Freitag, März 27, 2026

"Es wird Zeit, dass Männer Angst bekommen", "Macker in die Elbe", "Männer auf Parkplätzen kastrieren": Feministischer Hass eskaliert

1. Der Hass hat eine neue Stufe erreicht. "Es wird Zeit, dass Männer Angst bekommen!" wetterte die Rapperin Ikkimel auf einer Preisverleihung. "Es kotzt mich so an!" Die Aktivistin Luisa Neubauer tobt mit: "Männer haben Glück, dass wir keine Vergeltung wollen!" Auch bei einer Demonstration mit 17.000 Teilnehmern in Hamburg ist das sexistische Ressentiment überdeutlich:

Bei einem Auftritt der Gruppe "Handmaids Riots" wurden alle Frauen aufgefordert, sich hinzuhocken: Die Männer sollten sich umschauen, ihre Geschlechtsgenossen entdecken und sich stumm versprechen, nicht mehr wegzuschauen. (…) Die Menge hat noch einen lokal orientierten Spruch vorbereitet: "Alle wollen dasselbe, Macker in die Elbe!"


Auch "Die ZEIT" berichtet über die Demo:

Als Erstes tritt nach den Organisatorinnen der Demo eine Musikerin auf, die, bevor der Fall geklärt ist, unter anderem rappt, dass "Christian fucking Ulmen hoffentlich für seinen kink bestraft wird". Es folgt eine Autorin, die eine, wie selbst sagt, "feministische Wutrede" hält, und Christian Ulmen darin einen "Hurensohn" nennt. Auf Schildern der Besucherinnen und Besucher liest man unter anderem: "Not all men but Ulmen" oder: "Es gilt immer die Huso-Vermutung" – die Hurensohn-Vermutung also.


Inzwischen herrscht also die Logik des Generalverdachts. Die Schärfe der Formulierungen ist eine weitere Eskalation nach Forderungen wie "Sperrt die Männer weg!", die vor einigen Wochen geschrien wurden. Es ist absurd: Niemand fordert, "die Autofahrer" wegzusperren, nur weil manche rasen und töten. Die Leitmedien berichten über solche feministischen Parolen allerdings in der Regel, ohne sie scharf zu verurteilen und tragen so zur Normalisierung des Hasses bei. Einige wenige Publizisten versuchen sich immerhin zu behelfen, indem sie Frauen zitieren, so etwa Tobias Becker, der sich auf Eva Lapido beruft, wenn er schreibt:

Seit der #MeToo-Bewegung seien Männer ein Geschlecht unter Generalverdacht. "Es ist ein lässiger, geradezu schicker Männerhass entstanden." Denn die Bewegung habe nicht das patriarchale System kritisiert, sondern die Missachtung von Männern propagiert: Sexismus als Charakterfehler. Sie habe die Unschuldsvermutung aus dem Blick verloren, die Grenze zwischen kriminellem Verhalten und Unanständigkeit verwischt, die Moral normaler Männer angegriffen, ihr Selbstwertgefühl und ihren Stolz – und sich dadurch zunehmend wütende Gegner gezüchtet. "MeToo provoziert, was es verabscheut." Es sind Gedanken, die Viele empören werden, die man sich als männlicher Journalist auch kaum zu zitieren traut, gerade jetzt nicht.


"Man als männlicher Journalist" ist eine kuriose Verallgemeinerung. Beim SPIEGEL und in anderen Leitmedien traut man sich das sichtlich nicht, weil man in ein männerfeindliches Netzwerk eingebunden ist. Mir bricht nicht der Angstschweiß aus, wenn ich darauf hinweise, wie treffend diese Analyse ist.

