"Es kann nicht sein, dass wir Frauen heute sagen, die Männer müssen uns verteidigen"
1. Der SPIEGEL hat die Historikerin Karen Hagemann unter anderem zu Frauen im Krieg interviewt. Ein Auszug:
Hagemann: Ja, viele sahen sich selbst als Opfer und wiesen die Verantwortung für Vernichtungskrieg und Holocaust allein der NSDAP-Führung zu. In meinem Buch "Vergessene Soldatinnen" zeige ich, dass viele deutsche Wehrmachtshelferinnen und Rotkreuzschwestern auch nach Kriegsende erstaunlich wenig reflektierten, was geschehen war. Sie betonten, "nur ihre Pflicht" getan zu haben und Befehlen gefolgt zu sein.
SPIEGEL: Sie schreiben, dass bis 1945 rund 500.000 Frauen als Wehrmachtshelferinnen dienten. Was waren das für Frauen?
Hagemann: Das waren junge, ledige Frauen, die zumeist im Bund Deutscher Mädel sozialisiert worden waren und sich zunächst überwiegend freiwillig meldeten. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 stieg der Personalbedarf der Wehrmacht so stark, dass immer mehr Frauen im In- und Ausland in Administration, Logistik und Kommunikation an die Stelle von männlichen Soldaten traten, die für den Fronteinsatz freigesetzt wurden. Ab Herbst 1943 wurden sie auch in der Luftwaffe und ab 1944 in der Flugabwehr eingesetzt. Rund 160.000 leisteten hier gegen Kriegsende de facto Dienst an der Waffe. Offiziell durften sie aber nicht den Abzug betätigen, Frauen sollten gemäß der NS-Ideologie nicht töten.
SPIEGEL: Wieso konnten sich deutsche Frauen trotz ihrer umfangreichen Kriegsunterstützung nach 1945 als Opfer darstellen und ihre Mittäterschaft verleugnen?
Hagemann: In der Geschlechterideologie herrschte die alte Vorstellung von den Männern als "Kriegern" vor, die Nation, Familie und Frauen beschützen. Eine Anerkennung weiblicher Mitverantwortung an Krieg und Holocaust hätte diesen Mythos infrage gestellt, dass zumindest die weibliche Hälfte der Gesellschaft im "NS-Männerstaat" unbeteiligt an dessen Verbrechen gewesen sei. Auch die westlichen Alliierten teilten diese Geschlechterideologie.
(…) SPIEGEL: Ist eine Wehrpflicht nur für Männer noch zeitgemäß?
Hagemann: Nein, ich halte eine "geschlechterneutrale Wehrpflicht" für Männer und Frauen für zeitgemäßer, mit dem Zivildienst als Alternative. Es kann nicht angehen, dass wir Frauen uns heute noch hinstellen und sagen, die Männer müssen uns verteidigen. Allerdings müsste dafür in Deutschland nicht nur das Grundgesetz geändert werden, auch die Militärkultur müsste sich weiter wandeln. Die Bundeswehr muss, unterstützt von Politik und Gesellschaft, jede Form von Sexismus, Antisemitismus und Rechtsradikalismus noch stärker bekämpfen, wenn sie Frauen in den Streitkräften halten will.
2. Der Ukraine geht es anscheinend nach wie vor so gut, dass ma sich dort über solche Fragen keine Gedanken zu machen braucht. An die Front schickt man auch dort wie selbstvertändlich allein Mäner und keine Frauen. Allerdings wächst der Widerstand gegen die immer brutaleren Methoden:
Die Spannungen in der Ukraine nähern sich einem Siedepunkt, nachdem Bürger am Donnerstagabend in der westukrainischen Stadt Lwiw gegen das verpflichtende Einberufungsprogramm von Präsident Wolodymyr Selenskyj protestierten und es zu Ausschreitungen kam.
Eine Demonstration gegen die Mobilisierung eskalierte, als eine größere Menschenmenge Rekrutierungsoffiziere angriff, deren Fahrzeug umstürzte und beschädigte. Auslöser der spontanen Auseinandersetzung: Ein Mitglied des Rekrutierungsteams – Berichten zufolge ein Kampfsporttrainer – soll einen Mann auf offener Straße geschlagen haben.
