Wie Männer zu den Schurken der Geschichte wurden – und warum die "Manosphäre" so wichtig ist
Tom Golden ist lizensierter klinischer Sozialarbeiter aus Maryland, USA, mit über vierzig Jahren Erfahrung in der therapeutischen Arbeit mit Männern, Frauen, Jungen und Mädchen. International bekannt wurde er durch seine Forschung und seine Veröffentlichungen über die Probleme und Anliegen speziell von Männern. Seine aktuellste Analyse ist betitelt mit "How Men Became the Villains of American History". Was er hier darlegt, geht allerdings über die USA hinaus und ist auch für Deutschland hochgradig relevant. Praktisch alles, was Golden für die USA schildert, wurde von Deutschland übernommen und wirkte sich direkt auf uns alle aus.
Es geschah nicht alles auf einmal. Jede Phase baute auf der vorherigen auf, bis schließlich eine ganze Generation eine Version der Geschichte übernahm, in der Männer weniger für das in Erinnerung blieben, was sie aufgebaut hatten, als für diejenigen, die sie angeblich unterdrückt hatten.
Unsere Kultur wachte nicht eines Morgens auf und beschloss, dass Männer vor allem als Unterdrücker, Räuber, Kolonisatoren, Missbraucher und Patriarchen erinnert werden sollten. Die Umschreibung geschah schrittweise. Sie begann als Korrektur, wurde zu einem Deutungsrahmen, verhärtete sich zu institutioneller Politik und breitete sich schließlich über Medien, Filme, Schulen, Recht und das Internet aus.
Das ursprüngliche Projekt wurde als Korrektur dargestellt. Feministinnen argumentierten, Frauen seien systematisch aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen worden und traditionelle Geschichtsdarstellungen hätten ihre Beiträge übersehen oder heruntergespielt. Diese Auslassungen müssten korrigiert und den Erfahrungen von Frauen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Doch irgendwo auf diesem Weg veränderte sich das Projekt. Es ging nicht länger einfach darum, die Geschichte der Frauen wiederzuentdecken oder Gleichberechtigung anzustreben. Zunehmend wurde es zu einem Projekt, das Männer – und die Männlichkeit selbst – vor Gericht stellte.
Der Wendepunkt kam Mitte bis Ende der 1960er Jahre. 1966 wurde die National Organization for Women gegründet, und der Feminismus der zweiten Welle begann, das amerikanische Leben durch die Sprache männlicher Macht und weiblicher Unterdrückung zu deuten. Der Slogan "Das Persönliche ist politisch" ermutigte Frauen dazu, privaten Schmerz, Enttäuschung, Ehe, Sexualität, Mutterschaft, Arbeit und Familienleben als Belege für umfassendere, von Männern dominierte Systeme neu zu interpretieren.
Dann kamen die 1970er Jahre, als dieser Deutungsrahmen in die Institutionen einzog.
1970 wurde an der San Diego State University das erste Women's-Studies-Programm der Vereinigten Staaten eingerichtet. 1972 folgte die Zeitschrift "Ms.", die eine landesweite feministische Medienplattform schuf. Ebenfalls 1972 wurde Title IX verabschiedet und brachte die Politik der Geschlechterdiskriminierung unmittelbar in das Bildungsrecht. Diese Entwicklungen trugen dazu bei, ein neues moralisches Vokabular zu etablieren: Frauen waren die ausgeschlossene Gruppe, Männer die dominante Gruppe, und die Geschichte musste durch diese Linse neu interpretiert werden.
Dies war die erste Phase: Wiedergewinnung.
Das erklärte Ziel bestand darin, die verlorene Geschichte der Frauen wiederzugewinnen. Doch aus Wiedergewinnung wurde bald Neuinterpretation. Die Leistungen der Männer waren nicht länger einfach Leistungen. Sie wurden zu Belegen für Ausschluss. Autorität von Männern wurde zu Unterdrückung. Führung durch Männer wurde zum Patriarchat. Schutz durch Männer wurde zu Kontrolle. Versorgung durch Männer wurde zu Privileg.
Die zweite Phase war Misstrauen.
Mitte der 1970er Jahre hatte sich die feministische Theorie tief in Literatur, Film und Kultur etabliert. Laura Mulveys Essay "Visual Pleasure and Narrative Cinema" aus dem Jahr 1975 trug dazu bei, das Konzept des "male gaze" – des männlichen Blicks – bekannt zu machen. Dabei handelte es sich nicht lediglich um eine Kritik einiger Filme. Es wurde zu einer Art, männliche Kreativität, männliches Begehren, männliche Perspektive als Zuschauer und von Männern geschaffene Kultur grundsätzlich als verdächtig zu betrachten.
