Die schleichende Ausweitung des Begriffs "fehlende Zustimmung"
Die angebliche Gruppenvergewaltigung in Cornell ist weiterhin ein starkes Medienthema. Es gibt auch weiterhin kritische Artikel über die damit verbundenen Vorverurteilungen, einen solchen Artikel von der Feminismuskritikerin Janice Fiamengo findet man hier in deutscher Übersetzung. Einen anderen Beitrag, der ebenfalls grundsätzlicher wird, habe ich heute für Genderama ausgewählt. Links zu Belegen findet ihr im Original.
Der Aktivismus für "affirmative Zustimmung" ("Nur Ja heißt Ja") hat die Bedeutung von dem, was wir unter einem sexuellen Übergriff verstehen, erweitert und dazu ermutigt, vergangene Begegnungen nachträglich umzudeuten – mit ernsten Folgen für Einzelne, für die Gesellschaft und für das Recht.
Die Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen sieben Mitglieder einer Studentenverbindung an der Cornell University haben eine jahrzehntealte Debatte wiederbelebt, nämlich die Frage, ob es an amerikanischen Hochschulen eine Vergewaltigungskrise gibt. Eine ehemalige Cornell-Studentin, die unter dem Pseudonym Jane Doe auftritt, gibt an, die Männer hätten sie 2024 während einer Nacht mit starkem Alkohol- und Drogenkonsum sexuell missbraucht.
Obwohl die Vorwürfe weiterhin umstritten sind, haben Journalisten, Aktivisten und Politiker der Demokraten sie bereits als Tatsache behandelt und den Fall als Beleg für ein größeres Problem an amerikanischen Colleges und Universitäten angeführt. Vox spricht von einer "Krise, die weit über Cornell hinausgeht". The Atlantic fragt, ob das College für Frauen unsicherer wird. Der Guardian erklärt, wir lebten in einer "vergewaltigungsanfälligen Gesellschaft". Zehntausende Frauen haben auf TikTok aus Solidarität mit der Klägerin von Cornell unter #IAmJaneDoe gepostet, was Vergleiche mit der #MeToo-Bewegung nach sich zog. Die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, nutzt den Fall, um auf eine Änderung des Landesrechts zu drängen. Sie plädiert dafür, das "Schlupfloch der freiwilligen Berauschung" zu schließen, und hat Generalstaatsanwältin Letitia James beauftragt, die Vorwürfe erneut zu untersuchen.
Herkömmliche Kriminalitätsstatistiken stützen die Behauptung nicht, dass Amerika eine Vergewaltigungsepidemie erlebt. Der National Crime Victimization Survey des Bureau of Justice Statistics, der auch nie bei der Polizei angezeigte Straftaten erfasst, schätzt, dass die Rate von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen von 4,3 Viktimisierungen pro 1.000 Personen ab zwölf Jahren im Jahr 1993 auf 2,0 im Jahr 2024 gesunken ist.
Zugenommen hat in den letzten Jahren hingegen die Bandbreite der Erfahrungen, die heute als nicht einvernehmlich beschrieben werden. Diese von Aktivisten vorangetriebenen erweiterten Definitionen und die daran anschließende Ermutigung von Frauen, vergangene Erlebnisse in ihrem Licht neu zu deuten, haben ernste Folgen für Einzelne und die Gesellschaft – und womöglich bald auch für die rechtliche Bedeutung von Vergewaltigung und sexuellem Übergriff.
Der Psychologe Nick Haslam prägte den Begriff "Concept Creep", um zu beschreiben, wie sich schadensbezogene Begriffe "horizontal" ausgeweitet haben, sodass sie qualitativ andere Erfahrungen umfassen, und "vertikal", sodass sie auch weniger schwere Formen einschließen. Als er dieses Modell auf Begriffe wie Trauma, Mobbing, Rassismus und Missbrauch anwandte, stellte er fest, dass eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber wahrgenommenem Schaden am häufigsten mit einem linksliberalen Weltbild einherging.
Die Definition fehlender sexueller Zustimmung hat sich auf ähnliche Weise ausgedehnt. Früher verstand man sie im Sinne von Gewalt und Handlungsunfähigkeit, doch mit dem Aufstieg der "affirmativen Zustimmung" begann sie sich zu wandeln. Als dieses Konzept in den 1990er-Jahren an Hochschulen auftauchte, galt es noch als Randidee und wurde vielfach verspottet. Es ersetzte den vertrauten Grundsatz "Nein heißt Nein" durch die Forderung nach einer ausdrücklichen, fortlaufenden Einwilligung in sexuelle Handlungen.
