Grünen-Politikerin soll Mitarbeiter sexuell belästigt haben
1. "Die Welt" berichtet über einen eskalierenden Konflikt innerhalb der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern, der im September 2022 seinen Ausgang genommen habe:
Die damalige Parlamentarische Geschäftsführerin Constanze Oehlrich soll an jenem Sonnabend einem Fraktionsmitarbeiter ihre Liebe gestanden haben. So schildert es Thomas Wagner (Name von der Redaktion geändert) später in einer eidesstattlichen Versicherung, die WELT vorliegt. Er habe die Annäherung der zwölf Jahre älteren Frau zurückgewiesen und auf Abstand gedrängt.
"Ich war überrascht, da zwischen uns zu keinem Zeitpunkt eine romantische Ebene bestanden hatte", schreibt Wagner in seiner Erklärung. Er habe Oehlrich deutlich gemacht, dass es seinerseits keine entsprechenden Gefühle gebe. Trotzdem ging die Geschichte weiter. Oehlrich machte Wagner nach dessen aktenkundiger Darstellung noch jahrelang Avancen und sicherte ihm zwischendurch immer mal wieder zu, Distanz zu wahren.
Bald drohte das toxische Verhältnis zwischen der Vorgesetzten, die im April 2024 zur Fraktionschefin aufstieg, und ihrem Untergebenen, die Partei zu spalten. Interne Mails, Chatverläufe, Beschwerden, eidesstattliche Versicherungen, Schreiben von Anwälten und Gutachten füllen mittlerweile Leitzordner. In der Fraktion bildeten sich Lager.
Mit zwei drastischen Maßnahmen sollte die Situation endgültig beruhigt werden: Wagner wurde gekündigt, der Fraktionsvize Hannes Damm, der sich für ihn eingesetzt hatte, aus der Fraktion ausgeschlossen. Ab sofort liege der "Fokus auf Geschlossenheit und Wahlkampf", beteuerte der Landesvorstand. Er hofft, dass der Wiedereinzug der Grünen ins Parlament am 20. September nicht an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert.
Ausgerechnet in diese Phase platzt eine für die Küsten-Grünen höchst unangenehme Nachricht, mit der die längst abgehakt geglaubte Affäre wieder auf die Tagesordnung rückt. Dafür sorgt ein vierseitiger Brandbrief an Fraktion und Landesvorstand vom 29. Juli. Absender sind eine Antidiskriminierungs-Beratungsstelle aus Greifswald und ein Betriebliches Beratungsteam aus Stralsund. Das vierseitige Schreiben trägt den Titel: "Fachliche Einordnung betreffend der Vorkommnisse in der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag MV mit dem ehemaligen Beschäftigten Thomas Wagner". Verkürzt zusammengefasst schreiben die beiden Beratungsstellen: Erstens, die Grünen haben fortgesetzt in gravierender Weise gegen ihre eigenen Grundsätze verstoßen; und zweitens, Wagner ist großes Unrecht geschehen.
Was in dem Papier detailliert ausgeführt wird, ist für eine Partei wie die Grünen mit ihren hehren Ansprüchen an Moral so brisant, dass es wohl totgeschwiegen werden sollte. Dass das Papier jetzt doch an die Öffentlichkeit gelangt ist, sorgt für Bestürzung.
Dazu muss man wissen: Bereits im Dezember 2020 hatte die Bundespartei einen Kodex zum Umgang mit dem Thema sexuelle Selbstbestimmung verabschiedet. Versichert wird: "Wir gewährleisten einen verantwortungsvollen Umgang mit Nähe und Distanz." An anderer Stelle wird versprochen: "Wir nehmen Grenzüberschreitungen durch andere bewusst wahr und vertuschen diese nicht."
Doch die schönen Worte sind das eine, die gelebte Praxis in MV offenkundig das andere. Oehlrich hatte beispielsweise ihren Unmut darüber geäußert, dass ihr Mitarbeiter – so die Fachberatungsstelle – "zu wenig körperbetonte Kleidung (die ,am Hintern enger sitzt‘)" trage. Die Experten bewerten "dieses unerwünschte anzügliche Verhalten gegenüber einem Mitarbeiter" als grenzüberschreitend.
"Gleichzeitig können wir feststellen, dass aufgrund der Konstellation – Vorgesetzte und unterstellter Mitarbeiter – ein Machtungleichgewicht vorliegt", wird den Grünen vorgehalten. Die Lage für den Mitarbeiter Wagner sei durch die nicht unterlassenen Liebes- und Gefühlsbekundungen sowie psychischen Druck verstärkt worden. Dies habe zu einer "Einschüchterung, Verletzung und Entwürdigung der betroffenen Person" geführt.
Wie verhält sich ein abhängig Beschäftigter, wenn er am Arbeitsplatz ständig unerbetenen Annäherungsversuchen ausgesetzt ist? Bei Wagner war es laut der Beratungsstelle so, dass er "mehrfach um Schutz durch Arbeitsfreistellung bitten" musste und schließlich "gesundheitliche Schäden" erlitt.