In den sozialen Medien der Ukraine kursieren inzwischen zahlreiche Videos, die zeigen sollen, wie Mitarbeiter der Territorialen Rekrutierungszentren (TCK) Männer auf der Straße festhalten, misshandeln und gewaltsam in Transporter zwingen. Dieses Vorgehen wird umgangssprachlich als "Bussifizierung" bezeichnet.
Häufig versuchen Ehefrauen, ältere Frauen oder Passanten einzugreifen, um die Betroffenen zu befreien – meist ohne Erfolg. Die Rekrutierten werden anschließend in Verarbeitungszentren gebracht, wo sie unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht, nur kurz militärisch ausgebildet und anschließend an die Front geschickt werden. Berichten zufolge beträgt die Lebenserwartung vieler dieser unerfahrenen Soldaten lediglich wenige Wochen.
(…) Julia Mendel, ehemalige Pressesprecherin Selenskyjs und inzwischen eine scharfe Kritikerin ihres früheren Vorgesetzten, (…) kritisiert (…) das System der Zwangsrekrutierung deutlich und gehört damit zu den wenigen prominenten ukrainischen Stimmen, die offen Widerspruch äußern.
Die Behörden reagierten hart auf die Ausschreitungen in Lwiw. Das Verteidigungsministerium, Strafverfolgungsbehörden und Regierungsvertreter betonen, die Lasten des Krieges müssten von allen gleichermaßen getragen werden. Wer dagegen protestiere, leiste letztlich "die Arbeit des Kreml", so das Credo. Ein 23-jähriger Teilnehmer der Proteste wurde festgenommen; ihm drohen bis zu acht Jahre Haft.
Währenddessen arbeiten Merz und Selenskyj weiter an Rückführungen, um ukrainische Männer zurück in den Krieg zu schicken.
3.
Einst waren Frauen in Forschung und Wissenschaft benachteiligt. Mittlerweile haben zahlreiche wissenschaftspolitische Anreize nicht nur eine Trendwende gebracht. Sie lassen männliche Forscher ins Hintertreffen geraten – CICERO hat mit einem jungen Wissenschaftler darüber gesprochen.
So beginnt ein Beitrag Jan Uphoffs in diesem Magazin. Ein Auszug daraus:
Dass er sich mit seinem Anliegen ausgerechnet CICERO anvertraut, war für ihn nicht selbstverständlich. Ursprünglich habe er das Thema deutlich breiter platzieren wollen – gerade auch in Medien, die sich selbst als progressiv verstehen und Quotenregelungen im öffentlichen Dienst grundsätzlich befürworten. Doch auf seine Anfragen habe es kaum Reaktionen gegeben – häufig nicht einmal eine Antwort. Auf CICERO sei er schließlich eher zufällig gestoßen, erzählt er leicht amüsiert. Nun ist er hierhergekommen, um von seinen ganz persönlichen Erfahrungen aus dem System zu berichten.
Derzeit, erklärt er, sehe er sich an deutschen Universitäten nach einer Professur in einem sogenannten MINT-Fach um. Doch schon länger stoße er bei der Stellensuche wieder und wieder auf die gleiche Hürde: "Bei Ausschreibungen steht mittlerweile fast immer der Satz, dass bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt werden."
(…) Um seine Aussagen zu bestätigen, reicht ein zufälliger Blick auf Ausschreibungen der Universität Bremen. In einer Stellenausschreibung für "eine/n Professorin/Professor (w/m/d) für das Fachgebiet Molekulare Botanik" etwa heißt es dort: "Die Universität Bremen beabsichtigt, den Anteil der weiblichen Beschäftigten in Spitzenpositionen zu erhöhen, weshalb Frauen ausdrücklich aufgefordert werden, sich zu bewerben. Bei gleicher Qualifikation werden Frauen vorrangig berücksichtigt, sofern nicht in der Person eines Mitbewerbers liegende Gründe überwiegen."
