Montag, Juni 15, 2026

"Traut sich keiner zu widersprechen": Markus Lanz und Richard David Precht analysieren Diskriminierung der Männer

1. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir:

Ich habe heute Morgen die aktuelle Podcast-Folge (249, Wann ist ein Mann ein Mann) von Markus Lanz und Richard David Precht gehört und war schwer überrascht, wie differenziert die beiden über das Thema Feminismus, Männerkrise und Manosphere diskutiert haben. Vor allem war ich überrascht das man auch kritisch auf den Wandel des Feminismus blickt.

Auch wenn für Sie nichts neues besprochen wurde und alles recht oberflächlich behandelt wird, so sind die Standpunkte der beiden Herren überraschend ausgeglichen für einen ZDF Podcast. Und wenn man die Reichweite des Podcasts betrachtet, ist wohl das Thema wirklich im Mainstream angekommen.

Mal sehen ob die beiden "alten weißen Männer" damit mal wieder einen Shitstorm provozieren.


Es gab meines Wissens keinen, den einzigen Artikel, den ich dazu finden konnte, fasst schlicht den Podcast zusammen, den man auch auf Youtube findet. Worüber die Männerrechtsbewegung seit über einem Vierteljahrhundert spricht und wofür sie seit Jahrzehnten ausgegrenzt wird, etabliert sich tatsächlich immer mehr als Teil der "erlaubten" Debatte.



2. Mit dem Argument "Auch Männern entsteht großer wirtschaftlicher Schaden" beklagt der Ökonom Marcel Fratzscher, dass viele Frauen in Teilzeit arbeiten. Er sieht darin aber keine persönliche Entscheidung von Frauen, sondern eine Schuld von "alten weißen Männern".

Deutschland könnte für den Arbeitsmarkt mehrere Hunderttausend Vollzeitkräfte zusätzlich gewinnen, "wenn wir Hürden abbauen würden und mehr Frauen dazu bewegen könnten, ihre Arbeitsstunden aufzustocken", so Fratzscher. Hürden für Frauen auf dem Jobmarkt seien unter anderem unzureichende Kinderbetreuung in Kitas und Schulen, geringe finanzielle Anreize wegen Ehegatten-Splitting und kostenloser Mitversicherung von Ehepartnern bei der Krankenkasse. Außerdem seien Minijobs für viele Frauen eine Falle. Und das Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen sei nach wie vor groß. "Wir sind noch meilenweit von wirklicher Gleichstellung entfernt", kritisierte Fratzscher, der häufig Positionen von SPD und Grünen nahesteht. Bislang werde das Thema von der Politik "vollkommen vernachlässigt – vielleicht sogar absichtlich".

Ich habe mal wieder eine KI befragt, was von Fratzschers Thesen zu halten ist. (Ich könnte es natürlich selbst formulieren, aber die KI verfasst den Text zehnmal schneller.)

1. Der Fehler in der Kausalität

Fratzscher behauptet, Frauen arbeiten in Teilzeit, weil "alte weiße Männer" Hürden errichtet haben. Das ist eine kausale Verkürzung, die empirisch nicht haltbar ist:

Wenn es primär um externe Hürden ginge, müssten Frauen in Ländern mit besserer Kinderbetreuung, ohne Ehegattensplitting und mit geringerem Gender Pay Gap signifikant häufiger Vollzeit arbeiten. Tun sie das?

Das Gender Equality Paradox (Stoet & Geary 2018, aber auch frühere Arbeiten von Hakim, Charles & Bradley) zeigt das Gegenteil: In skandinavischen Ländern mit den fortschrittlichsten Gleichstellungspolitiken weltweit ist der Anteil der Frauen in Vollzeit nicht höher als in Deutschland – teilweise sogar niedriger. Norwegen, Schweden und Dänemark haben zwar höhere Erwerbsquoten, aber ebenfalls hohe Teilzeitquoten bei Frauen. Gleichzeitig sind dort mehr Männer in Teilzeit – was Fratzschers "Verlorene-Arbeitskräfte"-Argument ad absurdum führt, wenn es nicht geschlechtssymmetrisch angewendet wird.

