Donnerstag, April 23, 2026

Harald Martenstein: "Gekränkten Männern steht das Zauberwort Sexismus nicht zur Verfügung"

1. In der "Welt" äußert sich Harald Martenstein zu den Sexismus-Vorwürfen gegen Denis Scheck, nachdem dieser die Bücher mehrerer Autorinnen kritisiert hatte. Ein Auszug:

Ein Kritiker, der nie etwas verreißt, hat die Grundlagen seines Jobs nicht kapiert. Er ist ein Richter, sein Geschmack ist sein Gesetzbuch, aber er ist auch ein Entertainer. Wer nur verreißt oder nur lobt, wirkt langweilig.

Eine Autor*in, die mit Verrissen nicht klarkommt, hat ebenfalls die Grundlage ihres Jobs nicht kapiert. Klar, es tut weh. Aber es gehört zum Spiel. Abgerechnet wird sowieso erst zum Schluss. Bücher, die von allen Rezensenten verrissen werden, können beim Publikum sehr erfolgreich sein. Bücher, die von der Kritik einhellig gepriesen wurden, können Ladenhüter sein. Am liebsten hätten alle Autoren beides, Geld und Ruhm. Aber wenn es wenigstens zu einem von beidem reicht, kannste nicht meckern.

Die Frage ist: Wie weit darf man als Kritiker gehen? Und damit sind wir bei Denis Scheck, seiner Büchersendung "Druckfrisch" und dem Beef, den er aktuell mit den Autorinnen Ildikó von Kürthy, Sophie Passmann und Elke Heidenreich hat.

Scheck hat Bücher dieser drei weiblich gelesenen Personen verrissen. Das wird von der feministischen Lobby "sexistisch" genannt, und es wird deshalb sogar seine Entlassung gefordert. Zu Passmann fiel Scheck zum Beispiel ein: "Aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins". Zu Kürthy: "Aus der Schnatterzone der Damentoilette".

Sexistischer als das "revanchistische Samenstaugewinsel", das mir in der "SZ" zuteil wurde, finde ich das eigentlich nicht. Zur Einordnung sollte man außerdem wissen, wie robust Denis Scheck auch über männliche Autoren schreibt, die er für schlecht hält. Sebastian Fitzek: "Ein stupider und voyeuristischer Gewaltporno." Dan Brown: "Ein unglaublich dilettantischer Schmarren."

Mehr davon? Marcel Reich-Ranicki über Nicholas Sparks: "In vergewaltigter Sprache erzählte Schmonzette." Über Günter Grass, immerhin Nobelpreisträger: "Wertlos, langweilig und unlesbar." Zu Elfriede Jelinek: "Ein Geschwätz sondergleichen." Im Falle des Großautors Martin Walser gehörte die Formulierung "ein erbärmliches Buch" sogar noch eher zu den maßvollen und liebenswürdigen Einlassungen Reich-Ranickis.

Beide, Denis Scheck und einst der selige Reich-Ranicki, behandeln Männer und Frauen in Wahrheit exakt gleich. Alles, was Sie für Schrott halten (womöglich zu Unrecht, gewiss), machen sie gnadenlos runter. Alles, was Sie mögen, lobpreisen sie aufs Engagierteste. Da herrscht nicht nur Gleichberechtigung, nein, sogar totale Gleichstellung. Feministischer als Denis Scheck kann man’s nun wirklich nicht machen.

Mir ist nicht ganz klar, worauf die feministische Scheck-Kritik eigentlich hinauswill. Sollen etwa für schreibende Männer und Frauen künftig unterschiedliche Qualitätskriterien gelten? Oder soll über die ach so verletzlichen Frauen in Zukunft grundsätzlich kuschelweicher geschrieben werden als über die harten Männer?


Wenigstens werden wir bislang von Redakteuren verschont, die sich in ihren Artikeln selbst geißeln (und alle anderen Männer mit), weil sie dasselbe Geschlecht haben wie Denis Scheck.



2. Digitale Gewalt: Nach einem Video-Chat ist ein Mann aus Thüringen erpresst worden. Weil er kein Geld zahlte, wurden private Aufnahmen in Sozialen Netzwerken veröffentlicht. Die Polizei ermittelt, mit einer SPIEGEL-Titelgeschichte und einer Miosga-Talkrunde ist nicht zu rechnen.



