Neue Studie unter 35.000 Erwachsenen: Menschen interessieren sich deutlich weniger für Männer als Frauen in Ausbildung und Beruf
Der Psychologe Dr. John Barry, Mitbegründer des Male Psychology Network, der BPS Male Psychology Section und des Centre for Male Psychology, berichtet aktuell über eine aufschlussreiche Studie, die seines Erachtens viel zu wenig Beachtung fand. Ich habe seinen Beitrag ins Deutsche übersetzt und dabei Passagen, die allzu sehr ins Wissenschaftliche Klein-klein abdrifteten, herausgekürzt. Der vollständige Originaltext ist über den Link einsehbar. Passagen, die ich für zentral halte (besonders für Neulinge im Thema), habe ich durch Fettschrift hervorgehoben.
Es ist erstaunlich, wie häufig eher unbedeutende Studien enorme Aufmerksamkeit erhalten. Umgekehrt kommen große, hochrelevante Studien manchmal ohne nennenswerte Resonanz heraus. Die im vergangenen Jahr veröffentlichte experimentelle Studie von Cappelen und Kollegen ist ein deutliches Beispiel für Letzteres.
Die Studie von Cappelen et al. umfasste 35.000 Erwachsene in den USA und ergab, dass sie Frauen gegenüber Männern tendenziell bevorzugten. Die Untersuchung zeigte, dass Menschen eher akzeptieren, wenn Männer bei der Arbeitsleistung zurückfallen, dies eher als deren eigenes Verschulden ansehen und sie weniger bereit sind, ihnen Hilfe zu gewähren. In den meisten Forschungsfragen war diese Schieflage bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern; in einigen Fragen fiel er bei jüngeren Teilnehmern sowie bei Wählern der Republikanischen Partei geringer aus.
Mein Artikel beschreibt und bewertet diese Studie kurz und ordnet ihre Ergebnisse in die einschlägige Literatur zu Gamma-Bias, Intergruppen-Vorurteilen, der geschlechtsspezifischen Empathielücke und verwandten Phänomenen ein, die geschlechtsspezifische Verzerrungen erklären.
= Die Studie und ihre Ergebnisse =
Die Forschungsarbeit von Cappelen und Kollegen wurde im April 2025 veröffentlicht. Die Studie bestand aus zwei Teilen mit 22.000 beziehungsweise 13.000 US-Teilnehmern, überwiegend Frauen (53 %), mit einem Durchschnittsalter von 46 Jahren. Die wichtigsten Ergebnisse sind im Folgenden zusammengefasst.
Im ersten Teil wurde über professionelle Umfrageanbieter wie Ipsos eine landesweit repräsentative Stichprobe von 22.000 Amerikanern rekrutiert. Die Teilnehmer sollten als Beobachter zwei Beschäftigte beurteilen — einen Mann und eine Frau — die dieselbe Arbeit verrichteten. Eine Person war produktiver und erhielt einen Bonus, die weniger produktive Person ging leer aus. Die Beobachter wurden gefragt, ob sie den Bonus umverteilen möchten, also einen Teil der Einnahmen des leistungsstärkeren Beschäftigten an die weniger leistungsstarke Person übertragen wollen.
Ein zentraler Aspekt des Experiments bestand darin, dass die Forscher zufällig festlegten, ob die weniger produktive Person männlich oder weiblich war. So konnten sie prüfen, ob die Umverteilungsentscheidungen der Beobachter vom Geschlecht der weniger produktiven Person abhingen.
Cappelen et al. stellten fest, dass Beobachter in etwa zwei Dritteln der Fälle eine Umverteilung zugunsten der weniger produktiven Person befürworteten. War diese Person jedoch männlich, entschieden sich die Beobachter seltener für eine Umverteilung als bei einer weiblichen Person mit geringerer Leistung: 31,1 % gegenüber 38,4 %, also eine Differenz von 7,3 Prozentpunkten.
Aufschlussreich waren auch die Begründungen der Beobachter: "Ein signifikant größerer Anteil [der Beobachter] glaubt, dass Männer im Wahl-Experiment aufgrund mangelnder Anstrengung zurückfallen als Frauen — 53,0 % gegenüber 44,3 %, eine Differenz von 8,7 Prozentpunkten."