Es ist eine andere Frau, die hier in die Bresche springen und das schreiben muss, was angstschlotternde männliche Redakteure nicht wagen. Judka Strittmatter erklärt in der Berliner Zeitung:

Eine Kollegin schrieb neulich hier zur Ulmen-Causa, dass in allen Männern ein Monster schlummere. Mir gefällt diese Formulierung nicht. Ich würde daraus machen: In jedem Menschen schlummert ein Monster. Das bestätigen übrigens auch diverse Kriminalpsychologen und andere kluge Menschen, die sich wissenschaftlich damit befassen. Die Weltgeschichte ist (leider) auch voll mit grausamen Müttern, niederträchtigen Mörderinnen, giftigen Kolleginnen und herzlosen Schulkameradinnen. Einwände von irgendwo her? Ich habe ein Problem mit der Hochtourigkeit dieser Debatte, mit dem hasserfüllten Geschrei junger Netzfeministinnen, die jetzt am liebsten alle Männer in Gänze abschaffen bzw. "Täter auf Marktplätzen aufhängen und kastrieren lassen wollen". (…) Mir passt einfach der Subtext nicht, der in allen euren Rants und Schrei-Reels mitläuft, und der da lautet: Frauen wären die besseren Menschen. Das wird euch kein Experte dieser Welt bestätigen!

(…) Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel, der im aktuellen Diskurs und leider auch sonst nur erstaunlich wenig vorkommt. Wer – wie ich – in der DDR mit berufstätigen, taffen Frauen aufgewachsen ist, der hat erlebt: Männer zerfallen nicht zu toxischen Monstern, nur weil Frauen stark sind. Im Gegenteil. Sie kommen oft erstaunlich gut damit klar – wenn man sie nicht permanent in Sippenhaft nimmt.


Ein Mann immerhin hat sich dann doch noch gefunden, der dem Hass ebenso entgegentritt wie den Selbstgeißelungen seiner männlichen Kollegen. Frédéric Schwilden merkt hierzu an:

Ein junger Autor schreibt im "Stern": "Es ist an der Zeit, dass wir Männer aufhören, uns selbst zu belügen. Wir alle sind das Problem." Alleinunterhalter Moritz Neumeier veröffentlicht sogar einen handgeschriebenen Zettel, auf den er in Druckschrift schreibt: "Christian Ulmen ist ein Problem." Und etwas später "Das Problem sind wir Männer." Der moderne Mann geht zum Bußgang nicht mehr nach Canossa, sondern ins Internet. Der reaktionäre Mann natürlich auch. Aber die Frage ist, was mache ich jetzt daraus?

(…) Diese Verallgemeinerungen münden nämlich in Aussagen, wie von der Influencerin Leonie Plaar. Sie veröffentlichte ein Video zum Fall Ulmen. Sie steht vor einer Progressive-Pride-Flagge – die auch Transmenschen mit einbezieht – und schreit ihre Wut hinaus. "Ich will nicht, dass Christian Ulmen jetzt gecancelt wird. Ich will, dass er und andere Täter an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehangen und öffentlich kastriert werden", sagt sie. Gefolgt von: "Ich möchte, dass allen Männern, die jetzt irgendwas von ‚Unschuldsvermutung‘ in Kommentarspalten rotzen, das Wort ‚Täterschützer‘ auf die Stirn tätowiert wird. Und ich möchte nichts mehr von ‚not all men‘ lesen, weil es offensichtlich doch alle Männer sind."

Zunächst einmal – und nicht humoristisch, nicht zynisch, sondern ganz ernst gefragt: Sind Transmänner, die ja von diesem Milieu und Leonie Plaar – die Progressive-Pride-Flagge legt es nahe – sehr wahrscheinlich als Männer angesehen werden, jetzt auch Täter? Dann ruft Plaar recht klar zu Folter und schwersten Körperverletzungen für "Täter" auf. Ulmen erklärt sie hier schon zum Täter. Würde ich jetzt "Unschuldvermutung" sagen, würde mir Leonie Plaar wiederum "Täterschützer" tätowieren lassen wollen.


