Grüne: Männer-Manifest spaltet die Partei
1. Das politische Magazin CICERO kommentiert das Männermanifest der Grünen. Ein Auszug:
Jahrelang hieß es, die Union habe ein Frauenproblem. Die FDP habe ein Frauenproblem. Friedrich Merz habe eines, und Christian Lindner hatte es auch gehabt. Jeder Mann rechts der Mitte, der auf irgendeine altmodisch überhebliche Art unsympathisch wirkte, musste sich diese Diagnose gefallen lassen. Jetzt ist sie endlich einmal umgedreht. Nach Jahren, in denen Männlichkeit im progressiven Milieu fast ausschließlich als Problem vorkam, entdeckt die Frauenpartei plötzlich den Mann als Zielgruppe.
Dreizehn Parteimitglieder, unter ihnen die Vorsitzende Franziska Brantner und ihre Vorgängerin Ricarda Lang, haben ein Manifest verfasst, das ein "positives Bild moderner Männlichkeit" einfordert. Anton Hofreiter boxt für die Kameras, Felix Banaszak gibt dem Playboy ein Interview, ein Bundestagsabgeordneter postet Kniebeugen aus dem Fitnessstudio in Prenzlauer Berg. Der Grund ist demoskopisch: 25,2 Prozent der Männer zwischen 18 und 24 wählten bereits bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Die Grünen verlieren sie fast vollständig.
Die Antwort der Partei? Männlichkeit auf Konsumästhetik reduzieren. Boxen, Pumpen, schnelle Autos, der "Playboy", das alles ist erlaubt, verkündet das Manifest. Die Selbstkritik dahinter ist ungewöhnlich offen: Man habe Männlichkeit jahrelang nur als „toxisch“ beschrieben, nie ein positives Gegenbild angeboten. Nur trägt diese Einsicht kaum über die Oberfläche hinaus, denn am Ende werden Männer auf ihre sichtbarsten Klischees reduziert. Das Ergebnis wirkt unfreiwillig komisch, als hätten sie all die Jahre nur auf die Erlaubnis gewartet, endlich Bizeps zeigen zu dürfen.
(…) Schon der Rahmen, in dem diese Debatte geführt wird, fühlt sich wie eine Anmaßung an. Frauen driften seit Jahren stärker nach links als Männer nach rechts. Auch sie erreichen klassische Meilensteine des Erwachsenseins wie Ehe und Kinder deutlich später und seltener als zuvor. Doch niemand kommt auf die Idee, von einer "Krise der Weiblichkeit" zu sprechen.
Denn eine als strukturell benachteiligt definierte Gruppe bekommt ihre Krise grundsätzlich von außen zugeschrieben, durch einen Unterdrücker. Mitverantwortung anzunehmen wäre in dieser Logik fast wie ein Kategorienfehler. Männer auf der anderen Seite gehören zur Täterklasse, weshalb ihre Probleme als Symptom eigener Schuld gelten. Das ist ein profundes Dilemma für die Grünen, mehr, als ihnen bewusst ist. Das erkennt man an Sätzen wie "Sei kein Arschloch", den der Parteivorsitzende Felix Banaszak in seinem Interview mit "Playboy" fallen ließ. Noch bevor der Adressat etwas gesagt oder getan hat, erscheint er als potenzieller Täter, dessen erste Aufgabe in der Selbstdisziplinierung besteht. Der gute Mann zeichnet sich nicht durch positive Eigenschaften aus, sondern dadurch, dass von ihm bloß nichts Negatives ausgeht.
Diese Sicht auf den Mann ist über Jahrzehnte institutionell eingeübt worden. Bis heute sind die Grünen die einzige Bundestagspartei, deren Frauenstatut reine Frauenlisten ausdrücklich zulässt, reine Männerlisten jedoch kategorisch ausschließt. Jeder ungerade Listenplatz, einschließlich des ersten, ist Frauen vorbehalten.