3. Apropos: Die Legal Tribune (LTO) beschäftigt sich damit, wie Christian Ulmens juristische Chancen gegen den SPIEGEL stehen. Die Argumentation ist ziemlich komplex, selbst wenn ich sie mit den zentralen Passagen auf das Wichtigste herunterbreche:

Wendet man sich der Frage der Erfolgsaussichten von Ulmens gerichtlichem Vorgehen zu, fällt zunächst auf: Im Spiegel-Bericht findet sich – anders als in den erwähnten Medienberichten – nirgends ein offen formulierter Deepfake-Verdacht. Eine Formulierung wie "Hat Ulmen auch Deepfakes versendet oder gar hergestellt?" oder "Unter den von Ulmen versandten Nacktaufnahmen könnten sich auch Deepfakes befinden" sucht man vergeblich.

Doch das schließt eine rechtliche Verantwortung des Spiegels nicht aus. Nach ständiger Rechtsprechung kann ein Verdacht nämlich auch zwischen den Zeilen erweckt werden. Gemeint ist eine verdeckte Aussage, die beim Leser als Eindruck hängen bleibt, ohne ausdrücklich benannt zu sein. Nicht ausreichend ist, dass Leser bloß auf den Gedanken kommen könnten, ein Verdacht bestehe. Erforderlich ist vielmehr, dass sich dieser Verdacht als unabweisliche Schlussfolgerung aus dem Gesamtzusammenhang der Berichterstattung zwingend aufdrängt.

(…) Der Spiegel führt die Szene so ein, dass Ulmen morgens mit Collien Fernandes in einem Hamburger Hotelzimmer im Bett liegt und ein Interview mit ihr liest. Darin berichtet Fernandes, wegen "Fake-Accounts" und "gefälschter Pornos" Anzeige bei der Polizei erstattet zu haben. Es folgt die Schilderung einer sichtlich besorgten Reaktion Ulmens: Er habe daraufhin angefangen, Fragen zu stellen, über Bauchschmerzen geklagt. Kurz danach die Passage: "Später soll er angefangen haben, über die falschen Profile zu sprechen, über die darüber verschickten Fotos und Videos, den Telefonsex. Er müsse ihr etwas beichten, soll er gesagt und dabei am ganzen Körper gezittert haben. 'Ich war das, ich habe das getan', habe er dann erklärt. So erzählt es Fernandes."

Die gerade noch detailreiche persönliche Schilderung bricht nach dem Geständnis abrupt ab. Welche Nachfragen Fernandes zu den verbreiteten Videos stellte, wie die Kommunikation zwischen den beiden in den folgenden Monaten weiterging. Darüber erfährt der Spiegel-Leser nichts mehr. Weder an dieser Stelle noch später im Artikel.

Wie muss nun der Leser dieses Geständnis verstehen? Die Aussage "Ich war das, ich habe das getan" selbst lässt offen, was genau Ulmen getan und gestanden hat. Und es ist ja auch nicht fernliegend, dass Ulmens Geständnis gegenüber Fernandes – wenn es so passiert ist – auch so unkonkret formuliert war. Allerdings entnimmt der Leser dem weiteren Kontext eine Konkretisierung des Geständnisses, die den Deepfake-Verdacht erweckt:

So wird die Strafanzeige wegen Fake-Profilen und "gefälschten Pornos" vom Spiegel als Anlass für Bauschmerzen von Ulmen und Nachfragen bei Collien Fernandes genannt. Der Leser entnimmt dem, dass sich Ulmen Sorgen vor Ermittlungen macht.

Wenn es kurz danach heißt, er habe über die falschen Profile und "über die darüber verschickten Fotos und Videos" gesprochen, drängt sich somit das Verständnis auf, dass Ulmen mit den verschickten Fotos und Videos zumindest auch auf die "gefälschten Pornos" meinte. Beim Leser bleibt somit als Schlussfolgerung hängen, dass Ulmen mit der Formulierung "Ich war das, ich habe das getan" nicht nur die Fake-Accounts, sondern auch die Verbreitung "gefälschter Pornos" einräumt.

(…) Noch deutlicher wird der Eindruck eines Deepfake-Verdachts im weiteren Kontext des Berichts. Der Text verwendet das Wort "gefälschte Pornos" nicht nur mehrfach als Synonym für Deepfakes. Insgesamt wird der Fall Ulmen und die Deepfake-Debatte im Spiegel "so sorgfältig miteinander verwoben, dass ‚Deepfakes‘ als großes Überthema erscheinen", wie es Boris Rosenkranz auf Übermedien treffend resümiert.

