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Donnerstag, März 19, 2020

Was bedeutet Corona für das Umgangsrecht? – News vom 19. März 2020

1.
Darf das Umgangsrecht mit dem nicht betreuenden Elternteil, meist dem Vater, ausgesetzt oder der zunächst geplante Umgang aus Angst vor dem Coronavirus verweigert werden?


Mit solchen Fragen beschäftigen sich derzeit mehrere Rechtsanwälte in Online-Beiträgen, darunter Natalia Chakroun, Nicole Ziebarth, Franziska Engelmann und Robin Schmid.



2. Der Verein Frauenhauskoordinierung ruft die Politik dazu auf, auch in der Corona-Krise dringend einen Schutz von Frauen und ihrer Kinder vor Gewalt sicherzustellen. In einem Appell heißt es, für von Gewalt betroffene Frauen seien die Quarantänemaßnahmen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit besonders schwierig. Sie könnten sich nicht bei Freunden und Verwandten in Sicherheit bringen. Umso wichtiger sei es, dass Frauenhäuser und Beratungsstellen Schutz und Beratung auch für eine mögliche steigende Zahl gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder sicherstellen könnten.



3. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergibt: Frauen und Männer bewerten niedrigere Löhne für Frauen als gerecht. In der Studie geht es um eine Lohndifferenz von drei Prozent; die reale Lohndifferenz, wenn man alle Beeinflussungsfaktoren wie geleistete Überstunden herausrechnet, dürfte niedriger sein.



4. Auf Redwood Bark, der studentischen News-Site der kalifornischen Redwood High School, beschäftigen sich Ella Green und Nicole Johnson damit, wie die Stigmatisierung von Jungen zu einer "nationalen Epidemie" auf emotionaler Ebene gesorgt habe. Ein Auszug:

Nach Angaben der American Foundation for Suicide Prevention begingen Männer im Jahr 2017 3,54 Mal häufiger Selbstmord als Frauen. Diese Zahl erhält viel Gewicht durch die geringe Neigung von Männern, über Probleme bei ihrer seelischen Gesundheit zu berichten; 2010 stellte das British Medical Journal fest, dass die allgemeine Primärversorgungsberatung bei Männern um 32 Prozent niedriger war als bei Frauen. Gesellschaftliche Stigmata bezüglich der Verletzlichkeit von Männern schränken oft die Bereitschaft ein, Hilfe zu suchen.

(...) Für viele Männer ist ihre Erfahrung heute durch zahlreiche Stereotypen definiert, die den Umfang des wahren emotionalen Ausdrucks einschränken können. Einige Befürworter des männlichen Gefühlsbewusstseins und Kritiker anderer Männerthemen identifizieren sich mit dem Maskulismus, einer Männerbewegung, die in ihren Zielen mit dem Feminismus vergleichbar ist. Dr. Warren Farrell, ein ehemaliger Anführer einer zweiten Welle des Feminismus in den 1970er Jahren und heute als "Vater der Männerrechtsbewegung" bekannt, glaubt, dass eine Ursache für die Unterdrückung männlicher Emotionen in historischen Stereotypen liegt, die darauf abzielen, Jungen zu Soldaten zu machen. Angesichts der Tatsache, dass viele Generationen den Krieg erlebt haben, sagt Dr. Farrell, dass eine Art "heroische Intelligenz" Männer dazu zwang, eine Rolle im heutigen Männlichkeitsbild zu spielen.

"Historisch gesehen gab es diese Vorstellung, dass Ihr Leben weniger wert sei als der Nutzen für das Land. Ihr Leben war weniger wert als der Schutz Ihrer Frau [und] Familie. Aber wenn Sie auch entbehrlich waren, waren Sie zugleich ein Held. Und die Frauen verliebten sich in die Helden", sagte Dr. Farrell.

(...) Eines der Hauptziele von Dr. Farrell ist es, Männern zu helfen, nach der Scheidung das Sorgerecht für ihr Kind zu erhalten, da er sieht, dass der männliche Einfluss im Leben eines Kindes wesentlich für seine Erziehung ist. "Als ich [diese Männer] zum ersten Mal traf, spürte ich die Energie von wütenden Menschen, die verbittert waren. Dann bat ich sie, Fotos von ihren Kindern herauszuholen, und sie begannen unweigerlich zu weinen", sagte Dr. Farrell. "Ich meine nicht nur ein bisschen, sondern wirklich heftig, sobald sie sahen, dass es in Ordnung war, vor mir zu weinen. Was ich also sah, war, dass hinter der Maske der Wut oder der Verletzlichkeit Traurigkeit steckte."

Obwohl sich viele Maskulisten gegen die mit ihrem Geschlecht verbundenen Stereotypen einsetzen, wird die Bewegung oft falsch interpretiert. Laut einer im März durchgeführten Umfrage erklärten 51 Prozent der Studenten unserer Highschool, die von der Männerrechtsbewegung gehört haben, dass sie bei ihnen negative Konnotationen habe. Vieles davon könnte auf Medienberichte über männliche Gewalt und Hass zurückzuführen sein.

Im Jahr 2014 stürmte der 22-jährige Elliot Rodger durch die Isla Vista in Santa Barbara, wobei er sechs Menschen tötete und 14 verletzte, bevor er in seinem Auto Selbstmord beging. (...) Für Rodgers hasserfüllte Tat gibt es keine Entschuldigung. Sein Amoklauf durch Santa Barbara löste jedoch eine Online-Bewegung aus, die die Männerbewegung auf unfaire Weise als völlig voreingenommen gegenüber Frauen darstellte. Wie Dr. Farrell streben viele nicht extreme Führer der Bewegung eine Neuausrichtung auf traditionelle feministische Ideen an, um die wahre Gleichstellung der Geschlechter zu fördern und die einzigartigen Probleme beider Geschlechter anzuerkennen. Für Dr. Farrell besteht der Ausgangspunkt darin, Einstellungen und Stereotypen bezüglich männlicher "Schwäche" und männlicher "Stärke" zu identifizieren und zu untersuchen, wie Emotionen mit beiden verbunden sind.

