"18 Monate kein Sex, und sie feiert sich dafür"
1. "Die Welt" beschäftigt sich mit Frauen, die Männer so sehr hassen, dass sie dafür sogar auf Sex verzichten:
Eine bordeauxfarbene Torte. Samtrot, fast blutrot. Schwarze Schleifen wie kleine Trauerbänder am Rand. In schwarzer Zuckerglasur steht darauf: "1 year no dick". Das Messer setzt exakt unter dem Wort "dick" an. Ein sauberer Schnitt. Darunter fast vierzigtausend Likes. Tausende Kommentare. "18 months." "Two years." "Best decision ever." Frauen dokumentieren ihre Abstinenz wie andere ihre Marathonzeiten. Als hätten sie eine Sucht überwunden. Als sei Lust etwas, das man endlich losgeworden ist. Der große Erfolg liegt angeblich in einem Leben ohne Sex. Was hier gefeiert wird, ist die Verweigerung. Und das gilt als Fortschritt. (…) Der Verzicht wird als Akt der Selbstermächtigung inszeniert. (…) Als moralischer Fortschritt.
Was zunächst wie eine individuelle Entscheidung wirkt, ist in Wahrheit Symptom einer längeren Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet und die eng mit dem Selbstverständnis des dritten Wellenfeminismus verbunden ist. (…) Aus der berechtigten Kritik entwickelte sich schleichend eine kulturelle Grundannahme: Lust ist verdächtig. Und Lust ist männlich.
Der Artikel erwähnt auch, dass dieses Denken keineswegs neu und fortschrittlich ist, sondern Jahrhunderte alt (wie ja auch der Soziologe Christoph Kucklick schon 2008 analysierte):
Für Frauen wird Keuschheit über Jahrhunderte zur moralischen Auszeichnung, besonders im 19. Jahrhundert. Der Mann gilt als triebhaft, die Frau als sittliches Gegengewicht. Lust wird männlich kodiert, Disziplin weiblich. Der moderne Feminismus wollte diese Ordnung sprengen und weibliches Begehren als legitime Selbstäußerung behaupten. Wenn Lust heute jedoch erneut primär als strukturelles Risiko gelesen wird, verschiebt sich nur die Begründung, nicht das Muster. Nicht mehr Gott, sondern das Patriarchat steht im Verdacht. Doch die Konsequenz bleibt ähnlich: Lust gilt als gefährlich. Und wer klug ist, verzichtet.
(…) Das Gegenüber wird nicht als unvorhersehbares Subjekt anerkannt, sondern als Träger einer Struktur. Nicht der konkrete Mensch steht mir gegenüber, sondern ein Typus, ein Prinzip, eine Kategorie. Das ist der Inbegriff von Objektivierung. Und zwar genau jene Form von Objektivierung, die beide Seiten am jeweils anderen kritisieren, während sie sie selbst vollziehen. Wer den anderen auf eine Struktur reduziert, reproduziert das, was er zu bekämpfen glaubt. Dabei ist Lust nicht männlich und Abstinenz ist nicht weiblich. Begehren ist menschlich. Es ist riskant, ambivalent, manchmal enttäuschend. Aber es ist keine politische Eigenschaft eines Geschlechts.
Wir leben in einer Zeit, in der man solche Dinge allen Ernstes noch mal erklären muss.
2. "Männer sind böser als Frauen. Die Unterschiede sind allerdings nicht riesig", stellt der Psychologe Ingo Zettler klar, der sich der Erforschung des Bösen verschrieben hat. Warum haben wir dann eine Geschlechterdebatte, in der man so tut, als würden Engel Monstern gegenüberstehen? Zumal Zettler klarstellt, dass der Unterschied weniger in der Psyche als in der Position liegt: "Männer sind öfter in Führungspositionen, die eher dazu verleiten können, egoistisch oder narzisstisch zu handeln."
Ich habe den verlinkten Test übrigens gemacht, demnach liegt mein eigener D-Score bei 20 Prozent. Im allgemeinen bin ich demnach vertrauenswürdig und fair, aber wenn mir jemand partout dumm kommen will, kann ich auch unleidlich werden. Sollte es mir Sorgen machen, dass 80 Prozent der Befragungsteilnehmer asozialer sind als ich?
3. Die Brigitte, sonst nicht immer auf einem freundlichen Kurs gegenüber Männern, hat einen neuen Trend unter Müttern allmählich dicke: "Scheiße, es ist ein Junge." Die Autorin versteckt ihre Fassungslosigkeit nicht: "Euer Sohn ist noch nicht einmal geboren oder gerade erst auf der Welt – und ihr sprecht trotzdem schon über ihn, als wäre er vor allem ein potenzielles Problem." Tja, dieser Unsinn ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen – er wurde lange vorbereitet. Auch und gerade von JournalistInnen.
