Samstag, November 12, 2022

Neueste Forschung: Schlechtere Noten für Jungen "systembedingt" (und andere News)

So, da bin ich wieder. Herzlichen Dank an alle, die mich und dieses Blog in den letzten beiden Monaten unterstützt haben!

In meinem letzten Blogbeitrag hatte ich erwähnt, dass mein Klinikaufenthalt von den Ärzten für acht Wochen angelegt war, aber um einige weitere Wochen verlängert werden könne, falls das sinnvoll erscheint. Wir haben jetzt entschieden, dass ich erst mal mit einer ambulanten Therapie weitermache und in deren Verlauf entscheide, ob ich noch einmal in die Klinik zurückkehre. Während mein Aufenthalt dort grundsätzlich gut lief, hat sich eine Heilung innerhalb dieser vergleichsweise kurzen Zeit als illusorisch herausgestellt.

Um mich weiter zu entsressen, werde ich neue Beiträge auf Genderama erst mal nicht in der gewohnten Regelmäßigkeit (jeden Vormittag außer am Wochenende ein neuer Beitrag) veröffentlichen. Ich weiß, mindestens einer von euch wünscht sich sogar, dass der neue Beitrag jeweils zu einer festen Uhrzeit online steht, aber das funktioniert nicht. Ich brauche ein weniger starres Raster, so dass ich Termine beispielsweise auch auf den Vormittag legen kann. Zukünftig können neue Blogbeiträge also zum Beispiel auch am Samstagnachmittag erscheinen. Wer mir auf Facebook oder Twitter folgt, wird automatisch informiert.

Mein Buch "Sexuelle Gewalt gegen Männer. Was wir darüber wissen und warum wir dazu schweigen" habe ich gestern einem Dutzend Verlagen angeboten, in dessen Programm es passen würde. Bei diesen zwölf Verlagen wird es bleiben: Ich schreibe nicht wieder 80 Verlage an wie bei "Sind Frauen bessere Menschen?", als ob männliche Opfer sexueller Gewalt so vernachlässigenswert und unwichtig wären, dass man Verlage beknien muss, bis sie sich erbarmen. Sollte in den nächsten beiden Monaten keine positive Antwort erhalten, werde ich auch dieses Buch privat lektorieren lassen und dann auf eigene Faust bei Amazon herausbringen.

Anders als in der alljährlichen Weihnachtspause habe ich in den letzten Monaten keine geschlechterpolitischen Nachrichten aktiv verfolgt, um Meldungen für dieses Blog zusammenzustellen. Einige allerdings haben mich trotzdem erreicht.



1. Wissenschaftler haben neue Erkenntnisse darüber gewonnen, warum Jungen in der Schule schlechtere Noten als Mädchen erhalten:

Mädchen erhalten routinemäßig großzügigere Noten als Jungen mit den gleichen akademischen Kompetenzen, so das Ergebnis einer neuen Studie über Zehntausende von Schülern und ihre Lehrer.

Diese Voreingenommenheit gegenüber Jungen könnte in Fächern wie Mathematik den Unterschied zwischen einem Bestehen und einem Nichtbestehen bedeuten. Sie könnte auch weiterreichende Folgen in Bereichen wie Hochschulzulassung, Berufswahl und Einkommen haben, warnen die italienischen Forscher.

Ihre Studie, die im British Journal of Sociology of Education veröffentlicht wurde, ist die erste, die zeigt, dass es sich um ein systematisches Problem handelt, das in einer Vielzahl von Bildungsumgebungen und unabhängig von den Eigenschaften der Lehrer auftritt.

Geschlechtsspezifische Unterschiede in den Bildungsleistungen sind weltweit verbreitet. Die Art des Unterschieds unterscheidet sich jedoch je nach Art der Leistungsmessung.

Werden die Ergebnisse standardisierter Tests mit einem einheitlichen Punktesystem herangezogen, so schneiden Mädchen in der Regel in den Bereichen Geisteswissenschaften, Sprachen und Lesekompetenz besser ab als Jungen, während Jungen in Mathematik besser abschneiden.