Schwilden weist nun auf das "Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer" von Valerie Solanas hin, das Männlichkeit zum "genetischen Effekt" erklärt und in der Massenvergasung der allermeisten Männer eine angemessene Lösung sieht. Das Buch wandert in Deutschland von Verlag zu Verlag, wird alle paar Jahre neu aufgelegt und gelegentlich von Feministinnen gefeiert. Ich selbst habe darüber in meinen Büchern und online oft genug geschrieben; deshalb kürze ich dieses Thema ab. Schwilden führt dazu weiter aus:

Wie gefährlich aber die Eins-zu-eins-Übertragung künstlerischer Positionen in die Wirklichkeit ist, belegte Schriftstellerin Valerie Solanas schließlich selbst. Am 3. Juni 1968 schoss Solanas dreimal auf den Künstler Andy Warhol, verletzte ihn lebensgefährlich. Dazu schoss sie einem ebenfalls anwesenden Kunstkritiker in die Hüfte und versuchte, Warhols Manager in den Kopf zu schießen. Worte führen zu Taten, heißt es doch so gern aus dem Milieu, das jetzt "alle Männer" zu "Tätern" erklärt. Und stellenweise sogar Folter fordert.


In den folgenden Absätzen nennt Schwilden Zahlen, denen zufolge die Rate von Tätern, die Gruppenvergewaltigungen begehen, unter Zuwanderern besonders hoch ist, und stellt klar:

Dennoch kann man aufgrund dieser Zahlen in einer aufgeklärten, demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft nicht Menschen mit Migrationshintergrund pauschal unter Verdacht stellen. Das tun Rechtspopulisten und Rechtsextreme. Dass es nun aber vermeintlich Progressive bei Männern ganz allgemein tun, zeigt, wie intellektuell verwahrlost die Debatte geführt wird.

Es gibt im Übrigen wenige Straftaten, bei denen Frauen als Tatverdächtige überrepräsentiert sind. (…) In Deutschland führen Frauen nach einer Veröffentlichung des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen aber beim Töten von Neugeborenen. Diesen Daten zufolge liegt das "Durchschnittsalter der Mütter", die ihre Kinder kurz nach der Geburt töten, zwischen 21,7 Jahren und knapp 24 Jahren.

In der Einleitung der Studie heißt es: "Entgegen dem Bild der Gesamtkriminalität sowie der Tötungskriminalität, wo männliche Täter deutlich überwiegen, haben wir es beim Neonatizid, zumindest bei den polizeilich bekannt gewordenen Taten (sog. Hellfeld), fast ausschließlich mit Täterinnen zu tun. Damit ist der Neonatizid wohl einzigartig unter den kriminellen Delikten." Daraus aber nun abzuleiten, dass alle jungen Frauen, besonders diese zwischen 21,7 und 24 Jahren, Täterinnen seien, und sich alle junge Frauen in diesem Alter von Kindstötungen distanzieren müssten, ist natürlich absurd.


Die Normalisierung gruppenbezogener Ressentiments schafft häufig ein Klima, in dem Gewalt bereitwilliger ausgeübt und akzeptiert wird. Dazu kommt: Wenn solche Ressentiments gesellschaftlich legitimiert erscheinen, radikalisieren sich einschlägige Einstellungen schneller und erreichen auch Personen, die zunächst nur latente Vorbehalte hegten. Womöglich ist der Gipfel des Hasses also noch nicht einmal erreicht. Einen konstruktiven Konsens zu finden, erscheint bei dem gegenwärtigen Klima völlig unmöglich.

Von derselben Dame, die forderte, Männer auf Marktplätzen zu kastrieren, gibt es übrigens diesen hübschen Instagram-Reel: "Und jetzt noch mal für alle zum Mitschreiben: Feminismus ist kein Männerhass." Ich bin so froh, dass das geklärt ist.



2. Diese Stimmungsmache geht inzwischen so weit, dass Frauenministerin Karin Prien im Interview mit der "Zeit" intervenieren muss:

"Ich möchte wirklich davor warnen zu sagen: Alle Männer sind so. Denn es ist erstens falsch, und zweitens halte ich das für extrem kontraproduktiv. Man muss benennen, welche Strukturen zu solchen Missständen führen. Trotzdem muss man sich dringend davor hüten, alle Männer in einen Topf zu werfen. Das führt nämlich dazu, dass viele junge Männer sich von der Debatte abgehängt fühlen und sich nur noch in ihrer eigenen Welt bewegen."


