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Samstag, Oktober 21, 2017

Betroffene berichten: "Sexuelle Belästigung von Männern wird verharmlost" – News vom 21. Oktober 2017

1. Die Schweizer Zeitung "20 Minuten" lässt jetzt in einem eigenen Artikel männliche Opfer sexueller Übergriffe zu Wort kommen. Es handelt sich um einige ausgewählte Wortmeldungen von 120 – der Himmel weiß, wie viele es gewesen wäre, wenn die Zeitung ihre Kommentarspalte gestern nicht so schnell geschlossen hätte. Trotzdem großes Kompliment: Unsere deutschen Medien bekommen dasselbe nicht auf die Reihe. Ob in Radiosendungen wie HR 2 – Der Tag oder dem aktuellen SPIEGEL: Die Trennung der Geschlechter in Täter Mann und Opfer Frau wird den Leuten derzeit wieder mit aller Gewalt in den Schädel gehämmert. Von Journalisten, die sich für besonders aufgeklärt und ethisch verantwortungsvoll halten natürlich.



2. Aber auch hierzulande gibt es jemanden, der aus dieser Einförmigkeit ausschert. Diese Publizistin heißt Mithu Sanyal, sie unterrichtet Gender und schreibt unter anderem für die "taz", das "Missy Magazin" und das feministische Gunda-Werner-Institut in der feministischen Heinrich-Böll-Stiftung. Mit Yasmina Banaszczuk und Nicole von Horst hat sie ein Buch zum Thema Sexismus herausgegeben.

Passt bis jetzt voll ins antifeministische Feindbild, oder? :-) So wie ich ja auch ins feministische Feindbild passe.

Mithu Sanyals neuestes Buch zum Thema Vergewaltigung ist allerdings nichts weniger als brillant und geht deutlich in Richtung des von vielen Männerrechtlern geschätzten Equity-Feminismus, wie wir ihn bislang nur aus den USA kennen. (Prompt brachte es einige radikale Feministinnen zum Austicken, und Mithu Sanyal erntete heftige Anfeindungen.) In die Richtung des männerfreundlichen Equity-Feminismus geht auch Mithu Sanyals aktueller Artikel für die "taz", der den medialen Gleichschritt mit dem Hinweis darauf durchbricht, dass Mitgefühl keine begrenzte Ressource ist. Ich zitiere mal etwas ausführlicher in der Hoffnung, dass Mithu Sanyal keine Einwände hat:

Was ist mit den Männern, die genauso Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben? Warum schreiben nur ganz, ganz wenige von ihnen hier? Weil #MeToo eindeutig an Frauen gerichtet ist. Wenn Männer aufgefordert werden, sich zu beteiligen, dann, indem sie darüber nachdenken sollen, warum sie "so etwas" machen.

(...) Nach nahezu jeder Lesung kommen Menschen und erzählen mir ihre Geschichten oder schreiben sie mir. Und überraschend viele dieser Mails kommen nicht von Frauen. Ein Leser mailte, dass er Opfer von sexualisierter Gewalt ist und eine der Sachen, die für ihn Heilung besonders schwer machen, ist, dass er in allen Texten und kulturellen Botschaften über Vergewaltigung immer als (potenzieller) Täter angesprochen wird, weil er ja ein Mann ist.

(...) Vor einer Weile saß ich im Zug nach Hause und die beiden angeschickerten jungen Männer mir gegenüber hatten ein dringendes Gesprächsbedürfnis: "Was hast du hier in Frankfurt gemacht?" Eine Lesung. "Eine Lesung?" Ja, eine Lesung. Bis ich ihnen schließlich den Titel meines Buchs verriet und der Angetrunkenere der beiden rief: "Du denkst bestimmt, dass nur Frauen vergewaltigt werden können! Aber ich bin ein halbes Jahr lang regelmäßig von meiner Exfreundin vergewaltigt worden." Worauf der andere kommentierte: "Na, wenn du das nicht gewollt hättest, hättest du sie ja verlassen können." Es war eine Sternstunde, den beiden sagen zu können, dass natürlich auch Männer vergewaltigt werden und wir inzwischen wissen, wie schwierig es ist, sich aus Missbrauchsbeziehungen zu lösen.