Werden dagegen Noten von Lehrern vergeben, schneiden Frauen in allen Fächern besser ab als Männer.

Um herauszufinden, inwieweit die Bewertungen der Lehrerinnen und Lehrer Frauen begünstigen, verglichen die Forscher der Universität Trient zunächst die Ergebnisse von fast 40.000 Schülerinnen und Schülern in standardisierten Sprach- und Mathematiktests mit den Noten, die sie in ihren Klassenarbeiten erzielt hatten.

Die 38.957 Schüler waren in der 10. Klasse und damit etwa 15-16 Jahre alt. Die standardisierten Tests wurden auf nationaler Ebene durchgeführt und anonym bewertet, während die Klassenarbeiten im Klassenzimmer durchgeführt und nicht anonym von den Lehrern bewertet wurden.

In Übereinstimmung mit früheren Studien schnitten die Mädchen bei den standardisierten Sprachtests besser ab als die Jungen, während die Jungen in Mathematik die Nase vorn hatten.

Die Lehrerinnen und Lehrer setzten jedoch die Mädchen in beiden Fächern an die Spitze. Die Durchschnittsnote der Mädchen in Sprache lag bei 6,6 (von 10), die der Jungen bei 6,2. In Mathematik lag die Durchschnittsnote der Mädchen bei 6,3, die der Jungen bei 5,9, was unter der Mindestpunktzahl von 6 liegt.

Die Analyse zeigte auch, dass bei ähnlicher Kompetenz von Jungen und Mädchen in einem Fach das Mädchen in der Regel eine bessere Note erhielt.

Die Forscher untersuchten dann, ob Faktoren wie die Art der Schule, die Größe und die geschlechtsspezifische Zusammensetzung der Klassen für die geschlechtsspezifischen Unterschiede verantwortlich waren.

Sie untersuchten auch, ob Merkmale der Lehrkräfte selbst, z. B. wie hoch ihr Dienstalter oder ihre Erfahrung war und ob sie männlich oder weiblich waren, dazu beitrugen, die großzügigeren Noten von Mädchen zu erklären.

Es wurde festgestellt, dass nur zwei Faktoren einen Einfluss haben - und das auch nur in Mathematik. Der geschlechtsspezifische Unterschied bei den Mathematiknoten war größer, wenn die Klassen größer waren. Außerdem wurden Mädchen in technischen und akademischen Schulen besser benotet als Jungen in Berufsschulen.

Keiner der anderen Faktoren hatte einen nennenswerten Einfluss auf die Verringerung der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Benotung.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse zum ersten Mal, dass die bessere Benotung von Mädchen systembedingt ist - sie ist nicht auf ein bestimmtes Versagen zurückzuführen, sondern im gesamten Schulsystem verankert.

Die Autoren der Studie halten es für möglich, dass Lehrer beim Lesen unbewusst Schüler belohnen, die traditionell weibliche Verhaltensweisen an den Tag legen, wie z. B. Ruhe und Ordentlichkeit, was den Lehrern das Unterrichten erleichtert. Eine andere Theorie besagt, dass überhöhte Noten in Mathematik ein Mittel sind, um Mädchen zu ermutigen, die in diesem Fach oft als schwächer angesehen werden.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Voreingenommenheit gegenüber Jungen an italienischen Schulen erheblich ist und langfristige Folgen haben könnte.

"Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen besseren Noten und wünschenswerten Bildungsergebnissen, wie der Zulassung zu guten Colleges oder einer geringeren Wahrscheinlichkeit, die Schule abzubrechen", sagt Ilaria Lievore, Doktorandin der Soziologie. "Folglich sind bessere Noten auch mit anderen Ergebnissen verbunden, wie einem höheren Einkommen, einem besseren Arbeitsplatz oder sogar einer höheren Lebenszufriedenheit".

Sie fügt hinzu, dass auch in anderen europäischen Ländern Mädchen großzügiger benotet werden als Jungen, dass die Gründe dafür aber von Ort zu Ort unterschiedlich sein können und nicht unbedingt mit denen in Italien übereinstimmen.


