Sonntag, März 06, 2022

Pro Asyl: Kiew sollte auch Männern die Flucht ermöglichen – News vom 6. März 2022

1. Die Badische Zeitung hat Karl Kopp von der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl zur Lage der Männer in der Ukraine interviewt:

Badische Zeitung: Herr Kopp, während Hunderttausende Frauen und Kinder aus der Ukraine fliehen, dürfen Männer im wehrpflichtigen Alter das Land nicht verlassen. Haben nicht auch Männer ein Recht auf Flucht?

Kopp: Alle Menschen in einem Kriegsgebiet haben das Recht auf Zugang zu Schutz. Das gilt auch für Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Im Flüchtlingsschutz gibt es keinen Unterschied nach Geschlecht oder Herkunft. Ich wundere mich, dass es als selbstverständlich genommen wird, dass Männer kämpfen müssen. Das war ja auch schon ein Vorwurf an andere Flüchtlingsgruppen, in deren Herkunftsland Krieg herrscht, etwa Syrer und Afghanen. Der zynische Vorwurf: Warum kommen so viele junge Männer, die sollen lieber kämpfen.

Badische Zeitung: Wer als Mann nicht kämpft, gilt schnell als Feigling?

Kopp: In Öffentlichkeit und Medien sind jetzt viele Stereotypen über ukrainische Flüchtlinge und andere Flüchtlinge zu hören. Die Ukrainer kämpfen tapfer, die anderen nicht. Bei den Ukrainern kämpfen die Männer heldenhaft, und Frauen und Kinder fliehen, bei den anderen machen sich die Männer davon und lassen ihre Familien zurück.

Das ist nicht nur respektlos und dreist und hat viele rassistische und sexistische Konnotationen. Es ignoriert auch das Leid, das etwa in Afghanistan Soldaten und Polizisten widerfahren ist, die sich über viele Jahre den Taliban in den Weg gestellt haben, bis man sie durch den Abzug des Westens schutzlos zurückgelassen hat. Wer jetzt aus Afghanistan flieht, hat oft sein ganzes Leben in einem Konfliktgebiet verbracht.

Badische Zeitung:: Im Fall der ukrainischen Männer verweigert nicht die EU Schutz, die Kiewer Regierung lässt Männer nicht ausreisen. Sie will gegen einen übermächtigen Gegner alle Kräfte mobilisieren. Ist das nicht ein legitimes Ziel?

Kopp: Selbstverständlich ist es legitim, sein Land in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu verteidigen. Aber der politische Diskurs hat in dieser dramatischen Situation stark die Note, den Kampf der Ukrainer zu betonen. Da nimmt man das Verbot für Männer, das Land zu verlassen, in Kauf. Menschenrechtlich gesehen ist das keine Kategorie, die wir akzeptieren. Die EU bietet allen Schutz an, ich hoffe, auch russischen Soldaten, die desertieren.

Badische Zeitung: Sollte Berlin das Thema ansprechen?

Kopp: Ich fände gut, es zu thematisieren. Die Bundesregierung steht zwar unter starkem Druck. Sie muss sich gegen Vorwürfe verteidigen, zu wenig und zu spät geholfen zu haben. Dennoch wäre es gut, wenn sie der Regierung in Kiew sagen würde, sie soll auch Männern die Flucht ermöglichen.

Badische Zeitung: Frauen gelten in Kriegen als besonders gefährdet. Gibt es auch besondere Risiken für Männer?

Kopp: Selbstverständlich werden auch Männer in Kriegen Opfer von Folter, von Misshandlungen, von Entwürdigung, von Menschenrechtsverletzungen. In Srebrenica wurden im Bosnienkrieg mit einem Massaker gezielt über 7000 Männer ermordet. Viele Soldaten werden durch Kampfhandlungen traumatisiert. Es gibt das ganze Programm des Schreckens, einschließlich sexualisierter Gewalt. Und Zivilisten, die jetzt in der Ukraine gegen eine hochgerüstete Armee kämpfen, sind natürlich besonders gefährdet.




2. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir heute:

In Paderborn soll auf Antrag von Grünen und CDU (!) künftig das Geschlecht (weiblich, männlich, divers) des Publikums und der Mitwirkenden von Kulturveranstaltungen erfasst werden. Dies soll laut der städtischen Gleichstellungsbeauftragten allerdings nicht durch Befragung geschehen, sondern "nach dem Aussehen".

Komisch, dass da keiner protestiert. Es heißt doch jetzt überall, das Geschlecht sei eine reine Frage der Selbstdefinition, die mit irgendwelchen physischen Merkmalen nichts zu tun habe. Wie kann man dann Menschen allein nach ihrem Aussehen einem Geschlecht zurechnen? Nach welchen Merkmalen wird man z. B. als "divers" klassifiziert?

Interessant ist vor allem aber die Frage, was mit den Ergebnissen geschehen soll. Dazu liefert der Artikel ein paar Anhaltspunkte. Nach einer Stadtverordneten von der Linksfraktion soll die Honorarlücke zwischen Männern und Frauen geschlossen werden. Diese beträgt angeblich im Schnitt 20 %. Wie sie nur auf diese Zahl kommt ... Allerdings sieht sie "keinen Sinn darin, aufzuschlüsseln, ob Frauen oder Männer mehr Bücher ausleihen". Anscheinend hat die Dame denselben Verdacht wie ich, nämlich dass Frauen unter dem Publikum von Kulturveranstaltungen und -einrichtungen nicht unbedingt unterrepräsentiert sind, und baut beizeiten gegen unerwünschte Schlussfolgerungen vor (z. B. das Angebot spreche Männer nicht ausreichend an).

Der bürokratische Wahnsinn, der der Kultur aufgedrückt wird, ist offensichtlich erst der Anfang eines umfangreichen Gender Budgeting ("... alle Haushaltsbereiche (sollen) dahingehend überprüft werden, ob die Geschlechter gleichermaßen berücksichtigt werden"). Auch hier darf man auf die Ergebnisse und erst recht die Konsequenzen daraus gespannt sein, etwa beim Sozialetat. Mein Tipp: Die Hilfen für Obdachlose werden gekürzt, denn die kommen ja mehrheitlich Männern zugute.




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