Dienstag, Mai 12, 2026

Großer New-York-Times-Artikel: Das Schweigen angesichts der Vergewaltigung von Palästinensern

Eigentlich wollte ich heute an meinem Geburtstag das Bloggen einmal ausfallen lassen, aber dann kam ein Artikel rein, der mir zu wichtig dafür ist.

Wie die meisten meiner Leser wissen, gehört es zu meinen Hauptanliegen, sexuelle Gewalt insgesamt zu bekämpfen (das tue ich in vielen meiner Ratgeber), insbesondere aber auch das Tabu zu brechen, wenn es um sexuelle Gewalt gegen Männer geht. Mein Buch speziell hierzu heißt nicht ohne Grund mit vollständigem Titel "Sexuelle Gewalt gegen Männer: Was wir darüber wissen und warum wir dazu schweigen". In diesem Buch erörtere ich nicht nur das erschreckende Ausmaß dieser Gewalt, sondern auch, warum das Schweigen darüber derart hartnäckig ist.

Die New York Times bricht genau dieses Schweigen auf so noch nicht dagewesene Weise in einem gestern veröffentlichten Artikel zum Thema: "The Silence That Meets the Rape of Palestinians" – ein Verbrechen, auf das ich hier in diesem Blog immer wieder hingewiesen habe. In diesem Artikel zeigt sich, dass diese Vergewaltigungen zwar nicht auf Männer begrenzt, die meisten Opfer aber männlich sind. Deshalb und weil ds Schweigen über männliche Opfer sexueller Gewalt stärker ist, bleibt dies ein maskulistisches Thema. Da ich nicht damit rechne, dass ein deutsches Leitmedium diesen New-York-Times-Artikel zügig ins Deutsche übersetzt – aus Sicht der deutschen Staatsräson wäre das ohnehin "antisemitisch" –, dokumentiere ich ihn hier im Volltext. Vielleicht ist er ein Türöffner, auch über andere männliche Opfer sexueller Gewalt mehr zu berichten; das Problem ist ja nun wahrlich nicht auf Israel begrenzt. Die New York Times erklärt nicht nur den Ablauf der Gewalt sondern auch, warum darüber kaum offen gesprochen wird und unter welchen Umständen dieses Schweigen aufbrechen kann.



Das Schweigen angesichts der Vergewaltigung von Palästinensern

Es ist eigentlich ein einfacher Grundsatz: Unabhängig davon, wie wir zum Nahostkonflikt stehen, sollten wir uns darin einig sein, Vergewaltigung zu verurteilen.

Unterstützer Israels betonten diesen Punkt nach den brutalen sexuellen Übergriffen auf israelische Frauen während des von der Hamas angeführten Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023. Donald Trump, Joe Biden, Benjamin Netanyahu und viele US-Senatoren, darunter Marco Rubio, verurteilten diese sexuelle Gewalt, und Netanyahu forderte zu Recht "alle zivilisierten Staatsführer" auf, "ihre Stimme zu erheben".

Und dennoch haben mir Palästinenser in erschütternden Interviews von einem Muster weitverbreiteter israelischer sexueller Gewalt gegen Männer, Frauen und sogar Kinder berichtet — durch Soldaten, Siedler, Vernehmer des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet und vor allem durch Gefängniswärter.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass israelische Führungsfiguren Vergewaltigungen anordnen. Doch in den vergangenen Jahren haben sie einen Sicherheitsapparat aufgebaut, in dem sexuelle Gewalt, wie ein Bericht der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr formulierte, zu einem von Israels "Standardverfahren" geworden ist und "ein zentrales Element der Misshandlung von Palästinensern" darstellt. Ein im vergangenen Monat veröffentlichter Bericht des Euro-Med Human Rights Monitor, einer in Genf ansässigen Organisation, die Israel häufig kritisiert, kommt zu dem Schluss, Israel setze "systematische sexuelle Gewalt" ein, die "weitverbreitet als Teil einer organisierten staatlichen Politik praktiziert" werde.