Wie ich in meinem Buch "Rettet unsere Söhne" ausfürlicher darstelle, hat die Forschung in anderen Ländern allerdings einen ähnlichen Mechanismus nachgewiesen.

Dazu passt die folgende Meldung: Attraktive Schülerinnen erzielten keine besseren Noten mehr, wenn der Unterricht während COVID-19 online stattfand.



2. In Attendorn im Sauerland soll ein achtjähriges Mädchen über viele Jahre von seiner Mutter zu Hause eingesperrt worden sein:

Laut Staatsanwaltschaft wurde das Kind nach der Befreiung in der Kinderklinik Siegen untersucht. Dabei soll sie gesagt haben, dass sie noch nie einen Wald gesehen habe, noch nie auf einer Wiese gewesen oder in einem Auto gefahren sei. Stattdessen soll sie vor allem in einem Zimmer bei verschlossener Tür gelebt haben.Diese Umstände haben offenbar Spuren hinterlassen. So soll das Mädchen kaum in der Lage sein, allein Treppen zu steigen oder Unebenheiten im Boden zu überwinden.


Die mutmaßlichen Hintergründe sehen so aus:

Offenbar habe die Mutter vermeiden wollen, dass ihre Tochter Umgang mit ihrem - getrennt von den beiden lebenden - Vater hat, schilderte Färber vom Jugendamt. Der habe sich ans Familiengericht gewandt, das dann 2016 das Sorgerecht für beide Elternteile bekräftigte. Beim Gerichtsentscheid sei als Wohnort von Mutter und Tochter eine italienische Adresse angegeben gewesen, unterstrich Färber. Erst in diesem Sommer gab es eine Bewegung, die im September zur Befreiung des Kindes führte.




3. Ein neues Projekt unterstützt Obdachlose, wenn sie weiblich sind: "Obdachlose Frauen sind stärker als Männer von Armut und Stress betroffen, leiden stärker unter fehlenden sozialen Bindungen und Kontakten."



4. Nach Angaben des Landesfrauenrats Baden-Württemberg sind Frauen besonders stark betroffen von der Energiekrise und der steigenden Inflation. Der Rat fordert deshalb finanzielle Unterstützung vom Land.



5. MeToo hat jetzt auch den Schauspieler Warren Beatty erwischt: Er soll vor 49 Jahren eine Minderjährige zu sexuellen Handlungen verleitet haben.



6. Thüringens Landesbehörden sollen in ihrer öffentlichen Kommunikation künftig auf "grammatikalisch falsche Gendersprache" verzichten, beschloss der Thüringer Landtag gegen die Stimmen der rot-rot-grünen Minderheitskoalition.

"Thüringer CDU und AfD stoppen gendergerechte Kommunikation" schlagzeilte daraufhin die Süddeutsche Zeitung. SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert wirft der CDU vor, mit Faschisten "über Bande" zu spielen:

Der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz sagte dem Tagesspiegel, er wisse, dass die überragende Mehrheit von CDU und CSU eine Kooperation mit der AfD ablehne. "Deswegen verstehe ich es nicht, wie es in Thüringen und andernorts immer wieder zu derartigen Vorgängen kommen kann."

Auch in Thüringen selbst sorgt der Vorgang für Empörung. "Eine Brandmauer gegen rechts, so wie häufig von der CDU beschworen, ist hier nicht zu erkennen. Eigentlich müsste von einem Brückenschlag der CDU zur AfD gesprochen werden", sagt Madeleine Henfling, die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, dem Tagesspiegel.


Von derlei Polemik dürfe sich die Partei nicht beirren lassen, findet die Frankfurter Allgemeine: "Es gibt sehr gute Gründe, die gegen das Gendern sprechen. Die CDU darf nicht von dieser Position abweichen, nur weil die AfD ihre Ansicht teilt."



7. Kurz vor Beginn der WM-Endrunde (20. November bis 18. Dezember) haben der Dachverband "ProFans" und zahlreiche weitere Fanvertretungen vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) den Verzicht auf die WM-Preisgelder zugunsten eines Entschädigungsfonds für die Gastarbeiter in Katar gefordert. Die Arbeitsbedingungen sind für die Männer dort vernichtend, zudem wird ihnen die Zahlung von Löhnen oder Entlassungsgeldern oft vorenthalten.



