Selbstmord-Rekord, #Hetoo und männliche Helden
1. In Deutschland haben sich im vergangenen Jahr mehr als 11.000 Menschen das Leben genommen, ein neuer trauriger Rekord. Männer bringen sich weiterhin etwa dreimal so oft um wie Frauen, weshalb für Frauen mehr getan werden muss:
Ältere Frauen stellen dabei laut Angaben der Expertinnen und Experten eine zunehmend besonders stark betroffene Risikogruppe dar. "Auch wenn weiterhin die meisten Suizide auf Männer entfallen, ist die Entwicklung bei älteren Frauen besonders besorgniserregend", sagte Barbara Schneider vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm. Für diese müssten gezielte und gut erreichbare Unterstützungsangebote entwickelt werden.
2. "Österreich fehlen Grundwehrdiener. Über eine naheliegende Lösung spricht kaum jemand" schlagzeilt ein aktueller Artikel. Wer von euch hat gerade an die naheliegende Lösung gedacht, auch Frauen zu verpflichten? Und wer hat ernsthaft geglaubt, dass das die in dem Artikel diskutierte Lösung sein könnte? Natürlich nicht:
Die Politik sucht jetzt nach Lösungen und diskutiert verschiedenste Möglichkeiten. So schlägt die Wehrdienstkommission vor, das Höchstalter für den Antritt des Grundwehrdienstes von 35 auf 40 Jahre anzuheben. Damit sollen sich Männer ihrer Wehrpflicht nicht durch langes Warten entziehen können. Auch ein freiwilliger Grundwehrdienst für Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft kommt für die Kommission in Frage. Gleichzeitig überlegt sie, durch den Wehrdienst jungen Männern das Erlangen der Staatsbürgerschaft zu erleichtern. Eine naheliegende Frage wird dabei bisher gar nicht diskutiert: Warum erleichtert Österreich Menschen, die längst hier leben, nicht grundsätzlich den Zugang zur Staatsbürgerschaft?
Es ist bemerkenswert, welcher gedankliche Aufwand hier betrieben wird, um nicht über Gleichberechtigung sprechen zu müssen.
3. Die britische Regierung will 15 Millionen Pfund in einen neuen landesweiten Fonds zur Bekämpfung von Frauenfeindlichkeit investieren. Hintergrund sind unter anderem wachsende Sorgen über den Einfluss von Influencern aus der sogenannten "Manosphäre". Der von Gleichstellungsministerin Bridget Phillipson geleitete Fonds soll über drei Jahre hinweg Projekte finanzieren, für die sich Organisationen bewerben können. Vorgesehen sind unter anderem Mentoringprogramme für junge Menschen, Schulungen am Arbeitsplatz und öffentliche Kampagnen, die sexuelle Belästigung, Diskriminierung und alltäglichen Sexismus bekämpfen sollen. Auch Unternehmen und private Geldgeber sollen zusätzliche Mittel beisteuern. Als mögliche Vorbilder nennt der Guardian Kampagnen, die Männer dazu ermutigen, einzuschreiten, wenn sie Zeugen übergriffigen Verhaltens werden. Zusätzlich hat die Regierung ein separates Förderpaket von 20 Millionen Pfund für Schulen angekündigt, das unter anderem Aufklärung über Beziehungen, Frauenfeindlichkeit im Internet und Desinformation unterstützen soll.
Dasselbe Geld könnte dafür ausgegeben werden, die wichtigsten Probleme von Jungen und jungen Männern anzugehen. Offenbar ist das unvorstellbar.
4. Mehrere Medien, darunter die britische Tageszeitung Daily Mail, beschäftigen sich weiter mit dem früheren MIT-Biologieprofessor und renommierten Krebsforscher David Sabatini, dem von einem Gericht in Massachusetts sechs Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen wurden, weil seine frühere Kollegin Kristin Knouse ihn als sexuell übergriffig verleumdet und seine beruflichen Möglichkeiten beeinträchtigt hatte. (Genderama berichtete.)
Der Daily-Mail-Artikel bezieht sich auf Aussagen aus einer früheren Videovernehmung von Kristin Knouse, die nahelegt, dass sie sich selbst übergriffig verhalten habe:
Eine Wissenschaftlerin des Massachusetts Institute of Technology (MIT) kletterte in das Bett eines Kollegen und forderte "aggressiv" Sex mit ihm, bevor sie eine #MeToo-Anklage erhob, die ihn beinahe ruiniert hätte.