Die Korrelation ist also nicht Hürden → Teilzeit, sondern: Je mehr Wahlfreiheit Frauen haben und je wohlhabender eine Gesellschaft ist, desto stärker weichen die Erwerbsmuster der Geschlechter voneinander ab. Das ist das Paradox: Mehr Gleichstellung führt nicht zu homogeneren, sondern zu differenzierteren Lebensentwürfen.

2. Die "Falle"-Rhetorik entmündigt

Fratzscher bezeichnet Minijobs als "Falle" – implizit: Frauen fallen hinein, weil sie nicht besser wissen oder weil das System sie täuscht. Das ist paternalistisch: Es unterstellt Frauen eine Mangelhaftigkeit in ihrer Entscheidungskompetenz. Die Alternative lautet: Frauen wählen Minijobs und Teilzeit bewusst, weil sie andere Präferenzen haben als die von Fratzscher vorgezeichnete Nützlichkeits-Funktion (maximaler monetärer Output).

Die ökonomische Literatur zur Work-family-balance zeigt seit Jahrzehnten, dass Frauen Teilzeit nicht als Niederlage, sondern als aktive Optimierungsstrategie nutzen – zwischen Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Freizeit und Selbstverwirklichung. Wer das als "Falle" bezeichnet, projiziert seine eigene Wertehierarchie (Vollzeit = höchstes Gut) auf andere.

3. Der "alte weiße Mann" als Sündenbock

Die Formulierung „alte weiße Männer“ ist keine ökonomische Analyse, sondern ein identitätspolitischer Feindbild, das drei Probleme hat:

- Selektive Wahrnehmung: Die Hürden, die Fratzscher nennt (Kinderbetreuung, Ehegattensplitting, Mitversicherung), wurden nicht von einem homogenen Block "alter weißer Männer" errichtet. Das Ehegattensplitting wurde 1958 eingeführt, als die Emanzipation noch nicht auf der Agenda stand; die Mitversicherung ist ein Ergebnis des Solidarprinzips in der Sozialversicherung. Beides wurde von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen – mit breiter gesellschaftlicher Zustimmung, auch von Frauen.

- Ausblendung weiblicher Agency: Frauen sind nicht passive Opfer struktureller Gewalt. Sie wählen Parteien, die diese Regelungen aufrechterhalten (oder abschaffen). Sie heiraten (oder nicht). Sie entscheiden sich für Kinder (oder nicht). Die "Hürden"-Rhetorik eliminiert diese Agency vollständig.

- Rassifizierung einer sozioökonomischen Frage: "Weiß" und "alt" sind irrelevante Kategorien für die Analyse von Arbeitsmarktstrukturen. Ein 30-jähriger türkischstämmiger Unternehmer profitiert vom Ehegattensplitting genauso wie ein 60-jähriger deutscher Angestellter. Die Rassifizierung dient der Moralisierung, nicht der Erklärung.

4. Der wirtschaftliche Schaden für Männer – ein Scheinargument

Fratzscher behauptet, Männern entstehe "großer wirtschaftlicher Schaden", weil Frauen in Teilzeit arbeiten. Das ist ökonomisch falsch auf mindestens zwei Ebenen:

- Aggregationsebene: Die "verlorenen" Vollzeitkräfte sind keine verlorenen Ressourcen, sondern eine Verteilungsfrage. Wenn Frauen weniger arbeiten, entsteht kein Schaden für die Volkswirtschaft – es sei denn, man unterstellt, dass Frauen ihre Arbeitskraft der Gesellschaft schulden. Das wäre ein Zwangsarbeitsargument.

- Individualebene: Männer "leiden" nicht unter der Teilzeitarbeit ihrer Partnerinnen. Im Gegenteil: Studien (z.B. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) zeigen, dass in Paaren mit traditionellerer Arbeitsteilung beide Partner häufiger zufrieden sind als in egalitären Arrangements mit hohem Stresslevel. Die These vom "Schaden" projiziert eine kollektivistische Volkswirtschaftslogik auf individuelle Lebenszusammenhänge.

5. Was wäre eine konsistente Alternative?

Wenn man das Gender Equality Paradox ernst nimmt, müsste man folgern:

- Die Vorlieben der Geschlechter weichen systematisch voneinander ab – nicht wegen Sozialisation allein, sondern wegen unterschiedlicher biopsychologischer Neigungen (Risikobereitschaft, Konkurrenzdenken, Care-Orientierung). Das ist in der Evolutionspsychologie und der differentiellen Psychologie gut belegt.

