Dienstag, September 01, 2026

Solidarität für Kindermörderin: "Geschlecht als Unschuldsbeweis"

1. In einem aktuellen Artikel des Magazins CICERO beschäftigt sich Shantanu Patni mit den befremdlichen Reaktionen auf Lindsay Clancy, nachdem sie ihre drei Kinder umgebracht hatte. Ein Auszug:

Erklärt wird die Tat mit einer Halluzination: einer männlichen Stimme, die Clancy befohlen habe, die Kinder zu töten. Nur hatte sie von dieser Stimme zuvor niemandem erzählt. Ihrer Mutter und ihrem Mann hatte sie noch anvertraut, sie habe Gedanken, den Kindern etwas anzutun. Ihre Behandler fragten sie ausdrücklich danach, und sie verneinte. Erst Wochen nach der Tat erzählt sie dem Psychologen der Verteidigung davon. In den Protokollen, die ein Dutzend Behandler in vier Monaten angelegt haben, kommt sie nicht vor.

Während das Gericht noch prüft, ob Lindsay Clancy für ihre Tat verantwortlich war, hat das Internet längst einen anderen Angeklagten gefunden: ihren Ehemann. Patrick Clancy war an jenem Abend in der Drogerie und im Restaurant, aufgezeichnet von den Kameras beider Geschäfte, und die Ermittler haben ihn früh ausgeschlossen. Seine Frau hat die Tat eingeräumt, und weder ihre Anwälte noch ihre Familie haben jemals etwas anderes behauptet. Dennoch ist er für viele Frauen, die im Netz für Lindsay Clancy einstehen, der Mörder seiner drei Kinder. Er habe die Überwachungsaufnahmen in den beiden Läden manipuliert, einen Freund als Doppelgänger eingesetzt, seiner Frau die Verletzungen beigebracht und sie aus dem Fenster gestoßen. "Frauen erwürgten keine Kinder", erklärt eine Reality-Show-Darstellerin zum Beispiel, „sie vergifteten oder ertränkten sie.“ Damit sei geklärt, dass der Mann es getan habe.

Andere gehen weiter. Patrick Clancy habe die Tat mit seiner heutigen Frau geplant, einer Reproduktionsmedizinerin aus New York, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Oder er sei selbst jene männliche Stimme gewesen, die Lindsay befahl, die Kinder zu töten. Patrick und seine heutige Frau haben Morddrohungen erhalten, ihre Adressen wurden im Netz veröffentlicht. Beschuldigt wird damit ein Mann, der zwölf Wochen Elternzeit genommen hatte und danach überwiegend im Homeoffice arbeitete, also auch im Alltag der Familie präsent war. Als seine Frau nicht mehr schlafen konnte, ließ er ihre Eltern kommen, stellte ein Kindermädchen ein und übernahm morgens wie abends die Routinen mit den Kindern. Er begleitete sie zu ihren Arztterminen, drängte die Behandler, die Medikation abzusetzen, und war schließlich derjenige, der auf eine stationäre Aufnahme in der Psychiatrie drang.

Vier Tage nachdem seine Frau die drei gemeinsamen Kinder getötet hatte, schrieb er öffentlich, die Lindsay, die er gekannt habe, sei großzügig, liebevoll und fürsorglich gewesen, und bat darum, ihr zu vergeben. Zwei seiner Kinder waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht beerdigt. Für die Frauen, die im Netz für Lindsay Clancy einstehen, ändert das nichts. Sie filmen sich mit ihren eigenen Kindern, beim Spielen, beim Zubettbringen, manche weinend, und legen darunter eine Tonspur aus dem Zeugenstand: Clancys Tagebuch, verlesen vor der Jury. Sie sei völlig überfordert, heißt es dort, sie gehe jeden Tag unter, sie habe Angst, der Kleinste könnte wieder krank werden. Unten steht ein Schriftzug: "Same, Lindsay". Manche schreiben: "Me too, Lindsay".

(…) Diese Identifikation reicht inzwischen bis in die Partnerwahl. Für erste Dates kursiert die Prüffrage: "Findest du, dass Lindsay Clancy ins Gefängnis gehört?" Wenn der Mann mit Ja antwortet, erklärt die Urheberin des Videos, würde sie aufstehen und gehen.