(…) Doch in einer Video-Aussage aus dem Jahr 2024 gegenüber seiner Anwältin wurde Knouse zu einem Vorfall befragt, bei dem sie angeblich mit Sabatini in einem Hotelzimmer intim geworden war und anschließend einen Witz über die #MeToo-Bewegung gemacht hatte.
"Seine Aussage, er sei um 2 Uhr morgens angegriffen worden, bezieht sich auf jenen Vorfall, bei dem Sie in sein Zimmer gingen, als er bereits im Bett lag, und Sex mit ihm hatten", sagte Sabatinis Anwältin Lisa G. Arrowood in der Videoaussage, die am Dienstag von Boston 25 ausgestrahlt wurde. "Als Sie vom Feiern zurückkamen, richtig?"
Knouse antwortete: "Ich nehme an, dass er das meint."
Arrowood las daraufhin eine SMS vor, die Knouse an Sabatini geschickt habee und in der es hieß: "Es war ziemlich aggressiv, #hetoo."
Der 58-jährige Sabatini wurde 2021 aufgrund von Knouses Vorwürfen wegen sexuellen Fehlverhaltens und Belästigung aus seinen prestigeträchtigen Positionen am Whitehead Institute und am MIT entlassen. An einer Anstellung an der New York University wurde er durch eine Meute wütender woker Studenten gehindert.
Anschließend verklagte er Knouse wegen Verleumdung, wobei seine Anwälte während des dreiwöchigen Prozesses argumentierten, sie sei eifersüchtig auf eine andere Frau geworden und habe versucht, ihn zu bestrafen, wie das Gericht hörte. (…) Im Rahmen ihrer Zeugenaussage erklärte Knouse: "Ich weiß, was ich will, und ich setze es durch."
(…) Sabatini argumentierte vor Gericht, dass ihn die Vorwürfe zwischen 2020 und 2025 fast 2 Millionen Dollar gekostet hätten, und sein Anwalt machte geltend, er sei Opfer einer übereifrigen #MeToo-Kampagne geworden, die ihn zu Unrecht verurteilt habe. (…)Er wurde zu einem der Gesichter der #MeToo-Bewegung, die zu dieser Zeit die Nation erfasste. (…) In den sozialen Medien wurde er als "Raubtier", "Täter" und "gruseliger Dreckskerl" gebrandmarkt.
Der Wissenschaftler gab an, aufgrund des Zusammenbruchs seines beruflichen und privaten Lebens in eine Depression verfallen zu sein, und erklärte vor Gericht, dass er einen Selbstmordversuch unternommen habe.
(…) Knouses Anwältin, Ellen Zucker, erklärte, ihre Mandantin beabsichtige nun, gegen das Urteil Berufung einzulegen.
Man könnte nach all diesen Fällen ja auf die Idee kommen, es wäre vernünftig abzuwarten, was nach Virwürfen sexueller Übergriffe ein Gerichtsprozess ergibt. Allerdings gibt es bis zu dessen Ende ein Flut von Artikeln empörter Journalistinnen, die krakeelen: "YES #ALLMEN! WARUM UNTERSTÜTZEN DIE ALLERMEISTEN SCHEISSKERLE DIE ARMEN GESCHÄNDETEN FRAUEN NICHT??" Wer beim Lynchmord nicht mitmachen will, zeigt nach dieser verqueren Logik, dass er Frauen hasst.
5. In einem Kommentar für das Wall Street Journal argumentiert Louise Perry – eine britische Feministin, die öfter mal ideologisch aus der Reihe tanzt –, dass Männer nicht nur überproportional häufig Gewalt ausübten, sondern auch besonders häufig bereit seien, unter Einsatz ihres eigenen Lebens Fremde vor Gefahren zu schützen. Als Beispiele nennt sie den Zimmermann Kaylub Giamanco, der einen Amokläufer an einer Grundschule in Bend im US-Bundesstaat Oregon stoppte, nachdem dieser drei Kinder und eine Lehrkraft getötet hatte, sowie Ricky Jefferies, der in Australien einen Angreifer überwältigte, der die Politikerin Helen Haines mit einem Auto angefahren hatte und ihr dabei beide Beine nahm. Perry verweist darauf, dass rund 92 Prozent der Träger der Carnegie Medal for Heroism, einer Auszeichnung für Menschen, die bei Rettungsaktionen freiwillig ihr Leben riskieren, Männer seien. Aus ihrer Sicht wird diese Form männlicher Tapferkeit in einer feministischen Kultur, die Männer häufig als Gefahr für Frauen darstelle, zu wenig gewürdigt. Perry stellt deshalb die Frage, wie sich männliche Aggression und Risikobereitschaft gesellschaftlich so lenken ließen, dass sie dem Schutz anderer dienten. Traditionelle Ansätze wie Wehrdienst, Pfadfinderorganisationen und Kampfsport könnten dabei eine Rolle spielen. Ihr Fazit lautet, dass Gesellschaften mutige Männer weiterhin dringend benötigten.
