SPIEGEL-Titelgeschichte: Die Grünen wollen männlicher werden
1. Auf der Titelseite des aktuellen SPIEGEL findet sich auch ein Hinweis auf einen Artikel darüber, wie die Grünen die Männer wieder einfangen möchten, die ihnen in Scharen davonlaufen. Der Artikel verrät alles darüber, was in grünen Köpfen schiefläuft, sobald es um Männer geht:
Die Grünen schneiden vor allem bei jungen Männern schlecht ab. Grund ist auch das Softie-Image, das sie über Jahre kultivierten. Die Zeiten dominanter Alphatiere wie Joschka Fischer sind lange vorbei, die vergangene Jahre waren geprägt von dem weichgespülten Robert Habeck, den Ton gaben vor alle, starke Frauen an – junge Männer suchten bei der Ökopartei männliche Rollenmodelle vergeblich. In sozialen Medien und Online-Communitys hat sich eine "Manosphere" gebildet. (…)
Die "Männersphäre" behauptet: Männer sind Opfer des Feminismus und der Gleichstellung der Geschlechter. Die meisten Linken würden da widersprechen. Bei den Grünen gibt es jedoch zunehmend Politiker und Politikerinnen, die zumindest der Ansicht sind, dass der Feminismus junge Männer verunsichert und verschreckt hat.
Im Kampf für Frauenrechte sei etwas auf der Strecke geblieben, schreiben 13 Grüne in einem bislang unveröffentlichten Manifest. Ihre Partei habe definiert, was Männer nicht sein sollen: nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend. "Aber wir haben vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann", heißt es in dem Text, der dem SPIEGEL vorliegt. "Wir haben ein Vakuum geschaffen, und in dieses Vakuum strömen jetzt die alten Bilder zurück."
Es reiche nicht, gegen toxische Männlichkeit zu sein und deren Propagandisten zu belächeln, kritisiert die Gruppe aus neun Männern und vier Frauen, darunter die Parteivorsitzende Franziska Brantner und ihre Vorgängerin Ricarda Lang. "Wir brauchen ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann."
Wann ist ein Mann ein Mann? In Anlehnung an den Grönemeyer-Song luden jüngst die Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven Lehmann und Till Steffen zum Fachgespräch in den Bundestag. Vor 16 Jahren verfassten sie das erste grüne Männermanifest. "Man wird nicht als Mann geboren, man wird dazu gemacht", hieß es darin. Es war eine Abrechnung mit Geschlechterstereotypen. Das neue Manifest, die neue Männlichkeitsdebatte der Grünen ist von einem anderen, selbstkritischeren Ton geprägt.
Im Fachgespräch erinnerte Lehmann an den Hashtag #allemänner, der nach einer Reihe sexistischer Übergriffe von Männern gegen Frauen im Internet weitverbreitet war. "Ich frage mich, ob es der richtige Ansatz ist, dass alle Männer sich für ihr Mannsein schämen sollen", sagte der Abgeordnete während des Austauschs im Parlament.
(…) Den Parteivorsitzenden Felix Banaszak treibt die Frage um, wie die Grünen attraktiv für junge Männer werden. "Ich verstehe total, dass viele Frauen sagen: ›Mein Verständnis gegenüber Männern ist aufgebraucht‹", sagt er. "Aber es ist ein Problem, wenn Linke pauschal ausstrahlen: Als Mann bist du das Problem und bleibst es auch. Das progressive Milieu braucht ein eigenes positives Verständnis von Männlichkeit, das nicht nur Defizit ist."
Die Grünen kämpften immer stolz gegen die Diskriminierung von Minderheiten. Sie haben eine Frauenquote, einige Landesverbände und die Grüne Jugend betreiben sogenannte Flinta-Runden, die Abkürzung steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht‑binäre, trans und agender Personen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. "Das ist gut und wichtig, aber uns fehlen Räume, in denen sich Männer über ihre Probleme austauschen und mit Geschlechterthemen befassen können", sagt Banaszak.
(…) Unter den Unterzeichnern des neuen Männermanifests ist der grüne Bundestagsabgeordnete Julian Joswig. An einem Montagmorgen um acht Uhr trainiert er im Kraftraum eines Fitnessstudios im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. Er nimmt sich zwei Zwölfkilohanteln und macht eine Runde "Bulgarian Split Squats", eine einbeinige Kniebeuge, die vor allem den Oberschenkel und das Gesäß trainiert.