(…) Wenn ein Mann seine Kinder tötet, käme wohl niemand auf die Idee, vor Gericht das Testosteron zum Mitangeklagten zu machen. Eines der Argumente, mit denen die historische Herabsetzung der Frau gerechtfertigt wurde, lautete gerade, dass ihre Vernunft und Entscheidungsfähigkeit unter dem Einfluss ihres von Hormonen bestimmten Körpers eingeschränkt seien. Wie passt es dazu, wenn nun eine Million Frauen erklären, eine Mutter könne durch die Mutterschaft derart überwältigt werden, dass sie ihre eigenen Kinder tötet?




2. Mit demselben Thema beschäftigt sich Neeraja Deshpande in ihrem Beitrag "Girls Will Be Girls". Dort heißt es über die Frauen, die die Täterin engagiert verteidigen:

Manche dieser Frauen sind wild spekulierende TikTok-Hobbydetektivinnen, aber andere sind ganz vernünftige Frauen, die sagen: Nun, das Wochenbett ist wirklich hart, das ist biologisch bedingt, ihre Hormone sind Achterbahn gefahren, man kann sie unmöglich für ihr eigenes Handeln verantwortlich machen, hast du denn kein Mitgefühl?

Kurz gesagt: "Mädchen sind halt Mädchen."

Anders als "Jungs sind halt Jungs", das in den neun Jahren seit #MeToo aus dem öffentlichen Leben so ziemlich verbannt wurde – und das zu Recht! –, ist "Mädchen sind halt Mädchen" nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern gewinnt zunehmend an Durchschlagskraft.

(…) So wie ich es sehe, besteht der einzige Unterschied zwischen Clancys Unterstützerinnen und den Frauenfeinden, die die Rücknahme des Frauenwahlrechts fordern, darin, dass Clancys Unterstützerinnen an eine Art Schrödingers Frau zu glauben scheinen: dass eine Frau gleichzeitig erwachsener Mensch und Kind ist. Die Frauenfeinde wiederum haben dieses Paradox aufgelöst, indem sie schlicht annehmen, Frauen seien im Grunde Kinder und müssten entsprechend behandelt werden – bis hin zu Fragen wie dem Wahlrecht. Ich selbst würde das Paradox lieber auflösen, indem ich sage, dass Frauen erwachsene Menschen sind und auch so behandelt werden sollten, aber diese Idee scheint mittlerweile bei allen Seiten aus der Mode gekommen zu sein.

(…) Um fair zu sein: Nicht alle Argumente, die ich von Frauen zur Unterstützung Clancys gesehen habe, drehten sich um Hormone. Manche handelten davon, dass ihr inzwischen geschiedener Ehemann – derjenige, der ihr ein Kindermädchen besorgte, von zu Hause aus arbeitete, sie nach ihrem Suizidversuch fand und sich sogar noch um sie kümmerte, nachdem er erkannt hatte, dass sie ihre Kinder erwürgt hatte – nicht genug getan habe. Viele handelten davon, dass "das System sie im Stich gelassen" habe, ungeachtet der Tatsache, dass sie beim Ärztehopping verschiedene Verschreibungen sammelte, ohne dass die einzelnen Ärzte von den jeweils anderen Medikamenten wussten (und als Krankenschwester wusste sie zweifellos besser als die durchschnittliche tablettenschluckende Frau, was sie da tat). Aber all das waren Argumente, die niemand jemals für einen Mann vorbringen würde. Man stelle sich das vor! Was, wenn ein Mann sagen würde, er habe seine Frau einfach schlagen müssen, weil sie seine Wäsche nicht gewaschen habe und das schlecht für seine mentale Gesundheit und seine Fähigkeit gewesen sei, als Ehemann und Vater zu funktionieren?

(…) Ich weiß, ich weiß, das sind nur simple "Was wäre, wenn die Rollen vertauscht wären?"-Argumente. Aber eben: Was wäre, wenn die Rollen vertauscht wären? Große Teile der heutigen Frauenbewegung haben sich geweigert, diese Frage auch nur in Erwägung zu ziehen. Stattdessen scheint die Standardantwort zu lauten: mentale Gesundheit für mich, persönliche Verantwortung für dich – frei nach dem Motto, es ist in Ordnung, wenn wir es tun, aber schlimm, wenn Männer es tun.