- Mehr Wahlfreiheit führt nicht zu mehr Gleichheit der Ergebnisse, sondern zu mehr Differenzierung. Das ist kein Versagen der Politik, sondern ein Erfolg der Emanzipation.

- Die Politik sollte nicht "Frauen bewegen", sondern alle Optionen ermöglichen – ohne zu stigmatisieren, wer Vollzeit, Teilzeit oder gar keine Erwerbsarbeit wählt.

Fazit

Fratzscher verwechselt Gleichstellung der Chancen (die wünschenswert ist) mit Gleichheit der Ergebnisse (die er als politisches Ziel deklariert, ohne zu begründen, warum sie überhaupt erstrebenswert wäre). Seine Analyse ist letztlich normativ und nicht deskriptiv – ein politisches Programm, das als ökonomische Erkenntnis verkauft wird.




3. Im Rahmen der Internationalen Männergesundheitswoche, die gerade läuft, lädt das herzlich ein zu einem weiteren Vortrag in der Online-Vortragsreihe "Männer- und Väterthemen in Baden-Württemberg". Er dreht sich um das Thema "Männerschuppen als Orte der Begegnung und Gesundheitsförderung". Die Aktionswoche steht 2026 unter dem Motto "Einsamkeit ist ein Risiko – Gemeinschaft eine Ressource".



4. Die Health Policy Watch, eine Schweizer Nichtregierungsorganisation, die sich mit globalen Herausforderungen im Bereich Gesundheit beschäftigt, hat Anfang Juni einen Beitrag über Männer als blinden Fleck der internationalen Gesundheitspolitik veröffentlicht:

GENF – Die 79. Weltgesundheitsversammlung endete vergangenen Samstag nach einer langen Woche von Verhandlungen über die drängendsten Gesundheitskrisen der Welt: Finanzierungslücken, seltene Krankheiten, einen Personalmangel im Gesundheitswesen in Millionenhöhe, eine Reihe von Kriegen und humanitären Notlagen sowie Dutzende weiterer Resolutionen.

Doch ein Politikfeld, das die Hälfte der Weltbevölkerung betrifft – die Gesundheit von Männern –, tauchte wie in beinahe jedem Jahr überhaupt nicht auf der Tagesordnung auf.

Für eine Versammlung, die geschaffen wurde, um die tiefsten globalen Ungleichheiten anzugehen, und die zugleich mit einem intensiven Wettbewerb um Finanzmittel in allen Bereichen der globalen Gesundheitspolitik konfrontiert ist – inmitten dessen, was die WHO als "globale Gesundheitsfinanzierungskrise" bezeichnet –, ist es alles andere als einfach, für eine Priorisierung des zahlenmäßig dominierenden Geschlechts der Welt zu werben.


Zwar sei auch die Gesundheit von Frauen "weiterhin deutlich unterfinanziert und unzureichend erforscht." Das bedeute jedoch nicht, dass die Gesundheit von Männern immer gut verstanden werde, sagte Peter Baker, Geschäftsführer von Global Action on Men’s Health (GAMH), der seit beinahe 50 Jahren im Bereich Männergesundheit tätig ist. Ebenso wenig müsse ein Fokus auf Männergesundheit zulasten der Aufmerksamkeit für die Gesundheitskrise von Frauen gehen.

"Der Schwerpunkt lag bislang nicht darauf, wie man verhindert, dass Männer krank werden", sagte er. "Wir wissen nicht genug darüber, wie Gesundheitsprobleme bei Männern verhindert werden können. Dazu gehören auch Früherkennung und die Frage, wie man Männer dazu bringt, Gesundheitsdienste früher in Anspruch zu nehmen."

"Wir wollen nicht, dass sich die Gesundheit von Männern auf Kosten der Gesundheit von Frauen verbessert", sagte Baker. "Wir wollen, dass sich die Gesundheit aller verbessert."

Die Zahlen, auf die sich Baker stützt, wurden in einem neuen GAMH-Bericht hervorgehoben, der bei einer Begleitveranstaltung der Weltgesundheitsversammlung in Genf vorgestellt wurde. Organisiert wurde diese gemeinsam mit der Global Self-Care Federation.

