DER SPIEGEL: Wie der Erfolg der Frauen einen neuen Männerhass befeuert
1.
Die Emanzipation der Frau ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch statt nun überzeugende Gewinnerinnen zu sein, kultivieren wir einen neuen Hass auf Männer.
Mit diesem Teaser beginnt ein aktueller SPIEGEL-Artikel von Eva Ladipo, auf deren Beiträge ich hier schon mehrfach hingewiesen habe. All diese Beiträge stehen im Zusammenhang mit ihrem Buch zur Geschlechterdebatte, das ich inzwischen in den Buchhandlungen ausliegen gesehen habe. Im Artikel des SPIEGEL heißt es weiter:
Es herrscht eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der Männer von überraschend weiten Teilen der Gesellschaft pauschal verdammt und in Sippenhaft genommen werden. Es ist, als ob sie eine Art Erbsünde abtragen müssten. Das fördert eine Weltsicht, nach der Frauen Opfer sind und Männer Täter und das weibliche Geschlecht grundsätzlich das schwächere ist, dem die Gesellschaft etwas schuldet.
Es ist verlockend, an dieser Sicht der Dinge festzuhalten. Gleichzeitig ist es aber auch brandgefährlich. Denn die Unlust, genauer hinzusehen, weil Fakten das vertraute Schwarz-Weiß-Denken verkomplizieren, führt zu einem verhängnisvollen Teufelskreis: Männer werden als potenzielle Täter abgestempelt, was sie noch wütender macht, die Verdammung noch lauter und die Wut noch größer. Das Ergebnis ist überall in der westlichen Welt zu beobachten: Vor allem junge Männer wenden sich zunehmend vom liberalen System ab. Sie wählen rechtsextreme Protestparteien, um kaputt zu machen, was sie kaputt macht. Und wenn wir Pech haben, reißen sie uns alle mit in den Abgrund.
Ein interessanter Ansatz, die gesellschaftliche Hysterie einerseits zu hinterfragen, andererseits die Panikstimmung mit großer rhetorischer Wucht zu schüren. Männer werden hier nicht als verletzbar und schutzwürdig dargestellt, sondern weiterhin als Bedrohung. Und als Loser:
Als das neue starke Geschlecht müssen wir lernen, bessere Gewinnerinnen zu werden. Wir sollten aufhören, die Verlierer zu verhöhnen. Und wir müssen im ureigenen Interesse klüger vorgehen, als sie weiterhin gegen das liberale System aufzubringen.
Natürlich. Das Interesse von Frauen ist das, was zählen sollte. In Redaktionen wie der des SPIEGEL haben tatsächlich die Frauen die Herrschaft inne.
Es folgt eine längere Triumphgeschichte des weiblichen Geschlechts, durchsetzt mit den Problmen, auf die Männerrechtler seit Jahrzehnten aufmerksam machen – etwa dass sich der Gender Pay Gap zu Lasten von Männern gedreht hat. Dies solle "auf keinen Fall dazu dien[en], zu entschuldigen oder zu entlasten, geschweige denn erfolgreichen Frauen die Schuld am Leid von Männern zu geben." Allerdings sei der Hass auf Männer, der unsere Gesellschaft durchzieht, problematisch:
Die amerikanische Autorin Christine Emba spricht von "einer feministischen Bewegung nach MeToo, die eine ziemlich alberne und unkritische Form von Männerfeindlichkeit hervorgerufen hat. Seitdem gilt es als cool, zu sagen: Männer sind Müll. Männer sind scheiße. Wäre die Welt nicht besser ohne Männer?". Mit dieser Beschimpfung aufzuhören – die gegenüber Minderheiten unvorstellbar wäre –, ist nicht nur gerecht, sondern dient auch der feministischen Sache. Der autoritäre Backlash ist in vollem Gang. Wenn wir nicht immer mehr Männer in die Arme frauenfeindlicher Rattenfänger treiben wollen, dürfen wir sie nicht länger auf vermeintliche Geschlechtsmerkmale und Erbsünden reduzieren, sondern müssen uns um sie kümmern. Als das neue starke Geschlecht müssen wir auch die Pflichten übernehmen, die mit Macht und Einfluss einhergehen.
