"Ja, Frauen verdienen weniger. Aber Männer sterben häufiger im Job"
1. In einem Gastbeitrag für "Die Welt" spricht sich die ehemalige Frauenministerin Kristina Schröder gegen Feministinnen aus, die in jeder Ungleichheit zwischen den Geschlechtern eine Ungerechtigkeit sehen.
Diese Sehnsucht, sich selbst als Opfer zu beschreiben – das ist es, womit ich im Feminismus nie etwas anfangen konnte. Deshalb fremdelte ich als zuständige Ministerin ja auch mit großen Teilen der frauenpolitischen Community (und sie mit mir). "Warten Sie ab, bis Sie älter sind und Kinder haben", wurde mir dann meist gönnerhaft beschieden. Inzwischen bin ich 49 und habe drei Töchter. Und kann diesem routinierten Empörungsgestus immer noch so gar nichts abgewinnen.
"Ich wage die These, dass keiner dieser Männer sich auch nur ansatzweise vorstellen kann, was es bedeutet, in einem Raum die einzige Frau zu sein", schrieb etwa die Autorin Heike Specht kürzlich auf X zu Fotos, die SPD-Politikerinnen unter vielen Männern zeigten. Garniert mit, wie in diesem Genre üblich, ein wenig pauschalem Bashing des anderen Geschlechts: Nur die wenigsten Männer würden dies im umgekehrten Fall "auch nur eine Woche durchstehen", so Specht.
In der Politik war ich oft die einzige Frau, etwa als Obfrau des BND‑Untersuchungsausschusses. Meist habe ich dies noch nicht einmal realisiert. Bis heute frage ich mich, ob wir Frauen uns wirklich einen Gefallen tun, darum ein derartiges Aufheben zu machen. (…) Die Annahme, Frauen würden bevorzugt Frauen wählen, hat mir daher nie eingeleuchtet (und trifft auch empirisch nicht zu).
(…) Aber ist es wirklich so, dass die Verlierer- und die Gewinnerrolle so eindeutig verteilt sind? Männer machen häufiger Karriere, Frauen verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern. Frauen verdienen weniger, Männer sterben häufiger im Job. Mütter werden im Fall einer Scheidung häufiger mit der Erziehung allein gelassen, getrennten Vätern oft der Umgang mit ihren Kindern verweigert. Die Wahrscheinlichkeit, einen Nobelpreis zu gewinnen oder obdachlos zu werden, ist als Mann deutlich größer. Schließlich: Männer sterben früher, Frauen ärmer. Wer das bessere Leben führt? Keine Ahnung. Das hängt von den persönlichen Maßstäben ab.
2. Die frühere SPD-Chefin Saskia Esken beklagt eine anhaltende Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der Politik. Das politische System sei "auf jeden Fall sehr stark patriarchalisch geprägt", sagte Esken. Frauen würden anders wahrgenommen als Männer – männliche Kollegen würden "niemals unterschätzt, die werden allenfalls überschätzt". Esken berichtete im Umgang mit Politikerinnen von einer "strukturellen Art der Kleinmacherei und des Zurückweisens". Frauen dürften in Interviews manchmal nicht ausreden und ihre Ideen würden ignoriert.
3. Die Süddeutsche Zeitung beanstandet, dass in dem von Ministerin Stefanie Hubig (SPD) vorgelegten Gesetzentwurf gegen sexuelle Belästigung unklar bleibt, was damit konkret gemeint ist und wo die Grenzen verlaufen.
Die Bundesregierung will künftig "Catcalling" unter Strafe stellen, also einen neuen Tatbestand ins Strafgesetzbuch hineinschreiben, so hat es die Justizministerin am Montag angekündigt. Catcalling? Das, was bislang als englischsprachiger Begriff nur wenigen geläufig ist und künftig schon als kriminelles Verhalten gelten soll – was genau ist darunter zu verstehen? Nun, keine Polemik, bitte. Aber die ehrliche Antwort ist: So ganz sicher kann einem das niemand sagen. Auch die Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) selbst nicht.
Denn die Definition, die jetzt für den Paragrafen 184i, Absatz 2 des Strafgesetzbuchs vorgesehen ist, bleibt vage. Es geht um sexuell belästigende "Äußerungen oder Gesten", was ja vieles umfassen kann. Das Wort Catcalling beschreibt ursprünglich das Phänomen, dass Männer fremden Frauen hinterherpfeifen oder sie mit anzüglichen Sprüchen im Vorbeigehen belästigen. Das ist ein Verhalten, das oft als sehr unangenehm empfunden wird. Auch wenn mancher Mann glaubt (oder sich darauf herausredet), er habe einen Ausruf über die schönen Brüste einer Frau doch bloß als Kompliment gemeint. Die Formen dieses üblen Verhaltens sind mannigfaltig, leider.
