Montag, Januar 26, 2026

"Der Aufstieg der toxischen Weiblichkeit"

Vorab: Ich freue mich sehr darüber, wie einige von euch Genderama in den letzten Wochen verstärkt unterstützt haben! Vielleicht bewertet ihr es als symbolisches Dankeschön, dass der heutige Beitrag wieder mal besonders ausführlich wird. Allerdings lag das auch ein wenig am statistischen Zufall: An manchen Tagen findet man trotz gründlichster Recherche NICHTS an erwähnenswerten geschlechterpolitischen News, und manchmal hört es nicht auf.



1. Die konservative britische Wochenzeitschrift für Politik und Kultur The Spectator hat einen Artikel zur Geschlechterdebatte veröffentlicht, den ich sehr zugespitzt finde, den ich hier aber gerne als Debattenbeitrag teilen möchte:

Ende vergangenen Jahres kündigte die Regierung ein Programm an, das der Radikalisierung junger Männer an Schulen entgegenwirken soll. Lehrkräfte sollen darin geschult werden, Frauenfeindlichkeit im Klassenzimmer zu erkennen, und Kinder, die als problematisch eingestuft werden, sollen in Kurse zu "toxischer Männlichkeit" geschickt werden – ein Versuch, weiße Jungen aus der Arbeiterklasse "umzuerziehen", der garantiert tausend Memes hervorbringen wird. Das Programm wurde als zentraler Bestandteil der Regierungsstrategie präsentiert, Gewalt gegen Frauen und Mädchen bis 2035 zu halbieren. Keine Sorge wegen der Grooming-Gangs – die wahren Täter sind die keulenschwingenden Teenager, ganz wie in der Serie "Adolescence", die vergangene Woche von der Hollywood Foreign Press Association mit Golden Globes überhäuft wurde.

Aber hat Großbritannien tatsächlich ein Problem mit jungen Männern, die in die Arme gefährlicher rechtsextremer Influencer wie Andrew Tate und Tommy Robinson getrieben werden? Die Umfragedaten legen nahe, dass ein weitaus größeres Problem darin besteht, dass junge Frauen von der extremen Linken radikalisiert werden. Wir alle kennen den beliebten Gesprächspunkt bei Dinnerpartys, wonach sich die politischen Ansichten von Männern und Frauen zunehmend auseinanderentwickeln. Der Grund dafür ist jedoch nicht – wie häufig angenommen – dass Männer nach rechts rücken.

Laut einer Analyse der Financial Times waren die politischen Ideologien von 18- bis 29-jährigen Männern und Frauen in den 1990er-Jahren weitgehend identisch; beide Gruppen waren im Durchschnitt leicht linksliberal eingestellt. Im Jahr 2024 hingegen waren Männer etwas linksliiberaler geworden – nicht konservativer –, während Frauen sich deutlich weiter nach links bewegt hatten. Große Teile junger Frauen sind zu Befürworterinnen der "Omni-Cause" geworden – Transrechte, Klimagerechtigkeit, offene Grenzen, Antirassismus und die Lage der Palästinenser. Die intersektionale Hierarchie der Unterdrückung – und der Kampf gegen "White Supremacy" – bildet ihren ideologischen Leitstern.

Dasselbe Muster ist in Frankreich, Deutschland, Kanada, Australien, Neuseeland und den Vereinigten Staaten zu beobachten: Die Ansichten junger Männer haben sich in den vergangenen 25 Jahren kaum verändert, während junge Frauen deutlich nach links tendiert sind. Zugegeben, viele kehren zur politischen Mitte zurück, wenn sie heiraten und Kinder bekommen – doch das geschieht immer seltener, weil "woke" Frauen keine nicht-woken Männer daten wollen. Grundsätzlich gilt: Je stärker sich die politischen Ideologien von Männern und Frauen unterscheiden, desto ausgeprägter ist die Fertilitätskrise. Südkorea weist bei beiden Kennzahlen besonders schlechte Werte auf. China liegt nicht weit dahinter und verzeichnet die niedrigste Geburtenrate seiner Geschichte.

