Spiegel-Online: "Männer brauchen radikales Mitgefühl"
1. In einem aktuellen Beitrag befindet Spiegel-Online zwar nicht selbst, dass Männer "radikales Mitgefühl" brauchen – Empathie für Männer wäre ein Bruch mit der langjährigen Redaktionslinie – , berichtet aber über die Autorin Sophia Fritz, die in ihrem neuen Buch entsprechend argumentiert:
Ab Oktober wird Fritz auf Lesereise gehen, um aus ihrem neuen Sachbuch vorzulesen. Der provokante Titel: "Der Mann, das Opfer". (…) Mit "Toxische Weiblichkeit" veröffentlichte sie vor zweieinhalb Jahren einen Bestseller. Ihr Ansatz, die Aufrechterhaltung des Patriarchats nicht nur den Männern, sondern auch den Frauen anzulasten, sorgte zunächst für Irritationen. Dann aber verbreiterte Fritz mit ihrem Blick auf Konflikt meidende, sich selbst optimierende und es allen Recht machende Frauen die Diskussion. Und wurde, auch wegen ihrer darin verarbeiteten Selbstkritik, zu einem Shootingstar in der feministischen Debatte.
Der Erfolg von "Toxische Weiblichkeit" habe alle überrascht, sagt Fritz. Ihren Verlag, der mittlerweile die 16. Auflage des Sachbuchs druckte, ihr Umfeld, am meisten vielleicht Fritz selbst. Sie wisse, dass der Titel "auf die Zwölf" war. Aber dass sie plötzlich in bekannte Podcasts und zu Interviews eingeladen wurde, dass ihr bei Instagram mittlerweile mehr als 21.000 Accounts folgen, damit habe sie nicht gerechnet. (…) "Der Mann, das Opfer" könnte das sogar noch übertreffen, schließlich zielt das Buch wieder auf eine erregt geführte Debatte.
(…) 2023, zwei Monate nach dem Unterzeichnen des Buchvertrags für "Toxische Weiblichkeit", starb Fritz’ jüngerer Bruder Chrissi an den Folgen einer Medikamentenabhängigkeit. Lange hatte der Anfang Zwanzigjährige pedantisch im Fitnessstudio gepumpt und leistungssteigernde Mittel genommen. "Das Krafttraining meines Bruders", so schrieb es Fritz mal in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL, "habe ich lange als 'Männerding' belächelt." Die Diskurse darüber, wie sehr Menschen unter Schönheitsnormen leiden, würden ausschließlich mit Frauen geführt. Obwohl Männer oft ebenfalls viel Energie in die künstliche Verformung ihrer Körper stecken, "wird dies selten von Männern als gesellschaftlich bedingter Zwang reflektiert".
(…) Der Kern von "Der Mann, das Opfer" ist Fritz’ Mitgefühl mit Männern. Es ist ein bisschen wie bei "Toxische Weiblichkeit": Fritz’ Haltung ist dermaßen gegensätzlich zur vorherrschenden ihrer Generation, dass man erst mal irritiert ist. Denn waren es nicht die Männer, die das Patriarchat – sich selbst zum Vorteil – erschaffen haben? Und soll man sie dafür auch noch bemitleiden?
Auch sie sei eine wütende Feministin, sagt Fritz im Gespräch. (…) Sie sei, sagt sie, wütend auf Männer, die anderen Gewalt antun, wütend auf die individualisierende Erzählung über diese Täter und wütend auf die Verhältnisse, die all das hervorbringen. Wut sei wichtig für aktivistische Arbeit, auf jeden Fall. Zu ihrer Wut sei aber Mitgefühl hinzugekommen. Sie nennt es radikales Mitgefühl.