Die dritte Phase war die Institutionalisierung in Recht und Politik.
In den 1980er Jahren gewann das Duluth-Modell in der Politik zur Bekämpfung häuslicher Gewalt an Einfluss. Sein Ansatz betonte den Macht- und Kontrollgebrauch von Männern gegenüber Frauen. Als 1994 der Violence Against Women Act verabschiedet wurde, hatte sich das Modell vom männlichen Täter und weiblichen Opfer bereits enorme rechtliche, kulturelle und finanzielle Macht verschafft. Es beruhte auf der irrigen Annahme, Männer seien die dauerhaften Täter und Frauen die einzigen Opfer.
Das war bedeutsam, weil Gesetze nicht lediglich Verhalten bestrafen. Gesetze lehren auch die Kultur, worauf sie achten soll. Als männliche Gewalt besonders sichtbar gemacht wurde, während weibliche Gewalt, wechselseitige Gewalt, männliche Opfer und das Bedürfnis von Kindern nach ihren Vätern heruntergespielt wurden, nahm die Öffentlichkeit die Botschaft auf: Männer sind die Gefahr, Frauen sind die Gefährdeten.
Auch die verschuldensunabhängige Scheidung gehört in diese Phase. Kalifornien führte 1969 das erste moderne Gesetz zur verschuldensunabhängigen Scheidung ein, andere Bundesstaaten folgten im Laufe des nächsten Jahrzehnts. Die Reform sollte Verbitterung reduzieren und die Notwendigkeit beseitigen, ein Verschulden zu konstruieren, um eine Ehe zu beenden. Doch ihre weiterreichenden kulturellen Folgen waren erheblich. Tatsächlich beseitigte die verschuldensunabhängige Scheidung Verantwortlichkeit und eröffnete die Möglichkeit einer Drehtür der Scheidungen.
Scheidungen wurden zunehmend durch eine asymmetrische moralische Linse betrachtet. Eine Frau, die ihre Ehe verließ, wurde häufig als mutig, unabhängig oder als jemand dargestellt, der endlich "zu sich selbst fand". Der Ehemann, den sie verließ, wurde eher als Hindernis angesehen, das sie überwunden hatte, als als Mensch, der einen der tiefsten Verluste seines Lebens erlitt. Seine Trauer, der Verlust des täglichen Kontakts zu seinen Kindern, seine finanziellen Erschütterungen und der Zusammenbruch seiner Identität als Ehemann und Vater fanden nur selten vergleichbare Aufmerksamkeit. In dieser Zeit wurde Vätern außerdem das Etikett der "deadbeat dads" – verantwortungslosen Väter – angeheftet und sogar auf Milchkartons verbreitet.
Mit der zunehmenden Verbreitung von Scheidungen veränderte sich auch die kulturelle Erzählung. Immer stärker richtete sich der Blick auf die Frau, die die Ehe verließ, statt auf den Mann und die Kinder, die ebenfalls mit den Folgen leben mussten. Den emotionalen Kosten für Väter – und den Entwicklungskosten, die Kinder häufig durch den Verlust der täglichen Anwesenheit ihres Vaters erfuhren – wurde deutlich weniger Aufmerksamkeit gewidmet als der Erzählung weiblicher Befreiung.
Auch dies wurde Teil der umfassenderen Umschreibung des Bildes von Männern. Der Vater wurde zunehmend nicht mehr als jemand erinnert, dessen Anwesenheit für das Familienleben von entscheidender Bedeutung war, sondern als jemand, dessen Abwesenheit häufig als verkraftbar oder sogar als vorteilhaft angesehen wurde. Eine der tiefgreifendsten Verlusterfahrungen, die ein Mann machen kann, wurde in vielen öffentlichen Debatten beinahe unsichtbar.
Die vierte Phase war die Popularisierung durch die Medien.
Die Nachrichtenmedien entdeckten, dass Geschichten über weibliche Opfer und männliches Fehlverhalten emotional wirkungsvoll, moralisch unbedenklich, fesselnd und leicht zu vermarkten waren. Das Leiden von Frauen konnte personalisiert werden. Das Leiden von Männern wurde gewöhnlich abstrahiert oder ignoriert. Tote Soldaten, tote Bergarbeiter, tote Monteure von Stromleitungen, tote Fischer, geschiedene Väter, obdachlose Männer, suizidgefährdete Männer, zu Unrecht beschuldigte Männer und entfremdete Väter passten selten in das bevorzugte Narrativ.