Wie sieht dieses Standardverfahren aus? Sami al-Sai, 46, freier Journalist, sagt, dass ihn eine Gruppe von Wärtern zu Boden geworfen habe, als er nach seiner Festnahme 2024 in eine Gefängniszelle gebracht wurde.

"Sie schlugen alle auf mich ein, und einer trat mir auf Kopf und Hals", sagte er. "Jemand zog mir die Hose herunter. Sie zogen meine Boxershorts herunter." Dann zog einer der Wärter einen Gummiknüppel hervor, der zum Schlagen von Gefangenen verwendet wird.

"Sie versuchten, ihn in meinen Enddarm einzuführen, und ich stemmte mich dagegen, aber ich konnte es nicht verhindern", sagte er mit zunehmend angespannter Stimme. "Es tat so weh." Die Wärter hätten dabei gelacht. "Dann hörte ich jemanden sagen: ,Gebt mir die Karotten‘", erinnerte er sich und fügte hinzu, dass sie daraufhin eine Karotte benutzten. "Es war unerträglich schmerzhaft", sagte er. "Ich betete um den Tod."

Al-Sai sagte, er sei mit verbundenen Augen gewesen und habe auf Hebräisch, das er verstehe, jemanden sagen hören: "Keine Fotos machen." Das habe ihn vermuten lassen, dass jemand eine Kamera hervorgeholt habe. Einer der Wärter sei eine Frau gewesen, die ihn am Penis und an den Hoden gepackt und scherzhaft gesagt habe: "Die gehören mir", bevor sie so fest zudrückte, dass er vor Schmerzen schrie.

Die Wärter ließen ihn gefesselt auf dem Boden liegen, und er roch Zigarettenrauch. "Mir wurde klar, dass sie Rauchpause machten", sagte er.

Nachdem man ihn in seine Zelle geworfen hatte, kam er zu dem Schluss, dass der Ort seiner Vergewaltigung schon früher benutzt worden war, denn er fand Erbrochenes, Blut und zerbrochene Zähne anderer Menschen, die in seine Haut gedrückt worden waren.

Al-Sai sagte, man habe versucht, ihn als Informanten für den israelischen Geheimdienst anzuwerben, und er glaube, dass seine Verhaftung und Inhaftierung im Rahmen der Administrativhaft dazu dienen sollte, ihn unter Druck zu setzen. Da er stolz auf seine journalistische Professionalität gewesen sei, habe er abgelehnt.

Ich habe einen großen Teil meiner Karriere über Krieg, Völkermord und Gräueltaten einschließlich Vergewaltigungen berichtet — manchmal an Orten, an denen das Ausmaß sexueller Gewalt weit größer war als alles, was entweder Hamas-Kämpfer oder israelische Wärter oder Siedler begangen haben. Im Tigray-Konflikt in Äthiopien vor einigen Jahren wurden womöglich 100.000 Frauen vergewaltigt. Im Sudan finden derzeit Massenvergewaltigungen statt.

Und dennoch finanzieren unsere amerikanischen Steuergelder den israelischen Sicherheitsapparat mit, sodass die Vereinigten Staaten an dieser sexuellen Gewalt mitschuldig sind.


Israel wird auch von Deutschland unterstützt.

Ich begann mich für sexuelle Übergriffe gegen palästinensische Gefangene zu interessieren, nachdem Issa Amro, ein gewaltfreier Aktivist, der manchmal "der palästinensische Gandhi" genannt wird, mir bei einem früheren Besuch erzählt hatte, dass er von israelischen Soldaten sexuell missbraucht worden sei und glaube, dies sei verbreitet, werde jedoch aus Scham zu selten gemeldet.