(…) Diese Sprach- und Gefühlsarmut falle ihr bei Männern immer wieder auf, sagt sie. Manche fänden kaum Worte für das, was in ihnen vorgeht, könnten ihre Gefühle nur schwer einordnen und erlebten ihren Körper eher als Werkzeug, das funktionieren soll. Und, auch das spielt hinein, dieser fehlende Zugang zu seinen Gefühlen habe ihrem Bruder womöglich das Leben gekostet. Auch über sein Leben schreibt sie in "Der Mann, das Opfer". Denn dass ihr Bruder eines war, auch wenn der Opferdiskurs ihn so gern übersieht, das steht für sie außer Frage.
In dem Buch zeichnet sie auch nach, wie gefährlich diese Spracharmut werden kann. Weil Gefühle nicht einfach verschwinden, nur weil man dafür keine Worte hat. Fritz schreibt, dass es dringend eine neue Sprache für Männlichkeit brauche, "bevor sich Verletzung weiter in Wut, Polarisierung und neue Formen patriarchaler Gewalt übersetzt". Auch darauf zielt ihr Konzept des Mitgefühls: Sie glaubt nicht, dass Männer sich vom Patriarchat emanzipierten, wenn sie sich dabei permanent beschämt fühlten. Männer, so sagt es Fritz an ihrem Küchentisch, bräuchten mehr Zugänge zu emotionaler Verbundenheit.
(…) Fritz’ Idee ist es, dass sich die Menschen verbinden, auch physisch. Sie will die Schwesternschaft, die Feministinnen im Kampf gegen das Patriarchat errichteten, um Männer erweitern. "Aktuell", sagt sie, "fehlen mir die Männer. Ich vermisse die Hälfte der Menschheit." Aber, und das ist wohl der Knackpunkt: Männer müssen erst zu dieser vermissten Hälfte werden wollen. Sie müssen sich und ihr Männlichkeitsbild hinterfragen.
In Österreich berichtet "Die Presse" unter der Schlagzeile "Der Feminismus hat die Jungs allein gelassen" über Sophia Fritz: "Mit Wut allein könne toxische Männlichkeit nicht bekämpft werden", heißt es im Teaser. Mit "Der Ansatz, Männer als Opfer des Patriarchats zu sehen, ist heute eigentlich mutig" eröffnet ein Interview mit der Autorin, die darin ausführt: "Wenn ein Mann einen Rock trägt, sich die Fingernägel lackiert und offen über seine Gefühle spricht, wird sein Mannsein viel schneller infrage gestellt."
Die zahlreichen weiteren Benachteiligungen, die Männer betreffen, bleiben auch in diesem Buch offenbar unerwähnt.
2. "Dass wir immer noch im Patriarchat leben, finde ich unterkomplex" befindet die Feministin und Philosophin Svenja Flasspöhler, die zu diesem Thema ebenfalls gerade ein Buch geschrieben hat. Flasspöhler war schon durch Widerworte in der MeToo-Debatte mit vielen anderen Feministinnen in den Konflikt geraten.
Darauf ging ein Shitstorm auf Flasspöhler nieder, da konnte sie noch so betonen, wie viel Gutes #MeToo bewirkt habe. Man warf ihr eine Täter-Opfer-Umkehr vor. Dasselbe erfährt sie jetzt wieder, bloss viel milder. Diesmal geht es um Gisèle Pelicot, an deren Fall sie in ihrem neuen Buch aufzeigt, wie Frauen manchmal Alarmsignale nicht sehen wollen und an ihrem idealisierten Mann, dem zweifellos Schuldigen, festhalten.
Auch wenn dieser Befund stimmt, wird sie in den sozialen Netzwerken erneut als Antifeministin beschimpft. Andere nennen sie "pick-me girl", also eine Frau, die absichtlich Dinge sagt und tut, oft auch auf Kosten anderer Frauen, um es mit Männern gut zu haben. Sie weiss von den Anwürfen, obwohl sie seit längerem raus ist aus X oder Instagram.
3. Der FOCUS hat zusammengetragen, in welchen Berufen Frauen besser verdienen als Männer: "Bis zu 7000 Euro mehr" oder auch "bis zu 16 Prozent". Leider Bezahlschranke.