(…) Diese Tendenz kritisieren nicht nur Männer. Eine junge Wissenschaftlerin bestätigt auf Anfrage gegenüber CICERO die Vorwürfe des eingangs zitierten Wissenschaftlers: "Ich habe den Eindruck, dass ich im Uni-Kontext mittlerweile zu der privilegiertesten sozialen Gruppe zähle und es derzeit niemand in den Naturwissenschaften so leicht hat wie ich als Frau." Durch die gezielte Förderung fühle sie sich eher weniger ernst genommen. Dadurch würde immerhin impliziert, dass fachliche Eignung nicht genüge, um Frauen einzustellen. "Wenn ich in Zukunft für eine Stelle ausgewählt werde, muss ich mich also immer fragen, ob das eine Anerkennung meiner Leistungen und Fähigkeiten ist, oder ob ich als Frau zur Erfüllung ihrer Quoten gebraucht wurde."
(…) Für die Universitäten lohne es sich dennoch, die politischen Zielvorgaben sichtbar zu erfüllen und Frauen den Vorzug zu gewähren. Viele Fakultäten und Institute stünden unter immensem Druck, Gleichstellungsziele nicht nur zu formulieren, sondern gegenüber ehrgeizigen Ministerien oder im Wettbewerb mit anderen Bildungsstätten auch nachweisbar umzusetzen. Wo Bewertungsspielräume ohnehin vorhanden seien, falle die Personalentscheidung schnell nicht mehr nur entlang objektivierbarer Kriterien, sondern bewege sich zwangsläufig auch im Feld der gesetzten Erwartungen.
Hinzu kommt für Hochschulen der finanzielle Anreiz: Das Berliner "Chancengleichheitsprogramm 2021–2026" zum Beispiel stellt jährlich Fördermittel von bis zu 3,8 Millionen Euro bereit mit dem Ziel, "den Frauenanteil auf allen Karrierestufen der Wissenschaft sowie in Führungspositionen zu erhöhen und Gender-Aspekte stärker in Forschung und Lehre zu verankern".
Ergänzt wird der Fonds durch ein System leistungsbasierter Landeshochschulfinanzierung, in dem Gleichstellung zum messbaren Kriterium wird: Für die Berufung einer W2- oder W3-Professorin etwa werden – je nach Frauenanteil im jeweiligen Fach – Prämien zwischen 250.000 und 350.000 Euro gezahlt. Hinzu kommen laufende Zuschläge von bis zu 40.000 Euro pro unbefristete Professur sowie 20.000 Euro für befristete Stellen, jeweils bis zu einer Zielquote von 50 Prozent.
Besonders gut sichtbar wird das Anreizsystem durch die aktuellen Berufungen. Dazu nur einige Zahlen: Die TU Darmstadt besetzte ihre vakanten Lehrstühle zu 46 Prozent mit Frauen, obwohl sich deren Anteil an den Bewerbungen nur auf 26 Prozent belief; an der TU Berlin wurden im Jahr 2025 insgesamt 18 Personen neu berufen, darunter vier Männer und 14 Frauen. Und an der Freien Universität Berlin entfielen 2023 bereits 54 Prozent aller Rufannahmen auf Frauen, bei sogenannten Tenure-Track-Professuren – also zunächst befristeten Professuren mit Aussicht auf eine spätere dauerhafte Übernahme – sogar 60 Prozent.
(…) In eine ganz ähnliche Richtung gingen auch die Stellenausschreibungen vieler Institute, berichtet der eingangs erwähnte Nachwuchswissenschaftler aus dem Café. Mittlerweile sehe er sogar Forschungseinrichtungen, die eigentlich neutrale Stellen über soziale Medien mit Slogans wie "Frauen, bewerbt euch!" oder vergleichbaren Formulierungen bewerben. Für Männer bedeute das faktisch, dass sie gar nicht mehr adressiert werden, findet er.
(…) Je länger man sich durch Richtlinien, Ausschreibungen und Förderlogiken arbeitet, desto weniger abwegig wirkt die Einschätzung der Betroffenen in diesem Text. In einigen Fächern scheint es für Männer inzwischen schwerer geworden zu sein, eine Professur zu erhalten, als für Frauen. Dass dieser Trend keineswegs auf Deutschland beschränkt ist, legt ein Blick nach Schweden nahe, wo es vergleichbare Förderprogramme gibt und eine viel beachtete Studie zu bemerkenswerten Ergebnissen kam.