Nach einer Zählung hat Israel allein im Westjordanland seit den Angriffen vom 7. Oktober 20.000 Menschen festgenommen, und mehr als 9.000 Palästinenser befanden sich noch in diesem Monat in Haft. Viele wurden nie angeklagt, sondern unter vage definierten Sicherheitsgründen festgehalten; seit 2023 wird den meisten der Zugang zum Roten Kreuz und zu Anwälten verweigert.

"Israelische Kräfte setzen Vergewaltigung und sexuelle Folter systematisch ein, um palästinensische Gefangene zu demütigen", heißt es im Euro-Med-Bericht. Darin wird eine 42-jährige Frau zitiert, die angab, nackt an einen Metalltisch gefesselt worden zu sein, während israelische Soldaten sie über zwei Tage hinweg wiederholt vergewaltigt hätten, während andere Soldaten die Übergriffe filmten. Danach habe man ihr Fotos der Vergewaltigungen gezeigt und gedroht, sie zu veröffentlichen, falls sie nicht mit dem israelischen Geheimdienst kooperiere.

Es ist unmöglich zu wissen, wie verbreitet sexuelle Übergriffe gegen Palästinenser tatsächlich sind. Meine Recherchen für diesen Artikel beruhen auf Gesprächen mit 14 Männern und Frauen, die angaben, von israelischen Siedlern oder Angehörigen der Sicherheitskräfte sexuell missbraucht worden zu sein. Außerdem sprach ich mit Familienmitgliedern, Ermittlern, Beamten und anderen Personen.

Ich fand diese Opfer, indem ich bei Anwälten, Menschenrechtsgruppen, Helfern und gewöhnlichen Palästinensern nachfragte. In vielen Fällen ließen sich Teile der Aussagen bestätigen — entweder durch Zeugen oder, häufiger, durch Personen, denen sich die Opfer anvertraut hatten, etwa Familienmitglieder, Anwälte oder Sozialarbeiter. In anderen Fällen war das nicht möglich, möglicherweise weil Scham dazu führte, dass Menschen selbst engen Angehörigen gegenüber keine Misshandlungen eingestehen wollten.

Save the Children beauftragte vergangenes Jahr eine Umfrage unter Kindern zwischen 12 und 17 Jahren, die sich in israelischer Haft befunden hatten; mehr als die Hälfte berichtete, sexuelle Gewalt erlebt oder beobachtet zu haben. Die Organisation erklärte, die tatsächliche Zahl liege vermutlich höher, weil das Stigma manche davon abhalte, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Das Committee to Protect Journalists, eine angesehene amerikanische Organisation, befragte 59 palästinensische Journalisten, die nach den Angriffen vom 7. Oktober von israelischen Behörden freigelassen worden waren. Drei Prozent gaben an, vergewaltigt worden zu sein, und 29 Prozent berichteten von anderen Formen sexueller Gewalt.

Die israelische Regierung weist Vorwürfe sexuellen Missbrauchs an Palästinensern zurück, ebenso wie die Hamas bestritt, israelische Frauen vergewaltigt zu haben. Israel begrüßte einen Bericht der Vereinten Nationen über sexuelle Übergriffe auf israelische Frauen durch Palästinenser, wies jedoch dessen Forderung zurück, auch israelische Übergriffe gegen Palästinenser zu untersuchen. Netanyahu sprach von "haltlosen Vorwürfen sexueller Gewalt" gegen Israel.

Israels Ministerium für Nationale Sicherheit lehnte eine Stellungnahme zu diesem Artikel ab. Der Gefängnisdienst "weist die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs kategorisch zurück", sagte ein Sprecher, der anonym bleiben wollte, und fügte hinzu, Beschwerden würden "von den zuständigen Behörden geprüft". Der Sprecher wollte nicht sagen, ob jemals Mitarbeiter des Gefängnisdienstes wegen sexueller Übergriffe entlassen oder angeklagt worden seien.