(…) Es gab Kritik. "Finde es leider etwas unsolidarisch, hier feministische Werte zu vertreten und dabei ein oberkörperfreies Video zu posten, wenn genau die Möglichkeit für Frauen nicht existent ist", kommentierte ein Follower. "Feministen tragen in der Öffentlichkeit Hemden", schrieb ein anderer.
Löcker ging es darum, junge Männer außerhalb der "links-grünen Bubble", wie er sie nennt, anzusprechen. "Ich will die jungen Männer erreichen, die sich denken, die Grünen wollen mich doch gar nicht, weil ich ein Mann bin", erklärte er auf Instagram. "Dafür muss ich aber irgendwie in ihre Algorithmen rein und sie so ansprechen, dass sie sich abgeholt fühlen."
Löcker fühlte sich einst selbst von antifeministischen Sprüchen in der Fitnessbubble angesprochen. "Das fand ich als 15-Jähriger irgendwie lustig, zum Glück bin ich dann nicht in die Manosphere abgedriftet. Geholfen haben mir Grüne, die mich so akzeptierten, wie ich bin: straight, Pumper, Anzugträger", sagt er.
(…) Anruf bei Jette Nietzard. (…) "Frauen haben in den letzten Jahrzehnten deshalb etwas erreicht, weil sie laut waren", sagt die 27-Jährige. (…) Nietzard hält nicht viel von dem grünen Projekt, Männlichkeit neu zu definieren. "Es ist der Versuch, die alte Definition von Männlichkeit etwas positiver zu framen, also ein bisschen weniger aggressiv, weniger wütend, weniger dominant", sagt sie. Aber die Idee, mit Pumpvideos junge Männer anzusprechen, findet Nietzard gut. "Man muss in diese Szene reinreichen, auch mit populistischen Mitteln."
Ich habe den Artikel ja oben im Original verlinkt. Jeder kann überprüfen, dass ich keine zentralen Punkte weggelassen habe: keine konkreten politischen Ziele, um Benachteiligungen von Jungen und Männern zu unterbinden und ihre Situation zu verbessern. Nichts von dem, was bei Genderama & Co. täglich dargelegt wird. Die politischen Anliegen und Forderungen von Männern sind für die Grünen unsichtbar. Alles, was es im grünen Denken gibt, und was für eine Titelgeschichte des SPIEGEL ausreichte, ist: Männer nicht ganz so sehr niedermachen wie bisher, ihnen "Räume anbieten", um sich miteinander zu unterhalten, und Bodybuilding. Die Grünen haben nicht einmal begriffen, warum eine komplett fehlende ernstzunehmende Männerpolitik, ihre Partei für viele männliche Wähler unattraktiv macht. Ihrer Auffassung nach besteht die Lösung darin, Hanteln zu stemmen. Die politische Substanz, die Grüne männlichen Wählern anbieten wollen, endet im Fitness-Studio.
2. Die Südtroler Politik-Website "Salto" beschäftigt sich damit, wie der Feminismus die Generation Z verliert. Sicherheitshalber stellt der Autor erst einmal klar, dass er ein Feminist ist, bevor er seine Kritik vorzutragen wagt. Wie seit Jahrzehnten ist auch dort nur der jeweils aktuelle Feminismus von Übel, während davor alles in Ordnung war.
Der neue Feminismus hat es geschafft, mit immer abenteuerlicheren Konzepten vor allem jungen weißen Männern, die ebenfalls unter vielen Aspekten der sich nicht immer zum Besseren verändernden Welt zu leiden haben, fast schon systematisch das Gefühl zu vermitteln, sie seien das Grundübel des ganzen Schlamassels. Je nach Auslegung ist jede kleinere oder größere Katastrophe auf diesem Planeten – ob dies nun der Klimawandel, der Ukraine-Krieg, der Gazakrieg, der Iran-Krieg, die Schere zwischen Arm und Reich u.v.m. – schlussendlich eine direkte Folge des allgegenwärtigen Patriarchates, und als weißer Cis-Mann (also biologischer, heterosexueller Mann) sei man qua seiner Geburt Teil des Problems.
(…) Was der neue Feminismus komplett versäumt – so auch die Ansicht von durchaus einigen Soziologen –, ist die Einsicht, dass auch Männer und vor allem auch junge Männer von vielen Entwicklungen benachteiligt werden, diese in dieser Debatte aber teils gar nicht vorkommen dürfen. Beispiele hierzu gibt es en masse. So schrieb etwa die Financial Times 2024 im Hinblick auf die UK Household Longitudinal Study, dass sich bei Vollzeitbeschäftigten im Alter zwischen 16 und 24 Jahren die geschlechtsspezifische Gehaltslücke umgekehrt hat; junge Frauen verdienen hier im Schnitt mehr als junge Männer – sprich, es gibt einen Gender-Pay-Gap, aber in die andere Richtung.
