Donnerstag, April 09, 2026

Digitale Gewalt: 98 Prozent der Opfer von Sextortion sind Jungen

1. Der britische Guardian berichtet:

Kinder melden in Großbritannien so viele Online-Sextortion-Versuche wie nie zuvor. Kinderschutzorganisationen fordern deshalb von Tech-Unternehmen entschlosseneres Handeln gegen diese Form digitaler Erpressung.

Der Dienst Report Remove, über den Minderjährige intime Bilder oder Videos melden können, die bereits im Netz aufgetaucht sind oder dort landen könnten, verzeichnete im vergangenen Jahr 394 Meldungen von unter 18-Jährigen wegen Erpressungsversuchen nach dem Versand sexueller Aufnahmen an Täter. Das entspricht einem Anstieg von 34 Prozent gegenüber 2024.

Von Sextortion spricht man, wenn jemand dazu manipuliert wird, ein freizügiges Selfie oder Video an einen Täter zu schicken, der anschließend damit droht, das Material im Internet zu veröffentlichen, falls das Opfer nicht Geld zahlt oder weiteres intimes Material sendet. Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren machten 98 Prozent der Erpressungsopfer aus.

Sextortion wird mit den Suiziden mehrerer britischer Jugendlicher in Verbindung gebracht, die sich nach Erpressungsdrohungen das Leben nahmen. Die Eltern eines Opfers, des 16-jährigen Murray Dowey aus Dunblane, verklagen Mark Zuckerbergs Meta-Konzern, weil dieser ihren Sohn angeblich nicht ausreichend geschützt habe.

Die Molly Rose Foundation (MRF), eine Organisation für Internetsicherheit, erklärte, Tech-Konzerne müssten "deutlich mehr" tun, um Erpressungsversuche zu unterbinden. Zugleich forderte sie die Regierung auf, soziale Netzwerke zu weitergehenden Schutzmaßnahmen zu verpflichten, da dort die erste Kontaktaufnahme mit den Opfern oft stattfinde. Auch Apple und Google, die Betreiber von iOS und Android, sollten nach Ansicht der Stiftung verpflichtet werden, Nacktheits-Erkennung auf ihren Geräten einzuführen.

(…) Murray Doweys Mutter Ros bezeichnete die neuen Daten als "erschütternd und enttäuschend". Sie sagte: "Was muss noch geschehen, damit soziale Netzwerke Verantwortung übernehmen? Sie wissen genau, dass auf ihren Plattformen Straftaten stattfinden, und schaffen dennoch keine wirksamen Schutzmechanismen."

Murrays Vater Mark ergänzte, dass die Familie das Thema weiter öffentlich machen werde, bis ihre Klage gegen Meta, den Mutterkonzern von Instagram und Facebook, vor Gericht verhandelt werde.

"Es wirkt zwar, als würde sich die öffentliche Stimmung gegen soziale Netzwerke wenden. Aber diese Unternehmen ermöglichen weiterhin Schaden, obwohl sie behaupten, mehr Sicherheitsmaßnahmen eingeführt zu haben. Wenn diese Maßnahmen funktionieren würden, müssten die Zahlen sinken."


Für Deutschland gibt es bislang keine so präzise, bundesweit einheitliche Statistik zu Sextortion-Fällen wie in Großbritannien. Auch hier jedoch weiß man, dass das Problem deutlich zunimmt.



2. Die deutschen Leitmedien fokussieren sich derweil immer noch auf weibliche Opfer und männliche Täter – die natürlich für alle Männer stehen. Aktuell porträtiert die Süddeutsche Zeitung den Instagram-Influencer Luca Lauris Leverenz:

"Wenn ich sehe, was die Frauen am 8. März auf der Straße veranstalten, dann schäme ich mich für uns", sagte Leverenz am Internationalen Frauentag in einem seiner Videos auf Instagram und meinte "uns Männer". Man könne sich am Vatertag mit Themen wie emotionale Intelligenz, Vaterschaft, Care-Arbeit oder dem Umgang mit Aggressionen beschäftigen, sagte er da: "Aber da gehen wir saufen und Fahrrad fahren. Ich weiß nicht, ob wir noch einen Tag brauchen, an dem wir noch lauter und ekelhafter sind als sonst." (…) Leverenz scheint in seinen Videos deutlich forscher, ja, wütender, als er im Gespräch wirkt. (…) Positive Resonanz erhalte er fast ausschließlich von Frauen. 85 Prozent seiner Follower sind weiblich. Das sei ein Problem, sagt er, er wolle ja vor allem Männer erreichen. "Viele sind leider sofort hasserfüllt, obwohl ich sie gar nicht so krass angreife."