Viele halten diesen Wandel für positiv, doch er hat weiteren Auslegungen von Zustimmung – und fehlender Zustimmung – die Tür geöffnet. Heute kann fehlende Zustimmung Schweigen, unzureichende Begeisterung, jeden Grad von Berauschung sowie das Gefühl umfassen, zu sexuellen Handlungen gedrängt, getäuscht oder beeinflusst worden zu sein.
Es dauerte weitere zwei Jahrzehnte, bis die affirmative Zustimmung im Mainstream ankam. Anfang der 2010er-Jahre hatten Aktivisten gegen sexuelle Übergriffe an Hochschulen auf Bundesebene durch die Ausweitung der Durchsetzung von Title IX unter der Obama-Regierung eine starke Stellung gewonnen. 2014 richtete die Regierung die White House Task Force to Protect Students from Sexual Assault ein und erklärte sexuelle Übergriffe an Hochschulen zur nationalen Priorität.
Politische Entscheidungsträger stellten die aufkommenden Richtlinien zur affirmativen Zustimmung überwiegend als Prävention dar, also als klarere Regeln für künftige sexuelle Begegnungen. Manche Aktivisten sahen jedoch noch einen anderen Nutzen darin. Eine weiter gefasste Definition fehlender Zustimmung könnte mehr Frauen als Opfer ausweisen, darunter auch solche, die ihre Erlebnisse bis dahin nicht als Vergewaltigung oder sexuellen Übergriff verstanden hatten.
Laura Dunn, Gründerin von SurvJustice, einer landesweiten gemeinnützigen Organisation, die Opfern sexueller Gewalt Rechtsbeistand und Unterstützung bietet, und die Harvard-Doktorandin Rory Gerberg vertraten genau dieses Argument in Stellungnahmen gegenüber der Task Force. Sie schrieben, dass "Überlebende Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe häufig nicht als solche erkennen", weil die Gesellschaft Zustimmung missverstehe. Als Abhilfe schlugen sie vor, "eine affirmative Definition von Zustimmung zu institutionalisieren", und zwar mit dem ausdrücklichen Ziel, "einen rechtlichen Wandel in unserem gesellschaftlichen Verständnis von Zustimmung" herbeizuführen.
Die landesweite Hinwendung zum Standard der affirmativen Zustimmung vollzog sich um das Jahr 2015. In jenem Jahr rief Planned Parenthood zu einer landesweiten "Kultur der Zustimmung" auf und stellte im Jahr darauf sein FRIES-Modell vor, demzufolge Zustimmung "freiwillig erteilt, widerrufbar, informiert, enthusiastisch und spezifisch" sein muss. Frühere Richtlinien von Planned Parenthood hatten davor gewarnt, dass Alkohol Hemmungen senke und Menschen bei der Wahl ihrer Sexualpartner "weniger wählerisch" mache, was zu Reue führen könne. Die aktuellen Richtlinien besagen, dass eine Person keine Zustimmung geben kann, wenn sie betrunken oder high ist.
Ähnlich erklärt das Rape, Abuse & Incest National Network, Zustimmung müsse "klar, freiwillig und enthusiastisch" erteilt werden, und zur Einwilligungsfähigkeit gehöre es, "nüchtern und wach" zu sein. Viele Organisationen, darunter die Centers for Disease Control and Prevention, nennen weitere Kategorien "sexueller Gewalt" wie etwa "sexuelle Nötigung", die beharrliches Drängen auf Sex umfassen kann oder den Umstand, so lange "bearbeitet" zu werden, bis man einwilligt.
Den Schwung für diese Veränderungen lieferten Behauptungen, an den Hochschulen herrsche eine Epidemie sexueller Übergriffe, die in den gewöhnlichen Kriminalstatistiken verborgen bleibe. Der Bericht der Task Force vom April 2014 begann mit der Feststellung, dass "jede fünfte Frau während des Studiums sexuell missbraucht wird", räumte später aber ein, dass viele Frauen, die Forscher als Opfer einer Vergewaltigung durch Bekannte einstuften, "das, was ihnen passiert ist, nicht als Vergewaltigung bezeichnen". Die Obama-Regierung wertete diese Lücke als Beleg dafür, dass Übergriffe unerkannt blieben. Gewöhnliche Anzeigen könnten nicht offenlegen, "was auf dem Campus wirklich passiert", argumentierte sie, weshalb Hochschulen Verhaltensumfragen durchführen sollten, mit denen sich Übergriffe erfassen ließen, die die Frauen selbst nicht als solche betrachtet hatten.