Die Grünen weisen diese Darstellung zurück. Landesvorstand und Fraktion betonen, dass die Beratungsstellen ihre Einschätzung im Wesentlichen auf Wagners Schilderungen und die von ihm vorgelegten Unterlagen gestützt hätten und keine unabhängige Untersuchung unter Einbeziehung aller Beteiligten durchgeführt worden sei. Eine zuvor von der Fraktion beauftragte spezialisierte Anwaltskanzlei habe Wagners Beschwerde nach einem Verfahren gemäß Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz als unbegründet und nicht substantiiert zurückgewiesen. Die Fraktion hält deshalb an ihrer bisherigen Bewertung fest, will aber Konsequenzen für die zukünftige Beschwerdebearbeitung und Prävention prüfen. Oehlrich selbst bestreitet die gegen sie erhobenen Vorwürfe. Sie erklärt, einzelne Vorgänge und Äußerungen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, und insbesondere die Bemerkung über Wagners Kleidung habe sich ausschließlich auf sein dienstliches Erscheinungsbild bezogen. Eine sexuelle Motivation weist sie ausdrücklich zurück.
Auch der Fraktionsvize Hannes Damm geriet in den Konflikt, weil er sich wiederholt für Wagner eingesetzt und den Umgang mit ihm intern kritisiert hatte. Nachdem ihm unter anderem eine unangemessene Protokollierung von Fraktionssitzungen vorgeworfen worden war, schaltete sich schließlich der Bundesvorstand ein. Michael Kellner führte im Auftrag des Bundesvorstands Gespräche mit Vertretern von Fraktion und Landesvorstand; anschließend verkündeten die Grünen, die Grundlage für einen Neuanfang sei geschaffen und weiterer Schaden von der Partei solle abgewendet werden. Damm wurde dennoch im Dezember aus der Fraktion ausgeschlossen und klagt dagegen vor dem Landesverfassungsgericht.
2. Für alle Männerrechtler, die sich überlegen Die Linke zu wählen, könnte eine am Freitag veröffentlichte Erklärung dieser Partei relevant sein. Darin erklärt Die Linke solche potentiellen Wähler als ihre Gegner. In dem Text heißt es:
Antifeminismus ist heute ein gut organisiertes und international vernetztes Phänomen. Strategisch handelnde Akteurinnen mit erheblichen finanziellen und organisatorischen Ressourcen – darunter christliche Fundamentalistinnen, Maskulinisten (antifeministische Männerrechtler), rechtskonservative, autoritäre und extrem rechte Organisationen – versuchen gezielt, politische und gesellschaftliche Debatten sowie institutionelle Prozesse zu beeinflussen. Damit greifen sie letztlich demokratische Strukturen selbst an.
Darauf, dass man demokratische Strukturen angreift, weil man sich an politischen und gesellschaftlichen Debatten bezeiligen möchte, kann man nur kommen, wenn das eigene Weltbild noch stark im Ein-Parteien-Staat a la DDR verhaftet ist. Eigentlich sollte sich Die Linke mit solchen Verlautbarungen nicht allein für Männerrechtler disqualifiziert haben, sondern für jeden, der Autokratien ablehnt.
3. Die Post. Einer meiner Leser schrieb mir am Wochenende: "Mein politisches Engagement ist überwiegend für meinen Sohn. Weil ich will, dass er noch in einem Land weiter leben kann, in dem sich das lohnt." Deshalb habe er eine Künstliche Intelligenz angewiesen, sich in seinen 19jährigen Sohn hineinzuversetzen und aus dessen Perspektive das Männermanifest der Grünen zu lesen. Die Antwort der KI hat er Genderama zur Verfügung gestellt:
Was ich beim Lesen fühle
Erst mal ehrlich: Der Text ist besser als das, was ich sonst über Männer höre. Er tut mir nicht weh. Er lädt mich ein, statt mich zu ermahnen. Sätze wie „Du willst jeden Tag ins Gym gehen? Hervorragend" oder „Du darfst Ambitionen haben" – das ist mehr Zustimmung zu meinem Leben, als ich in zwölf Jahren Schule gehört habe. Und der eine ehrliche Satz steht drin: „Wir haben vergessen, ein Angebot zu machen." Das ist ein Eingeständnis. Das rechne ich ihnen an.
Aber Hoffnung? Nein. Nicht wirklich. Und ich versuche zu erklären, warum – nicht aus Trotz, sondern weil ich den Text mehrmals gelesen habe.
Warum es mich trotzdem nicht erreicht
Ich bin Adressat, nicht Anlass. Der Text beginnt nicht mit "Es geht euch schlecht". Er beginnt mit "Andrew Tate wird gefährlich". Ich bin in diesem Text kein Mensch mit Problemen, sondern ein Rekrutierungsrisiko. Man kümmert sich um mich, weil man Angst hat, wohin ich sonst laufe. Das merkt man. Neunzehnjährige merken sowas sofort.