Was erklärt die Radikalisierung junger Frauen? Der Konsens unter Sozialwissenschaftlern besagt, dass dies etwas mit dem Aufstieg sozialer Medien zu tun hat, der ebenfalls für die Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit verantwortlich gemacht wird – und möglicherweise hängen beide Phänomene zusammen. Betrachtet man die fünf großen Persönlichkeitsdimensionen, erzielen Frauen im Durchschnitt höhere Werte als Männer bei "Verträglichkeit" und "Neurotizismus". Dieses Bedürfnis nach sozialer Anpassung und die Angst vor Ausgrenzung machen sie anfälliger dafür, sich der vorherrschenden ideologischen Orthodoxie anzuschließen – die in sozialen Medien links geprägt ist. George Orwell erkannte dies bereits, weshalb er in seinem Roman "1984" junge Frauen zu den eifrigsten Parteimitgliedern machte. Ein ähnliches Muster zeigte sich während der chinesischen Kulturrevolution.

Abgesehen vom Druck auf die Geburtenraten: Gibt es weitere Gründe, sich über "toxische Weiblichkeit" Sorgen zu machen? Ja, sagt die konservative Kommentatorin Helen Andrews. In einem Essay für "Compact" [hier für Genderama ins Deutsche übersetzt - A.H.] warnte sie, dass Institutionen und Berufe, sobald sie mehrheitlich weiblich werden, von radikal-progressiver Ideologie durchdrungen würden und sich von jenen Werten entfernten, die sie einst erfolgreich gemacht hätten. Die offensichtlichsten Opfer seien Universitäten, die nun soziale Gerechtigkeit über die Suche nach Wahrheit stellten. Aber auch der Journalismus habe darunter gelitten, da die Grenze zwischen Berichterstattung und politischem Aktivismus zunehmend verschwimme. Am meisten beunruhigt Andrews jedoch die Feminisierung des Rechtswesens, in dem bevorzugte Gruppen Straffreiheit genössen, während benachteiligte Gruppen besonders hart verfolgt würden. Diese "Zwei-Klassen-Justiz" werde katastrophale Folgen haben, da Männer das Vertrauen in das System verlören.

Lässt sich dieser Trend aufhalten? Die Financial Times warnt vor übermäßigem Optimismus und verweist darauf, dass sich die ideologische Kluft weiter vergrößert und Männer inzwischen beginnen, sich nach rechts zu bewegen. Unsere beste Hoffnung könnte darin bestehen, den Fokus auf heranwachsende Mädchen zu legen, Lehrkräfte im Erkennen von Männerhass zu schulen und Betroffene zum Dartswerfen zu schicken sowie ihnen einen Crashkurs in Schlagfertigkeit zu verordnen.

Doch wie groß ist die Chance, dass die Regierung eine solche Initiative unterstützt? Ich fürchte, wir sind dazu verdammt, in einer zunehmend totalitären Gesellschaft zu leben – mit dem einzigen Trost, dass die Menschheit innerhalb weniger Generationen aussterben wird.


Wie gesagt, ich halte den Artikel für sehr zugespitzt und eher eine Reaktion auf ähnlich überzogene Rhetorik aus dem linken Spektrum. Man muss nicht besonders radikal sein, um sich für Menschenrechte und gegen Rassismus einzusetzen. Aber ich finde es erwähnenswert, mit welcher Schärfe die Geschlechterdebatte inzwischen in britischen Medien geführt wird.



2. "Wenn sich nichts ändert, werden immer mehr Frauen das Interesse an Männern verlieren" behauptet eine Autorin, die von der "Welt" vorgestellt wird, und beteuert: "Das ist kein pauschaler Männerhass". Immerhin darf es in dem Artikel Einspruch gegen die kruden Thesen der Autorin geben:

Das Phänomen "Hetero-Fatalismus" betrachte er als eine unter anderem durch Social Media begünstigte Modeerscheinung, sagt hingegen Paartherapeut Clemens von Saldern. "Frauen waren früher eigentlich viel benachteiligter, als sie es heute sind. Politisch und familiendynamisch hat sich erfreulicherweise wahnsinnig viel angeglichen. Dass sich Frauen heute dennoch verstärkt als Opfer identifizieren, ist aus meiner Sicht teilweise antizyklisch", sagt er. Ein Grund hierfür könne eine oft aus dem Opfer-Status heraus empfundene moralische Superiorität sein – den "Guten" anzugehören. Von Saldern nennt dies das "Opfer-Paradoxon": eine Gleichzeitigkeit von Unter- und Überlegenheit.