Aber Menschen haben im Rechtsstaat einen Anspruch darauf zu erfahren, was genau das Gesetz von ihnen erwartet. Das gilt auch für Männer mit üblen Umgangsformen. Strafe darf nicht überraschend kommen. Und kaum ein Satz ist in den politischen Beratungen zum neuen Catcalling-Straftatbestand so oft gefallen wie der, nicht schon jedes "missglückte Kompliment" solle künftig die Justiz auf den Plan rufen. Das Gesetz soll sich deshalb auf "erhebliche" Fälle konzentrieren. Woran erkennt man nun künftig erhebliche Fälle, die schon mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe geahndet werden – während andere weiter legal bleiben?
(…) Wo verläuft die Grenze? Wenn demnächst die ersten Gerichte damit anfangen, reale Strafanzeigen wegen Catcallings zu prüfen, dann dürfte es allerlei strittige und überraschende Urteile geben. Der Paragraf ist extrem interpretationsoffen. Und das wird er auch bleiben. Man kennt das von einem anderen Paragrafen, der schon vor zehn Jahren eingeführt wurde, nämlich dem Tatbestand sexuell belästigender Berührungen, Paragraf 184i, Absatz 1. Ein Grapschen an den Po, ein Griff an die bekleidete Brust, das sind recht eindeutige Fälle. Aber wie ist es mit einer ungewollten Umarmung? Oder mit einem Griff an die Hand? Da hat sich ein großer juristischer Graubereich entwickelt. Jedes Gericht entscheidet das neu. Jeder Angeklagte muss von Neuem gespannt sein. Dieser Graubereich würde mit dem im Gesetzesentwurf so schwammig umrissenen Catcalling-Tatbestand noch einmal erheblich anwachsen.
4. Mit Viele Männer leiden unnötig lange" hat die Frankfurter Allgemeine einen Artikel über bei Männern unterdiagnostizierte Migräne überschrieben. Grundlage für diese Erkenntnis ist eine neue Studie der Berliner Charité:
Etwa 930 Frauen und 200 Männer waren für die Studie von ihrem jeweiligen Hausarzt, Neurologen oder Schmerzspezialisten ins Kopfschmerzzentrum der Charité überwiesen worden. Die Mediziner dort hatten ihre Beschwerden dann als Migräne diagnostiziert. Während mehr als 70 Prozent der Frauen schon vorher vom niedergelassenen Arzt die Diagnose bekommen hatten, war dies nur bei gut jedem zweiten Mann der Fall. In der Hälfte der Fälle hatten also Ärzte die Migräne übersehen. Die Frauen hatten zudem häufiger Triptane, also migränespezifische Schmerzmittel, sowie eine vorbeugende Therapie bekommen.
5. Eine Journalistin, die den Rapper Sido für ihre Sendung "Take Me Späti" interviewt hat, erntete einen Shitstorm, weil sie ihm widerspruchslos durchgehen ließ, dass er sich nicht als Feminist betrachtet.
"Bist du Feminist?", will Sara in einer Szene wissen. Sido antwortet: "Ich denke nicht" und fragt zurück, mit welcher Verantwortung der Titel "Feminist" einhergehe. Sara entgegnet, ob er glaube, man habe als Feminist viel Verantwortung. Daraufhin meint Sido, er sei einfach so, wie er ist, und tue niemandem weh. Danach wechselt die Moderatorin das Thema.
User auf Tiktok stören sich an Saras mangelnder Einordnung von Sidos Antwort. "Take Me Späti nervt mich so kolossal. Sie macht immer fast das Richtige, aber dann hört sie so auf halbem Weg auf", meint eine Userin in einem Video. Sidos Aussagen seien der perfekte Moment gewesen, um ihm zu erklären, dass man Feminist ist, wenn man an Menschenrechte glaubt. Und sie hätte damit der Gesellschaft etwas geben können, "das nicht nur entertaining, sondern auch produktiv ist".
In den Kommentaren unter dem Tiktok sehen es einige ähnlich. "Ich finde es auch einfach richtig verwerflich, dass sie mega abwertende/diskriminierende Aussagen von Gäst:innen nie einordnet oder halt mal richtig Kontra gibt und irgendwie alles einfach so stehen lässt", so eine Nutzerin beispielsweise.
