Donnerstag, August 20, 2026

Millionen ukrainischer Männer fliehen vor einem grausamen Einberufungssystem

Vorgestern erschien in der einflussreichen linksliberalen Wochenzeitschrift "The Nation" ein tiefgehender Beitrag über fahnenflüchtige Männer in der Ukraine. Da man eine derart tiefgehende Berichterstattung in den deutschen Medien kaum findet, bietet sich eine Übersetzung im Volltext an.



Odessa, Ukraine — Ein nüchtern wirkender Mann mittleren Alters beugt sich näher heran und ruft in gebrochenem Englisch: "Ich will nicht sterben, verstehst du? Aber sie haben mich erwischt. Jetzt muss ich gehen." Er kippt noch einen Wodka. Die Restaurantterrasse ist voller Menschen, die ihre Schaschliks genießen. Sie stören sich nicht an dem Mann und seinen ausgelassenen Freunden, denn Abschiedsfeiern für neu Mobilisierte sind längst nichts Ungewöhnliches mehr.

Sie gehören ebenso zur Klanglandschaft der Stadt wie das Mopedsurren der 200-Kilogramm-Shahed-Drohnen Russlands oder das Heulen der Luftalarmsirenen.

Immer wieder reißen diese Drohnen autogroße Löcher in Wohnhäuser und töten Zivilisten. Die Frontlinie liegt etwa 145 Kilometer entfernt, doch so, wie die Einheimischen damit umgehen, könnte sie ebenso gut auf dem Mond liegen. Odessa ist eine eklektische, sonnenverwöhnte Hafenstadt am Schwarzen Meer, in der barocke Bauten aus der Zarenzeit auf sowjetische Plattenbauten treffen, mit Blick auf steil abfallende Strände. Diese Strände bleiben selbst dann voll, wenn Explosionen die dröhnende amerikanische Popmusik durchschneiden. Nur wenige ausländische Touristen suchen dann vorsichtig Schutz.

Doch unter dem Anschein relativer Normalität ist Odessa, wie der Rest der Ukraine, Heimat einer selbst ernannten Unterschicht von Männern zwischen 25 und 60 Jahren, die als Flüchtige im eigenen Land leben. In der Ukraine werden sie uhylianty genannt, ein abwertender Slangausdruck für "Drückeberger". Seit Jahren versuchen die uhylianty, der massiven Mobilisierungskampagne der Ukraine zu entgehen, die am selben Tag begann wie die russische Vollinvasion.

In den ersten Monaten des Jahres 2022 standen Freiwillige Schlange, um an die Front zu gehen. Heute ist das nicht mehr so. Wie viele sich verstecken, ist unklar, Schätzungen reichen von zwei bis sechs Millionen. Das Thema ist kaum erforscht, und in der englischsprachigen Presse geht die Geschichte der Drückeberger in Beiträgen unter, die Innovationskraft und Heldenmut der Ukraine feiern.

Viele in westlichen Hauptstädten beschreiben den Krieg als Kampf zwischen Gut und Böse, als Kampf für die Freiheit und Sicherheit des Westens. Der Kreml hat seine völlige Missachtung zivilen Lebens ebenfalls unter Beweis gestellt. Russische Soldaten foltern, morden und vergewaltigen in großem Maßstab.

Um Putins Angriff zu stoppen, ist Kiew verzweifelt auf der Suche nach Menschen. Trotz aller Hightech-Drohnen hängt der Erfolg letztlich von Körpern ab. "Wenn die Kommandeure vor zwei Jahren Raketen brauchten, brauchen sie jetzt Menschen", sagte Oleksandr Syrskyj, der frühere ukrainische Oberbefehlshaber.

Doch Millionen Ukrainer wollen nicht kämpfen. Warum?

Die Angst

In Odessa traf ich Taras (Name auf seinen Wunsch geändert) in einer Strandbar. Als überzeugter Protestant schaudert es Taras bei dem Gedanken zu töten. Der kräftige, knapp zwei Meter große 29-Jährige sieht nicht wie ein Flüchtiger aus, während er in seinen Burger beißt. "Sehen Sie, ich bin groß", sagt der IT-Entwickler mit stolzem Lächeln. "Deshalb macht mir die Teseka nichts aus. Ich habe keine Angst."

TZK, ausgesprochen als Teseka, steht für Territoriales Zentrum für Rekrutierung und soziale Unterstützung. Das ist die staatliche Behörde der Ukraine, die für die Organisation der Mobilisierung zuständig ist.

Die Teseka-Beamten bewegen sich in Gruppen von drei bis fünf Männern, manchmal in Zivil gekleidet. Oft werden sie von der Polizei begleitet. Sie fahren Renault Master, Ford Transit oder andere gewöhnliche Kleinbusse mit stark getönten Scheiben. Diese Busse haben der Mobilisierung ihren volkstümlichen Namen gegeben: busyfikazija, zu Deutsch etwa "Verbusung".

Bei einer Umfrage im vergangenen Jahr gaben rekordverdächtige 68 Prozent der Ukrainer an, der Teseka nicht zu vertrauen. Manche halten die Mobilisierung dennoch für notwendig. Ich sprach mit der energiegeladenen Kateryna Musijenko, 27, Mitglied der Aktivistengruppe Robymo vam Nervy (Wir machen euch nervös), die sich für die Entfernung sowjetischen und russischen Kulturerbes aus Odessa einsetzt.

"Für mich ist [die Mobilisierung] kein Problem, weil die meisten meiner Verwandten und Freunde bereits mobilisiert sind", sagt Kateryna. "Es ist verfassungsmäßig vorgeschrieben. Und ich finde es nicht problematisch, weil wir das tun müssen. Wer soll es sonst tun, wenn nicht die Ukrainer? Vielleicht sind die Methoden nicht angenehm. Aber wenn Leute Einberufungsbescheide monatelang ignorieren und versuchen zu fliehen und einfach zu Hause sitzen, um nicht zu kämpfen, dann finde ich das wirklich peinlich."

Im Oktober 2025, einen Monat nachdem ich Taras kennengelernt hatte, sprangen drei Teseka-Männer aus einem getarnten Kleinbus und rannten hinter ihm her. Es gelang ihm zu entkommen, wobei er Rucksack und Jacke zurückließ.

Im November entdeckte ihn eine andere Patrouille erneut. "Sie rannten hinter mir her. Die meisten verloren mich schnell, außer zweien, die mich in einer Sackgasse einholten." Als die beiden Männer in Militärkleidung ihn packten, versuchte eine Gruppe vorbeikommender Frauen mittleren Alters, ihn aus der Bedrängnis zu befreien, doch die Teseka-Männer ließen nicht los.

"Sie schrien die Frauen an und drohten ihnen mit Vergewaltigung oder Schlägen", erzählt Taras. Schließlich setzte sich die Teseka durch, nachdem sie Polizeiverstärkung angefordert hatte. Taras wurde weggebracht.

Solche Szenen sind mittlerweile Alltag geworden. Sie ereignen sich häufig und oft noch dramatischer, manchmal begleitet vom Flehen und Weinen der Angehörigen eines Wehrpflichtigen.

Nach seiner Festnahme durch die Teseka wurde Taras, zusammen mit Dutzenden Männern aus allen Lebensbereichen, zu einer ärztlichen Untersuchung gebracht. Taras saß in einem dämmrigen, im typisch sowjetischen Institutsgrün gestrichenen Korridor, unter Plakaten mit spärlich bekleideten Models, die für den Militärdienst warben.

"Es gab dieses Gerücht im Internet, dass man sich entziehen kann, wenn man sich nicht fotografieren lässt. Das hat nicht mehr funktioniert, als ich dort ankam", erzählt er tonlos.

Taras berichtet, dass er, nachdem er sich geweigert hatte, fotografiert zu werden, in einen kleinen Raum gezwungen wurde, wo zwei Männer in Zivil ihn fotografierten, während sie ihm gegen den Kopf schlugen. Ein untersetzter Oberst "mit Beinprothesen bis zum Knie und wildem Blick" schrie, er werde schießen, wenn Taras sich bewege, und richtete eine Pistole auf ihn.

"Dann fingen sie an, uns zu verkaufen", erinnert sich Taras. Die Männer wurden vom untersetzten Oberst und den Kommandeuren der Einheiten befragt. "Kommandeure kamen dann mit Geldumschlägen zum Oberst und boten für die Männer, die sie sich ausgesucht hatten."

Taras konnte seine IT-Kenntnisse ins Spiel bringen. Er wurde für eine Drohneneinheit ausgewählt, doch zu seinem Entsetzen als fixik eingeteilt: ein mobiles Ein-Mann-Reparaturteam. "Ich hätte Dutzende Drohnen in meinem Auto gehabt. Ich wäre das erste Ziel gewesen", sagt er schaudernd.

Dennoch widersprach Taras kaum, nachdem er gesehen hatte, wie einer seiner Mitrekruten "frech wurde und bessere Bedingungen forderte. Also verzichtete die Einheit, die ihn ursprünglich wollte. Er wurde an Skelja abgegeben."

Für den Rest der Zeit im Korridor wagte Taras nicht, den einst so frechen, hageren Zwanzigjährigen anzusehen. Zwei bewaffnete Soldaten von Skelja schlugen auf den Rekruten ein. "Du gehörst jetzt uns, sagten sie zu ihm", erinnert sich Taras.

Skelja, was "Fels" bedeutet, ist die größte Sturmeinheit der Ukraine. Der Name geht auf das Rufzeichen ihres Kommandeurs Jurij Harkawyj zurück, das an Dwayne "The Rock" Johnson erinnert. Vor einigen Monaten nahm Johnson für Harkawyj ein Video auf und schickte ihm "mana".

Skelja ist berüchtigt dafür, Dutzende ihr zugewiesene Wehrpflichtige gefoltert und getötet zu haben. Der Fall Oleksandr Semenow ist bekannt. Er kam im Januar 2026 im Krankenhaus von Krywyj Rih an. Semenow gab an, während seiner Zeit bei Skelja geschlagen, an ein Quad gefesselt und über den Boden geschleift worden zu sein. Wenige Tage später starb er. Als offizielle Todesursache wurde Lungenentzündung angegeben.

Es gibt keine umfassenden öffentlichen Daten, doch in der Ukraine ist es allgemein bekannt, dass es in Teseka-Gewahrsam, in Ausbildungslagern oder in Einheitsunterkünften eine ganze Reihe ungeklärter Todesfälle gab. Seit 2022 wurden mehr als 1.400 Strafverfahren wegen Folter gegen Teseka-Zentren und Polizeistationen eröffnet.

Nur 20 endeten mit einer Verurteilung. Eine dieser Verurteilungen betrifft einen auf Video festgehaltenen Fall brutaler Misshandlung eines Wehrpflichtigen. Zwei Teseka-Beamte bekannten sich schuldig und erhielten ein Jahr auf Bewährung sowie Geldstrafen von umgerechnet etwa 20 US-Dollar.

Das Durcheinander

Die Teseka genießt in der Armee insgesamt einen so schlechten Ruf, dass Soldaten oft Aufnäher und Aufkleber tragen mit der Aufschrift "nicht Teseka". Ich sah diese Aufnäher überall verkauft, vom weitläufigen Priwos-Markt in Odessa bis zum Flohmarkt in Charkiw.

Viele Teseka-Beamte wurden im Kampf verwundet, wie der untersetzte amputierte Major, der Taras bedrohte. Manche werden dorthin geschickt, weil gesundheitliche Probleme sie für den Fronteinsatz untauglich machen. Verachtet und unterbesetzt, arbeitet die Teseka dysfunktional. Ukrainern gelingt es oft, ihr zu entkommen.

Taras zum Beispiel erkrankte in einem Ausbildungslager nach wochenlanger harter Arbeit im heulenden Novemberwind. Während er im Krankenhaus lag, konnten ihn seine Freunde, wie er mir erzählte, herausschmuggeln. Nun versteckt sich der IT-Spezialist in einer gemieteten Wohnung zurück in Odessa vor der Teseka. Er bleibt drinnen und liest den ganzen Tag chinesische Fantasy-Romane.

Taras' Bekannter, ebenfalls IT-Spezialist, Boris (Name auf seinen Wunsch geändert), ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie chaotisch die Mobilisierung ablaufen kann.

Die Teseka schnappte sich den 27-jährigen Boris, während er in einem Landhaus den Sommer verbrachte, das er und seine Partnerin in einem Dorf am Rande Kiews gemietet hatten. Er sagte, er habe absichtlich nach einem Ort abseits der Hauptstraßen und Ballungszentren gesucht, um der Einberufung zu entgehen. Eines Morgens ging Boris eine leere, sonnige Straße entlang. Er hörte in Dauerschleife Stoner-Metal und bemerkte nicht, wie ein Polizeiwagen anhielt.

Boris, der nicht besonders sportlich ist, versuchte nicht zu fliehen. Nach einer Nacht im Teseka-Gewahrsam wurde er zu einer ärztlichen Kommission gefahren. Als Anarchist empfindet Boris kaum etwas außer Verachtung für den Gedanken, für einen Staat zu kämpfen.