Der Subtext des letzten Satzes ist eine drohende Radikalisierung, beispielsweise durch die gefürchtete Manosphäre. Diese Argumentation kann einen wahnsinnig machen. Eine Analogie: Angenommen, es gäbe in unserer Gesellschaft ein noch viel stärkeres Ressentiment gegen Muslime, vielleicht ausgelöst durch einen islamistischen Terroranschlag. Wäre es dann die richtige Reaktion, wenn Friedrich Merz erklären würde: "Es beunruhigt mich zutiefst, dass jetzt alle auf Muslime losgehen, denn das führt nur dazu, dass die sich in ihren Moscheen zusammenrotten." Warum kann man nicht einfach sagen "Wir sollten uns vor Menschenfeindlichkeit gegen Gruppe X hüten", ohne gleich zu suggerieren, "weil das die Gefahr durch Gruppe X vergrößern würde."

Karin Prien hätte auch folgende Formulierung wählen können: "Trotzdem muss man sich dringend davor hüten, alle Männer in einen Topf zu werfen, weil sie es nicht verdient haben". Oder: "Trotzdem muss man sich dringend davor hüten, alle Männer in einen Topf zu werfen, weil viele von dem lichterlohen Hass, der ihnen entgegengebracht wird, verstört sind." Oder: "Trotzdem muss man sich dringend davor hüten, alle Männer in einen Topf zu werfen, weil das Jungen Angst macht, später auch als Abschaum behandelt zu werden." Oder: "Trotzdem muss man sich dringend davor hüten, alle Männer in einen Topf zu werfen, weil aus einem solchen unentwegten Schüren von Feindbildern nichts Gutes entspringen kann."

Die ZEIT lässt der Ministerin natürlich schon ihre Formulierung nicht einfach durchgehen:

"Man könnte aber auch sagen, ein gewisser aggressiver Überschuss gehört dazu, wenn man gehört werden will."


Wow. Das überrascht mich jetzt doch, dass ausgerechnet die ZEIT den radikalen Rand der Manosphäre verteidigt.

Wie? So war das gar nicht gemeint? Die ZEIT verteidigt nur die Aggressionen des eigenen Lagers? Kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre ja komplett scheinheilig.

Die ZEIT fragt weiter.

"Mit welchen Argumenten will man junge Frauen heute noch überzeugen, mit einem Mann zusammen zu sein?"


Hier hätte ich das Lesen des Interviews fast abgebrochen. Auch bei einer Medienschau vertrage ich nur ein gewisses Ausmaß an Idiotie. "Frau Ministerin, erklären Sie, warum eine Frau und ein Mann eine Partnerschaft miteinander eingehen sollten, obwohl es Christian Ulmen gibt." Ich lese tapfer weiter. Nächste Frage der ZEIT:

"Es passiert, Frauen befreien sich gerade von der Scham, aber ist die Scham schon bei den Männern angekommen?"


Ich habe keine Ahnung, was die Scham bei "den Frauen" oder "den Männern" zu suchen hat. Weshalb sollte man sich dafür schämen, ob man über ein y-Chromosom verfügt oder nicht? Hellichter Wahnsinn. Man hätte auch dafür pldieren können, dass die Scham bei sexueller Gewalt von den Opfern zu den Tätern übergeht, aber das wäre halt nicht so geil sexistisch gewesen, dass man bei der ZEIT Spaß daran fände.

Im nächsten Satz vergleicht die "Zeit" die Massenvergewaltigung von Gisle Pelicot mit Prostitution. Die Bedeutung von Consent, von Einverständnis vor einem sexuellen Kontakt, scheint bei den Interviewführern nicht vorhanden zu sein. Ich musste mir jetzt erst mal anschauen, wer dieses Interview fabriziert hat: Elisabeth Raether und Bernd Ulrich. Alles klar.