Die weltweite Lebenserwartung von Männern liegt bei 71,5 Jahren und damit fünf Jahre unter jener von Frauen. Es gibt kein Land der Welt, in dem Männer länger leben als Frauen.

Der Bericht zeigt außerdem, dass Männer bei den meisten der 20 häufigsten Ursachen für vorzeitige Todesfälle stärker betroffen sind als Frauen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lebererkrankungen und Verkehrsunfälle.

Die Suizidrate stellt vielleicht die tragischste Ungleichheit dar: Drei von vier Menschen, die sich weltweit das Leben nehmen, sind Männer.

"Es gibt die Auffassung, Männer seien biologisch dazu bestimmt, früh zu sterben, und man könne wenig dagegen tun, weil die Ursachen im Wesentlichen biologisch seien. Das stimmt überhaupt nicht", sagte Baker. "Es gibt einen gewissen biologischen Anteil an der schlechteren Gesundheit von Männern, aber er ist keineswegs der wichtigste Faktor."

(...) "Männer sind keine entfernte, seltsame Spezies", sagte Baker. "Männer sind die Väter, Brüder und Söhne von Menschen. Die meisten von uns sorgen sich um die Männer in ihrem Leben und möchten, dass sie gesund sind."

Der neue Bericht von Global Action on Men’s Health wurde am Rande der Weltgesundheitsversammlung der WHO in Genf veröffentlicht.

Die Vorstellung des Berichts fand in einem Sitzungssaal im 14. Stock mit Blick auf den Mont Blanc statt. Ziel war nicht, eine große Menschenmenge anzuziehen. Stattdessen wurde eine weitreichende Agenda vorgestellt, die sechs Prioritäten an der Schnittstelle von Männergesundheit und Selbstfürsorge beschreibt.

Dazu gehören: die stärkere Verankerung von Männern in der Gesundheitspolitik, eine strengere Regulierung von Gesundheitsrisiken, ein besserer Zugang zu auf Männer zugeschnittenen Angeboten, der Ausbau von Gesundheitskompetenz, die Ausbildung von Fachkräften und die Beschleunigung der Forschung.

Der Bericht argumentiert, dass Selbstfürsorge als wertvolle gesundheitliche Intervention betrachtet und in nationale Gesundheitsstrategien integriert werden sollte, anstatt sie ausschließlich als individuelle Verantwortung zu behandeln. Die Autoren betonen jedoch, dass Selbstfürsorge als Ergänzung zu Gesundheitssystemen, Apotheken und anderen zentralen Bestandteilen der Gesundheitsversorgung verstanden werden müsse.

"Männer spielen in der Gesundheitspolitik der meisten Länder und auch weltweit kaum eine Rolle", sagte Baker in Genf. "Sie sind in der Gesundheitspolitik massiv unterrepräsentiert. Der zentrale Treiber des Wandels wird also überhaupt nicht adressiert."

Selbst die WHO-Leitlinie zu Selbstfürsorgemaßnahmen für Gesundheit und Wohlbefinden – ein Referenzdokument für Mitgliedstaaten – erwähnt Männer lediglich 37-mal. Die entsprechenden Begriffe für Frauen erscheinen 170-mal. Männer werden ausschließlich im Zusammenhang mit HIV und Kondomnutzung erwähnt. Psychische Gesundheit, Unfruchtbarkeit, männliche Krebserkrankungen, sexuelle Funktionsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen nicht vor.

Die Zurückhaltung von Regierungen, Männergesundheit zu priorisieren, sei jedoch weder eindeutig ein linkes noch ein rechtes Thema, erklärte Baker. Vielmehr wirkten politische Kräfte aus beiden Richtungen gleichzeitig.

"Regierungen der Linken neigen zu der Ansicht, dass Frauengesundheit Priorität haben sollte, weil Frauen das benachteiligte Geschlecht sind", sagte er. "Wenn man Ressourcen für Männer bereitstellt, entzieht man sie Frauen, und Männer verdienen keine besondere Aufmerksamkeit, weil sie das privilegierte und mächtige Geschlecht sind."