(...) Auch wenn es den Anschein haben mag, dass Jungen von Natur aus nicht die Fähigkeit haben, sich auszudrücken, so ist doch das Gegenteil der Fall. In einem Artikel der New York Times aus dem Jahr 2016 mit dem Titel "Männern beibringen, emotional ehrlich zu sein" entkräftet der Journalist Andrew Weiner dieses Missverständnis.

"Von der Kindheit bis zum Alter von vier oder fünf Jahren sind Jungen gefühlsbetonter als Mädchen. Eine Studie der Harvard Medical School und des Bostoner Kinderkrankenhauses aus dem Jahr 1999 ergab, dass sechs Monate alte Jungen eher 'Gesichtsausdrücke der Wut [und Freude]' zeigten und 'eher zum Weinen neigten als Mädchen'. Jungen waren auch sozialer orientiert als Mädchen", schrieb Weiner. "Aber wir sozialisieren diese Verwundbarkeit aus ihnen heraus. Sobald sie 15 oder 16 Jahre alt sind, fangen sie an, wie Geschlechterstereotypen zu klingen."

Weiners Behauptungen spiegeln genau das wider, was Dr. Farrell in seiner Forschung und aus erster Hand beobachtet hat. Jungen werden nicht gefühllos geboren, sondern werden dazu erzogen, sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen. Nach den Ergebnissen von Dr. Farrell begehen Jungen und Mädchen im Alter von neun Jahren sehr selten und etwa gleich häufig Selbstmord. Im Alter zwischen 10 und 14 Jahren begehen Jungen doppelt so oft Selbstmord wie Mädchen. Im Alter zwischen 15 und 19 Jahren begehen Jungen viermal und im Alter zwischen 20 und 25 Jahren fünfmal so oft Selbstmord.

"Man hat das Gefühl, dass sich im Laufe der Adoleszenz männliche und weibliche Normen durchsetzen und Druck und Stereotypen entstehen. Mädchen prägen bestimmte Arten von Problemen aus und Jungen andere Probleme", sagte Dr. Farrell.




5. Die Post. Eine Leserin, die mich zuvor schon auf Twitter angesprochen hatte, schreibt mir:

Hallo Arne,

ich will mein Glück versuchen, Mitglieder meiner Partei für die selbsterfüllende Wirkung von Vorurteilen gegenüber den "anderen" Gruppen zu sensibilisieren (Männer, Mehrheitsbevölkerung, etc.). Über Google Scholar fand ich bisher nicht viel Konkretes. Herr Sowieso vom Bundesforum Männer konnte mich nur auf 'Männer-Perspektiven' vom bmfsfj hinweisen. Die Wikipediaseite über "Maskulinismus" ist ein Witz. Bin gestern auf den FAZ Artikel gestoßen. Suche Publikationen bzw. Institute, deren Arbeit nicht auf Frauenperspektive (, etc.) beschränkt ist.


Ich habe ihr daraufhin folgendes geantwortet:

Wenn du bisher kaum Publikationen beziehungsweise Institute gefunden hast, dann liegt das nicht an dir. Du hast ja alle richtigen Schritte gemacht, wie ich sie bei der Recherche für dieses Thema auch gewählt hätte. Die Geschlechterforschung ist leider noch immer extrem auf die Frauenperspektive fokussiert, und es gibt kaum vernünftige wissenschaftliche Untersuchungen.

Im Aufbau sind die Fachbereiche "Male Studies" und "Male Psychology" - nicht mit den feministischen "men's studies" zu verwechseln. Vermutlich hat das Bundesforum Männer dich deshalb nicht darauf hingewiesen, wie es eigentlich seine Pflicht gewesen wäre. Dich stattdessen auf die Schrift "Männer-Perspektiven" zu verweisen, die mit deiner konkreten Frage nichts zu tun hat, ist schon fast frech, zeigt aber, dass das Bundesforum in diesem Bereich bis heute blank dasteht.

Hier einige Websites zur vorurteilsfreien Männerforschung:

Foundation for Male Studies

New Male Studies

Male Psychology Network

Zu deiner Frage nach der Auswirkung von Vorurteilen auf Männer habe ich dir mithilfe von Auszügen aus meinen Büchern einen kleinen Reader erstellt und ihn dieser Mail beigefügt. Er besteht aus Kapitel 2 meines Buches "Plädoyer für eine linke Männerpolitik", Kapitel 4 meines Buches "Feindbild weiße Männer" sowie Auszüge uus Kapitel 3 meines Buches "Rettet unsere Söhne". In diesen drei Kapiteln werden auf den Grundlagen der vorliegenden Forschungsliteratur die Schäden skizziert, die sexistische Vorurteile gegen Jungen und Männer anrichten. Natürlich wäre es erfreulich, wenn es hierüber noch sehr viel mehr Forschung gäbe, aber selbst diese Forschung ist ja teilweise tabuisiert, weil sie auch den derzeit vorherrschenden Feminismus hinterfragen müsste.


Wenn jetzt ausgerechnet der rufmörderische FAZ-Artikel über mich dazu führt, dass eine bestimmte Bundestagspartei sich dem Männerthema und unseren Ansätzen dazu öffnet, wäre das beseelt von einer herrlichen Ironie.