Die von mir interviewten Palästinenser berichteten auch von anderen Formen des Missbrauchs jenseits von Vergewaltigung. Viele sagten, ihnen seien wiederholt die Genitalien verdreht oder die Hoden geschlagen worden. Hand-Metalldetektoren seien zwischen die nackten Beine von Männern gehalten und dann gegen ihre Genitalien geschlagen worden; einigen Männern hätten Ärzte nach Misshandlungen die Hoden amputieren müssen, so der Euro-Med Monitor.

Ein Grund dafür, dass diese Übergriffe wenig Aufmerksamkeit erhalten, sind Drohungen israelischer Behörden, die freigelassenen Gefangenen laut Aussagen entlassener Palästinenser wiederholt einschärften zu schweigen. Ein weiterer Grund sei, wie Überlebende mir sagten, dass die arabische Gesellschaft Diskussionen über dieses Thema scheue — aus Angst, die Moral der Familien von Gefangenen zu schwächen und das palästinensische Narrativ heroischer und standhafter Häftlinge zu beschädigen.

Konservative soziale Normen erschweren die Diskussion zusätzlich: Zwei Opfer erklärten mir, ein Gefangener, der eine Vergewaltigung eingestehe, gefährde die Chancen seiner Schwestern und Töchter auf eine Heirat.

Ein Bauer hatte zunächst zugestimmt, dass ich seinen Namen in diesem Artikel verwende. Nachdem er Anfang dieses Jahres nach Monaten in Administrativhaft — ohne Anklage — freigelassen worden war, schilderte er, was ihm eigenen Angaben zufolge im vergangenen Jahr widerfuhr: Ein halbes Dutzend Wärter habe ihn festgehalten, ihm Hose und Unterwäsche heruntergezogen und einen Metallknüppel in seinen Anus eingeführt. Die Täter hätten dabei gelacht und gejubelt.

Mehrere Stunden später sei er ohnmächtig geworden und in die Gefängnisklinik gebracht worden. Nach dem Aufwachen sei er erneut mit dem Metallknüppel vergewaltigt worden.

"Ich blutete", erinnerte er sich. "Ich war völlig gebrochen. Ich weinte."

Nachdem er in seine Zelle zurückgebracht worden sei, habe er einen Wärter um Papier und Stift gebeten, um Beschwerde einzureichen. Der Antrag sei abgelehnt worden. Am Abend sei eine Gruppe Wärter in die Zelle gekommen.

"Wer von euch will eine Beschwerde einreichen?", habe einer höhnisch gefragt, erinnerte er sich, und ein anderer habe auf ihn gezeigt. "Die Schläge begannen sofort", sagte er. Dann hätten sie ihn an diesem Tag ein drittes Mal mit dem Knüppel vergewaltigt.

Er erinnerte sich an die Worte eines Wärters: "Jetzt hast du noch mehr Stoff für deine Beschwerde."

Einige Tage nach meinem Interview rief der Bauer an und sagte, er wolle doch nicht namentlich genannt werden. Shin Bet habe ihn besucht und davor gewarnt, Ärger zu machen, außerdem fürchte er die Reaktion seiner Familie.

"Massiver sexueller Missbrauch palästinensischer Gefangener ist Realität; er wurde normalisiert", sagte Sari Bashi, israelisch-amerikanische Menschenrechtsanwältin und Geschäftsführerin des Public Committee Against Torture in Israel. "Ich sehe keine Hinweise darauf, dass er angeordnet wurde. Aber es gibt anhaltende Hinweise darauf, dass die Behörden wissen, dass er stattfindet, und nichts dagegen unternehmen."

Ein weiterer israelischer Anwalt, Ben Marmarelli, sagte mir, nach den Erfahrungen palästinensischer Häftlinge, die er vertreten habe, finde die Vergewaltigung palästinensischer Gefangener mit Gegenständen "flächendeckend" statt.