Als Nächstes, so erzählt er, "fuhren sie mit mir durch dieses Viertel in Kiew. Und mir wurde klar, dass ich weiß, dass meine Jungs genau dort drüben wohnen." Boris dachte darüber nach, während das Auto an einer roten Ampel stand. Dann öffnete er die Autotür, stieg aus, ging erst zügig, dann rannte er los, als er hinter sich Geschrei hörte. "Es war wie in Trance", sagt er.

Ein paar Monate lang lebte Boris ein normales Leben in Kiew. Als ich ihn im vergangenen Herbst besuchte, wirkte er völlig gelassen. "Die Teseka kommt hier nicht her. Das ist ein wohlhabendes Viertel", erklärte Boris.

Doch dann wollte er Miete sparen. "Ich bin in ein ärmeres Viertel gezogen, proletarischer. Und dort haben sie mich erwischt. Ein Teseka-Typ hat mich einfach zu Boden geworfen."

Die oft unausgesprochene Realität ist, dass die Mobilisierung vor allem Ukrainer aus der Arbeiterklasse trifft. Wolodymyr Ischtschenko, 44, ist ein leise sprechender ukrainischer Soziologe mit Sitz in Deutschland. Er erforscht Klassendynamiken in der Ukraine, insbesondere im Zusammenhang mit der Mobilisierung.

"Diejenigen, die zwangsmobilisiert werden", erklärt Ischtschenko, "sind überproportional arm. Es sind Fabrikarbeiter oder Menschen aus ländlichen Gebieten." Er erläutert, dass wohlhabendere Männer in der Lage seien, die stetig steigenden Bestechungsgelder zu zahlen, um die Teseka loszuwerden, oder sich zumindest einen Anwalt leisten könnten. Auch Anwälte seien nicht wirklich sicher: Ein Anwalt aus der Region Charkiw wurde von der Teseka verprügelt, bis sein Bein brach.

Ukrainische Journalisten haben eine Liste mit Bestechungspreisen zusammengestellt. Für 6.000 Dollar entgeht man dem Zugriff der Teseka, für 10.000 Dollar erhält man einen "Sonderflug", das heißt, man wird per Krankenwagen aus dem Land gefahren. Die Liste gipfelt bei 50.000 Dollar für einen gefälschten Behindertenstatus, die Streichung aus der Wehrpflichtdatenbank und die Ausreise ins Ausland. Die Preise variieren allerdings je nach Region der Ukraine. Taras berichtete, das Teseka-Personal habe von ihm 10.000 Dollar verlangt, um ihn freizulassen.

Das durchschnittliche Monatsgehalt in der Ukraine liegt bei etwa 700 Dollar.

Kiew hat versucht, die Teseka zu reformieren und gegen Korruption und Chaos vorzugehen. Doch eine reibungslos funktionierende Teseka würde Männer nur noch effektiver aufgreifen. Das System braucht Körper — vor allem solange Russland seine eigenen Reihen zuverlässig mit einer bunten Mischung aus ausländischen Söldnern, Wehrpflichtigen, Strafgefangenen und gut bezahlten Vertragssoldaten auffüllen kann.

Der Widerstand

Ukrainer wissen dank der einheimischen Medien gut über Folter in der Teseka und die grassierende Korruption Bescheid. Kein Wunder also, dass Teseka-Razzien häufig spontane Unruhen auslösen. Odessa, Taras' Heimatstadt, hat ihren Anteil daran erlebt. Allein 2026 wurden rund 20 Beamte der Teseka in der Region Odessa von uhylianty oder deren Sympathisanten verletzt — mit Messern, Fäusten und Schüssen.

In der ganzen Ukraine regt sich physischer Widerstand gegen die Teseka, wobei eine genaue Zahl unmöglich zu nennen ist: Wie bei den verdächtigen Todesfällen gibt es auch hier keine umfassende soziologische Erfassung. Im vergangenen Jahr registrierte die ukrainische Polizei 341 Angriffe auf die Teseka. 2023 sprach der parlamentarische Menschenrechtsbeauftragte von über 1.000 registrierten Konfrontationen.

Im Juli dieses Jahres verprügelte im westukrainischen Lwiw eine hundertköpfige Menschenmenge Teseka-Beamte, die versucht hatten, einen Mann von der Straße wegzuschnappen. Sie brachten sogar das Teseka-Fahrzeug zum Umkippen. Am nächsten Tag forderte Selenskyjs Stabschef Kyrylo Budanow "eine gerechte Reaktion der Strafverfolgungsbehörden". Einen Tag später nahm die Polizei mehrere Beteiligte fest, während ein lokaler Veteranenaktivist ein bedrückendes Video postete, in dem mehrere Männer und Jugendliche gezwungen werden, sich zu entschuldigen und "Ruhm der Teseka" zu skandieren.

Angesichts dieser raschen "Gerechtigkeit" wird deutlich, warum massenhafte Unruhen gegen die Teseka nicht allgegenwärtig sind und klassische Massenproteste gänzlich fehlen. "Wie sollten wir einen Anti-Teseka-Maidan organisieren?", fragt Boris rhetorisch. "Das wäre, als würde man gegen das Notwendige protestieren."

Ischtschenko, der Soziologe, führt weiter aus: Es sei diese enge, privilegierte — aber leicht mobilisierbare und in der Öffentlichkeit hochsichtbare — "Zivilgesellschaft", die in der Lage sei, einen Protest zu tragen und rasch zu organisieren, wie etwa die Proteste gegen Selenskyjs Entlassung des Militärchefs Mychajlo Fedorow im vergangenen Monat.

Ischtschenko argumentiert weiter, es gebe einen grundlegenden Klassenunterschied gegenüber dem Widerstand gegen die "Verbusung", die die weniger privilegierten Schichten am härtesten treffe. Diese seien zwar deutlich zahlreicher, blieben aber fragmentiert.

Um sich in Sicherheit zu bringen, greifen Ukrainer daher zu Online-Widerstand und Basis-Dokumentation. Seit Jahren werden die ukrainischen sozialen Medien täglich mit Videos überflutet, die zeigen, wie die Teseka Männer grob behandelt und in Kleinbusse zwingt, oft während Angehörige daneben weinen.

In den meisten Städten gibt es spezialisierte Telegram-Kanäle, die von lokalen Freiwilligen betrieben werden. Sie tragen Namen wie "Kyjiw-Wetter" oder direkter "Einberufungspapiere Odessa". Dort posten Ukrainer Informationen über die Bewegungen der Teseka. Eine typische Nachricht des Kanals "Einberufungspapiere Odessa" mit über 55.000 Lesern lautete etwa: Balkiwska-Straße, Ecke Dalnyzka-Straße — ein Streifenwagen hat einen Glovo-Kurier geschnappt. Sein Glovo-Moped steht noch dort.

In diesen Kanälen haben Ukrainer einen ganzen Wortschatz an Schimpfwörtern für die Teseka entwickelt: ljudolowy (Menschenfänger), pidory (Schwuchteln), netschist (Unholde) oder einfach tscherty (Dämonen). Manche dieser Begriffe reichen bis in die Sowjetzeit oder sogar die Zarenzeit zurück. Die Region hat eine lange Tradition des Widerstands gegen die Wehrpflicht — vom Basmatschi-Aufstand in Zentralasien bis zum größten Markt Tiflis', der noch immer "Deserteur-Basar" heißt. Der Militärdienst ist im gesamten postsowjetischen Raum grundsätzlich stigmatisiert, und die Institutionen, die die Wehrpflicht durchsetzen, genießen wenig Ansehen.

Es gibt auch ein florierendes digitales Ökosystem rund um jene, die über die Grenze aus der Ukraine fliehen. Zahlreiche Vlogger dokumentieren ihre Fluchten und die Trainingsprogramme, die nötig sind, um die von Drohnen und bewaffneten Wachen patrouillierten Flüsse und Wälder an der Südwestgrenze der Ukraine zu überwinden. Es gibt sogar ein iOS-Spiel, in dem der Protagonist lernen muss, den Grenzfluss Theiß zu durchschwimmen. Allein im Fluss Theiß sind Dutzende Wehrdienstverweigerer ertrunken.

Anastasija Piljawski, 45 Jahre alt und scharfsinnig, ist eine britisch-ukrainische Anthropologin. Sie lebt zwischen Odessa und Cambridge. Ihre Tochter, derzeit in einem ukrainischen Sommerlager, spielt das überall beliebte "Teseka-Spiel", eine Variante von Cowboy und Indianer. Im Spiel gebe es drei Fraktionen, sagt Piljawski: die uhylianty, diejenigen, die den uhylianty helfen, und die Teseka. "Die Teseka sind darin die Bösen", schließt Piljawski.

Sie führt aus: "Im Hinterland wird die Teseka als brutale, korrupte feindliche Kraft wahrgenommen, als viel gefährlicher und viel verabscheuungswürdiger als die russische feindliche Kraft. Das ist entscheidend. Ein Wendepunkt."

Die Propaganda

Jahrelang war das Thema Mobilisierung im westlichen Mainstream-Diskurs kaum präsent. Wird es doch einmal angesprochen, stößt es häufig auf regelrechte Cancel-Kampagnen.

Der bereits erwähnte ukrainische Soziologe Wolodymyr Ischtschenko gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die zur Mobilisierung forschten, und stieß sofort auf Widerstand. Eine Online-Diskussionsrunde zur Mobilisierung, die Ischtschenko am Democracy Institute der Central European University mitorganisieren wollte, wurde vom Institut abgesagt — einen Tag, nachdem die offizielle Ankündigung veröffentlicht worden war. Das Institut berief sich dabei auf Bedenken der "ukrainischen Gemeinschaft".

Ischtschenko argumentiert, die westliche Förderinfrastruktur habe eine bestimmte kreative Klasse hervorgebracht, die im Westen als einzige legitime ukrainische Stimme gelte. Piljawski erläutert, diese kreative Klasse sei "eine professionelle Klasse, nicht die reichste, aber eine Klasse, die mit Worten und Ideen arbeitet. Sie arbeiten als Fixer, sie dominieren die Szene, in der sich ausländische Journalisten gerne aufhalten. Und sie sind auch — überwiegend — nicht diejenigen, die kämpfen. Denn viele haben entweder die Mittel, sich freizukaufen, oder die Beziehungen, um der Front zu entgehen."

Es gab über die Jahre zahlreiche vom Westen finanzierte Programme, die ausdrücklich darauf abzielten, eine neue Generation ukrainischer Führungskräfte heranzuziehen. Ein Beispiel ist die Abgeordnete Oleksandra Ustinowa. Sie ist Absolventin des Future-Leaders-Exchange-Programms des US-Außenministeriums, des Transatlantic Fellowship Program und des Ukrainian Emerging Leaders Program der Stanford University.

Im Jahr 2024 forderte Ustinowa die Inhaftierung von Männern, die sich der Einberufung entzogen. Das sorgte für erheblichen Aufruhr, da Ustinowas Ehemann, ein Ukrainer im wehrpflichtigen Alter, seit 2022 in den Vereinigten Staaten lebt. Und Ustinowa ist nicht die einzige Politikerin, deren Familie der Mobilisierung entgeht, während sie selbst für deren Verschärfung eintritt. Der Bürgermeister von Lwiw forderte ein geschlechtsneutrales Wehrpflichtsystem — seine beiden Söhne leben im Ausland. Ein ungenannter ukrainischer Abgeordneter erklärte gegenüber Reportern, nur zwei Abgeordnete hätten Kinder beim Militär.

Unterdessen diskutieren europäische Entscheidungsträger zunehmend darüber, ukrainische männliche Flüchtlinge in die Ukraine zurückzuschicken oder ihre Flucht ins Ausland anderweitig zu erschweren. Über vier Millionen Ukrainer genießen in der EU vorübergehenden Schutzstatus, und seit der Invasion haben die europäischen Hauptstädte eine humanitäre Rhetorik gepflegt. "Sie wurden mit offenen Armen empfangen … Das ist der Geist Europas. Eine Union, die stark zusammensteht", sagte Ursula von der Leyen 2022.

Doch es scheint, dass fliehende Wehrpflichtige zunehmend aus der Humanität der EU herausfallen. Ab März 2027 sollen Männer im wehrfähigen Alter vom vorübergehenden Schutzprogramm ausgeschlossen werden.

Der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz sagte kürzlich, "alle jungen wehrdienstfähigen Ukrainer müssen in die Ukraine zurückkehren". Bereits 2024 erklärte der außenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der AfD, bevor auch nur ein einziger NATO-Soldat in die Ukraine geschickt werde, sollten zunächst die ukrainischen Männer im wehrpflichtigen Alter zurückgeschickt werden.

Nichts davon wird als Einschränkung der militärischen Unterstützung Europas für die Ukraine dargestellt. Vielmehr wird die europäische Zurückhaltung gegenüber Wehrdienstverweigerern als "etwas, worum die Ukrainer uns gebeten haben" dargestellt. Und tatsächlich scheint Kiew bereitwillig zu kooperieren und arbeitet an der Einrichtung sogenannter "Unity Hubs" in Deutschland, die ukrainische Männer zur Rückkehr bewegen sollen. 2024 strich die Ukraine zudem sämtliche konsularischen Dienstleistungen für wehrpflichtige Bürger im Ausland.

Die uhylianty sehen das möglicherweise anders. Wie Taras es formuliert: "Wenn ein Europäer zu einem Ukrainer kommt, der jeden Tag bombardiert wird, und fragt: ‚Warum wollt ihr nicht der Schutzschild Europas sein?', dann verstehe ich das nicht. Wenn ihr eure Werte verteidigen wollt — dann geht und verteidigt sie, werft uns nicht unter den Bus."