Der Ausgangspunkt der Untersuchung "Sex differences in the number of scientific publications and citations when attaining the rank of professor in Sweden" von Guy Madison und Pontus Fahlman aus dem Jahr 2021 war eine einfache Annahme: Wenn Frauen beim Aufstieg zur Professur strukturell benachteiligt sind, müssten diejenigen, die es dennoch schaffen, im Durchschnitt stärkere wissenschaftliche Leistungen vorweisen als ihre männlichen Kollegen. Bleibt ein solcher empirisch nachweisbarer Vorsprung jedoch aus oder schneiden Männer sogar besser ab, spricht das gegen die These der höheren Hürden für Frauen.
(…) Das Ergebnis fiel eindeutig aus: In 33 von 36 Einzelvergleichen lagen Männer bei Publikationszahl, Zitationen oder h-Index vorn. In den zentralen statistischen Auswertungen zeigten sechs von zwölf Kennzahlen signifikante Vorteile für Männer, kein einziger hingegen für Frauen. Besonders deutlich war der Abstand in der Medizin, wo Männer je nach Kennzahl 64 bis 80 Prozent mehr Publikationen, 42 bis 260 Prozent mehr Zitationen und einen bis zu 83 Prozent höheren h-Index aufwiesen. Die Autoren folgerten daraus, dass sich die These höherer wissenschaftlicher Hürden für Frauen nicht bestätigen lässt.
(…) Damit gerät zumindest die verbreitete Erzählung ins Wanken, Frauen müssten sich im Wissenschaftsbetrieb grundsätzlich gegen höhere Leistungshürden durchsetzen als ihre männlichen Mitbewerber. Die Untersuchungen aus Schweden und anderen Ländern vermitteln gerade wegen ihrer teils unterschiedlichen Ergebnisse ein Bild, das deutlich komplexer und weniger eindeutig ist, als es viele Förderprogramme und Gleichstellungsdebatten nahelegen.
(…) Je dichter das Geflecht aus Zielquoten, Förderanreizen und Bevorzugungsregeln wird, und je schwerer sich gleichzeitig strukturelle Benachteiligung nachweisen lässt, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass nicht mehr nur bestehende Ungleichheiten korrigiert, sondern womöglich längst neue geschaffen werden.
4. Jan Fleischhauer spricht in seiner aktuellen Kolumne auch über die neueste Hysterie über Dieter Nuhr, diesmal nachdem dieser den Kampfbegriff "Femizid" satirisch hinterfragte:
Dieter Nuhr hat Ferien in Frankreich verbracht. Hätte er sich doch für Italien entschieden. Oder Holland. Oder Belgien. Dann hätte man gesagt: okay. Aber Frankreich?
"Der Kabarettist befindet sich derzeit in Frankreich – ausgerechnet dem Land, in dem vor wenigen Monaten ein Mann verurteilt wurde, der seine Frau über Jahre betäubte und fremden Männern im Internet für Vergewaltigungen anbot", stand in einem Kommentar bei n-tv.
Belgien wäre beim zweiten Nachdenken auch nicht besser gewesen. Wofür ist das Land bekannt? Pommes, Pralinen und Päderasten, in der Reihenfolge. In Italien steht nach landläufiger Medienmeinung eine Faschistin an der Spitze. Am besten bleibt man zu Hause, wenn die Humorpolizei einen in ihrer Verdächtigenkartei führt. Dann ist nicht einmal die Wahl des Urlaubsortes eine harmlose Sache.
Nuhr steht seit Längerem unter Beobachtung. Wer sich über Grüne lustig macht, lebt gefährlich. Jetzt heißt es, er habe den Bogen endgültig überspannt. Angeblich hat er einen Witz über Femizide gemacht. Das ist der Vorwurf, so steht es im "Spiegel", dem "Stern", der "Zeit". Sogar die "FAZ" schrieb, Nuhr sei unterste Schublade, nur, wie bei der "FAZ" üblich, mit mehr Worten. Ich habe dem entnommen, dass man auch im Feuilleton in Frankfurt "Nuhr im Ersten" schaut. Hätte ich nicht gedacht.