Das scheint mir doch recht gut getroffen.



3. Ebenfalls in der "Welt" findet man eine Verteidigung der männlichen Wut.



4. Der WDR hat junge Männer interviewt, die gerade ihren Bundeswehr-Fragebogen zugeschickt bekommen haben.



5. Gegen den britischen Alternative-Rock-Musiker Yungblud findet ein Shitstorm statt, weil er sich gemeinsam mit dem Rammstein-Sänger Till Lindemann fotografieren ließ. Die nächste Stufe in dieser anscheinend nach oben offenen Eskalationsspirale dürften, Shitstorms gegen Leute sein, die Till Lindemann auch nur erwähnen.



6. 3sat-Kultur fragt, ob der neue Feminismus "fotzig" sei – gefolgt von einem Hinweis auf eine Dokumentation, die "häusliche Gewalt" einmal mehr auf "Gewalt gegen Frauen" verkürzt. (Das finde ich eher hinterfotzig, wenn wir uns schon auf dieses Sprachniveau begeben müssen.)

Fast jede vierte Frau macht im Laufe ihres Lebens mindestens eine Gewalterfahrung. Häufig sind es der Partner oder der Ehemann, die sie misshandeln, und oft geschieht dies im eigenen Zuhause - hinter verschlossenen Türen, unsichtbar für die Blicke von Nachbarn und Freunden. Die Filmemacherin Alina Cyranek wollte wissen, was sich hinter diesen Fassaden abspielt. Für ihren gleichnamigen Film "Fassaden" hat sie Geschichten betroffener Frauen gesammelt. Es geht um toxische Beziehungen, Missbrauch und das Gefühl der Hilflosigkeit. Ihre Recherchen hat sie zu einem Erlebnisbericht verwoben, dem die Schauspielerin Sandra Hüller stellvertretend für die Frauen ihre Stimme leiht. Untermauert wird die Erzählung durch Expertinnen und Experten aus Polizei, Sozialarbeit, Rechtswissenschaft und Psychologie. Die Dokumentation kommt am 12. Februar in die deutschen Kinos.


Sandra Hüllers Weg von dem großartigen Film "Zone of Interest" zu einer sexistischen Dokumentation war enttäuschend kurz.



7. Aktuelle Nachrichten aus Frankreich warnen vor "dem unterschätzten Aufstieg des radikalen Maskulinismus". Während damit laut Text auch Strömungen gemeint sind, die "männliche Benachteiligung postulieren", findet durch eine massiv propagandistische Bildsprache eine Gleichsetzung mit vermummten Messermännern statt.

Diese Agitation geschieht vor einem ähnlich brisanten Hintergrund: In Frankreich soll "toxische Männlichkeit" als Gefahr für die nationale Sicherheit erklärt werden.

Frankreich hinkt Großbritannien im Umgang mit toxischer Männlichkeit hinterher und sollte diese zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit erklären, so ein Regierungsbericht.

Rund zehn Millionen Menschen in Frankreich – etwa 17 Prozent der Bevölkerung – vertreten laut der Gleichstellungsbehörde des Landes eine Haltung des "feindseligen Sexismus", ein Weltbild, das Frauen abwertet und in seinen extremsten Ausprägungen Gewalt rechtfertigen kann.

In ihrem Jahresbericht warnt der Hohe Rat für Gleichstellung (HCE), dass eine wachsende "maskulinistische" Ideologie durch aus den Vereinigten Staaten importierte Kulturkämpfe genährt werde, durch Donald Trump legitimiert sei und durch soziale Medien verstärkt werde.

