SPIEGEL-Titelgeschichte: "Männer rechts, Frauen links"
1. Auf dem Cover der heute erscheinenden aktuellen Ausgabe des SPIEGEL lautet das Titelthema: "Männer rechts, Frauen links. Der neue Kampf der Geschlechter und die Folgen für Politik und Liebe". Diese Polarisierung war in den letzten beiden Jahren kontinuierlich Thema auf Genderama. Die Spiegel-Titelgeschichte fasst sie unter der Überschrift "Die große Entfremdung" zusammen. Von "dramatischen Folgen für die Demokratie und die Zukunft der Liebe" ist hier die Rede. Für Nicht-Abonnenten steht der Artikel nur im Anriss online.
Das führt diesmal dazu, dass ich auf Langzitate verzichten, sondern den Artikel zusammenfassen muss. Die Rahmengeschichte dreht sich um einen jungen Ostdeutschen, der erst bei der AfD landete und, als er dort in einer Krise im Stich gelassen wurde, zur CDU wechselte. (Es geht in sehr vielen Absätzen des Artikels um die AfD.) Mit "Junge Männer in Deutschland wählen heute rechter als 2025, als 2021 und 2017" wird eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zitiert. Die Gründe für diese Entwicklung? "Jungs haben das Gefühl zu den Verlierern zu gehören." Begehrte Studienfächer etwa seien inzwischen fest in weiblicher Hand und viele Eltern hätten heute lieber ein Mädchen. Das sei nachvollziehbar: Jungen gälten als "zu laut, zu aggressiv, zu tumb", Frauen seien "weniger rücksichtslos als Männer" und landeten seltener im Knast. Dazu komme: "Noch immer werden Frauen von ihrem Ehemann oder Ex-Partner geschlagen oder vergewaltigt. Die Zahl der erfassten Fälle durch Männer lag im Fall 2024 so hoch wie nie zuvor." Dass im Jahr 2024 mehr Männer als Frauen Opfer häuslicher Gewalt wurden, lässt der SPIEGEL unter den Tisch fallen. So ganz ausssteigen möchte man beim Männer-Bashing nicht, das dann aber die folgenden Absätze immerhin als echtes Problem kenntlich machen.
Dafür nutzt der SPIEGEL ein Beispiel, das sich anbietet, Pauline Hermanges Buch, in dem sie zum Männerhass aufruft: "Wir dürfen keine Angst mehr haben, unsere Misandrie zu äußern und auszuleben." Der SPIEGEL räumt ein: "Schwer vorzustellen, dass ein männlicher Autor, der offen zur Misogynie aufruft, bei einem renommierten Verlag unterkäme." Rowohlt kannte da keine Skrupel und veröffentlichte das Pamhplet. "So gesehen ist es kein Wunder", urteilt der SPIEGEL, "dass sich die Gräben zwischen den Geschlechtern vertieft haben."
Nach weiteren Ausführungen über die AfD liefert die Geschichte einen zusammenfassenden historischen Rückblick über den Aufstieg der Alt-Right in den USA der zehner Jahre, über Trumps MAGA und die Manosphere. Inzwischen sei eine Dating-Kultur entstanden, bei der Wählerinnen der Demokraten republikanisch gesinnte Männer aussieben: "Die Ablehnung der anderen politischen Seite ist bei demokratischen Frauen etwa viermal so stark ausgeprägt wie bei republikanischen Frauen oder Männern." Der SPIEGEL zeigt sich besorgt: "Dieses Drama könnte in den kommenden Jahren auch Deutschland zerreißen: Junge Männer, die sich als Verlierer fühlen und (…) junge Frauen, die (…) von links das Gefühl vermittelt bekommen, Männer seien der Feind."
Dieses Gefühl wird von Populisten eifrig bewirtschaftet. In Mecklenburg-Vorpommern etwa wandte sich Manuela Schwesig in einem Wahlampfvideo an die Wählerinnen: "Liebe Frauen, wir können unser schönes Land doch nicht den Männern von der AfD überlassen." Das Parteiprogramm der Linken, merkt der SPIEGEL an, enthält viel Feminismus, aber keinen einzigen Punkt, wie die Probleme der Jungs adressiert werden könnten. Das wirkt aus der Zeit gefallen, denn: "Viele Wissenschaftler kommen inzwischen zu dem Ergebnis, dass es notwendig ist, sich den Nöten junger Männer genauso systematisch zu widmen wie der Diskriminierung junger Frauen." Eine politische Bewegung, die exakt das seit fast 30 Jahren fordert, bleibt unerwähnt.
