Dienstag, Oktober 27, 2026

Männer leider unter seelischer Last – aber wo finden sie Hilfe?

1. Der Tagesspiegel beschäftigt sich mit seelischen Krisen bei Männern. Natürlich wird schon von der Überschrift an klargestellt, dass die dummen Kerle selbst schuld sind, wenn es ihnen schlecht geht: "Warnzeichen schieben sie erstaunlich lange beiseite": Viele Männer suchen zu spät Hilfe. Wenn man dieses Framing ignoriert, liefert der Artikel durchaus wichtige Informationen:

Das sei eher die Ausnahme, sagt Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe, die "Die Onlinepraxis" betreibt. "Ich erlebe im Erstgespräch häufig Männer, die hochgradig belastet sind und trotzdem die Frage stellen: Ist das denn jetzt schlimm genug?" Frauen - so ihre Erfahrung - machten weniger mit sich selbst aus und kämen schneller zu dem Schluss, Hilfe zu brauchen.

(…) Laut dem "Psychreport 2025" der Krankenkasse DAK kamen auf je 100 Versicherte bei Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern 266. Für Piekorz ein Hinweis, dass sich Männer seltener aufgrund von psychischer Belastung eine Krankschreibung "erlauben". Finden sie über längere Zeit keine Hilfe, kann das Suizidrisiko steigen - hier machen Männer mit fast 70 Prozent einen überdurchschnittlichen Anteil aus.

"Im Volksmund gelten Männer als 'starkes Geschlecht' und per se als leistungsfähig und gesund", heißt es in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Doch die Zahl psychischer Erkrankungen steige. Dies werde häufig auf gesellschaftlich geprägte, geschlechtsspezifische Zwänge der Arbeitswelt zurückgeführt. Finanz- und Wirtschaftskrisen etwa führten vor allem bei Männern zu seelischen Belastungen, Burn-outs oder Depressionen.


Kann doch gar nicht sein. Frag eine Feministin, und du erfährst, dass die patriarchalen Männer sich die goldenen Seiten der Berufswelt gesichert haben, während die schwere Bürde der "mental load" bei den Frauen bleibt.

Die Süddeutsche Zeitung hingegen berichtet, wo Männer bei seelischer Belastung Hilfe bekommen können. Hier kommt dieselbe Psychologin zu Wort, aber die Gewichtung des Beitrags ist völlig anders. Das Hauptgewicht liegt hier auf konkreten Tipps statt auf "selber schuld":

Es gebe Beratungsstellen, darunter auch welche speziell für Männer, oder niedrigschwellige Angebote wie Telefonseelsorge, kirchliche Männerkreise oder - auch zur Zeitersparnis - Online-Angebote, sagte die Expertin aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe, die "Die Onlinepraxis" betreibt.

(…) "Neben der Vertraulichkeit, die ja immer gilt, brauchen manche ein besonderes Maß an Diskretion", hat Piekorz festgestellt. Daher könne man auch fragen, ob ein Online-Gespräch anonym möglich sei - also mit ausgeschalteter Kamera oder zum Beispiel auch nur per Mail und nur mit dem Vornamen.

Angehörige und Freunde sollten ruhig und konkret ansprechen, wenn sie Veränderungen beobachten, riet die Fachfrau. Ein Beispiel: "Ich merke, dass du dich verändert hast. Du ziehst dich immer weiter zurück, du schweigst oder stürzt dich in die Arbeit. Ich mache mir Gedanken, wie es dir geht." Dabei sollte man Wertschätzung und Verbundenheit ausdrücken - etwa: "Du bist uns wichtig, wir brauchen dich, wir möchten, dass es dir gut geht."

Darüber hinaus könne man konkrete Informationen und Anlaufstellen weitergeben. "Zum Hilfe-Annehmen kann man niemand zwingen, aber ein kleines Anschubsen darf aus meiner Sicht durchaus sein - manchmal hilft es, einen konkreten Flyer vor die Nase zu halten oder einen Link zu einem passenden Angebot zu schicken", sagte sie. "Wenn man dann ein niedrigschwelliges, männerfreundliches Angebot hat, kann das vielleicht die Chance erhöhen, dass es angenommen wird."