Boris fügt hinzu: "Viele hier glauben nicht an die Ukraine als etwas, für das sie ihr Leben riskieren wollen." Ischtschenko greift diesen Gedanken auf: "Die Ukrainer lieben ihre Ukraine vielleicht. Aber sie hassen und misstrauen ihrem Staat."

Um zu erklären, warum die westlichen Medien kaum über die Mobilisierung berichteten, zitiert der Soziologe den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek: Wile E. Coyote renne über eine Klippe hinaus und laufe weiter in der Luft — solange er nur nicht nach unten schaue. Über die "Verbusung" zu berichten, meint Ischtschenko, wäre gleichbedeutend mit diesem Blick nach unten und würde bedeuten, die Desillusionierung vieler Ukrainer gegenüber der liberalen Weltordnung anzuerkennen — gleichbedeutend damit, nicht mehr an das Ende der Geschichte zu glauben.

Die Desillusionierung

Im März 2025 besuchte ein Team von Sky News das erwähnte Skelja-Regiment. Eine der Fahrerinnen des Teams blieb in ihrem Auto am Kommandoposten von Skelja zurück. Dann trat ein maskierter Mann heran und schoss aus nächster Nähe ein Dutzend Mal auf den gepanzerten Wagen, bevor er in der Mitternachtsdunkelheit verschwand. Kurz darauf erschien ein weiterer Soldat, sammelte die leeren Patronenhülsen ein und wies die verängstigte Fahrerin an zu fliehen. Beschwerden von Sky News blieben folgenlos. Der Sky-News-Produzent Azad Safadow erzählte die Geschichte im vergangenen Juli auf Facebook. Er sagte, Sky News hätte daraus "einen internationalen Skandal machen können, tat dies aber nicht, weil man unser Land unterstützt".

Wenn ich auf Englisch über den Krieg lese, erscheint er mir wie ein glorreiches Spektakel. Tausende Schlagzeilen und Social-Media-Beiträge zeichnen das triumphale Bild eines ukrainischen "Gondor", das sich den "russischen Orks" entgegenstellt. Das ukrainische Flaggschiff-Medium Kyiv Independent veröffentlichte kürzlich ein verspieltes Video, in dem eine Reporterin sagt, ukrainische Männer, die sich der Mobilisierung entziehen, seien für sie das größte Warnsignal beim Dating.

Im Netz begegnet man außerdem lächelnden Shiba-Inu-Hunden in ukrainischen Uniformen, Filmbilder aus Der Herr der Ringe und The Mandalorian mit der Aufschrift "This Is the Way". The Atlantic titelte entsprechend: "Die Ukraine gewinnt den Meme-Krieg."

Die als "Warnsignal" verspotteten uhylianty hingegen erleben einen ganz anderen Krieg. Sie wissen, dass Dienst nicht bedeutet, an der Seite Gandalfs des Weißen gegen Orks zu kämpfen. Wahrscheinlicher bedeutet er, monatelang in einem Erdloch zu leben und in Müllsäcke zu defäkieren, um nicht entdeckt zu werden — und, wenn man schließlich doch entdeckt wird, mit aufgerissenem Bauch in einem Schützengraben zu verbluten.

Das erzählte mir Boris, als ich ihn drei Wochen vor seinem Umzug in ein ärmeres Viertel — wo er dann mobilisiert wurde — in seinem Kiewer Versteck besuchte. "Weißt du, der Tod ist gar nicht so beängstigend, beängstigender ist das ständige Unbehagen des Dienens — wofür auch immer. Der Tod ist ein Moment; das Unbehagen ist für immer."

Nachdem Boris schließlich geschnappt worden war, verbrachte er Monate in einem heruntergekommenen Ausbildungslager mit vernagelten Fenstern, wo die Rekruten rund um die Uhr überwacht wurden, damit sie nicht fliehen konnten. Dann wurde er Soldat. Die Stimmung beim Militär, so Boris, lasse sich in zwei Sätzen zusammenfassen: "Gott, hilf mir, das zu überleben" und "Ich will verdammt noch mal nicht für dieses Land sterben."

"Jetzt", schrieb er mir aus der Grundausbildung, "höre ich diesem Typen zu, der mir sagt, ich müsse gegen die Russen kämpfen, weil sie sonst meine Schwester töten und vergewaltigen würden. Aber diesen Typen würde ich auch nicht in die Nähe meiner Schwester lassen."

Als ich Boris frage, ob er sich selbst als jemanden sieht, der für Demokratie und Freiheit kämpft, antwortet der inzwischen zum Soldaten Gewordene sarkastisch: "Natürlich nicht." Gleichzeitig hat Boris eine differenziertere Sicht auf die Teseka entwickelt. "Ich verstehe, dass man diesen Krieg nicht ohne Mobilisierung führen kann. Vielleicht hätte es am Anfang eine Chance gegeben, Territorium gegen Frieden zu tauschen", sagt er. "Aber jetzt wird es einfach immer so weitergehen. Wir stecken im Zugzwang."

Dennoch klammert sich Boris an die Hoffnung, die Ukraine irgendwann verlassen zu können, und spart seinen Soldatensold, um sich später damit die Flucht zu erkaufen. "Sie haben mir [in der Grundausbildung] ständig gesagt, sie würden mir beibringen, auf dem Schlachtfeld zu überleben, aber ich weiß bereits, wie man dort überlebt", sagt er: "Halt dich verdammt noch mal vom Schlachtfeld fern."




Mittwoch, August 19, 2026

"Sex gegen Geld": Weitere Mitarbeiter werfen Grünen-Politikerin Belästigung und Machtmissbrauch vor

1. Die Frankfurter Allgemeine berichtet mehr über die Grünen-Politikerin Oehlrich, der sexuelle Belästigung eines Mitarbeiters vorgeworfen war, woraufhin sie vorgestern zurückgetreten ist:

Obwohl die Beschwerden im vergangenen September intern schon lange bekannt waren, ließ sich Oehlrich damals zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl [in Mecklenburg-Vorpommern] küren. Doch dann wurden die Vorwürfe öffentlich, der Landesvorstand beschloss einen Sonderparteitag, die grüne Bundestagsabgeordnete Claudia Müller wurde Spitzenkandidatin. Am Fraktionsvorsitz hielt Oehlrich bis zuletzt fest.

Am Montagnachmittag gab sie in Folge neuerlicher Berichte ihren Rücktritt bekannt. (…) Der Schritt sei "ausdrücklich keine Bestätigung" der gegen sie erhobenen Vorwürfe. Intern aber wird gemutmaßt, der Schritt könne damit zusammenhängen, dass sich die Affäre ausweitet. So sollen nach Informationen der F.A.Z. mindestens vier Personen von Machtmissbrauch oder Belästigung betroffen sein, weitere möglicherweise Betroffene sollen sich gemeldet haben. Gemutmaßt wird zudem, dass Oehlrichs Rücktritt auch damit zusammenhängt, dass der Parteivorstand sie faktisch fallen ließ.

Schon im Herbst 2022 soll Oehlrich einem langjährigen und deutlich jüngeren Fraktionsmitarbeiter ihre Liebe offenbart haben, so steht es in einem Beschluss des Landesvorstands der Partei vom 4. August, der der F.A.Z. vorliegt. Über Jahre soll sie dem Mann gegenüber immer wieder ihre Gefühle bekundet haben. Er wies das zurück, bat um Unterlassung, doch sie soll weitergemacht haben.

Laut einem Bericht der Fachberatungsstellen für Antidiskriminierungsarbeit in Greifswald vom Juli 2026, aus dem der "Nordkurier" zitiert, versuchte der Betroffene mehrfach vergeblich, auf verbindliche Regelungen zu einer Arbeitsorganisation hinzuwirken, die seine Grenzen respektiert. Oehlrich versprach offenbar mehrmals, sich zu bessern, tat das aber nicht. Laut einer eidesstattlichen Erklärung des Mitarbeiters, die der F.A.Z. als Kopie vorliegt, soll Oehlrich ihm gegenüber sexualisierte Sprache genutzt und etwa gesagt haben, er solle sich im Büro etwas anziehen, das "am Hintern enger sitzt". Er wirft ihr "verbale sexuelle Belästigung" vor. Oehlrich hatte gegenüber dem NDR derlei Äußerungen von ihr "unglücklich" genannt und gesagt, sie könne nicht ausschließen, dass Aussagen von ihr anders verstanden wurden, als sie gemeint gewesen seien.

(…) Laut Angaben des früheren Mitarbeiters, der sich später krankmeldete, soll Oehlrich dessen Arbeit auch mit einer sexuellen Dienstleistung verglichen haben. Auf seine Bitte nach einem Beratervertrag, um bisher unentgeltlich geleistete Zusatzarbeiten zu vergelten, soll sie geantwortet haben, das halte sie nur schwer aus, das sei, als sage ein Partner zum anderen, ab sofort gebe es nur noch "Sex gegen Geld". Dazu teilt Oehlrich mit, die Vorwürfe träfen in dieser Form nicht zu, einzelne Vorgänge oder Formulierungen seien aus dem Zusammenhang gelöst und verkürzt wiedergegeben.

(…) Doch soll es Vorwürfe von mindestens drei weiteren Personen gegen Oehlrich geben. In einem Fall ist von Brustberührung und von durch Oehlrich eingeforderten langen Umarmungen die Rede, die aufgrund des Machtverhältnisses nicht ablehnbar gewesen seien. In mehreren Fällen wurden Mitarbeiter, die die Vorwürfe erhoben hatten, später freigestellt. Eine Sprecherin teilt dazu mit, die Darstellung könne die Fraktion nicht bestätigen; zu einzelnen Personalangelegenheiten äußere man sich nicht.

Dem Vorstand der Landespartei sind die Vorwürfe seit Langem bekannt. Eine echte Aufklärung gab es bisher nicht. In dem nicht öffentlichen Beschluss vom 4. August heißt es, der Vorstand habe im Zuge von Presseanfragen "kürzlich erneut" Kenntnis über die Vorwürfe gegen Oehlrich erlangt. Demnach verurteilt der Landesvorstand "jede Form von Sexismus, sexueller Belästigung, grenzverletzendem Verhalten und sexualisierter Sprache". Der Parteiführung zufolge stritt Oehlrich zunächst fehlerhaftes Führungsverhalten ab, später gestand sie dann demnach ein, sexualisierte Sprache genutzt zu haben. Derlei Handlungen widersprächen den Grundwerten der Grünen, heißt es in dem Beschluss. Nun soll eine "bereits beschlossene Aufarbeitungskommission" ihre Arbeit "zeitnah" aufnehmen.


Harald Martenstein kommentiert diese Vorgänge in seiner Bildzeitungs-Kolumne, die regelmäßig in der Form eines Offenen Briefs gehalten ist, so:

Laut einer Beratungsstelle soll Frau Oehlrich (51) den jungen Mann unter anderem gebeten haben, "körperbetonte Kleidung" zu tragen, die "am Hintern enger sitzt". Diese Bemerkung sei, so die Beschuldigte, "nicht sexuell motiviert" gewesen. Wer könnte beim Wort "körperbetont" auch auf so eine Idee kommen? Es sei ihr lediglich um ein "angemessenes Auftreten" des jungen Mannes bei "dienstlichen Terminen" gegangen.

Ich habe mich gefragt, bei welchem politischen Termin eine am Männerhintern besonders eng sitzende Hose angemessen oder sogar von Vorteil sein könnte. Wahlwerbung für die Grünen bei einem Junggesellinnenabschied mit den Chippendales? Das sind hübsche Stripper, die bieten Erotik mit Niveau.

Fest steht: Der historische Satz "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" ist politisch neoliberal, weil FDP und Brüderle. Der Satz "Ihr Hintern füllt die Hose aber schön aus" könnte dagegen künftig für Klimaschutz und Gleichstellung stehen.




2. Eltern in Zürich witterten eine Diskriminierung ihrer Tochter, weil diese mit nur einem anderen Mädchen in der Klasse ist. Sie zerrten die Schule vor das höchste Gericht. Dieses wies die Beschwerde ab:

Die Eltern hätten keinen Anspruch darauf, dass ihr Kind einer bestimmten Klasse zugeteilt werde. Die zuständigen Schulbehörden verfügten bei der Einteilung über einen Ermessensspielraum und müssten sich dabei an gewisse Kriterien halten. Dazu gehören unter anderem der Schulweg sowie eine ausgewogene Zusammensetzung hinsichtlich Leistungsfähigkeit, sozialer und sprachlicher Herkunft und Geschlecht.

Die Geschlechterverteilung ist also ein Kriterium – aber nicht das einzige. Das war für die Richterinnen und Richter ausschlaggebend. Die Schule durfte auch pädagogische Gesichtspunkte und die individuellen Bedürfnisse der Kinder berücksichtigen. "Insofern ist es bundesrechtskonform, wenn die Vorinstanz den Wünschen der Eltern kein massgebliches Gewicht beimisst", heisst es im Urteil.

