Kanada: "Männer müssen vor dem Abrutschen in den Antifeminismus gerettet werden"
1. Gestern war hier Thema wie wichtig für Männer die Möglichkeit ist, sich zumindest online dem allgengenwärtigen Niedermachen und Einprägeln zu widersetzen beziehungsweise in der Geschlechterdebatte überhaupt eine andere Meinung als die herrschende stattfinden zu lassen. Von denen, die keine solche offene Debatte möchten, wird das seit einiger Zeit als gemeingefährliche "Manosphäre" geframet. Aber schon lange bevor es diesen Begriff gab, wurde Kritik an der feministischen Ideologie nicht als legitimer Teil der Debatte, sondern als Unsäglichkeit geframet, die bekämpft gehört. Jetzt hat sich eine kanadische Politikerin für das Narrativ entschieden, Männer müssten davor gerettet werden, "in den Antifeminismus" abzurutschen.
Die rasche Verbreitung antifeministischer Ideologien ist nicht nur ein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Problem, und es bedarf eines vielschichtigen Ansatzes, um sie zu stoppen, sagt Marie-Gabrielle Ménard, parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministers für Frauen sowie Geschlechtergleichstellung.
Die Bundesregierung sollte Gesetze vorlegen, die Online-Plattformen dazu verpflichten, antifeministische Inhalte zu moderieren, heißt es in einem aktuellen Bericht des Ständigen Ausschusses für die Stellung der Frau.
Der Bericht "Confronting Antifeminist Ideologies in Canada" wurde am 16. Juni veröffentlicht – nur eine Woche vor der Schießerei in Côte-des-Neiges, bei der drei Menschen ums Leben kamen. Nach Einschätzung von Experten soll der bewaffnete Tatverdächtige ein Manifest hinterlassen haben, dessen Ideologie mit der Incel-Bewegung übereinstimmt und auf extremem Frauenhass beruht.
"Dieses Thema ist mir sehr wichtig und liegt mir sehr am Herzen", sagte Marie-Gabrielle Ménard, liberale Abgeordnete für den Wahlkreis Hochelaga—Rosemont-Est und parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministers für Frauen sowie Geschlechtergleichstellung.
Ménard ist Mitglied des Ständigen Ausschusses für die Stellung der Frau. Zwar wollte sie sich nicht zu der Schießerei in Côte-des-Neiges äußern, doch sie sprach bereitwillig über die Erkenntnisse des Berichts und dessen Empfehlungen, um antifeministischer Rhetorik entgegenzuwirken.
Es war Ménard, die die Untersuchung angeregt hatte, aus der der Bericht hervorging.
"Im Herbst 2025 veröffentlichten wir Berichte über erzwungene Kontrolle und geschlechtsspezifische Gewalt", erinnerte sie sich. "Nach diesen beiden Untersuchungen erschien es mir dringend notwendig, die Ursache geschlechtsspezifischer Gewalt und Intoleranz in Kanada sowie den Aufstieg und die unverhohlene Ausprägung antifeministischer Diskurse zu identifizieren. Was hat diesen Bewegungen ihr Wachstum ermöglicht?"
Der Versuch, Männer "erzwungener Kontrolle" zu unterziehen, dürfte massiv dazu beigetragen haben.
Die rasche Verbreitung antifeministischer Ideologien sei nicht nur ein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Problem, betonte sie, und es bedürfe eines vielschichtigen Ansatzes, um sie zu stoppen.
Unter den 14 Empfehlungen des Berichts hob Ménard insbesondere die ersten drei hervor. Dazu gehört die Forderung, dass die Bundesregierung Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit unterstützen soll, um antifeministischer Rhetorik entgegenzuwirken.
"Wir müssen Präventionsmaßnahmen und die Arbeit von Gemeinschaftsorganisationen (zur Bekämpfung antifeministischer Rhetorik) unbedingt unterstützen", sagte Ménard. "Was wir im Rahmen dieser Untersuchung erfahren haben, ist, dass junge Jungen nicht gezielt nach radikalen Ideologien suchen, die nicht mit der Gleichstellung der Geschlechter vereinbar sind. Sie werden jedoch innerhalb von 30 Minuten nach Beginn ihrer Aktivitäten in sozialen Medien mit solchen Inhalten konfrontiert. Experten erklärten uns, dass soziale Medien häufig den Einstiegspunkt für junge Jungen darstellen, die mit diesem Diskurs in Berührung kommen."