Im zweiten Teil der Studie wurde eine neue Gruppe von über 13.000 Teilnehmern gefragt, in welchem Umfang sie staatliche Gleichstellungsprogramme im Bildungs- und Arbeitsmarktbereich unterstützen. 54,2% befürworteten Programme für Frauen, aber nur 42,2% Programme für Männer — eine Differenz von 12 Prozentpunkten. Eine noch größere Differenz zeigte sich bei der Zuschreibung von Ursachen: 46,7 % führten Nachteile von Männern auf mangelnde Anstrengung zurück, gegenüber 32,5 % bei Nachteilen von Frauen — eine Differenz von 14,2 Prozentpunkten.
= Stärkerer Bias bei Frauen =
Obwohl Verzerrungen zulasten von Männern sowohl bei Männern als auch bei Frauen auftraten, zeigte die Studie außerdem, dass der Bias in drei von vier Forschungsfragen bei Frauen stärker ausgeprägt war als bei Männern. [Sie] zeigt, dass sowohl Männer als auch Frauen in Studie 1 mehr Einkommen an die weniger leistungsstarke Person umverteilten, wenn diese weiblich statt männlich war, dass der Effekt jedoch größer ausfiel, wenn Frauen die Umverteilungsentscheidungen trafen. (…)
= Erklärungen für die Ergebnisse =
Cappelen et al. erklärten den Bias mit "statistischer Fairness-Diskriminierung: Menschen halten Männer, die zurückfallen, für weniger unterstützungswürdig als Frauen in derselben Situation, weil sie eher glauben, dass Männer aufgrund mangelnder Anstrengung zurückfallen." Diese Erklärung hat den Vorteil, direkt aus den Antworten der Studienteilnehmer abgeleitet zu sein. Meiner Ansicht nach hätte die Arbeit jedoch davon profitiert, bestehende Theorien und Erklärungsansätze stärker zu berücksichtigen, die diese Befunde einordnen könnten.
In den USA sind heute Vorstellungen wie Patriarchatstheorie, männliches Privileg, "Gender Pay Gap" und "gläserne Decke" weit verbreitet, und es liegt nahe, dass eine Stichprobe aus dieser Kultur solche Einstellungen zumindest teilweise widerspiegelt. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, die von den Beobachtern genannten Gründe für ihre Umverteilungsentscheidungen genauer zu betrachten.
Obwohl der häufigste Hauptgrund von den Forschern als "Anstrengung" zusammengefasst wurde, wäre es überraschend, wenn Konzepte wie Geschlecht, Gleichheit und Egalitarismus nicht ebenfalls in den Überlegungen vieler Beobachter eine wichtige Rolle gespielt hätten.
Tabelle A24 zeigt 14 Kategorien von Begründungen für die Einkommenszuweisung in Studie 1. Auch wenn Cappelen et al. "Anstrengung" als wichtigste Gesamterklärung identifizieren, sind einige andere zentrale Kategorien relevant, insbesondere "Geschlecht", "Gleichheit" und "Egalitarismus".
Tabelle A24 enthält ein oder zwei Beispiele pro Kategorie. Ein Beispiel aus der Kategorie "Geschlecht" lautet: "Weil Frauen in dieser Gesellschaft viel härter arbeiten müssen für das, was sie verdienen." Ein Beispiel aus der Kategorie "Gleichheit" lautet: "Gleicher Lohn für die gleiche Arbeit." Ein Beispiel aus der Kategorie "Egalitarismus“ lautet: "Unabhängig von allem sollten wir alle denselben Lohn erhalten." Auch wenn "Anstrengung" der am häufigsten genannte Grund war, ist daher anzunehmen, dass Konzepte wie Geschlecht, Gleichheit und Egalitarismus bei einigen Beobachtern ebenfalls eine bedeutende Rolle spielten. (…)
= Psychologische Erklärungen =
Berücksichtigt man Gründe wie Geschlecht stärker als allein Anstrengung, treten andere Erklärungsmöglichkeiten stärker hervor. Die in dieser Studie beobachtete Tendenz, schlechtere Leistungen bei Männern eher mangelnder Anstrengung zuzuschreiben als bei Frauen, deutet auf einen geschlechtsspezifischen fundamentalen Attributionsfehler hin, wie er beim Gamma-Bias beschrieben wird: Erfolg von Männern wird häufig als Privileg interpretiert und Misserfolg als verdient, während Erfolg von Frauen als verdient und Misserfolg als Folge von Diskriminierung gesehen wird. Ebenso sagt das Konzept der geschlechtsspezifischen Empathielücke voraus, dass Probleme von Männern eher übersehen werden, während Probleme von Frauen als besonders dringlich wahrgenommen werden. Interessant ist das Muster auch aus Sicht der Theorie sozialer Identität, die ursprünglich prognostizierte, dass Menschen Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugen; die vorliegende Studie spiegelt ein Phänomen wider, das Forscher vor rund 25 Jahren überraschte: Frauen bevorzugen andere Frauen, Männer hingegen nicht in gleichem Maße andere Männer.