Auch in diesem Fazit kehren zwei Grundmerkmale des Artikels zurück: die narzisstische Hybris der Autorin ("wir, das neue starke Geschlecht") und die Logik, dass man sich allein deshalb um Männer kümmern müsse, weil sie sich inzwischen dem Reich des Bösen zuzuwenden beginnen. Beides ist einigermaßen gaga. Beides ist offenbar der Preis dafür, dass ein solches Plädoyer gegen Männerhass überhaupt im SPIEGEL erscheinen durfte.
Christian Schmidt stellt heute denselben Artikel zur Diskussion. Einer der ersten Kommentare trifft:
Dass sie gegen Männerhass ist, ist zwar schön, aber die Argumentation unterscheidet sich ansonsten nicht viel vom Gewohnten: Dort, wo Frauen besser abschneiden, ist das das Ergebnis besserer Leistung und daher legitim ("kein Grund sich zu entschuldigen"). Wenn Frauen aber schlechter/Männer besser abschneiden, dann ist es das Ergebnis unzulässiger Diskriminierung ("gläserne Decke").
2. " Schade, aber: Der Netzfeminismus ist tot" verkündet Antje Schrupp. Als eine der bekanntesten deutschen Netzfeministinnen dürfte sie es am besten wissen.
3. Dafür ist die "Manosphäre" quicklebendig. Den täglichen Alarmismus darüber liefert uns heute die Schweizer Website Watson.ch mit dem Geschichte eines Mannes, der dieser Krake gerade so entkommen konnte. Die heiße Story kurz zusammengefasst: Der Betreffende ist Sohn einer feministischen Mutter, die ihn schon als Kind auf Frauenmärsche mitnahm, sieht Videos von Jordan Peterson, rutscht in die Manosphäre ab, geilt sich an Frauenleichen auf, kann aber wieder auf den Weg der Tugend zurückkehren und sieht ein, dass man davon nicht abweichen sollte, Happy End.
Genau das versucht Fabio heute. Mit kleinen Schritten im Alltag. Indem er sich weigert, über sexistische Witze zu lachen. Indem er sich ebenso um den Haushalt kümmert wie seine Freundin. Indem er sich mit seinen Privilegien als Mann auseinandersetzt. Und indem er offen sagt: "Ich bin Feminist."
Puh, das war knapp. Wie schön, dass diese Seele gerettet werden konnte.
Bei dem Watson-Artikel handelt es sich um eine sogenannte "cautionary tale". In dem gerade verlinkten Wikipedia-Beitrag dazu heißt es:
Diejenigen, deren Aufgabe es ist, Konformität durchzusetzen, greifen häufig auf warnende Geschichten zurück. Die deutsche Anthologie "Struwwelpeter" enthält Geschichten wie "Die schreckliche Geschichte von Pauline und den Streichhölzern"; das Ende lässt sich schon aus dem Titel ziemlich leicht ableiten. Sozialerziehungsfilme wie "Boys Beware" oder "Reefer Madness" orientieren sich bewusst an traditionellen warnenden Geschichten, ebenso wie die berüchtigten Fahrschulfilme ("Roter Asphalt", "Signal 30") der 1960er Jahre oder Militärfilme über Syphilis und andere sexuell übertragbare Krankheiten. Die Struktur der warnenden Erzählung wurde in den Slasher-Filmen der 1980er Jahre zum Klischee, in denen Jugendliche, die Sex hatten, Alkohol tranken oder Marihuana rauchten, unweigerlich als Opfer des Serienmörders endeten.
Ich habe einmal ChatGPT gebeten, etwas mehr über diese Erzählform zu verraten:
Die "cautionary tale" gibt sich gern als vernünftige Warnung. Tatsächlich ist sie häufig das Lieblingsgenre jeder Epoche, die den Status quo verteidigen möchte. Hinter ihrer scheinbar harmlosen Botschaft – "Lerne aus diesem Fehler" – verbirgt sich oft ein sehr viel grundlegenderer Imperativ: "Wage keine Veränderung."
Kaum eine Erzählform eignet sich besser dazu, gesellschaftliche Normen zu immunisieren. Wer bestehende Regeln infrage stellt, muss lediglich mit einer Geschichte konfrontiert werden, in der jemand genau dies versucht – und dafür einen hohen Preis zahlt. Die Moral ergibt sich von selbst: Nicht die Regeln waren das Problem, sondern derjenige, der sie missachtete. Die "cautionary tale" macht aus Konformität eine Tugend und aus Abweichung eine Charakterschwäche.