(…) Dann gibt es auch noch die Geschichte aus dem Saarland: Dort traten die Grünen bei der Bundestagswahl 2021 gar nicht erst an. Die erste Landesliste – unter Führung eines Mannes – wurde parteiintern verworfen, unter anderem wegen Verstößen gegen das Frauenstatut. Die zweite, nun frauengeführte Liste kam nur zustande, weil 49 Delegierte eines Ortsverbands von der Abstimmung ausgeschlossen wurden. Der Bundeswahlausschuss verwarf am Ende die gesamte Landesliste, weil dieser Ausschluss selbst gegen demokratische Grundsätze verstieß. Das Frauenstatut erreichte damit etwas, wovon der politische Gegner nicht mal hätte träumen dürfen: Es schloss die eigene Landespartei von der Bundestagswahl aus.
Ähnliches wiederholte sich schließlich auf der Bundesebene, als es zur Wahl der Kanzlerkandidat*IN kam. Robert Habeck hatte bereits im Vorfeld erklärt, im Falle einer Kandidatur Annalena Baerbocks nicht anzutreten – und genau so kam es. Der Mann, der sechs Jahre Regierungserfahrung als Minister in Schleswig-Holstein vorweisen konnte, musste einer Frau den Vortritt lassen, die ihre Karriere ausschließlich über Parteiämter aufgebaut hatte. Zeitweise lagen die Grünen im ZDF-Politbarometer bei 27, kurz darauf sogar 28 Prozent, zum ersten Mal in der Parteigeschichte als stärkste Kraft im Land. Im Wahlkampf musste Baerbock einen aufgehübschten Lebenslauf korrigieren, verspätet gemeldete Nebeneinkünfte nachreichen und sich für abgeschriebene Passagen in ihrem eigenen Buch rechtfertigen. Der Effekt zeigte sich sofort in den Umfragen: Nur noch 22 Prozent hielten Baerbock für kanzlertauglich. Am Wahltag im September blieben von den einstigen 28 Prozent noch 14,8 übrig.
2. Genderama hat bereits angesprochen, dass dem grünen Männermanifest jegliches politische Ziel fehlt, was man für Jungen und Männer politisch erreichen möchte. Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend für diese drollige Partei, dass sie sich schon von einem derartig lauen Aufguss überfordert zeigt und es einem einflussreichen Flügel viel zu weit geht: "Positive Männlichkeit", hat man so was Verrücktes schon mal gehört!? Die feministische Fraktion der Grünen hat deshalb einen heftigen Streit darüber angezettelt:
Mancher Grüne will lieber gar darüber nicht reden. Von anderen heißt es: "War bei der Debatte gerade nicht im Saal", "Habe da gerade nicht genau zugehört" oder: "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich dazu nicht äußere".
Diese Verdruckstheit klingt nach einem ordentlichen Maß an Angst in der grünen Partei. Aber einige haben es gewagt, den Mund aufzumachen und zu berichten:
In der Fraktionssitzung am Dienstag wurde das Manifest hitzig diskutiert. So berichten es übereinstimmend mehrere Teilnehmer. Für Ärger sorgte zum einen, dass die Verfasser ihr Papier nicht mit den Fachsprecherinnen und -sprechern koordiniert hätten. Fraktionschefin Katharina Dröge wies eingangs darauf hin, dass andere für die Themen zuständig seien.
Kritisch äußerten sich danach unter anderem die Grünenparlamentarierinnen Lena Gumnior, Ulle Schauws und Kirsten Kappert-Gonther. "Die Mehrheit der Meinungsäußerungen war so zu verstehen, dass das nicht unser Männerbild ist, was da niedergeschrieben wurde", heißt es aus der Fraktion.
Grüne Frauen distanzieren sich von einem auch nur in Ansätzen positiven Männerbild. Wie überraschend.