Bashi erklärte, ihre Organisation habe Hunderte Beschwerden über grausame Misshandlungen palästinensischer Gefangener eingereicht — und in keinem einzigen Fall habe dies zu Anklagen geführt. Diese Straflosigkeit, sagte sie, sende ein "grünes Licht" an Täter.

Ein palästinensischer Gefangener aus Gaza soll im Juli 2024 mit einem Riss im Enddarm, gebrochenen Rippen und einer punktierten Lunge ins Krankenhaus eingeliefert worden sein. Ermittler beschafften ein Gefängnisvideo, das den Missbrauch zeigen soll. Die Behörden nahmen neun Reservisten fest — doch Israels Rechte reagierte empört, und ein wütender Mob, darunter Politiker, stürmte das Gefängnis, um die Wärter zu unterstützen. Die letzten Anklagen gegen die Soldaten wurden im März fallen gelassen; im vergangenen Monat genehmigte das Militär ihre Rückkehr in den Dienst.

Netanyahu bezeichnete die Einstellung des Verfahrens als Ende einer "Blutlüge". "Der Staat Israel muss seine Feinde jagen — nicht seine heldenhaften Kämpfer", sagte er.

Bashi kommentierte das Ergebnis so: "Die Einstellung der Anklagen bedeutet für mich: Das ist eine Erlaubnis zur Vergewaltigung."

Der Gefangene, der danach Berichten zufolge einen künstlichen Darmausgang benötigte, wurde nach Gaza zurückgebracht; ein Bekannter sagte, er habe Monate im Krankenhaus verbracht, um sich von den inneren Verletzungen zu erholen. Der Bekannte erklärte, der ehemalige Gefangene wolle kein Interview geben.

Strafverfolgung und öffentliche Aufmerksamkeit können solche Gewalt eindämmen. 1997 vergewaltigten Polizisten in New York den haitianischen Einwanderer Abner Louima mit einem Stock so brutal, dass er ins Krankenhaus musste und operiert werden musste. Die Öffentlichkeit reagierte empört, Bürgermeister Rudy Giuliani besuchte Louima im Krankenhaus, und die Beamten wurden in einem aufsehenerregenden Verfahren angeklagt. Das sandte eine deutliche Botschaft an die Polizei: Wer Gefangene misshandelt, kann bestraft werden. Genau diese Botschaft müsse auch an die israelischen Sicherheitskräfte gesendet werden.

Wenn die Trump-Regierung auf der Wiederaufnahme von Besuchen des Roten Kreuzes bei Gefangenen bestehen würde, wenn der US-Botschafter Überlebende sexueller Gewalt öffentlich besuchen würde, wenn Waffenlieferungen an ein Ende sexueller Übergriffe geknüpft würden, könnte das eine moralische und praktische Botschaft senden: Sexuelle Gewalt ist niemals akzeptabel — unabhängig davon, wer das Opfer ist. Der Botschafter könnte zumindest sicherstellen, dass jene Palästinenser, die für diesen Artikel gesprochen haben, nicht erneut für ihren Mut misshandelt werden.


Wenn der deutsche Außenminister Wadephul bei seinem Israelbesuch und seinen Solidarätsbekundigungen dasselbe täte … Ach vergesst es, wir wären hier im Fantasy-Land. Die Springerpresse von BILD bis "Welt" würde jahrelang kopfstehen vor Empörung, Wadephul oder welcher Politiker auch immer würde bis an sein Lebensende als "Judenhasser" beschimpft werden. Insofern ist man in Deutschland gerne bereit, lieber massenhaft begangene Vergewaltigungen hinzunehmen.

Wie kommt es zu solcher Gewalt? Jahrzehnte der Berichterstattung über Konflikte haben mich gelehrt, dass eine Kombination aus Entmenschlichung und Straflosigkeit Menschen in einen hobbesianischen Naturzustand treiben kann. Ich habe dieses Abrutschen in Barbarei auf Schlachtfeldern vom Kongo bis Sudan bis Myanmar gesehen — und ich glaube, es erklärt auch ungefähr, wie amerikanische Soldaten Gefangene in Abu Ghraib im Irak sexuell missbrauchen konnten.