Historisch lässt sich dieses Muster immer wieder beobachten. Im 19. Jahrhundert wurden zahllose Warnerzählungen über "gefallene Frauen" veröffentlicht. Der eigentliche Skandal bestand oft nicht in Gewalt, Ausbeutung oder sozialer Ungerechtigkeit, sondern darin, dass eine Frau sexuelle oder persönliche Eigenständigkeit beanspruchte. Das Ende war vorgezeichnet: gesellschaftliche Ächtung, Krankheit, Wahnsinn oder Tod. Nicht weil diese Entwicklung zwangsläufig gewesen wäre, sondern weil die Geschichte genau dieses Urteil fällen sollte. Das Publikum sollte weniger Mitleid empfinden als Disziplin lernen.
Ähnlich funktionierten unzählige Geschichten über Menschen, die ihre soziale Klasse verlassen wollten. Der Aufsteiger wurde hochmütig, der Arbeiter verlor seine Bodenhaftung, die Frau mit Bildungsambitionen zerstörte ihre Familie. Solche Erzählungen präsentierten gesellschaftliche Hierarchien als natürliche Ordnung. Wer sie infrage stellte, provozierte angeblich sein eigenes Unglück. Strukturelle Ungleichheit verschwand aus dem Blick; übrig blieb die Moral, jeder solle seinen Platz kennen.
Besonders aufschlussreich sind die vielen Warnerzählungen über neue Medien. Vom Roman über das Kino bis zum Comic, vom Rock 'n' Roll über Videospiele bis zum Internet wurde nahezu jede kulturelle Neuerung irgendwann zum Stoff einer "cautionary tale". Die Botschaft änderte sich kaum: Wer sich auf das Neue einlässt, verliert Moral, Gesundheit oder Verstand. Rückblickend wirken viele dieser Geschichten unfreiwillig komisch. Ihre Funktion war jedoch ernst: kulturelle Verunsicherung in Angst vor Veränderung zu übersetzen.
Dasselbe Muster zeigte sich während zahlreicher moralischer Paniken. In den Vereinigten Staaten wurde im 20. Jahrhundert behauptet, Comics machten Jugendliche kriminell. Rollenspiele sollten den Satanismus fördern. Heavy Metal, Rap oder Computerspiele wurden mit Gewalt in Verbindung gebracht. Einzelne tragische Fälle wurden herausgegriffen und zu universellen Warnungen erklärt. Aus Anekdoten entstanden moralische Gewissheiten. Die "cautionary tale" erwies sich dabei als ideales Vehikel, weil sie keine statistischen Zusammenhänge benötigt. Ein drastisches Beispiel genügt, um den Eindruck einer allgemeinen Gefahr zu erzeugen.
Auch politisch war dieses Genre stets anschlussfähig. Während des Kalten Krieges entstanden Erzählungen, in denen bereits geringste Sympathien für sozialistische Ideen zwangsläufig in Unterdrückung oder Verrat mündeten. Umgekehrt erzählten kommunistische Staaten Geschichten, in denen jeder Zweifel am Sozialismus unmittelbar in Dekadenz oder Faschismus führte. Die ideologischen Vorzeichen unterschieden sich, die Erzählstruktur war dieselbe: Wer den offiziellen Weg verlässt, endet im Verderben.
Gerade deshalb besitzt das Genre eine bemerkenswerte Nähe zu autoritärem Denken. Autoritäre Weltbilder leben von einfachen Regeln, klaren Schuldigen und eindeutigen Konsequenzen. Die "cautionary tale" liefert genau diese Struktur. Sie liebt eindeutige Moral, misstraut Ambivalenz und betrachtet gesellschaftliche Ordnung grundsätzlich als schützenswert. Wer Veränderung fordert, erscheint nicht als möglicher Reformator, sondern als leichtsinniger Störenfried, dessen Scheitern die bestehende Ordnung nachträglich legitimiert.
Viele der Entwicklungen, vor denen "cautionary tales" eindringlich warnten – die Emanzipation der Frauen, der Abbau starrer Klassenordnungen, neue Kunstformen, neue Medien oder gesellschaftliche Liberalisierung –, gelten heute als selbstverständlicher Bestandteil moderner Demokratien. Die Warnerzählungen altern deshalb oft schlechter als das Verhalten, das sie einst verdammten. Sie erinnern weniger an zeitlose Weisheit als an die Ängste ihrer jeweiligen Epoche.
