Unter Generalverdacht: Warum Männer beim Deutschen Filmpreis nur noch stören
1. Der Deutsche Filmpreis soll das Kino feiern. Stattdessen wird die Gala zum Tribunal der Geschlechter. "Die Welt" berichtet.
2. In der Berliner Zeitung geht es um ein anderes Thema:
Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages sieht das Vorgehen des Bundesverteidigungsministeriums bei der Abmeldepflicht für wehrfähige Männer als rechtswidrig an. Das Ministerium habe seine Kompetenzen mit einer Allgemeinverfügung weit überschritten.
Zu diesem Ergebnis kommt ein von der Linksfraktion in Auftrag gegebenes Gutachten. Hintergrund ist eine Regelung im zum Jahresanfang in Kraft getretenen Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Danach benötigen Männer zwischen 18 und 45 Jahren eine Genehmigung des zuständigen Karrierecenters der Bundeswehr, wenn sie das Land für mehr als drei Monate verlassen wollen.
Laut Gutachten darf das Ministerium zwar Ausnahmen von der Abmeldepflicht erlassen. Mit der Allgemeinverfügung sei aber eine gesetzliche Regelung komplett außer Kraft gesetzt worden. "Diese Möglichkeit verbleibt lediglich der Judikative im Rahmen der Verfassungsgerichtsbarkeit", zitiert die Tagesschau aus dem 13-seitigen Papier. Nur das Bundesverfassungsgericht dürfe ein Gesetz oder Teile davon aufheben.
3. Die "taz" weist auf eine französische Schriftstellerin hin, die schon 1405 die Vision einer Stadt für Frauen entwarf und damit "einen der frühsten Grundsteine des Feminismus" gelegt haben soll. Überschrift des Artikels: "Der Traum des Lebens ohne Männer".
Und morgen wird wieder jemand wie Sarah Engels durch die Gegend gehetzt, weil sie nicht verstanden hätte, dass der Feminismus gar nichts gegen Männer hat, sondern nur Gleichberechtigung möchte, bist du zu blöd die Definition im Wörterbuch zu lesen oder was? Feinstes Gaslighting. Der "taz"-Artikel hingegen schließt offen und ehrlich mit den Worten: "Der Traum einer matriarchalen Welt ist heute noch so aktuell wie 1405."
Ein Kommentar unter dem Artikel stellt seine Autorin, Gabrielle Meton, zur Rede:
Werte Frau Meton, ich frage mich nach der Lektüre Ihres Textes, ob Sie das Buch überhaupt gelesen haben. Es geht nicht um einen safe space für Frauen; die fiktive Stadt, gebaut auf dem Feld der Literatur, wird ausschliesslich von den von Ihnen erwähnten Frauen aus der Geschichte und heiligen und profanen Erzählungen bewohnt. Was de Pizan entwirft, ist so etwas wie ein weiblicher Gegenkanon. Und es geht auch an keiner Stelle darin um einen Traum von einem Leben ohne Männer. Die Autorin ist eine überaus faszinierende historische Figur und das Buch ein ebenso faszinierendes Werk. Aber ohnehin und noch mehr deshalb verdienen es und sie seriöse Lektüren.
4. "Ich erkenne meinen Sohn nicht mehr wieder", wird eine Mutter in der Überschrift eines Artikels darüber zitiert, "wie Maskulinismus die Bindung zwischen manchen Müttern und ihren Söhnen stört". Tja, womöglich störte der frühe Feminismus auch viele Beziehungen zwischen Töchtern und ihren Vätern.
Der Beginn des Artikels umreißt das Problem:
Es beginnt oft mit subtilen Anzeichen. Eine knappe Bemerkung beim Abendessen, ein Video, das ohne Erklärung geteilt wird, ein höhnisches Lachen beim Wort "Feminismus". Nach und nach beobachten manche Mütter, wie sich die Einstellung ihres Sohnes verändert, bis sie die Bindung, die sie einst für stark und selbstverständlich hielten, nicht mehr wiedererkennen.
Das sind seit jeher die Schrecken der Pubertät: Kinder plappern ihren Eltern nicht mehr alles brav nach, sondern entwickeln eine eigene Persönlichkeit. Aus Sicht mancher Eltern ist das bestimmt deprimierend.
Ein Teil dieser Radikalisierung findet online statt. Plattformen wie TikTok, X (ehemals Twitter) und YouTube dienen oft als Einstiegspunkte zu Inhalten rund um Dating, Erfolg und Selbstvertrauen, die zunehmend in feindselige Rhetorik abgleiten. Die Gefahr liegt nicht nur in den Inhalten selbst, sondern auch im Empfehlungssystem, das Nutzer in homogenen Filterblasen gefangen hält. Eine britische qualitative Studie von Ofcom beschreibt eine fragmentierte "Manosphäre", in der soziale Isolation die radikalsten Ideen verstärkt.
Wie verlogen kann man eigentlich einen Artikel schreiben? Das Wort "fragmentiert" verdeckt, was die Ofcom-Studie eigentlich zeigte: dass die bei vielen Journalistinnen verhasste Manosphäre gerade kein "homogener" Ort allen Übels ist, sondern ein Ort der Vielfalt, der von einem "starken Engagement für Gleichbehandlung und Fairness" geprägt ist.