Im konkreten Fall spielte die bestehende Förderkonstellation der beiden Mädchen eine wichtige Rolle. Die beiden Schülerinnen waren bereits in der zweiten Klasse gemeinsam gefördert worden. Die zuständige Heilpädagogin und die Lehrperson hatten festgestellt, dass diese Zusammenarbeit gut funktioniert habe.

Hinzu kommt: Die elf Buben und zwei Mädchen würden nicht während der gesamten Unterrichtszeit in der gleichen Gruppe sein. Ein Teil des Unterrichts findet in Halbklassen statt, während die Kinder für weitere Lektionen mit einer grösseren Gruppe zusammen sind. Dort befinden sich fünf weitere Mädchen.

(…) Die Eltern zeigen sich enttäuscht über das Urteil, wie sie gegenüber dieser Redaktion sagen. "Leider zeigt es, dass Gleichstellungsfragen nur dann vertieft behandelt werden, wenn konkrete Nachteile nachweisbar sind, was die Entscheidung juristisch korrekt, aber gesellschaftlich wenig ambitioniert macht." Eine klarere Anerkennung sozialer Risiken wäre eine wichtige Chance für die Gleichstellung gewesen, sagt die Mutter. Denn die Schule sei nicht nur ein Lernraum, sondern auch ein Sozialraum. Das Urteil sei "eine verpasste Chance, Geschlechterstereotype im Schulalltag klar zu adressieren".




3. In Großbritannien haben Männer ihr Recht auf einen Prostata-Test verloren. Die Tageszeitung Telegraph berichtet:

Männer mittleren Alters wurden ihres Rechts auf Tests beraubt, die zur Früherkennung von Prostatakrebs beitragen.

Männer über 50 haben keinen Anspruch mehr auf einen Bluttest zur Identifizierung der Krankheit; stattdessen entscheiden nun Hausärzte, wer einen solchen Test erhält.

Experten bezeichneten die Entscheidung als "unerhörten Verrat".

Bislang hatte jeder Mann über 50 das Recht auf einen PSA-Test (Prostataspezifisches Antigen) über seinen Hausarzt. Symptome waren dafür keine Voraussetzung.

Die neuen Richtlinien heben dieses Recht jedoch auf und überlassen es den Hausärzten zu entscheiden, ob eine Testung angemessen ist.

(…) Die Änderung folgt auf den Beschluss der Regierung, ein flächendeckendes Prostatakrebs-Screening abzulehnen und stattdessen ein eng gefasstes Programm für eine kleine Gruppe von Männern mit hohem genetischen Risiko einzuführen.




4. Einer aktuellen Meta-Studie zufolge, die 75 Studien aus 30 Ländern auswertete und damit mehr als 100 Millionen Männer umfasste, gibt es ein erhöhtes Suizidrisiko bei von ihrer Partnerin getrennten oder geschiedenen Männern gegenüber verheirateten Männern. Bei getrennten Männern bis 34 Jahre lag das Risiko eines Suizids bei mehr als dem Achtfachen derjenigen verheirateter Männer derselben Altersgruppe. Das größte Risiko stelle die unmittelbare Phase nach der Trennung dar. Männer, die sich gerade in einer Trennung befanden, hatten ein nahezu doppelt so hohes Risiko wie Männer, deren Scheidung bereits abgeschlossen war. Dabei tauchten insbesondere Scham, Einsamkeit und der Verlust sozialer Netzwerke als wiederkehrende Faktoren auf.

Das erhöhte Risiko war nicht überall gleich groß. Geschiedene Männer in asiatischen Ländern wiesen höhere Suizidchancen auf als geschiedene Männer in westlichen Ländern. Die Autoren vermuten mögliche Zusammenhänge mit unterschiedlichen Familienstrukturen, Regelungen rund um Kinder und Sorgerecht sowie dem gesellschaftlichen Stigma von Scheidung.



5. Einer weiteren Studie zufolge heiraten US-amerikanische Frauen mit Hochschulabschluss zunehmend Männer ohne Hochschulabschluss – falls diese Männer überdurchschnittlich gut verdienen.

Die Autoren gingen von folgender Ausganslage aus: Frauen haben Männer bei den Hochschulabschlüssen inzwischen deutlich überholt. Trotzdem ist die Heiratsrate von Frauen mit Hochschulabschluss relativ stabil geblieben. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Menschen normalerweise dazu tendieren, Partner mit ähnlichem Bildungsniveau zu heiraten. Früher gab es mehr hochgebildete Männer als hochgebildete Frauen; inzwischen ist es umgekehrt. Die Frage lautet also: Woher kommen die Partner der hochgebildeten Frauen?

Hier fanden die Forscher heraus, dass sich der Anteil der Frauen, die selbst einen Hochschulabschluss besitzen und mit einem Mann ohne Abschluss verheiratet sind, zwischen den untersuchten Generationen etwa vervierfacht hat. Dabei handelt es sich aber überproportional um Männer ohne Abschluss, die wirtschaftlich relativ erfolgreich sind. Die hochgebildeten Frauen nähmen damit den weniger gebildeten Frauen einen besonders attraktiven Teil des Pools an Männern ohne Hochschulabschluss weg.

In zukünftigen Studie wollen die Forscher untersuchen, ob, wenn man die wirtschaftliche Situation von Männern aus der Arbeiterschicht verbessert, dann tatsächlich ihre Heiratschancen steigen – und dadurch wiederum die Heiratschancen der Frauen aus derselben sozialen Schicht?



6. Zuletzt ein Programmtipp: Zum Thema Männer wählen rechts, Frauen links – Gibt es einen politischen Gender Gap? gab es dieser Tage eine Talkrunde des SWR, die inzwischen online steht. Immerhin wurde im Verlauf der Debatte unwidersprochen festgehalten, dass beide Geschlechter von Diskriminierung betroffen sind, nur eben auf unterschiedliche Weise.



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Dienstag, August 18, 2026

Hamburg: Frau soll Ex-Partner zu Sex gezwungen und danach getötet haben

1. In Hamburg spielt sich ein Fall ab, der mal wieder die männerfeindlichen Klischees auf den Kopf stellt, in die sich unsere Leitmedien verknallt haben:

Das Messer soll schon neben dem Bett gelegen haben: Am Dienstag, 18. August, beginnt vor dem Landgericht Hamburg der Prozess gegen eine 42-jährige Frau aus Bergedorf. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Mord in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge vor. Sie soll ihren 35 Jahre alten Ex-Partner am 19. Februar in ihrer Wohnung am Wilhelmine-Hundert-Weg in Neuallermöhe mit einem Messer angegriffen haben – heimtückisch und aus Habgier, heißt es in der Anklage. Der Mann starb kurz darauf im Krankenhaus.

Laut Staatsanwaltschaft ist es am Tattag zu einem Treffen zwischen der Angeklagten und ihrem früheren Partner gekommen. Gegen 10.30 Uhr soll sie Sex von ihm verlangt haben – als Gegenleistung für eine Unterschrift. Die habe er für sein ausländerrechtliches Verfahren gebraucht, heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Nach dem Geschlechtsverkehr soll die Frau versucht haben, ihrem Ex-Partner eine mit Scharfstoffen versetzte Flüssigkeit einzuflößen. Sie selbst habe die Flüssigkeit für Gift gehalten, heißt es in der Anklage.

Als die erhoffte Wirkung ausblieb, habe die Angeklagte zu einem Küchenmesser gegriffen, das sie zuvor neben dem Bett versteckt habe. Mit der etwa 20 Zentimeter langen Klinge soll sie dann auf den unbekleideten und wehrlosen Mann eingestochen und ihn zweimal am Hals getroffen haben. Laut Anklagebehörde mit der Absicht, den Mann zu töten und seine Wertsachen zu rauben.

Der schwer verletzte Mann soll nach dem Angriff aus dem Schlafzimmer geflüchtet und aus dem Küchenfenster im ersten Stock gesprungen sein. Währenddessen soll die Angeklagte aus seiner Hose ein Mobiltelefon, zwei Bankkarten und 30 Euro Bargeld genommen und die Sachen auf einem Schrank versteckt haben. Wenige Meter vom Wohnhaus entfernt brach der Mann zusammen. Passanten alarmierten die Polizei. Rettungskräfte brachten den 35-Jährigen in ein Krankenhaus, wo er noch am selben Tag seinen Verletzungen erlag.


Manche Leser weisen mich aktuell beständig auf solche Fälle hin. Viele verwende ich hier nicht, weil das für Genderama immer eine Gratwanderung darstellt: Einerseits sollte man diesem Unfung von "nicht alle Männer, aber immer ein Mann" etwas entgegensetzten, andererseits ist es nicht der Sinn dieses Blogs, von Frauen begangene Verbrechen endlos aneinander zu reihen.



2. Das populärwissenschaftliche Magazin Psychology Today beschäftigt sich mit der Frage, wie man seine eigenen männlichen Bekannten dazu bringen kann, von ihren Erfahrungen mit Sexualgewalt zu sprechen:

Stell dir vor, du erfährst, dass jemand, der dir wichtig ist – ein Partner, Freund oder Bruder – jahrzehntelang eine Geschichte sexueller Übergriffe mit sich herumgetragen hat und niemandem davon erzählt hat. Nicht einmal dir.

Seit 16 Jahren arbeite ich als Psychologin in einem großen Krankenhaus für Kriegsveteranen (sowie in einer kleinen Privatpraxis) und sitze mit Hunderten von Männern zusammen, die unerwünschten sexuellen Kontakt erlebt haben. In diesen Räumen, hinter verschlossenen Türen, kommen Geschichten ans Licht, die viele jahrzehntelang verborgen gehalten hatten.

Immer wieder habe ich erlebt, wie Erleichterung und Integration in dem Moment beginnen, in dem ein Mann die Erlaubnis findet, seine Erfahrung mit jemandem zu teilen, der ohne Urteil zuhört. Das häufigste Bedauern, das ich höre, lautet: "Ich wünschte, ich hätte früher darüber gesprochen."

Und doch fällt es vielen Männern schwer, einen sicheren Raum für die Offenlegung zu finden. Während der #MeToo-Bewegung berichteten mehrere Männer, mit denen ich gearbeitet habe, dass sie sich im breiteren Gespräch unsichtbar fühlten – und manchmal sogar eher als potenzielle Täter denn als Überlebende wahrgenommen wurden.

Es ist an der Zeit, die Erzählung neu zu denken und umzugestalten.

Die Mythen, die Männer schweigen lassen

Wir sind umgeben von Überzeugungen, die es Männern erschweren, über sexuelle Gewalt zu sprechen. Bist du eine sichere Person für Offenlegung? Überprüfe dich anhand dieser gängigen Mythen aus der Male Rape Myth Scale, Shortened Version (MRMS-SV, Weare & Willmott, 2026):

- Frauen, die Männer vergewaltigen, sind sexuell frustrierte Personen.

- Das Ausmaß des Widerstands eines Mannes sollte ein wesentlicher Faktor bei der Feststellung sein, ob er vergewaltigt wurde.

- Es fiele mir schwer, einem Mann zu glauben, der mir sagte, er sei von einer Frau vergewaltigt worden.

- Vergewaltigungen von Männern werden meist von Homosexuellen begangen.

- Ein Mann kann Sex genießen, auch wenn er ihm aufgezwungen wird.

- Die meisten Männer, die von einer Frau vergewaltigt werden, sind teilweise selbst schuld, weil sie nicht entkommen oder die Frau abwehren konnten.

- Viele Männer behaupten Vergewaltigung, wenn sie homosexuellen Beziehungen zugestimmt, es sich danach aber anders überlegt haben.

- Jeder gesunde Mann kann einen Vergewaltiger erfolgreich abwehren, wenn er es wirklich will.

- Wenn ein Mann während einer Vergewaltigung eine Erektion bekam, bedeutet das wahrscheinlich, dass er anfing, es zu genießen.

- Die meisten Männer, die von einer Frau vergewaltigt werden, sind teilweise selbst schuld, weil sie nicht vorsichtiger waren.

- Wenn ein Mann knutscht und Petting betreibt und die Dinge außer Kontrolle geraten lässt, ist es seine eigene Schuld, wenn sein Partner ihn zum Sex zwingt.

- Kein selbstbewusster Mann würde zugeben, vergewaltigt worden zu sein.

- Wenn ein Mann mir erzählte, er sei von einem anderen Mann vergewaltigt worden, würde ich vermuten, dass er homosexuell ist.

- Männer, die nackt in einer Umkleidekabine herumlaufen, provozieren Ärger.

- Ein Mann, der vergewaltigt wurde, hat seine Männlichkeit verloren.

- Vergewaltigung von Männern ist schwerwiegender, wenn das Opfer heterosexuell ist, als wenn es homosexuell ist.

- Die meisten Männer, die vergewaltigt wurden, haben eine Geschichte von Promiskuität.

- Die meisten Männer, die von einem Mann vergewaltigt werden, sind teilweise selbst schuld, weil sie nicht entkommen oder den Mann abwehren konnten.

- Ein Mann, der zulässt, von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, ist wahrscheinlich homosexuell.

Das sind kulturelle Mythen, die wir möglicherweise verinnerlicht haben. Die Frage ist nicht, ob du diese Gedanken hattest, sondern ob du sie glaubst und was du als Nächstes tust. Wirst du sie hinterfragen, mehr Geschichten suchen und zu einem mitfühlenderen Zeugen werden?

Barrieren der Offenlegung: Was bringt Männer zum Schweigen?