Wir landen also wieder bei dem sich generell abzeichnenden Trend: Jetzt, wo Männer womöglich zum Sterben an der Front gebraucht werden könnten, erweisen ihnen einige ein ein Minimum an Respekt.
6. Kat Rosenfield kritisiert in einem Kommentar für The Free Press die übermäßige gesellschaftliche Anteilnahme an Müttern, die ihre eigenen Kinder getötet haben, und nimmt dabei insbesondere den Fall von Lindsay Clancy in den Blick, die 2023 ihre drei kleinen Kinder getötet hatte. Rosenfield sieht darin eine Tendenz, Täterinnen zu Opfern ihrer Lebensumstände umzudeuten und dadurch ihre persönliche Verantwortung in den Hintergrund treten zu lassen. Zur Verdeutlichung entwirft sie ein Gedankenexperiment: Wie würde die Öffentlichkeit reagieren, wenn Männer, die ihre Familien ermordet haben, vergleichbare Unterstützung erhielten, sich Menschen vor Gerichtsgebäuden für sie versammelten und in sozialen Medien Erklärungen für ihre Taten suchten? Bei männlichen Tätern wie Chris Watts, John David Battaglia und Brian Walshe wäre eine solche Solidarisierung kaum vorstellbar, argumentiert sie. Bei weiblichen Tätern dagegen würden traumatische Erfahrungen, psychische Erkrankungen und gesellschaftliche Versäumnisse häufig als Gründe angeführt, die ihre Schuld relativieren sollen.
7. Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift "Evolutionary Psychology" veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass Männer und Frauen ähnlich häufig sogenannten "Pflichtsex" haben, also einvernehmlichen Sex, obwohl sie selbst gerade kein sexuelles Verlangen verspüren, weil sie sich ihrem Partner verpflichtet fühlen oder befürchten, er könnte andernfalls verärgert sein, die Liebe verlieren oder die Beziehung beenden. Für die Untersuchung befragten F. Sid Dougan und seine Kolleginnen 252 sexuell aktive Studenten zwischen 18 und 24 Jahren, darunter 176 Frauen und 76 Männer. Insgesamt berichteten die Befragten allerdings nur selten von diesem Verhalten, und der Unterschied zwischen Männern und Frauen war statistisch nicht signifikant.
8. In den USA wird der Dokumentationsfilm "Gone Guys" vorgestellt, der zu einer gesellschaftlichen Debatte beitragen soll, die aus Sicht der Filmemacher bislang zu wenig Aufmerksamkeit erhält: die zunehmende Entfremdung von Jungen und jungen Männern von Schule, Beruf und Gemeinschaft.
Der Film behandelt mehrere miteinander verbundene Probleme: schlechtere Bildungsergebnisse von Jungen, Einsamkeit und soziale Isolation, Drogenmissbrauch und Suizid. Er stützt sich ausdrücklich auf das Buch "Of Boys and Men" des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Richard V. Reeves. Anhand von Statistiken, animierten Darstellungen und persönlichen Berichten junger Männer, Lehrkräfte und Mentoren untersucht der Film, wie diese Probleme entstehen und was dagegen unternommen werden kann.
Die von mir verlinkte Website betont ausdrücklich, dass mehr Aufmerksamkeit für Jungen und Männer nicht zulasten von Mädchen und Frauen gehen müsse. Der Film möchte die Probleme männlicher Entwicklung sichtbar machen, ohne daraus einen Gegensatz zwischen den Geschlechtern zu konstruieren. Die Website präsentiert ihn als Einladung zu einem sachlichen, menschlich zugewandten Gespräch und nicht als Beitrag zu einem Kulturkampf. Sein Regisseur und Produzent Chad Ervin hat an etwa 35 Dokumentarfilmen mitgearbeitet, die Co-Produzentin Angela Snow verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Fernseh- und Dokumentarfilmproduktion. Der Film wird gezielt für öffentliche Diskussionen, Schulen und andere Einrichtungen angeboten. Veranstalter können Vorführungen organisieren und dazugehörige Gesprächsmaterialien erhalten.
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