Dienstag, Mai 26, 2026

Gleichstellungsbeauftragte untersagt "Skandal im Sperrbezirk"

1. Vor anderthalb Wochen war ich mit Freunden in einem Karaoke-Studio. Eines der ersten Lieder, die wir gewählt hatten, war "Skandal im Sperrbezirk" der Spider-Mrphy-Gang. Wir waren mehr Frauen als Männer und hatten jede Menge Spaß.

Allerdings war auch keine Gleichstellungsbeauftragte unter uns.

Wer die Erlanger Bergkirchweih kennt, kennt auch die Musik, die dort regelmäßig aus den Zelten dringt. Doch die Gleichstellungsstelle der Stadt Erlangen hat nun ein Schreiben an die Wirte des Volksfestes verschickt, das genau das ändern soll.

Wie die "Nürnberger Nachrichten" berichtet, bittet die Behörde in dem Schreiben, zwölf namentlich genannte Songs künftig nicht mehr spielen zu lassen. Die Lieder hätten "aufgrund sexistischer oder frauenfeindlicher Inhalte an der Erlanger Bergkirchweih keinen Platz", heißt es. Die Wirte werden außerdem gebeten, die Vorgabe auch mit Bands und DJs abzustimmen.

(…) Ziel sei es, so die Gleichstellungsstelle, "gemeinsam eine respektvolle Atmosphäre und sicheres Feiern" auf dem Berg zu ermöglichen. Konkret heißt es in dem Schreiben: "Bitte achten Sie darauf, dass diese Titel bei der Veranstaltung nicht gespielt werden." Man wolle "gemeinsam dafür sorgen, dass sich alle Gäste und Mitarbeitenden auf dem Berg wohl und sicher fühlen".

"Skandal im Sperrbezirk", der Kulthit der Spider Murphy Gang, darf ebenfalls nicht gespielt werden. "So einen Quatsch habe ich schon lange nicht mehr gehört. Als wir in der DDR gespielt haben, da mussten wir jedenfalls keine Setliste vorlegen!", sagte Jürgen Thürnau, der Manager der Band, der Nachrichtenseite.


Spiegel-Online ist natürlich auf der Seite der Dame und fragt betroffen: "Gehören frauenfeindliche und sexistische Songs zur deutschen Festzeltkultur?" In dem Song werde "Prostitution mindestens inszeniert, wenn nicht romantisiert". Der Sprecher der Vereinigung der Bergwirte, also der Menschen, die auf der Bergkirchweih ausschenken, sei ebenfalls "absolut der Meinung, dass man diskriminierende Lieder möglichst nicht spielen sollte", denn: Es gebe Menschen, die sich an so etwas störten, und Menschen, die genau diese Lieder hören wollten.

Im vergangenen Jahr hatte es Berichte über sexuelle Belästigung auf dem Volksfest gegeben, womöglich angeheizt durch frauenfeindliche Songtexte. Die Ereignisse seien der konkrete Anlass gewesen, sich intensiver und systematisch damit auseinanderzusetzen, sagte Gleichstellungsbeauftragte Lőrincz den "Nürnberger Nachrichten".


"Skandal im Sperrbezirk" heizt also zu sexuellen Übergriffen an. Jetzt habe ich wirklich alles gehört.

"Wir haben von der Stadt keine Begründung bekommen, gar nichts", berichtet der Manager der Band der Bildzeitung.

Sogar vor einem Erlanger Urgestein macht die Regulierungswut der Stadt keinen Halt: Schlagerstar Peter Wackel (49) steht mit "Joana" auf der Schwarzen Liste. Begründung: "Problematische Zwischenrufe", weil das Publikum auf den Namen "Joana" traditionell mit "Du geile Sau" antwortet. BILD erreichte Wackel in dessen zweiter Heimat Mallorca. Er ist "überhaupt nicht verwundert" über das Vorgehen der Stadt: "Die Bergkirchweih war immer ein wunderbares Fest, ich habe dort über 20 Jahre gesungen. Doch seit fünf oder sechs Jahren hagelt es immer wieder Verbote".