Statistisch gesehen kennst du wahrscheinlich viele Männer, die sexuelle Übergriffe erlebt haben. Das Center for Disease Control (2024) berichtet, dass fast jeder vierte Mann in den USA irgendeine Form von kontaktbezogener sexueller Gewalt erlitten hat.

Dennoch warten Männer deutlich länger mit der Offenlegung, melden seltener und haben weniger Orte, an die sie sich wenden können, als Frauen (Langdridge et al., 2023; Pilkington et al., 2026). Die Offenlegung kann um Jahrzehnte verzögert werden – im Durchschnitt 15–20 Jahre. Warum?

Normen der "hegemonialen Männlichkeit" setzen die Regeln: Niemals Angst, Traurigkeit oder Verletzlichkeit zeigen; immer dominant, selbstständig und unter Kontrolle bleiben. Sexuelle Viktimisierung kollidiert direkt mit diesen Normen.

Nach einem Übergriff minimieren Männer oft, was passiert ist, geben sich selbst die Schuld ("Ich hätte mich wehren sollen"), hinterfragen ihre Sexualität oder kämpfen mit Scham, Angst und Wut. Viele isolieren sich oder greifen zu Substanzen und fühlen, dass sie als Opfer keinen kulturellen "Platz" haben – besonders wenn der Täter eine Frau ist oder wenn sie farbige Männer sind oder aus Kulturen mit besonders restriktiven Geschlechterrollen stammen.

Gesellschaftliche Reaktionen verstärken oft den Schmerz. Offenlegung kann auf Unglauben, Minimierung oder feindselige Fragen treffen ("Bist du schwul?", "Warum hast du es nicht gestoppt?"), und Männer fürchten, als schwach, aggressiv oder selbst gefährlich abgestempelt zu werden (Pilkington et al., 2026).

Institutionelle Reaktionen verschlimmern das Problem oft. Überlebende berichten, dass sie von der Polizei, Behandlern, ihrer Familie, sogar Freunden befürchten, man würde ihnen nicht glauben oder – schlimmer noch – sie selbst beschuldigen. Institutioneller Verrat (McAdams et al., 2025), etwa wenn die militärische Führung eine Offenlegung abtut, kann noch schädlicher wirken als das Trauma selbst und zu Vermeidung, verschlimmerten posttraumatischen Folgen und Misstrauen gegenüber Hilfe führen. Männer wurden als "schwach" oder "kaputt" bezeichnet, ausgelacht oder bestraft (Pilkington et al., 2026).

Wie wir helfen können: Auf dem Weg zu Integration und Unterstützung

Männer, die offenlegen konnten und unterstützende, validierende Reaktionen erhielten, erleben oft Erleichterung, weniger Scham und eine verbesserte Lebensqualität. Die Forschung zeigt, dass das direkte Ansprechen sexueller Traumata, das offene Einladen zu berichten und das Helfen, Gemeinschaft mit anderen Überlebenden zu finden, transformativ sind (Pilkington et al., 2026).

Männer, die öffentlich über ihre Erfahrungen mit sexuellen Traumata und der Genesung gesprochen haben, haben Wege für andere geschaffen, Unterstützung zu suchen. In einem Artikel der New York Times von 2019 (Phillipps, 2019) teilten beispielsweise sechs Personen ihre Geschichten über militärische sexuelle Traumata und brachten diesem Thema die dringend benötigte Sichtbarkeit. Andere sind über Plattformen wie About Face und Make the Connection an die Öffentlichkeit gegangen. Schätzungen zufolge erleben ebenso viele Männer wie Frauen militärische sexuelle Traumata – mindestens 10.000 jährlich –, und die Bereitschaft dieser Männer, ihre Geschichten zu erzählen, hat zu besserer Versorgung und größerer Anerkennung der besonderen Bedürfnisse männlicher Veteranen geführt.

Schritte, um männliche Überlebende besser zu unterstützen

Wenn du die Männer in deinem Leben unterstützen möchtest:

- Bilde dich über sexuelle Traumata bei Männern weiter. Beginne damit, Mythen und Annahmen zu hinterfragen.

- Höre mit Mitgefühl zu.

- Biete an, sie mit Ressourcen zu verbinden.

- Setze dich für bessere Schulungen und kulturellen Wandel in Institutionen ein, die Männer betreuen.

Wenn du ein Mann bist, der sexuelle Übergriffe erlebt hat, und eine Offenlegung in Betracht ziehst:

- Höre von Männern, die sexuelle Traumata erlebt und Genesung gefunden haben.

- Finde einen Therapeuten, der männliche sexuelle Traumata versteht und in evidenzbasierter Behandlung posttraumatischer Störungen zertifiziert ist.

- Finde eine Überlebendengruppe über eine Interessenvertretung wie RAINN (Rape, Abuse, and Incest National Network) oder MaleSurvivor.


In Deutschland erhalten männliche Opfer sexueller Gewalt Unterstützung beispielsweise beim Männerhilfetelefon (0800 1239900), bei Rückhalt M: Beratungsstelle für von sexueller Gewalt betroffene Männer, bei der Männerberatung Schleswig-Holstein, dem Männerbüro Hannover, bei MUT, die Traumahilfe für Männer in Berlin und bei Tauwetter Berlin.

Was mir an dem Artikel der Psychology Today und den vielen Quellenangaben darin Hoffnung gibt, ist, dass ein Thema, über das ich vor 25 Jahren noch fast als einziger veröffentlicht habe, immer mehr gesehen und immer ernster genommen wird. In den deutschen Medien gelten Männer wie ich ("die Manosphere!!") natürlich trotzdem weiterhin als die Bösen. Dass jeder vierte Mann in seinem Leben Opfer sexueller Gewalt geworden ist, wird hier, anders als in dem obigen Artikel, nicht einmal erwähnt. Die Debatte über sexuelle Gewalt bleibt so in einer Jahrzehnte alten Erstarrung gefangen.



3. Der Berliner "Tagespiegel" und der Soziologe Ralf Pohl biete sich immer für ein abschreckendes Beispiel an, wenn man eines zur Veranschaulichung braucht – heute mit dem Artikel "Wie verhindern wir, dass unsere Söhne gewalttätig werden?" (Der Beitrag ist nur im Anriss online – vermutlich kein Verlust.) Frauengewalt braucht demnach anscheinend niemand zu verhindern, denn der "Tagesspiegel" polemisiert schon im Teaser, dass die Täter immer männlich seien – was natürlich daran liegt, dass der "Tagesspiegel" für dieses "immer" ausschließlich Fälle mit männlichen Tätern als Beispiel ausgewählt hat. Seriös ist das nicht, aber jemand wie Pohl macht bei dem Unfug natürlich bereitwillig mit.



4. Als "Beispiel dafür, wie inhaltsleer der Femizid-Kampfbegriff ist", schickt mir einer meiner Leser einen Artikel über einen demenzkranken Mann, der tragischerweise seine Ehefrau und seine Tochter getötet hat. Das psychiatrische Gutachten attestiert ihm wegen fortgeschrittener Demenz vollständige Schuldunfähigkeit. Trotzdem wird die Tat in den Medien als "Femizid" etikettiert, ein Wort, dessen Bedeutung zum Beispiel die Frauenhauskoordinierung zutreffend so erklärt:

Der Begriff Femizid bezeichnet die gezielte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Nicht jede (vorsätzliche) Tötung einer Frau ist zwingend ein Femizid. Als Femizide gelten diejenigen Tötungsdelikte, bei denen Frauen aufgrund ihrer Stellung als Frau in der Gesellschaft getötet werden, nicht etwa zufällig oder aufgrund individueller Umstände.


Für diese Definition interessiert sich in den Leitmedien kaum mehr eine Socke. Stattdessen gibt man sich dort alle Mühe, feminstische Forderungen überzuerfüllen: Sobald eine Frau getötet wird, klatscht man auf die Berichterstattung gedankenlos "Femizid". Das erlaubt ein ebensolches Ausufern der Zahlen weiblicher Opfer dieser Tat, wie männliche Opfer in anderer Hinsicht unsichtbar gehalten werden.



5. Christian Schmidt zerpflückt heute einen kürzlich von mir verlinkten SPIEGEL-Beitrag, dem zufolge Jungen im Freibad vor allem vor ihren Vätern beschützt werden müssen.



6. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Constanze Oehlrich, die einen Mitarbeiter sexuell belästigt haben soll, ist jetzt zurückgetreten.



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Montag, August 17, 2026

Grünen-Politikerin soll Mitarbeiter sexuell belästigt haben

1. "Die Welt" berichtet über einen eskalierenden Konflikt innerhalb der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern, der im September 2022 seinen Ausgang genommen habe:

Die damalige Parlamentarische Geschäftsführerin Constanze Oehlrich soll an jenem Sonnabend einem Fraktionsmitarbeiter ihre Liebe gestanden haben. So schildert es Thomas Wagner (Name von der Redaktion geändert) später in einer eidesstattlichen Versicherung, die WELT vorliegt. Er habe die Annäherung der zwölf Jahre älteren Frau zurückgewiesen und auf Abstand gedrängt.

"Ich war überrascht, da zwischen uns zu keinem Zeitpunkt eine romantische Ebene bestanden hatte", schreibt Wagner in seiner Erklärung. Er habe Oehlrich deutlich gemacht, dass es seinerseits keine entsprechenden Gefühle gebe. Trotzdem ging die Geschichte weiter. Oehlrich machte Wagner nach dessen aktenkundiger Darstellung noch jahrelang Avancen und sicherte ihm zwischendurch immer mal wieder zu, Distanz zu wahren.

Bald drohte das toxische Verhältnis zwischen der Vorgesetzten, die im April 2024 zur Fraktionschefin aufstieg, und ihrem Untergebenen, die Partei zu spalten. Interne Mails, Chatverläufe, Beschwerden, eidesstattliche Versicherungen, Schreiben von Anwälten und Gutachten füllen mittlerweile Leitzordner. In der Fraktion bildeten sich Lager.

Mit zwei drastischen Maßnahmen sollte die Situation endgültig beruhigt werden: Wagner wurde gekündigt, der Fraktionsvize Hannes Damm, der sich für ihn eingesetzt hatte, aus der Fraktion ausgeschlossen. Ab sofort liege der "Fokus auf Geschlossenheit und Wahlkampf", beteuerte der Landesvorstand. Er hofft, dass der Wiedereinzug der Grünen ins Parlament am 20. September nicht an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert.

Ausgerechnet in diese Phase platzt eine für die Küsten-Grünen höchst unangenehme Nachricht, mit der die längst abgehakt geglaubte Affäre wieder auf die Tagesordnung rückt. Dafür sorgt ein vierseitiger Brandbrief an Fraktion und Landesvorstand vom 29. Juli. Absender sind eine Antidiskriminierungs-Beratungsstelle aus Greifswald und ein Betriebliches Beratungsteam aus Stralsund. Das vierseitige Schreiben trägt den Titel: "Fachliche Einordnung betreffend der Vorkommnisse in der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag MV mit dem ehemaligen Beschäftigten Thomas Wagner". Verkürzt zusammengefasst schreiben die beiden Beratungsstellen: Erstens, die Grünen haben fortgesetzt in gravierender Weise gegen ihre eigenen Grundsätze verstoßen; und zweitens, Wagner ist großes Unrecht geschehen.

Was in dem Papier detailliert ausgeführt wird, ist für eine Partei wie die Grünen mit ihren hehren Ansprüchen an Moral so brisant, dass es wohl totgeschwiegen werden sollte. Dass das Papier jetzt doch an die Öffentlichkeit gelangt ist, sorgt für Bestürzung.

Dazu muss man wissen: Bereits im Dezember 2020 hatte die Bundespartei einen Kodex zum Umgang mit dem Thema sexuelle Selbstbestimmung verabschiedet. Versichert wird: "Wir gewährleisten einen verantwortungsvollen Umgang mit Nähe und Distanz." An anderer Stelle wird versprochen: "Wir nehmen Grenzüberschreitungen durch andere bewusst wahr und vertuschen diese nicht."

Doch die schönen Worte sind das eine, die gelebte Praxis in MV offenkundig das andere. Oehlrich hatte beispielsweise ihren Unmut darüber geäußert, dass ihr Mitarbeiter – so die Fachberatungsstelle – "zu wenig körperbetonte Kleidung (die ,am Hintern enger sitzt‘)" trage. Die Experten bewerten "dieses unerwünschte anzügliche Verhalten gegenüber einem Mitarbeiter" als grenzüberschreitend.

"Gleichzeitig können wir feststellen, dass aufgrund der Konstellation – Vorgesetzte und unterstellter Mitarbeiter – ein Machtungleichgewicht vorliegt", wird den Grünen vorgehalten. Die Lage für den Mitarbeiter Wagner sei durch die nicht unterlassenen Liebes- und Gefühlsbekundungen sowie psychischen Druck verstärkt worden. Dies habe zu einer "Einschüchterung, Verletzung und Entwürdigung der betroffenen Person" geführt.

Wie verhält sich ein abhängig Beschäftigter, wenn er am Arbeitsplatz ständig unerbetenen Annäherungsversuchen ausgesetzt ist? Bei Wagner war es laut der Beratungsstelle so, dass er "mehrfach um Schutz durch Arbeitsfreistellung bitten" musste und schließlich "gesundheitliche Schäden" erlitt.