Noch besser wäre allerdings eine Liste mit männerfreundlichen Anlaufstellen gewesen.



2. "Nur wenn es um den Wehrdienst geht, sind junge Menschen dem Staat nicht egal" titelt die Süddeutsche über einem weiteren Artikel. Streiche "Menschen", setze "Männer", und es passt. Es sind Männer, die zum Dienst gezwungen werden, und Männer, deren Anliegen in der Regierungspolitik nicht als eigene Gruppe vorkommen.



3. Die Post. Einer meiner Leser macht mich auf einen Beitrag des NDR aufmerksam und hat dazu vernünftigerweise nicht mir, sondern den verantwortlichen Redakteuren geschrieben, mir aber eine Kopie zukommen lassen:

Moin Herr von Haller, moin Herr Appold,

durch Zufall habe ich heute Ihren Bericht über die Finanzierung der Frauenhäuser in Schleswig-Holstein gesehen und bin einigermaßen erschüttert, wie Sie hier Zahlen durcheinander werfen.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Sie sagen, es gab 2020 9.709 Opfer häuslicher Gewalt und erwecken den Eindruck, alle Opfer wären Frauen. Dabei zeigt die gleiche Statistik, dass knapp 30 % der Opfer häuslicher Gewalt Männer sind. Männer als Opfer kommen aber leider in dem Bericht überhaupt nicht vor.

Dann gibt es den Teil, bei dem man sagt, dass es für Frauen eine große Hürde ist, sich zu melden, weil Gewalt ein "schambehaftetes Thema" sei. Wie schambehaftet ist es erst für Männner, weil sie damit als schwach erscheinen. Deren Hemmschwelle ist nicht zuletzt deswegen viel höher. Wenn also 30 % der offiziellen Opfer schon männlich sind, wie viel höher ist erst die Dunkelziffer?

Dann kommt noch die Aussage, jede sechste Frau erlebt Gewalt von ihrem Partner oder Expartner. Die Schätzungen für männliche Opfer ist ähnlich, das wird aber von Ihnen verschwiegen. Nutzen Sie ihre eigenen Quellen. Hier lernen Sie andere Zahlen kennen.

Kommen wir zur Anzahl der Frauenhäuser. Hier geht es darum, dass die Anzahl der Plätze um 200 Plätze erhöht werden soll. Soweit ich das über eine kurze Recherche ermittelt habe, gibt es keine Männerschutzwohnung in Schleswig Holstein. Also nicht eine.

Und das alles verschweigen Sie im Bericht. Sie nehmen die Anzahl der männlichen und weiblichen Opfer und erwecken den Eindruck, dass seien nur Frauen. Sie bemängeln den Mangel an Frauenhäuser, erwähnen aber nicht, dass es keine Männerhäuser in Schleswig Holstein gibt.

Ein solcher Bericht ist mehr als unseriös. Das sollte beim NDR besser laufen.

Es wäre nett, wenn Sie mir kurz rückmelden, wie es zu so einem einseitigen Beitrag kommen konnte.


Man sollte hierzu erwähnen: Ich bin nicht in jedem Fall sicher, ob solche Rückmeldungen nach Fernsehbeiträgen die Macher überhaupt erreichen. Vor zwei oder drei Jahren habe ich mit einer jungen Mainzerin gesprochen, die den Job hatte, die verantwortlichen Journalisten für Magazinbeiträge wie die von "Monitor" telefonisch abzuschirmen, damit diese von den Protesten des Pöbels unbehelligt blieben. Man konnte also beim Sender anrufen und seinen Unmut loswerden, das wurde dann jedoch niemals weitergeleitet. Beim NDR dürften die Chancen immerhin deutlich größer sein als beim Hauptprogramm im Ersten.



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