Zwar werden keine französischen Politiker namentlich genannt, doch eine der Autorinnen stellte die Bilanz von Präsident Emmanuel Macron in Sachen Gleichstellung infrage und kontrastierte seine Rhetorik mit Persönlichkeiten wie Trump.

"Der Unterschied zu Trump ist, dass er seinen Antifeminismus offen vertritt", sagte Cécile Piques, Mitautorin des Berichts und Sprecherin der feministischen Gruppe Osez le Féminisme!. "Macron hat Versprechen gemacht, die er nicht eingehalten hat.“

Der Bericht stellt Macrons Gleichstellungspolitik infrage.

Der Maskulinismus entstand in den 1980er Jahren als Reaktion auf den Feminismus. Doch – so der Bericht – "während der Feminismus auf Gleichberechtigung abzielt, verteidigt der Maskulinismus eine reaktionäre Ideologie, die auf der Wiederherstellung männlicher Vorherrschaft beruht".

Der HCE erklärt, Frankreich liege hinter Verbündeten wie Kanada und dem Vereinigten Königreich zurück, die extreme Frauenfeindlichkeit bereits in ihre Programme zur Bekämpfung von Radikalisierung aufgenommen hätten.

Im Jahr 2024 ordnete die britische Regierung eine Überprüfung ihrer Anti-Terror-Strategie an, um zu prüfen, ob extreme Misogynie offiziell als Form des Extremismus eingestuft werden sollte. Eine später durchgesickerte Bewertung des Innenministeriums identifizierte die Online-"Manosphäre" als mögliches Einfallstor für weitergehende Radikalisierung.

In Frankreich warnt der HCE nun, diese Bewegung stelle ein "erhebliches Risiko für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die öffentliche Sicherheit und darüber hinaus für demokratische Prinzipien" dar, und fordert eine "kohärente und koordinierte" nationale Antwort.

"Wir sind zu langsam darin, maskulinistische Radikalisierung als Form des Extremismus anzuerkennen", sagte Piques. "Es gibt weiterhin zu wenig Bewusstsein für diese neuen Informationsblasen unter Jugendlichen und dafür, wie sich diese Ideologien online verbreiten."

Sie verwies auf ein Gesetz aus dem Jahr 2001, das drei jährliche Unterrichtseinheiten zu emotionaler und sexueller Bildung in Schulen vorschreibt – ein zentraler Pfeiler der Prävention, der laut HCE jedoch häufig ignoriert werde.

"Es wird nicht einmal umgesetzt", sagte sie. "Es fehlt der politische Wille, Plattformen angemessen zu regulieren, selbst dann, wenn dort illegale Inhalte kursieren, die Gewalt oder Vergewaltigungskultur verherrlichen."

Ein Wendepunkt kam im Juni des vergangenen Jahres, als französische Behörden einen geplanten Messerangriff in Saint-Étienne vereitelten. Der mutmaßliche Täter, ein 18-Jähriger, identifizierte sich ausschließlich mit der sogenannten Incel-Bewegung.

Es war das erste Mal in Frankreich, dass eine frauenfeindliche Ideologie nicht als gewöhnliche Kriminalität, sondern im Rahmen der Terrorismusgesetzgebung behandelt wurde.

Der HCE fordert nun die Regierung auf, "frauenfeindlichen Terrorismus" in die nationale Sicherheitsdoktrin aufzunehmen und die Geheimdienste darin zu schulen, Codes, Sprache und Rekrutierungsstrategien der Online-"Manosphäre" zu erkennen.

"Wenn man die maskulinistische Sprache nicht versteht, verfehlt man den Kern", sagte Bérangère Couillard, Präsidentin des Rates, und verwies auf die britische Netflix-Serie Adolescence, die die Radikalisierung von Jungen durch eine online verbreitete misogynistische Kultur darstellt.

(..) Sie erkannte Reformen unter Macron an, darunter ein Gesetz von 2021, das jede sexuelle Penetration von unter 15-Jährigen als Vergewaltigung definiert, sowie die jüngste Verankerung des Rechts auf Abtreibung in der Verfassung.