(…) Der Mindestbestand an Beweistatsachen für die Verbreitung von Deepfakes könnte angesichts des unstreitigen Verhaltens von Ulmen vorliegen. Ob das allerdings auch für einen möglicherweise vom Spiegel aufgestellten Verdacht der Herstellung von Deepfakes gilt, ist hingegen sehr zweifelhaft. Die Versendung und Erstellung von Material sind sehr unterschiedliche Dinge. Für die Herstellung von Deepfakes durch Ulmen gibt es im Gegensatz zur Versendung von derartigem Bildmaterial keine öffentlich bekannten Anhaltspunkte.

(…) Ausgewogenheit bedeutet vor allem, dass entlastende Umstände offenzulegen sind, also nicht ausgespart oder in den Hintergrund gedrängt werden dürfen. Vor diesem Hintergrund wäre die Berichterstattung eindeutig unausgewogen, wenn Collien Fernandes dem Spiegel ebenfalls – wie gegenüber Carmen Miosga – gesagt hätte, dass es im Fall Ulmen nicht um KI-Material gehe. Sollte Fernandes dies aber dem Spiegel mitgeteilt haben, hätte der Spiegel diese Information im Artikel nicht weglassen dürfen. Denn wenn Fernandes nicht davon ausgeht, dass Ulmen Deepfakes verschickt hat, würde dies einen erheblichen entlastenden Umstand darstellen.

Doch auch wenn Fernandes dem Spiegel "nur" mitgeteilt hätte, dass sie selbst nicht weiß, ob Ulmen auch Deepfakes von ihr verschickt hat, hätte der Text ein Ausgewogenheitsproblem. Ausgewogenheit bedeutet nämlich auch, eigene Zweifel transparent zu machen und keine Gewissheit zu suggerieren, wo keine ist. Und Zweifel, welches Bildmaterial Ulmen genau versendete, macht der Spiegel eben nicht transparent.

Ein solcher Zweifel ließe sich etwa mit einem Satz ausdrücken wie: "Ob unter dem von Ulmen versandten Videomaterial auch Deepfakes waren, ist unklar." Das wäre journalistisch üblich. Der Text druckst sich aber nicht nur um dieses Eingeständnis, die Art des versendeten Bildmaterials nicht final beurteilen zu können, herum. Im Gegenteil suggeriert die Darstellung nicht nur den Deepfake-Verdacht, sondern auch, dass Ulmen gerade die Verbreitung von Deepfakes gegenüber Collien Fernandes gestanden hätte.

(…) LTO wollte vom Spiegel wissen, warum der Artikel nicht konkretisiert, welches Bild- und Videomaterial Ulmen versendet haben soll und wo Zweifel bestehen. Die Antwort des Verlags fällt karg aus: "Wir haben unserer Berichterstattung nichts hinzuzufügen." Ob das tatsächlich der Fall ist oder im Gegenteil der Spiegel sogar etwas zurücknehmen muss, wird nun das Landgericht Hamburg zu entscheiden haben. Mit einem Beschluss kann nach LTO-Einschätzung gegen Mitte oder Ende der kommenden Woche gerechnet werden.




4. In einem Artikel, der von niemandem beanstandet wird, untersucht der SPIEGEL, warum ostdeutsche Männer früher sterben. Ein Auszug:

Viel Rauchen, jahrelanger übermäßiger Konsum von Alkohol, fehlende Vorsorge – das könnte man auch als Ausdruck von Verzweiflung und Resignation interpretieren. Männer, die ihr Selbstwertgefühl oft stärker aus dem Beruf und dem Marktwert ziehen, verloren oft mehr als ein Einkommen. Das wirkt sich über die Jahrzehnte aus.


Dieselbe Situation, die ostdeutsche Männer in den letzten Jahrzehnten erfahren haben, erfahren Männer derzeit allerdings in der westlichen Gesellschaft insgesamt. "Genderama berichtet kontinuierlich.)



5. Die Frankfurter Allgemeine beklagt, dass Männer der Generation-Z nicht feministisch genug seien:

Unsere Kolumnistin schämt sich für die Männer ihrer Generation. Sie halten sich für längst aufgeklärt, schaffen es aber noch nicht mal, einer Frau die Tür aufzuhalten.


So beginnt der Artikel, um dann ziemlich schnell hinter einer gnädigen Bezahlschranke zu verschwinden. Nach diesem Anfang habe ich mich allerdings gar nicht erst auf die Suche nach einer vollständig zugänglichen Fassung gemacht. Dazu ist mir meine eigene Lebenszeit dann doch zu wertvoll.



