Mittwoch, März 04, 2026

Frankreich: Bei Teenagern wachsen Maskulismus und Feminismuskritik

1. Gestern hatte Christian Schmidt eine Meldung über den Rückgang des Feminismus in Spanien ausführlich behandelt. In Frankreich entwickeln sich die Dinge bei Jugendlichen ähnlich:

Junge Jungen scheinen zunehmend antifeministischen Ideen ausgesetzt zu sein – ein Phänomen, das Forscher und Institutionen beunruhigt. Maskulinistische Rhetorik, die in den sozialen Medien weit verbreitet ist, beeinflusst ihre Ansichten zu Geschlechterverhältnissen und verändert mitunter das Klima in Schulen und Familien.

Im Januar 2026 veröffentlichte der Hohe Rat für Gleichstellung der Geschlechter (HCE) seinen Jahresbericht zum Thema Sexismus in Frankreich. Die Zahlen sind alarmierend: 23 % der Männer zwischen 15 und 24 Jahren und 31 % der Männer zwischen 25 und 34 Jahren sind der Ansicht, dass es derzeit ein Nachteil ist, ein Mann zu sein. Diese Wahrnehmung steht im deutlichen Gegensatz zu der junger Frauen und verdeutlicht die wachsende Geschlechterkluft in Fragen der Gleichstellung.

(…) Maskulinismus stellt Männer als Opfer feministischer Fortschritte und des Kampfes für Gleichberechtigung dar. Auf bestimmten Videoplattformen und in sozialen Medien spricht diese Rhetorik Jugendliche an, die nach Identitätsmerkmalen suchen, mitunter sogar innerhalb progressiver Familien. Die Ideologie propagiert eine sogenannte "Krise der Männlichkeit" und wirft dem Feminismus vor, Männer zu benachteiligen – sei es in der Schule, im Beruf oder im Rechtssystem. Diese Botschaften zielen oft darauf ab, ein Gefühl der Ungerechtigkeit oder des Statusverlusts zu erzeugen und die Polarisierung zwischen Mädchen und Jungen zu verstärken.


Das hört sich alles beängstigend an. Besser, ihr haltet euch von solchen Leuten fern. Der Hohe Rat für Gleichstellung der Geschlechter weiß bestimmt am besten, was richtig für uns alle ist.

Witzigerweise gibt der einseitig aufgeladene Artikel denselben Ratschlag, den ich als böser Maskulist geben würde:

Angesichts dieser Situation betonen Expertinnen und Experten die Notwendigkeit von Medienkompetenz, offenem Dialog innerhalb der Familien und einer fundierten Auseinandersetzung mit Geschlechtergleichstellung. Das Verständnis der Mechanismen hinter diesen Diskursen ermöglicht es uns, junge Menschen bei der Entwicklung ihrer eigenen Werte zu unterstützen und der Verbreitung sexistischer Stereotype entgegenzuwirken.




2. Die Zeitschrift CICERO beschäftigt sich kritisch mit den Ankündigungen von Frauenministerin Prien, sich zukünftig auch um Männer und Jungen zu kümmern (Genderama berichtete):

In der sonderpädagogischen Förderung sind Jungen weiterhin deutlich überrepräsentiert: 55,9 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf waren im selben Schuljahr männlich. Männer stellen seit Jahren die deutliche Mehrheit der Suizidopfer – 2024 lag ihr Anteil bei 71,5 Prozent. Und in der Bildungsstatistik kippt die Lage im jungen Erwachsenenalter: Laut OECD hatten 2024 in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen nur 36 Prozent der Männer einen tertiären Abschluss, gegenüber 41 Prozent der Frauen.

Hier jedoch beginnt Priens Vorstoß zu kippen. Bei ihr steht die Jungenfrage im Schatten einer Sicherheitsdiagnose. In einem Interview mit der Rheinischen Post warnte sie vor einer "Männergeneration", die sich als Verlierer empfinde und anfällig werde für autoritäre Weltbilder. Im Netz seien Extremisten unterwegs, die genau wüssten, mit welchen Botschaften sie Jungs ansprechen könnten: "mit Körperlichkeit etwa, mit Sport und Proteinen".

Wenn Anerkennung primär als Gefahrenabwehr argumentiert wird, wird aus einem Bürger schnell ein Risiko. Junge Männer erscheinen dann nicht zuerst als Menschen, die Anschluss suchen, sondern als potenzielle Störer, die man rechtzeitig "abholen" muss. Anerkennung, die als Prävention verkauft wird, ist keine Anerkennung, sondern ein Instrument. Wer das spürt – und Jugendliche spüren so etwas zuverlässig –, reagiert selten mit Dankbarkeit, eher mit Trotz.


Dem kann ich nur zustimmen. Die Botschaft "Wir kümmern uns um das Leiden von Jungen und Männern, weil viele sonst stören könnten" ist fragwürdig. Im weiteren Verlauf seines Beitrags zeigt sich der CICERO-Autor besorgt darüber, dass aus Priens Vorstoß eine neue Form der Gleichstellungspolitik werden könnte, nur jetzt eben zugunsten von Juungen und Männern:

Brauchen wir wirklich mehr staatliche Gleichstellungsprogramme? Oder brauchen wir Institutionen, die schlicht besser funktionieren? Schulen, die Jungen nicht systematisch verlieren. Übergänge in Ausbildung und Beruf, die nicht vom Milieu abhängen. Strukturen, die ohne Identitätskategorien auskommen und deshalb für alle funktionieren könnten.

Das ist keine unbedeutende Unterscheidung. Wer das Problem in der Kategorie "Gleichstellung" rahmt, bekommt als Antwort zwangsläufig mehr Steuerung, mehr Programme, mehr Verdachtsverwaltung. Wer es als institutionelles Versagen rahmt, kommt zu anderen, nüchterneren Lösungen.

Priens Vorstoß ist damit ein Testfall der politischen Kultur. Die deutsche Politik wird künftig daran zu messen sein, ob sie reale Benachteiligungen von Jungen und jungen Männern anerkennen kann, ohne daraus das nächste Identitätsprojekt zu machen – und ob es möglich ist, über sie zu sprechen, ohne sie reflexhaft unter Sicherheitsvorbehalt zu stellen.




3. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat in ihrer neuesten Zeitschrift "Antifeminismus in Schule und Hochschule" als Titelthema, wobei das Morphem "Anti-" auf dem Cover durchgestrichen ist.



4. In einer groß angelegten norwegischen Studie mit über 7 200 Achtklässlern wurden verschiedene Merkmale untersucht, die mit psychischer Widerstandskraft und schulischem Erfolg zusammenhängen. Jungen zeigten höhere Werte bei Motivation, Durchhaltevermögen, Selbstvertrauen, Mut und Wohlbefinden. Mädchen erzielten höhere Werte im Mitgefühl für andere und berichteten, mehr Mitgefühl von Mitschülern und Erwachsenen zu bekommen. Bei einem umfassenderen Maß für seelisches Wohlbefinden zeigten sich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede – Jungen und Mädchen lagen hier gleichauf. Die Forscher wiesen darauf hin, dass Mädchen trotz niedrigerer Selbsteinschätzungen bei den genannten Aspekten häufig bessere schulische Leistungen erbringen. Sie profitieren stärker davon, sich in der Schule unterstützt zu fühlen.



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