8. Russische Mütter überlassen mit Formulierungen wie "Mein Ex-Mann ist als Mensch schon lange tot" die Väter ihrer Kinder Putins Militär:

Russische Mütter, die von ihren Ehemännern verlassen wurden, haben einen Silberstreif am Horizont des von Wladimir Putin eingeführten Kriegsdienstes entdeckt: Sie melden ihre Exmänner zur Einberufung und erhalten eine finanzielle Entschädigung.

Der scheiternde Krieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine führte zu einer "Teilmobilmachung", bei der 300.000 neue Wehrpflichtige zum Kampf aufgerufen wurden. Die Einberufung löste Empörung und Angst aus - was sich in unüberwindbaren Protesten und dem Versuch von Russen, aus dem Land zu fliehen, äußerte.

Die russische Nachrichtenagentur Verstka berichtet jedoch, dass sich Dutzende von Frauen zusammengetan haben, um ihre Ex-Partner zum Militär zu bringen, indem sie den Einberufungsbehörden die persönlichen Daten der Männer geben, die sie und ihre Kinder verlassen haben. Laut Verstka gibt es sogar eine Online-Community, in der mindestens 70 der Frauen ihre Erfahrungen austauschen und über den Plan diskutieren.

(…) "Unmittelbar nach Putins Ankündigung kam mir der Gedanke: Wenn mein Ex in den Krieg ziehen würde, würde er die Schulden zurückzahlen, denn er würde offizielle Zahlungen auf ein Konto erhalten, das man nicht vor den Gerichtsvollziehern verstecken kann. Wenn er verletzt wird oder stirbt, hat das Kind Anspruch auf Entschädigung", so die Technologin Inna Kruglova gegenüber Verstka.

Die Frauen behaupten, dass Putins Militärbefehl zu besseren Ergebnissen führen könnte als die Gerichte, die es diesen Vätern ermöglicht haben, ihre Kinder mit wenig oder gar keiner finanziellen Unterstützung zurückzulassen.

(…) Die Gefahr des Todes scheint viele der Frauen nicht abzuschrecken, denn sie argumentieren, dass ihre abwesenden Ex-Partner ohnehin nicht auftauchen würden.

"Um ehrlich zu sein, ist es mir egal, ob mein Ex-Mann die Belastung an der Front aushält und wie lange er dort bleibt. Wenn Frauen harte körperliche Arbeit aushalten, warum dann nicht auch ein erwachsener Mann in seinen besten Jahren? Um Kinder zu versorgen, müssen viele wie die Hölle arbeiten", fügte Sergeeva hinzu. "Ich verstehe, dass während der 'Spezialoperation' die Gefahr des Todes besteht. Aber für mich ist mein Ex-Mann als Mensch schon vor langer Zeit gestorben. Wenn er in den Kampf geschickt wird und nicht überlebt, werde ich nur die offizielle Bestätigung erhalten, dass er nicht existiert - und alle Zahlungen, die den Erben zustehen."




9. Entwicklungsministerin Svenja Schulze schmiedet Pläne für eine feministische Entwicklungspolitik.



10. Einer neuen Studie zufolge hat Frauenfeindlichkeit in den letzten Jahren stark zugenommen:

Der Satz klingt wie eine Drohung: "Frauen, die mit ihren Forderungen zu weit gehen, müssen sich nicht wundern, wenn sie wieder in ihre Schranken gewiesen werden." 27 Prozent der Deutschen stimmen dem zu. Einen "Anstieg des Sexismus" konstatierte daher der Leipziger Sozialpsychologe Elmar Brähler am Mittwoch in Berlin – "eine Strömung, die ich sehr gefährlich finde". Diese Strömung bejaht auch dies: "Durch den Feminismus werden die gesellschaftliche Harmonie und Ordnung gestört." (…) Und um acht Punkte auf 23 Prozent ist deutschlandweit die Zustimmungsquote zu dem Satz gestiegen, dass "Frauen sich in der Politik häufig lächerlich" machen würden. Hier schnellte die Bejahung innerhalb von zwei Jahren besonders stark in Westdeutschland nach oben, von 13 auf 23 Prozent. Die Autoren der Studie, für die im Mai und Juni gut 2500 repräsentativ ausgewählte Bürger in Face-to-face-Interviews befragt wurden, stellen jene Haltungen gegenüber Frauen unter die Überschrift "Deutlicher Anstieg des Antifeminismus während der Pandemie".




