Kinderschützer: "Über Täterinnen bei sexueller Gewalt wird zu wenig gesprochen und geforscht"
1. Österreichs Standard berichtet:
Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen spielt sich so im Verborgenen ab, dass Statistiken und Forschung nur einen marginalen Bruchteil der Realität erfassen. Um den Betroffenen zu helfen und künftige Taten zu verhindern, muss der Kinderschutz auf der Basis dieses Bruchteils quasi im Blindflug arbeiten. Bei der Pressekonferenz, die am Mittwoch im Vorfeld der Kinderschutztagung des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren stattfand, machten Expertinnen und Experten mit aktuellen Daten und Forschungsergebnissen auf das Ausmaß des Problems und die bestehenden strukturellen Defizite aufmerksam.
(…) Hinzukommt die erdrückende Last des Tabus. Auf missbrauchten Buben wiegt diese besonders schwer. "Buben können sich gegen sexualisierte Gewalt nicht besser wehren als Mädchen", sagt Peter Caspari, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung in München. Betroffen sind sie jedoch ebenfalls in erheblichem Ausmaß. Studien gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent der Männer in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben. Dennoch halten sich stereotype Vorstellungen, die das Erkennen erschweren, ebenso der fälschliche Glaube, sie würden Missbrauch leichter wegstecken.
(…) Auch die Rolle von Frauen als Täterinnen wird noch immer unterschätzt. Internationale Untersuchungen legen nahe, dass Frauen einen relevanten Anteil der sexuellen Übergriffe gehen. Man könne davon ausgehen, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Mädchen und zehn bis zwanzig Prozent der Buben von Frauen sexualisiert missbraucht würden, sagt Dirk Bange, Leiter des Amtes für Familie der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung Hamburg. "Das passt aber nicht zum allgemeinen Frauenbild, dem Bild der liebenden Mutter und der Annahme, dass Frauen keine aggressive Sexualität haben können." Für betroffene Kinder kann das bedeuten, dass ihnen weniger geglaubt wird. "Über Täterinnen bei sexualisierter Gewalt wird zu wenig gesprochen und geforscht", kritisiert Bange.
2. In der Stuttgarter Zeitung thematisiert Stefanie Unbehauen häusliche Gewalt gegen Männer vor dem Hintergrund eines konkreten Falls. Ein Auszug:
Wieso er sich nie gewehrt habe? "So bin ich einfach nicht. Ich bin kein Frauenschläger, da bin ich nicht der Typ für." Das Gericht bezweifelte das. "Der Rechtsanwalt hat zur Richterin gesagt: Also bitte, diese 54 Kilogramm schwere Fee hat den 90 Kilo schweren Bären verprügelt? Das glauben Sie doch selbst nicht." Schmitt ist 1,80 Meter groß und 88 Kilogramm schwer. Er wirkt jedoch nicht aggressiv, macht einen ruhigen, eher zurückhaltenden Eindruck. Auch den beiden Kindern habe niemand geglaubt. "Manchmal haben sie im Kindergarten erzählt: Die Mama hat gestern schon wieder den Papa geschlagen", erinnert sich Schmitt. Doch die anderen Kinder und die Erzieherin hätten ihnen das nicht abgenommen. Wieso auch? Ein Mann lässt sich doch nicht von seiner Frau schlagen, so das Narrativ.
Ein Narrativ, das fleißig verbreitet wird, während man diejenigen, die Aufklärung betreiben, denunziert.
3.
In Deutschland können Väter nach Geburt Elternzeit oder Erholungsurlaub nehmen – aber keinen "Vaterschaftsurlaub", wie es die EU vorsieht. Verfahren laufen, doch der Fall eines Soldaten landete direkt beim BVerwG.
Die Legal Tribune berichtet darüber.
4. Für "Die Welt" beschäftigt sich Mirna Funk mit dem Female Gaze, als dem weiblichen Blick auf Männer. Ein Auszug:
Wenn man popkulturelle Geschehen aufmerksam verfolgt, dann stellt man schnell fest, die Körpergröße ist unter Frauen eine der härtesten Währungen überhaupt. Männer unter 1,75 werden auf Dating-Apps systematisch weggeklickt. Und wenn man Frauen danach fragt, kommt die Antwort meistens mit einem Schulterzucken: Präferenz eben. Geschmackssache. Darf man doch wohl noch haben. Stimmt. Darf man. Das Problem? Wenn ein Mann auf dieselbe Frage antwortet – Frauen über 65 Kilo interessieren mich nicht –, dann heißt das nicht Präferenz. Dann heißt das Misogynie. Dann heißt das Male Gaze. Dann heißt das Patriarchat.
Auf Instagram schlagen Männer inzwischen zurück. Unter Videos, in denen Frauen offen über ihre körperlichen Anforderungen sprechen – Größe, Kiefer, Körperbau, Handspanne – tauchen seit Monaten Kommentare auf, die die Doppelmoral benennen. Dieselben Frauen, die den Male Gaze als strukturelle Gewalt verurteilen, praktizieren ihn täglich mit umgekehrtem Vorzeichen und nennen es Selbstbewusstsein, Empowerment, Feminismus. Auf die Kommentare der Männer folgt Empörung. Der vorgehaltene Spiegel wird als Incel-Rhetorik abgetan. Damit ist das Gespräch beendet, bevor es angefangen hat. Was dabei verloren geht, ist nicht nur die Debatte. Es ist die Glaubwürdigkeit.
(…) Der Psychologe Gordon Hodson beschreibt Lookism (auf Männer angewendet) als eine der letzten gesellschaftlich akzeptierten Formen der Diskriminierung. In einer Welt, in der man nicht mehr offen über Rasse, Geschlecht oder Sexualität urteilen darf, ohne Konsequenzen zu riskieren, ist der Körper des Mannes – seine Größe, sein Haaransatz, sein Bauch – nach wie vor freies Gelände. Es gibt Memes dazu, Rankingvideos, kollektive Lachsalven in Gruppenchats. Das kulturelle Klima stellt dafür keine Rechnung aus. Und das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Diskursentscheidung: Der männliche Körper wurde nie unter denselben Schutz gestellt wie der weibliche.
(…) Dass Frauen genauso visuell urteilen wie Männer, ist kein Skandal. Es ist eine Erkenntnis. Der Skandal ist, dass diese Erkenntnis nicht in einen notwendigen Diskurs übergeht. Stattdessen passiert das Gegenteil. Frauen, die offen über ihre körperlichen Anforderungen an Männer sprechen, gelten als selbstbewusst. Sie kennen ihren Wert. Die identische Haltung bei Männern heißt: toxisch. Das ist keine Analyse. Das ist Doppelmoral mit feministischem Anstrich.
Ich kenne das von mir. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich kenne es aus Gesprächen, in denen Frauen über Männer sprechen wie Casting-Direktoren über ungeeignete Bewerber – präzise, ungnädig, ohne schlechtes Gewissen. Und ich kenne das Schweigen, das einsetzt, wenn man diese Gespräche benennt. Weil das Benennen als Verrat gilt. Als würde man dem falschen Team helfen. Aber es gibt kein falsches Team. Es gibt nur eine Frage, die sich der Feminismus seit Jahrzehnten nicht stellt: Was machen wir mit unserem eigenen Blick? Was machen wir mit diesem harschen, vernichtenden, verurteilenden Blick?
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