6. An der einzigen Universität Neufundlands sind weiße Männer als Bewerber für Professorenstellen nicht zugelassen.



7. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir:

Moin Herr Hoffmann,

diese Blüte des deutschen Journalismus möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: ein Short des ZDF. Hier kommt Dirk Peglow, der Vorsitzende des Bund Deutscher Kriminalbeamter zu Wort, der Frauen rät keine Beziehungen mehr zu Männern einzugehen, wenn sie sich vor Gewalt schützen wollen.

Das komplette Interview kann man hier sehen, es fängt ab ca. 18:45 an. Es geht hier zunächst nur grundsätzlich um die neue Gewaltstatistik der Polizei. Ist schon komisch, dass man es dort in manchen Teilen des Interviews doch schafft ein wenig zu differenzieren.


Da dieses Interview in den letzten Tagen in den sozialen Medien eine ziemliche Welle machte, schreibt mir dazu ein weiterer Leser (rhetorisch zugespitzt):

Hallo Arne,

was ist hier los? Ich lese überall dass ein Dirk Peglow, Bundesvorsitzender des Bund Deutscher Kriminalbeamter e.V. (BDK), Frauen "im Hinblick auf die Kriminalitätsstatistik" empfiehlt, "besser keine Beziehung mit einem Mann" einzugehen. (…) Ich gebe jetzt keine Quellen, weil es viele gleichlautende Quellen gibt und du diese sehr leicht finden wirst.

Fairerweise muss man auch sagen, dass er seine Aussage einschränkt: "im Hinblick auf die Kriminalitätsstatistik". Es wäre nötig den ganzen Kontext seiner Aussage zu kennen. Ohne Wissen des Kontexts klingt es für mich einfach nur widerwärtig, wie er sich Frauen und Linken ohne Rücksicht auf das eigene Geschlecht, Familie und Freunden anbiedert.

Hier hilft er dabei, noch die kleinste menschliche Gruppe, die Beziehung zu einem Lebenspartner, zu zerstören, was leider typisch für linke Politik ist. Ich erlebte und erlebe politisch links Tuende (korrekt ausgedrückt und gegendert!) als die besten Helfershelfer von Kapitalisten und Staat, die sich das Volk als schwache handlungsunfähige vom wohlwollenden Kollektiv abhängige Einzelpersonen wünschen.

Ach, übrigens: Peglow ist verheiratet und hat 2 Kinder. Die Frau und die beiden Kinder sind anscheinend in höchster Gefahr. Sollte man ihm nicht besser das SEK auf den Hals hetzen und seine Familie vorsorglich in Sicherheit bringen? Oder hat er als linker Funktionär Sonderprivilegien in Form von Recht auf Ehe oder so? Wasser predigen und Wein trinken?


Wir Linken sind ja nicht alle auf diesem seltsamen Trip, aber es gibt von uns generell viel zu wenig Einwände gegen solche Pauschalisierungen. Dass die "taz" sich zustimmend auf dieses Interview gestürzt hat, war leider absehbar: "Das Risiko Mann" heißt der entsprechende Artikel, der den Geschlechterhass weiter schürt. Der Autorin zufolge spreche der Kriminalbeamte nur das aus, was ohnehin klar sei:

Was ich und fast ausnahmslos all meine heterosexuellen Freundinnen erlebt haben, seitdem sie romantische Beziehungen mit Männern eingehen. Dass sie ein Risiko sind. Dass sie der Seele und dem Körper schaden können, Vertrauen erschüttern, Traumata hinterlassen, die nach der Trennung in zahllosen Therapiestunden mühselig aufgearbeitet werden müssen – insofern man das Glück hat, einen Therapieplatz zu finden.


Das ist nur ein kurzer Auszug aus einer sehr wortreichen Suada über die ach so schlimmen Männer, weil natürlich auch die "taz" zur Front der "Femosphäre" gehört.

Da ein Artikel der Deutschen Welle über das Interview in englischer Sprache erschien, wurden auch Männeraktivisten im Ausland darauf aufmerksam. Einer von ihnen gab in aller nötigen Kürze die gebotene Antwort:

Die neuesten Statistiken aus Deutschland zeigen, dass in den letzten fünf Jahren ein noch höherer Anteil der Männer (6,1 %) als der Frauen (5,2 %) von häuslicher Gewalt betroffen war. Sollen wir uns jetzt also alle gegenseitig meiden?




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