Die Zahl "eine von fünf" wurde zu einer der am häufigsten zitierten Schätzungen sexueller Übergriffe an Hochschulen und wird bis heute wiederholt. Sie stammte jedoch nicht aus einer landesweiten Studie über Vergewaltigungen an Hochschulen. Sie ging auf eine Umfrage aus dem Jahr 2007 unter Studierenden an lediglich zwei Universitäten zurück, und nur 42 Prozent der zur Teilnahme eingeladenen Frauen antworteten.
Bis 2014 waren zwei der an der Studie beteiligten Forscher, Christopher Krebs und Christine Lindquist, über die Verwendung der Zahl so besorgt, dass sie in einem Artikel für Time die Dinge richtigstellten. Sie räumten ein, dass die Zahl "keine landesweit repräsentative Schätzung" sei, warnten davor, sie als nationalen Ausgangswert für sexuelle Übergriffe an Hochschulen zu verwenden, und gaben zu bedenken, dass die niedrige Rücklaufquote ihre Ergebnisse verzerrt haben könnte. Zudem betonten sie, dass "eine von fünf" nicht bedeute, dass jede fünfte Frau vergewaltigt worden sei, da ihre Zahl auch unerwünschtes Küssen und Berühren einschloss.
Andere Forschung auf diesem Gebiet leidet an vielen derselben methodischen Mängel, auf die Heather Mac Donald vor fast zwei Jahrzehnten im City Journal hingewiesen hat. Dazu können weit gefasste Definitionen gehören, die Vergewaltigung mit weniger schweren Formen unerwünschten Körperkontakts vermengen, außerdem subjektive Selbstauskünfte sowie niedrige Rücklaufquoten, die zu verzerrten Stichproben führen können. Die Umfrage der Cornell University von 2025 etwa ergab, dass 35 Prozent der Studentinnen im Grundstudium "sexuelle Übergriffe" erlebt hätten. Ihre Rücklaufquote lag bei gerade einmal 13 Prozent, und sie stützte sich auf ein weit gefasstes Messinstrument, das sehr unterschiedliche Erfahrungen unter derselben Bezeichnung zusammenfasste.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, jungen Menschen zu raten, klarer zu kommunizieren und auf sexuelle Handlungen mit stark beeinträchtigten Partnern zu verzichten. Problematisch kann es jedoch werden, wenn man sie dazu ermutigt, einen neuen Maßstab für Zustimmung auf vergangene Erlebnisse anzuwenden. Als der Hashtag #MeToo im Oktober 2017 explodierte, begannen Millionen von Frauen, genau das öffentlich zu tun. Solche Online-Enthüllungen stoßen in der Regel auf Mitgefühl und Bestätigung, können Hunderttausende Aufrufe erzielen und eröffnen den Zugang zu einer "Überlebenden"-Gemeinschaft, die um eine positive soziale Identität herum aufgebaut ist.
Die nachträgliche Umdeutung sexueller Begegnungen wurde zu einem erkennbaren Genre. In einem Essay aus dem Jahr 2018 etwa deutete Laura Amy eine sexuelle Begegnung um, der sie ausdrücklich zugestimmt hatte. "Ich habe Ja gesagt", schrieb sie, und jahrelang hatte sie solche Erlebnisse einfach als schlechten Sex betrachtet. Nachdem sie jedoch #MeToo-Berichte von Frauen gelesen hatte, die sich zur Zustimmung gedrängt oder verpflichtet gefühlt hatten, dachte sie neu über das Geschehene nach und kam zu dem Schluss: "Das ist kein einvernehmlicher Sex." Eine Frau, die 2021 im Guardian schrieb, betrachtete ebenfalls eine Begegnung neu, die sie lange als "schlechten Sex" oder als Erlebnis in einer "Grauzone" angesehen hatte. Nach #MeToo sah sie es anders: "Das war ein sexueller Übergriff."
Forscher haben dasselbe Phänomen dokumentiert. Eine Studie aus dem Jahr 2021 begleitete 2.566 Studierende vor und nach #MeToo. Unter den 596 Teilnehmenden, deren Erlebnisse der weit gefassten Definition sexueller Übergriffe durch die Forscher entsprachen, bezeichneten die Teilnehmenden im Lauf der Zeit Begegnungen häufiger als sexuellen Übergriff, die sie ursprünglich nicht so beschrieben hatten. Die Autoren führten die veränderte Wahrnehmung der Teilnehmenden auf #MeToo zurück. Ebenso ergab eine Studie aus dem Jahr 2023, dass fünf von zehn Teilnehmenden angaben, #MeToo habe sie dazu gebracht, frühere Erlebnisse als sexuellen Missbrauch oder Übergriff neu einzuordnen. Die Forscher beschrieben diesen Vorgang als "Umdeuten oder Umetikettieren von Erlebnissen als sexuellen Übergriff".