Die harte Realität lautet: Wenn Konsequenzen fehlen, sind wir Menschen zu enormer Grausamkeit gegenüber jenen fähig, die man uns als minderwertig darstellt.

Itamar Ben-Gvir, Israels Minister für Nationale Sicherheit, bezeichnete Gefangene als "Abschaum" und "Nazis" und prahlte damit, die Haftbedingungen für Palästinenser verschärft zu haben. Wenn solche Einstellungen vorherrschen, kann sexueller Missbrauch zu einem weiteren Mittel werden, Schmerz und Demütigung zuzufügen.

Ben-Gvir lehnte über eine Sprecherin eine Stellungnahme zu sexuellen Übergriffen durch Sicherheitskräfte ab.

B’Tselem, eine israelische Menschenrechtsorganisation, dokumentierte "ein schwerwiegendes Muster sexueller Gewalt" gegen Palästinenser. Die Organisation zitierte den Bericht des Gaza-Gefangenen Tamer Qarmut, der angab, mit einem Stock vergewaltigt worden zu sein. Folter, so B’Tselem, sei "zu einer akzeptierten Norm geworden".

Ein ehemaliger israelischer Offizier in einer Gefängnisklinik schilderte in einer Aussage gegenüber der israelischen Organisation Breaking the Silence, was diese Normalisierung praktisch bedeutet: "Man sieht normale, ziemlich gewöhnliche Menschen an einen Punkt gelangen, an dem sie Menschen zu ihrer eigenen Unterhaltung misshandeln — nicht einmal für Verhöre oder Ähnliches. Zum Spaß, um den anderen etwas erzählen zu können oder aus Rache."

Der Großteil der Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt richtete sich gegen Männer — schon deshalb, weil mehr als 90 Prozent der palästinensischen Gefangenen männlich sind. Aber ich sprach auch mit einer Palästinenserin, die im Alter von 23 Jahren nach dem Hamas-Angriff im Oktober 2023 festgenommen wurde. Sie sagte, die Soldaten hätten damit gedroht, sie, ihre Mutter und ihre kleine Nichte zu vergewaltigen. Ihr Gefängnisalbtraum habe mit einer Leibesvisitation durch Wärterinnen begonnen. "Aber dann kam ein männlicher Soldat herein, während ich völlig nackt war", sagte sie.

In den folgenden Tagen sei sie wiederholt nackt ausgezogen, geschlagen und von Gruppen männlicher und weiblicher Wärter durchsucht worden. Das Muster sei immer gleich gewesen: Mehrere Wärter, Männer und Frauen gemeinsam, seien in ihre Zelle gekommen, hätten sie gewaltsam entkleidet, ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt und sie nach vorne gebeugt, manchmal mit dem Kopf in die Toilette gedrückt. In dieser Position sei sie geschlagen und am ganzen Körper begrapscht worden.

"Ihre Hände waren überall an meinem Körper", sagte sie. "Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob sie mich vergewaltigt haben", sagte sie, weil sie durch die Schläge zeitweise das Bewusstsein verlor.

Der Zweck der Misshandlungen sei ihrer Ansicht nach zweifach gewesen: ihren Willen zu brechen und israelischen Männern zugleich zu ermöglichen, ungestraft eine nackte palästinensische Frau zu missbrauchen.

"Ich wurde mehrmals am Tag ausgezogen und geschlagen", sagte sie. "Es war, als würden sie mich jedem vorstellen, der dort arbeitete. Zu Beginn jeder Schicht brachten sie die Männer, damit sie mich ausziehen konnten."

Kurz vor ihrer Freilassung sei sie in einen Raum mit sechs Beamten gebracht und eindringlich gewarnt worden, niemals Interviews zu geben.