Dafür führt der SPIEGEL Bettina Hanover an, eine Professorin für Schulforschung, die festgestellt habe, dass Jungen bei gleicher Leistung häufig schlechtere Noten erhielten. Was der SPIEGEL hier verschweigt: Sie ist nicht die erste, es gibt eine ganze Reihe von Studien, die das nachweisen. Dafür kommt Hanover treffsicher zum Punkt: "Wir reden an den Universitäten über so abstrakte Dinge wie das dritte Geschlecht und über die Frage, ob das Geschlecht als biologische Kategorie überhaupt existiert. Dabei ist völlig offenkundig, dass Jungs Probleme haben, die dringend adressiert werden müssen." Leider, so wird schließlich der US-amerikanische Autor Richard Reeves angeführt, tue die politische Linken die Probleme der Jungen als individuelles Versagen ab. Es herrsche eine "progressive Blindheit".
2. Unter dem Motto "Frauen haben es schwer, Männer auch: Diskriminierung ist kein Wettbewerb!" widmen sich Sinan von "Sinans Woche" und Matze von "Biased Skeptic" auf Youtube vierzig Minuten lang eben diesem Geschlechterkonflikt.
3. Die im Rahmen der UN-Generalversammlung am 17./18. September vorgelegte Schrift "Progress on the Sustainable Development Goals: The Gender Snapshot 2026" beleuchtet den weltweiten Fortschritt der Gleichstellung. Der Fokus liegt naturgemäß auf Repräsentationslücken von Frauen in Politik und Wirtschaft. Männerpolitisch problematisch bleibt der Bericht, weil geschlechtsspezifische Notlagen von Männern (wie die weltweit extrem hohe Suizidrate oder Arbeitsunfälle) im UN-Framing nach wie vor nicht als Gleichstellungsthema anerkannt werden.
4. Der britische Labour-Abgeordnete Sam Rushworth berichtet über eine von ihm initiierte Debatte im Unterhaus, die sich ausdrücklich mit der Bedeutung von Vätern und positiven männlichen Vorbildern beschäftigt. Er nennt unter anderem Vaterschaftsurlaub und die Benachteiligungen bestimmter Väter, insbesondere von Selbstständigen und Arbeitern. Zugleich kritisiert er, dass die politische Debatte über junge Männer häufig auf Arbeitslosigkeit, psychische Gesundheit und "toxische Männlichkeit" reduziert werde.
5. Vergangene Woche wurde eine wachsende Tendenz unter Bundesstaaten der USA bilanziert, bei Scheidungen eine exakt gleich aufgeteilte Elternzeit als gesetzlichen Standard festzulegen. Nach Reformen in Staaten wie Florida oder Louisiana zeigt der Trend im Spätsommer 2026 deutliche Wirkung: Die Hürde für eine ungleiche Verteilung liegt nun bei Gericht, da eine bewusste Abweichung stichhaltig begründet werden muss. Väterrechtler werten dies als Meilenstein gegen die historische Benachteiligung von Vätern bei Sorgerechtsentscheidungen, Feministinnen beklagen einen möglichen Schaden für "verletztliche Frauen und Kinder".
6. Der namibische Arbeits- und Justizminister Wise Immanuel erteilte im Parlament Forderungen nach einem gesetzlichen Anspruch auf Vaterschaftsurlaub eine Absage. Trotz einer Erhöhung von Mutterschaftsleistungen stellte seine Regierung klar, dass es keinen gesetzlichen Anspruch für Väter geben wird, und berief sich darauf, dass selbst die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) keine entsprechende Pflicht vorschreibt. Die Entscheidung entfachte eine breite Debatte über die staatliche Anerkennung von Väterarbeit im Südlichen Afrika.
7. Zwei südafrikanische Forscher beschäftigen sich damit, wie aus Jungen später gewalttätige Männer werden können. Genannt werden unter anderem Kindheitstraumata, Gewalt im Elternhaus, Armut und bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit. Zugleich wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die allermeisten Jungen, die solche Erfahrungen machen, später nicht gewalttätig werden. Die Autoren argumentieren außerdem, dass es nicht ausreiche, Jungen einfach zum "Reden über ihre Gefühle" aufzufordern. Nötig seien sichere Räume und Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung.
8. Das ist mir glatt entgangen im Eifer des Gefechts: Vorgestern wurde Genderama 22 Jahre alt.
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