In einer Studie aus dem Jahr 2025 mit 380 Studierenden, deren Erlebnisse die weit gefassten Kriterien der Forscher für sexuelle Übergriffe erfüllten, neigten 36 Prozent eher dazu, die Begegnung als sexuellen Übergriff zu bezeichnen, als sie sie in Erinnerung an die Zeit kurz nach dem Geschehen eingestuft hatten. Von dieser Gruppe gaben 43 Prozent an, andere Menschen hätten dazu beigetragen, dass sich ihr Verständnis des Geschehens verändert habe.
Frauen erfinden nicht unbedingt bewusst falsche Anschuldigungen. Eine Frau kann aufrichtig dazu gelangen, vergangene Begegnungen in einem anderen Licht zu sehen, nachdem sie sich einen neuen Deutungsrahmen dafür zu eigen gemacht hat. Das autobiografische Gedächtnis ist rekonstruktiv und keine wörtliche Aufzeichnung der Vergangenheit. Es ist in hohem Maß offen für Beeinflussung und Suggestion, was zu falschen Erinnerungen führen kann. In zwei 2026 veröffentlichten Experimenten regten die Psychologen Lawrence Patihis und Harry Carter einen zufällig ausgewählten Teil der Teilnehmenden dazu an, negativer über einen früheren Partner bei einem ersten Date nachzudenken, und baten sie anschließend, sich daran zu erinnern, wie sie sich während des Dates gefühlt hatten. Wer die negative Anregung erhalten hatte, erinnerte sich daran, sich weniger sicher und stärker bedrängt gefühlt zu haben als die übrigen Teilnehmenden.
Ob beabsichtigt oder nicht, falsche Anschuldigungen haben ernste Folgen. Wer mit falschen oder zweifelhaften Anschuldigungen konfrontiert wird, ist womöglich weniger bereit, echten Glauben zu schenken. In einem Experiment begegneten Männer, die einen Zeitungsbericht über eine falsche Vergewaltigungsanschuldigung gelesen hatten, einer anderen Frau, die sexuellen Missbrauch anzeigte, skeptischer und hielten ihr Erlebnis für weniger schädlich. Befürworter des Ansatzes "Glaubt den Frauen" sagen häufig, falsche Anschuldigungen seien selten. Eine aktuelle Analyse von Aporia hält die üblicherweise genannten niedrigen Quoten jedoch für irreführend. Solche Schätzungen zählen nur nachweislich falsche Anschuldigungen, während sie ungeklärte, zurückgezogene und als "unbegründet/haltlos" eingestufte Fälle in den Nenner aufnehmen. Dadurch können falsche Anschuldigungen untererfasst werden, sodass die Quote künstlich niedrig erscheint. Zudem stützen sich Studien zu Falschanzeigen in der Regel auf Polizeiakten. Damit eignen sie sich schlecht, um Anschuldigungen im Stil von #MeToo zu beurteilen, die nie bei der Polizei landen, für die Beschuldigten aber dennoch ernste soziale Folgen und Rufschäden nach sich ziehen können.
Die Ausweitung der Definitionen sexueller Übergriffe wirkt sich nicht nur auf Einzelne aus, sondern auch auf die Gesellschaft. Dazu gehört, dass gewöhnliches Dating und sexuelle Interaktionen schwieriger zu bewältigen werden. 2020 stellte Pew fest, dass 65 Prozent der Amerikaner (69 Prozent der Männer und 61 Prozent der Frauen) glaubten, die verstärkte Aufmerksamkeit für sexuelle Belästigung und Übergriffe habe es Männern erschwert zu wissen, wie sie sich bei einem Date verhalten sollen. Fast die Hälfte der Amerikaner gab an, Dating an sich sei schwieriger als noch zehn Jahre zuvor.
Eine Sexualethik, die auf einem klaren "Nein" beruht, verlangt von Männern, die Entscheidungen von Frauen zu respektieren. Die sich ausweitende Definition fehlender Zustimmung legt einen neueren Maßstab an: Sie verlangt von Männern zu beurteilen, ob eine Frau nüchtern genug, begeistert genug und hinreichend frei von Druck ist und ob sie die Begegnung später voraussichtlich nicht anders bewerten wird. Sie kann Frauen zudem dazu ermutigen, bereute sexuelle Erlebnisse als Beleg dafür umzudeuten, dass ihnen jemand Unrecht getan hat. Wir sollten vorsichtig sein, Frauen beizubringen, ihre Entscheidungen im Nachhinein infrage zu stellen – und noch vorsichtiger, diese Unsicherheit ins Gesetz zu schreiben.
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