Die Grünen weisen diese Darstellung zurück. Landesvorstand und Fraktion betonen, dass die Beratungsstellen ihre Einschätzung im Wesentlichen auf Wagners Schilderungen und die von ihm vorgelegten Unterlagen gestützt hätten und keine unabhängige Untersuchung unter Einbeziehung aller Beteiligten durchgeführt worden sei. Eine zuvor von der Fraktion beauftragte spezialisierte Anwaltskanzlei habe Wagners Beschwerde nach einem Verfahren gemäß Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz als unbegründet und nicht substantiiert zurückgewiesen. Die Fraktion hält deshalb an ihrer bisherigen Bewertung fest, will aber Konsequenzen für die zukünftige Beschwerdebearbeitung und Prävention prüfen. Oehlrich selbst bestreitet die gegen sie erhobenen Vorwürfe. Sie erklärt, einzelne Vorgänge und Äußerungen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, und insbesondere die Bemerkung über Wagners Kleidung habe sich ausschließlich auf sein dienstliches Erscheinungsbild bezogen. Eine sexuelle Motivation weist sie ausdrücklich zurück.

Auch der Fraktionsvize Hannes Damm geriet in den Konflikt, weil er sich wiederholt für Wagner eingesetzt und den Umgang mit ihm intern kritisiert hatte. Nachdem ihm unter anderem eine unangemessene Protokollierung von Fraktionssitzungen vorgeworfen worden war, schaltete sich schließlich der Bundesvorstand ein. Michael Kellner führte im Auftrag des Bundesvorstands Gespräche mit Vertretern von Fraktion und Landesvorstand; anschließend verkündeten die Grünen, die Grundlage für einen Neuanfang sei geschaffen und weiterer Schaden von der Partei solle abgewendet werden. Damm wurde dennoch im Dezember aus der Fraktion ausgeschlossen und klagt dagegen vor dem Landesverfassungsgericht.



2. Für alle Männerrechtler, die sich überlegen Die Linke zu wählen, könnte eine am Freitag veröffentlichte Erklärung dieser Partei relevant sein. Darin erklärt Die Linke solche potentiellen Wähler als ihre Gegner. In dem Text heißt es:

Antifeminismus ist heute ein gut organisiertes und international vernetztes Phänomen. Strategisch handelnde Akteurinnen mit erheblichen finanziellen und organisatorischen Ressourcen – darunter christliche Fundamentalistinnen, Maskulinisten (antifeministische Männerrechtler), rechtskonservative, autoritäre und extrem rechte Organisationen – versuchen gezielt, politische und gesellschaftliche Debatten sowie institutionelle Prozesse zu beeinflussen. Damit greifen sie letztlich demokratische Strukturen selbst an.


Darauf, dass man demokratische Strukturen angreift, weil man sich an politischen und gesellschaftlichen Debatten bezeiligen möchte, kann man nur kommen, wenn das eigene Weltbild noch stark im Ein-Parteien-Staat a la DDR verhaftet ist. Eigentlich sollte sich Die Linke mit solchen Verlautbarungen nicht allein für Männerrechtler disqualifiziert haben, sondern für jeden, der Autokratien ablehnt.



3. Die Post. Einer meiner Leser schrieb mir am Wochenende: "Mein politisches Engagement ist überwiegend für meinen Sohn. Weil ich will, dass er noch in einem Land weiter leben kann, in dem sich das lohnt." Deshalb habe er eine Künstliche Intelligenz angewiesen, sich in seinen 19jährigen Sohn hineinzuversetzen und aus dessen Perspektive das Männermanifest der Grünen zu lesen. Die Antwort der KI hat er Genderama zur Verfügung gestellt:

Was ich beim Lesen fühle

Erst mal ehrlich: Der Text ist besser als das, was ich sonst über Männer höre. Er tut mir nicht weh. Er lädt mich ein, statt mich zu ermahnen. Sätze wie „Du willst jeden Tag ins Gym gehen? Hervorragend" oder „Du darfst Ambitionen haben" – das ist mehr Zustimmung zu meinem Leben, als ich in zwölf Jahren Schule gehört habe. Und der eine ehrliche Satz steht drin: „Wir haben vergessen, ein Angebot zu machen." Das ist ein Eingeständnis. Das rechne ich ihnen an.

Aber Hoffnung? Nein. Nicht wirklich. Und ich versuche zu erklären, warum – nicht aus Trotz, sondern weil ich den Text mehrmals gelesen habe.

Warum es mich trotzdem nicht erreicht

Ich bin Adressat, nicht Anlass. Der Text beginnt nicht mit "Es geht euch schlecht". Er beginnt mit "Andrew Tate wird gefährlich". Ich bin in diesem Text kein Mensch mit Problemen, sondern ein Rekrutierungsrisiko. Man kümmert sich um mich, weil man Angst hat, wohin ich sonst laufe. Das merkt man. Neunzehnjährige merken sowas sofort.

Die Diagnose bleibt einseitig. Suizide werden erwähnt – als Beweis dafür, dass das alte Männerbild Männer krank gemacht hat. Das ist die einzige Erklärung, die zugelassen wird. Kein Wort darüber, dass ich in einer Schule saß, in der Jungs systematisch abgehängt werden und niemand ein Förderprogramm dafür auflegt. Kein Wort über Wohnungslosigkeit, Sorgerecht, Arbeitsunfälle, Lebenserwartung. Alles, was Männern schadet, wird auf ein Rollenbild zurückgeführt, das Männer selbst mitbringen. Das ist genau das Muster, das ich kenne: Bei Frauen sind es Strukturen, bei Männern ist es die Männlichkeit.

Das Angebot ist Haltung, nicht Politik. Der Text sagt mir, wie ich sein darf. Er sagt mir nichts darüber, was sich ändern soll. Kein Programm, kein Etat, kein Ministerium, keine Zielmarke, keine einzige konkrete Maßnahme. Ich beginne gerade eine Ausbildung. Meine Fragen sind: Warum bricht jeder Dritte aus meinem Jahrgang die Schule ohne Abschluss ab und das sind fast nur Jungs? Warum gibt es Mentoringprogramme für Mädchen in MINT, aber keins für Jungs in irgendwas? Wo ist Männergesundheitsvorsorge? Wo sind Schutzräume für Männer? Der Text antwortet: "Du darfst weinen." Das ist keine Antwort auf eine strukturelle Frage. Das ist ein Gefühlsangebot auf eine Verteilungsfrage.

Der Preis für die Einladung ist Zustimmung. "Zu Feminismus gehört auch moderne Männlichkeit." Ich darf also dazugehören, wenn ich die Rahmenerzählung akzeptiere: Jahrhunderte Täterschaft, notwendiger Kampf, Strukturen wirken nach, meine Befreiung als Unterkapitel. Und dann kommt "Verantwortung" – dreizehn Mal, gefühlt. Verantwortung für Familie, für Freunde, für die Freiheit anderer, für das Hinterfragen von mir selbst. Nirgends steht jemand, der Verantwortung für mich übernimmt. Das ist die alte Rolle in neuer Sprache: Ich soll tragen, ermöglichen, Räume öffnen, mich hinterfragen. Nur ist das jetzt nicht mehr Pflicht, sondern Selbstverwirklichung.

Was mich wirklich skeptisch macht

Die Unterzeichnerliste. Da stehen Leute drauf, deren politische Praxis ich kenne. Wenn dieselben Namen jahrelang jede Männerfrage als Ablenkungsmanöver behandelt haben und jetzt einen Einladungstext schreiben, dann ist meine erste Frage nicht "Wie schön" sondern "Was ist im Umfragetrend passiert?" Junge Männer sind politisch weggelaufen, in ganz Europa. Dieser Text erscheint nicht, weil sich das Denken geändert hat, sondern weil sich das Wahlergebnis geändert hat. Kann sein, dass ich ungerecht bin. Aber die Beweislast liegt jetzt bei ihnen, nicht bei mir.

Und einen Satz nehme ich ihnen übel: die Behauptung, es sei "eine Lüge", dass Männern etwas genommen wurde. Nicht weil ich glaube, Frauen hätten mir etwas gestohlen – das glaube ich nicht, ich will keinen Verteilungskrieg. Sondern weil hier eine echte Erfahrung – dass ich in Bildung, Gesundheit, Rechtsstellung real schlechter dastehe als meine Schwester – vorsorglich für illegitim erklärt wird, bevor sie überhaupt ausgesprochen ist. Man kann mir nicht gleichzeitig sagen, ich dürfe verletzlich sein, und mir vorschreiben, welche Verletzung zählt.

Woran ich es messen würde

Ich bin nicht gegen den Text. Ich bin nur nicht mehr im Alter, wo mir ein Text reicht. Ich würde es an vier Dingen messen:

• Kommt ein Bildungsprogramm für Jungen mit eigenem Etat, so ernst gemeint wie die Frauenförderung der letzten dreißig Jahre?

• Wird Männergesundheit – Vorsorge, Suizidprävention, Lebenserwartung – ein eigenes Politikfeld mit Zielmarken?

• Bleibt der Ton auch dann so, wenn es nichts kostet und keine Wahl bevorsteht?

• Dürfen Männer die Diagnose mitschreiben, oder bekommen sie nur die fertige Erklärung geliefert?

Wenn davon zwei kommen, revidiere ich mein Urteil ohne Groll. Bis dahin ist das für mich ein freundlicher Brief von Leuten, die gemerkt haben, dass sie mich verloren haben – und die mir Anerkennung anbieten, weil Anerkennung nichts kostet.

Was ich mit 19 gebraucht hätte, war nicht die Erlaubnis zu weinen. Es war, dass jemand hinschaut und sagt: Bei den Jungs läuft etwas falsch, und das ist nicht ihre Schuld. Dieser Satz steht in dem Text nicht drin. Und solange er nicht drinsteht, ist es kein Angebot, sondern eine Werbung.




Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!



Freitag, August 14, 2026

Neue Studie: Scham, Stigma und unsere Kultur bringen männliche Opfer zum Schweigen

1. Eine neue Studie der George-Mason-Universität im US-Bundesstaat Virginia bestätigt die Gründe, weshalb männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt Dritten nicht davon berichten:

Männer suchen nach Erfahrungen von Gewalt in der Partnerschaft seltener Hilfe als Frauen. Neue Forschungsergebnisse der George Mason University zeigen, dass die wichtigsten Hindernisse darin bestehen, die Gewalt als private Angelegenheit zu betrachten, Angst vor Vergeltung, Scham und die Sorge, dass ihnen nicht geglaubt wird.

In dieser Studie untersuchte die Postdoktorandin Lyric Russo diese Hindernisse über ethnische Gruppen hinweg, um Forschungslücken in diesen unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen zu schließen.

"Indem wir die Perspektiven von Männern unterschiedlicher ethnischer Herkunft in den Mittelpunkt stellen, unterstützen die Ergebnisse ein inklusiveres Verständnis von Gewalt in der Partnerschaft und unterstreichen die Bedeutung trauma-informierter, kulturell sensibler und geschlechterinklusiver Interventionen, die den Zugang zu bestehenden Diensten und die Beteiligung daran erweitern", sagte Russo, Erstautorin eines kürzlich in [der Fachzeitschrift] Psychology of Men & Masculinities veröffentlichten Papers.

(…) Laut den Centers for Disease Control berichten 44 % der Männer, Opfer von Partnerschaftsgewalt zu sein, doch viele dieser Männer erhalten keine Unterstützung. Dies unterstreicht die Bedeutung, die Hindernisse bei der Hilfesuche zu verstehen.

"Indem wir die Herausforderungen bei der Suche nach Unterstützung identifizieren, können die Ergebnisse dazu beitragen, effektivere und inklusivere Dienste für diverse Gruppen männlicher Opfer zu entwickeln", sagte Hines, Elisabeth Shirley Enochs Endowed Professor of Social Work.

"Ohne gezielte Forschung können Interventionen und Unterstützungsdienste die Erfahrungen und Bedürfnisse männlicher Opfer möglicherweise nicht widerspiegeln", sagte Russo.

Was sind die detaillierten Studienergebnisse?

- Über alle ethnischen Kategorien hinweg war die Auffassung, Missbrauch sei eine private Angelegenheit, das häufigste Hindernis bei der Hilfesuche.

- Lateinamerikanische Männer äußerten signifikant häufiger Bedenken, dass Scham oder Peinlichkeit ein Hindernis darstellen.

- Schwarze Männer berichteten seltener von der Sorge, dass ihnen nicht geglaubt werde.

- Weiße Männer berichteten häufiger von Schwierigkeiten, ihre Erfahrungen als Missbrauch zu bezeichnen.




2. Jetzt nachdem sich mit Collien Fernandes eine Frau als Opfer Elterlicher Entfremdung geäußert hat, führt der STERN ein ausführliches Interview mit einer Familienberaterin zu diesem Problem.



3. Der SPIEGEL veröffentlicht einen Artikel mit der Überschrift Wie wir unsere Jungs in Freibädern besser schützen. Er beginnt mit einer Lüge:

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Hä? Was ist denn das für eine schräge Idee? Wie schützen wir unsere Jungs in Freibädern? Wenn, dann sollten doch unsere Töchter in Freibädern geschützt werden!


