Samstag, Oktober 16, 2021

Sprachwissenschaftler: "Beim Gendern wiederholt sich das Desaster der Rechtschreibreform" – News vom 16. Oktober 2021

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Nach 25 Jahren doktern wieder Politiker im Namen des Fortschritts an der deutschen Sprache herum. Erneut versichert man uns, es werde ja niemand dazu gezwungen, die neuen Regelungen zu übernehmen. Das war schon 1996 eine Lüge. Der Vergleich zeigt, welche fatalen Konsequenzen drohen.


Mit diesem Teaser beginnt ein Artikel des Sprachwissenschaftlers Horst Haider Munske in der "Welt". Musnke führt darin weiter aus:

Was hat das Gendern mit der Rechtschreibreform zu tun? Sind es nur die neuen Regeln mit Genderstern, Tiefstrich oder Doppelpunkt? Keineswegs. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt weitere Parallelen. Vielleicht können wir daraus lernen, was uns droht und wie wir es vermeiden können.


Munske skizziert danach zwei Parallelen beider Entwicklungen: Beide hatten eine lange Vorgeschichte und um beide gab es eine hitzige Kulturdebatte, als zahlreiche Bürger erkennten, was da gerade auf sie zukam. Die Rechtschreibreform, so Munkse, wurde gegen das Aufbegehren vieler Bürger durchgesetzt – und erwies sich danach als Reinfall:

Sie hat keins der ehrgeizigen Ziele erreicht. Zur Reparatur und künftigen Pflege wurde 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung eingerichtet. Er ist auch aufgefordert, zur Gender-Schreibung Stellung zu nehmen.

(…) Zuletzt haben linke Parteien, die SPD, die Linken und die Grünen den Genderstern programmatisch in ihrem Parteiprogramm eingesetzt. Damit wird eine dritte Parallele sichtbar, die ideologische. Schon die Rechtschreibreform wurde sozialpolitisch begründet: Man wollte das Lesen und Schreiben leichter machen, vor allem für sogenannte Wenigschreiber. Dem kleinen Mann sollte schon als Schüler der Weg zur Schreibkultur erleichtert werden. Die Rechtschreibung als Auslesekriterium bei Bewerbungen geriet ins Visier der Kritik.

(…) In der Debatte um die Berechtigung einer Rechtschreibreform hieß es immer: Das gilt nur für Schulen und Behörden. De facto konnten sich, wie wir heute wissen, die Zeitungen und Verlage dieser Vorgabe nicht entziehen. Auf dem Umweg über die abhängigen öffentlichen Einrichtungen wurde durchreformiert.

Ebendiesen Weg suchen auch die Befürworter des Genderns. Jeder, so heißt es, könnte natürlich schreiben, wie er wolle. Doch sogenannte "Empfehlungen" für Behörden, Schulen und Universitäten sind dabei, den Weg für eine generelle Umstellung des Schriftverkehrs auf Gender-Schreibungen vorzubereiten. Der Rat für deutsche Rechtschreibung soll dann prüfen, wie weit die Praxis fortgeschritten sei.

Die Zielrichtung ist offensichtlich: Der Rat soll der [Kultusministerkonferenz] schließlich ein generelles Gendern empfehlen. Damit wird eine vierte Parallele sichtbar, die der politischen Umsetzung. In dem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die [Kultusministerkonferenz] kein Verfassungsorgan ist, nur eine Koordinierungsstelle der Kultusminister. Sie umgeht mit ihren zahlreichen Fachkommissionen den Weg parlamentarischer Beratung und Beschlussfassung.

Schließlich ist das Wichtigste zu besprechen, die sachliche Parallele, das Gendern als neue Rechtschreibregel. Das Gemeinsame ist hier zugleich das, was sie trennt: Sternchen, Doppelpunkt und Tiefstrich stehen auf jeder Schreibtastatur, es sind Sonderzeichen für verschiedene Aufgaben und gehören damit im weiteren Sinne zum Zeicheninventar schriftlicher Kommunikation. Allerdings tauchen sie in den Regeln zur Wortschreibung gar nicht auf, sie sind Randphänomene des Schreibens, die nicht jeder braucht.

Ganz anders beim Gendern. Diese Zeichen werden jetzt gegen alle Regeln der normierten Rechtschreibung im Wortinneren eingesetzt als Bürger*innen, Bürger:innen oder Bürger_innen – und zwar bei allen Personenbezeichnungen. Auf diese Weise soll systematisch das generische Maskulinum, die neutrale geschlechtsunspezifische Form Bürger, ersetzt werden. Diese Zeichen sollen jetzt eine ideologische Botschaft vermitteln, die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Sprache.

Dies geschieht nicht nur mit den drei Sonderzeichen, sondern auch durch einen Trick: die Pluralendung –innen, die ja im System der deutschen Wortbildung weiblichen Personen vorbehalten ist, soll jetzt generisch, also für beide Geschlechter, verwendet werden. Stern, Doppelpunkt oder Unterstrich sind die Signale dieser grammatischen Umpolung. Diese besondere Funktion, der Verwendungszwang für alle Personenbezeichnungen und die Position der Zeichen im Wortinneren – das sind die Merkmale dieser Form des Genderns. Mit der vertrauten Rechtschreibung hat dies nichts gemein.

