Vereinte Nationen: Wir müssen das Schweigen über Sexualgewalt gegen Jungen und Männer brechen
1. Dreieinhalb Jahre nach meinem Buch über männliche Opfer sexueller Gewalt und das Schweigen darüber veröffentlichen die Vereinten Nationen einen maskulistischen Bericht darüber, dass es ebendieses Schweigen zu brechen gilt. Dabei geht es nicht um solche Gewalt im privaten Bereich, sondern um bewaffnete Konflikte und Formen der Gefangenschaft.
Der Ausgangspunkt ist das Beispiel eines ukrainischen Kriegsgefangenen, der nach drei Jahren Gefangenschaft 2025 freikam. Er berichtete von Vergewaltigung, erzwungener Nacktheit, Schlägen und Elektroschocks an den Genitalien. Die UN sieht darin kein isoliertes Ereignis, sondern ein Muster, das auch in anderen Konflikten dokumentiert wird.
Der Bericht weist darauf hin, dass deutlich mehr Mädchen und Frauen als Opfer konfliktbezogener sexueller Gewalt erfasst werden, warnt aber davor, dies mit der tatsächlichen Verteilung gleichzusetzen: Bei männlichen Opfern sei die Dunkelziffer vermutlich sehr hoch. Schätzungen zufolge würden 90 bis 95 Prozent der sexualisierten Gewalt gegen Männer und Jungen in Konflikten nicht registriert, was den scheinbaren Überhang bei weiblichen Opfern stark relativiert.
Besonders deutlich wird das Problem am Beispiel der Ukraine: Die UN hat dort 310 Fälle konfliktbezogener sexueller Gewalt verifiziert, davon 280 mit männlichen Opfern. Viele Betroffene waren Kriegsgefangene oder zivile Gefangene. Sexuelle Gewalt wurde unter anderem eingesetzt, um Gefangene zu bestrafen, zu erniedrigen oder Informationen und Geständnisse zu erzwingen.
Als Gründe für die geringe Zahl gemeldeter Fälle nennt der Artikel mehrere Faktoren. Dazu gehören Scham und Stigmatisierung, traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit, die Angst, als schwach wahrgenommen zu werden, Homophobie und eine unzureichende institutionelle Aufmerksamkeit für männliche Opfer. Hinzu kommt ein sprachliches Problem: Männer beschrieben das Erlebte nach Gefangenschaft teilweise eher als "Folter" denn als sexualisierte Gewalt. Dadurch könne es für Hilfsorganisationen und Justizbehörden schwieriger werden, die Fälle als sexuelle Gewalt zu erkennen und entsprechend zu behandeln. (All das führe ich in meinem Buch näher aus.)
Der Artikel bezieht sich außerdem eine Untersuchung aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo an. Dort gaben 23,6 Prozent der befragten Männer an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben; knapp zwei Drittel dieser Männer berichteten, dass die Gewalt im Zusammenhang mit einem Konflikt stand. Weitere dokumentierte männliche Opfer gibt es laut den UN unter anderem in der Ukraine, Gaza und dem Westjordanland, Sudan, der Demokratischen Republik Kongo, Libyen, Syrien, Jemen und Haiti. Die UN weist darauf hin, dass die bestätigten Zahlen wegen fehlenden Zugangs zu Konfliktgebieten, Unsicherheit und der Angst der Betroffenen vor Vergeltung nur einen Teil des Problems abbilden.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf der Versorgung der Überlebenden. Die bloße Anerkennung als Opfer sei entscheidend dafür, ob Betroffene medizinische und psychologische Hilfe, juristische Unterstützung und andere spezialisierte Angebote erhalten. Die UN versucht deshalb, die Erkennung männlicher Opfer zu verbessern, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen entsprechend zu schulen und Netzwerke aufzubauen, in denen Betroffene sich gegenseitig unterstützen können. In der Ukraine wurden 2025 im Rahmen eines UN-unterstützten Programms 160 Überlebende unterstützt, darunter 69 Männer.