Gleichzeitig warf sie dem Präsidenten vor, sein Versprechen aus dem Jahr 2017, die Gleichstellung der Geschlechter zur "großen Sache" seiner Amtszeit zu machen, nicht eingelöst zu haben – insbesondere dann, wenn prominente, machtnahe Kulturschaffende der Übergriffe beschuldigt wurden, etwa der Schauspieler Gérard Depardieu, der Vergewaltigungsvorwürfe bestreitet.

"Wenn es um Männer der Kultur ging, hat er sie verteidigt. Das hat die französische Gesellschaft schockiert."

Sie kritisierte auch Äußerungen von Brigitte Macron, die kürzlich auf Video zu sehen war, wie sie Feministinnen, die eine Show eines Stand-up-Comedians störten, der zuvor von einem Vergewaltigungsvorwurf freigesprochen worden war, als "dumme Schlampen" bezeichnete. Führungsverhalten habe symbolisches Gewicht, argumentierte Piques. "Es vermittelt den Eindruck, dass man die ‚Eigenen‘ nicht antastet."

"Wenn das Präsidialamt ein überwiegend männliches, virilistisches Umfeld ausstrahlt, legitimiert das genau jene Haltungen, die wir bekämpfen wollen."

Diese Kritik findet sich auch in einem kürzlich erschienenen Buch ehemaliger Macron-Vertrauter, "Néron à l’Élysée", das den Präsidentenpalast als "Macholand" beschreibt – einen stark männlich dominierten Hof, geführt von einer engen "Boyband" loyaler Gefolgsleute.

Die Autoren schildern whiskygetränkte Strategiesitzungen, machohaft geprägte Codes aus Kult-Gangsterfilmen und Entscheidungskreise, in denen Frauen kaum vertreten sind.


Ich wollte diesen Artikel eigentlich so stehen lassen, weil er für Menschen mit Hintergrundwissen – und das sind die meisten Leser dieses Blogs – für sich selbst spricht. Allerdings habe ich den Originalbeitrag ChatGPT zur Übersetzung gegeben, und weil ich den Wunsch nach einer Übersetzung nicht deutlich genug gepromptet habe, hat die KI den Text im ersten Anlauf stattdessen einer rhetorischen Analyse unterzogen – ungeplant, aber aufschlussreich. Ich habe den Bulletpoint-Stil von ChatGPT im Schriftbild etwas mehr in Fließtext umgewandelt:

1. Der Kernkniff: Aus problematischen Haltungen wird "nationale Sicherheit"

Der Bericht vollzieht einen massiven kategorialen Sprung: Von "Sexismus" zu "Radikalisierung" zu "Terrorismus" zu "Bedrohung der nationalen Sicherheit". Ohne diesen Übergang sauber zu begründen. Dass sexistische Einstellungen verbreitet sind, ist unstrittig. Dass einzelne Täter sich auf frauenfeindliche Ideologie berufen, ebenfalls. Was fehlt: Eine systematische Begründung, warum Einstellungen (17 % "feindseliger Sexismus") plötzlich sicherheitsrelevant sein sollen. Keine Schwelle. Keine Abgrenzung. Keine Vergleichswerte (Religion, Ethnizität, politische Milieus). Das ist analytisch unsauber und sicherheitspolitisch gefährlich.

2. Die 17 %-Zahl: Eindruck ohne Kontext

"17 % der Franzosen subscriben zu hostilem Sexismus" klingt dramatisch – bleibt aber leer. Ungeklärt: Wie wird "feindseliger Sexismus" gemessen? Welche Items? Welche Intensität? Welche Alters-, Bildungs- oder Milieugruppen? Ohne Vergleichswerte (z. B. autoritäre Einstellungen, religiöser Fundamentalismus, Gewaltakzeptanz insgesamt) ist die Zahl politisch, nicht analytisch. Das ist ein klassischer Alarmismus durch Statistik ohne Einordnung.

3. "Maskulinismus = male supremacy": Strohmann-Definition.