Dafür beginnt Karin Prien allmählich, die Kurve zu kriegen:

"Ich glaube aber, der Feminismus hat Nebenwirkungen. Es entsteht der Eindruck, Männer würden nur noch wie defizitäre Frauen behandelt, die ohne Widerrede das volle feministische Programm vertreten sollen. Ich glaube, es ist an der Zeit, mal zu fragen, wie geht es eigentlich den Männern, welche Vorbilder haben die Jungen, und wie können wir dafür Sorge tragen, dass sie sich in der Gleichstellungsdebatte gesehen und auch gerecht behandelt fühlen."


Vielleicht muss man sie nur lange genug mit schwachsinnigen Fragen traktieren, und sie zeigt doch noch Empathie? Klar, dass das Duo von der ZEIT da kontern muss. "Man hatte jetzt nicht gerade das Gefühl, dass Männer in den vergangenen Jahren zu wenig Redezeit hatten", schnappt das Duo patzig zurück, so als ob die Geschlechterdebatte der letzten Jahrzehnte vor allem von Männern und ihren Interessen bestimmt gewesen sei. Karin Prien aber scheint jetzt endgültig die Faxen dicke zu haben und erwidert:

"Trotzdem wächst eine Generation von jungen Männern heran, die sich eher als Verlierer in dieser neuen Welt empfinden. Das müssen wir erst mal wahrnehmen und schauen, woran es liegt. Es gibt beispielsweise Benachteiligung im Bildungssystem. Wir haben uns auf Mädchen fokussiert, das sollten wir auch weiter tun, aber wir müssen eben zugleich auf die Jungs gucken. Der beklagte Leistungsrückgang ist auch auf schlechtere Leistungen von Jungs zurückzuführen. Mädchen sind oft anpassungsfähiger. Mädchen sind in nahezu allen Bereichen des Bildungssystems erfolgreicher. Aber wie können auch Jungs ihre Talente in der Kita, in der Schule besser entfalten? Sie brauchen mehr männliche Vorbilder."


Mehr männliche Vorbilder sind ein möglicher Hebel von vielen. Ich habe schon 2009 erklärt, was man alles tun kann, um Jungen gerechter zu werden, und ich war beleibe nicht der erste.

Den ZEIT-Autoren wird das Niveau des Gesprächs jetzt erkennbar zu hoch, und sie versuchen, es wieder runterzuziehen:

"Welche Antwort geben Sie jungen Müttern, die sich fragen: Wie erziehe ich meinen Sohn so, dass er kein Arsch wird?"


Ihm verbieten, die ZEIT zu lesen? Dann hätte er schon mal zwei schlechte Vorbilder weniger.

Das Interview endet damit, dass Karin Prien auf eine Frage gar nicht mehr antwortet, sondern nur noch lacht. So hätte sie vielleicht von Anfang an reagieren sollen, wenn sie gewusst hätte, welche Fragen sie erwarten würden.



3. Auf der juristischen Website "beck aktuell" setzt sich Rechtsanwalt Dr. Jörn Claßen mit dem Problem der Verdachtberichterstattung im Fall Ulmen auseinander. Ein Auszug:

Nach der Ausgangsberichterstattung fragen sich nun viele Journalistinnen und Journalisten, ob und in welcher Form sie die Verdachtsäußerungen des Spiegel übernehmen dürfen. Befreit zum Beispiel der Zusatz "Wie der Spiegel berichtet" von der eigenen Haftung? Oder stellt die Wiedergabe der Berichterstattung eines anderen Mediums nicht auch eine zulässige Tatsachenschilderung dar, weil das andere Medium nun einmal tatsächlich berichtet hat und der Vorgang somit in der Welt ist?

In beiden Fällen lautet die Antwort: Nein. Denn auch durch die distanzierte Schilderung wird letztlich der Verdacht weiterverbreitet. Er wird, egal in welcher Einkleidung, zwangsläufig immer mittransportiert. Würde man die Weiterverbreitung voraussetzungslos zulassen, dann wäre ein Betroffener nach einer ersten Berichterstattung schutzlos gegen eine ausgelöste Lawine von Folgeberichten. Zudem ist der Spiegel keine sogenannte privilegierte Quelle, wie Gerichte, Behörden oder große Nachrichtenagenturen, die laut Rechtsprechung besonders vertrauenswürdig sind.