Gemeinschaftsorganisationen hätten "alle möglichen Programme" entwickelt, die sich bei der Förderung der Gleichstellung der Geschlechter als wirksam erwiesen hätten, "doch es ist nicht einfach", erklärte Ménard. "Antifeministische Diskurse sind Teil der Geschäftsmodelle der Unternehmen und Organisationen, die diese Art von Ideologie verbreiten und davon nahezu alle einen Nutzen haben. Es handelt sich um ein echtes Geschäftsmodell."
Als "Geschäftsmodell", vor allem zum Abgreifen von Steuergeldern, erscheint mir der Feminismus deutlich lukrativer.
Der Staat müsse umfassend in Aufklärungskampagnen investieren, "um Jungen und Männer zu einer umfassenden Reflexion zu bewegen", sagte Ménard.
Noch ungeschickter kann man kaum verbrämen, dass Jungen und Männer ideologisch in der Spur gehalten werden sollen.
Die zweite Empfehlung des Berichts lautet, dass die Regierung ihre Unterstützung für die kanadischen Medien verstärken soll.
"Medien sind Schutzwälle gegen Desinformation", sagte Ménard, die vor ihrem Einstieg in die Politik als Reporterin bei Radio-Canada gearbeitet hatte.
"Die Experten sind sich einig", fuhr Ménard fort. "Antifeministische Ideologie schadet der Gleichstellung der Geschlechter, der Gleichberechtigung von Frauen und der queeren Gemeinschaft. Sie stellt aber auch eine Bedrohung für die Demokratie dar, weil dieser Diskurs darauf abzielt, die Rolle und den Platz von Frauen sowie anderer Gemeinschaften in Führungspositionen und im öffentlichen Raum zurückzudrängen. Ohne Medien ist die Demokratie in Gefahr. Wenn wir Repräsentation verlieren, bewegen wir uns auf eine starke Konzentration von Ideologie und Macht zu."
Der Bericht, auf den sich die Politikerin bezieht, wurde nicht von einem unabhängigen wissenschaftlichen Expertengremium verfasst, sondern vom Ständigen Ausschuss für die Stellung der Frau (Standing Committee on the Status of Women, FEWO) des kanadischen Unterhauses. Die Mehrzahl der geladenen Sachverständigen stammte aus den Bereichen Frauenpolitik, Genderforschung und feministischer Forschung. Vertreter von Männerrechtsorganisationen, Feminismuskritiker oder Wissenschaftler, die eine grundsätzlich andere Sicht auf die Ursachen geschlechtsspezifischer Konflikte vertreten, waren nicht unter den geladenen Zeugen. Ein feministisches Gremium verkündet also, dass "Antifeminismus" gefährlich wäre, und seine Ministerin verkauft das dann als "die Experten sind sich einig". Die beklagte "Konzentration von Ideologie und Macht" gibt es mit Sicherheit, aber nicht auf der Seite von Jungen und Männern.
Die dritte Empfehlung des Berichts lautet, dass die Regierung die Verbreitung antifeministischer Ideologien auf Online-Plattformen regulieren soll. Dazu gehören Anforderungen an eine stärkere Moderation schädlicher Inhalte sowie Maßnahmen zum Schutz von Kindern.
Ménard bezeichnet soziale Medien als "die Schwergewichte des Internets, die Online-Hass überhaupt erst ermöglichen".
Als Vorbild verweist sie auf Bill C-16, bekannt als "Protecting Victims Act" sowie auf den vorgeschlagenen Gesetzentwurf Bill C-34, den "Safe Social Media Act".
Auch wenn sie keine Wunder erwartet, sagt Ménard: "Die Regierung muss ein Signal senden, denn das schadet vielen Gruppen in unserer Gesellschaft."
Zwar gebe es keine einzelne Lösung zur Bekämpfung antifeministischer Ideologien, doch sie ist überzeugt, dass die Empfehlungen des Berichts eine erfolgversprechende Strategie aufzeigen.
