Freitag, Oktober 04, 2019

Warum das Patriarchat Greta Thunberg hasst – News vom 4. Oktober 2019

1. In einem der meistgelesenen Artkel des vergangenen Tages, "Das Patriarchat kocht", erklärt die Kolumnistin Suzanne Moore: "Greta Thunbergs Weigerung, nach ihren Regeln zu spielen, treibt alte weiße Männer in den Wahnsinn. Und das ist auch gut so". Moore zufolge kommen "die alten weißen Herren (...) damit überhaupt nicht klar", wenn sich eine junge Frau wie Greta Thunberg "einfach mal weigert, sich sexualisieren zu lassen". Belege für ein "kochendes Patriarchat" und "Wahnsinn" sind die herablassenden Kommentare einiger weniger Männer. Der Artikel fügt sich ein in eine lange Reihe von Beiträgen, denen zufolge vor allem Männer Thunberg "hassen" oder vor ihr "Angst haben" würden.

Ein Großteil dieser Rhetorik beruht auf der Vorstellung von der Frau als Erlöserin und dem Mann als Zerstörer der Zivilisation. Von den Fakten getragen wird die Behauptung, vor allem Männer seien gegen Thunberg, keineswegs: Tatsächlich sehen mehr Frauen Thunbergs Auftreten kritisch als Männer. (Die Journalistin Birgit Kelle argumentiert treffend, wenn Thunberg ernst genommen werden wolle, dürfe es für sie keinen "Welpenschutz" geben.) Einen Nobelpreis für Thunberg würden insgesamt nur 15 Prozent der Deutschen begrüßen. Zwei Drittel sind dagegen – eine Mehrheit, die sich in der journalistischen Berichterstattung nicht einmal im Ansatz widerspiegelt. Dort gibt es nur in seltenen Einzelfällen verhaltene Kritik an Thunberg (hier übrigens wieder von einer Frau).

Die Verschwörungstheorie eines Frauen unterdrückenden Patriarchats lässt sich also auch bei diesem Thema nicht mit der Wirklichkeit in Übereinklang bringen.

Einer der Männer, die Fragwürdiges in der Klimabewegung kritisieren, ist der Blogger Lucas Schoppe. In seinem aktuellen Beitrag "Unschuldsgier und Mordlust" untersucht er, wie sich die Klimadebatte in Klischees auch über Geschlechter festläuft: "Weiblichkeit steht dann für politische Machtlosigkeit, aber dadurch eben auch für Unschuld und eine Nähe zum Lebendigen – Männlichkeit steht für eine korrupte Macht, für uneingestandene Schuld und für Technokratie." Der Artikel ist insgesamt lesenswert, ebenso der erste (und bislang einzige) Kommentar darunter.



2. Die "Süddeutsche Zeitung" beschäftigt sich weiter mit der Debatte über eine Frauenquote in der CDU. Ein Auszug:

Im November trifft sich die CDU in Leipzig zu ihrem nächsten Bundesparteitag. Dort müsse es endlich zu Verbesserungen des bisherigen Quorums kommen, heißt es in der Frauen Union. Doch in anderen Teilen der Partei gibt es entschiedenen Widerstand. Warum Frauen bei einem Mitgliederanteil von 26 Prozent ein Drittel oder gar die Hälfte aller Posten in der CDU bekommen müssten, wird da gefragt. In der Jungen Union sagen auch weibliche Landesvorsitzende, sie wollten wegen ihrer Qualifikationen - und nicht wegen einer Quote - gewählt werden. (...) Auf ihrem Deutschlandtag in der kommenden Woche wird die Junge Union auch über einen Antrag beraten, in dem Paritätsgesetze abgelehnt werden. Es gilt als sicher, dass er eine Mehrheit bekommt.

Und wie fällt die Bilanz [des CDU-Abgeordneten und Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung Norbert] Lammert aus? Mit der gesetzlichen Regelung eines Frauenanteils in den Parlamenten "wäre ich persönlich eher vorsichtig", sagt er der [Süddeutchen Zeitung]. "Wenn man einmal damit anfängt, wichtige Aspekte der gesellschaftlichen Vielfalt für dringend parlamentarisch abbildungsbedürftig zu halten, spricht fast nichts dafür, dass das dann bei dem Frauen-Männer-Thema endet." Das Geschlecht sei "nicht die einzige identitätsstiftende Kategorie - auch Religionszugehörigkeit, Alter, Behinderung und sexuelle Orientierung könnten ähnliche Ansprüche begründen". Er würde deshalb "jede Regelung, die unterhalb gesetzlicher Fixierung erfolgt, einer gesetzlichen vorziehen".

"Als Stiftungsvorsitzender möchte ich jetzt keine Empfehlung abgeben", sagt Lammert. Als CDU-Mitglied würde er "bei einer Diskussion auf dem Parteitag aber mit Nachdruck darauf aufmerksam machen, dass das Repräsentationsprinzip sowohl historisch wie aktuell ja nicht bedeutet, dass eine Gesellschaft sich möglichst spiegelbildlich in ihren Sozialstrukturen im Parlament wiederfinden muss, sondern dass souveräne Wähler selbst entscheiden, von wem sie repräsentiert sein wollen".




3. Es ist nett von euch, liebe Leser, dass ihr mir immer wieder Hinweise auf Meldungen schickt, in denen sich der Vorwurf einer Vergewaltigung als falsch oder zumindest enorm fragwürdig herausstellt, aber ich möchte ungern zu jedem einzelnen dieser Fälle hier bloggen. Manche dieser Fälle haben in meinen Augen allerdings durchaus Nachrichtenwert – etwa wenn der Vorwurf einen SPD-Ratsherren trifft und es danach zu einer "spektakulären Wende" kommt. Die Anzeigeerstatterin, gegen die die Staatsanwaltschaft jetzt wegen falscher Verdächtigung ermittelt, ist bei den Jusos aktiv. Die Jusos wiederum "schrieben einen Drohbrief an den SPD-Partei- und den Fraktionsvorstand und forderten, dass sich beide mit der jungen Frau solidarisieren müssten".



4. Nach Vorwürfen sexueller Belästigung ist Placido Domingo jetzt auch als Leiter der Oper in Los Angeles zurückgetreten. Domingo bestreitet die Vorwürfe.

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