Das hätte ein guter Anfang sein können, um von da an weiterzudenken. Es gibt ja tatsächlich männerpolitische Baustellen "en masse". Stattdessen verliert sich der Artikel danach in Forderungen nach einer Erbschaftssteuer, einer CO2-Abgabe und einem flächendeckenden Ethikunterricht.
3. Die Süddeutsche Zeitung hat versucht, einen Skandal daraus zu stricken, dass der mittlerweile todkranke Liedermacher Konstantin Wecker früher Beziehungen zu deutlich jüngeren Frauen hatte. Das wird ihr jetzt gerichtich untersagt.
Das Landgericht Berlin II gab einem Antrag Weckers auf einstweilige Verfügung statt und untersagte nach Angaben der Zeitung insgesamt 26 Passagen eines Artikels mit dem Titel "Weckers vergessene Frauen". (…) Die Entscheidung wiegt schwer: Die beanstandeten Stellen betreffen wesentliche Teile der Recherche, sodass die Redaktion den Beitrag vollständig depublizieren musste.
(…) Das Berliner Gericht stellte zwar die grundsätzliche Möglichkeit einer Verdachtsberichterstattung nicht infrage, verneinte in diesem konkreten Fall jedoch das erforderliche öffentliche Informationsinteresse. Für die Süddeutsche ist das eine bemerkenswerte Niederlage – nicht zuletzt, weil die Redaktion selbst in einer ungewöhnlichen Stellungnahme erklärte, die Substanz des Beitrags könne in der bisherigen Form nicht sinnvoll aufrechterhalten werden.
(…) In juristischen Stellungnahmen wird das Vorgehen der Süddeutschen als Grenzüberschreitung kritisiert. So schrieb Weckers Anwalt Dominik Höch aus Potsdam in einer Erklärung seiner Kanzlei Folgendes dazu: "Aus Sicht von Herrn Wecker, der Familie von Herrn Wecker und uns stellt die Entscheidung eine Genugtuung dar und ein Zeichen, dass auch prominente Künstler nicht Freiwild für journalistische Auswüchse sind." Man habe die Süddeutsche Zeitung gebeten, sowohl aus rechtlichen Gründen als auch aus Gründen der Menschlichkeit auf eine Berichterstattung zu verzichten, "zu der unser Mandant sich nicht wehren kann". Die Zeitung habe "auf dem Rücken eines kranken Menschen fremde Aussagen mit Verdachtsäußerungen aus dem Privatleben ausgebreitet. Für uns ist das von Methoden gewisser Boulevard-Medien nicht weit entfernt".
Die Süddeutsche Zeitung kündigte Berufung an und erklärte, "die öffentliche Relevanz von MeToo-Fällen verteidigen" zu wollen.
4. Das populärwissenschaftliche Magazin Psychology Today behandelt einen Aspekt, bei dem speziell Väter nicht ausreichend wahrgenommen werden. Ein Auszug:
Es gibt eine Geschichte, auf die ich [in meinem] Buch nicht so ausführlich eingehe: die Wochenbettdepression meines Mannes.
Zum Glück wurde ich [nach meiner Niederkunft] auf eine Wochenbettdepression untersucht – wenn auch nicht auf die Wochenbettangststörung, die später bei mir diagnostiziert wurde. Mein Mann wurde auf keines von beidem untersucht. Damals erschien uns das normal. Es war 2011 – niemand sprach darüber, dass auch Partner, die das Kind nicht selbst geboren haben, nach der Geburt gefährdet sein können. Wenn sich medizinisches Personal mir zuwandte, fragte es nach meinen Symptomen. Wenn es sich ihm zuwandte, lautete die Frage: "Helfen Sie mit?" Auch das erschien damals richtig.
(…) Er war depressiv – die Geburt unseres Kindes war der Auslöser. Natürlich können auch Partner, die das Kind nicht geboren haben, nach der Geburt psychisch erkranken. Identitäten verändern sich, der Schlaf wird ständig unterbrochen, und es gibt zahlreiche weitere Gründe dafür.