11. "Die Welt" berichtet über einen zweifelhaften Film:

Als der Mann mit dem schütter werdenden Haar erzählt, dass er gelegentlich Frauen an der Ampel anspreche, kann sich das Publikum vor Lachen nicht mehr halten. Flirten am Fußgängerüberweg, wie putzig und peinlich zugleich! Der Mann ist einer von neun Protagonisten aus "Das starke Geschlecht", einer Dokumentation im Interviewformat, die gerade auf dem Pornfilmfestival in Berlin gezeigt wurde. Die Männer auf der Leinwand sprechen über Sex und Macht, über Fantasien, Frauen und Männlichkeit. Er könne über diese Themen nicht einmal mit seinem besten Freund sprechen, sagt einer von ihnen. Und wie reagiert das Festivalpublikum im Kinosaal auf so viel Offenheit? Es lacht die Männer wahlweise aus – oder verlangt im Nachgespräch, dass man ihnen doch bitte eine Therapie besorgen solle.

Dabei zeigt "Das starke Geschlecht" erst mal nur eines: wie unterschiedlich Männer ticken, wenn es um ihre Sexualität geht. Regisseur Jonas Rothlaender lässt seine Protagonisten zunächst anonyme Statements von Geschlechtsgenossen vorlesen. Die sind zum Teil krass, einer schildert darin zum Beispiel die Fantasie, wie er seine nervige Nachbarin vergewaltigt. Die Männer im Film reagieren auf die Texte und erzählen von sich selbst: Haben auch sie Vergewaltigungsfantasien? Wie dominant zeigen sie sich im Umgang mit Partnern?

Es gibt ganz unterschiedliche Antworten darauf. Einer erzählt, seine Sexualität fühle sich manchmal wie "dunkle Materie" an, irgendwie unkontrollierbar. Ein anderer berichtet von seinen Erfahrungen mit Dreiern: Wie überrascht eines der Paare vom Sex mit ihm gewesen sei, weil er nicht versucht habe, die Frau in Besitz zu nehmen – eine Erfahrung, die das Paar schon mit anderen Männern gemacht hatte. Ein Dritter erinnert sich daran, wie er eine Potenzpille schluckte, um endlich einmal länger im Bett durchzuhalten. So sei er seine sexuelle Unsicherheit losgeworden.

Über manches, was die Männer in der Dokumentation von sich geben, kann man sich leicht empören. Ausgerechnet jener Mann, der immer fürchtete, seine Erektion nicht lange genug halten zu können, fordert von Frauen im nächsten Satz äußerliche Perfektion und 90-60-Maße ein? Ja, bei dieser Szene kann man die entnervten "Sein Ernst?"-Kommentare aus einigen Sitzreihen im Kino durchaus nachvollziehen.

Doch viele Menschen im Saal stören sich eben nicht nur an einzelnen Aussagen, sie scheinen sich ihre Meinung über den Mann schon vor dem Film gebildet zu haben, so kommt es mir in Reihe 1 jedenfalls vor. Sie lautet: Männer sind Schweine. Und so wird fast alles, was die Männer über sich erzählen, mit entsetzten Geräuschen oder Lachern quittiert: Hat er das im Ernst gesagt? Typisch Mann halt! So erntet der Mann, der gern an Ampeln flirtet, immer wieder kollektives Stöhnen. Er habe eine schwere Trennung erlebt und sich danach gefragt, warum er sich eigentlich so abhängig von Frauen mache. Also habe er sich bei YouTube Videos über Männlichkeit angesehen (Stöhnen) und nutze nun häufig den "cold approach", wenn er Frauen anspreche (erneutes Stöhnen).