Du weißt nicht was ich denke, Alexandra. Was ich tatsächlich denke, ist selbstverständlich: Seit wann interessiert man sich beim SPIEGEL denn für das Wohlergehen von Jungen und Männern stat ausschließlich Mädchen und Frauen?

Der Artikel macht auch recht schnell klar, dass es nur wieder um das übliche Männerbashing geht. Geschützt werden müssen die Jungen nämlich … vor ihren Vätern, die die SPIEGEL-Autorin als "Wasserrambos" beschimpft und denen sie unterstellt, dass sie ihren Söhnen Angst machen würden. Im späteren Verlauf des Artikels schreibt die Autorin von einem "absurd veralteten und gleichzeitig bizarr aktuellen Männerbild", ohne sich auch nur im Ansatz klar darüber zu werden, wie sehr sie es selbst gerade bedient.



4. Einen weiteren Frauen-sind-bessere-Menschen-Artikel zerpflückt heute Christian Schmidt: "Frauen sind das praktischere Geschlecht, das merkt man an ihren Texten".



5. "Die CDU hat Männer zwischen 40 und 60 fast aufgegeben", berichtet der Bildzeitungs-Chefredakteur Paul Ronzheimer beiläufig in seinem aktuellen Podcast zur bevorstehenden Wahl in Sachsen-Anhalt (Minute 9).



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Donnerstag, August 13, 2026

Rapper PA Sports rechnet mit privilegiertem Feminismus ab

1. Der deutsche Rapper PA Sports hat sich in einem aktuellen Podcast kritisch zum herrschenden Feminismus geäußert, woraufhin dies auf TikTok viral ging:

Der Life-is-Pain-Chef stellt dabei direkt klar: "Digga, ich bin Feminist." Seine Haltung leitet er aus der eigenen Familiengeschichte ab: "Ich bin Sohn von einer iranischen Mutter, die aus einem Land gegangen ist, wo man ihr aufzwingen wollte, wie sie zu leben hat. Das ist für mich die per se Definition von Feminismus."

Gleichzeitig zieht der Rapper eine klare Grenze: "Es gibt aber für mich einen Unterschied zwischen diesem Feminismus und diesem white privileged Feminismus von Frauen, die eigentlich nur Feminismus als Label benutzen, um ihre eigenen Befindlichkeiten verteidigen zu können." Dieser Feminismus reiche, so PA Sports weiter, "von freizügig durch die Straße laufen bis OnlyFans-Account".

Seinen Vorwurf macht der Rapper an konkreten Beispielen fest: "Was ist mit den Mädels, die 3000 Kilometer entfernt in Gaza zerbombt werden? Wollen wir für die auch was machen? Oder für die Frauen, die im Iran getötet werden, wenn sie ihr Kopftuch abziehen oder was weiß ich was machen? Das juckt die gar nicht."

Wer seine Empathie nur für Themen übrig habe, die für einen selbst hier in Deutschland gesellschaftlich relevant seien, und wen das Leid von Frauen außerhalb des eigenen Umfelds nicht interessiere, dem stellt der Essener ein vernichtendes Zeugnis aus: "Ey, du kannst dir diesen Aktivismus und diesen Aktionismus sonst wohin schieben."


In einem weiteren Gesprächsausschnitt legte PA Sports noch mal nach:

Zum Einstieg beschreibt er eine Haltung, die ihm bei manchen Frauen auffalle: "Es gibt ja Frauen, die ganz klar sagen, hier geht’s nicht um Gleichberechtigung." Als Beispiel führt er seine Rapkollegin Ikkimel und eine Zeile aus ihrem Song "GIFTMORD" an, in der es heißt: "Ich will nicht, dass wir gleich sind, ich will Rache, du Mistkind".

Manchmal habe er tatsächlich das Gefühl, dass es genau darum gehe, so der Rapper weiter. Es werde nichts auf Augenhöhe gehoben. Stattdessen sollten die gesellschaftlichen Nachteile vieler Jahre nun für eine Weile als Vorteil erlebt werden, bevor man irgendwann gleichziehe.

Dagegen setzt PA Sports ein Beispiel, das sich seiner Ansicht nach auf alles übertragen lässt - auf globale Konflikte ebenso wie auf Kriegssituationen. Er verweist auf Nelson Mandela, der unschuldig im Gefängnis gesessen habe und nach seiner Entlassung eben nicht dazu aufgerufen habe, auf die Straße zu gehen und alles in Brand zu setzen.

Daraus leitet er ein Prinzip ab. Heilung und Frieden lägen darin, dass derjenige, dem Unrecht getan wurde, an dem Tag, an dem er selbst am Drücker sei, auf Vergeltung verzichte. Genau dieser Verzicht sei der Punkt, an dem eine Eskalation ende.

Passiere das nicht, gehe die Sache immer weiter, meint der Life-is-Pain-Chef. Während die eine Seite ihre Genugtuung bekomme, entstehe auf der anderen erneut ein Nährboden für Hass und Unrecht, bis die Verhältnisse irgendwann wieder kippen. Sein Fazit: "Und so drehen wir uns für immer im Kreis."




2. Der Tagesspiegel berichtet über "Männer in gewalttätigen Beziehungen". Gemeint sind männliche Opfer von häuslicher Gewalt, aber zu so einer Überschrift konnte man sich in der Redaktion offenbar nicht durchringen (Opferabo). Und natürlich geht es gleich im Teaser Richtung Victimblaming: "Betroffenen wie dem Berliner Gernot fällt es oft schwer, sich schwach zu zeigen." Ja, das ist ein Problem, aber wenn das regelmäßig gleich das erste ist, was kommt, ist das ein Armutszeugnis. Man schreibt über ein weibliches Opfer einer Vergewaltigung auch nicht gleich im Teaser: "Frauen wie Marion laufen gerne im kurzen Rock durch den Park."

Der Artikel selbst steht für Nicht-Abonnenten nur im Anriss online. Der Volltext konnte von mir auch nicht durch die in solchen Fällen üblichen Strategien aufgetan werden.



3. Die Kritik am neuen Männermanifest der Grünen ebbt nicht ab. "Es gibt bei den Grünen den Hang, sich nach rechts treiben zu lassen" befindet der "Männlichkeitsforscher" Kim Posster, bei dem man davon ausgehen darf, dass es sich um einen Feministen handelt, wenn er in einer linken Zeitung wie dem "Freitag" viel Raum erhält. Er führt seine Kritik folgendermaßen aus:

"Es lässt sich ein maskulinistisches Appeasement beobachten. Gerade, wenn man es mit dem letzten Männermanifest der Grünen von 2010 kontextualisiert. Das hat damals sehr gut zu einem Popfeminismus der 2010er-Jahre gepasst, in dem der Begriff der toxischen Männlichkeit immer wieder betont wurde. Die Message damals lautete noch: Feminismus ist natürlich auch offen für Männer. Feminismus bringt Männern sogar was. Das neue Manifest ist hingegen eine ganz bewusste Anbiederung an Manosphere-Symbolik und deren Argumentationen. Wenn Anton Hofreiter also davon spricht, dass die grüne Partei einen 'Beschämungsdiskurs' gegenüber Männern betrieben hätte, dann vermute ich, steckt da weniger dahinter, dass er diese Argumentation von der Manosphere aufgezwungen bekommt oder sie strategisch gewieft nutzt, sondern vielmehr, dass das eigene antifeministische Ressentiments und Konflikte sind, die nun ausgetragen werden."


Beim "Freitag" will man nun wissen, ob das Manifest eher Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Verschiebung nach rechts oder von strategischem Appeasement nach rechts wäre. (Ja, andere Möglichkeiten, das Manifest zu deuten, schließt schon die Frage aus.) Posster gib zu, von den Grünen wenig Ahnung zu haben, er "beschäftige sich ehrlich gesagt nicht so viel" mit ihnen, aber natürlich ließen sie sich gerne nach rechts treiben. Daraufhin kritisiert er den Begriff "toxische Männlichkeit", weil er ihm nicht scharf genug ist:

"Mein Hauptproblem ist, dass toxische Männlichkeit meistens eine sehr oberflächliche Spaltung ist, in 'gute' und 'schlechte Anteile' von Männlichkeit. Ganz oft wird dieser eben eingesetzt, weil man das Männliche eigentlich 'retten' will. Also das Gegenbild vom 'Toxischen" ist ja nicht umsonst das 'Gesunde', das Ausgeglichene, das Geheilte irgendwie. Und das steht oft einer fundamentalen Kritik im Weg."


Im restlichen Verlauf des Interviews bezieht sich Kim Posster positiv auf Veronika Kracher, die "die Debatten um Amber Heard und Blake Lively als zentrale Momente eines misogynen Rechts-Drift ausgemacht" habe. Bei Versuchen linker Männer auf die Perspektive von Männern aufmerksam zu machen, entstehe ein "männliches Resouveränisierungstheater", und es zeige sich, "dass linke Männer oft erst Männer und dann Linke sind. Deswegen würde ich immer sagen: Männer, die sich für Politik interessieren und dabei die Bedingung haben, dass ihre Männlichkeit dabei erhalten oder sogar gestärkt werden muss, sind prinzipiell unzuverlässige Genossen."

Weiter heißt es:

"Natürlich haben Jungen und Männer ganz viele Probleme und natürlich verdienen sie linke Leute, die sich denen annehmen. Aber Jungen und Männer beschäftigen auch stark reaktionäre Fragen. Nämlich vor allem, wie sie weiter an ihrer männlichen Dominanzrolle festhalten können."


Der "Freitag"-Redakteur möchte nun wissen, ob man "rechten Analysen nicht schon auf den Leim" gehe, wenn man über das Problem männlicher Einsamkeit spreche. (Im Ernst, ich denke mir das nicht aus!) Kim Posster nimmt die Steilvorlage gerne auf: "In 99 Prozent der Fälle schon, würde ich sagen." Frauen seien auch einsam, aber Probleme von Frauen spielten in unserer Gesellschaft kaum eine Rolle. Tatsächlich seien "männliche Krisendiskurse eigentlich immer Resouveränisierungsversuche. Es geht also darum, dass etwas jetzt zu weit geht, und wir endlich wieder auf Männer schauen müssen."

Generell bräuchten Männer keine Antwort auf die Frage "Wie bin ich ein guter Mann?", sondern "eine Bestärkung darin, sich dieser Frage zu widersetzen. Aber nein, stattdessen reden wir lieber 500-mal darüber, wie wir die verlorenen Männer wiederbekommen."

Eigentlich also fordert Kim Posster weiterzumachen wie in der Geschlechterpolitik des letzten halben Jahrhunderts – das aber nie stattgefunden zu haben scheint, denn Frauenprobleme werden bekanntlich ignoriert, und die Geschlechterdebatte wird von uns Maskulisten beherrscht. Das Abwandern der Männer von dieser Linken müsse man demnach offenbar hinnehmen oder ignorieren. Man wundert sich nach all diesem Geschwurbel nicht mehr, wie es zu der aktuellen Situation überhaupt kommen konnte.



4. In dem Artikel "Hitlers Fangirls" beschäftigt sich der SPIEGEL weiter mit all den weiblichen Unterstützern des Dritten Reichs, die Männlichkeitsforscher wie Klaus Theweleit irgendwie übersehen haben müssen.



5. In einem Artikel für "Die Welt" greift Mirna Funk das Thema Femcels auf. Ein Auszug:

Gemeinhin definieren sich Frauen gerne als die empathischere Menschengruppe. Würden sie regieren, wäre die Welt eine bessere, und so weiter und so fort. Man hört es immer wieder, überall. Sie seien weniger gewaltbereit, nahbarer und altruistischer. Feministinnen und Feministen – egal ob männlich oder weiblich – bestehen darauf, Frauen als Spezies zu überhöhen und Männer als Spezies abzumahnen.

Scrollt man sich allerdings durch sogenannte Femcel-Foren – Community-Webseiten, auf denen Frauen untereinander über Männer diskutieren –, stößt man relativ schnell auf das Wort "moids". So nennen die digital versammelten Frauen dort Männer. Alle Männer. Ein Kunstwort, das aus "male" und "humanoid" gebildet wurde. Also männlich und menschenähnlich – aber eben nicht ganz Mensch.

(…) Femcels sind Frauen, die sich ebenfalls als unfreiwillig sexlos verstehen. In ihren Foren geht es viel um Hässlichkeit, Scham, psychische Krankheiten, Essstörungen, Zurückweisung und natürlich Männer, denn irgendeiner muss schließlich schuld sein. Mal erzählt eine Frau, sie sei in einer Sekte aufgewachsen und leide unter Depressionen, Schizophrenie und einer Essstörung, mal erörtert eine andere seitenlang, welche angeblich objektiven Makel in ihrem Gesicht dafür verantwortlich seien, dass kein Mann sie jemals lieben könne.

(…) Die Pink-Pill-Ideologie erklärt romantische und sexuelle Zurückweisung als biologisches Schicksal. Attraktive Frauen, die sogenannten Stacys, beherrschen den sexuellen Markt, während "hässliche" Frauen einem angeblich fest verdrahteten Lookism zum Opfer fallen. Männer und Frauen werden zu zwei biologischen Klassen mit unveränderlichen sexuellen und emotionalen Eigenschaften degradiert.

