Die "Welt" titelt: "Wenn Männer nicht wenigstens einmal pro Woche ejakulieren, werden sie so launisch und aggro!"
1. "Die Welt" berichtet:
Damien ist in den schummrigen Gängen von "Victor's Secret" unterwegs. Sein Freund erklärt ihm ein paar grundlegende Dinge aus dem Leben eines Mannes: "Wenn du zu hässlich bist, werfen sie dich raus, bevor du es überhaupt bemerkst. Wenn du aber zu gut aussiehst, wird dich keiner je ernst nehmen, egal, wie gut deine Arbeit ist. Dein Aussehen muss also genau diesem einen, schmalen Fenster dazwischen liegen." Dann schleppt er Damien zu den Umkleidekabinen, wo ein rabiater Verkäufer seine Hoden vermessen will – er brauche schließlich dringend einen Hodenhalter, damit all das da unten nicht "wie ein paar Golfbälle in einer alten Socke herum baumelt". Und für die Frauen gut aussieht, bequem muss es nicht sein.
Es sind Szenen wie diese, weshalb der neue Netflix-Film mit Sacha Baron Cohen (Borat), aktuell gefeiert wird, in den Top 10 der Streaming-Charts steht. "Ladies First" erzählt die Geschichte des sehr stereotyp-toxischen Machos Damien, der nach einem Schlag auf den Kopf in einer alternativen Realität aufwacht, in der Frauen all das sind und tun, was sonst Männern zugeschrieben wird: Sie haben die Macht (politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich), die Jobs, die Attitüde, die Vorurteile. Sie, ja, furzen und sagen "Lächel doch mal!" zu ihren männlichen Angestellten.
Männer gelten als das "schwächere Geschlecht", werden auf ihr Äußeres reduziert, erleben Benachteiligungen im Berufsleben und müssen sich in einer Welt zurechtfinden, deren Regeln von Frauen bestimmt werden. So reibt sich eine Frau in der U-Bahn an Damien, er wird herablassend behandelt, darf in Meetings nicht aussprechen, wird gefragt, ob er etwa diese Woche noch nicht masturbiert habe – "Ich schwörs euch, wenn Männer nicht wenigstens einmal pro Woche ejakulieren, dann werden sie so launisch und aggro!"
Die Redakteurin der "Welt" ist unzufrieden mit diesem Film. Nicht wegen seiner grotesken Männerfeindlichkeit, sondern weil er in einer Hinsicht dann doch vergisst, dass Frauen die besseren Menschen sind:
Denn er lässt eben auch den Rückschluss zu: Wer die Macht hat, missbraucht sie. Wer die Welt regiert, wird korrumpiert. Das Problem ist nicht die patriarchale Sozialisation. Das Problem ist schlicht: Macht. Mächtige Männer sind doof, mächtige Frauen am Ende aber auch. Kann sein – will der Film das wirklich als Botschaft mitgeben? Ohne es zu hinterfragen? Untergräbt der Film hier nicht seine eigene feministische Prämisse, ist zu wenig eindeutig? Wäre es nicht viel revolutionärer und feministischer, eine Welt zu zeigen, die von Frauen regiert wird, die sich auch wie Frauen verhalten? Können wir uns das nicht vorstellen? Oder wären Frauen dann wirklich wie Männer?
(…) Eine Gesellschaft, die wirklich von Frauen dominiert wird, würde sich doch hoffentlich gerade nicht über "die Zeit im Monat" lustig machen. Vielleicht gäbe es einen Nachteilsausgleich, überall gratis Tampons, Pflegerinnen (und Pfleger!) wären Millionäre, Erzieherinnen bekämen besonders viel Urlaub. Man könnte sie wie Kim Kardashian inszenieren, Reichtum und Wertschätzung ihrem gesellschaftlichen Wert entsprechend, nicht der Po-Größe. Der Alltag in dieser Welt wäre nicht sexistisch geprägt einem Geschlecht gegenüber.
Denn der Feminismus würde niemals Männer verunglimpfen, er steht bekanntlich für Liebe und Respekt.
2. Maja Goertz setzt ihre Kampagne für mehr weibliche Wut in der Süddeutschen Zeitung fort und stellt Bücher vor, die diese Wut feiern. So heißt es über den Oder lassen die anderen verstummen, wie im koreanischen Roman "Plant Lady" von Minyoung Kang:
Die Protagonistin Yu-hee betreibt einen Pflanzenladen, ihr eigentliches Geschäft aber erledigt sie im Hinterhof: Zu ihr kommen Frauen und erzählen von Männern, die sie kontrollieren, misshandeln, bedrohen. Es sind die Prototypen toxischer Männlichkeit: Einer lädt seine psychischen Probleme bei seiner Freundin ab und verweigert eine Therapie, einer stellt seiner Frau nach, ein Dritter ist ein gewalttätiger Vater. "Wenn er nur ein bisschen … diesen Schmerz verstehen könnte …", wünscht sich seine Tochter. Yu-hee kümmert sich darum. "Menschen … kann man hier umbringen lassen, oder?", fragt eine Kundin ganz direkt. Wie Yu-hee das anstellt, wird genau beschrieben, die Sprache bleibt dabei abgeklärt, wirklich nah kommt man der Figur kaum. Sie tritt weniger als Serienmörderin auf denn als Vollstreckerin, die Frauen schützt, wenn niemand anderes es tut.