Auch der Abgeordnete Sven Lehmann meldete sich in der Fraktionssitzung zu Wort. Vor 16 Jahren gehörte er zu den Verfassern des ersten grünen Männermanifests, in dem eine Gruppe männlicher Grüner mehr feministisches Engagement von den Geschlechtsgenossen forderte. Auch Lehmann denkt darüber nach, wie die Grünen angesichts des Rechtsrucks unter jungen Männern ein Männerbild definieren können, das weniger ausgrenzend ist. Neulich organisierte er dazu mit dem Abgeordneten Till Steffen ein Fachgespräch in der Fraktion.
Das neue Manifest hätte Lehmann wohl auch nicht unterschrieben, wenn er gefragt worden wäre. Jedenfalls sagte er nach Angaben von Sitzungsteilnehmern, der Vorstoß werfe die Debatte um Jahrzehnte zurück. Das Papier sei inhaltsleer und suggeriere, dass Männer Opfer des Feminismus geworden seien.
Ach Unfug. So viel Klartext ist in dem Manifest gar nicht zu finden.
In der Fraktion befürchten einige, das umstrittene Manifest könne eine differenzierte Debatte zu einem wichtigen Thema erstickt haben. Nicht nur würde man so keine jungen Männer gewinnen, man könne dadurch auch Frauen verlieren. Die Grünen würden in starkem Maße von Frauen gewählt, heißt es aus Kreisen der Bundestagsabgeordneten. "Das Papier hat nicht dazu beigetragen, dass es so bleibt", sagt ein Mitglied der Fraktion.
Bekanntlich können Frauen mit muskulösen Männern, die schnelle Autos fahren wenig anfangen.
Die Debatte über das Männlichkeitsbild vor den wichtigen Landtagswahlen im Osten zu führen, sei "fatal", heißt es. Man habe doch andere Probleme, die das Land beschäftigten: die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung, der Klimawandel, die wirtschaftliche Lage im Allgemeinen.
Das fällt allen Ernstes einer Partei ein, die jahrelang darüber diskutiert, ob "WählerInnen" oder "Wähler_innen" die bessere Sprache wäre.
Besonderen Ärger musste sich Anton Hofreiter anhören. Der Vorsitzende des Europaausschusses und ehemalige Fraktionsvorsitzende gehört nicht zu den Unterzeichnern des Männermanifests, aber seine Kritik geht in eine ähnliche Richtung. Hofreiter hatte dem SPIEGEL gesagt, dass Männer im progressiven Lager pauschal für das, was sie seien, abgelehnt würden und nicht für das, was sie sagten oder täten. "Es gibt im linken Lager kein positives Bild moderner Männlichkeit", so Hofreiter.
Einer legt den Finger auf die Wunde, und prompt eskaliert das Gezeter.
Die Fraktionsführung bat in der Sitzung darum, vor den wichtigen Landtagswahlen im Osten, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Füße stillzuhalten. In beiden Ländern wird im September gewählt, die Grünen müssen um ihren Wiedereinzug in die Landesparlamente fürchten.
Der Krawall um das Männermanifest ist heute auch Thema bei Christian Schmidt. Er kommentiert:
Diese Reaktion ist bemerkenswert, weil sie den Kern des Manifests bestätigt. Das Manifest beginnt gerade mit der Diagnose, dass es im progressiven Lager kein gemeinsames positives Männerbild gibt. Wenn große Teile der Fraktion sofort erklären, dieses Bild sei "nicht unser Männerbild", ohne gleichzeitig ein eigenes positives Gegenbild zu formulieren, zeigt das genau das Problem, welches mit dem Manifest gelöst werden sollte.
(…) Kaum jemand in der Debatte geht auf tatsächliche Männerprobleme ein. Stattdessen wird vor allem über die richtige Sprache gesprochen. Das war zu erwarten, denn Männerprobleme kann es ja auch gar nicht geben. Männer sind privilegiert. Keine weitere Diskussion nötig.