(…) Als unsere Tochter ein Jahr alt war, nahm ich mein Promotionsstudium wieder auf. Als es darum ging, das Thema meiner Dissertation auszuwählen, wusste ich sofort, womit ich mich beschäftigen wollte – unsere eigenen Erfahrungen wurden zur Inspiration. Ich entwickelte eine internationale Delphi-Studie, die später im Journal of Affective Disorders veröffentlicht wurde – ein Verfahren, bei dem Fachleute ihre Antworten Runde für Runde gegenseitig erhalten und überarbeiten, bis ein Konsens entsteht. Zu meinem Expertengremium gehörten Ärzte, Psychologen sowie Familientherapeuten aus mehreren Ländern, die alle mit Vätern in der Zeit rund um die Geburt arbeiten. Ich wollte nicht beweisen, dass väterliche Depressionen existieren – das wussten wir bereits. Mich interessierte, warum wir uns nicht darauf einigen konnten, wie sie aussehen, und weshalb engagierte, kompetente Fachkräfte einen Elternteil gründlich untersuchten, während sie den anderen lediglich aufforderten, "hilfreich" zu sein.
Die Forschung spiegelte unsere eigenen Erfahrungen wider. Schließlich fand das Expertengremium eine Bezeichnung dafür: maskierte männliche Depression. Bittet man Fachkräfte, eine Wochenbettdepression bei einer Mutter zu beschreiben, überschneiden sich ihre Antworten in vieler Hinsicht – Weinen, Hoffnungslosigkeit, Schwierigkeiten beim Bindungsaufbau, Schuldgefühle. Fragt man sie jedoch nach einer Wochenbettdepression bei einem Vater, wird das Bild unschärfer. Manche beschreiben die klassischen Symptome. Manchmal sieht das Krankheitsbild jedoch ganz anders aus als die Lehrbuch-Checkliste: Reizbarkeit, Rückzug, ein deutlicher Anstieg des Alkoholkonsums oder übermäßiges Arbeiten, eine rastlose Form des Fluchtverhaltens.
Die Experten meiner Studie erzielten Einigkeit über mehrere Risikofaktoren für Wochenbettdepressionen bei Vätern. Zu den stärksten gehörten eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte von Stimmungs- oder Angststörungen, geringe soziale Unterstützung sowie eine Partnerin, die ebenfalls unter Depressionen oder Angst leidet. Es zeigte sich, dass die psychische Gesundheit von Vätern und Müttern eng miteinander verflochten ist – etwas, das ich erlebt hatte, bevor ich es in den Daten wiederfand.
Diese internationale Expertengruppe identifizierte außerdem Schutzfaktoren. Beinahe alle hatten mit Beziehungen und Zugehörigkeit zu tun, etwa: eine stabile Partnerschaft, offene Gespräche über Ängste und Zweifel (nicht nur über organisatorische Fragen), von Beginn an aktiv in die Betreuung des Kindes einbezogen zu werden, Arbeitgeber, die Vaterschaftsurlaub unterstützen und Männer nicht dafür benachteiligen, ihrer Rolle als Vater Priorität einzuräumen, sowie das Gefühl, in diesem Lebensübergang einen Sinn zu finden.
Als ich fragte, wie sich eine Depression für einen Vater nach der Geburt tatsächlich anfühlt, lauteten die Antworten nicht einfach "traurig" oder "hoffnungslos". Stattdessen kristallisierten sich folgende Themen heraus: Unsicherheit darüber, wie man Vater sein soll; die Kluft zwischen dem Mann, der man zu sein glaubte, und dem, was tatsächlich zum Vorschein kommt; die Sehnsucht nach Teilen des früheren Lebens; das Gefühl, gefangen zu sein; und ein schleichendes, immer stärker werdendes Empfinden von Unzulänglichkeit.
Die Edinburgh Postnatal Depression Scale – das gängige Screeninginstrument – wurde nicht dafür entwickelt, genau diese Erfahrungen nach der Geburt zu erfassen. Und solche Symptome lassen sich schwer erkennen, wenn die einzige Frage an einen Vater lautet: "Helfen Sie mit?"
Das haben mich jenes erste Jahr mit unserem Baby und später meine Dissertation gelehrt: Wir müssen nach der Geburt das gesamte Familiensystem in den Blick nehmen. Wenn ein Vater im Stillen leidet – weil niemand ihn untersucht hat, weil sich eine "maskierte" Depression eher als Rückzug denn als Tränen zeigt –, wirkt sich dieses Leiden auf den gesamten Haushalt aus. Es beeinflusst, wie unterstützt sich eine Mutter fühlt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Das tut es.
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