In den folgenden Absätzen nennt Mithu Sanyal genau jene Zahlen und Statistiken, die sich etwa auch in meinem eigenen Buch "Plädoyer für eine linke Männerpolitik" und hier auf Genderama finden und die belegen, dass Männer in einem ähnlichen Ausmaß Opfer sexueller Gewalt werden wie Frauen:

1.270 Millionen Frauen und 1.267 Millionen Männer gaben an, in ihrem Leben Opfer von sexualisierter Gewalt geworden zu sein.


In diesem Zusammenhang zitiert Mithu Sanyal ein Statement der feministischen Forscherin Lara Stemple, der zufolge "der Feminismus so lange und so hart gegen Vergewaltigungsmythen gekämpft hat (...), doch dass ein vergleichbarer Kampf gegen Vergewaltigungsmythen in Bezug auf Männer noch aussteht."

Ich will nicht zuviel vorab verraten (Mithu und ich kennen uns ein wenig), sondern nur: Man wird von dieser Journalistin noch einiges hören.



3. "Wir brauchen einen Feminismus für Männer" fordert Max Tholl im Berliner "Tagesspiegel". Damit endlich auch mal über die männlichen Opfer sexueller Übergriffe gesprochen wird? Ach was: Weil das "männliche Selbstbild in der Krise" ist, auch wenn es "dem weißen, heterosexuellen Mann ganz recht" geschieht", der "sich weiterhin verzweifelt an seinen Status" krallt und so weiter und so fort. In Max Tholls krudem Weltbild kommen alle Kerle als harte Cowboys und Stahlarbeiter daher, "Empathie und Sensibilität" lehnt "der Mann" selbstverständlich ab. Der "Ostmann" sei sowieso "unerreichbar".

Tholl ist bis jetzt nicht durch sachkundige männerpolitische Veröffentlichungen aufgefallen, aber bei diesem Thema gilt in unseren Leitmedien jeder als Experte, der das das übliche Mänerbashing wiederkäut, wie wir es seit 200 Jahren kennen. Das reicht in unseren Leitmedien, um gedruckt zu werden, während Menschen, die echte Fachleute und Aktivisten sind, ein Tritt in die Weichteile gebührt:

Es braucht auch die Stärkung und Ermutigung von innen, von den Männern. Die gegenwärtigen Männerrechtsbewegungen können das nicht leisten, denn sie bekämpfen eher die Rechte der Frau, als dass sie die Rechte der Männer fördern.


Woher diese Behauptung kommt, ist unergründlich, denn Tholl haut sie völlig belegfrei in seinen Artikel. Wer für den "Tagesspiegel" schreibt, benötigt offenbar kein Fachwissen; das zuverlässige Abspulen beliebter Klischees genügt.

Tholls Artikel kann auf Twitter kommentiert werden.



4.
Harvey Weinstein hat eine, zumindest mediale, Lawine ausgelöst. Man bekam den Eindruck, dass sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt bisher das größte Tabu in Europa und den USA gewesen wäre. Empörungsbewirtschaftung, Rufe nach dem Pranger, Negierung der Unschuldsvermutung und Dämonisierung sind die negativen Auswirkungen solcher Debatten. Auch Julian Dörr, ein Journalist von der Süddeutschen Zeitung, der sich vermutlich als Feminist bezeichnen würde, hat sich aktiv daran beteiligt. Nachfolgend eine Auseinandersetzung mit seinem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung.


Hier geht es weiter mit dem Beitrag von Mark Smith.



5. Vor einigen Tagen berichtete Genderama über Ilan Stephani, die sich über ihre Tätigkeit als Hure von einem Alice-Schwarzer-Fan zu einer Frau entwickelte, die begann, Empathie auch für Männer zu empfinden. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung verrät sie mehr:

Was wollten die Freier von Ihnen?