Die zentrale Botschaft des Berichts ist damit klar maskulistisch: Die Tatsache, dass Frauen und Mädchen überproportional häufig Opfer konfliktbezogener sexualisierter Gewalt werden, darf nicht dazu führen, männliche Opfer zu übersehen. Die Berücksichtigung von Männern und Jungen ist keine Konkurrenz zur Unterstützung weiblicher Opfer, sondern die notwendige Schließung einer Lücke im bisherigen Hilfs- und Rechtssystem.
Aus maskulistischer Sicht ist besonders interessant, dass der Bericht nicht nur einzelne männliche Opferfälle schildert, sondern die systematische Untererfassung männlicher Opfer als strukturelles Problem thematisiert und dabei ausdrücklich auf UN-Berichte und entsprechende Forschung zurückgreift.
2. Eine schwäbische Sauna schafft das Damensaunen der Gleichberechtigung wegen nach Beschwerden männlicher Besucher ab, was die Journalistin Marion Buck wortreich beklagt.
3. In den USA hat eine Mutter und erhält jetzt vor Gericht von Feministinnen lautstarke Unterstützung. Der Blogger Lutz Bierend kommentiert diese Entwicklung in seinem lesenswerten Beitrag "Frauen werden entschuldigt, Männer beschuldigt". Auch Professorin Janice Fiamengo macht die feministische Begeisterung für solche Gewalttäterinnen in einem ausführlichen Essay zum Thema. Die Kindermörderin soll bereits Spenden in Höhe von einer Million Dollar gesammelt haben. Fiamengo weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei den meisten Kindstötungen Mütter die Täter sind. Und schließlich gibt es dazu einen Beitrag der Journalistin Kara Kennedy: "The Moms of TikTok Have Gone Insane", aus dem ich hier gerne zitiere:
Überlastete, von Schlafmangel geplagte Mütter stellen ihr Smartphone im Badezimmer auf, drücken auf Aufnahme und werfen eine Minute lang unter Schreien mit Eiswürfeln um sich. "Statt mich mit meinem Kleinkind zu streiten", schrieb eine Mutter in den sozialen Medien, "werfe ich Eis in meine Badewanne. So kann ich meine Wut spüren, ohne destruktiv zu sein." Mütter stellen zudem Ringlichter auf, um sich beim hysterischen Weinen vor ihren kleinen Kindern zu filmen. Andere filmen ihre weinenden Babies mit der Bildunterschrift "MeToo, Lindsay" – in Solidarität mit Lindsay Clancy, der Mutter aus Massachusetts, die ihre drei Kinder im Alter von 5 Jahren, 3 Jahren und 8 Monaten tötete und der derzeit wegen Mordes der Prozess gemacht wird.
Dieser geistige Verfall hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, wie es die Algorithmen sicherstellten. In der "Momosphäre" – dem Netzwerk aus TikTok-Müttern, Mommy-Influencerinnen und Mutter-Bloggerinnen – wird das Vorgehen nahezu universell als gesunde, befreiende Möglichkeit für Mütter begrüßt, ihre Wut zu zeigen. Ein Teil davon rührt daher, wie Clancys Fall verstanden wird: Ihre Verteidigung argumentiert, dass sie sich zum Zeitpunkt der Taten in den Fängen einer Wochenbettpsychose befand, und verweist auf die vielen Medikamente, die von verschiedenen Ärzten verschrieben wurden, um ihre Depressionssymptome in den Monaten vor den Morden zu behandeln. Für die Mütter auf TikTok ist eine überforderte und mit Medikamenten vollgepumpte Mutter, die praktisch um Hilfe fleht, etwas, das – wenn auch in extremem Ausmaß – ihrem eigenen Spiegelbild gleicht. Weshalb Clancy als Märtyrerin beansprucht wird und nicht als Monster, das als abschreckendes Beispiel dient.
Stellen Sie sich nun vor, ein Mann würde das tun. Ein junger Vater stellt seine Kamera auf, richtet das Licht aus und filmt sich dabei, wie er gegen eine Wand schlägt, in den Bildschirm schreit oder etwas mit einem Baseballschläger zertrümmert – dazu eine Bildunterschrift darüber, wie heilsam das war. Stellen Sie sich vor, er würde darüber sprechen, wie er sich mit Charles Whitman identifiziert und Mitgefühl für ihn empfindet, der 1966 seine Frau und seine Mutter tötete, bevor er an der University of Texas einen Amoklauf beging. (Wie Clancy hatte sich Whitman vor dem Massaker über schwere psychische Probleme beklagt.)