4. Die Süddeutsche Zeitung überzeugt einmal mehr, indem sie so über eine aktuelle Studie berichtet, wie andere deutsche Zeitungen das nicht tun: "Männer werden ähnlich häufig Opfer häuslicher Gewalt wie Frauen" stellt sie fast wörtlich schon zu Beginn eines Artikels fest, statt diese Info zu unterschlagen oder irgendwo im hinteren Teil zu vergraben, und fordert, dass die Gesellschaft endlich darauf reagiert. Wird es Zeit, die Süddeutsche in den Kreis der lesenswerten linken Zeitungen aufzunehmen? In dem Artikel heißt es über die Dunkelfeldstudie, über die Genderama bereits ausführlich berichtet hat:
Als Dunkelfeldstudie erfasste sie auch Taten, die nicht polizeilich gemeldet wurden. Sie gilt als die bislang methodisch beste Studie ihrer Art. Eines ihrer zentralen Ergebnisse ist, dass Männer und Frauen von den meisten Gewaltformen ähnlich häufig betroffen sind. Bezogen auf die vergangenen fünf Jahre waren Männer sogar häufiger (6,1 Prozent) als Frauen (5,2 Prozent) Opfer körperlicher Gewalt. (…) Man beachte: Es geht hier um Partnerschaften, nicht um Straßenschlägereien.
Das ist ein für viele Menschen vermutlich überraschendes Ergebnis. Dennoch muss man lange suchen, um diesen Sachverhalt oder gar die konkreten Zahlen zur Gewalt an Männern in der Berichterstattung zu finden. Man könnte auch sagen: Männliches Leid wird ein wenig missachtet. Der mediale Reflex bei der Kommentierung von Studien zu häuslicher Gewalt ist weiterhin: Wir brauchen mehr Frauenhäuser! Diese Reaktion reicht nicht als Antwort.
(…) Die neue BKA-Studie reiht sich ein in eine umfassende internationale Studienlage, die belegt, dass beide Geschlechter ein Gewaltproblem haben. Deshalb reicht es nicht, immer mehr Plätze in Frauenhäusern zu schaffen, um das Problem zu lösen. Das kann nur eine vorübergehende Notlösung sein. Genauso wenig reicht es aus, wenn man jetzt parallele Hilfsstrukturen für Männer schafft, obwohl diese als Opfer weiblicher Gewalt derzeit tatsächlich dramatisch unterversorgt sind.
Im Kern geht es um die Einsicht, dass bei Partnerschaftskonflikten die präzise Trennung zwischen Opfer und Täter oft nicht möglich ist. Wer am klassischen Täter-Opfer-Schema hängen bleibt – Mann böse, Frau gut – vernebelt die Sachlage. Besser wäre es wohl, dass ein Paar ein Problem gemeinsam angeht.
Das ist eine zutiefst maskulistische Position, für die wir Männerrechtler oft angefeindet oder verhöhnt werden. Ich behalte die Süddeutsche Zeitung mal ein wenig im Auge.
5. In anderen Teilen der Linken scheint es mittlerweile eine Olympiade zu geben, wer sich so bescheuert wie möglich verhält. So wurde jetzt über das Auto eines Rammstein-Fans "Vergewaltiger" geschrieben. Und natürlich ist das Spektrum der Linken, das den Rechtsstaat offenbar abschaffen möchte, auch eines in dem man mit verschwörungstheoretischen Begriffen hantiert: "Sexueller Missbrauch dient dem Erhalt des Patriarchats."
6. Der Journalist Thilo Mischke berichtet in einem Podcast, welche Folgen es für ihn hatte, von einem Mob als "Sexist" gebrandmarkt und verfolgt worden zu sein: "Ich hatte danach Angst vor allem." Das Schmerzhafteste sei nicht der Hass aus den sozialen Medien gewesen, der ihm entgegenschlug, sondern dass seine Kollegen die wildesten Unterstellungen einfach so übernommen hatten.
7. Statt der Bitte um Spenden, mit der ich viele Blogbeiträge inzwischen abschließe, heute mal ein Hinweis auf ein neues Buch einer meiner Leser: "Ein Lied vom Seelenmord: Haiku und Haiga zum Überleben nach Kindesmissbrauch". Mein Leser schreibt mir dazu:
Das Buch entstand während meiner 14-jährigen Traumatherapie: Die kurzen Gedichte waren und sind für mich ein Werkzeug, um das Unsagbare zu sagen, Dissoziationen zu bündeln und Resilienz sichtbar zu machen. Es ist – soweit ich das beurteilen kann – einer der ganz wenigen Versuche, komplexe PTBS und die Folgen von Kindesmissbrauch in traditioneller japanischer Kurzlyrik (vor allem Senryū) zu fassen.
Ich weiß, dass das Thema sehr speziell und für viele Leser schwer zugänglich ist. Gleichzeitig glaube ich, dass genau diese Verbindung von uralter Form und extremem Inhalt für Menschen, die sich mit Trauma, Heilung, männlicher Verletzlichkeit oder experimenteller Lyrik beschäftigen, interessant sein könnte.
Weitere Infos zum Buch findet man hier und hier.
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