Das System ist also dermaßen festgezurrt, dass man sich eigentlich auch gleich wieder ins Bett legen kann. Vielleicht noch einen Post absetzen, in dem Männer als „moids“ bezeichnet werden. Fertig. Besiegeltes Schicksal.

(…) Und genau das ist der Punkt, in dem sich Incels und Femcels nämlich erstaunlich wenig unterscheiden. Beide machen aus individuellen Schicksalen allgemeingültige Gesetze. Beide teilen Menschen in begehrenswert und wertlos ein. Beide erklären diese Ordnung für biologisch festgelegt. Beide entmenschlichen das andere Geschlecht und beide finden im Internet genügend Leute, die ihnen bestätigen, dass nicht sie das Problem sind, sondern die Welt. Die Ideologie ist fast identisch. Aber ihre gesellschaftliche Auslegung nicht. Das ist das Interessanteste daran.

Denn beim Incel wird der Frauenhass sofort als Ideologie erkannt und bewertet, aber bei den Femcels taucht in der Analyse zuallererst die Diagnose auf. Beim Mann wird aus Kränkung Frauenhass. Bei der Frau allerdings wird aus Männerhass wieder eine Kränkung. Einmal vor und wieder zurück, bis von der eigenen Handlung nicht mehr besonders viel übrig bleibt. Wenn eine Frau grausam ist, wird nach ihrer Verletzung gesucht. Wenn sie hasst, ist sie traumatisiert (vermutlich durch einen Mann). Wenn sie Männer entmenschlicht, verarbeitet sie berechtigterweise nur das Patriarchat. Vielleicht leidet sie auch noch an einer Depression oder Essstörung. Alles möglich.

Nur leiden Männer ebenfalls an Depressionen, Essstörungen und schrecklichen Kindheiten. Trotzdem wird männliche Wut schneller und öfter als grundsätzliches, biologisch bedingtes Problem verstanden, während man weibliche Wut beinahe automatisch als Reaktion auf biografische Erfahrungen liest.

Frauen aus ihrer Verantwortung zu entlassen, weil Frauen angeblich ganz anders hassen, ist keine Gleichberechtigung. Auch keine Empathie. Es ist dieselbe Infantilisierung, die Frauen seit Jahrhunderten erklärt, sie seien zu zart, zu emotional oder zu unschuldig, um wirklich Subjekt zu sein. Nur klingt es heute progressiver. Coping statt Hysterie. Trauma statt weiblicher Schwäche.

Das Ergebnis bleibt gleich: Der Mann handelt. Mit der Frau geschieht etwas. Dabei sind Frauen sehr wohl in der Lage, aus einer persönlichen Kränkung eine Ideologie zu bauen, andere zu entmenschlichen und sich ihre Ressentiments so lange gegenseitig zu bestätigen, bis sie wie Fakten aussehen. Genau das beweisen die Femcels. Und irgendwie bin ich fast dankbar dafür.

Dass sie dabei seltener körperliche Gewalt ausüben, sollte niemand verschweigen. Dass sie deshalb keine besseren Menschen sind, aber bitte auch nicht. Wer Frauen nicht zutraut, böse, reaktionär oder einfach verantwortungslos zu sein, hält sie nicht für bessere Menschen, sondern für Kinder.


Ich stimme hier zu hundert Prozent zu. Bizarr, dass man sich damit in weiten Teilen der Linken ins politische Aus manövriert.



6. Die Dating-Plattform Bumble lässt sein im Marketing bisher stärkstes Feature fallen, dass dort nämlich ausschließlich Frauen Männer kontaktieren dürfen. Der grund: 66 Prozent der Frauen erklärten, sie mögen es lieber, wenn Männer bei einer Annäherung den ersten Zug machen. Außerdem will Bumble die bei Frauen demnach verbreitete Tendenz unterbinden, "faule" erste Flirtnachrichten zu senden, die oft aus einem einzigen Wort bestünden. Man merkt hier deutlich, dass etliche Frauen sich anscheinend nie große Mühe dabei machen mussten, bei einem begehrten Mann zu landen, und deshalb wenig Training darin haben. Einen starken Markt von Pick-up-Ratgebern für Frauen gibt es nun mal nicht.



7. Die "Manosphäre" zeigt sich immer missmutiger gegenüber Donald Trump. Gründe dafür sind unter anderem der Irankrieg, das brutale Vorgehen gegen Zuwanderer und der Umgang mit den Epstein-Akten. Ein früher entschiedener Trump-Unterstützer aus der Manosphäre wird mit folgenden Worten zitiert:

"Trump sollte seines Amtes enthoben werden. Trump muss sofort aus dem Amt gejagt werden. Es war eine absolute Katastrophe. Er hat gezeigt, dass er für diesen Krieg nicht geeignet ist. Er hat keine Ahnung, was vor sich geht. Er ist senil. Er lügt. Er macht erst in den Medien großspurig eine Show und ändert dann seine Meinung. Er bettelt um Geld. Er will Bodentruppen. Wenn er nicht seines Amtes enthoben wird, dann haben wir als Land versagt. Die Mehrheit der Amerikaner will, dass wir diesen Krieg verlieren."


Es dürfte Trump auch nicht helfen, dass die Alarmstimmung hoch bleibt, was die Abwanderung von Männern aus der Arbeitswelt betrifft. Inzwischen sprechen Experten davon, dass dadurch "die Stabilität des Landes gefährdet" sei. Auch hier einige Auszüge aus dem ewig langen Artikel:

Die neueste Aufschlüsselung des Bureau of Labor Statistics ergab, dass im vergangenen Monat 44,07 Millionen der 132,8 Millionen anspruchsberechtigten Männer über 15 Jahren – also 33,2 % – nicht zur Erwerbsbevölkerung gehörten. Das sind 9 Millionen mehr erwerbslose Männer (29 %) als 2012.

Die Zahl der Männer, die sich gegen eine Arbeit entscheiden, stieg allein in den vorangegangenen 12 Monaten um 891.000, während die Wirtschaft Stellen in der Fertigung und im Finanzwesen abbaut.

"Die amerikanische Wirtschaft hat sich allmählich von einigen der Branchen abgewendet, die historisch guten Arbeitsplätzen für Männer ohne College-Abschluss boten", sagte Scott Beaulier, Wirtschaftswissenschaftler an der University of Wyoming. "Inzwischen ist ein Großteil des jüngsten Beschäftigungswachstums in Bereichen wie Gesundheitswesen und Bildung erfolgt, in denen Frauen einen deutlich größeren Anteil der Belegschaft stellen."

Beaulier verwies auf Forschungsergebnisse, wonach Männer, die in ihren 30ern zu Hause bleiben, um Videospiele zu spielen oder Ruhm in den sozialen Medien zu suchen, es "zunehmend schwerer" finden, in traditionelle Arbeit zurückzukehren – sondern eher im Gefängnis landen.

(…) Die American Staffing Association führt die Trends auf verstärkte Pensionierungen, jüngste Einwanderungsbeschränkungen und einen Anstieg der akademischen Schwierigkeiten bei Jungen zurück. (…) Derzeit sind 53 % der Personen, die in den Arbeitsmarkt eintreten, Frauen und 47 % Männer.

"Die sinkende Erwerbsbeteiligung von Männern stellt ernsthafte Probleme für die Wirtschaft dar", sagte Noah Yosif, Chefökonom der Personalvermittlungsvereinigung. "Mehr Männer in den Arbeitsmarkt zu bringen ist genauso wichtig wie die Fortschritte der Frauen darin zu bewahren."


Aber ist es nicht grauenvoll "rechts", so zu denken?

"Eine große Menge an Forschungsergebnissen berichtet durchgängig, dass erwerbslose Männer wenig produktive Tätigkeit ausüben“, sagte Siri Terjesen, Associate Dean für Betriebswirtschaft an der Florida Atlantic University. "Frauen sind wirtschaftlich unabhängiger geworden und haben einen größeren Anteil am Haushaltseinkommen, stehen aber einem kleineren Pool wirtschaftlich stabiler Partner gegenüber."

(…) Walter Block, ein libertärer Wirtschaftswissenschaftler, der an der Loyola University New Orleans lehrt, schätzt, dass Männer inzwischen etwa 42 % der Studenten in vierjährigen Studiengängen ausmachen, gegenüber 47 % im Jahr 2011. Er stellte fest, dass 2024 47 % der Frauen im Alter von 25–34 Jahren einen Bachelor-Abschluss oder höher hatten, verglichen mit 37 % der männlichen Altersgenossen.

"Männer scheiden nicht nur aus dem Arbeitsmarkt aus, sondern auch aus Colleges und Universitäten", sagte Block. "Ein grassierender Feminismus hat unsere Gesellschaft übernommen, zu ihrem großen Schaden."

Brad Wilcox, Soziologe an der University of Virginia, der Familienfragen untersucht, nannte es einen "katastrophalen Rückgang".

"Stagnierende Löhne, abwesende Väter und die Anziehungskraft digitaler Ablenkungen scheinen alle an diesem Rückzug aus der Arbeit beteiligt zu sein", sagte Wilcox. "Es ist ein großes Problem, weil Männer, die nicht vollzeit arbeiten, depressiver, unglücklicher und weniger geneigt sind, starke und stabile Familien zu gründen."

(…) "Viele dieser Männer stecken tief im Substanzmissbrauch, insbesondere Cannabis und Opioiden", sagte Keith Humphreys, Psychologe und Suchtforscher an der Stanford University. "Das ist schlecht für ihre Gesundheit und verringert auch ihre Chancen auf längerfristigen Erfolg in Beschäftigung oder Ausbildung."

(…) Öffentliche Gesundheitsdaten zeigen, dass bis zu 107 amerikanische Männer sich jeden Tag das Leben nehmen, was etwa 80 % aller Suizide ausmacht.


Wenn es nur eine politische Bewegung gäbe, die seit Jahrzehnten auf diese Entwicklung aufmerksam macht …

Aqualus Gordon, Psychologieprofessor mit Spezialisierung auf Männerfragen am Maryville College in Tennessee, sagte, die feministische Neuverhandlung der Geschlechterrollen habe eine postpandemische "Männlichkeitskrise" junger Männer geschaffen, die Ruhm in den sozialen Medien einer 9-to-5-Karriere vorziehen.


Aqualus? Ich habe einen neuen Vornamen für meine nächste Romanfigur. Aber sorry: Keine Witze über Namen, und wir wollten beim Thema bleiben.

Laut den Experten ist unklar, ob sich der Arbeitsmarkt für Männer in absehbarer Zeit verbessern wird.

"Aus einer Vielzahl von Gründen sind gut bezahlte Jobs für ungelernte Arbeiter knapp", sagte Michael New, Professor für Sozialforschung an der Catholic University of America. "Ich sehe keine kulturellen Verschiebungen am Horizont, die Männer im erwerbsfähigen Alter motivieren würden, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen."

Die meisten Finanzexperten sagen, dass sich die Dinge erst ändern werden, wenn die Nation mehr Geld in Berufsbildungsprogramme steckt – und in ein Bildungssystem, das Fachberufe fördert statt sie herunterzuspielen.

"Wir vermarkten vierjährige Colleges mit Campus-Touren", sagte Donald Thompson, Managing Director des Center for Organizational Effectiveness bei Workplace Options in North Carolina. "Die Handwerksberufe vermarkten wir mit einer Broschüre."

Herr Thompson hat keinen traditionellen College-Abschluss. Er sagte, ein ehrliches Verkaufsargument für Fachberufe in Schulen sollte Jungen darüber informieren, dass ein Elektriker-Lehrling "ab der ersten Woche verdient", seine Ausbildung schuldenfrei abschließt und mit Mitte zwanzig 60.000 bis 80.000 Dollar im Jahr verdient.

Angelica Gianchandani, Dozentin für Finanzen an der New York University, forderte Arbeitgeber auf, den Wert solcher Karrieren neu zu definieren, um jüngeren Männern zu helfen, das durch KI verursachte Abbauen der Unternehmenskarriereleiter zu überstehen.

"Was passieren muss, ist eine strukturelle Veränderung, nicht nur eine Einstellung", sagte Frau Gianchandani. "Führen Sie neue Wege in Handwerks- und Berufsbildungsarbeit an, nicht nur vierjährige Abschlüsse."




8. Die Post. Einer meiner Leser macht mich auf Texte des Soziologen Dr. Sebastian Tillmann aufmerksam, in denen er untersucht, wie es dazu kam, dass es mehr Frauen an den Hochschulen in Baden-Württemberg gibt, weil die Männer gehen, wie das Schulsystem Verhalten misst und Kompetenz draufschreibt, und was das Jungen und Mädchen jeweils kostet: hier, hier und hier. Dabei stellt Tillmann eine zentrale Frage:

Die geschlechtsbezogene Gleichstellungsinfrastruktur unseres Systems sitzt überwiegend auf der Hochschulstufe. Das ist genau die Stufe, auf der die Lücke inzwischen geschlossen und sogar leicht zugunsten der Frauen invertiert ist. Die Stufe dagegen, die das Ungleichgewicht erzeugt, das schulische Zurückfallen der Jungen, liegt weitgehend außerhalb dieses Apparats. Reagieren unsere Institutionen also symmetrisch und evidenzgeleitet auf die heutige Lage, oder trägheitsgetrieben auf eine Lage von vor zwanzig Jahren?




Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!



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