(…) Vor diesem rechtlichen Hintergrund haben sich offenbar einige Medien mit eigener (detaillierter) Berichterstattung zu den Vorwürfen zurückgehalten, obwohl das Thema in den sozialen Medien schnell dominierend war – einschließlich sämtlicher Rechtsverletzungen, die im Presserechtslehrbuch beschrieben werden. (…) Andere Medien haben dagegen vorschnell berichtet und dabei nicht einmal eine eigene Presseanfrage an Ulmen oder dessen Anwälte geschickt, was offensichtlich rechtswidrig ist. Vermutlich dürfte es sich für diese Medien aber durch die hohe Klickrate gerade zu Beginn einer Berichterstattungswelle rechnen, auch wenn später eine Abmahnung folgen sollte.

(…) Jegliche Formen der Vorverurteilung sind zudem auch Privatpersonen untersagt. Wenn es zudem nachweisbar bzw. gerichtlich festgestellt keinen Mindestbestand an Beweistatsachen für die Vorwürfe gibt, dürfen auch Privatpersonen die Vorwürfe nicht weiterverbreiten.

Am Ende muss man bei aller Sympathie für eine wirksame Bekämpfung digitaler Gewalt berücksichtigen, dass hier mit Christian Ulmen eine Person öffentlich am Pranger steht, für die die Unschuldsvermutung gilt. Die Vorwürfe werden – ob wahr oder falsch – für den Rest seines Lebens "hängen bleiben".




4. Auch die Neue Zürcher Zeitung beschäftigt sich mit dem Verhalten der Medien im Fall Ulmen:

Mit welcher Nonchalance eine prominente Person von den Medien an den Pranger gestellt wird – sogar mit Bild auf der Titelseite des "Spiegels" –, ist bemerkenswert. Das Magazin stützt sich bei den Vorwürfen fast ausschliesslich auf die Schilderungen der Klägerin, Ulmen liess die Anfragen unbeantwortet. Als zusätzliches Beweismittel dient eine E-Mail, in der sich der mutmassliche Täter offenbar Hilfe bei einem Anwalt suchte und sich dabei geständig zeigte. Zwar wird im Artikel die Unschuldsvermutung erwähnt, doch bleibt dies angesichts der Vorwürfe eine hohle Phrase.

So klar die Angelegenheit hier erscheinen mag, zahlreiche ähnliche Fälle aus der Vergangenheit zeigen, dass trotzdem Vorsicht geboten wäre. Es gibt mittlerweile eine lange Liste von Prominenten, die von den Medien wegen vermeintlicher Übergriffe oder Vergewaltigungen an den Pranger gestellt wurden, dann aber vor Gericht einen Freispruch erhielten oder deren Verfahren eingestellt wurde. Zum Teil waren die Folgen für die Betroffenen verheerend.

(…) Die Tendenz zur medialen Vorverurteilung nahm durch den Weinstein-Skandal 2017 und die daraus entstandene #MeToo-Bewegung rapide zu. Den Machtmissbrauch von Männern zu enttarnen, ist fast schon zu einer eigenen journalistischen Disziplin geworden. Zum Teil sind die Recherchen richtig und wichtig, das zeigen die Fälle von Pelicot bis Epstein. Doch im Eifer werden immer wieder journalistische Grundsätze über Bord geworfen. Dass dabei auch Karrieren Unschuldiger zerstört werden können, wird als Kollateralschaden im Kampf gegen das patriarchale Machtsystem hingenommen. Der "Spiegel" war mehrmals bei Kampagnen an vorderster Front dabei, in denen sich die Anschuldigungen im Nachhinein als falsch oder als stark übertrieben herausstellten. Das Magazin muss sich deshalb nicht wundern, wenn im gegenwärtigen Fall Zweifel geäussert werden.




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