4. Über Männer in der Krise berichtet der Therapeut Andreas Haase, der als Berater bei der "man-o-mann männerberatung" in Bielefeld auch mit männlichen Opfern häuslicher Gewalt zu tun hat. Die gänige feministische Weltsicht hat aber auch Haase verinnerlicht:
"Wir haben bis vor Kurzem in einer absolut klar patriarchalen Gesellschaft gelebt: Bis 1957 fiel das Vermögen der Frau durch Heirat automatisch an ihren Mann; bis 1977 musste sie ihn nach Ende der Kinderzeit um Erlaubnis fragen, wieder arbeiten zu gehen; bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Männer erleben seit wenigen Jahrzehnten, wie peu à peu diese Ungerechtigkeiten abgebaut werden – ein Verlust von Privilegien, wenn man so will."
Das ist alles arg verkürzt. Zutreffend ist: Im gesetzlichen Güterstand blieb die Frau auch vor 1958 Eigentümerin; aber der Ehemann hatte weitgehende Verwaltungs- und Nutzungsrechte. Die Erwerbstätigkeit der Ehefrau musste vor 1977 nicht erbettelt werden; der Ehemann konnte ihre Berufstätigkeit aber verhindern, wenn darunter Ehe und Familie gelitten hätten. (Stockreaktionär natürlich, aber auch ein halbes Jahrhundert her.) Und erzwungener Geschlechtsverkehr innerhalb der Ehe war auch vor 1997 strafbar, es wurde aber nicht als Vergewaltigung erfasst, sondern als Nötigung und gegebenenfalls als Körperverletzung.
Haase berichtet über seine Klienten:
"Oft sagen die Männer nach der ersten Beratungsstunde, so hätten sie sich noch nie gefühlt. Sie erwarten, bewertet zu werden und gesagt zu bekommen, was sie alles falschgemacht haben. Mit ihren Problemen beachtet, respektiert und gesehen zu werden, ist diesen Männern oft fremd. Sie haben gelernt, zu funktionieren, und wenn das nicht klappt, werden sie häufig aus Hilflosigkeit laut.
Oft geht es darum, den Männern Mut zuzusprechen, die Dinge, die sie uns erzählen, auch ihrem Umfeld gegenüber anzusprechen – vor allem, wenn das Gegenüber nicht offen dafür ist. Wenn zum Beispiel die Ehefrau bei jeder Kritik sofort abwinkt, fällt es schwer, am Ball zu bleiben. Männer sind oft nicht gut darin, mit Kränkungen umzugehen. Viele werden dann aggressiv und schneiden sich damit unter Umständen ins eigene Fleisch.
Trennungsväter zum Beispiel, die den Eindruck haben, Ex-Partnerin oder Behörden würden den Kontakt zu den Kindern erschweren, werden schnell laut, weil sie keine Konfliktlösungsstrategie haben. Die Konsequenz ist dann häufig, dass der Kontakt zu den Kindern ganz wegfällt. Wir müssen also schauen: Wie kannst du deine Interessen, Wünsche und Bedürfnisse vertreten, sodass sie beim anderen ankommen, ohne dass Grenzen überschritten werden?"
Nach "toxischer Männlichkeit" befragt, nennt Haase Strategien wie Schweigen und Liebesentzug. Dass mitunter Frauen in einem Konflikt dieselben Mittel anwenden, bleibt ungesagt.
5.
Die perfideste Taktik im Kampf ums Kind heisst: Entfremdung. Wer den Partner im Verlauf der Trennung einer Untat beschuldigt, kann eine Suspendierung des Besuchsrechts erwirken – mit tiefgreifenden Folgen. Jetzt will der Bundesrat die Verfahren beschleunigen.