"Wenn man sie einzeln betrachtet, wirkt keine einzelne Maßnahme ausreichend strukturiert", sagte sie. "Das zeigt, dass es nicht genügt, nur eine einzige Maßnahme zu ergreifen. Wir müssen im Bereich der Justiz handeln, aber ebenso im Bereich der Prävention. Es ist durchaus möglich, jemanden zu retten, der in eine antifeministische Ideologie abrutscht. Dafür braucht es Schutzmaßnahmen, die verhindern, dass ein junger Mann kein anderes soziales Netzwerk mehr hat als das, dem er begegnet, wenn er nachts allein vor seinem Computer sitzt."
Ich würde zu den vertretenen Positionen, die es vermutlich bald auch außer Kanadas geben wird, den einen oder anderen Einwand äußern, solange ich das noch darf.
Zunächst mal bleibt völlig unklar, was hier mit "Antifeminismus" gemeint sein soll. Zwischen Frauenfeindlichkeit oder Aufrufe zu Gewalt gegen Frauen, konservativen Geschlechterrollen und der Kritik an bestimmten feministischen Theorien oder Organisationen wird dieser Begriff auffällig unscharf gehalten.
Dann sollen "antifeministische" Online-Äußerungen unterbunden werden. Wer bitte soll entscheiden, was "antifeministisch" ist? Gilt schon die Aussage "Männer werden im Familienrecht benachteiligt" als antifeministisch? Darf man die Genderpolitik der Regierung kritisieren? Dürfen feministische Theorien wissenschaftlich angegriffen werden? Je unklarer die Definition ist, desto größer ist das Risiko, dass Plattformen aus Vorsicht auch völlig legale politische Meinungen löschen.
Warum wird überhaupt speziell Antifeminismus herausgegriffen und nicht Online-Radikalisierung insgesamt?
Ménard wettert, Jungen würden innerhalb kurzer Zeit nach Nutzung sozialer Medien mit antifeministischen Inhalten konfrontiert. Das glaube ich gerne. Es beweist jedoch nicht automatisch, dass daraus in irgendeiner Weise Gewalt entsteht. Möglicherweise suchen Jugendliche aufgrund bereits bestehender Probleme gezielt nach solchen Inhalten.
Ménard bezeichnet Medien als "Schutzwälle gegen Desinformation". Dazu braucht man in einem Blog wie Genderama eigentlich kaum noch etwas zu sagen. Insofern nur fürs Protokoll: Abweichende politische Meinungen sind nicht automatisch Desinformation, und ob eine Aussage "antifeministisch" ist, bedeutet keineswegs, dass sie faktisch falsch ist. Ich habe ein komplettes Lexikon darüber geschrieben, dass die Desinformation häufig vom Feminismus ausgeht. Fordere ich deswegen, feministische stimmen online zu regulieren und zu unterbinden? Natürlich nicht. Demokratische Gesellschaften leben davon, dass auch kontroverse Ansichten öffentlich diskutiert werden können.
Und schließlich der Elefant im Raum: Der Bericht ignoriert komplett die Frage, ob bestimmte Entwicklungen innerhalb des Feminismus selbst massiv zur Polarisierung beitragen könnten, die man jetzt händeringend beklagt.
2. Nach Dieter Nuhrs Satire über das Wort "Femizid" als Kampfbegriff, spekuliert Hella von Sinnen öffentlich darüber, ob er seinen Job bei der ARD behalten werde. Auf die Frage, warum "antifeministische Gedanken so eine Konjunktur" hätten, antwortet die Komikerin: "Im Moment wird der Faschismus wieder beliebter, und da fragen sich Männer eben wieder: Wie kann ich endlich wieder 'männlich' sein? Wie kann ich meine Frau an den Herd zurückbringen? Möchte man bei sowas dazugehören? Diese Fragen müsst ihr Jungs euch stellen und dann bitte selbst den Arsch hochkriegen. Das müssen wir nicht auch noch tun."
3. Die EU verlängert den Schutz für Flüchtlinge aus der Ukraine. Ausgenommen sind kriegsfähige Männer.
4. In Serbien wird der Zwangsdienst zum Militär für junge Männer wieder eingeführt.
5. In Australien steht mal wieder eine Grundschullehrerin wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Der Missbrauch soll sich 1999 zugetragen haben, der Betroffene ist jetzt in seinen späten Dreißigern.
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