Tatsächlich hat sich Nuhr darüber ausgelassen, dass jeder Mann im grünen Milieu als Täter gilt. Ich würde sagen: kein ganz unbedeutender Unterschied. Aber so leicht will man ihn nicht davonkommen lassen. Jeder Witz über das Geschlechterverhältnis ist ein Witz zu viel.
5. Beim SPIEGEL diskutieren Familienanwältin Asha Hedayati und Strafverteidiger Mathis Bönte darüber, "was gegen gewalttätige Männer hilft". Betitelt ist der Artikel mit dem aus Sicht der SPIEGEL-Redaktion offenbar entscheidenden Argument: "Was Sie sagen, macht mich wirklich wütend." (Da das Internet-Archiv gerade wieder Probleme macht, steht der Artikel für Nicht-Abonnenten des SPIEGEL nur im Anriss online. Ich hoffe, dass alle anderen Links auf externe Beiträge heute weiter funktionieren.) Ein Auszug aus dem Gespräch:
SPIEGEL: Sie begleiten als Mediatorin heterosexuelle Paare in der Trennungsphase. Wie laufen diese Termine ab?
Hedayati: Meistens gleich: Die Frau weiß, was das Problem ist, und kann genau erklären, woran die Beziehung gescheitert ist. Der Mann fällt entweder aus allen Wolken oder kann nicht formulieren, wie es ihm geht, weil er keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat. Das sind 40, 50, 60 Jahre alte Männer, keine Sechsjährigen. Wenn sie aber keine Empathie für sich selbst haben, wie sollen sie dann Empathie für ihr Gegenüber entwickeln?
Bönte: Da haben Sie meinen wesentlichen Punkt genannt. Wir brauchen mehr Mitgefühl mit Jungs und Männern, auch damit sie mehr Mitgefühl für andere empfinden können.
Hedayati: Wenn ich sage, dass Männer Zugang zu ihren Gefühlen lernen müssen, meine ich damit kein Mitleid für Gewalttäter. Die müssen in erster Linie Verantwortung übernehmen. Und das muss bereits früh beginnen: Schon in der Erziehung von Jungen sollte ihnen sowohl Empathie als auch Verantwortung vermittelt werden. Denken Sie an die schreckliche Tat in Stade ...
SPIEGEL: Ende Juni hat ein Mann sechs Menschen in einer Mutter-Kind-Einrichtung in der niedersächsischen Stadt erschossen. Seine drei Monate alte Tochter war dort gemeinsam mit der Mutter untergebracht.
Hedayati: Dieser schreckliche Fall zeigt einmal mehr, dass wir männliche Anspruchshaltung und Macht und Kontrolle nicht ernst genug nehmen. Die Opfer arbeiteten in der Einrichtung oder beim Jugendamt. Die Tat richtete sich also gegen das ganze Schutz- und Unterstützungssystem, das sowieso chronisch unterfinanziert ist.
Bönte: Als Anwalt ist es meine Aufgabe zu verstehen, wie es zu einer Tat gekommen ist, wieso jemand zum Gewalttäter wird, welche Verletzlichkeit dahintersteckt. Dazu muss ich seine Geschichte kennen und mich in ihn hineinversetzen. Worin ich Ihnen aber zustimme: Meine Mandanten können das selbst oft gar nicht in Worte fassen. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Mandanten erinnern, der seine Frau getötet hatte – für mich lag auf der Hand, dass er einfach am Ende war. Er kam aus einer armen Familie und hatte das Gefühl, ohne Geld sei man nichts wert. Er hatte wahnsinnig Angst davor, Unterhalt für seine Kinder zu zahlen. Ich kenne das von mir.
SPIEGEL: Inwiefern?
Bönte: Ich komme auch aus einer Familie mit wenig Geld. Und obwohl ich als Berufseinsteiger gut verdient habe, hatte ich Angst, meine Frau und Kinder nicht versorgen zu können. Ich konnte darüber mit meiner Frau sprechen, und sie hat mich in den Arm genommen. Mein Mandant hingegen hatte das Gefühl, auch vor seiner Frau keine Schwäche zeigen zu dürfen. So wurde der Druck, der Stress immer größer. Und nach der Trennung sah er keinen Ausweg mehr, weil er komplett überfordert war. Das steckt typischerweise hinter diesen Frauentötungen: Die Männer wissen nicht mehr weiter, sie befinden sich in einer ausweglosen Lebenssituation. Das können sie sich aber nicht eingestehen – als Mann ist man nicht verzweifelt, man ist nicht schwach. Darum redet man irgendeinen Unsinn und gibt der Frau die Schuld. Die Debatte über Femizide, wie wir sie gerade führen, bringt uns in dieser Hinsicht nicht weiter.