Gesprächsangebote oder Debatten würden von der Verwaltung aber immer wieder abgeblockt. Sein bitteres Fazit: "Unfassbar peinlich das Ganze. Kein Wunder, dass immer mehr Künstler maximal keine Lust auf Deutschland haben. Wir sind dann eben Urlaubssänger für Deutsche im Ausland, wo wir spielen dürfen, was wir möchten."

Auf BILD-Anfrage verweist die städtische Pressestelle auf einen Stadtratsbeschluss von 2021. Damals stimmten CSU, Linke und SPD dafür, dass keine Lieder mit "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" gespielt werden dürfen. Es handele sich auch nicht um ein Verbot, sondern um eine "Sensibilisierung" – wobei die Wirte wohl wenig Spielraum haben, da viele den Grund direkt von der Stadt mieten.


Die Süddeutsche Zeitung berichtet ausführlicher, warum gerade "Skandal im Sperrbezirk" auf der Abschussliste steht:

Auch sei beschlossen worden, auf das Abspielen von Liedern zu verzichten, die Gewalt verherrlichten oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit transportieren. (…) In der Handreichung wird folgende Passage aus dem Song der Spider Murphy Gang zitiert: "Und draußen im Hotel L'Amour / Langweilen sich die Damen nur / weil jeder den die Sehnsucht quält / Ganz einfach Rosis Nummer wählt / Und draußen vor der großen Stadt / Stehen die Nutten sich die Füße platt". Gedeutet wird dies so: "Das Lied stellt Sexarbeit als Unterhaltungsobjekt dar und enthält stereotype, abwertende Begriffe. Es verherrlicht Prostitution, objektifiziert Frauen und trägt zur Stigmatisierung von Sexarbeit bei."


Sorry, wird Sexarbeit jetzt in dem Song "verherrlicht" oder "stigmatisiert", also abgewertet? Das sind zwei einander komplett widersprechende Vorwürfe.

Mit "Haben wir sonst keine Probleme?" stellt der "Merkur" die zentrale Frage in dieser Debatte.

Man muss sich das ganz bildlich vorstellen. Da gibt‘s jemanden, der sitzt in einem Büro an einem Schreibtisch, hat vielleicht Musik laufen – und beschäftigt sich damit, zu entscheiden, ob man auf einem Volksfest das Lied "Skandal im Sperrbezirk" spielen darf (oder nicht spielen soll, wegen Sexismus-Verdacht). Die Zeit, in der er – beziehungsweise sie – diese Frage klärt, ist Arbeitszeit. Bezahlt aus Steuergeldern – denn dieser Jemand sitzt ja in einem Amt, in diesem Fall bei der Gleichstellungsstelle der Stadt Erlangen.

Es lohnt sich, diese Szenerie zum Anlass für weiterführende Gedanken zu machen. Erstens ist der erwartbare Stammtisch-Impuls völlig angemessen: Wie glücklich muss ein Land sein, in dem die Staatsdiener Zeit haben, sich um solche Themen zu kümmern! Offenbar gibt‘s da keine anderen, wichtigeren Probleme.

(…) Wenn jetzt jemand auf die Idee käme, dass man dieses Lied verbieten muss, weil darin das Wort "Nutten" vorkommt: Okay, dann soll er ein Verbot beantragen, aber nicht für irgendein Volksfest irgendwo in Franken, sondern grundsätzlich für überall und in jeder Aufführungsform. Wenn dieser Verbots-Antrag nicht kommt (weil er eh keine Aussicht auf Erfolg hat), dann lassen wir bittschön die Kirche im Dorf und die Spider Murphy Gang auf dem Volksfest.


Das ist eine schlüssige Argumentation: Wenn "Skandal im Sperrbezirk" zu sexuellen Übergriffen austachelt, müsste man den Song eigentlich überall untersagen – auch beim Mainzer Karaoke.