Die fünfte Phase war die kulturelle Sättigung.
Filme, Fernsehen, Werbung und später Streaming-Plattformen wiederholten zunehmend dieselbe moralische Struktur: Frauen erwachen, Frauen entkommen, Frauen leisten Widerstand, Frauen heilen von den Männern. Gleichzeitig wurden Männer häufiger als Hindernisse, Narren, Räuber, Unterdrücker oder emotional defekte Wesen dargestellt, die korrigiert werden müssten. Nicht immer. Aber häufig genug, dass das Muster vertraut wurde.
Die sechste Phase war die Verstärkung durch das Internet.
Das Internet schuf den antimännlichen Deutungsrahmen nicht. Es beschleunigte ihn. Soziale Medien belohnten Empörung, Vereinfachung, Wiederholung und moralische Anklagen. Komplexe Geschichte wurde zu Hashtags. "Patriarchat", "toxische Männlichkeit", "glaubt Frauen" und "Männer sind Müll" verbreiteten sich weiter und schneller als jede sorgfältige Diskussion über männliche Opferbereitschaft, männliche Pflicht, männliche Entbehrlichkeit oder den Beitrag von Männern.
Die Akteure dieser Umschreibung waren nicht alle gleich.
Akademiker lieferten die Theorie. Aktivisten lieferten die Dringlichkeit. Journalisten lieferten die Geschichten. Gesetzgeber lieferten die Autorität. Filmemacher lieferten die Bilder. Die sozialen Medien lieferten die Durchsetzung.
Und auch ihre Beweggründe waren nicht dieselben.
Einige wollten tatsächlich korrigieren. Einige wollten Gerechtigkeit. Einige wollten Macht. Einige wollten Ansehen. Einige wollten Rache. Einige wollten Männer zugrunde richten. Einige handelten aus unverarbeitetem Schmerz heraus. Andere entdeckten, dass die Darstellung von Frauen als Opfer und Männern als Unterdrücker finanzielle Mittel, Aufmerksamkeit, moralische Autorität und institutionellen Schutz einbrachte.
Die siebte Phase: Das Ende des Monopols über das Narrativ
Die Geschichte nahm eine unerwartete Wendung.
Dieselbe Technologie, die die Umschreibung des Bildes von Männern beschleunigte, machte es auch möglich, sie infrage zu stellen.
Über nahezu drei Jahrzehnte hinweg hatten die Institutionen, die das öffentliche Verständnis der Geschlechter prägten, mit bemerkenswerter Geschlossenheit gesprochen. Universitäten, große Zeitungen, Fernsehsender, Verlage, Hollywood und viele Berufsverbände übernahmen zunehmend denselben Deutungsrahmen. Es gab zwar immer abweichende Stimmen, doch sie verfügten selten über vergleichbaren Einfluss oder Zugang zu einem großen Publikum. Die standardmäßige Vorstellung von der Frau als Opfer wurde kaum infrage gestellt.
Das Internet veränderte dies. Das Internet gibt, und das Internet nimmt.
Zum ersten Mal seit Generationen benötigten gewöhnliche Menschen nicht länger die Zustimmung traditioneller Torwächter, um Millionen Leser oder Zuschauer zu erreichen.
Forscher, die Jungen untersuchten, fanden ein Publikum.
Organisationen von Vätern verbreiteten Informationen, die in den etablierten Medien kaum erschienen waren.
Männliche Opfer häuslicher Gewalt begannen öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Psychologen diskutierten männliche Depressionen, Scham, Trauer und Suizid aus Perspektiven, die von der vorherrschenden Erzählung abwichen.
Unabhängige Journalisten, Autoren und Podcaster begannen Fragen zu stellen, denen zuvor vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt worden war.
Das Gespräch selbst begann sich zu verändern.
Das erklärt, warum dem, was lose als "Manosphäre" bezeichnet wird, so viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Dieser Begriff ist so weit gefasst, dass er häufig mehr verschleiert als erklärt. Er umfasst Organisationen von Vätern, Psychologen, Forscher, Pädagogen, Podcaster, politische Kommentatoren, Männerrechtler und viele andere, deren Ansichten sich oftmals erheblich voneinander unterscheiden. Einige argumentieren durchdacht und evidenzbasiert. Andere nicht. Einige setzen sich ernsthaft dafür ein, Männern und Jungen zu helfen. Andere verbringen ihre Zeit damit, Schwächen feministischer Argumente offenzulegen.