Die Diagnose bleibt einseitig. Suizide werden erwähnt – als Beweis dafür, dass das alte Männerbild Männer krank gemacht hat. Das ist die einzige Erklärung, die zugelassen wird. Kein Wort darüber, dass ich in einer Schule saß, in der Jungs systematisch abgehängt werden und niemand ein Förderprogramm dafür auflegt. Kein Wort über Wohnungslosigkeit, Sorgerecht, Arbeitsunfälle, Lebenserwartung. Alles, was Männern schadet, wird auf ein Rollenbild zurückgeführt, das Männer selbst mitbringen. Das ist genau das Muster, das ich kenne: Bei Frauen sind es Strukturen, bei Männern ist es die Männlichkeit.
Das Angebot ist Haltung, nicht Politik. Der Text sagt mir, wie ich sein darf. Er sagt mir nichts darüber, was sich ändern soll. Kein Programm, kein Etat, kein Ministerium, keine Zielmarke, keine einzige konkrete Maßnahme. Ich beginne gerade eine Ausbildung. Meine Fragen sind: Warum bricht jeder Dritte aus meinem Jahrgang die Schule ohne Abschluss ab und das sind fast nur Jungs? Warum gibt es Mentoringprogramme für Mädchen in MINT, aber keins für Jungs in irgendwas? Wo ist Männergesundheitsvorsorge? Wo sind Schutzräume für Männer? Der Text antwortet: "Du darfst weinen." Das ist keine Antwort auf eine strukturelle Frage. Das ist ein Gefühlsangebot auf eine Verteilungsfrage.
Der Preis für die Einladung ist Zustimmung. "Zu Feminismus gehört auch moderne Männlichkeit." Ich darf also dazugehören, wenn ich die Rahmenerzählung akzeptiere: Jahrhunderte Täterschaft, notwendiger Kampf, Strukturen wirken nach, meine Befreiung als Unterkapitel. Und dann kommt "Verantwortung" – dreizehn Mal, gefühlt. Verantwortung für Familie, für Freunde, für die Freiheit anderer, für das Hinterfragen von mir selbst. Nirgends steht jemand, der Verantwortung für mich übernimmt. Das ist die alte Rolle in neuer Sprache: Ich soll tragen, ermöglichen, Räume öffnen, mich hinterfragen. Nur ist das jetzt nicht mehr Pflicht, sondern Selbstverwirklichung.
Was mich wirklich skeptisch macht
Die Unterzeichnerliste. Da stehen Leute drauf, deren politische Praxis ich kenne. Wenn dieselben Namen jahrelang jede Männerfrage als Ablenkungsmanöver behandelt haben und jetzt einen Einladungstext schreiben, dann ist meine erste Frage nicht "Wie schön" sondern "Was ist im Umfragetrend passiert?" Junge Männer sind politisch weggelaufen, in ganz Europa. Dieser Text erscheint nicht, weil sich das Denken geändert hat, sondern weil sich das Wahlergebnis geändert hat. Kann sein, dass ich ungerecht bin. Aber die Beweislast liegt jetzt bei ihnen, nicht bei mir.
Und einen Satz nehme ich ihnen übel: die Behauptung, es sei "eine Lüge", dass Männern etwas genommen wurde. Nicht weil ich glaube, Frauen hätten mir etwas gestohlen – das glaube ich nicht, ich will keinen Verteilungskrieg. Sondern weil hier eine echte Erfahrung – dass ich in Bildung, Gesundheit, Rechtsstellung real schlechter dastehe als meine Schwester – vorsorglich für illegitim erklärt wird, bevor sie überhaupt ausgesprochen ist. Man kann mir nicht gleichzeitig sagen, ich dürfe verletzlich sein, und mir vorschreiben, welche Verletzung zählt.
Woran ich es messen würde
Ich bin nicht gegen den Text. Ich bin nur nicht mehr im Alter, wo mir ein Text reicht. Ich würde es an vier Dingen messen:
• Kommt ein Bildungsprogramm für Jungen mit eigenem Etat, so ernst gemeint wie die Frauenförderung der letzten dreißig Jahre?
• Wird Männergesundheit – Vorsorge, Suizidprävention, Lebenserwartung – ein eigenes Politikfeld mit Zielmarken?
• Bleibt der Ton auch dann so, wenn es nichts kostet und keine Wahl bevorsteht?
• Dürfen Männer die Diagnose mitschreiben, oder bekommen sie nur die fertige Erklärung geliefert?
Wenn davon zwei kommen, revidiere ich mein Urteil ohne Groll. Bis dahin ist das für mich ein freundlicher Brief von Leuten, die gemerkt haben, dass sie mich verloren haben – und die mir Anerkennung anbieten, weil Anerkennung nichts kostet.
Was ich mit 19 gebraucht hätte, war nicht die Erlaubnis zu weinen. Es war, dass jemand hinschaut und sagt: Bei den Jungs läuft etwas falsch, und das ist nicht ihre Schuld. Dieser Satz steht in dem Text nicht drin. Und solange er nicht drinsteht, ist es kein Angebot, sondern eine Werbung.
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