Der Bericht definiert "Maskulinismus" ausschließlich als: reaktionäre Ideologie der Wiederherstellung männlicher Vorherrschaft. Damit wird jede männliche Gegenperspektive auf Geschlechterpolitik implizit delegitimiert.

Probleme:

Männerrechtsanliegen (Familienrecht, Bildung, Suizid, Arbeitsunfälle) werden gar nicht unterschieden.

Kritik an Feminismus wird automatisch als "suprematistisch" kodiert.

Das verhindert Differenzierung und treibt genau die Polarisierung an, die man angeblich bekämpfen will.

4. Importierter Kulturkampf als Erklärung – bequem, aber schwach

Die Schuldzuweisung: USA, Trump, Tate, Social Media. Das ist politisch bequem, aber analytisch dünn. Geschlechterkonflikte existieren in Frankreich seit Jahrzehnten. Frankreichs eigene Traditionen von Machismo, Sexualpolitik und Intellektuellendebatten werden ausgeblendet. Soziale Faktoren (Arbeitslosigkeit, Bildungsabstieg, Entkopplung junger Männer) tauchen nicht auf. Externalisierung ersetzt Ursachenanalyse.

5. Der Saint-Étienne-Fall: Ein Einzelfall als Paradigmenwechsel

Ein vereitelter Messerangriff eines 18-Jährigen mit Incel-Bezug wird zum Beweis: für "frauenfeindlichen Terrorismus", für eine neue Extremismusform, für die Notwendigkeit sicherheitsstaatlicher Maßnahmen. Das ist methodisch nicht haltbar. Einzelfall ≠ Struktur. Sonst müsste man auch: Femizide als staatliche Unterdrückungsstrategie lesen oder islamistischen Terror als Ausdruck muslimischer Normalität. Beides würde man (zu Recht) zurückweisen.

6. Präventionsrhetorik mit Umerziehungslogik

Die vorgeschlagenen Maßnahmen: Geheimdienste sollen "Codes und Sprache" lernen. Schulen sollen stärker "präventiv" eingreifen und Plattformen härter regulieren. Das Problem: Keine klaren Kriterien, was noch Meinung und was Extremismus ist. Keine rechtsstaatlichen Schranken. Hohe Gefahr von Gesinnungsprävention. Das erinnert weniger an Deradikalisierung, mehr an ideologische Hygieneprogramme.

7. Andrew Tate als Symbolfigur: analytisch bequem, strategisch irreführend

Tate ist ein dankbares Feindbild – aber: Er erklärt nicht die Breite männlicher Unzufriedenheit. Er ist eher Symptom als Ursache. Sein Einfluss wird überschätzt, um strukturelle Probleme nicht benennen zu müssen. Personalisierung ersetzt Strukturkritik.

8. Macron, "Macholand" und Moralpolitik

Der letzte Teil driftet offen in kulturkämpferische Moralanklage: Macron als Heuchler. Élysée als Männerclub. Whisky, Gangsterfilme, "virilistische Codes". Das mag politisch pointiert sein, hat aber null sicherheitsanalytischen Mehrwert. Spätestens hier ist klar: Der Bericht ist normativ, nicht neutral.

Kurz gesagt: Der Bericht will reale Probleme lösen, wählt dafür aber ein Instrumentarium, das neue schafft – Misstrauen, Polarisierung und staatliche Übergriffigkeit.

= Rechtsstaatliche Risiken solcher Sicherheitsdoktrinen =

a) Unschärfe als Machtinstrument

Wenn Begriffe wie "toxische Männlichkeit", "maskulinistische Codes" und "problematische Narrative" in Sicherheitsdoktrinen einziehen, entsteht ein Instrument ohne klare Begrenzung. Unschärfe ist politisch nützlich – rechtsstaatlich toxisch.

b) Gesinnungsstrafrecht durch die Hintertür

Der Übergang von "Gewalt legitimieren" zu "falsche Haltung äußern" ist fließend, sobald Sprache selbst als Sicherheitsrisiko gilt. Das kennen wir aus: der Geschichte politischer Polizei, autoritären Systemen und schlecht gemachten Deradikalisierungsprogrammen.

