieren implizit, dass das in der öffentlichen Darstellung untergeht.
* In Sozialen Medien (X/Twitter) und kleineren Blogs gibt es erste Vorwürfe von "Geschlechterbias" oder "Einseitigkeit": Kritik, dass die Studie trotz geschlechterübergreifender Daten primär als "Frauengewaltstudie" vermarktet wird, männliche Opfer (besonders bei psychischer/kontrollierender Gewalt) marginalisiert werden und Hilfsangebote für Männer fehlen. Das ist aber noch kein breiter medialer Diskurs.
* Keine harten methodischen Angriffe bisher: Keine Debatten über Fragebogen-Items (z. B. ob psychische Gewalt zu breit gefasst ist), Stichprobengröße (~15.000) oder Validität. Das könnte in den nächsten Tagen kommen, wenn Fachleute (z. B. aus Kriminologie oder Geschlechterforschung) die PDFs detailliert analysieren.
Zusammengefasst: Die Berichterstattung ist am 11. Februar noch sehr nah an den offiziellen Pressemitteilungen (BKA, BMI, BMFSFJ) und frauenfokussiert, mit starkem Appell-Charakter (mehr Schutz, mehr Mittel). Kritik existiert punktuell (vor allem online und in Nischenmedien), konzentriert sich auf mangelnde Ausgewogenheit beim Geschlechtervergleich und die Vernachlässigung männlicher Opfer – ist aber noch nicht mainstream. In den nächsten Tagen könnte das zunehmen, sobald der volle Ergebnisband tiefer diskutiert wird.
Dr. Joachim Rock, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, hat aus den Studienergebnissen gestern immerhin Forderungen in einer erfreulichen Klarheit geäußert:
"Wir brauchen dringend einen massiven Ausbau von Schutzhäusern und Beratungsstellen für alle Betroffenen, unabhängig vom Geschlecht."
Das ist eine maskulistische Forderung. Sie muss es jetzt "nur noch" stärker in die Leitmedien schaffen.
Die Studie wird heute auch bei Christian Schmidt diskutiert.
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