SPIEGEL: Herr Bönte, wie meinen Sie das?
Bönte: Die Gefühle der Verzweiflung und Ausweglosigkeit werden negiert, damit die Täter wegen Mordes bestraft werden können. Wenn wir ein anderes Männerbild wollen, bringt das aber nichts. Dann müssten wir den Zusammenhang deutlicher machen zwischen der Verletzlichkeit der Täter und den Taten. (…) Mich stört etwas anderes: Männer werden benachteiligt, wenn sie erst mal vor Gericht stehen, besonders in Strafverfahren.
(Bönte hat Recht.)
Hedayati: Ich weigere mich, diese Aussage hier so stehen zu lassen. Es geht mir nicht darum, Ihnen Ihre Erfahrungen abzusprechen, aber wir leben in einem System, in dem Männer strukturell mehr Macht haben und in dem männliche Gewalt allgegenwärtig ist. Jede vierte Frau erlebt in Deutschland mindestens einmal im Leben Partnerschaftsgewalt. In diesen Strukturen von einer Benachteiligung von Männern zu sprechen, ist absurd.
Bönte: Wenn ich Frauen verteidige, wundere ich mich oft, wie leicht das ist, selbst wenn ich den Eindruck habe, dass sie nicht unschuldig sind. Bei Männern mühe ich mich häufig wahnsinnig ab. Gerade wenn das vermeintliche oder tatsächliche Opfer weiblich ist, gerade wenn es um häusliche Gewalt geht.
SPIEGEL: Und das soll woran liegen?
Bönte: An Geschlechterstereotypen. Männer gelten eher als durchsetzungsstarke Macher. Im Berufsleben haben sie davon lange profitiert. Im Strafverfahren aber ist der Macher der Täter. Frauen hingegen werden eher als schutzbedürftige Opfer angesehen. Sie bekommen auch leichter Mitgefühl. Das lässt sich gut in experimentellen Studien zeigen: Einen Mann, der seine Partnerin tötet, verurteilen Probanden härter als eine Frau, die ihren Partner tötet.
Hedayati: Es fällt mir schwer, Ihnen zuzuhören. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Nur ein Prozent der Vergewaltigungen wird verurteilt. Und die Betroffenen sind zu 98 Prozent Frauen.
(Heydatai hat Unrecht.)
Bönte: Ich berichte mal aus einem für mich schockierenden Verfahren. Mein Mandant hatte sich von seiner Frau getrennt, nutzte aber noch einen Büroraum im gemeinsamen Haus. Eines Tages wollte seine Frau ihn zwingen, einen Call mit seinen Chefs abzubrechen. Er soll dann die Tür zu seinem Büro zugedrückt haben. Ihr Arm soll dabei eingeklemmt worden sein. Sie rief die Polizei und ließ sich mit einem blauen Fleck ins Krankenhaus bringen. In die Fußball-Chatgruppe des gemeinsamen Sohns hat sie geschrieben, dass es zu einem Polizeieinsatz wegen »häuslicher Gewalt« gekommen sei. Ich hatte selten so stark das Gefühl wie in diesem Strafverfahren, dass die Richterin und die Staatsanwältin voreingenommen waren. Und was mich besonders mitgenommen hat: Letztlich ist es seiner Frau gelungen, seinen Kontakt zur gemeinsamen Tochter zu unterbinden.
Hedayati: Was Sie sagen, macht mich wirklich wütend.
Bönte: Warum? Mir ist klar, dass es schlimme Fälle häuslicher Gewalt gibt. Aber glauben Sie nicht, dass Gewaltvorwürfe manchmal aufgebauscht oder erfunden werden, um einen Mann in Trennungssituationen aus dem Haus rauszubekommen und von den Kindern zu entfremden?