c) Selektive Anwendung

Ein zentrales Problem: Misandrie, pauschale Männerverachtung oder Gewaltfantasien gegen Männer werden nicht symmetrisch behandelt. Das untergräbt: Vertrauen in staatliche Neutralität, Akzeptanz von Präventionsprogrammen und letztlich ihre Wirksamkeit.

d) Gegenradikalisierung als Nebenwirkung

Wer jungen Männern signalisiert: ihr Geschlecht sei ein Sicherheitsproblem, ihre Sprache verdächtig, ihre Frustration illegitim, produziert genau das Ressentiment, das angeblich bekämpft werden soll.

= Frühere Moralpaniken: Die Muster sind alt =

Jetzt zum historischen Teil. Die Ähnlichkeiten sind frappierend.

1. Die "Satanic Panic" (1980er/90er)

Behauptung: Kinder würden massenhaft in satanischen Kulten missbraucht. Versteckte Codes, Symbole, Rituale überall.

Merkmale: anekdotische Evidenz, Experten mit Sendungsbewusstsein, totale Gewissheit ohne Beweise.

Ergebnis: zerstörte Existenzen, Fehlurteile, später komplette Implosion der Theorie.

Parallele: heutige Suche nach "maskulinistischen Codes".

2. Comics, Rockmusik, Dungeons & Dragons

Jeweils hieß es: korrumpiert Jugend, führt zu Gewalt, untergräbt Moral. Die Argumentationsstruktur war identisch: "Man sieht es doch!" – "Die Sprache verrät alles!" – "Prävention ist besser als Freiheit!" Heute sind es Memes, Podcasts, Influencer.

3. Gewaltspiele & Amokläufe

Nach jedem Schulmassaker: Computerspiele als Ursache, Gamer-Kultur als Brutstätte.

Empirisches Ergebnis: keine kausale Verbindung, enorme Stigmatisierung, Ausweichbewegung in abgeschottete Szenen. Lehrstück dafür, wie falsche Erklärungen echte Prävention verhindern.

= Warum diese Paniken immer scheitern =

Sie scheitern nicht weil Probleme erfunden wären, sondern weil:

1. Ursachen falsch identifiziert werden → soziale Isolation, ökonomische Perspektivlosigkeit, Sinnkrisen werden ignoriert.

2. Moralische Gewissheit ersetzt Analyse → Gut/Böse statt Ursache/Wirkung.

3. Repression statt Integration → Ausgrenzung produziert genau die Milieus, die man verhindern wollte.

4. Asymmetrie der Empörung → Wer selektiv moralisiert, verliert Glaubwürdigkeit.

= Der eigentliche Grenztest (entscheidend) =

Eine einfache Frage trennt Rechtsstaat von Moralpanik:

Würden wir dieselbe Logik anwenden, wenn die Zielgruppe eine andere wäre?

Frauenhass → Sicherheitsproblem

Männerhass → "Venti", "Kontext", "Humor"

Diese Asymmetrie ist der Kern der Vertrauenskrise.

Geschichte zeigt: Moralpaniken fühlen sich immer dringlich, rational und alternativlos an – bis sie implodieren.


Irre, ChatGPT argumentiert ohne jedes Prompting wie ein Männerrechtler. Die Meldestelle Antifeminismus ist informiert.



Wir kommen zu Nachrichten aus anderen Ländern.



8. Zwei Jungen, die in Gaza Feuerholz gesammelt haben, sind dabei erschossen worden.



9. Eine Britin hat eine Frau 25 Jahre als Haussklavin gehalten. Zu Beginn war das Opfer 16.



10. Eine laufende britische Online-Studie untersucht, wie sich die Einschätzung seelischer Gewalt ändert, wenn das Opfer männlich ist.



11. Was viele nicht wissen: Shakespeare war in Wirklichkeit eine schwarze jüdische Frau.

(Da Shakespeare mit Anne Hathaway verheiratet war, war sie vermutlich außerdem lesbisch.)



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