Die Konstruktion einer neuen generischen Form hat aber weitere einschneidende Folgen für einen zentralen Bereich der deutschen Grammatik: die Kongruenz in Numerus und Genus, welche zwischen Artikeln, Pronomen und Adjektiven und ihrem Bezugssubstantiv besteht. Dazu nur ein einfaches Beispiel. Der bekannte Satz aus der Pharmaziewerbung "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker" ist gendermäßig so umzuformen: "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihren/ihre Ärzt*in oder Apotheker*in." In Stellenanzeigen findet sich eine Flut solcher Doppelungen von Artikeln und Pronomen – eine erhebliche Verschlechterung des Lesens und Schreibens. Kritiker sehen darin eine Sprachverhunzung.

Dies ist die entscheidende Parallele zwischen Rechtschreibreform und Gendern: die sprachwidrigen Regeln. Sie sind es, die den Widerstand in der Bevölkerung erwecken. Sie sind eine Missachtung der eigenen Sprache. Die nahe Zukunft wird zeigen, ob Genderschreibung den Weg der Rechtschreibreform geht, den Weg politischer Verordnung und der Sprachverschlechterung.




2. Die Neue Zürcher Zeitung beschäftigt sich mit dem Kuckuckskind als "Urangst des Mannes".



3. Die Entscheidung von Göran Hansson, dem Vize-Vorsitzenden der Nobelpreis-Stiftung, weiterhin auf Quoten bei der Preisvergabe zu verzichten, ist auf Kritik gestoßen:

UN Women (...) kritisierte Hansson in einer Erklärung: "Leider ist die Unterrepräsentation von Frauen unter den Nobelpreisträgern im Laufe der Jahre nur ein weiterer Indikator für den langsamen Fortschritt bei der Gleichstellung der Geschlechter."

Historisch gesehen sind Frauen in den wissenschaftlichen Kategorien unterrepräsentiert. Nur 23 Frauen haben jemals einen Nobelpreis in den Bereichen Medizin, Physik und Chemie erhalten.

Im Laufe der Jahre hat die Nobel-Stiftung einige Maßnahmen ergriffen, um die Repräsentation von Wissenschaftlerinnen im Nominierungsprozess zu erhöhen. In einem Interview mit Nature aus dem Jahr 2019 erläuterte Hansson, dass das Komitee die Nominierenden gebeten hat, bei ihren Vorschlägen auf die Vielfalt von Geschlecht, Geografie und Thema zu achten. Das Komitee versuchte auch, die Zahl der weiblichen Nominierenden zu erhöhen, Nominierungen für bis zu drei verschiedene Entdeckungen vorzubringen und sogar mehrere Namen für dieselbe Auszeichnung einzureichen.


Nachdem das alles offenbar wenig gebracht hat, dürfte auch beim Nobelpreis die Quote nur noch eine Frage der Zeit sein.



4. Ein Fall von "toxischer Weiblichkeit" sorgt für Aufsehen in der britischen Politik:

Eine Abgeordnete, die gedroht hatte, die Freundin ihres Partners mit Säure zu verletzen und Nacktfotos von ihr zu veröffentlichen, wurde der Belästigung für schuldig befunden.

Die 56-jährige Abgeordnete Claudia Webbe aus Leicester East, die als Unabhängige im Unterhaus sitzt, nachdem sie von der Labour-Partei suspendiert wurde, sagte auch, dass sie Nacktfotos der 59-jährigen Michelle Merritt an ihre Familie schicken würde.

Webbe rief Frau Merritt zwischen dem 1. September 2018 und dem 26. April letzten Jahres mehrmals an.

In einem dieser Anrufe drohte sie ihr mit Säure und sagte, sie werde ihren Töchtern Nacktfotos und -videos schicken, wie das Westminster Magistrates' Court erfuhr.

In einem anderen Anruf, der von der Beschwerdeführerin aufgezeichnet wurde, ist zu hören, wie Webbe dem Opfer etwa 11 Mal sagt, es solle "aus meiner Beziehung verschwinden".

Staatsanwältin Susannah Stevens sagte, Webbe habe Frau Merritt belästigt, weil sie eifersüchtig auf ihre Freundschaft mit Herrn Thomas war, einem Berater bei Crossrail, Fußballtrainer und Scout für Chelsea.

Webbe aus Islington im Norden Londons bestritt die Belästigung und behauptete, sie habe lediglich "Höflichkeitsanrufe" getätigt, um Frau Merritt davor zu warnen, durch ein Treffen mit Herrn Thomas gegen die Coronavirus-Vorschriften zu verstoßen.

(...) Doch der Oberste Richter Paul Goldspring befand sie am Mittwoch nach einem zweitägigen Prozess für schuldig.




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