"Sie drohten, mich zu vergewaltigen, mich zu töten und meinen Vater zu töten, falls ich spreche", sagte sie. Wenig überraschend wollte sie in diesem Artikel anonym bleiben.

Einige der schlimmsten sexuellen Übergriffe scheinen sich gegen Gefangene aus Gaza gerichtet zu haben. Ein Journalist aus Gaza schilderte mir die Misshandlungen, die er nach seiner Festnahme 2024 erlitten habe.

"Niemand entkam sexuellen Übergriffen", sagte er. "Nicht jeder wurde vergewaltigt, würde ich sagen, aber alle erlebten erniedrigende, widerwärtige sexuelle Misshandlungen." Bei einem Vorfall hätten Wärter seine Hoden und seinen Penis stundenlang mit Kabelbindern abgeschnürt und dabei seine Genitalien geschlagen. Danach habe er tagelang Blut uriniert.

Ein anderes Mal sei er festgehalten und nackt ausgezogen worden; während er mit verbundenen Augen und gefesselten Händen dalag, habe man einen Hund herbeigerufen. Durch Zurufe eines Hundeführers auf Hebräisch sei das Tier auf ihn gehetzt worden.

"Sie machten Fotos mit Kameras, und ich hörte ihr Lachen und Kichern", sagte er. Er habe versucht, den Hund abzuwehren, doch dieser habe ihn penetriert.

Auch andere palästinensische Gefangene und Menschenrechtsbeobachter berichteten von Polizeihunden, die darauf trainiert worden seien, Gefangene sexuell zu missbrauchen. Der Journalist sagte, ein israelischer Beamter habe ihn bei seiner Freilassung gewarnt: "Wenn du am Leben bleiben willst, rede nicht mit den Medien."

Warum sprach er dennoch?

"Es gibt Momente, in denen die Erinnerung unerträglich erscheint", sagte er. "Während ich gerade mit Ihnen darüber sprach, hatte ich das Gefühl, mein Herz könnte stehen bleiben. Aber ich denke an die Menschen, die noch dort sind. Deshalb rede ich."

Mehrere Berichte deuten darauf hin, dass sexuelle Gewalt sogar gegen palästinensische Kinder eingesetzt wurde, die typischerweise wegen Steinwürfen inhaftiert werden. Ich fand und interviewte drei Jungen, die festgenommen worden waren; alle beschrieben sexuellen Missbrauch.

Einer, ein schüchterner Junge im Hilfiger-Shirt, der bei seiner Festnahme 15 Jahre alt war, wollte nicht sagen, ob er auch tatsächliche Vergewaltigungen gesehen hatte. Aber er sagte, Drohungen seien alltäglich gewesen: "Sie sagten: ,Mach das, oder wir stecken dir diesen Stock in den Hintern.‘"

Die anderen Jungen erzählten sehr ähnliche Geschichten sexueller Gewalt im Rahmen von Misshandlungen und berichteten, dass Vergewaltigungsdrohungen nicht nur gegen sie, sondern auch gegen ihre Mütter und Geschwister gerichtet worden seien.

Israelische Siedler sind nicht in derselben Weise offizieller Teil des Staates wie das Gefängnissystem, doch die israelischen Streitkräfte schützen Siedler zunehmend, während diese palästinensische Dorfbewohner angreifen und sexuelle Gewalt einsetzen, um Palästinenser zur Flucht zu zwingen. "Sexualisierte Gewalt wird genutzt, um Gemeinschaften unter Druck zu setzen", ihre Gebiete zu verlassen, heißt es in einem neuen Bericht des West Bank Protection Consortium, einem Zusammenschluss internationaler Hilfsorganisationen unter Leitung des Norwegian Refugee Council.