Aus der Schweiz berichtet die Neue Zürcher Zeitung. Der Artikel erwähnt auch die Schutzräume für männliche Gewaltopfer, die der maskulistische Verein "Zwüschehalt" anbietet.
6. "Packt sie beim Geld!" fordert die "taz" in einem Plädoyer dafür, die politisch gewünschten Wahlergebnisse durch finanziellen Druck herbeizuführen:
Im politisch-parlamentarischen Raum aber stagniert die Gleichstellung. Der Frauenanteil in Bundestag und Landtagen verharrt seit Längerem bei etwa einem Drittel, obwohl eine Mehrzahl der Wahlberechtigten weiblich ist. Zu beobachten sind sogar immer wieder Rückschritte. So sank im neu gewählten Landtag von Sachsen-Anhalt der Frauenanteil bei den Abgeordneten von schon niedrigen 28 Prozent auf nur noch 22 Prozent. (…) Mehr Frauen in Parlamenten heißt meistens auch, dass Themen, die Frauen besonders betreffen, wie Sorgearbeit, Gewalt gegen Frauen oder weibliche Gesundheit, mehr Bedeutung zugemessen wird.
~ Kennt man ja: Weil weit überwiegend Männer in den Parlamenten sitzen, wird auch allein häusliche Gewalt gegen Männer als Thema ernst genommen. ~
Woran man ansetzen könnte, um Parteien künftig eine höhere Repräsentanz von Frauen bei der Kandidatenaufstellung für Parlamente nahezulegen, wäre beim Geld. (…) Die zur Parteienfinanzierung staatlicherseits zur Verfügung gestellten Mittel sind erheblich. Für 2025 etwa waren es 225 Millionen Euro. Mein Vorschlag ist: Die Erstattung für eine Partei sei künftig davon abhängig zu machen, dass wenigstens die Hälfte der von ihr nach einer Wahl gewonnenen Parlamentssitze von Frauen besetzt wird. Andernfalls wird der Zuschuss proportional gekürzt.
(…) Eine mit dem Frauenanteil atmende Wahlkampfkostenerstattung belässt den Parteien alle Rechte der Kandidatenaufstellung, es kommt sie nur teuer zu stehen, setzt sie weiter auf Geschlechtsungleichheit. (…) Die Regelung muss auch nicht symmetrisch sein. Fraktionen mit einem Frauenüberschuss sollen von Kürzungen unbehelligt bleiben.
Die Kommentare unter dem Artikel sind vernichtend.
7. Aus einem neuen Spiegel-Online-Artikel über die Vergewaltigungsvorwürfe an der Universität Cornell:
Zumal einige der beklagten Männer laut US-Medienberichten an der Darstellung festhalten, sie habe den sexuellen Handlungen zugestimmt. So könnte passieren, dass sie am Ende straffrei davonkommen.
~ Es ist sogar noch viel schlimmer: Männer kommen zuhauf "straffrei davon", weil ihre Partnerin mit dem Sex einverstanden war (Rape Culture). ~
Im Ernst: Ich finde es bezeichnend, dass der Autor des Artikels offenbar gar nicht erst ernsthaft in Erwägung zieht, dass die Darstellung der Männer zutreffend sein könnte.
8. Olivier Martinez hat am 1. Oktober 2026 vor einem Gericht in Los Angeles eine einstweilige Schutzanordnung gegen seine Ex-Frau Halle Berry erwirkt, nachdem er ihr vorgeworfen hatte, ihren zwölfjährigen Sohn Maceo körperlich misshandelt zu haben. Martinez behauptet unter anderem, Berry habe den Jungen am Hals gepackt und gewürgt und ihn in den vergangenen Jahren mehrfach körperlich sowie ihn selbst verbal und emotional misshandelt. Das Gericht untersagte Berry nicht den Kontakt zu ihrem Sohn, schränkte ihre Besuchszeiten aber vorläufig auf montags und dienstags sowie samstags und sonntags jeweils von 10 bis 20 Uhr ein.
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