2. Wie ist es eigentlich, wenn ganz reale gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen Männer gerichtet ist? Ruft man im feministischen Lager dann ebenfalls zu einer "respektvollen Atmosphäre" auf, weil es Menschen gibt, "die sich an so etwas stören"? Natürlich nicht. In diesem Fall gibt es Artikel wie "Wenn Männer zu viel fühlen"

Immer häufiger beklagten Männer, sich vom Feminismus "pauschal verurteilt" zu fühlen, berichtet Diana Dauer. Das sei aber "eine Nebelgranate". In dem Artikel heißt es weiter:

Die Augen werden … welpig? Traurig? Beleidigt? Wütend? Ich ahne es, ich kenne die Vorzeichen, jetzt wird's wieder mühsam. Jetzt geht es wieder um seine vermeintlich echten, aber völlig fehlgeleiteten "verletzten männlichen Gefühle". Jetzt geht’s wieder um ihn. (…) Von der eigenen Offenheit gerührt, sagt der eine oder andere gefühlvolle Bekannte dann: "Ihr (gemeint sind FeministInnen, Anm. ) redet immer von Männergewalt. Aber ich bin doch nicht so einer." Und mit jedem Wort wütender schießt er nach: "Ich fühle mich gemobbt, ja. Pauschal verurteilt."

(…) Nun gut, das ist nichts Neues. Es gibt schon lange eine Gruppe, die bei jeder Äußerung über Sexismus und Ungleichbehandlung den Verschwörungsmythos der "Misandrie" (Männerhass, Anm.) verbreitet und überall dazu postet. Aber die wütenden Internettrolle sind nicht die Einzigen, um deren Wohl und angebliche Benachteiligung wir uns (ihrer Meinung nach) sorgen sollen. Vom feministischen Diskurs gekränkt fühlen sich nämlich auch jene Männer (und auch einige Frauen), die sich sonst brüsten, die personifizierte Reflexion zu sein und "eh voll für Frauen- und Minderheitenrechte" zu stehen. Wäre da nicht das Problem mit dem "Generalverdacht" ...

(…) Was die Beleidigten offenbar erwarten, ist öffentliche Absolution. Ich sollte wohl als Reaktion auf den Barhocker steigen und über die wummernden Bässe brüllen: "Lobpreiset ihn, denn er ist nicht einer von ihnen! Machet ihn frei von jedem Verdacht." Händchenhaltend und kopftätschelnd solle ich bestätigen, wie schwer sein Los als Mann sei, weil sprachlich zu wenig differenziert werde.

Was eigentlich nötig wäre, ist gesellschaftspolitische Bildungsarbeit. Schon wieder. Immer noch. Unbezahlte Aufklärungsarbeit, weil sie es wohl doch noch nicht begriffen haben, wenn sie ihre persönliche Betroffenheit ins Zentrum rücken.

(…) Natürlich, auch männliche Gefühle gehören gehört, ausgedrückt, beachtet, validiert. Im Kontext von strukturellem Frauenhass, Femiziden, struktureller sexueller, psychischer, finanzieller und physischer Männergewalt gegenüber Frauen und Kindern ist die beleidigte Abwehrhaltung des Einzelnen, der seine unreflektierte Kränkung ins Zentrum der Debatte stellt, aber wirklich nicht das Ultimum. Ich zitiere meine Kollegin Yvonne Widler (Buchtipp: Heimat bist du toter Töchter): "Strukturelle Sprache ist zuzumuten."




3. Damit wir mehr Verständnis für feministischen Hass entwickeln, unterstützt das die Schweizer Zeitung "20 Minuten" mit einem passenden Artikel: "Ich hasse Männer". Frauen erklären warum sie so fühlen. Eine der schönsten Begründungen: "Was gibt es an Männern nicht zu hassen, die diese Gesellschaft so gestalten und sich dann über den Widerstand beschweren?"

Denn eines ist klar: Ohne Männer gäbe es auch so schlimme Songs wie "Skandal im Sperrbezirk" nicht.



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