Das Konsortium befragte palästinensische Bauern und stellte fest, dass mehr als 70 Prozent der vertriebenen Haushalte angaben, Drohungen gegen Frauen und Kinder — insbesondere sexuelle Gewalt — seien der ausschlaggebende Grund für ihre Flucht gewesen. "Sexuelle Gewalt", sagte Allegra Pacheco von der Koalition, "ist einer der Mechanismen, mit denen Menschen von ihrem Land vertrieben werden."

In einem abgelegenen Weiler beduinischer Bauern im Jordantal traf ich den 29-jährigen Bauern Suhaib Abualkebash, der schilderte, wie eine Gruppe von etwa 20 Siedlern durch die Häuser seiner Familie zog, Erwachsene und Kinder schlug, Schmuck und 400 Schafe stahl — und ihm außerdem mit einem Jagdmesser die Kleidung vom Leib schnitt, dann seinen Penis mit Kabelbindern abschnürte und daran zog.

"Ich hatte Angst, sie würden meinen Penis abschneiden", sagte Abualkebash. "Ich dachte, das ist mein Ende."

Manche mögen sich fragen, ob Palästinenser Vorwürfe sexueller Gewalt erfunden haben, um Israel zu verleumden. Für mich erscheint das weit hergeholt, weil niemand der von mir Befragten mich selbst aufsuchte oder wusste, mit wem ich sonst sprach, und weil sie nur widerwillig redeten. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass Israels sexueller Missbrauch inzwischen so häufig geworden ist, dass sich Normen verändern und palästinensische Opfer etwas eher bereit sind zu sprechen.

"Sechs Monate lang konnte ich darüber mit niemandem reden, nicht einmal mit meiner Familie", sagte Mohammad Matar, ein palästinensischer Beamter, der mir erzählte, Siedler hätten ihn entkleidet, geschlagen und mit einem Stock zwischen die Gesäßbacken gestoßen, während sie darüber sprachen, ihn zu vergewaltigen. Während des Angriffs veröffentlichten die Täter ein Foto von ihm mit verbundenen Augen und nur in Unterwäsche in sozialen Medien.

Mit der Zeit entschied sich Matar zu sprechen, um das Stigma zu brechen. Heute hängt eine vergrößerte Version des Fotos in seinem Büro.

Um zu verstehen, was ich entdeckt hatte, rief ich Ehud Olmert an, der von 2006 bis 2009 israelischer Ministerpräsident war. Olmert sagte, er wisse wenig über sexuelle Gewalt gegen Palästinenser, sei von den Berichten jedoch nicht überrascht.

"Glaube ich, dass das passiert?", fragte er. "Definitiv."

"In den besetzten Gebieten werden täglich Kriegsverbrechen begangen", fügte er hinzu.

Damit kehren wir zu dem Punkt zurück, den ich zu Beginn dieser Kolumne erwähnt habe: Israels Unterstützer hatten 2023 recht damit, dass wir ungeachtet unserer Haltung zum Nahen Osten Vergewaltigung verurteilen sollten.

"Wo zum Teufel seid ihr?", fragte Netanyahu damals die internationale Gemeinschaft und verlangte eine Verurteilung sexueller Gewalt durch das, was die israelische Regierung als "Vergewaltigerregime der Hamas" bezeichnete.

Die Hamas hat tatsächlich auf brutale Weise Menschenrechte verletzt. Doch israelische Behörden sollten auch ihre eigenen Verstöße betrachten — insbesondere das, was ein 49-seitiger Bericht der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr als Israels "systematische" Unterwerfung von Palästinensern unter "sexualisierte Folter" bezeichnete, die zumindest "mit stillschweigender Ermutigung durch die zivile und militärische Führung" begangen werde.

Man kann es auch so ausdrücken: Die schrecklichen Misshandlungen, die israelischen Frauen am 7. Oktober zugefügt wurden, widerfahren nun Palästinensern Tag für Tag. Sie dauern an wegen Schweigen, Gleichgültigkeit und des Versagens amerikanischer wie israelischer Behörden, Netanyahus Frage zu beantworten: Wo zum Teufel seid ihr?




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