Stellen Sie sich vor, wie er in diesem Alternativuniversum von anderen Vätern mit mitfühlenden Kommentaren dafür belohnt wird, dass er die Wahrheit über seine Probleme ausspricht und mutig ist. Das ist schwer vorstellbar. Denn hier in der Realität würden wir das nicht befreiend nennen. Wir würden es als zutiefst beunruhigend bezeichnen und als extremes Beispiel für etwas einordnen, das in allen Bereichen festgestellt wird: toxische Männlichkeit. Wir würden es traurig und moralisch gestört nennen. Es gäbe eine gesellschaftsweite Panik über Männer im Allgemeinen, über Incels oder über einen anderen neuen Begriff, der sehr deutlich macht, dass die betreffenden Männer auf eine Weise handeln, die unverantwortlich und sogar böse ist. Natürlich würden wir auch all die guten Männer, die nichts falsch gemacht haben, für die Taten dieser wenigen in Mithaftung nehmen. (…) Warum also nennen wir es Selbstfürsorge, wenn Frauen dasselbe tun, dieselbe Darstellung hysterischer Wut im Selfie-Modus?
Doch vergessen wir die Doppelmoral bei der Frage, ob das Verhalten weniger Menschen eine Debatte über die Güte oder den Verstand eines ganzen Geschlechts auslöst. Das ist fast zu offensichtlich. Was dieser Eis-in-der-Badewanne-Moment repräsentiert, ist schlimmer als nur die verdrehte Umkehrung einer älteren Diskriminierung. Es ist ein Zeichen dafür, dass zu viele Frauen mindestens genauso den Verstand verloren haben, wie es die panikmachendsten Behauptungen über Männer im letzten Jahrzehnt besagten. Während wir damit beschäftigt waren, tausende Meinungsbeiträge zu lesen und uns zu fragen, was genau mit den Männern nicht stimmt, ist dieselbe Aufmerksamkeitsökonomie rund um Frauen entstanden – nur auf ein anderes Gefühl ausgerichtet. Wenn die "Manosphäre" enttäuschten Männern das Zur-Schau-Stellen von Stärke verkauft, verkauft die Momosphäre ihren weiblichen Gegenstücken das Zur-Schau-Stellen von Leiden.
Im letzten Jahrzehnt wurde der Niedergang des modernen Mannes erschöpfend untersucht. Laut viralen Social-Media-Narrativen, Titelgeschichten von Magazinen, Bestsellern und der Alltagskultur sind Männer fragil, verbittert, einsam und verdammt wütend. Fast die Hälfte der jungen Männer hat das Gefühl, wegen ihres Mannseins diskriminiert zu werden. (…) Dies führt zusammen mit der Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weiter nach links rücken, während Männer politisch verharren, dazu, dass die kulturelle und politische Kluft zwischen den Geschlechtern nun auf einem historischen Höchststand ist. Wir gehen einander an die Gurgel. Vielleicht können wir der Manosphäre einen Teil der Schuld daran geben – die wütenden Anhänger von Freaks wie Andrew Tate sind offensichtlich seltsam, und ein Großteil ihrer Strategie, stärkere Männer zu werden, besteht darin, Frauen zu schwächen.
(…) Die Momosphäre, angeführt von Influencerinnen, Mami-Blogs und im Grunde jeder Frau mit einem Instagram-Account, macht eine Pause vom Helikopter-Elterndasein sowie dem Verfolgen von Entwicklungsschritten und hat ein neues Kernziel: ein Schlaglicht darauf zu werfen, wie elend das Muttersein sein kann. Das zeigt sich in wilden, hysterischen Ausbrüchen vor den eigenen Kindern, gefilmt mit Kamera und Ringlicht und online gestellt, um es der Männerwelt zu zeigen. Oder es zeigt sich in der moralischen Verdrehung der Art und Weise, wie die weiblich geprägtesten Teile der sozialen Medien auf den Fall Lindsay Clancy reagiert haben. Diese Frauen, hauptsächlich Mütter, sind zur Verteidigung Clancys eingesprungen und haben sich gegen das verbündet, was sie als ihre gemeinsamen Feinde mit Clancy betrachten: das Gesundheitssystem, die Welt, die Väter ihrer Kinder und bis zu einem gewissen Grad ihre eigenen Kinder.