3. "Männer werden wütend, weil sich die Gesellschaft verändert", behauptet die feministische Philosophin Manon Garcia. Da hat sie Recht: Der Hass gegen uns war früher weniger laut, wurde medial weniger stark verbreitet – und diese ständigen Anfeindungen machen manche Männer irgendwann wütend. Das ist aber natürlich nicht das, was sie meint: "Der Hass, den man als Frau in der Öffentlichkeit erlebt, ist unheimlich", berichtet sie. "Ich merke in Gesprächen mit meinen Kollegen, dass sie nicht einmal fünf Prozent der Gewalt erleben, die mir widerfährt."

"Frauen haben sich an Gewalt von Männern gewöhnt. Wir müssen eine Diskussion darüber führen, warum Frauen Verhaltensweisen von Männern akzeptieren, die offensichtlich gewaltvoll sind. Dass sie mit wandelnden 'red flags' zusammen sind und denken, dass so eine gute Beziehung aussieht. Oder dass ihr Mann anders als andere Männer sei, während er sie anschreit."




4. "Söhne sind die Sorgenkinder der Nation" titelt der SPIEGEL. Tenor des Artikels ist ungefähr: Ja, Männer sind scheiße, aber es gibt dafür einen Grund – im Kindesalter hat sich kaum jemand um sie gekümmert. Mit einer sexistischen Prämisse landet man also immerhin bei einer sinnvollen Schlussfolgerung:

Um das zu ändern, wird es nicht reichen, darüber zu diskutieren, wie man Jungs feministisch erzieht. Oder Eltern zu trösten, die vom "gender disappointment" heimgesucht werden, wenn das Neugeborene sich als Junge entpuppt. Die Herausforderung ist viel größer: Die Politik hat offensichtlich gelernt, Mädchen zu fördern. Jetzt muss sie lernen, Jungs nicht zu verlieren. Denn eine Gesellschaft, die ihre Söhne abschreibt, kann am Ende ihre Töchter nicht richtig schützen.


Subtext mal wieder: Könnte diese Gesellschaft ihre Töchter richtig schützen, wäre es egal, dass man die Söhne abschreibt. Sobald man über derartiges Geholper hinweg ist, wird der Beitrag deutlich besser:

In Norwegen legte schon vor zwei Jahren eine staatliche "Männerkommission" einen Bericht mit dem Titel "Der nächste Schritt der Gleichberechtigung" vor. Sie stellte fest, dass das Gefühl, außen vor zu sein, im schlimmsten Fall in Kriminalität, Sucht oder Gewalt münden kann. Und – jetzt kommt der überraschende Gedanke – dass dieses Verhalten nicht nur eine Art angeborenes Problem der Männer ist, sondern ein Ausdruck von Problemen, die Männer haben.


Deutsche Journalistinnen sind davon überrascht. Niemand ist überrascht, der seit Jahrzehnten beide Seiten des Geschlechterverhältnisses betrachtet.

In Deutschland scheint diese Sichtweise noch nicht sonderlich weit verbreitet zu sein. Auf der Homepage des Bundesfamilienministeriums kommen Jungen und Männer beim Themenfeld "Gleichstellung" allenfalls am Rande vor. Immerhin hat Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) Anfang März angekündigt, Männer in den Namen ihres Ministeriums mit aufzunehmen. Im Moment heißt die Behörde noch: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dass Jungsförderung, Männerkommissionen oder Männerquoten in sozialen Berufen bislang aber noch kein deutsches Thema sind, liegt auch an einer optischen Täuschung: Weil in DAX-Vorständen, Parlamenten und Universitäten immer noch mehrheitlich Männer sitzen, wirkt Förderung für Jungs wie ein Luxusproblem.