Warnerzählungen können genutzt werden, um Angst zu erzeugen und bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu disziplinieren. Ob Drogen, Jugendkulturen, Migration, neue Technologien oder politische Bewegungen – nahezu jedes kontroverse Thema lässt sich als "cautionary tale" inszenieren. Die Geschichte vermittelt dann weniger Erkenntnis als den Eindruck, eine bereits feststehende Position werde durch ein anschauliches Beispiel bestätigt. Widersprechende Erfahrungen bleiben ausgeblendet.
Heute erzählt der Feminismus also "cautionary tales" über Männer, die aus ihrer Ideologie ausbüchsen. Statt vor Comics, Heavy Metal und Rap warnt man heute vor der "Manosphäre". Die Zeiten ändern sich, Grundmuster bleiben bestehen.
4. Heribert Prantl möchte, dass das Bundesverfassunsgericht für eine Durchquotung des Bundestages nach Geschlecht sorgt. Darum kümmere sich aktuell die Initiative "#Parität Jetzt":
Sie hat soeben mit einem zweiten Aktionstag "für eine gleichberechtigte politische Teilhabe von Frauen" geworben. Christine Hohmann-Dennhardt, frühere Richterin am Bundesverfassungsgericht, hielt dazu in Berlin die Grundsatzrede. Parität in den Parlamenten sei, so sagte sie, "kein Bonus mehr", sondern "ein demokratisches Gebot". Sie widersprach damit den Landesverfassungsgerichten in Brandenburg und Thüringen, die einschlägige Gesetze für die dortigen Landtage als verfassungswidrig eingestuft hatten.
(…) Die Emanzipation in den Parlamenten, Parität genannt, lässt (…) noch auf sich warten. Auch da wird wohl das Bundesverfassungsgericht nachhelfen müssen.
Prantl fabuliert hier einen fürchterlichen Schmarrn zusammen. Wie es tatsächlich aussieht, hatte ich schon vor mehreren Jahren dargelegt:
Schauen wir uns die entsprechenden Zahlen von Ende 2016 an, also dem Jahr vor der letzten Bundestagswahl, und vergleichen: 39 Prozent der Parteimitglieder der Grünen sind Frauen, deren Abgeordnete sind aber, wie wir gerade gehört haben, zu 58 Prozent weiblich. Wenn es hier eine geschlechtsspezifische Benachteiligung gibt, dann trifft sie nicht die Frauen. Bei den Linken sind 36,9 Prozent der Mitglieder weiblich. Auch hier muss man die Männer diskriminieren, um bei den Abgeordneten auf 54 Prozent an Frauen zu kommen. Ähnlich sieht es bei der SPD aus: Nur 32,2 Prozent der Mitglieder, aber volle 42 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Erst bei den Unionsparteien (CDU: 26,1 Prozent, CSU: 20,3 Prozent weibliche Mitglieder) sowie der AfD (16 Prozent Frauen) verkehrt sich das Gefälle um einige wenige Prozent zu Gunsten der Männer.
(…) "Wenige Frauen treten in Parteien ein – wenn sie sich engagieren, haben sie mehr Erfolg als Männer" erkannte so auch im April 2019 die Frankfurter Allgemeine. Die Zeitung berichtet:
"Eine Gruppe von Politikwissenschaftlern des Berliner Instituts für Parlamentarismusforschung hat in einer Studie nachgewiesen, dass die Parteien mitnichten Frauen in ihrer politischen Karriere benachteiligen, wie oft behauptet wird. Vielmehr sei sogar das Gegenteil der Fall. Auf die Frage, warum Frauen dennoch in den Parlamenten zahlenmäßig unterrepräsentiert sind, haben die Wissenschaftler eine klare Antwort: Selbstselektion."
Das Team um Professorin Suzanne Schüttemeyer hatte vor der Bundestagswahl 2017 Dutzende Veranstaltungen aller großen Parteien bundesweit besucht und in 104 Wahlkreisen untersucht, wer kandidierte und wer daraufhin gewählt wurde. Rechnete man die so gewonnenen Zahlen hoch, zeigte sich: Es sitzen allein deshalb vergleichsweise wenige Frauen in den Parlamenten, weil Frauen deutlich seltener als Männer in eine Partei eintreten. Die These einer strukturellen Benachteiligung von Frauen in den Parteiapparaten, stellt die Frankfurter Allgemeine fest, "kann der Studie zufolge als widerlegt gelten". Stattdessen gebe es, wie Schüttemeyers Mitarbeiter Benjamin Höhne feststellt, tendenziell sogar eine "positive Diskriminierung", also Bevorzugung, von Frauen.
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