(…) Nichts davon ist wirklich neu. Es ist nur die neueste Version eines Trends, der sich seit Jahren aufbaut. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Narrativ rund um Kinder dahin gehend verändert, dass das Mutterwerden als Frau das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Ein ganzes Genre an Inhalten ist um dieses Gefühl herum entstanden: Weingläser mit der Aufschrift "Wegen den Kindern"; TikTok-Trends – noch vor dem Fall Clancy –, wie die viralen Videos vom letzten Jahr zum Thema "Wie läuft das Muttersein?". Einige zeigten Mütter, die ihren Kopf in den Backofen steckten, mit der Bildunterschrift "Den ganzen Sommer mit den Kindern zu Hause sein ist wie…". In anderen mimten Mütter, sich mit Messern zu erstechen, sich die Treppe hinabzustürzen oder Bleichmittel zu trinken.
Obwohl es mir nicht fremd ist, einige dieser Videos amüsant zu finden, sind sie Symptom eines größeren Problems der Mutterschaft: wie modisch es geworden ist, sich auf die schwierigen Seiten zu konzentrieren. Nicht nur darüber nachzudenken, wie hart es sein kann, oder es sich selbst oder Freunden gegenüber auszusprechen, sondern die verletzlichsten und dunkelsten Momente, die man wahrscheinlich je erleben wird, zu nehmen und sie online zu teilen, um sofortige Bestätigung von anderen leidenden Müttern zu erhalten. Es unterscheidet sich im Grunde nicht von der toxischen Männlichkeit, die unsere Kultur verabscheut – ein öffentliches Sudeln in Selbstmitleid und in Wut auf eine angeblich gleichgültige Welt.
Das ist das wahre Zerbrechen. Männer bekamen ein Jahrzehnt lang Schlagzeilen über ihre Fragilität angesichts der Herausforderungen des modernen Lebens – einer verwirrenden, aber letztlich vergleichsweise einfachen Zeit, um zu leben – und wir nannten es eine Krise des männlichen Versagens. Frauen bekamen die Instagrammifizierung der ihren, und wir nannten es Befreiung.
4. Die Post. Einer meiner Leser macht mich auf folgende Meldung aufmerksam:
Das Bundesverfassungsgericht hat eine unmittelbar gegen das Gewalthilfegesetz gerichtete Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen. Die 3. Kammer des Ersten Senats stellte in ihrem Beschluss vom 24. Juli 2026 (Az. 1 BvR 541/26) fest, dass die Beschwerde schon unzulässig war, weil die eigene Betroffenheit nicht ausreichend dargelegt wurde. Die inhaltliche Frage, ob der Ausschluss nicht-weiblicher Personen vom Anwendungsbereich des Gesetzes verfassungsgemäß ist, hat das Gericht damit ausdrücklich nicht beantwortet.
(…) Für Männer und nicht-binäre Personen, die Gewalt erlebt haben, ändert die Entscheidung an der aktuellen Rechtslage nichts. Der Ausschluss aus dem Anwendungsbereich bleibt bestehen, ist aber auch nicht verfassungsrechtlich abgesegnet. Wer Hilfe benötigt, sollte deshalb zunächst alle bestehenden Wege nutzen: allgemeine Beratungs- und Schutzangebote, Leistungen der Sozialhilfe- und Jugendhilfeträger sowie zivilrechtliche Schutzanordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz, die beim Familiengericht beantragt werden und etwa ein Kontakt- und Näherungsverbot oder die Zuweisung der gemeinsamen Wohnung umfassen können.
Mein Leser schreibt mir hierzu:
Formal gesehen eher kein Aufreger, denn das BVerfG hat die Sache ja überhaupt nicht entschieden, sondern sich mit Formalien gedrückt. Es sieht so aus, als ob die Beschwerde tatsächlich etwas "dünn" gewesen wäre. Was nicht heißt, daß das Gericht nicht auch anders gekonnt hätte, wenn es denn gewollt hätte. Mir ist aber aufgestoßen, daß sich niemand für das Problem als solches zu interessieren scheint.
Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!
<< Home