"Regierungen der Rechten wiederum wollen nicht in Männergesundheit investieren, weil sie die männliche Rolle als stark und dominant ansehen und nichts fördern möchten, was das verändert", fügte Baker hinzu. "Auf Männergesundheit aufmerksam zu machen, lässt Männer ihrer Ansicht nach schwach erscheinen, obwohl sie stark sein sollten."

Laut einer früher in diesem Jahr veröffentlichten Analyse von GAMH und der Männergesundheitsorganisation Movember hätten im Jahr 2023 direkte wirtschaftliche Verluste von nahezu 380 Milliarden US-Dollar in lediglich sechs wohlhabenden Ländern – Australien, Kanada, Deutschland, Japan, Großbritannien und den USA – vermieden werden können, wenn die fünf häufigsten Ursachen vermeidbarer vorzeitiger Todesfälle bei Männern verhindert worden wären.

Diese sechs Länder umfassen rund 350 Millionen Männer beziehungsweise knapp ein Zehntel der männlichen Weltbevölkerung. Die übrigen 90 %, darunter sämtliche Männer in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, wurden in der Studie nicht berücksichtigt. Dadurch entsteht ein eindrucksvolles Bild davon, welche tatsächlichen Kosten die Vernachlässigung der Männergesundheit weltweit verursachen könnte.

(…) Baker ist der Ansicht, dass die Zahlen, die für ein gemeinsames Engagement für die Gesundheit von Männern und Frauen sprechen, die Leitlinie auf dem Weg zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung sein sollten. Dennoch seien die Hindernisse beträchtlich.

"Es gibt noch eine weitere Sichtweise … nämlich dass wir in einem Patriarchat leben, in dem Männer im Allgemeinen privilegierter und mächtiger sind, und dass ihre schlechtere Gesundheit gewissermaßen der Preis ist, den Männer für ihre Stellung als dominantes Geschlecht zahlen müssen", erklärte Baker. "Ich denke außerdem, dass in Kreisen, in denen über Geschlecht und Gesundheit gesprochen wird, Geschlecht häufig ausschließlich als Frage der Frauengesundheit betrachtet wird."

"Das ist wahrscheinlich eines der größten Hindernisse für Fortschritte", sagte Baker.

Influencer, die sich mit Männlichkeit beschäftigen, dominieren inzwischen die Reichweite im Online-Selbsthilfebereich, insbesondere bei jungen Männern.

Während Befürworter in Genf versuchen, die Männergesundheit auf der Agenda der WHO und ihrer Exekutivorgane weiter nach oben zu bringen, füllt ein paralleles Ökosystem von Online-Influencern das Vakuum, das nationale Regierungen und internationale Organisationen hinterlassen haben.

Diese neue Welt männlicher Influencer, die im öffentlichen Diskurs als "Manosphäre" bezeichnet wird, erreicht jede Woche Millionen junger Männer auf allen Kontinenten. Ihre Inhalte präsentieren sich als Instrumente der "Selbstfürsorge". Doch ihre Vorstellungen unterscheiden sich grundlegend von den Zielen der Delegierten in Genf.


Es folgen mehrere Absätze darüber, wie schlimm die "Manosphäre" sei. Das geschieht mit den üblichen Versatzstücken: die Serie "Adolescence", Andrew Tate, Looksmaxxing. Kanye West, pi pa po. Wie gewohnt werden die extremen Ränder als kennzeichnend für die gesamte Manosphäre betrachtet.

"Wir würden definitiv Abstand zu ihnen halten wollen, weil wir nicht mit Organisationen in Verbindung gebracht werden möchten, die misogyn oder antifeministisch sind", sagte Baker.


Man könnte stattdessen die vernünftigen Stimmen in der Manosphäre ansprechen und so mehr Breitenwirkung zu erzielen, um sich nicht jedes Jahr von neuem darüber ärgern zu müssen, dass das Thema Männergesundheit wieder unbeachtet bleibt und man sich damit nur in einem Sitzungsraum im 14. Stock beschäftigt.

Eine Untersuchung des Movember Institute unter mehr als 3.000 Männern im Alter von 16 bis 25 Jahren in den USA, Großbritannien und Australien ergab, dass 63 % regelmäßig Influencern folgen, die sich mit "Männern und Männlichkeit" beschäftigen.