(…) Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob ein Manifest genügt (natürlich genügt es nicht), sondern ob die grüne Politik überhaupt bereit ist, männliche Bedürfnisse ernst zu nehmen. (Sind sie nicht.)
(…) Das ist ein allgemeines Muster moderner (intersektionaler) Männlichkeitsdebatten: Klassische männliche Interessen die positiv erwähnt werden, werden direkt als Gefahr, als unzumutbar, als Herstellung einer "männlichen Überlegenheit und Unterdrückung der Frau" dargestellt.
(…) Wenn die Entwicklung eines positiven Männerbildes primär danach bewertet wird, wie sie bei Frauen ankommt, bestätigt das genau den Vorwurf der Einseitigkeit der Debatte, den auch Männerrechtler immer wieder gemacht haben: Über Männer wird häufig nicht um ihrer selbst willen gesprochen wird, sondern vor allem unter der Frage, welche Auswirkungen sie auf Frauen haben.
(…) Gleichzeitig zeigt gerade der Erfolg populistischer Bewegungen unter jungen Männern, dass Fragen männlicher Identität keineswegs nebensächlich sind. Wenn eine große Gruppe junger Männer das Gefühl entwickelt, dass ihre Lebensrealität im etablierten politischen Diskurs kaum vorkommt, wird daraus früher oder später auch ein politisches Problem.
Das Blog "Apokolokynthose" kommentiert das grüne Männermanifest hier und hier.
3. Der Deutschlandfunk feiert die neue "Rage-girl"-Literatur.
Das englische "rage" ist eine Wut, die rasend ist, ungebändigt – und für die Leserin mitunter ganz schön abgedreht. Die Autorin Monika Kim lässt ihre Protagonistin in "Das Beste sind die Augen" eine Obsession mit den Augen des neuen Freundes ihrer Mutter entwickeln. Aus Wut, denn besagter Freund ist ein absolutes Ekel.
Die Antiheldin denkt in dem Buch Dinge wie: "Ich will ihn bluten sehen. Will seinen Kopf aufschneiden, ihm die Haut abziehen, seine Augen essen." In Kims Rache-Groteske kommt weibliche Wut in keiner Weise entschuldigend daher. Sie wird genüsslich und völlig ungeniert ausgekostet.
Für manche Feministinnen ist das ein Zeichen von Emanzipation. Sie sagen: Die außer Rand und Band geratenen Protagonistinnen der Literatur geben den Leserinnen Stärke zurück. Frauen wollen jetzt auch wütend sein und zurückschlagen. Wütend worauf?
Der feministische Buchclub feminist fiction berlin schreibt als Antwort auf Instagram "EVERYTHING" – ALLES. Natürlich in wütenden Großbuchstaben. Dann kommt eine Aufzählung: Kapitalismus, Patriarchat, der Ex, die verspätete Periode, Krieg, Ungerechtigkeit.
(…) "Female rage" ist eine politische Kraft, wenn Frauen mehr als vergleichsweise harmlose Online-Slogans daraus machen. Die neuen wütenden Protagonistinnen der Rage-Girl-Literatur begnügen sich nicht mehr mit ausgeweideten Männeraugen zum Frühstück. Sie wollen die Revolution.
Ich kann mir bestens vorstellen, was man beim Deutschlandfunk schreiben würde, wenn es vergleichbare Literatur für junge Männer gäbe.
4. Einer aktuellen Umfrage zufolge sind sechs von zehn US-Amerikanern Feministen, drei von zehn "Maskulinisten". Als "Maskulinismus" wird hier die Auffassung definiert, dass Männer und Frauen gleich sein sollten, aber Männer in bestimmten Situationen schlechter behandelt werden. In der jüngsten Erwachsenengeneration ist der Anteil der Feministen niedriger und der Anteil der "Maskulinisten" höher.
Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!
<< Home