Und wehe, du bist eine Frau, die es wagt, das alles infrage zu stellen – dann bist du eine faschistoide "Pick-me". Wehe, du bist eine Frau, die es wagt, darauf hinzuweisen, dass Männerhass in unserer Gesellschaft normalisiert wird – dann wirst du mit Gaslighting überzogen und dir wird gesagt, nein, ist er nicht, ist er nicht, ist er nicht (und selbst wenn doch, sei er jedenfalls nicht so gefährlich wie Frauenfeindlichkeit, weshalb man die beiden auch gar nicht erst gleichsetzen dürfe!). Wehe, du bist eine Frau, die es wagt, den Kult um die mentale Gesundheit zu kritisieren – dann fehlt es dir an Empathie. Und wehe, du bist eine Frau, die es wagt, darauf hinzuweisen, dass die Normalisierung eines brodelnden Männerhasses – von Affirmative Action bis zur Unterstützung für Clancy – vielleicht, nur vielleicht, zum Aufstieg genau jener sehr toxischen und sehr schädlichen Manosphere beiträgt – dann lieferst du den Jüngern von Andrew Tate nur zusätzliche Munition.

Was mich an der Art und Weise, wie so viele Frauen mit diesem Fall umgegangen sind, wirklich erschüttert, ist, dass sie einige der schlimmsten Formen weiblicher Bosheit entschuldigt, ermöglicht und daran mitgewirkt haben – in diesem Fall den Archetyp der verschlingenden Mutter, aber allgemeiner die Instrumentalisierung von Empathie gegen andere –, als handle es sich dabei um eine Art perversen Mannschaftssport. Entweder man steht im Team der Mädchen oder im Team der Jungs, und maximale Grausamkeit gegenüber den Jungs bei gleichzeitiger Nachsicht gegenüber den Mädchen sei der einzige Weg zum Sieg. Nun, all jenen im Team der Mädchen kann ich nur sagen: Das Team der Jungs ist schneller, stärker und körperlich überlegener, und nur die zivilisatorischen Zügel hindern es daran, seinen schlimmsten Impulsen zu folgen. Aber wenn das Team der Mädchen glaubt, es könne als Einziges die Zivilisation über Bord werfen, um es dem Team der Jungs heimzuzahlen, und dass seine eigenen schlimmsten Impulse akzeptabel seien, solange sie nur zum "Sieg" führen – nun, dann werden auch beim Team der Jungs die Handschuhe fallen, warum auch nicht? Und falls ich es noch nicht deutlich genug gesagt habe: Die körperlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bedeuten, dass das für das Team der Mädchen um ein Vielfaches schlimmer endet als für das Team der Jungs.

Unabhängig davon lautet mein sehr einfacher Vorschlag: Wir sollten Männerhass ebenso wenig dulden wie Frauenhass, und wir sollten uns so verhalten, als seien wir Männern in unserer Würde gleichgestellt – als erwachsene Menschen, die Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen und zur Vernunft fähig sind –, wenn wir als gleichwürdig mit Männern behandelt werden wollen. Wir sollten Grausamkeit, Gewalt und alle anderen Laster nicht allein deshalb entschuldigen, weil sie von einer Frau ausgehen.




3. Gegen einen Wützburger Szeneclub gibt es einen Shitstorm, weil er eine "Rammstein-Nacht" mit Liedern der Band veranstalten möchte. Gegen Rammstein hatte es Vorwürfe sexueller Übergriffe gegeben; die Staatsanwaltschaft hatte wegen Fehlens sämtlicher Belege die Ermittlungen eingestellt. "Gleichwohl halten Aktivisten an ihrer damaligen Forderung fest, dass es Lindemann und Rammstein aus moralischen Gründen zu boykottieren gelte", heißt es in dem verlinkten Artikel.

Auf Nachfrage der Redaktion erklärte das Team laut Mainpost, die Nachfrage nach Rammstein-Musik im Club reiße einfach nicht ab: "Aus wirtschaftlicher Sicht können wir es uns nicht leisten, diese Nachfrage zu ignorieren." Im regulären Betrieb verzichte man dennoch bewusst auf die Songs der Band, um Gäste, die durch die Musik negative Erinnerungen oder Themen aufgerollt bekommen könnten, nicht ungewollt damit zu konfrontieren.


