DER SPIEGEL: "Reichinneks Männerproblem"
1.
Linken-Frontfrau Heidi Reichinnek spricht vor allem junge Frauen in Städten an. Diese Strategie könnte ihrer Partei bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt zum Verhängnis werden.
Das war gestern Abend die Top-Meldung auf SPIEGEL-Online und steht dort immer noch weit oben. In dem Artikel heißt es:
Wann immer Heidi Reichinnek irgendwo auftritt, gilt die Fifty-fifty-Regel. Die Hälfte der Zeit wendet die Linken-Bundestagsfraktionschefin für ihre Rede auf, die andere für Selfies mit ihren Fans.
Ein Dienstag im Juli, mehr als 300 Menschen haben sich auf dem Holzmarkt der kleinen Stadt Köthen in Sachsen-Anhalt versammelt. Sie wollen Reichinnek und Eva von Angern hören, Spitzenkandidatin der Linken bei den Landtagswahlen am 6. September.
Eine Dreiviertelstunde lang reden die Frauen über häusliche Gewalt und Feminismus, über Sozialpolitik und Heimatverbundenheit. Dann kündigt die Moderatorin Zeit für Fotos an. Links der Bühne bildet sich rasch eine lange Schlange. Jüngere Frauen, ältere Damen, Teenagerinnen, sie alle wollen ein Foto mit Reichinnek.
Männer sind in der Schlange kaum auszumachen.
Als Reichinnek und andere Spitzenvertreterinnen der Linken damit begannen, auf TikTok und Instagram für ihre Politik zu werben, erlebte die Partei ein Comeback. Der Zuspruch kam zu einem großen Teil von jungen Frauen in Städten wie Berlin, Leipzig oder Köln. Bislang galt der weibliche Rückhalt als Erfolgsfaktor der Linken, doch jetzt könnte er ihr Probleme bereiten. Das Wachstum der Partei gerät dort an Grenzen, wo es kaum junge, urbane Milieus gibt, die links ticken. Will die Linke auch im ländlich geprägten Sachsen-Anhalt erfolgreich sein, braucht sie nicht nur die Stimmen von Wählerinnen, sondern auch die vieler Wähler.
Studien zeigen, dass das Geschlecht einen Einfluss auf das Stimmverhalten hat. Bei der vergangenen Bundestagswahl wählten in der Gruppe der unter 25-Jährigen 35 Prozent der Frauen die Linke, aber nur 16 Prozent der Männer. Für die AfD hingegen stimmten 27 Prozent der jungen Männer und 15 Prozent der jungen Frauen. In eher ländlich geprägten Bundesländern ist das Phänomen besonders ausgeprägt: Bei den diesjährigen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schnitt die AfD bei Männern deutlich besser ab als bei Frauen. Die extrem rechte Partei landete deutlich vor der Linken. Die schaffte am Ende nicht einmal den Sprung über die Fünfprozenthürde.
Was tut die Linke gegen ihre Schwäche bei Männern? Die Antwort erstaunt: nicht viel.
Die Partei plant für die anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin keine gezielte Ansprache von Männern. Im Karl-Liebknecht-Haus, der Berliner Parteizentrale, glauben die Strategen, dass der Kampf für Gleichberechtigung am Ende allen zugutekommt. Wenn sie bei der Linken über Feminismus reden, sind Männer mitgemeint.
Die AfD spricht Männer gezielt an. (…) Selbst die Grünen öffnen sich für ein, wie es in der Partei heißt, positives Bild von Männlichkeit, aus Sorge davor, mit ihrer Emanzipationsrhetorik Wähler zu verschrecken. Reichinnek aber, selbst in Sachsen-Anhalt geboren, denkt nicht daran, ihren Landtagswahlkampf auf Männer auszurichten. (…) "Lasst euch nicht von so einer Westmänner-Elitepartei verarschen", ruft Reichinnek, sie meint die AfD. Das Publikum johlt, es sind vor allem Frauen.
Ebenfalls bei SPIEGEL-Online findet sich das Angebot zu einer Debatte über die Frage "Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Fehlt der Linkspartei eine Ansprache für Männer?" Automatisch möchte man zurückfragen: Im Vergleich zu wem? KEINE Partei hat ernstzunehmende Angebote im Gepäck, die die Anliegen von Männern bedienen und sich an ihre Interessen richten. Die Grünen haben ein verquastes Manifest, zu dem sie selbst kaum stehen und jede Interviewanfrage inzwischen verweigern. Frauenministerin Karin Prien von der CDU sagt manchmal verdruckst, man müsste ja auch etwas für die Männer tun, aber konkret ist ihr Portfolio hier leer, und die Ministerin steht blank da. Wie bei anderen offenen Baustellen auch, scheinen die Politiker zu glauben, ständiges Händeringen über den wachsenden Erfolg der AfD scheint zu genügen. Hauptsache, das eigene Publikum johlt.
