Ukraine: Tausende Frauen demonstrieren für Gleichberechtigung im Militär
1. Der Weltfrauenkampftag am 8. März fand natürlich auch in der Ukraine statt. Ein Auszug aus einem ausführlichen Artikel darüber:
Eine Analyse des Atlantic Council stellt fest, dass ukrainische Soldatinnen trotz rechtlicher Gleichstellung weiterhin ungleichen Zugang zu Ausbildung und Beförderungen haben. Vielen fehlt passende Ausrüstung und Schutzkleidung. Häufig gibt es keine getrennten Unterkünfte, Duschen oder gynäkologische Versorgung. Mechanismen zur Prävention und Ahndung von Fehlverhalten werden nur unzureichend umgesetzt.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß: Frauen stellen inzwischen 21 % aller Offiziere im Militär – gegenüber 4 % im Jahr 2023. Jede fünfte Person, die sich in Rekrutierungszentren bewirbt, ist weiblich. Die Demonstrierenden verlangen, dass der Staat diesen Beitrag auch mit realem Schutz beantwortet.
Die dritte Forderung des Marsches betrifft ukrainische Frauen in russischer Gefangenschaft. Im Februar 2026 hielt Russland laut Präsident Selenskyj rund 7.000 Ukrainer gefangen, darunter auch Zivilisten. Wie viele Frauen darunter sind, ist unklar, weil Moskau dem Roten Kreuz keinen Zugang gewährt.
Ehemalige Kriegsgefangene berichteten von Hunger, Schlägen, dem Entkleiden vor männlichen Wachen und Zwang, vor der Kamera anti-ukrainische Aussagen aufzunehmen. Die Sanitäterin Olha Schapowalowa, die in Mariupol gefangen genommen wurde, berichtete von drei Strafkolonien, in denen für geringfügige Verstöße Elektroschocks drohten und 15 Frauen sich zwei Bänke zum Schlafen teilen mussten.
Der jüngste Gefangenenaustausch "500 gegen 500" am 5. und 6. März, vermittelt in Genf, brachte innerhalb von zwei Tagen 500 Ukrainer nach Hause. Doch das Tempo solcher Austausche hängt davon ab, wie viele russische Gefangene die Ukraine als Gegenleistung anbieten kann. Die Demonstrierenden fordern daher, dass Staat und internationale Gemeinschaft alles tun, um jede ukrainische Frau zu befreien und ihr nach der Freilassung umfassende Unterstützung zu bieten.
(…) Jahrzehntelang bedeutete der 8. März in der Ukraine Blumen, Schokolade und Komplimente – ein Ritual sowjetischer Prägung, das die Sowjetunion überdauerte. Eine Umfrage der Rating Group ergab in diesem Jahr, dass 52 % der Ukrainer den Tag gar nicht mehr begehen – 2021 waren es noch 68 %, die ihn feierten. Der Feiertag entfernte sich über Jahre von seiner ursprünglichen Bedeutung, und der Krieg hat diese Entwicklung abgeschlossen.
Die Realität des Lebens von Frauen im ukrainischen Kriegsalltag erklärt, warum 3.000 von ihnen sich für einen Marsch statt für einen Blumenstrauß entschieden.
Das UNHCR registrierte im Februar 2026 rund 5,9 Millionen ukrainische Flüchtlinge im Ausland – etwa drei Viertel davon Frauen und Kinder, da Männer im wehrfähigen Alter unter dem Kriegsrecht das Land nicht verlassen dürfen.
Diejenigen, die geblieben sind, tragen eine doppelte Last. Während ihre Männer mobilisiert sind, ziehen viele Frauen allein Kinder groß und kümmern sich um ältere Angehörige – oft in Städten, deren Heiz- und Strominfrastruktur durch russische Angriffe systematisch zerstört wurde. Viele Kindergärten und Schulen arbeiten unregelmäßig oder gar nicht, weil Beschuss oder Strom- und Heizungsausfälle den Betrieb unmöglich machen. Wenn verwundete Ehemänner nach Hause kommen, müssen ihre Frauen ein Rehabilitationssystem bewältigen, das kaum existiert – zwischen überlasteten Militärkrankenhäusern und ehrenamtlichen Hilfsprogrammen.
(…) Die Organisationen hinter dem Protest – die Koalition "Women’s March", Sotsialnyi Rukh und Veteranka – stellten den 8. März deshalb wieder in den ursprünglichen Kontext: als Tag des politischen Kampfes für Frauenrechte. Nicht als Feier. Nicht als Feiertag. Sondern als Forderung an den Staat, die Frauen wahrzunehmen, die das Land zusammenhalten – und ihre rechtlichen Schutzmechanismen nicht in einem 832-seitigen Dokument umzuschreiben, das außerhalb des Parlaments niemand zu lesen gebeten wurde.
Auch ich wünsche mir: Hoffentlich werden die Frauen und Männer der Ukraine so bald wie möglich vollkommen gleichgestellt, was ihre Rechte angeht. Dass ein Geschlecht "die doppelte Last" trägt, kann so nicht weitergehen.
2. Die BBC berichtet über die aktuelle Mobilmachung in Kroatien:
Hunderte kroatischer Teenager haben sich zum Wehrdienst gemeldet – zum ersten Mal seit die Wehrpflicht 2008 abgeschafft wurde.