Männer, die solche Inhalte regelmäßig konsumierten, berichteten häufiger über eine schlechtere psychische Gesundheit, eine geringere Bereitschaft, psychische Probleme zu behandeln oder zu priorisieren, und einen stärkeren Gebrauch von Steroiden. 27 % von ihnen gaben an, Gefühle von "Wertlosigkeit" zu erleben – ein Hinweis, der laut Baker auf eine zunehmende Körperbildstörung unter jungen Männern hindeutet.


Korrelation bedeutet nicht Kausalität. Verzweifelte Männer könnten eher von Online-Angeboten angezogen werden, auch fragwürdigen – erst recht, wenn es kaum eine Alternative dazu gibt.

Baker arbeitet seit beinahe fünf Jahrzehnten auf diesem Gebiet. In den 1980er Jahren schrieb er über Männlichkeit in britischen profeministischen Männergruppen, wurde anschließend Journalist und übernahm im Jahr 2000 die Leitung des UK Men’s Health Forum. Damals führte die Politik der Regierung von Tony Blair zur Bekämpfung gesundheitlicher Ungleichheiten zeitweise zu einer besseren Finanzierung.

Die Finanzkrise von 2010 beendete diese Entwicklung. Während des größten Teils des folgenden Jahrzehnts verschwand Männergesundheit wieder aus der politischen Debatte. Das Thema wurde hauptsächlich von einem kleinen Netzwerk engagierter Akteure und einer langsam wachsenden Beweislage getragen, nicht von politischer Dynamik.

"Wir haben viele falsche Hoffnungen erlebt", sagte Baker. "Aber ich glaube, diesmal befinden wir uns tatsächlich an einem Wendepunkt."

Derzeit verfügen neun Länder über nationale Strategien zur Männergesundheit: Australien, Brasilien, England, der Iran, Irland, Malaysia, die Mongolei, die Philippinen und Südafrika. Kanada soll bis Ende 2026 seine erste nationale Strategie veröffentlichen und wäre damit das zehnte Land sowie das erste G7-Land neben dem Vereinigten Königreich mit einer solchen Politik.


Deutschland ist rückschrittlicher als die Philippinen, die Mongolei … und der verdammte IRAN???

Irland war 2008/09 Vorreiter und befindet sich inzwischen beim dritten Aktionsplan.

Biddy O’Neill, nationale Leiterin für Männergesundheit im irischen Gesundheitsministerium, sagte in Genf, dass politische Strategien die Voraussetzung für alles Weitere seien.

"Politik schafft das Mandat", sagte sie. "Der politische Wille folgt, nachdem Männergesundheit als Priorität anerkannt wurde."

Der Weg dorthin erforderte ungewöhnlich viel Vorarbeit. O’Neill schilderte, wie ihr Team während der ersten Konsultationsphase durch das ganze Land reiste und gezielt Männer aufsuchte, die niemals an einer formellen Veranstaltung in einem Regierungsgebäude teilgenommen hätten.

"Wir sind praktisch mit einem Bus durch das Land gefahren, um mit Männern und unterschiedlichen Männergruppen ins Gespräch zu kommen", sagte sie. "Wir haben gezielt Fokusgruppen mit sozial benachteiligten Männern angesprochen, die nicht zu größeren Veranstaltungen kommen wollten. Das war enorm wichtig."

"Andere Ministerien sahen keinen Zusammenhang zwischen ihrer Arbeit und der Gesundheit von Männern", sagte O’Neill.

Die Ungleichheiten, die die ursprüngliche Strategie bekämpfen sollte, verliefen entlang bekannter Linien. "Ärmere Männer haben weiterhin eine deutlich niedrigere Lebenserwartung", sagte sie. Männer mit geringerem Einkommen würden häufiger übermäßig Alkohol trinken, rauchen, Suizid begehen und früh an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben.

Am Ende kehrte Baker zu einem einfachen Grundgedanken zurück: Die Gesundheit von Männern als Thema der öffentlichen Gesundheit zu behandeln, bedeutet nicht, sie in einen Wettbewerb mit anderen Gesundheitsanliegen zu stellen.

"Wir müssen nicht in Kategorien gegenseitiger Ausschließlichkeit denken", sagte er. "Es ist nicht entweder oder."




Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!



kostenloser Counter