Diese gesamte Landschaft so zu behandeln, als handle es sich um eine einheitliche Bewegung, verfehlt die eigentliche historische Entwicklung.
Die wahre Geschichte ist nicht einfach das Auftreten neuer Stimmen.
Die wahre Geschichte besteht darin, dass das Monopol über das kulturelle Narrativ zu verschwinden begann. Nachdem das Narrativ jahrzehntelang unisono ohne Gegenstimme vorgetragen worden war, erhielten alternative Ideen plötzlich öffentliche Aufmerksamkeit. Das war ein Schock für diejenigen, die sich bequem auf einen exklusiven Hahn verlassen hatten, aus dem nur eine Seite der Geschichte floss. Diese Menschen waren nicht darauf vorbereitet, sich mit diesen lange verborgenen Ideen auseinanderzusetzen. Sie hatten keine Erfahrung darin, ihre Auffassungen verteidigen zu müssen, weil dies nie erforderlich gewesen war, solange ihre Erzählung die Standarderzählung war. Nun sahen sie sich mit einem Albtraum aus Gegenstimmen konfrontiert.
Jahrzehntelang hatte eine einzige Interpretation von Männern die meisten Institutionen dominiert, die für die Prägung der öffentlichen Meinung verantwortlich waren. Das Internet beseitigte diese Interpretation nicht, machte es jedoch zunehmend schwieriger, konkurrierende Sichtweisen daran zu hindern, Gehör zu finden.
Geschichte war wieder zu einem Gespräch geworden.
Schlussfolgerung
Die Umschreibung des Bildes von Männern geschah nicht über Nacht, und sie wird auch nicht über Nacht rückgängig gemacht werden. Doch etwas Grundlegendes hat sich verändert. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten besitzt das vorherrschende Narrativ kein Monopol mehr. Alternative Stimmen werden gehört. Forschung, die früher ignoriert wurde, wird diskutiert. Die Erfahrungen von Männern werden wieder sichtbar.
Genau deshalb ist das Wort "Manosphäre" zu einer so wirkungsvollen Waffe geworden.
Es wird nicht mehr lediglich als Beschreibung verwendet. Es ist zu einem Etikett geworden, das Gespräche beenden soll, bevor sie überhaupt beginnen. Anstatt auf unbequeme Tatsachen zu antworten, weisen Kritiker sie einfach als "Talking Points der Manosphäre" zurück. Statt über Belege zu diskutieren, greifen sie die Menschen an, die diese vorbringen. Es ist eine alte Taktik: Wenn man das Argument nicht widerlegen kann, diskreditiert man den Sprecher.
Lassen Sie sie damit nicht durchkommen.
Wenn jemand ein Argument zurückweist, weil es angeblich aus der "Manosphäre" stammt, stellen Sie eine einfache Frage:
"Welches Argument ist falsch?"
Wenn diese Frage nicht beantwortet werden kann, findet keine Debatte statt. Sie wird vermieden.
Bestehen Sie darauf, dass Ideen anhand ihrer Belege beurteilt werden und nicht anhand der Etiketten, die den Menschen angeheftet werden, die sie vertreten. Fordern Sie Argumente statt Stereotype. Fordern Sie Tatsachen statt Schlagworte. Fordern Sie Belege statt Schuld durch Assoziation.
Dieselben Menschen, die jahrzehntelang die Praxis verurteilt haben, ganze Gruppen nach den Handlungen weniger zu beurteilen, sind heute allzu oft bereit, genau das bei Männern, Männerrechtlern und jedem zu tun, der mit der sogenannten Manosphäre in Verbindung gebracht wird. Weisen Sie diesen doppelten Maßstab zurück.
Geschichte ist dann am gesündesten, wenn niemand sie kontrolliert. Fortschritt entsteht, wenn Ideen offen miteinander konkurrieren, Belege wichtiger sind als Ideologie und jede Behauptung – gleichgültig, ob sie aus dem Feminismus, der Manosphäre, der Wissenschaft oder sonst woher stammt – sich aufgrund ihrer Begründung behaupten oder scheitern muss.
Das Ziel besteht nicht darin, eine Orthodoxie durch eine andere zu ersetzen. Das Ziel ist etwas weitaus Schwierigeres – und weitaus Wertvolleres.
Erzählen Sie die ganze Geschichte.
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