Die Ausbildung findet in Kasernen an drei Standorten in Kroatien statt, wobei die Rekruten sich in der Einrichtung melden sollen, die ihrem Wohnort am nächsten liegt. Dort erhalten sie ihre Ausrüstung und werden ihren Schlafsälen zugewiesen. In den nächsten zwei Monaten müssen sie sich der militärischen Disziplin unterwerfen.
"Sie wurden nun aus ihrem zivilen Umfeld herausgerissen", sagte Tihomir Kundid, Generalstabschef der kroatischen Streitkräfte. Für den Fall, dass dies etwas brutal klingt, versicherte der General den besorgten Eltern schnell, dass ihre Sprösslinge mit Sorgfalt behandelt würden. "Wir werden sie Schritt für Schritt akklimatisieren, damit sie nicht zu viel Stress erleben", fügte er hinzu. Viele der Rekruten werden auch erleichtert sein zu hören, dass es "keine besonderen Einschränkungen" für Mobiltelefone gibt, abgesehen von einem Verbot ihrer Nutzung während der Ausbildung.
Rund 800 Personen gehören zur ersten Gruppe von Wehrpflichtigen. Bemerkenswert ist, dass mehr als die Hälfte von ihnen nicht auf ihre Einberufungsbescheide gewartet hat, sondern sich freiwillig zum Dienst gemeldet hat. Jeder Zehnte ist eine Frau, die nicht wehrpflichtig ist.
3. Auch aus Deutschland gibt es noch einen Nachtrag zum 8. März zu melden. Die Berliner B.Z. berichtet:
Eine Gruppe Feministinnen ist am Weltfrauentag durch den U-Bahnhof Blissestraße getobt und hat die Wände großflächig mit männer-diskriminierenden Parolen beschmiert.
(…) Von den Überwachungskameras ließen sich die Schmierer offensichtlich nicht abschrecken – vermutlich waren sie vermummt. Die Videos sicherte die Polizei und wertet sie nun aus.
(…) "Aufgrund des Inhalts der Farbschmierereien hat der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen", sagt ein Polizeisprecher.
4. Und noch ein Nachtrag: Die "taz" hatte zum Weltfrauentag ihre männlichen Mitarbeiter zu ihrem Verhältnis zum Feminismus befragt. Eine der Fragen lautete, ob sie sich mitunter selbst sexistisch angegriffen fühlten. Zwei anonymisiert veröffentlichte Antworten:
Mann 1: Ich ärgere mich manchmal über unsere Berichterstattung. Es gab mal diesen Fall von einem Vater, der bis zum Bundesgerichtshof klagen musste, damit er sein Kind betreuen darf. Das wurde bei uns nicht groß berichtet. Da fühle ich mich dann selber angegriffen, als Vater, auch als getrennter Vater. Die sind in unserer Berichterstattung schnell in dieser Ecke: übergriffig, gewalttätig, zahlen den Unterhalt nicht. Auch das Wort Väterrechtler ist bei uns so ein negativer Begriff. Dabei geht es doch um Väter, die für ihre Rechte kämpfen wollen. Das ist eigentlich positiv. So wie Menschenrechtler.
Mann 8: Ja gut, da gibt es aber schon auch begründete Kritik. Was mir noch einfällt: Bei der letzten Dunkelfeldstudie zu Gewalt in Beziehungen kam heraus, dass erstaunlich häufig auch Männer Opfer von Gewalt werden. Da wurde viel diskutiert in der Redaktion, und es ging schnell um schwule Beziehungen. Aber dass Männer auch Opfer ihrer Partnerinnen werden können und dass das vielleicht ein wenig beachtetes Phänomen ist, ist nicht so auf Resonanz gestoßen. Was ich sagen will: Ich wünsche mir manchmal eine Offenheit dafür, dass es auch Männer und Jungs wegen ihres Geschlechts nicht leicht haben können, ohne dass das relativieren soll, dass Frauen ungleich stärker von Gewalt und Ungleichheit betroffen sind.
5. Am Freitag habe ich hier einen Beitrag des SPIEGEL verlinkt, dem zufolge die Grünen aufgrund einer "Studie der TU Berlin" Kritik am Feminismus für verfassungsfeindlich erklären und Sanktionen durchsetzen möchten. Verlinkt hatten die Verfasserinnen des Artikels, Juliane Löffler und Ann-Katrin Müller, die "Studie" bezeichnenderweise nicht – sie läge ihnen aber exlusiv vor, hieß es in dem Artikel. Das Magazin "Tichys Einblick" hat ein wenig nachgeforscht und stieß dabei auf eine Reihe bemerkenswerter Ungereimtheiten, was dazu führte, dass der SPIEGEL seinen Artikel korrigieren musste.
6. Die Frankfurter Allgemeine beschäftigt sich sich in einem aktuellen Artikel mit Sexismus gegen Väter.
7. Eine Australierin, die zehn Männer als Vergewaltiger verleumdete, wurde zu viereinhalb Jahren Knast verurteilt. Ihre Opfer hatten nach den Falschbeschuldigungen ihren Arbeitsplatz oder ihren Partner verloren, waren von Familie und Freunden verstoßen worden oder litten unter psychischen Problemen.
8. Eine 24jährige Britin, die Männern online intime Fotos gegen Geld geschickt und sie anschließend erpresst hatte, indem sie vorgab, 15 Jahre alt zu sein, wird von einer Haftstrafe verschont.
9. Das neueste Indiz für "toxische Männlichkeit": Man mag Fleisch als Belag auf seiner Pizza.
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