2. Die CDU-Vizevorsitzende Silvia Breher hätte gerne eine Frau statt einem Mann als Bundespräsidenten. Man brauche nämlich "eine Person, die empathisch ist, eine positive Ausstrahlung hat und Menschen tatsächlich erreichen kann." Diese Eigenschaften fände man nun mal vor allem bei Frauen.
3. Die Zahl der kinderlosen Männer ist deutlich gestiegen.
Besonders stieg (…) der Anteil an kinderlosen Männern zwischen 30 und 34. In dieser Altersspanne erhöhte er sich um fast 30 Prozentpunkte von 42 auf 69 Prozent. Bei den 35- bis 39-Jährigen stieg der Anteil um rund 30 Prozentpunkte von 22 auf 54 Prozent. Auch der Anteil an Männern mit einer festen Partnerin ist demnach gesunken. Dieser sank ebenfalls besonders im Alter von 35 bis 39 Jahren: 1986 waren noch 93 Prozent der Männer in dieser Altersgruppe in einer festen Partnerschaft. Laut einer vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden durchgeführten Studie waren es 2024 nur noch 79 Prozent.
Die Kommentare unter dieser Meldung sind deutlich. Gleich im ersten heißt es: "Der Mann trägt halt das größere Risiko finanziell und emotional. Die meisten Beziehungen halten ja nicht mehr. Heißt für die Männer: gezahlt wird weiterhin, beim Sorgerecht und Umgang mit dem Kind gibt's Trostpreise."
4. Collien Fernandes beklagt inzwischen einen Kontaktabbruch durch ihre Tochter. Dürfen wir bald mit einer SPIEGEL-Titelgeschichte über das Problem Eltern-Kind-Entfremdung rechnen?
5. Die Neue Zürcher Zeitung beschäftigt sich mit dem Frauenhass in der "chinesischen Manosphere". Herzlichen Glückwunsch zunächst einmal dafür, den tausendsten Artikel zur "bedrohlichen Manosphäre" gebaut UND dafür einen einigermaßen originellen Ansatz gefunden zu haben, statt ständig denselben Inhalt wiederzukäuen. Nur leider lässt der Beitrag inhaltlich zu wünschen übrig.
Sie sind zahlreich, und sie sind frustriert: akademisch gebildete Influencer aus China, die auf sozialen Netzwerken wie der Plattform Zhihu auf grosses Interesse stossen. Zum Beispiel Peng Huitang, der 50 000 Follower hat und regelmässig gegen moderne Frauen wettert: "Junge Frauen, die von feministischem Gedankengut einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, hassen Männer immer mehr. Das führt zu der Vorstellung, Männer würden Frauen von Geburt an etwas schulden."
Im Ernst? Die NZZ hält es für das drastischste Beispiel des beklagten "Frauenhasses", wenn der wachsende Männerhass vieler junger Frauen angesprochen wird? Schon von den ersten Zeilen an kann man nur den Kopf schütteln.
Ein anderer Influencer, bekannt unter dem Pseudonym Ying Yueyong, rief in einem Video auf der Plattform Bilibili, das vier Millionen Mal aufgerufen wurde, zum "Widerstand" auf: "Männer dürfen angesichts jahrelanger Schikane nicht länger schweigen." Dabei bedient er auch die unter solchen Akteuren populäre nationalistische Rhetorik: "Extremer Feminismus ist ein gemeinsames Instrument akademischer Cliquen und ausländischer Kräfte." Willkommen in der chinesischen Manosphere.
Von weiblicher Seite lese ich die exakt umgekehrte Rhetorik seit Jahrzehnten, und keineswegs nur in den radikalisiertesten "Femosphere"-Foren, sondern unzähligen Büchern und Artikeln. Dass die feministische Radikalisierung und Indoktrinierung vor allem im akademischen Milieu stattfindet, ist auch nicht gerade eine gewagte Verschwörungstheorie. Für die Neue Zürcher Zeitung scheint es schon unerträglich zu sein, wenn manche auf einen groben Klotz einen groben Keil setzen, wenn es also aus dem Walde herausschallt, wie man hineinruft.
Der digitale Zorn der chinesischen Männer ist nur der radikalste Ausdruck einer weitaus breiteren Frustration, die Millionen Männer im ganzen Land teilen – sowohl online als auch offline.