(…) Die Gewalt wirkt wie Notwehr, geboren aus der Angst, selbst zum Opfer zu werden. Auch die Romane "Männer töten" von Eva Reisinger oder "How To Kill a Guy in Ten Ways" von Eve Kellman variieren den Topos der weiblichen Selbstjustiz. In letzterem glaubt die Erzählerin: "Moral sei eine Grauzone und das Gesetz so oder so interpretierbar." Erzählt wird da in Form des Thesenromans: Was wäre, wenn Frauen ihre Rachefantasien in die Tat umsetzen würden? Was wäre, wenn sie selbst in die Hand nähmen, wobei ihnen offenbar keine staatliche Ordnung helfen kann? Was wäre, wenn Männer Angst vor Frauen hätten, und nicht umgekehrt?
Wie die Rapperin Ikkimel in ihrem Song "Giftmord" fantasiert: "Frauen brauchen kein Schimpfwort, unsre Waffe heißt Giftmord", oder auch: "Ich will nicht, dass wir gleich sind, ich will Rache."
Zum Schluss bekommt der Artikel halbwegs die Kurve und endet mit dem Fazit:
Ausgelebte Aggression, die andere Menschen verletzt, hat mit Emanzipation oder Empowerment eben doch nichts zu tun. Denn die Vorstellung, dass Wut, die sich in Gewalt entladen darf, um den anderen, den Männern, zu zeigen, wie sich das anfühlt, dass Rache Geschlechtergerechtigkeit schafft, kann auch die Literatur nicht plausibel machen – wenn sie ehrlich ist.
Von der Vorstellung, dass Gewalt in der Wirklichkeit von Männern gegen Frauen ausgeht und wenn es anders ist, Täterinnen einen guten Grund für ihre Gewalt hätten ("Verzweiflung" nämlich), löst sich auch dieser Artikel nicht. Journalistinnen müssen keine Studien lesen, es gibt doch Romane.
3. "Irrer Looksmaxxing"-Trend: Männer leiden für ihre Schönheit? Na endlich!" freut sich eine Schlagzeile der Hamburger Morgenpost:
Seit Jahren schauen wir Frauen dabei zu, wie sie ihr Aussehen durch chirurgische Eingriffe verändern. Größere Brüste, Lippen und Hintern, kleinere Nasen, schmalere Taillen. Alles für den angeblichen „idealen Körper“. Ungefährlich sind diese Operationen nicht, an einigen Eingriffen sind Frauen sogar gestorben. Und plötzlich greifen auch Männer zu gefährlichen Mitteln, um ihr Äußeres aufzupolieren. „Looksmaxxing“ heißt ein bizarrer Trend, bei dem Männer in der Hoffnung auf ein dominanteres Aussehen sogar das eigene Gesicht mit einem Hammer bearbeiten. Klingt irre, ist irre. Und löst bei Frauen ein leichtes Gefühl der Häme aus. (…) Dass Männer jetzt so blöd sind, auf den gleichen Schwachsinn hereinzufallen – es mag böse sein, aber ganz tief unten fühlt es sich nach so etwas wie Gleichberechtigung an.
Wie bitte? Habt ihr etwa vergessen, dass ihr ganz tief unten die besseren Menschen seid?
4. Männliche Opfer von Genitalverstümmelung versuchen, ihre Vorhaut zurückzugewinnen. Ein Artikel, der darüber berichtet, tut es unter der kopfschüttelnden Überschrift: "What will the manosphere think of next?"
5. Ein junger Landwirt aus Großbritannien wurde drei Jahre lang wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung beschuldigt, nachdem er auf einer Party mit einer Frau einvernehmlichen Sex hatte. Er filmte den Akt heimlich mit seinem Handy und zeigte das Video anschließend zwei Freunden. Die Frau bekam das mit und erstattete Anzeige. Die Polizei beschlagnahmte das Handy. Drei Jahre später bekam ein Richter den Film zu sehen und stellte klar fest, dass die Frau "eindeutig zugestimmt" hatte. Er kritisierte Polizei und Staatsanwaltschaft scharf: Die Anklage war "völlig unbegründet" und die lange Verzögerung bei der Anklageerhebung "inakzeptabel". Es habe nie Beweise für sexuelle Nötigung gegeben. Der Richter betonte, dass Winward kein Sexualstraftäter sei, sondern aus jugendlicher Unreife und unter Alkoholeinfluss gehandelt habe. Er bedauerte die schweren Konsequenzen für den jungen Mann.
6. Honduras hebt die Höchststrafe für einen "Femizid" auf 60 Jahre an. "Einem Kriminellen, der Gewalt gegen eine Frau verübt, muss ganz klar bewusst sein, dass er die volle Härte des Gesetzes spüren wird, wenn er sie tötet", sagte Parlamentspräsident Tomas Zambrano. Das Parlament gab zudem grünes Licht für die Schaffung von ausschließlich aus Frauen bestehenden Justizbehörden, die Femizide verhindern sollen.
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