Auch Bildungspolitik kann viel mehr leisten, als Bücher wie "Die Leiden des jungen Werthers" der TikTok-Generation schmackhaft zu machen. In Norwegen empfahl die Männerkommission unter anderem eine spätere Einschulung für Jungs, weil sie im Kopf unreifer seien als Mädchen. Denkt man in die Richtung weiter, könnten womöglich auch reine Jungsklassen oder Männerquoten für Lehrpersonal Sinn ergeben. Auch eine kluge Sozialpolitik, die Alleinerziehende stärker fördert und auch die Rechte von Vätern nicht vergisst, kann dazu beitragen, dass aus Jungs keine verlorenen Söhne werden.


Ich halte nicht jeden dieser Vorschläge für sinnvoll, aber wenigstens könnte man mal wieder anfangen, darüber zu diskutieren. Das letzte Mal hat man das vor zwanzig Jahren getan, worauf sich politisch nichts bewegte und die Debatte wieder versandete.

Das zum Schluss des Artikels dann wieder das Klischee des brüllenden Vaters auftaucht … man darf vom SPIEGEL vielleicht nicht zu viel erwarten.



5. In der "Welt" setzt sich Eva Lapido mit der Männerverdammung auseinander, die unsere Gesellschaft prägt. Nachdem auch sie erst einmal Männer auf der Täterseite verortet hat, wie es sich gehört, führt sie weiter aus:

In dieser Hochkonjunktur der Männerverdammung kommt nun eine andere Wahrheit denkbar ungelegen. Sie wirkt fehl am Platz, unangebracht und provokant. Doch das ändert weder etwas daran, dass sie stimmt, noch, dass es wichtig ist und für den Zusammenhalt der Gesellschaft entscheidend, sie zu akzeptieren: Männer sind auch Opfer. Sie sind die großen Verlierer des 21. Jahrhunderts. Sie brauchen Hilfe, Verständnis und Anerkennung. Pauschale Verachtung dagegen macht alles nur noch schlimmer.

Von vielen Feministinnen wird diese Position als Verrat an der Sache empfunden. Aus dieser Sicht scheint es sich bei Männern und Frauen um gegnerische Teams in einer Art Nullsummenspiel zu handeln, bei dem man sich für eine Seite entscheiden muss, was automatisch zur Verachtung der anderen führt. Beide gleichzeitig unterstützen geht nicht. Es ist, als ob sich die Geschlechter in einem Opferwettbewerb befinden. Als ob man der einen Gruppe schadet, wenn man der anderen Aufmerksamkeit schenkt.


Sehr ähnliches hatte ich vor zwölf Jahren in meinem "Plädoyer für eine linke Männerpolitik" geschrieben:

Normalerweise wird eine sogenannte Unterdrückungsolympiade in der linken Antidiskriminierungspolitik nicht geduldet. Statements wie "Schwule haben es schwerer als Migranten" gelten hier als No-go; die Diskriminierungen beider Gruppen gehören bekämpft. "Frauen haben es schwerer als Männer" hingegen wird von einigen immer noch als Vorwand benutzt, um eine Bekämpfung der Diskriminierungen von Männern zu umgehen, was man dann in Slogans findet wie "Solange Frauen nicht einmal zehn Prozent in deutschen Aufsichtsräten stellen, ist eine Bekämpfung der Benachteiligungen von Männern absurd."


Natürlich wurde das damals ignoriert, worauf sich jetzt viele wundern, warum alles schlimmer geworden ist.

Ich finde das nicht nur falsch, sondern halte gerade dieses Schwarz-Weiß-Denken, bei dem es nur Entweder-oder geben kann, für einen Verrat an der Sache, zumindest dann, wenn es sich bei der "Sache" um Gleichberechtigung und Gerechtigkeit handelt. Schließlich besteht die Gesellschaft aus beiden Geschlechtern und kann nur gedeihen, wenn es beiden gut geht: Männern und Frauen. Wenn das nicht der Fall ist, leiden die Schwächsten am meisten und das sind bekanntlich meist arme, bildungsferne, von Männern abhängige Frauen.