Gibt es solchen "digitalen Zorn" von Frauen, gelangt beispielsweise DIE ZEIT zu dem Fazit: "Vielleicht wäre es Zeit, ihnen aufmerksamer zuzuhören." Was von Frauen als Hilfeschrei wahrgenommen wird, erkennt man bei Männern als Bedrohung. Dabei plagen chinesische Männer offenbar ähnliche Sorgen wie westliche:
Zudem sind junge Frauen heute immer besser ausgebildet und übertreffen die Männer oft formal: 2024 stellten sie 51 Prozent der Studierenden an Hochschulen – 14 Prozentpunkte mehr als noch vor zwanzig Jahren.
Und so bedauerlich und ärgerlich ich persönlich das finde: Solange man nicht laut wird, ändert sich an solchen Entwicklungen nichts. Selbst die rein verbalen Bekundungen Karin Priens gäbe es nicht, wenn sich eine Männerbewegung nicht immer wieder deutlich zu Wort gemeldet und darauf hingewiesen hätte, dass die männliche Hälfte der Bevölkerung auch wahlberechtigt ist.
Auch in anderer Hinsicht spiegelt sich die hiesige Situation in China:
Während urbane Chinesinnen also die Last traditioneller Rollen ablegen konnten, wird von Männern erwartet, dass sie ihre alten Verpflichtungen weiterhin erfüllen. Wer heiraten will, muss meist eine Eigentumswohnung vorweisen. Zudem fordern viele Brautfamilien ein beträchtliches "Brautgeld".
Lan Zhaoxia, eine Partnervermittlerin aus Langfang nahe Peking, bestätigt, dass der demografische Wandel den Heiratsmarkt aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Sie führt Datenbanken junger Singles, in denen auch die finanzielle Situation der Eltern erfasst wird. Männliche Migranten aus ländlichen Regionen nimmt sie mittlerweile gar nicht mehr als Kunden an – die Chancen stehen schlicht zu schlecht. "Da alle Mädchen aus den Dörfern die Schule besucht haben, gibt es auf dem Land heute mehr durchschnittliche Männer, in den Städten hingegen mehr herausragende Frauen", erklärt sie.
(…) Die Debatten über Chinas Manosphere drehen sich stark um wirtschaftliche Fragen. Ärmere Männer (…) stehen unter immensem finanziellem Druck. Online nutzen sie den Begriff baojinbi ("Goldmünzen explodieren lassen"), um Frauen zu beschreiben, die sie durch Forderungen nach teuren Dates, Geschenken und Brautgeldern finanziell ausbluten lassen.
Eine Studie der Universitäten von Nankai und Peking zeigt, dass rund ein Drittel der jungen männlichen Arbeitsmigranten mit Heiratswunsch ihre Chancen, bis zum 30. Lebensjahr eine Frau zu finden, auf bestenfalls 50 Prozent schätzt. Laut der Untersuchung müsste beispielsweise ein junger Wanderarbeiter sechs Jahre lang jeden Cent sparen, um das durchschnittliche Brautgeld von 127.300 Yuan (gut 15.000 Franken) aufzubringen.
Inzwischen befürchtet allerdings die Führung in Peking, dass der sich verschärfende Geschlechterkonflikt den Nährboden für breitere soziale Instabilität bereiten könnte. Die Behörden versuchen nun, den Ursachen des männlichen Zorns entgegenzuwirken, etwa durch Kampagnen gegen die Praxis der Brautgelder. Vor allem die einbrechenden Heirats- und Geburtenraten bereiten der Staatsführung Sorgen. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden in China nur 1,7 Millionen Ehen registriert – halb so viele wie im Vergleichszeitraum 2017.
Schau einer an. Sobald Männer das tun, worüber die Redaktionen in Wehklagen verfallen, kommen Politiker auch in China allmählich in die Pötte. Die Neue Zürcher Zeitung ärgert sich darüber:
In einem Land mit rigoroser Internetzensur wird Misogynie selten stummgeschaltet.
Zuletzt schließt der Artikel mit unverhohlener Genugtuung: Während all das geschieht, boomen in den chinesischen Städten Angebote für Single-Frauen wie Shows mit oben ohne auftretenden Tänzern.
Genderama existiert seit über 20 Jahren – unabhängig und ausschließlich finanziert durch Menschen wie dich. Wenn du meine Arbeit unterstützen und sicherstellen möchtest, dass es Genderama weiterhin gibt, freue ich mich über eine Überweisung auf mein Konto bei der Nassauischen Sparkasse, IBAN: DE43510500150393039906, oder an PayPal über den Spendenbutton auf der Blogroll rechts. Ganz herzlichen Dank euch allen!
<< Home