6. Die "taz" hat eine Forscherin befragt, wie ein feministischer Chatbot aussehen könnte:
"Ein feministischer Chatbot wäre vor allem kein rein kapitalistisches Produkt. Heutige Chatbots sind darauf getrimmt, dass wir möglichst lange mit ihnen reden und möglichst viele Daten einspeisen. Deshalb bestätigen sie uns ständig und erfinden lieber Quellen, als eine Wissenslücke zuzugeben. Ein feministischer Chatbot würde nicht nach Verweildauer optimiert, sondern danach, ob er uns wirklich weiterhilft. Er würde fragen: Wessen Stimme fehlt in den Daten? Er würde seinen Standpunkt offenlegen und zugeben, wenn er etwas nicht weiß. Er gehörte keinem Milliardär, sondern der Gemeinschaft. Und er wäre kein Ersatzfreund, sondern würde uns zurück zu anderen Menschen schicken."
7. Die Partei der Demokraten in den USA hat die Republikaner bei den Midterms hinweggefegt und muss jetzt beweisen, dass sie es besser kann. Ein Hemmschuh dabei ist ihr anhaltendes Problem bei männlichen Wählern, über das die New York Times berichtet. Dem Artikel zufolge suchen die Demokraten seit einiger Zeit nach einer eigenen Form von Männlichkeit, die dem aktuellen polarisierten Klima gerecht wird, ohne die progressiven Prinzipien der Partei zu verraten. Während 2020 noch zurückhaltende Kandidaten dominierten, habe sich inzwischen ein aggressiveres Männlichkeitsideal durchgesetzt: angriffslustig und weniger kompromissbereit. Verschiedene Politiker wählen hier unterschiedliche Methoden: So setze Gavin Newsome auf eine von der Manosphäre inspirierte Rhetorik, die er mit linken Inhalten füllt, während Dr. Abdul El-Sayed sich als "Kämpfer für das Volk" präsentiert. Generell sprächen Werte wie Authentizität, Unbeugsamkeit und ein klares Gespür für Recht und Unrecht das allgemeine Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Erneuerung an.
8. Ein Beitrag des "Institute for Family Studies" erörtert, warum die "Manosphäre" für viele Männer so anziehend ist und warum der Mainstream oft selbst dazu beiträgt, sie dorthin zu treiben. Beispielsweise feierten Leitmedien Scheidungen sogar von "guten" Ehemännern, was jungen Männern signalisiere, dass etwas grundlegend schief läuft. Vielsagend sei auch eine aktuelle Umfrage, die zeigte: Zwei Drittel junger demokratischer Frauen sehen die Probleme von Frauen hauptsächlich durch Männer verursacht. Der umgekehrte Vorwurf (Männer geben Frauen die Schuld) wird heftig kritisiert, der weibliche kaum thematisiert. Die Manosphäre liefert dagegen "verbotene" echte Statistiken (z. B. dass Frauen die Mehrheit der Scheidungen einreichen).
Abgeschreckt seien viele Männer auch vom Typus "belehrender Dozent". Der Beitrag nennt ein Beispiel: Ein viraler Thread eines Unternehmers gab jungen Männern einen Elf-Punkte-Plan (duschen, Haare schneiden, weniger zocken usw.), was vor allem dadurch veranlasst war, dass die jungen Frauen in seinem Umfeld keine Dates bekamen. Die ganze Last liege bei den Männern; an den Frauen werde nichts kritisiert, und es fehle jede Neugier auf die tatsächlichen Ursachen. Solche Vorträge würden von der Manosphäre schnell zerlegt.
Zuletzt macht der Beitrag einige Vorschläge für bessere Kommunikation:
* Rhetorik an statistischer Realität ausrichten – Einseitige Kritik an Männern, die die Realität ignoriert, diskreditiert sich selbst.
* Auch Frauen haben Fehler – Wer über Geschlechterthemen spricht, muss bereit sein, auch problematisches weibliches Verhalten anzusprechen. Wer das riskiert, sollte zumindest keine unausgewogenen Angriffe auf Männer machen.
* Keine isolierten Retro-Normen – "Seid Gentlemen!" ohne das dazugehörige soziale Ökosystem ist unfair und wirkungslos.
* Empathie – Man müsse die Realität junger Männer verstehen und wirklich ihr Wohlwollen wünschen (nicht nur sie als Instrument für andere nutzen).
Wer diese vier Prinzipien übernehme, könne durchaus mit der Manosphäre konkurrieren.
8. Die Post. Einer meiner Leser schreibt mir:
Diese Daten sind Ihnen bestimmt nicht neu, aber ich fand die Aufbereitung richtig gut und war vom Ausmaß überrascht. Zurecht wird in vielen der Kommentare darauf hingewiesen, dass der Aufschrei bei vertauschten Rollen groß wäre.
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