Wir sind also wieder hier gelandet: Männern muss geholfen werden, damit Frauen nicht leiden. Und wenn man eine Aussage schwer belegen kann – die allermeisten Obdachlosen zum Beispiel sind Männer – setzt man ein "bekanntlich" davor.

Es folgt die Klage darüber, dass Männer häufiger rechtsradikal wären als Frauen – eine Behauptung, die vor wenigen Tagen widerlegt wurde. Immerhin erkennt Lapido,

dass der materielle Kern der Wut und der Verzweiflung vieler Männer in der zunehmend unerträglichen wirtschaftlichen Ungleichheit wurzelt. Schwindende Arbeitsplätze, unsichere Einkommen, steigende Wohnkosten und wachsende Inflation haben für junge Männer viel dramatischere Folgen als für junge Frauen. (…) Diese auseinanderklaffende Entwicklung führt dazu, dass eine zunehmende Zahl von Männern den gestiegenen weiblichen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird. "Die Nachfrage nach männlichen Partnern ist aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und der kulturellen Liberalisierung krass gefallen", warnt die britische Geschlechterforscherin Alice Evans.

(…) In Deutschland ist die Selbstmordrate von jungen Männern mehr als viermal höher als die von jungen Frauen. Und in den USA hat sich die Zahl der "Deaths of Despair", die auf Drogen, Alkohol oder Freitod zurückzuführen sind, unter Männern der Arbeiterschicht seit 1991 mehr als verdreifacht.

Gleichzeitig hat das linke Lager weitgehend das Interesse an Männern verloren – das ist der Teil der Antwort, der die Progressiven auf die Palme bringt. In den sogenannten Kulturkämpfen geht es nämlich nicht mehr um materielle, sondern um identitätspolitische Diskriminierung. Die Opfer, denen die Aufmerksamkeit gehört, sind gesellschaftliche Minderheiten. Gehört, gefördert und unterstützt werden benachteiligte Gruppen wie Frauen, Schwarze, Schwule und Transsexuelle. Weiße, heterosexuelle Männer gehören nicht dazu.

Der Schaden, den diese Identitätspolitik anrichtet, und die Wut, die sie entfacht, sind schwer zu überschätzen. Sich abrackernde, von der Globalisierung überforderte, unter sinkenden Löhnen leidende Männer werden nicht nur weitgehend ignoriert vom Mainstream. Das allein wäre folgenschwer genug. Doch darüber hinaus sind sie im Verlauf weniger Jahre in den Augen linker Aktivisten von potenziellen Opfern wirtschaftlicher Ausbeutung zu potenziellen Tätern mutiert. Der moderne Fokus im Kampf gegen Ungerechtigkeit bedeutet, dass ein großer Teil der männlichen Bevölkerung als im Zweifel frauenfeindlich, rassistisch, homophob, nicht umweltbewusst, nicht achtsam und ungeschliffen wahrgenommen wird.

(…) Doch auf diese Krise hinzuweisen und vor dem riesigen Reservoir männlicher Entfremdung zu warnen, ist im Moment sehr schwer. Dieser Teil der Wahrheit ist unbequem, weil er die Dinge verkompliziert und das Bild, das die Öffentlichkeit von Männern pflegt, durcheinanderbringt. Einfacher ist es, das Thema von den Missbrauchsskandalen beherrschen zu lassen und dem Druck nachzugeben, die eigene Unbedenklichkeit zu beweisen, indem man Männer generell denunziert und für toxisch erklärt.

Gegenüber Minderheiten wären derart pauschale Verurteilungen unvorstellbar. Die amerikanische Autorin Christine Emba spricht von "einer feministischen Bewegung nach MeToo, die eine ziemlich lächerliche und unkritische Form von Männerfeindlichkeit hervorgerufen hat. Seitdem gilt es als cool zu sagen: Männer sind Müll, Männer sind Scheiße, wäre die Welt nicht besser ohne Männer. Es ist, als ob man damit seine liberale Gesinnung beweist."




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