Sonderwünsche gab es selten. Ein Mann ging zum Beispiel in den Himmel dafür, dass ich mit den Füßen über seinen Bauch ging. Ansonsten habe ich viel geredet. Männer kommen mit einer immensen seelischen Bedürftigkeit in den Puff. Ich habe mich mehr um die Psyche gekümmert als um den Penis. Mit etwa 30 Prozent der Freier hatte ich gar keinen Sex.

Die Männer sind also eigentlich nicht so stark wie sie tun?

Patriarchat hört sich immer so an, als ob die Männer die Gewinner wären, aber ich habe im Puff keinen einzigen Mann erlebt, der sich wie ein Gewinner gefühlt hat. Sie fühlten sich abgehängt, verschämt, irgendwie unter Druck, wussten irgendwie auch nicht und hatten darauf gehofft, dass Paula ihnen beim Sex irgendwas wegmacht, damit sie sich auf ihre Arbeit, ihre Kinder und ihre Frau konzentrieren können.

(...) Was haben Sie im Puff sonst noch über Sex gelernt?

Die sexuelle Not des Mann ist ein echtes Problem unserer Gesellschaft.

Was meinen Sie damit?

Auf jeden Fall nicht den Boah-ich-muss-jetzt-Druck. Über weibliches sexuelles Elend auf dieser Welt - Vergewaltigungen, ewiges Lächeln und Mitspielen - darüber reden wir. Über die taubstumme männliche Sexualität sprechen wir nicht. Selbst Männer wissen nicht, was sie verpassen. Ich habe im Puff oft erlebt, dass die Befriedigung der Frau für die Männer über dem eigenen sexuellen Erleben stand.


Bemerkenswert sind die in den Artikel eingeschobenen Verlinkungen anderer Artikel der "Süddeutschen Zeitung" zum selben Thema. Die Überschriften lauten: "Alle Freier sind Täter" und "Männer können und wollen nicht treu sein".

Warum hassen Deutschlands Leitmedien die Männer?



6. Der linke Männerrechtler "Leszek" hat feministische Diskursstrategien analysiert und sagt voraus, wie sie sich ändern werden, sobald die Aufklärung der Männerechtsbewegung über die Benachteiligungen von Jungen und Männern nicht mehr zu ignorieren ist:

Die feministischen Diskurstrategien laufen m.E. also von

"Männer sind privilegiert und Männerrechtlern geht es nur darum ›männliche Privilegien‹ zu erhalten."

über

"Es gibt auch ein paar männliche Benachteiligungen, diese sind zwar viel, viel geringer zu gewichten, als Diskriminierungen, von denen Frauen betroffen sind, außerdem handelt es sich bei männlichen Benachteiligungen gar nicht um echte Diskriminierungen und schon gar nicht um Sexismus gegen Männer, sondern nur um ›Kollateralschäden des Patriarchats‹, die Resultat traditioneller Geschlechterrollen sind und Männerrechtler sind einfach zu blöd um zu kapieren, dass sie doch nur den vorherrschenden Feminismus unterstützen müssten, dann würden die von ihnen beklagten männlichen Benachteiligungen im Zuge des feministischen Sieges automatisch mitbeseitigt."

zu

"Auch Männer werden diskriminiert, auch Männer sind Opfer von Sexismus und zwar in signifikanter Weise und wir Feministinnen haben dies ja schon immer gesagt."

Letzteres wird aber erst dann erfolgen, wenn die Vertreter des Mainstream-Feminismus keine andere Möglichkeit mehr haben als zuzugeben, dass Diskriminierungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, zahlreich und in signifikanter Weise existieren, wenn es Männerrechtlern also erfolgreich gelungen ist feministische Lügen öffentlichkeitswirksam aufzudecken und die Realität männlicher Diskriminierungen öffentlichkeitswirksam bekannt zu machen und wenn jedes feministische Beharren darauf, dass Männer eine privilegierte Klasse seien, in der Öffentlichkeit als rückschrittlich, reaktionär, egoistisch und dumm empfunden wird. Ab diesem Zeitpunkt werden Vertreter des Mainstream-Feminismus dann viele männerrechtliche und integral-antisexistische Positionen ausdrücklich akzeptieren – weil sie keine andere Wahl mehr haben, wenn sie nicht als Lügner, Dummköpfe und männerfeindliche Reaktionäre dastehen wollen.