Ähnliche Verzerrungen wurden auch in verschiedenen anderen Studien festgestellt, etwa zu moralischem Typecasting, zum Zugang zu MINT-Berufen oder zu Maßnahmen der Gesundheitsförderung. Die Annahme, dass die Ergebnisse auf eine pro-Frauen/anti-Männer-Tendenz zurückgehen, ist nicht neu; eine große, methodisch sorgfältige Studie vor einigen Jahren kam zu vergleichbaren Ergebnissen.
Die Variable, die in dieser Studie am stärksten mit dem Bias zusammenhing, war das Geschlecht (Frau), doch auch zwei weitere Faktoren waren damit verbunden: Alter (höheres Alter) und Parteipräferenz (keine Wahl der Republikanischen Partei). Frühere Forschung stützt die Befunde zum politischen Faktor und teilweise auch die Ergebnisse zum Alter.
Hinsichtlich der Parteipolitik ist bekannt, dass eine politisch eher linke Orientierung stark mit Überzeugungen wie Feminismus und Patriarchatstheorie korreliert. Die Befunde zum Alter sind gemischt. Eine große internationale Studie aus dem Jahr 2025 ergab beispielsweise, dass jüngere Frauen Männern gegenüber mehr Sympathie zeigen: 29 % der weiblichen Babyboomer und 39 % der Frauen der Generation Z stimmten der Aussage zu: "Wir sind bei der Gleichstellung von Frauen so weit gegangen, dass wir Männer diskriminieren." Eine andere aktuelle Studie wiederum fand, dass junge Frauen Männlichkeit deutlich negativer bewerten als ältere Frauen.
= Abschließende Bemerkungen =
(…) Die Autoren schließen mit dem Hinweis auf künftige Forschungsbemühungen, um zu verstehen, "wie statistische Fairness-Diskriminierung Verhalten und politische Maßnahmen prägt", und betonen die "Notwendigkeit, sorgfältig zu untersuchen, wie wir mit Menschen umgehen, die in der Gesellschaft Schwierigkeiten haben". Weitere Forschung ist tatsächlich erforderlich, doch dieses Thema ist schwer zu untersuchen. Das liegt zum einen daran, dass die betrachteten Verzerrungen teilweise unbewusst sind, selten offen anerkannt werden und gelegentlich sogar als positiv gelten; vor allem aber daran, dass sie weit verbreitet sind, wie die Ansichten der Teilnehmer in der Studie von Cappelen et al. zeigen. Als weit verbreitete Haltung betrifft diese Einseitigkeit nicht nur Studienteilnehmer, sondern auch Personen, die Forschungsprozesse beeinflussen können. Sozialwissenschaftler könnten diese Sichtweise etwa als "soziale Gerechtigkeit" statt als "Vorengenommenheit" interpretieren und sie deshalb nicht infrage stellen; Förderinstitutionen könnten befürchten, dass Untersuchungen zu diesem Thema nicht den Prioritäten ihrer Gremien entsprechen; Ethikkommissionen könnten zögern, eine solche Fragestellung zu problematisieren; Gutachter könnten sich unwohl fühlen, kontroverse Ergebnisse durch Veröffentlichung indirekt zu bestätigen; und das akademische wie mediale Umfeld könnte entsprechende Arbeiten als zu kontrovers ansehen, um sie breit zu diskutieren. Obwohl die vorliegende Studie die meisten dieser Hürden offenbar überwunden hat, hat sie angesichts ihres Umfangs und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung in den neun Monaten seit ihrer Veröffentlichung erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhalten.
Die Studie erschien in einem kulturellen Umfeld, in dem der Begriff "Gamma-Bias" weitgehend unbekannt ist, während Konzepte wie "Patriarchat" und "gläserne Decke" weithin bekannt sind und als dringliche Probleme gelten. Trotz politischer Entscheidungen, die Gleichstellungsprogramme fördern und dazu beitragen, dass Bildung und Karrieren von Männern hinter denen von Frauen zurückbleiben, wünschen sich Frauen häufig Partner mit höherem Einkommen und höherem Bildungsabschluss als ihrem eigenen. Wir befinden uns somit in einer Situation, die offenbar für Unzufriedenheit auf vielen Seiten sorgt — und dennoch von vielen Menschen politisch eingefordert wird.
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