Unbelegte Vorwürfe reichen also heute für einen Boykott aus, denn allein der Gedanke daran, dass diese Vorwürfe stimmen könnten, sei für manche Menschen unerträglich.



4. Die Daily Mail berichtet über 43 Todesopfer und Dutzende Verstümmelungen unter den Jungen, die in dieser Saison Beschneidungen in Südafrika unterzogen wurden:

Die Rituale – im Land als "Ulwaluko" bekannt – werden zweimal im Jahr an Initiationsschulen durchgeführt, um junge Männer auf das Erwachsenenalter vorzubereiten.

(…) Ulwaluko kann tödlich sein. Während lokale Medien in diesem Jahr berichteten, dass 43 Jungen bei den Zeremonien ums Leben kamen, beliefen sich die kombinierten Todesfälle der Winter- und Sommer-Rituale 2024 auf 93 Jungen, dazu kamen 11 totale Penisamputationen – wobei einige dubiose "Chirurgen" die Operation ohne Betäubung durchführten.

Ein vom südafrikanischen Regierung in Auftrag gegebener Bericht verzeichnete zwischen 2021 und 2024 322 Todesfälle junger Jungen sowie Tausende Krankenhauseinweisungen und Amputationen.

(…) Die Hauptursachen für den Tod sind Gewebsnekrose, Sepsis und schwere Dehydrierung – einige unwillige Jungen wurden jedoch auch erstochen, ertränkt oder zu Tode geprügelt.

Es gibt jährlich Hunderte von Berichten über illegale Schulen, die Jungen ab 12 Jahren entführen, um sie zu beschneiden, und anschließend die Eltern zwingen, für die Rückkehr ihrer Söhne zu zahlen.

(…) Die Zeremonien sind jedoch für viele im Land weiterhin von großer Bedeutung. Ohne das Ritual dürfen die Jugendlichen nicht an Stammesversammlungen teilnehmen, an vielen sozialen Aktivitäten mitwirken oder heiraten.

(…) Jedes Jahr durchlaufen Zehntausende von Jungen den Übergang zum Mannentum durch eine heilige Zeremonie, die Hunderte von Jahren zurückreicht – trotz der schockierenden jährlichen Todesrate.

(…) Obwohl die Jungen die Wahl haben, ob sie die Initiation durchlaufen, herrscht enormer Gruppendruck, und diejenigen, die sich weigern, werden "Inkwenkwe" genannt – eine schwere Beleidigung.

Jungen unter 16 Jahren dürfen gesetzlich nicht in die Initiationsschulen eintreten, doch an illegalen Schulen werden oft schon Zehnjährige operiert.

(…) Die Winter-Initiationssaison dauert von Mitte Mai bis Mitte Juli; die offizielle Zahl von 43 Todesfällen ist inzwischen erfasst. Die Sommersaison läuft von November bis Januar.




5. Auf Youtube geht der Unternehmer Jean Pierre Kraemer mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit, die er als "super beschämend" empfindet. Er gibt die anstehende Scheidung von seiner Frau bekannt und berichtet in diesem Zusammenhang von zwei Polizeieinsätzen nach häuslichen Auseinandersetzungen. Beim ersten Vorfall wurde seine Frau des Hauses verwiesen, beim zweiten musste er das Haus verlassen. Kraemer geht auf gegenseitige körperliche Handlungen ein und erwähnt, dass ein Kontaktverbot für beide Seiten vereinbart worden sei. Der Anlass für die unmittelbare Veröffentlichung sei eine Fristsetzung durch Medienanfragen zweier Zeitungen gewesen, weshalb er seine eigene Darstellung öffentlich machen wolle, bevor die Presse die Vorfälle ganz anders darstelle, als sie geschehen seien. Schon jetzt stoße er auf massiven Hass in seinem Bekanntenkreis. Kraemer bittet für sein Fehlverhalten um Entschuldigung und überlässt der Community die Entscheidung über den Fortbestand des Content-Angebots. Sollte der Rückhalt der Zuschauer fehlen, stellt er die Schließung seines Unternehmens in Aussicht.



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