"Es kommen immer wieder die gleichen Männer in Haft": Kriminologe will Gefängnisse abschaffen
1. Der ehemalige JVA-Leiter Thomas Galli, Jurist, Kriminologe und Psychologe, fordert die Abschaffung von Gefängnissen zugunsten von anderen Formen der Bestrafung. Der Justizvollzug richtet nach seiner Erfahrung mehr Schaden an, als dass er hilft. Ein Interview Gallis mit der "Welt" (nur im Anriss online) leidet zwar darunter, dass bei ihm alle Kriminellen männlich zu sein scheinen. Es unterläuft aber zugleich die Propaganda vom Tätergeschlecht Mann und die Vorstellung, Männer würden gewalttätig werden, weil das die Folge einer herrschenden Position in einem "Patriarchat" wäre. Ein Auszug aus dem Gespärch:
WELT: Herr Galli, Sie fordern die Abschaffung von Gefängnissen. Wieso?
Thomas Galli: Es herrscht die Idee vor, man könne mit Strafvollzug etwas Positives erreichen. Nach gut 25 Jahren Arbeit mit Straftätern bin ich davon überzeugt, dass das falsch ist. Meine Kritikpunkte liegen auf der Hand und sind nicht neu. Aber der Strafvollzug ist ein veränderungsresistentes System, das aus der Zeit gefallen ist.
Im Zuge meiner Arbeit habe ich gemerkt: Es kommen immer wieder die gleichen Männer in Haft. Sie kommen fast alle aus dem gleichen prekären, sozial schwachen und bildungsfernen Milieu und haben ein Suchtproblem. Durch die Haft werden sie gesellschaftlich noch weiter an den Rand gedrängt, mitten hinein in eine Subkultur. Nach der Haft haben sie genauso geringe, wenn nicht noch geringere Chancen im Leben als vorher – und werden oft erneut straffällig. Damit erreicht die Haft das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen soll. In der theoretischen Auseinandersetzung gibt es verschiedene Strafzwecke: Vergeltung, Abschreckung, Schutz und Resozialisierung. In der Praxis stellt Vergeltung aber alles andere in den Schatten. Das muss sich ändern – weil es nichts bringt.
WELT: Haben Sie noch andere Kritikpunkte?
Galli: Auch die Familien, die an diesen Männern hängen, leiden enorm unter der Haft, besonders die Kinder. Die haben außerdem eine höhere Wahrscheinlichkeit, selbst später straffällig zu werden und in Haft zu kommen. Das heißt: Haft produziert Kriminalität. Wenn neue Kriminalitätsfelder auftauchen, wird immer ein neuer Straftatbestand geschaffen oder eine härtere Freiheitsstrafe gefordert. An dem Problem selbst ändert das aber nichts. Im Zweifelsfall verdrängen wir als Gesellschaft sogar bestimmte Themen, statt uns mit ihnen zu beschäftigen: Die Täter werden ja weggesperrt; es ist ja alles gut. Das ist aber nicht der Fall.
WELT: Haben Sie ein Beispiel?
Galli: Wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld im Bereich häusliche Gewalt bei über 80 Prozent liegt. Allein mit Strafe kommen wir hier also nicht weit. Wir müssten uns viel stärker darauf konzentrieren, mehr Fälle aufzudecken oder sogar zu verhindern. Erwachsenen Männern, die häufig fragwürdig sozialisiert wurden, mit Haft zu drohen, hilft dabei sehr wenig.
Schauen wir die einander unglaublich ähnelnden Lebensläufe an, sehen wir, dass an einem viel früheren Punkt investiert werden muss, schon im Kindergarten oder spätestens in der Grundschule. Das würde die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder auf den falschen Weg gelangen, tatsächlich verringern.
(…) Von den Mandanten, die ich als Rechtsanwalt vertrete, sagt kaum einer, die Haft habe ihn zum Umdenken gebracht. Das Gefühl, unverhältnismäßig behandelt worden zu sein, ist hingegen weit verbreitet und führt zu einer Abwendung von Staat und Gesellschaft. Immer wieder sagen mir Eltern, sie hätten jahrzehntelang für den Staat gearbeitet – durch die Haft ihres Kindes aber das Vertrauen in diesen verloren.
WELT: Ist dieses Misstrauen gerechtfertigt?
Galli: Ein Teil davon ist unumgänglich: Wenn der Staat über mich entscheidet, werde ich wahrscheinlich immer eine Abwehr spüren. Ein anderer, nicht gerade kleiner Teil aber rührt daher, wie es in den Anstalten zugeht. Wieso ein Häftling seine Kinder nur zweimal im Monat sehen darf, ist schwer vermittelbar. Wer hat etwas davon? Niemand. Das als ungerecht zu empfinden, halte ich für nachvollziehbar. Mir erscheint es auch so.
2. Die Legal Tribune beschäftigt sich mit der Frage, ob der SPIEGEL Korrespondenz von Christian Ulmen mit seinem Rechtsanwalt veröffentlichten durfte, um sein Bild als Täter in den Köpfen der Leser zu zementieren. Das Landgericht Hamburg hatte diese Veröffentlichung in einem ersten Urteil durchgewinkt. Im Fazit des Beitrags der Legal Tribune allerdings heißt es:
Das LG Hamburg hat die Nachricht an den Strafverteidiger wie ein beliebiges privates Dokument behandelt. Sie ist aber Teil der Rechtsverteidigung. Wer sich an einen Anwalt wendet, muss darauf vertrauen dürfen, dass gerade diese Kommunikation nicht später zur publizistischen Ressource wird; erst recht, wenn dort intime Selbsteinschätzungen preisgegeben werden. Entgegen der insoweit zu strikt anmutenden Rechtsprechung des BVerfG muss es aber in Ausnahmesituationen Veröffentlichungsspielräume für Medien geben. Eine solche Ausnahmesituation liegt hier jedoch nicht ansatzweise vor.
Mit dem Urteil einer höheren Instanz in diesem Fall dürfte in den nächsten Wochen zu rechnen sein.
3. 76 Prozent der jungen Männer in Irland berichten, mindestens einige Male pro Jahr Diskriminierung zu erleben. Zu dieser Erkenntnis gelangt eine neue Studie des irischen Forschungsinstituts Economic and Social Research Institute (ESRI). Ihr zufolge berichteten junge Männer im Alter von 17 Jahren häufiger von solchen Erfahrungen als junge Frauen.
Nach Angaben der Forscher zeigte sich dieser Unterschied vor allem bei zwei Arten von Erfahrungen:
* Andere Menschen verhielten sich ihnen gegenüber, als hätten sie Angst vor ihnen.
* Sie fühlten sich bedroht, schikaniert oder belästigt.
Die Autoren der Studie vermuten, dass dies mit gesellschaftlichen Stereotypen über junge Männer zusammenhängt, etwa der Vorstellung, sie seien aggressiv oder verhielten sich antisozial.
Die häufigsten Gründe, die die 17-Jährigen selbst für diese Erfahrungen nannten, waren Alter (63 %), Aussehen (54 %) und Geschlecht (40 %).
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