Hedayati: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es Fälle gibt, in denen Mütter lügen. Wütend macht mich, dass Sie einen Einzelfall beschreiben und damit das große strukturelle Problem wegwischen.
(…) Bönte: Bei Dunkelfeldbefragungen sagen ähnlich viele Männer wie Frauen, dass sie schon mal Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden sind. Dennoch gehe auch ich davon aus, dass Männer häufiger und extremer gewalttätig werden. Aber warum? Weil sie oft intensiver verletzt sind, gerade nach Trennungen. Sie fühlen sich abgeschrieben, weil sie sozial abseits der Partnerschaft kaum eingebunden sind. Deswegen bringen sich Männer nach Trennungen auch deutlich häufiger um als Frauen.
Hedayati: Ich als Frau trage nicht die Verantwortung dafür. Und erst recht nicht dafür, dass die Gewalt endet. Das müssen die Täter tun. Meine Mandantinnen haben oft jahrelang dafür gekämpft, dass ihr Partner Therapie macht, sie haben versucht, ihn glücklich zu machen, ihn zu heilen, damit er endlich aufhört. Die zeigen Mitgefühl, bis sie getötet werden. Das kann doch nicht wahr sein. Die Scham muss die Seite wechseln. Aber dasselbe gilt für die Verantwortung.
Bönte: Wir sind uns völlig einig über das Ziel: Wir wollen diese schlimmen Taten verhindern. Wir streiten nur über den Weg. Ich werbe dafür, die Täter nicht einfach zu verdammen, sondern ihre Taten nachzuvollziehen. Einfach weil ich es für unklug hielte, die Härten auszublenden, die Männer zu toxischen Typen werden lassen.
(…) SPIEGEL: Die Soziologin Lena Hipp hat in einer Studie gezeigt, dass der Datingerfolg von Männern stärker als der von Frauen davon abhängt, ob sie in einem geschlechterstereotypen Beruf arbeiten. Grundschullehrer kommen schlechter an als Ingenieure.
Hedayati: Frauen sind ja nicht doof. Viele haben in unserer Gesellschaft aus strukturellen Gründen vergleichsweise geringe Verdienstchancen. Da ergibt es Sinn, die Familie mit einem Mann zu gründen, der mehr Geld einbringt.
Bönte: Wir debattieren zu Recht sehr viel darüber, was es für einen Druck auf Mädchen und Frauen ausübt, schön sein zu müssen. Aber viel zu wenig darüber, welchen Druck es für Jungen und Männer bedeutet, durchsetzungsfähig und erfolgreich sein zu müssen. Als ich zu meiner Schulzeit von anderen Jungen massiv gemobbt und geschlagen wurde, hatte ich bei Mädchen keine Chance. Als ich Klassensprecher war, lief es gut. Auch als ich AG-Leiter an der Uni wurde, hatte ich Erfolg. Wenn wir über den antifeministischen Influencer Andrew Tate sprechen, dem so viele Jungen folgen, dann müssen wir auch darüber sprechen, dass Alphatypen wie er absurderweise Erfolg bei Frauen haben.
Hedayati: Da gehe ich mit! Unser Wirtschaftssystem belohnt Macht und Dominanz, das begünstigt dominante Männer und letztlich auch männliche Gewalt. Leider gibt es kaum Anlaufstellen für Männer, die sich Hilfe suchen wollen, um nicht wieder gewalttätig zu werden. Kürzlich saß ich mit einem Psychologen auf einem Podium, der gern in Schulen ein Projekt zu problematischer Männlichkeit anbieten würde, zu den Konkurrenzkämpfen, den Rangeleien, dem Mobbing. Aber er kriegt es nicht finanziert.
(…) Bönte: Natürlich steht häufig Aussage gegen Aussage, das macht es schwer, die Erfolgsaussichten einzuschätzen. Und ich hatte schon mit Fällen zu tun, bei denen ich mir unsicher war, ob die Vergewaltigungsvorwürfe zutrafen.
SPIEGEL: Ach ja?
Bönte: In vielen Fällen hat sich die Frau zögernd und halbherzig auf etwas eingelassen, mit dem sie sich hinterher unwohl fühlt. Sie hat vielleicht sogar schon währenddessen mal Nein gesagt, aber stellenweise auch ziemlich aktiv mitgemacht. Und später deutet die Frau das Geschehene dann in ein Sexualdelikt um.