Der Artikel über die von ihrem Sohn verstörte Mutter endet mit dem Satz: "Es geht darum, wie eine Gesellschaft den Dialog bewahren kann, ohne dass sich eine Weltanschauung durchsetzt, sowohl im Privaten als auch online, in der Frauen zu Gegnerinnen werden." In der Geschlechterdebatte, die in den Artikeln der letzten Zeit stattfand, waren es allerdings nicht die Frauen, die man zu Gegnern erklärt hatte.
5. Auf einem Erlanger Volksfest spielt man jetzt "Skandal im Sperrbezirk" erst Recht, nachdem die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt das unterbinden wollte. Spiegel-Online hat sich dort umgesehen und unter anderem mit dem Wirt Till Stürmer gesprochen:
Stürmer lässt sich auf eine Sitzbank fallen und fragt: "Wollen wir mit der Liste anfangen?" Sie liegt schon ausgedruckt auf dem Tisch.
"Liebe Wirt*innen", so beginnt die Liste. Stürmer erzählt, er habe sie zwei Tage vor Beginn der Bergkirchweih bekommen. So wie jedes Jahr sei das Ordnungsamt gekommen, die Feuerwehr, das Bauamt, die Lebensmittelbehörde und hätten die Behördenabnahme mit den Wirten gemacht. Am Ende bekamen die Wirte eine Mappe mit Dokumenten für Sicherheit, Hygiene, Brandschutz, sagt Stürmer.
In dieser Mappe habe dieses Jahr die Liste gelegen. Sie hätten sie auch noch einmal gesondert per Mail verschickt. Persönlich, sagt Stürmer, habe er noch nie mit den Menschen von der Gleichstellungsstelle gesprochen.
Man hätte gern die Stadt zu alldem befragt. Sie teilt allerdings mit, ein Interview zu dem Thema sei nicht möglich. Stattdessen schickt der Pressesprecher ein Statement. In dem wird darauf hingewiesen, dass es einen Stadtratsbeschluss von 2021 gebe, der das Abspielen von Liedern verhindern soll, "die Gewalt verherrlichen oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit transportieren".
(…) Es wirkt ein bisschen so, als hätten die Autoren den Song nicht verstanden. Dass er einst ja ein Aufbegehren gegen die Spießer war, allen voran gegen Peter Gauweiler, den langjährigen CSU-Politiker, der Prostitution aus München an den Stadtrand verbannen wollte.
(…) Man kann sich tatsächlich fragen, ob es Aufgabe einer Gleichstellungsstelle ist, Liedempfehlungen für Volksfeste auszusprechen. Und ob Kunstfreiheit nicht auch darin besteht, Hässliches und Stumpfes und vielleicht sogar Dummes auszuhalten. Kunst tut manchmal weh, nicht nur den anderen.
6. Beginn eines Interviews auf Spiegel-Online:
SPIEGEL: Frau Webb, stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Nach einem Sturm dümpeln zwei leckgeschlagene Boote auf den Wellen. In einem sitzt ein älterer Mann, im anderen drei Hunde. Sie können nur eines retten. Welches wählen Sie?
Webb: Das hängt davon ab, wer der Mann ist und welche Hunde es sind. Und von meiner persönlichen Beziehung zu ihnen. Aber würde ich den Mann retten, nur weil er ein Mensch ist? Da lautet meine Antwort: Nein. Was, wenn der Mann schweres Leid über die Welt bringt? Oder wenn er schon morgen an einer schweren Krankheit sterben wird?
Der Leser, der mich auf dieses Interview aufmerksam machte, schreibt mir dazu: "Man stelle sich vor, ein männlicher Primatenforscher gäbe ein Interview, in dem er sagt, dass er sich vorstellen könne, drei Hunde zu retten, eine junge Frau jedoch draufgehen zu lassen ..."
7. "Erstaunlich vorurteilsfreier und einfühlsamer Artikel" schreibt mir ein anderer Leser, der mir einen "Zeit"-Artikel über Incels schickt. Mein Leser hat Recht. Der Artikel spricht das an, was viele andere Beiträge verschweigen, deren Verfasser einfach nur abtippen, was andere über Incels behaupten:
Die Welt, die die Incels geschaffen haben, hält auch unerwartete Orte bereit. Da gibt es Essays und philosophische Abhandlungen und Foren, in denen Incels respektvoll mit Feministinnen philosophieren. Die Welt der Incels, so sagte es die amerikanische Journalistin Naama Kates einmal, sei "vielschichtig, wortgewandt, urkomisch, anstößig und zutiefst herzzerreißend".
Der Artikel ist lang, aber bei Interesse am Thema in Gänze lesenswert. Ein weiterer kluger Satz daraus: "Lange wurde in der Öffentlichkeit und der Wissenschaft über Incels gesprochen, nicht mit ihnen." Hier fallen mir noch andere Gruppen ein, für die dasselbe gilt.