Zur Zeit befinden wir uns offensichtlich noch in der Phase der beiden erstgenannten feministischen Diskursstrategien. Und da Informationen bezüglich Diskriminierungen, sozialer Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, zunehmend, wenn auch in kleinen Schritten, die Öffentlichkeit erreichen, werden zukünftig wohl auch häufiger Diskursstrategien der zweitgenannten Variante von feministischer Seite Anwendung finden, in denen Männerrechtlern vorgeworfen wird, sie würden die Nachteile traditioneller Geschlechterrollen für Männer nicht kritisch analysieren und sie würden nicht erkennen, dass der vorherrschende Feminismus vorhandene männliche Benachteiligungen – die als »Kollateralschäden des Patriarchats« zu verstehen seien – doch gleich miterledigen würde und Männerrechtler sollten daher zum Feminismus überlaufen.

In Wahrheit haben linke und liberale Männerrechtler natürlich schon immer die Nachteile der traditionellen Geschlechterrolle für Männer als Mitursache männlicher Diskriminierungen berücksichtigt und jeder, der sich ein bißchen mit wichtigen Werken zu den wissenschaftlichen und theoretischen Grundlagen des Maskulismus beschäftigt hat, weiß dies.




7. Die neueste Hexenjagd findet gegen feministische Männer statt berichtet die Equity-Feministin Cathy Young:

The schadenfreude is understandable. Both Kriss and Myers had positioned themselves as feminist allies; less than two years ago, Myers had self-righteously assailed men’s rights activists ("cave-dwelling idiots") for denying the existence of "rape culture" and talking about false rape allegations. When these men are brought down by allegations of sexual assault, the reaction from anti-PC quarters is much like the gloating from liberals and progressives when a preacher or politician who thunders against enemies of traditional family values gets caught in an extramarital  —  or, better yet, gay  —  tryst. In each case, the alleged misdeeds are also seen as proof that the loudest "virtue-signalers" are actually the worst offenders.

But no matter how sweet someone else’s karma may taste, the problem of sexual witch-hunts remains. "Accusation equals guilt" is still a problem. Defining sexual assault/sexual harassment so broadly as to include vast swathes of boorish behavior, miscommunication, and murky happenings in the real world of private relationships is still a problem (one that has very little to do with sexual predators like Weinstein). And certainly, career destruction by innuendo is still a problem.


Das stimmt und ist der Grund, warum ich hier nicht hämisch über die aktuellen Vorwürfe berichtet und die Beschuldigten bei jenen männlichen Feministen eingereiht habe, deren Täterschaft im Zusammenhang mit sexueller Gewalt mir gut nachgewiesen erscheint. Auch hier sollte man sich vor Vorverurteilungen hüten. Dass regelmäßig Männer, die auf Maskulisten einprügeln, mit Vorwürfen sexueller Gewalt konfrontiert werden, ist zwar erwähnenswert. Wir haben hinsichtlich der aktuellen Fälle allerdings noch zu wenig Informationen für ein klares Bild.

So lautet dann auch das Fazit von Cathy Youngs Artikel:

There will probably be more left-wing male casualties of the current moral panic. It’s entirely possible that some of them will be genuine sex offenders or at least sexual harassers. It’s also entirely possible that some of them will be innocent, or guilty only under a ludicrously broad and paternalistic definition of sexual assault. Conservatives and "anti-SJWs" who are tempted to cheer should resist the temptation. In this witch-hunt, we all lose.




8. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir heute:

Apropos #MeToo - Mich (männlich, hetero) hat als 13-jähriger einmal ein Schwuler verführt, und als 14-jähriger eine Frau, die etwas über 30 war.

Das hat mich *nicht* traumatisiert.

Was ich in der Debatte vermisse: Darf man auch mal *kein* Opfer sein? Oder wenigstens untraumatisiert?

Irgendwie bewegt sich die Debatte insgesamt in Richtung Burka und Geschlechtertrennung, und das ist eine üble Entwicklung. Finde ich.