Hedayati: Ich weiß echt nicht, in was für einer Lebensrealität Sie unterwegs sind. Es mag einzelne Falschbeschuldigungen geben, aber nur circa fünf Prozent der Gewalt in Partnerschaften werden überhaupt angezeigt; das Dunkelfeld ist riesig, und von den angezeigten Taten wird nur ein verschwindend kleiner Anteil verurteilt. Es ist also um ein Vielfaches wahrscheinlicher, dass eine Frau vergewaltigt wird, ohne dass es je zur Verurteilung kommt, als dass ein Mann einer Vergewaltigung falsch beschuldigt wird.
(…) Bönte: Traditionelle Männlichkeit ist verknüpft mit jenem Statusdenken, das uns auch in der Klimakrise das Leben schwer macht. Ich will nicht, dass der Laden uns wegen all der Traditionstypen irgendwann explodiert. Und ich halte ein Gegenmittel für unverzichtbar: mehr Mitgefühl mit Männern, auch mehr Mitgefühl der Männer mit sich selbst. Sie müssen sich selbst verzeihen, wenn sie Misserfolge haben oder scheitern.
SPIEGEL: Sie verteidigen männliche Gewalttäter, aber eigentlich wollen sie das Patriarchat stürzen?
Hedayati: Darauf könnten wir uns einigen: Das Patriarchat muss stürzen.
6. Auf Youtube ging gestern ein Video online, das zeigt, wie sich der Grund, warum Männer sich von ihrer Partnerin trennen, im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Dasselbe gibt es auch von der entgegengesetzten Seite und ist ähnlich aufschlussreich.
7. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir:
Lieber Arne Hofffmann,
ich öffne täglich deinen Blog, weil ich mich für Zeitgeschehen interessiere, und du bist hart dran am Zeitgeschehen. Bei dir lese ich Nachrichten, die mich sonst nicht erreichen würden. Nicht alle interessieren mich, manche aber sehr. Deinen grundsätzlichen Standpunkt teile ich, ohne mich als Männerrechtler zu sehen. Frauenrechtler bin ich auch nicht.
Jetzt zum Artikel: "Grüne: Männermanifest spaltet die Partei."
"Anton Hofreiter boxt für die Kameras, Felix Banaszak gibt dem Playboy ein Interview, ein Bundestagsabgeordneter postet Kniebeugen aus dem Fitnessstudio in Prenzlauer Berg.“
Was ist das für eine antiquierte Vorstellung von Männlichkeit? Ja, ich weiß, es gibt unter jugendlichen Männern gerade eine Fittness- und Bodyforming-Welle, bei den Mädels ja auch. Vielleicht erreichen die tatsächlich ein paar Leute. Aber Boxen und Liegestütze sind für mich eine Form von Überkompensation gegenüber eigenen weiblichen Anteilen.
Nicht, dass ich mich nicht fit hielte.
Und der Playboy ist ein katholisches Frauenmagazin gegenüber dem, was junge Männer heute im Netz geboten bekommen.
Schnelle Autos – was hat das mit Männlichkeit zu tun? Natürlich kann jemand, der bei bestimmten Hormonen einen Überrschuss hat, ein bisschen was damit ablassen. Soll er. Ich hab nichts gegen schnelle Autos. Wenn mir jemand mit seinem Mercedes SL auf der Autobahn zwei Meter hinten auffährt, ist das nicht männlich. Das ist 'ne verkappte Tunte.
Ich sehe mich als Mann. Und zwar nicht aufgrund der Muskelmasse. Das ist in erster Linie eine psychologische Angelegenheit. Männer und Frauen sind psychologisch verschieden. Und natürlich sind wir alle Mischformen, es gibt sehr männliche Männer und sehr männliche Frauen, weiche Männer und weiche Frauen und alles Mögliche dazwischen.
Wenn die Grünen jetzt auf Werte aus dem wilhelminischen Zeitalter zurückgreifen, muss die Not wirklich groß sein. Die haben jeden Bezug zu Männlichkeit und Weiblichkeit verloren und orientieren sich an ihren Urgroßvätern.
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