[der Evolutionspsychologe Andrew] Thomas befragte 561 Männer aus den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich für seine Studie. Er stellte dabei fest, dass die Incels ziemlich divers waren: Manche kamen aus der Arbeiterklasse, manche aus dem Bürgertum. Fast die Hälfte der Befragten gab an, People of Color zu sein, Latinos, schwarze Amerikaner, Araber. Politisch verorteten sie sich leicht links der Mitte. Sie waren für die Gleichstellung von Homosexuellen. Sie befürworteten einen gut ausgestatteten Sozialstaat. In einem Punkt waren sie sich ähnlich: Die große Mehrheit der Incels lehnte den Feminismus ab. Viele verharmlosten Vergewaltigungen.
Der letzte Satz wirkt in dieser Auflistung etwas bizarr. Ich will mich nicht durch die gesamte Studie wühlen und frage eine KI (ChatGPT), wie genau sich das gezeigt haben soll:
Wenn du auf die Arbeiten von Andrew G. Thomas und seinen Mitautoren anspielst, dann bedeutet "Verharmlosung von Vergewaltigung" in der Regel nicht, dass die Befragten Vergewaltigung ausdrücklich gutgeheißen hätten. Die Forschenden verwendeten vielmehr psychologische Skalen, die Einstellungen wie die folgenden erfassen:
* Zustimmung zu sogenannten "Vergewaltigungsmythen" (z. B. die Annahme, Frauen würden Vergewaltigungen häufig erfinden oder übertreiben).
* Tendenzen, Opfern eine Mitschuld zuzuschreiben.
* Die Auffassung, bestimmte Formen sexueller Nötigung seien nicht wirklich Vergewaltigung.
* Rechtfertigungen sexueller Gewalt unter bestimmten Umständen.
* Eine geringere moralische Verurteilung von sexuellen Übergriffen.
Ah, okay. In dieser Lesart verharmlost also schon jeder Vergewaltigungen, der darauf hinweist, dass Falschbeschuldigungen häufig sind. Alles klar. Wir lesen weiter.
Terroristen machten einen verschwindend geringen Teil der Community aus. Auch Sexualstraftäter seien meist keine Incels. "Viele Studien zeigen: Es sind die sexuell erfolgreichsten Männer, die den Großteil der sexuellen Übergriffe begehen", sagte Thomas. Dann redete Thomas über die Selbstmorde. Die Incels, die an seiner Umfrage teilnahmen, waren oft zutiefst unglücklich. 40 Prozent von ihnen erreichten in Fragebögen den klinischen Schwellenwert für eine Depression. Ein Fünftel hatte zuletzt täglich über Selbstmord nachgedacht.
In unseren Leitmedien hingegen erscheinen Incels hundertmal häufiger als Bedrohung, als Menschen, die Hilfe brauchen. Wir werden zugeknallt mit Artikeln wie
"Hass als Einstiegsdroge: Die lebensbedrohliche Szene der Incels"
"Incels: Frauenhass, der in Gewalt endet"
"Incels – unterschätzte Gefahr aus der dunklen Ecke des Netzes" (Hate Aid zeigt hier schon durch die geschickte Bebilderung, wie man Hass auf diese Menschen erzeugt)
"Incels: von Frauenhass bis Terror"
"Viele Regierungen unterschätzen den Hass der ›Incel‹-Foren völlig"
Und natürlich:
"In jedem Mann steckt ein Incel" – und niemand auf dem Podium widerspricht
In der Kurzzusammenfassung, die mir ChatGPT von der Andrew-Thomas-Studie gibt, heißt es hingegen weiter:
Wichtig ist allerdings eine Differenzierung: Die Forschung von Thomas zeichnet kein Bild, wonach Incels insgesamt Vergewaltigungen befürworten würden. Seine Arbeiten betonen vielmehr, dass die Incel-Population sehr heterogen ist und dass problematische Einstellungen bei einem Teil der Gruppe auftreten, nicht bei allen Mitgliedern. Zudem hebt Thomas regelmäßig psychische Belastungen, soziale Isolation und suizidale Gedanken innerhalb der Szene hervor.
Differenzierung ist für unsere Leitmedien und für das Gender-Lager jedoch ganz schwer. Dort bringt man es auf den Nenner: In jedem Mann steckt ein Incel und in jedem Incel ein frauenhassender Terrorist.
Schließlich heißt es in dem Artikel der "Zeit":
Diese Dynamik beherrscht Teile von Reddit. Manche Incel-subs bestreiten ihr Programm damit, Screenshots von Frauen zu teilen, die auf TikTok oder Instagram über Männer lästern. Orte wie Inceltears, Incel-Tränen, wiederum leben davon, die hasserfülltesten Kommentare aus Incel-Foren zu teilen.
Es gibt also zwei radikale Lager, die sich gegenseitig hochschaukeln, und unsere Leitmedien blenden in gewohnter Routine eine Seite dieser Kontroverse komplett aus. So kann man einen Boxkampf auch als ein Verbrechen beschreiben, bei dem einer einen anderen zusammenprügelt.
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