Natürlich schaltet die progressive Kreuzberg-Blase bei den Stichworten "YouTube" und "cold approach" sofort: Bestimmt hat sich der Mann Videos von Männerrechtlern und Pick-up-Artists angesehen, die Frauen so manipulieren wollen, dass sie mit ihnen ins Bett gehen. "Cold approach" heißt dabei übrigens, dass man jemanden einfach auf der Straße, im Supermarkt oder eben an der Fußgängerampel anspricht. Das ist an sich noch nichts Verdammungswürdiges, genauso wenig wie der Konsum von zweifelhaften Pick-up-Videos sofort zum antifeministischen Monster macht, das fortan Frauen manipulierend durch die Straßen zieht.

Zumal der Ampel-Mann nicht denkt, dass er unangreifbar ist. "Wenn das meine Freundin hört, die kriegt die Krise", sagt er jedenfalls lachend an einer Stelle mehr zu sich selbst als in die Kamera. Und jener mit dem 90-60-90-Ideal weint gar, als er sich eingesteht, dass er sich in einer Beziehung gern mal ganz hingeben und liebevoll zeigen würde.

Für solche Nuancen der Männlichkeit, die ja nie nur eines ist – immer machohaft oder immer sensibel und nachdenklich –, scheint in vielen Köpfen kein Platz zu sein. Das wird besonders deutlich, als in der Dokumentation ein Mann im weißen T-Shirt (…) nach seinen sexuellen Unsicherheiten gefragt wird. Was damit gemeint sei, will er daraufhin wissen. Schon die Nachfrage veranlasst das Kinopublikum zum Lachen, nach dem Motto: Der hält sich aber auch für den Größten. Ob er zum Beispiel Angst vor Erektionsstörungen habe, will der Interviewer derweil von dem Mann auf der Leinwand wissen. Nein, solche Ängste kenne er nicht, antwortet er – noch ein Lacher im Saal. Echt unfassbar, der Typ! Bis ebenjener Typ erklärt, dass er es für ganz normal halte, dass sein Körper nicht immer funktioniere und es durchaus vorkomme, dass er zwar Lust habe, aber keine Erektion bekomme. Da verstummt das Lachen, damit hatte keiner gerechnet: Der ist ja doch reflektiert?! Und noch dazu total mit sich und seinen männlichen "Schwächen" im Reinen?

Doch gerade solche Szenen aus "Das starke Geschlecht", der Mitte des Jahres ins Kino kam und immer wieder bei Filmfestivals gezeigt wird, scheinen sich bei den Zuschauern in Berlin-Kreuzberg nicht einzuprägen. Nach der Vorführung, als man Regisseur Jonas Rothlaender und Editorin Carlotta Kittel Fragen stellen kann, wollen sie zum Beispiel wissen, wonach die beiden die Männer im Film ausgewählt hätten – etwa nach dem "level of pain", dem Schmerzfaktor? Als ob alle Männer unerträglich Idiotisches von sich gegeben hätten. Eine Frau fragt, ob das Filmteam den Männern therapeutische Hilfe organisiert habe, eine andere, ob die Behörden in Kenntnis gesetzt worden seien, immerhin wären im Film "Vorfälle" zur Sprache gekommen (damit war unter anderem die anonym verfasste Vergewaltigungsfantasie gemeint). Bei beiden Fragen wirken Rothlaender und Kittel etwas ratlos. Sie machen ja auch Dokumentarfilme und keine Selbsthilfeseminare für Männer.

Was bleibt also nach 102 Minuten mit neun Männern und ihren intimsten Gedanken? Der eigentlich ziemlich banale Eindruck, dass es denMann nicht gibt. Und die Erkenntnis, dass ihn trotzdem so einige Menschen vor allem als lächerlich empfinden.


Eine Studie eines deutschen Sozialwissenschaftlers zu Männerfeindlichkeit und Antimaskulismus steht weiterhin aus.



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